Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Trinitatis 04

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Trinitatis 03 Wilhelm Löhe
Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
Register der Sommer-Postille
Trinitatis 05 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|

Am vierten Sonntage nach Trinitatis.

Evang. Luc. 6, 36–42.
36. Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr auch nicht verdammet. Vergebet, so wird euch vergeben. 38. Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüßig Maß wird man in euren Schooß geben; denn eben mit dem Maß, da ihr mit meßet, wird man euch wieder meßen. 39. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Mag auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40. Der Jünger ist nicht über seinen Meister; wenn der Jünger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen. 41. Was siehest du aber einen Splitter in deines Bruders Auge und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewar? 42. Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: „Halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen“: und du siehest selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, ziehe zuvor den Balken aus deinem Auge; und besiehe dann, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest.

 ES ist so viel Elend in der Welt, liebe Brüder; man kann es nicht wägen noch zählen, es gleicht dem unermeßlichen Ocean mit seiner Tiefe und der zahllosen Menge seiner Tropfen. Der HErr hat dem| Menschen das Auge dafür getrübt und dagegen einen unüberwindlichen Freudenton und eine unbesiegliche Hoffnung in die Seele gegeben; sonst wäre nicht abzusehen, wie man auch nur Eine vergnügte Stunde unter der Sonne haben könnte. So groß aber das Elend ist, die Sünde ist doch noch viel größer. Sie scheint kleiner, wie immer ein Quell kleiner erscheint, als der Fluß oder See, welcher aus ihm kommt; aber wie denn doch Flüße und Seen aus kleinen Quellen zusammenfließen, so ist das unermeßliche Elend der Welt auch nur ein Aus- und Zusammenfluß der Sünde. Sähe man alle Sünde und alles Elend zusammen, wo sollte man dann hinfliehen? Wer sollte uns dann trösten? Jeder müßte vor sich selbst, jeder vor allen andern erschrecken: ein Verzagen würde uns ergreifen und unser Herz, das Freude hofft und sucht, würde sich in die Verzweiflung dahingeben. Zu unserm Glücke hat der HErr uns auch über unsre Sünde einen Schleier geworfen und offenbart hier auf Erden von derselben einem jeden nur so viel, als ihm gut und nöthig ist zur Buße, − an den Brüdern aber nur so viel, als hinreicht, uns die Uebung jener Liebe darzubieten, welche am Bruder weder durch sein Elend irre wird, noch durch seine Sünde, welche mit dem guten Hirten lieb hat, so lange es sein kann, nemlich bis der Tod Leib und Seele des Bruders von hinnen nimmt. Liebe dieser Art, barmherzige, unermüdliche Christenliebe kennt und hat die Welt nicht; aber alle, die Christo angehören, sollen sie in der Schule ihres HErrn lernen und üben und groß darin werden, und sie ist es auch, von welcher unser heutiges Evangelium handelt. Der Grundton dieses Evangeliums sind die Anfangsworte desselben: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist!“ Barmherzige Nächstenliebe predigt jedes Wort, wie wir das ohne Zweifel durch den ganzen nachfolgenden Vortrag werden bestätigt finden.

 Liebe ist in ihrer Erweisung mancherlei − Freundlichkeit, Leutseligkeit, Sanftmuth, Geduld, Beständigkeit und noch viel mehr. Eine Erweisung der Liebe ist auch die Gnade und nahe verwandt mit dieser ist die Barmherzigkeit. Gnade ist Liebe zu den Unwürdigen und Sündern, Barmherzigkeit ist Liebe zu den Elenden. Ob man im eigentlichen Sinne einen Menschen, sei es auch der höchstgestellte, Gnade zuschreiben dürfe, muß bezweifelt werden, da der ohne Sünde sein müßte, der sich in gnädiger Liebe zu sündigen Brüdern neigen sollte. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß ein Mensch gegen seinen Mitmenschen barmherzig sein kann. Denn es schließt nicht einmal das eigene Elend und deßen Gefühl barmherzige Hinneigung zu fremdem Elend aus, sondern aus eigenen Leiden lernt man gerade Mitleid und Erbarmen. Dazu kommt noch, daß es Zeiten gibt, wo den Menschen sein eignes Elend nicht drückt, wo er sich frei und glücklich fühlt. Und in solchen Zeiten soll der Dank für das eigene Glück desto mehr zum Erbarmen treiben.

 Liebevolles Erbarmen erweist sich hinwiederum auf mancherlei Art, nach unserm Evangelium insonderheit vierfach, nemlich im Nicht-richten, im Nicht-verdammen, im Vergeben und im Geben. Wenn wir uns nun anschicken, diese vierfache Uebung barmherziger Liebe genauer zu betrachten, so wollen wir uns vornherein nicht verhehlen, daß die Barmherzigkeit Gottes selbst ihre Grenzen hat, also auch die unsrige, da wir barmherzig sein sollen, wie unser Vater im Himmel. Hat aber die Barmherzigkeit selbst ihre Grenzen, so kann man auch den zwei Verboten des Nichtrichtens und Nichtverdammens und den beiden Geboten des Vergebens und Gebens kein schrankenloses Gebiet zugestehen. Der größte Theil des Verständnisses dieser vier Befehle des HErrn hängt von der richtigen Erkenntnis ihrer Grenzen ab, und sie haben das überhaupt mit den Befehlen der Bergpredigt gemein, welche tausenderlei Verwirrung und Anstoß denjenigen bietet, die nicht auf Sinn und Absicht des allerheiligsten Predigers, nicht auf harmonische Begrenzung und auf Zusammenklang der einzelnen Aussprüche sehen, sondern aus jedem Spruche die ganze Bibel machen und über dem oder jenem die ganze Bibel vergeßen wollen.

 Der HErr spricht: „Richtet nicht!“ und so gibt es also ein verbotenes Richten. Er spricht aber auch: „Richtet ein rechtes Gericht“; und darum gibt es auch nicht bloß ein rechtes, ein unsträfliches, sondern sogar ein gebotenes Richten. Wenn uns die Weisung gegeben wird: „Prüfet alles und das Gute behaltet!“ und der Art Befehle zu prüfen in der heiligen Schrift neuen Testamentes ein ganzer Haufe sind; so können wir diesen Befehlen ohne Vergleichen und Unterscheiden gar nicht nachleben. Vergleichen und unterscheiden wir aber, scheiden wir vom Bösen das Gute, vom Guten das Böse, so richten wir. Denn| richten ist nichts anders als das Gute von dem Bösen scheiden und ein gerechtes Urtheil gewinnen und geben. Der Richter von Beruf, der Seelsorger, der Erzieher, der wachsame Freund, − der Mensch, der seiner eigenen Seele Heil in Obacht nimmt und drum die Geister prüft und auf diesem Wege geübte Sinne und Fertigkeit erlangt: sie müßen richten und sollen es auch, so sie es nur wohl thun. Man soll richten, wo man richten kann, wo das Auge Gutes und Böses unterscheiden, wo man am Lichte des göttlichen Wortes ein sicheres Urtheil gewinnen kann. Offenbare Sünden sind nicht zu verschweigen, nicht zu bemänteln; wo Gottes Wort lobt oder schilt, ist leicht einzusehen, was wir zu thun und nachzusagen haben. Wo aber die Sache nicht klar vorliegt, wo ein Urtheil nicht gewonnen werden kann, da muß selbst der Richter von Beruf sich das „Richtet nicht“ gesagt sein laßen, wie viel mehr der Mann, dem es für Leben und Wirken etwa nicht einmal einen Nutzen bringen kann, in dem oder jenem Falle ein Urtheil zu gewinnen. Wo Dunkel über die Sache verbreitet ist und der Beruf in keiner Weise treibt, Licht zu suchen, wo allein der Fürwitz und die Schadenfreude ihre Befriedigung verlangen, da sei man tapfer gegen das Fragen und Forschen der eigenen Seele und freue sich, barmherzig sein, „entschuldigen, Gutes reden, alles zum Besten kehren“ zu dürfen; man freue sich, daß in solchen Fällen die Barmherzigkeit kein rauheres Gewand anziehen muß, wie das wohl auch sein könnte.

 Gerade so ist es mit dem Verdammen, welches ja nichts anders ist, als das üble Ende des bösen Anfangs, welcher im bösen Richten liegt, nichts anders als eine arge Frucht der bösen Lust, die da gerne richtet. Was und wo Gott verdammt, müßen auch wir verdammen; wo aber nicht klar ist, daß Gott verdammt, da tritt die Barmherzigkeit in Zurückhaltung des Verdammungsurtheils auf. So falsch es ist, an einem Menschen nichts Böses zugeben zu wollen; so falsch und obendrein unbarmherzig ist es, einen Menschen um einzelner Sünden willen, deren Zusammenhang mit seinem ganzen Leben und also deren Größe und Wichtigkeit man vielleicht nicht einmal einzusehen vermag, deren Grad und Maß man gar nicht kennt, verdammen, ihm Aufrichtigkeit, christliche Gesinnung und Gottes Geist absprechen zu wollen. Christen verdammen nicht gerne und freuen sich jedes Falles, in welchem das Wort „Verdammet nicht“ Raum und Statt haben kann. Sie begleiten jedes Urtheil der Verdammnis, das sie Gotte nachsprechen müßen, mit Klage und Thränen und wünschen sich sehnlich, der Fälle überhoben zu werden, wo es die Barmherzigkeit verlangt, ein verdammendes Urtheil kund zu machen. Denn der Art Fälle gibt es, und es ist nicht so selten, daß man, das ewige Heil, die Rettung des Bruders im Auge, ihm den augenblicklichen, tiefen Schmerz bereiten muß, zu hören, daß sein Thun verdammlich sei. Da gibts ein Weinen mit den Weinenden, das Gott wohlgefällt und das Er segnet.

 Nicht minder wichtig ist es, für Vergeben und Geben die Grenze und sichere Bahn zu ziehen.

 Es ist eine eigene Sache mit dem menschlichen Vergeben. Wenn ich meinem Beleidiger vergeben habe, so ist damit seine Sünde nicht von ihm genommen. Alles menschliche Vergeben ist nur ein Zeugnis eines versöhnlichen Herzens, hat aber vor Gottes Thron und für Sein Urtheil keine Wirkung. Es kann sich keiner einbilden, daß er, wenn er ihm geschehene Unbilden vergibt, an Gottes Stelle sitze. Gott muß vergeben, dann ist vergeben, und wenn Er durch Seine Knechte dem Bußfertigen Absolution verleiht, dann soll sich alles mit Ihm vereinigen; alle Menschen sollen vergeben, wenn Gott vergibt. Weh dem, der dem Reumüthigen nicht vergibt, der nicht darauf achtet, wenn Gott spricht: „Vergebet“, wenn also der Allerhöchste selbst den Vorgang macht. Aber auch umgekehrt: so gewis es ist, daß ein Christ in eigenen Sachen gelind sein, sich durch Beleidigungen, auch durch offenbar bösen Willen nicht in der Liebe stören laßen, selbst da mehr das Elend als die Sünde ansehen soll; so gewis ist es auch, daß wahre Barmherzigkeit oft die Vergebung zurückhalten muß, daß oft ein zur Vergebung lustiges Herz das sanfte Wort ins Herz verschließen, neben brünstiger Fürbitte aber ernste, gestrenge Rede führen und alles anwenden muß, einen hartnäckigen Sünder mit Macht zur Buße zu treiben und ihn an die Stufen des Altares zu bringen, von welchem Friede und Vergebung kommt. Vergebende Barmherzigkeit und Weisheit gehe zusammen, und je nach der Führung der Weisheit ermuthige sich das milde Herz, Sünde − nach des HErrn Vorgang − auch seiner Seits zu vergeben oder zu behalten.

 Gleicher Maßen kann das Geben im Dienste| der Barmherzigkeit, aber auch im Dienste weichlichen, im Grunde unbarmherzigen Leichtsinns stehen. Wie mancher gibt schnell und eilend, um nur schnell den Anblick des Elends von seinem Auge wegzuschaffen, weil es sein eigenes, fleischliches Wohlbefinden stört! Was für einen Theil hat da die Gabe an der Barmherzigkeit und an der Liebe, welche nicht das Ihre sucht, sondern das, was des andern ist? Und doch ist alles Geben ohne Liebe, ohn Erbarmen, ohne Hinsicht auf des Nächsten wahres, ewiges Heil nur Schellenton und eitle Stoppeln, welche das Auge des richtenden Gottes verzehrt. Gewähren und Versagen, Zuwenden und Entziehen, − beides kann und soll barmherzig sein, und Barmherzigkeit muß Herz und Zunge und Hand und unsern ganzen Wandel regieren, wenn wir anders diesem Evangelium nachleben wollen.

 Mit alle dem ist nun freilich der Behauptung Nachdruck gegeben, daß die vier besondern Ermahnungen unseres Textes ganz im Dienste der Barmherzigkeit stehen; aber eine Ermunterung, den Ermahnungen zu gehorchen, liegt darin nicht. Diese Ermunterung können wir jedoch finden, wenn wir eine andere Stelle unsers Textes erwägen, durch welche dem Gehorsam und Ungehorsam gegen die Ermahnungen des Herrn die gerechte Vergeltung verheißen und angedroht wird. „Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüßig Maß wird man in euern Schooß geben. Denn eben mit dem Maß, da ihr mit meßet, wird man euch wieder meßen.“ So spricht der HErr im Texte, und niemand wird in diesen Worten eine offenbare Verheißung und eine darein eingehüllte Drohung verkennen.

 Zwar arbeitet die Liebe nicht um Lohn und Dank. Sie stammt von Demjenigen, welcher alle Tage so Undankbare wie Dankbare mit der Fülle Seiner Wohlthaten überschüttet. So sieht auch sie das allgemeine Elend in der Welt gleichwie ihr Vater an und freut sich, durch erbarmendes, schonendes, helfendes Benehmen, so viel an ihr liegt, einen anspruchlosen Beitrag zur Milderung zu thun. Doch aber ist die Liebe in unserer Brust nicht bloß göttlich, sondern auch menschlich, und es wandelt sie deshalb, wie jede andere Menschentugend, Schwachheit, Lauheit und Ermatten an; sie bedarf zu Zeiten der Ermunterung, um nicht zu sagen, sie bedarf dieselbe allezeit. Darum hat auch der HErr, der uns kennet, Seinen Worten und Geboten so fleißig Verheißungen und Drohungen eingewebt und will, daß Seine Diener beide Seinem Volke vorhalten und in ihrer Wahrheit und Größe zeigen. Da erschreckt dann die Drohung den Trägen und treibt ihn vom Faulbette der Sünde, und die schöne Krone der Verheißung lockt und zieht auch den Fleißigen an. So ist es auch hier, meine Brüder. Daß uns mit gleichem, aber vollerem, gerütteltem und geschütteltem Maße vergolten werden soll, ist gewis in keiner andern Absicht beigesetzt, als unsern Eifer zu reizen. Schämt sich der HErr nicht, uns mit Drohungen zu schrecken und mit Verheißungen zu locken; so brauchen wir armen Sünder uns desto weniger zu schämen, wenn wir uns schrecken, locken und ziehen laßen. Die solcher „Gnadenmittel“ Gottes glauben entbehren und aus Kraft einwohnender Liebe den rechten Pfad wandeln zu können, kennen sich nicht; und die es für gemein halten, nach Kronen verheißenen Lohnes zu ringen und vor dem Feuer gedrohter Strafen zu fliehen, mögen zusehen, daß sie nicht eines andern überwiesen werden, daß sie nicht, wie es den Hochmüthigen oft geschieht, aus erträumten Höhen in gemeinen, tiefen Koth der Eigenliebe herunterstürzen.

 Was nun die besondere Verheißung unseres Textes anlangt: „Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüßig Maß wird man in euern Schooß geben“; so deuten die Worte „man wird geben“ oder „sie werden geben“ auf eine Vergeltung durch Menschen hin. Der HErr will den Barmherzigen durch Menschen Barmherzigkeit widerfahren laßen und ein unbarmherziges Gericht soll die Unbarmherzigen durch Menschen treffen. Verheißung und Drohung des HErrn weisen uns also nicht zunächst ans Ende der Tage hin und in die Ewigkeit hinein, sondern in die Geschichte und in die Erfahrung des täglichen Lebens. Da müßen wir aber freilich gestehen, daß wir, so fest Gottes Worte stehen, dennoch nicht mit gleicher Gewisheit und Sicherheit ihrer Erfüllung im Leben folgen können. Wir sehen nicht allewege die Erfüllung der göttlichen Gerichte, sondern warten des Tages, der alles klar macht. Manches und vieles offenbart der HErr Seinen Knechten, die Fülle Seiner Offenbarung liegt aber doch am Ende.

 Am leichtesten ist es, in der Geschichte und im täglichen Leben die Beweise dafür zu finden, daß der| Richtende und Verdammende auch wieder Gericht und Verdammungsurtheil, der nicht gerne richtet und das verdammende Urtheil verzieht, auch wieder Schonung bei seinem Nebenmenschen findet. Namentlich antwortet dem gerügten Fehler des Richtens und Verdammens sichere Vergeltung. Welcher Mensch, der seine Zunge zu Gericht und Verdammung seiner Brüder gemisbraucht hätte, wäre ungerichtet und unverdammt geblieben? Schon seltener ist der Beweis für die gerechte Wiedervergeltung derer, die nicht richten und verdammen, und noch weit seltener dürfte es sein, daß die Menschen Gottes Verheißung für die Vergebenden und Gebenden vollziehen. Zur Rache alles Bösen findet der HErr Hände und Werkzeuge genug unter den Frommen und Gottlosen; wer aber leiht Ihm gerne seine Hand, wenn Er den milden Herzen und Händen, die gerne vergaben und gaben, ein Gleiches thun will? Da müßen Ihm oftmals die Raben dienen, weil die Menschen ermangeln. Doch dürfen wir auch nicht allzutraurig sein. Der HErr hat allezeit und vieler Orten auch noch Diener und Dienerinnen, die gerne Seine Worte wahr machen und mit Freude und Anbetung zu Seinen Verheißungen die Erfüllung bringen. Und Er Selbst leitet viele Fromme und viele Gottlose also, daß sie zwar nicht wißen, was sie thun, daß aber doch geöffneten Augen hell und klar erscheinet, sie seien Werkzeuge in der Hand des HErrn, zu erfüllen alles, was Sein Mund gesagt hat. Wenn am Ende der Tage die Sichtung angestellt werden wird, so wird sichs zeigen, daß kein versöhnlich Herz sein zweites, in Gottes Namen antwortendes, gleichfalls versöhnliches Herz, kein mildes Wort sein Echo, kein Becher kalten Waßers, in des HErrn Namen gegeben den Becher entbehrt hat, der Bescheid that. Es geht eine Gerechtigkeit durchs Leben, die, wenn sie sich sehen läßt, majestätisch erscheint und auf die Kniee wirft, aber öfter geahnt, als gesehen wird, und noch öfter ungeahnt und unerkannt Thaten verrichtet, aus denen am jüngsten Tage Gottes Walten von allen Menschenkindern gerechtfertigt werden wird. Laßt uns mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten: es werden am Ende alle mit der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes zufrieden sein, und wenn kein Mensch vergolten haben würde, so wird doch Einer vergelten, und der vollkommen, der Vater nemlich, der ins Verborgene sieht.
 Da uns der HErr so sehr zur Ausübung der Barmherzigkeit lockt, so ist es zu verwundern, daß sich so wenig guter Wille dazu findet und so wenig Treue im schönen Werke. Und zwar finden wir, daß von den vier in unserm Texte genannten Aeußerungen barmherziger Liebe gerade die zwei leichteren „nicht richten, nicht verdammen“ verhältnismäßig sich am seltensten finden. Man sollte denken, Richten, Verdammen führe so gar keine Lust und Befriedigung mit sich, habe im Gegentheil so viel Pein bei sich und so viele üble Folgen hinter sich, daß sich ihrer jedermann gern entwöhnen würde. Aber das ist so gar nicht der Fall, im Gegentheil ist im Menschenherzen eine solche Lust zu richten und zu verdammen, daß immer einer am andern dieser Fehler schuldig wird. Daher kehrt auch der HErr im Texte noch einmal zu diesem abscheulichen Paare von Lüsten und Gebrechen zurück und straft sie in uns durch die beiden Gleichnisse vom Blinden, der andern Blinden die Stege zeigen wollte, und vom Splitter und Balken. − Es darf uns wohl auffallen, theure Brüder, daß der HErr so vielen Ernst und Fleiß auf Ertödtung des Richtens und Verdammens in uns wendet, und wir dürfen uns wohl besinnen, ob nicht auch uns zum Heil sein treuer Ernst und Fleiß gemeint ist. Laßet mich einige Worte, die aus dem Texte ihren Ursprung nahmen, davon sprechen! − Nichts ist gemeiner, als daß einer sich über den andern zu stehen dünkt, einer den andern belehren und zurechtweisen, führen und leiten will. Diese hofmeisternde, unerträgliche, geschwätzige Weisheit, die sich wie Liebe und Barmherzigkeit geberdet und einmal um das andere mal ihr Wohlmeinen und ihren treuen Willen rühmt, ist in der That nichts anders, als eine der häßlichsten Formen und Gestaltungen des Richtens und Verdammens. Ihr gegenüber steht strafend das Gleichnis vom blinden Wegweiser, der im besten Fall allein in die Grube stürzt, wenn er aber Leute findet, die blind wie er, sein blindes Auge nicht erkennen, andere mit sich hinunterreißt in sein Verderben und dann zum Lohne weiter nichts hat, als daß er für eigenes und fremdes Wehe immerwährende Verantwortung trägt. Solche Menschen, mögen sie gleich oft richtig den oder jenen Splitter im Auge des Bruders erkennen, sind doch selbst blind, weil sie da nicht sehen wo sehen am nöthigsten ist, nemlich wenn es gilt, sich selbst zu schätzen. Sähen sie, so würden sie eben das, was ihnen| so wohl gefällt, was ihnen zur andern Natur geworden ist, dieß Richten, dieß Hofmeistern, dieß Gernelehren als einen mächtigen Balken im eigenen Auge erkennen, der ihnen gefährlich und zugleich das bedeutendste Hindernis ist, im Segen zu wirken, was sie gerne wirken möchten. Bei wem das Lehren Leidenschaft ist, der ist zum Lehren verdorben! Schade, Spott und Hohn wartet seiner; die dem Lehrer nöthige Ruhe fehlt bei allem vorhandenen Eifer allzusehr, als daß man Gedeihen hoffen und Zutrauen gewinnen könnte. „Lieben Brüder, warnt der heilige Jakobus, unterwinde sich nicht jedermann, Lehrer zu sein, und wißet, daß wir desto mehr Urtheil empfahen werden.“ Und St. Paulus macht das heilige Amt der Bischöfe oder Aeltesten so sehr von der fortschreitenden Vollendung der Bischöfe und Aeltesten selbst abhängig, daß man es wohl schon darum ein „köstliches“ Werk nennen könnte, weil es so viel kostet, so theuer und hoch zu stehen kommt. Man sollte sich hüten, unberufen zu lehren oder andere weisen und leiten zu wollen, man sollte auf Selbsterkenntnis allen Fleiß verwenden, um Selbsterkenntnis, gegen Selbstbetrug ohn Ende beten, mit allem Ernste nach Selbstverläugnung, nach Eingang durch die enge Pforte ringen, aus der Heiligung Leibes und der Seelen des Lebens Hauptgeschäfte machen. Da würde man klein werden und demüthig, da würde man mit sich selbst so viel zu schaffen bekommen, daß alle Lust vergienge, andere zu richten und zu hofmeistern, und wenn man zuweilen Aufforderung und Beruf bekäme, andere zu tadeln und auf sie sittlich einzuwirken, so würde es nicht an Barmherzigkeit fehlen, weil man sich zu sehr von der göttlichen Barmherzigkeit abhängig fühlte, als daß man bei allem Lehren, Vermahnen, Zurechtweisen, Richten oder was es sei, das Wort vergeßen könnte: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Ja, ja, darauf kommt es an, daß man sein eigenes Elend erkenne, in täglicher Buße und Erfahrung göttlicher Barmherzigkeit stehe. So zieht man den Balken aus dem Auge, so genest das Herz von Unbarmherzigkeit, das Auge vom fahlen, scharfen Blick auf andere; mit dem Herzen wird das Auge rein, des Nächsten Fehl zu sehen, man will nur mehr sein Heil, man wird einfach in seinem Streben und in seiner Liebe, frei von Heuchelei, und darf mit seiner Seelensorge getrost vor das Auge Gottes treten, man wird treu erfunden werden, und der HErr wird an dem Maße der Vergeltung zur Zeit, da es Noth thut, nichts mangeln laßen. − Unser Elend zeige uns, o HErr! Unsere Sünde vergib uns nach Deiner Barmherzigkeit! Offenbare uns Deine Barmherzigkeit und laß uns dann barmherzig sein zu Deinem Preise! Amen.




« Trinitatis 03 Wilhelm Löhe
Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
Trinitatis 05 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).