Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Trinitatis 18

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Am achtzehnten Sonntage nach Trinitatis.

Evang. Matth. 22, 34–46.
34. Da aber die Pharisäer höreten, daß Er den Sadducäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich. 35. Und Einer unter ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte Ihn, und sprach: 36. Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz? 37. JEsus aber sprach zu ihm: Du sollst lieben Gott, deinen HErrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, und von ganzem Gemüth. 38. Dies ist das vornehmste und größeste Gebot. 39. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. 40. In diesen zweien Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten. 41. Da nun die Pharisäer bei einander waren, fragte sie JEsus, 42. Und sprach: wie dünkt euch um Christo? Weß Sohn ist er? Sie sprachen: Davids. 43. Er sprach zu ihnen: Wie nennet ihn denn David im Geist einen Herrn, da er sagt: 44. „Der HErr hat gesagt zu meinem HErrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße?“ 45. So nun David ihn einen HErrn nennet, wie ist er denn sein Sohn? 46. Und niemand konnte Ihm ein Wort antworten, und durfte auch niemand von dem Tage an hinfort Ihn fragen.

 DAs heutige Evangelium stellt uns dar

|  Zur Betrachtung dieses seines Inhalts erbitten wir uns den Segen und die Kraft des heiligen Geistes. Amen.

 1. Die Sadducäer hatten dem HErrn in dem Beispiel des Weibes, welche von sieben Brüdern einen nach dem andern geehelicht hatte, nach ihrer Meinung recht klar und einleuchtend bewiesen, daß es keine Auferstehung geben könne. „Sonst wiße man ja nicht, wem das Weib in der Ewigkeit gegeben werden solle.“ Der HErr aber hatte ihnen das Maul gestopft und ihnen bewiesen, daß sie irrten und weder die Schrift, noch die Kraft Gottes verstanden. Nun versuchten die Pharisäer ihre Waffen an Ihm, um gleich den Sadducäern beschämt zu werden, und zwar eben so wohl durch die Antwort wie durch die drauf folgende Frage des HErrn. Sie fragten und Er antwortete vom Gesetz. Er aber fragte über das Evangelium, und sie konnten nicht antworten.

 Die Frage vom Gesetze lautete also: „Meister, welches ist das fürnehmste Gebot im Gesetz?“ Sie wollten von Ihm unter vielen ein einziges Gebot wißen, Er aber zeigte ihnen eines, welches alle andern in sich faßt, von welchem alle die andern nur Auslegungen sind. Denn Er sprach: „Du sollst lieben Gott, deinen HErrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe. Das ist das fürnehmste und größeste Gebot. Das andere ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben, als dich selbst. In diesen zweien Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten.“ (V. 37–39.) Beide Gebote sind aber gewisser Maßen Eines. Sie handeln beide von der Liebe. Die Liebe aber ist nicht eine doppelte, sondern sie ist Eine. Die Liebe zu Gott − und die Liebe zu den Menschen ist eine und dieselbe Tugend. Gleichwie die Sonne ihre Strahlen über sich hinauf in Gottes Himmel und herunter zu uns armen Menschen streckt, so ist die Liebe Gott und Menschen zugewendet. Gott ist der Größte und Beste und über alles, drum achtet sie Ihn über alles, auch über sich selbst: der Nächste aber ist, wie sie, von Gott, − vor Gott gleiches Wesens und Werthes, drum achtet sie ihn auch wie sich selbst. Denn sie ist von Gott, darum urtheilt sie, wie Gott. − Wer wirklich Liebe hat, der hat Liebe zu Gott und dem Menschen. Wer einen von beiden nicht liebt, liebt gar keinen und hat gar keine Liebe. Das lehrt uns St. Johannes 1. Br. 4, 20. „So Jemand spricht: Ich liebe Gott und haßet seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?“

 Die Liebe in ihrem Wesen zu erklären, ist eine unmögliche Sache. Sie ist göttlichen Wesens und darum unerklärlich. Wer sie hat und wer sie nicht hat, sie sind beide unfähig, Gottes und der Liebe Wesen auszureden. Es ist wahr, was die Alten sagen: „Was die Liebe sei, weiß Jedermann, nämlich eine herzliche Neigung, da kein Falsch hinter ist.“ Aber was ist damit erklärt, ist Neigung ein deutlicherer Ausdruck, als Liebe? Wir können wohl Wahres von der Liebe sagen, aber ihr Wesen ausreden, ist unmöglich, − dazu nicht nöthig, da ja wirklich Jedermann durch göttliche, wunderbare Einrichtung den Namen der unaussprechlichen Tugend versteht.

 Diese Liebe ist es, welche allen Werken den Werth gibt. Ein Leib ohne Seele ist verweslich und eitel; eben so ist ein Werk ohne Liebe eitel. Liebe muß die Seele aller Werke sein. Was Gott auch gebiete, mit Ausschluß der Liebe ist nichts zu verstehen. Alle Gebote gebieten Werke, welche ohne Liebe vor Gott nicht vollbracht werden können. Darum spricht auch der HErr: „In diesen zweien Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten.“ (V. 40.) Mit Recht sagt Veit Dietrich: „Wo die Liebe ist, da ist das Herz; wo das Herz ist, da ist es alles, was du hast und vermagst. Es wird dir nichts sauer, alles thust du und leidest gern, was dir möglich, zu thun und zu leiden ist, wie man an der Welt Exempel sieht: Wer Geld und Gut lieb hat, der läßt sich keiner Mühe verdrießen; es wird ihm nichts sauer, wenn es nur der Mühe lohnt. − Also wo zwei Herzen mit Lieb gegen einander angezündet sind, da ists unnoth, um das oder jenes zu bitten, ein jedes ist willig, es denkt ihm selbst nach, was es nur dem andern könne zu Dienst und Gefallen thun, und ob sie schon zehn Meilen von einander sind, hangen doch die Herzen so genau aneinander, daß keines des andern kann vergeßen. − Also wollte nun Gott auch gern in unsern Herzen sein, daß wir ihn liebeten. Da dürfte es nicht so viel Heißens, daß wir Almosen geben, uns mit Eßen und Trinken nicht überladen, noch anderes thun sollten, was Gott verboten hat. Selbst würden wir| uns heißen und treiben zu allem, das wir wüßten, daß ers gern hätte. Aber weil die Liebe nicht im Herzen ist, wird solcher Gehorsam nicht allein uns sauer, sondern wir sind auch unlustig und unwillig dazu, wollten immer lieber ein anderes thun, so wir dürsten, oder Fug hätten.“ − Was ist aber ein Werk, wenn es auch geleistet wird, so es mit Unwillen geschieht? Du hurst nicht, aber du enthältst dich mit großer Gewalt und wolltest viel lieber deine Lüste stillen. Du stiehlst nicht, aber du bist voll Neides und bestiehlst im Herzen tausend Mal die Andern. Du tödtest nicht, aber du gönnst deinem Nächsten in deinem Grimm den Tod und alles Unglück, und nur eine mühselige Klugheit hält dich von eigener Rache zurück. Warum wird dir das Gute so schwer? Weil du die Liebe nicht hast, die alles gerne und leicht und völlig thut, die sich selbst erklärt: „das ist die Liebe zu Gott, daß wir Seine Gebote halten, und Seine Gebote sind nicht schwer.“ So ist denn wirklich allein die Liebe des Gesetzes Erfüllung − und wird auch von Gott dafür angesehen und geachtet. Wenn du deinen Acker säest und dein Vieh weidest in Liebe zu Gott, ja, wenn du das allergeringste dir befohlene Werk in Liebe thust, so ist es mehr werth, als das größte, mühsamste Werk, das ohne Liebe vollbracht wird. Es ist doch alles nur Schein und Betrug, Heuchelei und Eitelkeit, wenn die Liebe mangelt. Darum fleißige dich der Liebe gegen Gott und Menschen, dann vollbringst du nicht blos Ein, sondern alle Gebote.

 Das vom Gesetz. Nun vernimm, was dir über das Evangelium in unserm Texte gelehrt wird. Das Evangelium ist eine Botschaft, welche nicht von unsers Gleichen Menschen redet; denn was für eine gute Botschaft sollte es von uns geben? Es ist eine Botschaft von Christo, der nicht allein Selbst gut, sondern grade so ist, wie wir Ihn zu unserm Heile bedürfen; in welchem alle göttlichen und menschlichen Eigenschaften und Werke in der leutseligsten, uns willkommensten Gestalt erscheinen. Durch Seine Liebe zu uns und durch Seinen Sieg für uns wird alles, was wir von Ihm hören, zur frohen Botschaft, zum Evangelium, zumal wenn es so ganz die innersten Punkte Seines Wesens und die höchsten Punkte Seines Wirkens berührt, wie unser Evangelium. Laßet uns einmal hören, was unser Text von Christus sagt.

 Während im ersten Theile unsres Textes der HErr dem Schriftgelehrten mit Antworten dient, sammeln sich immer mehr Pharisäer um Ihn her. An diese lauernde, selbstgerechte, dünkelhafte Versammlung wendet sich der HErr mit einer Frage: „Wie dünkt euch um Christo? Weß Sohn ist Er?“ Sie antworten richtig: „Er ist Davids Sohn.“ Da sprach Er zu ihnen: „Wie nennt Ihn denn David im Geist einen HErrn, da er sagt: Der HErr hat gesagt zu Meinem HErrn: Setze dich zu Meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schämel deiner Füße. So nun David Ihn einen HErrn nennt, wie ist Er denn sein Sohn?“ Mit diesen Fragen, die ihrem Herzen und wohl auch ihrem Kopfe unauflösbar waren, stopfte der HErr der Pharisäer Mund für ein und alle Mal. „Es durfte niemand von dem Tage an hinfort Ihn fragen.“ − Er war der Weiseste, der allen seinen Fragern Fragen genug mit leichter Mühe entgegenstellen konnte, welchen ihre Kleinheit und Bosheit nicht gewachsen war.

 Aus diesem Evangelio nehmen wir des Evangelischen genug. − Wir erkennen aus ihm erstens die Menschheit des Messias, denn Er ist richtig und unwidersprochen Davids Sohn nach dem Fleische, also ein erlauchter, ein hochgeborener Sproß, aber doch eines Menschen Kind. Das mußte Er sein, der für uns unsre, für Menschen Menschenstrafen leiden, für uns unsre, für Menschen Menschenwerke vollbringen, menschliche Gerechtigkeit „erarnen“ sollte. Wie ein Mensch muß der Vertreter der Menschen leiden, wie ein Mensch muß Er versucht werden und siegen können, und um es zu können, muß Er Mensch sein. Kann Er’s nur sein, um das zu thun, ist nicht Ihm wie jedem andern Menschen die Aufgabe zu hoch gestellt, so wird Ihm, eben weil Er Mensch ist und menschlich ein göttliches Werk vollendet, aller Menschen Herz vertrauensvoll entgegenfliegen. Daß Er’s aber könne, dafür ist gesorgt. Wäre Er alleine Mensch, so könnte Er’s nicht. Aber Er ist nicht allein ein Mensch, nicht allein Davids Sohn, sondern, wie unser Evangelium deutlich lehrt, auch zweitens Davids HErr, also mehr, als David, mehr als Mensch, weil Er auch Gott von Gott ist, wie wir bekennen: „Ich glaube, daß JEsus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein HErr.“ Da ist also| Gott und Mensch in Einer Person − und eine solche Person vollbringts, das große, Menschen unmögliche Werk, − die Werke einer solchen Person sind vollkommen und allmächtig und ewiger Dauer in allen ihren Folgen. Uebernimmt Er die Büßung unsrer Sünden, so werden sie überwunden und vertilgt; nimmt Er unsre Strafen auf Sich, so werden sie vollkommen abgebüßt; erwirbt Er Vergebung, so ist es zweifelsohne eine ewige Vergebung; erarnet Er eine Gerechtigkeit uns zum Geschenke, so ist es gewis eine vollkommene ewig währende Gerechtigkeit; überwindet Er Tod und Hölle und Teufel, so sind es gewis leere Schrecken, die uns von unsern Feinden übrig bleiben. Kurz, wo der Gottmensch eintritt, da ist für die Menschen gute Hoffnung, Hoffnung für die Sünder, Hoffnung für alle Sünder. Und Er ist eingetreten, Er hat vollendet, Er hat gesiegt, denn unser Evangelium zeigt uns drittens den Gottmenschen in angefangenem und immer fortwährendem, ununterbrochen zur Vollendung eilendem Triumph zur Rechten des Vaters sitzend, zeigt uns zu Seinen Füßen ein Getümmel Seiner Feinde, das Seine Ruhe nicht stört, das im Gegentheil durch Seine Macht zum Ende und zu einer ewigen Stille kommt. Seine Feinde − wer sind sie denn? Unsre Feinde, die Feinde der Menschheit, das sind Seine Feinde auch. ER hat keinen einzigen Feind, der nicht zugleich auch Feind der Menschheit wäre − und umgekehrt. Was für eine Aussicht haben wir also, wenn wir nicht zu Seinen und der Menschheit Feinden gehören? Eine Aussicht ewigen Sieges, eine Aussicht, zu Seinem Triumph, zu Seiner Ruhe hindurchzukommen, − eine Versicherung, daß uns nichts, was uns anficht, fällen soll, eine Versicherung, daß die Sünden, die wir verschuldet, die Strafen, die wir verwirkt, die Welt, die uns verhöhnt, der Satan, der uns zu gewinnen sucht, − nicht und nimmer, nimmermehr unser habhaft werden solle. Da können wir trotz unsers angstvollen, bangenden Herzens doch hindurchdringen und einmal frei, ewig frei werden von allem Ungemach und selig in himmlischem, ewigem Frieden.

 Das ist ER. Merkt ihrs nicht? Wahrlich, das ist Evangelium! Behaltet es wohl, meine Lieben! Behaltet es wohl! Glaubet nicht einem jeglichen Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind! Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: „Ein jeglicher Geist, der da bekennet (gemäß unserm Text), daß JEsus Christus ist in das Fleisch gekommen (und Mensch geworden von Davids Samen), der ist von Gott. Und ein jeglicher Geist, der da nicht bekennet, daß JEsus ist in das Fleisch gekommen, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Widerchrists, von welchem ihr habt gehört, daß er kommen werde und ist schon jetzt in der Welt (1. Joh. 4, 1–3.). Ja, wer ist ein Lügner, ohne der da leugnet, daß JEsus der Christ sei? Das ist der Widerchrist, der den Vater und den Sohn leugnet“ (2, 22). − Wir aber glauben an den Vater und an den Sohn, wir glauben, daß der Sohn gekommen ist ins Fleisch, daß er Mensch geworden ist, daß dieser Gottmensch der Christ, der König sei, der alles überwunden hat, den Gott eingesetzt hat auf dem heiligen Berge Zion, um den vergeblich die Heiden toben, der einst mit ihnen in Seinem Zorne reden und in Seinem Grimme sie schrecken wird! Er schone, Er schone uns dann!


 2. Zwar handelt das Evangelium in ausgesprochenen Worten mehr von dem Inhalte des Gesetzes und Evangeliums − und von der Wirkung und dem Gebrauche beider spricht es nicht. Aber indem es uns in den Pharisäern Kinder des Gesetzes vor Augen stellt, Leute, wie sie sich vor unsern Augen ohne Unterlaß bewegen, erinnert es uns an Wirkung und Gebrauch genug. Und wenn es auch gar nicht von Wirkung und Gebrauch redete, wäre es doch jeden Falls für uns alle sehr nützlich, ja nöthig, davon zu reden.

 Die Wirkung des Gesetzes ist eine gedoppelte, gleich dem Inhalte des Gesetzes. Es gebietet Aeußeres und Inneres. Das Aeußere zu beginnen, steht in der Wahl des Menschen, und wenn er von der gütigen Vorsehung begünstigt wird durch Sonnenschein und Regen und durch Abhaltung der Hindernisse, so kann er manches augenfällige Werk vollbringen. Ein Mensch kann die äußere Abgötterei, den Fluch und Schwur des Mundes, äußere Sabbathsschändung unterlaßen. Man fand und findet Heiden und unbekehrte Leute, welche äußerlich das vierte Gebot an ihren Aeltern und Kindern vollbringen, hilfreich und nachbarlich, treu und nützlich, stille und verschwiegen sein können. Man erzählt große Dinge, zu denen sich die natürliche Kraft der Heiden und Unbekehrten hinaufgesteigert hat. Aber das alles ist, wie gesagt, nur äußerlich −| und die höchsten Erfolge menschlicher Gesetzerfüllung sind, so ehrenwerth sie, menschlich angeschaut, sein mögen, unvollkommen. Es können andere diese Unvollkommenheit entdecken und das eigne Herz, wofern es nicht in Sicherheit und Hochmuth eingewiegt ist, wird daher niemals durch die eigenen Werke zufriedengestellt. Eine Unruhe, ein heimliches, oft auch ein nicht zu verheimlichendes Nagen der Unzufriedenheit läßt sich nicht unterdrücken. Dazu kommen unbewachte, schwache Stunden, oder aber gewaltige Angriffe des Bösen. Da unterliegt man und wird im Herzen zerbrochen, mit Schaam und Schande offenbarer Sünden überdeckt. Wie viele äußerlich ehrbare Menschen wüßtest du zu nennen, die nie zu Schanden geworden? Vielleicht wenige, vielleicht keinen! Denn nicht jede Sünde, die augenfällig ist, ist gegenwärtigen Augen ausgesetzt. Viel grobe Sünden schleichen im Dunkeln und verklagen vor Gott auch Diejenigen, welche vor Menschen nie zu Schanden wurden. Sehen wir nun gar auf die innere Vollkommenheit, welche das Gesetz gebietet, auf die Liebe, die Königin aller guten Werke, auf die Demuth und Sanftmuth und Langmuth, auf die Reinigkeit und Keuschheit der Seele, auf Muth und Standhaftigkeit u. s. w.: wer könnte, wer dürfte behaupten, daß jemals einer durch viel Predigen des Gesetzes zu einer dieser Tugenden gekommen sei? Lüderliches, rohes Volk, das Natur und Gnade nicht unterscheiden kann und will, das für Vollkommenheit und Unvollkommenheit kein Auge hat, kann sich allenfalls in frevlem, lügenhaftem Uebermuthe dies und jenes zuschreiben, aber wahr ist der Ruhm nicht. Aufrichtige Menschen, denen es ein Ernst ist mit der Tugend, die Gottes vorlaufende Gnade, sie zu ermüden, in die Werke treibt, sprechen und bekennen ganz anders. Sie rühmen sich nicht, sie sehen nichts Preiswürdiges in ihrem Herzen und Leben. Das Gegentheil erkennen sie mit Schrecken; allüberall Ueberfluß böser Eigenschaften, nirgends Gutes. Auch hilft ihnen lange fortgesetzte Bemühung nicht weiter. Die Erfahrung eigener Bosheit wird reifer, aber Gutes will nach fünfundzwanzig Jahren der Arbeit eben so wenig auf dem Boden des eigenen Herzens wachsen, als vor fünfundzwanzig Jahren. Je zarter das Herz, desto beschwerter wird es durch solche Kenntnis seiner selbst. Es kann Anfechtung über Anfechtung kommen, es kann da je länger, je mehr zur Wahrscheinlichkeit werden, daß man verloren sei. Und was das für ein Seelenjammer sei, das ermisst nur der, der es erlebt hat. Da lernt man erkennen, was es heiße: „Das Gesetz richtet Zorn an,“ da sieht man Zorn mit Zorn sich mehren − und der Fluch Gottes drückt schwer, − das ist die Wirkung des Gesetzes. Und zwar ist hier Gesetz zugleich ein Name für alles, was man Moral und Sittenlehre des unbekehrten Menschen nennt. Alle Moralpredigt hilft nicht, sondern Zorn, Unruhe über den Zorn, nagendes Gewißen bereitet sie. − Und woher das alles? Ist doch Gesetz und Moral etwas Gutes? − Ja wohl, ist das Gesetz gut, heilig und rein. Aber es fordert, es ist Gottes Schuldenforderer, es fordert, wo nichts ist, − wie kann man zahlen? Es fordert hohe Dinge, es fordert Liebe, − aber wie kann man Trauben lesen von Dornen? Das Herz ist böse, wie soll Gutes aus ihm kommen? Wir haben nichts Gutes − wir müßen alle mit St. Paulo bekennen: „Da ist nicht, der Gutes thue, auch nicht einer“ − und „ich weiß, daß in mir, d. i. in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes.“ Wir müßen alle singen:

„Vom Fleisch wollt nicht heraus der Geist,
Vom Gsetz erfordert allermeist;
Er war mit uns verloren.“

 Ja, wenn das Gesetz den Geist und die Kraft zu dem hätte und gäbe, was es fordert, dann wäre es etwas anderes. Aber da fehlt es. St. Paulus fragt Gal. 3, 2. die Galater und alle Christen: „Das will ich von euch lernen, habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke, oder durch die Predigt vom Glauben? − Der euch den Geist reichet und thut solche Thaten unter euch, thut ers durch des Gesetzes Werk oder durch die Predigt vom Glauben?“ (V. 5.) Welcher Galater, welcher Christenmensch, welcher Mensch, der sich erkannt hat, könnte hierauf antworten: „Durch des Gesetzes Predigt?“ Alle müßen sie sagen, daß das Gesetz sie ausgezogen, sie aller Zier entkleidet und in aller Schande und Blöße dargestellt hat, alle müßen sie bekennen: „Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben.“ 2, 19. Das Gesetz stellt uns Tugenden auf, die wir nicht vermögen, − zeigt uns unsre Sünden, die wir nicht ertragen und eben so wenig ablegen können; es hilft unsern sehnenden Seelen zu keinem kräftigen Wollen, geschweige zum Vollbringen des Guten, es läßt uns hungrig, durstig, arm, bloß und hilflos stehen, nachdem wir alles das| erst recht durch seine Kraft geworden sind. Wohl wird gepredigt, daß Gott zu dem, was er gebietet, auch die Kraft reicht; aber er reicht diese Kraft nur denen, die seine Kinder sind; nur die können, was er gebietet, thun, welche seines Geistes und seiner Kraft voll sind. Die Kraft zur Gesetzeserfüllung kommt nicht vom Gesetz, sondern

 vom Evangelium. Davon haben wir zu reden. Das Evangelium predigt uns von einem Helfer außer uns, es lehrt uns nicht einen Forderer, der Gott heißt, und einen Geber der Mensch heißt, sondern umgekehrt, es predigt von einem gnädigen Rathschluß Gottes über die Sünder, von Christo, dem Sohne Gottes, der nach seinem verdienstlichen Leiden Gaben empfangen hat für die Menschen, auch für die Abtrünnigen, − der, im Besitze aller Gaben des Geistes, allen zuruft, die das Gesetz mühselig und beladen gemacht hat: „Kommt her zu mir, ich will euch erquicken!“ − um deßen willen, in deßen Namen Vergebung der Sünden allen Völkern gepredigt werden sollte, anfangend von Jerusalem, − in dem man alle Fülle, Gnade um Gnade haben kann. Diese Botschaft ist gemacht, Unruhe zu stillen und Herzen fröhlich zu machen. Sie hat einen einzigen Grund, der aber, Gott Lob! unhaltbar ist, um deß willen sie von manchen nicht geglaubt wird, nemlich weil sie zu gnädig, zu unverdient, zu beschämend ist. Da steht der ausgehungerte, verlorne Sohn, seiner Anwartschaft auf ewige Strafen voll, und der soll nun umsonst, um JEsu willen, durch Ihn, der Gott und Mensch ist, durch Seines Leidens und Sterbens, durch Seines Lebens Macht alles bekommen, deßen er sich verlustig gemacht hat, − seine höchsten Wünsche und Bedürfnisse sollen erfüllt, immer vollkommener, endlich vollkommen und ewig erfüllt werden. Welch eine Botschaft! Viele Botschaften kann man fröhlich nennen. Aber weißt du eine, die fröhlich, wie diese wäre? Was hat denn der Mensch zu fürchten, der nicht mehr die Sünden und deren Folgen und Strafen zu fürchten hat? Was in der Zeit, was in der Ewigkeit? Wahrlich, wer diese Botschaft glauben kann, der hat keine Gefahr mehr von irgend einer Creatur, keine mehr von Gott, − der hat Frieden auf Erden, wie die Himmlischen im Himmel!

 Aber freilich glauben muß man das Evangelium, als auf eine göttliche, unwiderrufliche, standhaltige Botschaft muß man sich drauf bauen und verlaßen können. Kann man das, so muß solcher Glaube, solches Vertrauen, wie neue himmlische Kraft in die Seele dringen, sie beleben und stark machen in Liebe und Dank, alle Absichten unsrer Handlungen, alle Grundsätze des Lebens ändern. Da muß man freilich Gott geneigt werden und Liebe spüren. Da muß man sich auf einmal das Räthsel des Gesetzes lösen können, und in heiliger, liebevoller Freiheit, nicht mehr um des Befehls willen, nicht mehr zwangsweise muß dann je länger je mehr der Spruch an uns wahr werden: „Nach deinem Siege wird dir dein Volk williglich opfern im heiligen Schmuck!“ Das Leben wird Liebe, Liebeskampf, Gottesdienst, und die Heiligung beginnt. − So kommt denn alles nur auf den Glauben an. Er ist neuen Lebens Quelle. So ists! So bewährt sichs. Sieh nur hinein ins 11. Cap. an die Ebräer, du wirsts finden, von des Glaubens Kraft wird alle Tugend hergeschrieben. Alle Kinder Gottes reichen dar in ihrem Glauben Tugend.

 Den Glauben aber zu bekommen, sorge nicht, mein Freund. Der Weg zu ihm ist gebahnt. Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt durchs Wort Gottes. Weil sie durchs Wort Gottes kommt, so ist sie der Kräfte des Worts voll und wirkt in dir mit göttlichen Kräften den Glauben. Die Predigt von dem, an den wir glauben, von dem, was wir glauben sollen, ist nichts anderes, als das Mittel, in unsern Seelen das heilige Vertrauen zu dem, an den wir glauben sollen, die Zuversicht auf das, was wir glauben sollen, zu wirken. Sie ist ein Feuerruf, der anzündet, woselbst er erschallt. Sie ist ein Leben und schafft Leben. Darum höre nur die Predigt des Evangeliums. Komm nur ehrerbietig. Sei ganz Ohr − und erfahre, wie von Hoffnung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zu immer größerer Erfüllung des Glaubens du geführt wirst, wie du, aus einer Anfechtung nach der andern erlöst, immer mehr auf die Höhen der Freiheit der Kinder Gottes gelangst. Zweifle nicht − die Hungrigen werden gespeist von dem reichen Gott und, wie Schnee und Regen nicht spurlos und wirkungslos fallen, so kann, so kann Sein Wort nicht wirkungslos − und du, wofern du es hörst, nicht ohne Frieden, nicht ohne Freude, nicht ohne Liebe und Liebeswerke bleiben.

 3. Der Erfolg scheint dem zu widersprechen, was ich gesagt habe. Weder merkt man so häufige| Wirkung des Gesetzes, noch so häufige Segnungen des Evangeliums. Die Mehrzahl der Menschen geht dahin ohne Ahnung, wie schlimm es um sie steht, und wie gut es um sie stehen könnte. Gottes Wort scheint nicht so wirksam zu sein. Aber das ist denn doch nur Schein. Denn die mangelnde Wirkung hat ihren Grund nicht in der mangelnden Lebenskraft des Wortes, sondern theils in der Beschaffenheit des menschlichen Herzens, theils in dem verkehrten Gebrauche von Gesetz und Evangelium. Von der Beschaffenheit des menschlichen Herzens, welches dem göttlichen Worte widerstrebt, dem Worte, welches keinen Widerstand anerkennt, als den des Herzens, in dem es wirken möchte, welches vor nichts zurückprallt, als vor verschloßenen Herzensthüren, − von dieser Beschaffenheit des Herzens, dieser Macht der Erbsünde wollen wir schweigen für dies Mal. Es wird anderwärts Gelegenheit, davon zu zeugen, gegeben haben und noch geben. Aber von dem verkehrten Gebrauche des Gesetzes und Evangeliums wollen wir noch einiges sagen, oder vielmehr, wir wollen vom rechten Gebrauche reden, aus welchem sich der falsche Gebrauch wie von selber straft.

 Der rechte Gebrauch besteht in einer scharfen Trennung des Gesetzes und Evangeliums − und in einer richtigen Aufeinanderfolge der beiden.

 Das Gesetz hat ein ganz anderes Amt, als das Evangelium, wie bereits oben gesagt wurde. Das Gesetz fordert, − das Gesetz zeigt unsre Armuth, nach welcher wir nicht geben können, − das Gesetz zeigt, wie gar nichts wir verdienen außer Zorn und Strafe, − das Gesetz enthüllt uns Gottes Gericht und Urtheil, bevor der Gerichtstag kommt, − es richtet in uns Angst an über Gottes Zorn. Das wirkt das Gesetz − und dazu ist es gegeben. Wer es daher so gebrauchen will, daß er durch Gesetzespredigt zu den Forderungen des Gesetzes geneigt werden und sie erfüllen will, der hat dem Gesetz eine Absicht untergelegt, die es nicht hat. Daß du nicht halten kannst, was Gott von dir fordert, ist Gott voraus bekannt, denn Er weiß wohl, was für ein Gemächte wir sind. Er fordert dir deine Schulden nicht an, daß du sie zahlen könntest; sondern du sollst durch das ernste Fordern und Dringen je länger je mehr zu der Erkenntnis kommen, daß du nichts kannst, als Böses. Dadurch sollst du gedemüthigt werden, in Erkenntnis deiner Sünden. Diese Absicht mußt du faßen, so oft dir Gesetz gepredigt wird. Alsbald sollst du denken: Nun will mich mein Gott demüthigen. Meine unerkannten Sünden will Er mir im Lichte Seines Angesichtes zeigen, meine vergeßenen will Er mir wieder in Erinnerung bringen, meine erkannten mir aufs neue recht abschreckend und abscheulich darstellen, meine Unreinigkeit, meine Verderbtheit will Er mir zeigen. Wohl auf, mein Herz, laß dich demüthigen, − denn den Demüthigen ist Er gnädig. − So sanft, so streng, – so leise, so laut dir das Gesetz gepredigt wird: immer gilt es, Buße zu thun und nichts anderes.

 Ganz anders ist es mit dem Evangelium. Das Amt des Evangeliums ist: trösten die Traurigen, locken die Mühseligen und Beladenen, die Sünder berufen, die hungrigen und durstigen Seelen speisen mit der Versicherung der Gnade, den Starken den Grund ihrer Stärke und den Heiligen den Grund ihrer Heiligung immer aufs Neue zeigen. Alles, was tröstet, ist Evangelium. Alles, was straft, ist Gesetz. Das Gesetz, aber nicht das Evangelium soll dich ängstigen. Das Evangelium wird nie gegeben, um einem Menschen einen Vorwurf zu machen, sondern es bietet immer nur Gnade an. Das Evangelium straft nicht wegen deines Unglaubens, sondern es bietet dir Vergebung des Unglaubens an. Wenn dir das Evangelium bange macht, als wäre es nicht für dich, so liegt der Grund davon nicht im Evangelium, sondern in deinem Herzen und in der Versuchung des Satans. Das Evangelium ist für alle, die sich ihm zuwenden, und es ist keine Zeit auf Erden, wo diese Stimme des Blutes JEsu in die rächende Stimme des Blutes Abel verwandelt werde; es ist keine Zeit, wo es aufhören könnte, dem Menschen zum Trost vermeint zu sein. Das Evangelium gilt, so lange dir die Sonne scheint, und bleibt dir gewärtig bis ans Ende der Tage. Glaubst dus, selig bist du. Glaubst du nicht, so wartet es dennoch deiner. Es segnet dich, wenn du ihm entgegenjauchzest und wenn du es mit Thränen über deine Unwürdigkeit empfängst. Es umfaßt, es fäht dich, wenn du es auch nicht vermagst, es zu faßen. Es richtet dich nicht, wenn du mit mattem Verlangen es aufnimmst − es wird dir alles in allen Zeiten, allzeit eine Botschaft der Gnade und Vergebung, allzeit eine unumstößliche Zusage deines Gottes.

|  Trenne also Gesetz und Evangelium. Aber wiße auch, daß beide richtig auf einander folgen müßen. Eins allein ist dem Menschen nicht gegeben, sondern alle beide: Gesetz und Evangelium. Hätte man das Gesetz allein, so würden die Menschen desto unglücklicher werden, je kräftiger es wirken würde, − die Erde würde ein Vorhof der Hölle sein. Würde man allein Evangelium predigen, so würde es von keinem Menschen verstanden, keinem Menschen zum Troste, sondern vergeblich und eitel werden, eine Thorheit würde es sein, wie es unter den Griechen war, die von Sünde nichts wußten. Beide müßen zusammen sein. Zwar ist es wahr, daß mancher Mensch lange das Gesetz hört, ohne vom Evangelium etwas zu erfahren, − mancher hinwiederum von Christo eher, als von seinem verderbten Herzen und Gottes Zorne etwas vernimmt. Es ist nicht bei einem jeden einerlei Ordnung im Lernen und Erkennen der beiden? aber wenn beide in ihrem vollen Segen wirken sollen, so muß dem Menschen zuerst des Gesetzes Kraft und dann die Kraft des Evangeliums im Herzen offenbart werden. Wenn erst das Gesetz uns zur Buße gebracht hat, dann kann uns das Evangelium Vergebung der Sünde predigen. Wenn wir traurig geworden, faßen wir den Trost, wenn wir hungrig geworden, die Speise. Das Evangelium ist nur für Bußfertige; für unbußfertige Leute ist es ein Räthsel und ein versigelter Brief. Wohl dem, der immer gleichmäßig Gesetz und Evangelium erfährt, der in dem Maße getröstet wird, als er des Trostes bedarf. Einen Schritt weiter in der Buße und einen weiter in dem Glauben, so kommt man fahrlos weiter und wandelt eine sichere Bahn. Und so bleibe es bei uns bis ans Ende des Lebens. Immer Buße, immer Trost, − das ganze Leben ist ein getröstetes Elend. Immer Gesetz, immer Evangelium. − Stab Weh, Stab Sanft − so weidet der Erzhirte JEsus. Wer aber von dem Gesetze nichts erfahren, der weiß auch nichts vom Evangelium. Fang an, das Gesetz zu hören, und dann vernimm das Evangelium. Befleißige dich beider − bete um den Segen beider. Gott gebe uns also beides, Tod und Leben! Amen.




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