Fliegende Blätter Heft 34 (Band 2)

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Titel: Fliegende Blätter Heft 34 (Band 2)
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 2, Nr. 34, S. 73–80.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg, Commons
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[73]

Fliegende Blätter 2 001 b0.png



Nro. 34.
10. II. Bd.
Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- Erscheinen wöchentlich. Subscriptionspreis für
handlungen, sowie von allen Postämtern den Band von 24 Nummern 3 fl. 36 kr. R.-W.
und Zeitungsexpeditionen angenommen. od. 2 Rthlr. Einzelne Nummern kosten 12 kr. R.-W. od. 3 ggr.


Großes keroplastisches Kabinet.

Ein unbändig gefühltes, eigenthümliches Bedürfnis sprach sich bereits seit einer Reihe von Jahren in jedem wahrhaft Gebildeten Europa’s so lebhaft aus, ja schrie so zu sagen laut auf, ohne daß im Geringsten von irgend einer Seite ein Schimmer von Hoffnung auf Befriedigung oder Stillung in Aussicht war. Tausenden von weniger Bemittelten oder zu Entfernten, war bisher ein in seiner Art einziger Genuß versagt, Tausende konnten sich nur nothdürftig an den zwar großartigen, aber stets unvollkommenen Schilderungen laben, welche von Mund zu Mund gingen, und verließen zuletzt den sonnigen Garten hienieden, in dem für sie eine der schönsten Blumen nicht blühte . . . . .

Wie viele Thränen der Sehnsucht mögen insgeheim geflossen, wie vielen Nächten der Schlaf verscheucht worden – wie viele Seufzer mancher harrenden Brust entflohen sein? Frage sie nur diese grippebleichen Antlitze, die dir hie und da aufstoßen, – beinahe immer ist es nur dieses eine und selbe namenlose Sehnen . . . . .

Wir meinen nämlich und es ist wohl kaum ein Zweifel, daß irgend Jemand, der auf Bildung Anspruch machen will, noch etwas andres meinen könnte:

Das weltberühmte große keroplastische Kabinet des
     G. Kienle seligen aus Nördlingen am Ries und
     W. Brennecke aus Leipzig.




Es sei uns vorerst vergönnt, ein paar Worte über die Keroplastik (ober Wachsbildnerei) im Allgemeinen auszusprechen

Betrachten wir die Sculpturen des Alterthums oder der Neuzeit – alle die Statüen und Büsten, sei es in Marmor, in Bronze, oder in Alabaster, oder in Sandstein, Gyps u. s. f.; wenn wir aufrichtig sein wollen, so müssen wir gestehen, daß wirklich ein enormer Grad von Einbildungskraft dazu gehört, sich darunter wirkliche Menschen, lebende Menschen von Fleisch und Blut, was sie denn eigentlich doch vorstellen wollen, vorzustellen. So eine Stein- oder Gypsfigur, die uns mit leerem todten Auge anstarrt ohne Pupille, mit einem Teint, der noch über die Todtenfarbe hinausgeht und schon an das Gespenstische streift (vom Coftüm gar nicht zu reden, das oft höchst sparsam und zuweilen gar nicht vorhanden ist, und daher noch obendrein gegen alle Sittlichkeit verstößt) so eine Figur, sage ich, macht immer nur einen höchst unangenehmen ja oft widerlichen Eindruck, und ist auch nur rein auf eine krankhafte Pedanterie und klassische Antiken-Fresserei berechnet – nur für solche Leute berechnet, die durch einen gewissen Grad von Bildung es schon so weit gebracht haben, daß sie beinahe mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit leben, die nicht bedenken, daß die Alten nur aus der kleinlichen Eitelkeit auf den Gedanken geriethen, ihre Antiken in Bronze zu gießen und in Marmor zu hauen, um ihnen größere Dauer zu geben , und sie bis auf unsre Zeit und für unsre Sammlungen zu erhalten, was in ihrer Zeit, wo noch alle die Vervielfältigungsmittel, als Bücher-, Holz- und Steindruck fehlten, leicht verzeihlich, ja als natürliche Folge erscheint.

Wir hingegen, einer ganz andern Zeit angehörend, nämlich der unserigen, sind eben durch die gänzliche Umgestaltung derselben nunmehr für unsre neuen Antiken auch auf ein anderes Material angewiesen. Und dieses ist das Wachs.

Betrachten wir nun einmal im Gegensatze z. B. eine Büste oder Figur von Wachs, vielleicht Porträtfigur, in der nicht nur die Züge, sondern auch die Farbe des Dargestelltwerdensollenden treu wieder gegeben sind , und nicht mit einem leeren Auge, sondern einem wirklich und natürlich erscheinenden, jedoch künstlichen Auge von Glas (jetzt in Paris bis zur letzten, äußersten Täuschung angefertigt, am besten Rue Vivienne 7, Frères Battista, und wozu nur ein Muster eingesandt zu werden braucht) den Scheitel von wirklichen Haaren umkränzt, und wo der Rumpf mit natürlichen Kleidern bekleidet ist: so werden wir sehen, daß das Kunstwerk seine beabsichtigte Wirkung auf den Beschauer nie verfehlen, und, ohne die Einbildungskraft besonders anzuspannen, einen ungeheuer frappanten Eindruck machen wird, der dadurch, daß [74] vielleicht durch einen ganz einfachen Mechanismus der Kopf, die Augen oder die Hände der Figur beweglich gemacht werden, aufs höchste gesteigert werden kann.

Wie angenehm, in dieser Art unsre abwesenden oder verstorbenen Bekannten und Geliebten zu besitzen, die man im traulichen Familienkreise oder bei häuslichen Festen – mit an den Tisch setzen kann; wie praktisch und zugleich wohlfeil, solche Figuren in Gesellschaften verschiedener Art zu setzen, wo ohnehin nichts gesprochen werden soll u. s. f., . . . Doch wir wollen uns über diese Sache nicht noch weiter ausbreiten, indem wir sonst Bestellungen bekommen könnten, die wir nicht ausführen dürften u.  s.  w., und verweisen daher auf die demnächst erscheinende ausführliche Anzeige unseres mit dem Cabinet verbundenen keroplastischen Portraitir-Institutes.




Als geschichtliche Notiz des Cabinetes genüge, daß der verstorbene G. Kienle im J. 1798 für dies Cabinet zu sammeln anfing, und damit reiste. Nach dem Tode desselben (1817) kam es in Besitz des russischen Fürsten ***tsch in Berlin und blieb bis zum Jahre 1834 unsichtbar, wo es dann der derzeitige Besitzer aus der Verlassenschaft des besagten Herrn Fürsten erstand, seitdem zeitgemäß vergrößerte, und nunmehr xylographisch edirt.

Für den biographischen Text der Celebritäten unsres Cabinets wurde der durch seine Uebersetzungen in’s Deutsche berühmte Doctor Gustav Schweinchen gewonnen, dessen unermüdlicher Sorgfalt wir auch die interessanten Autographieen verdanken, zu welchem Zwecke man ihm von Seite der verehrlichen Archiv- und Bibliothekbehörden auf´s Bereitwilligste entgegen kam, und ohne welche Theilnahme es ihm in der That unmöglich gewesen wäre, besagte Facsimiles in solcher Vollkommenheit zu liefern.




Den unsinnig großen ästhetischen und divertimentalen Werth der Sammlung weiter anpreisen zu wollen, ist rein überflüssig: er leuchte zu sehr von selbst ein; – aber, wenn man den Nutzen im Allgemeinen ins Auge faßt, der aus der nähern Bekanntschaft oder Erkenntniß und der Verbreitung dieses Kunstschatzes entspringt; wenn man bedenkt, welcher ungeheure Gewinn hier auf einem ganz populären Wege durch Förderung und Läuterung des Kunstsinnes, einerseits für die Kunst selbst, erzielt wird, und andrerseits für die Wissenschaft, namentlich für die Geschichte durch die beigefügten trefflichen Biographieen, die in beinahe tacitischem Style, kurz und schlagend, die interessantesten Data und Zahlen in nuce, ja manches bringen, was man sogar in Büchern von Fach oft nur breit und todtgeschlagen, oder ganz und gar nicht findet, wie nicht minder hinsichtlich der Geographie und Statistik etc. ausgezeichnete Notizen enthalten, und nota bene nicht zu schwer faßlich, sondern verständlich beinahe für Jedermann (was beim Tacitus nicht einmal immer der Fall); wenn man, sage ich, schlüßlich die schwierige und doch so gewissenhafte Wahl bedenkt, die der selige Kienle so wie der jetzige Besitzer getroffen, indem sie nur wahrhaft berühmte Männer und Frauen ohne Unterschied des resp. Standes und Vaterlandes in die Sammlung aufnahmen, und nebenbei die ungeheure Mühe der Aufgabe des Herrn Doktor Schweinchen, hinsichtlich des Textes, alle, sogar die mindesten politischen Beziehungen oder Anspielungen auf Strengste ja Aengstlichste zu vermeiden: so erstaunt man billig über den großartigen Gedanken, eine solche Sammlung zu gründen und zu verbreiten, die, ein wahrhaft kosmopolitisches Riesenwerk, allgewaltig die Gesittung und Denkweise des ganzen civilisirten Erdballes erpackend, schon jetzt als eines der hellglänzendsten Sternbilder am Himmel der Kunstgeschichte von Jahrtausenden und Völkermillionen dasteht.




Was die Anerkennung dieses Kunstschatzes, der eigentlich über alle Kritik erhaben, schon früher von Seite der öffentlichen Kritik anbelangt, verweisen wir auf die zahlreichen Lobeserhebungen der besseren deutschen Blätter; hier sei es genügend, nur noch die Aeusserung eines unserer größten noch lebenden Künstlers anzuführen: ,,er möchte diese Sammlung nicht bei sich im Zimmer haben", (solch einen tiefen Eindruck hatte sie nämlich bei ihm hervorgebracht); und dann noch die ewig denkwürdigen geistreichen Worte, welche der große Goethe, als er am 1. April 1816 in Weimar diese Sammlung mit einem Besuche beehrte, beim Herausgehen zu seinen Freunden sprach: „So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen.“

Wilh. Brennecke,
Besitzer des keroplastischen Cabinets und Wachszieher aus Leipzig.




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(Gegenwärtiges Facsimile verdanken wir der gütigen Vermittlung unsers Vice-Consuls in Tetuan, Herrn Schuhmachermeister G. Braun.)


Mulei Abd Errahman
geb. 1799

dermaliger Kaiser und Selbstbeherrscher von Marocco, folgte seinem Durchlauchtigsten Herrn Vetter Mulei Solimann († 1822) in der Regierung. Sein Herr Vater war Hassan Musib Rakaschi Abu Nawas Kutalkulub Schach; seine Frau Mutter: Fatime Risal, eine geborne Sidibedidldadl el Arbir Mogribul Aksa aus·Fez. Eine scharmante Familie. Mulei reiht sich den aufgeklärtesten Fürsten der Gegenwart glücklich an.

Das Verbot des Menschenfleischessens am kaiserlichen Hofe, schon aus früherer Zeit herrührend, bestätigte Mulei gleichfalls wieder bei seinem Regierungsantritte.




[75]

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(Aus dem brieflichen Nachlasse desselben im Palazzo Gritti.)
Abällino der große Bandit,

eigentlich Conte Carlo d’ Obizzo von Neapel, (nicht Flodoardo von Florenz wie manche wähnen) geboren in Neapel am 21. Juni 1560.

Edel als Bandit wie als Mensch, mordete er nie, als wenn er das vollkommenste Recht dazu hatte – nur wenn ein wohlthätiger Zweck damit verknüpft war.

Durch Familienverhättnisse gezwungen sein Vaterland zu verlassen, ging er nach Venedig, wo ihn der damalige Doge Gritti bald lieb gewann und ihm später seine schöne Nichte zur Frau gab.

Auf unserm Bilde ist er in dem schrecklichen Momente dargestellt, wie er plötzlich unerwartet in die Versammlung der Nobili tritt und sich an den Dogen wendet – eine schauderhafte Scene: (Siehe Lebensbeschreibung S. 185.)

„He,“ rief er mit heiserer grölzender Stimme, „kennt ihr noch den Abällino? hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger Herr, um seine Braut einzuholen!“




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(Facsimile aus Criminalacten.)
Schinderhannes,
der berüchtigte Räuber und Mordbrenner, hingerichtet in Mainz am 20. November 1804, 17 Minuten nach 1 Uhr.

Seinen wahren Namen wollen wir vor der Hand noch verschweigen, da in seinem Vaterlande noch Anverwandte leben.




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Oberon,

der schöne König der Elfen, trieb sich mit seiner Frau, der schönen Titania, viel im Babylonischen herum; wo aber eigentlich sein Königreich war, hat man nie recht erfahren können.

Angefertigt nach einer ächten Todtenmaske desselben im Besitze des Herrn Licentiaten Feuchtmayer in Erlangen.

Ein gewisser Carl Maria von Weber hat, nicht ohne Glück, versucht, ihn in Musik zu setzen.

NB. Eine wahrhaft meisterhaft unter der Figur angebrachte Phisharmonika spielt die ganze Oberonouverture!




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(Palimpsest ebenfalls Besitzthum des Herrn Lic. Feuchtmayer.)


(Fortsetzung folgt.)

[76]

Eine Winterpredigt.
Gehalten von Fr. Hilarius.


Geliebte zu allen Jahreszeiten! Wer da klopfet an unsere Thür und Einlaß begehrt, dem sei sie aufgethan, und er finde eine wohnliche Stelle an unserem Herde! Da wir nun einmal den Winter hereingelassen haben in’s Land, so wollen wir ihm auch kein grämlich’ Gesicht schneiden, sondern er sei uns willkommen, mache sich´s bereit und bequem, und wenn’s etwa der Schelm zu arg treibt, wollen wir uns der frommen Worte getrösten:

Kurze Tage – lange Nächte,
Kurzes Wachen – langer Traum!
Wenn es draußen stürmt und stöbert,
Blüht der Lenz im Herzensraum.

Auch im Winter liegt eine Segensfülle, die uns das Geleite geben wolle bei unserer erbaulichen Betrachtung! –




Ihr Freunde! so ist die Creatur gesinnt,
Die man sonst heißet Menschenkind,
Daß ihr aus dieser lieblichen Welt
Kaum die Hälfte taugt und wohl gefällt.
Wollt’s unser Herrgott Aller thun zu Recht,
Er wäre jedes Einzelnen Knecht;
Denn hätt’ er dem Einen zu Willen gethan,
Der Nachbar würde was schelten d’ran;
Und würde er thun nach des Letzten Begehr,
Fiel’ der Erste tadelnd d’rüber her.
D’rum – lassen wir ihn seine Wege wandeln,
Nach seinem ewigen Willen handeln,
Und freuen uns ob der Frühlingszeit,
Und freuen uns, wenn es stürmt und schneit,
Und freuen uns über Frucht und Blüth,
Und im Winter über’n Lenz im Gemüth.


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Sobald wir unsern Herrgott schalten lah’n,
Wird Alles die rechten Geleise gah’n.
Daß gerade der Winter kein schlimmer Gesell,
Das will ich euch beweisen zur Stell;
Denn ich hab’ beim Thorschreiber von ungefähr
Seinen Paß gelesen und sein Verhör,
Und beides wörtlich abcopirt;
Könnt´s hören, wenn es euch interessirt:


          „„Alter?““

„So etwa fünftausend und einige Jahr,
„Ich weiß es selbst nicht auf ein Haar!
„Doch glaubt die löbliche Thorschreiberei,
„Daß ich lahm und krumm vor Alter sei,
„So irrt sie sich, mit Respekt gemeld’t,
„Denn noch allweil’ bin ich ein wackerer Held,
„Der mit frankem Sinn’ und mit frischem Blut
„Alljährlich seine Weltreise vollenden thut!“


          „„Metier?““

„Das will ich euch wohl künden fein:
„Weberei ist das Handwerk mein.
„Erst zupf’ ich die Wolle, schneeblüthenweiß
„Dann breit’ ich sie aus mit allem Fleiß,
„Der Frost ist mein Weberschifflein gut;
„Wie das hin- und wieder fliegen thut!
„Wie das Tag und Nacht ohne Ruh und Rast
„Die Wolle zusammenfügt und paßt,
„Bis weit und breit eine Decke fein
„Ueber Berg und[WS 1] Thal wird gesponnen sein.
„Bei Tag web’ ich noch mit künstlicher Hand
„Von Sonnenglast einen goldgelben Rand;
„Bei Nacht da stick’ ich noch hinein
„Ein bischen Fimmer und Sternenschein. –
„Da ich von Wucher kein Wörtlein weiß,
„Geb’ ich meine Waare um leichten Preis,
„Obgleich ich selbst um theures Geld
„Guten Absatz fände auf der Welt!“


          „„Charakter?““

„Mein lieber Herr Thorschreiber! Ihr wißt,
„Wie Alles auf der Welt verschrieen ist.
„Macht Einer noch so gut sein’ Sach,
„Man sagt ihm das Allerschlimmste nach.
„Schreibet nur keck in’s Protokoll:
„„Offen und ehrlich, just, wie’s sein soll!““
„Doch, wer offen und g’radaus, heißt nur ein Flegel,
„Und mit mir macht man keine Ausnahm’ von der Regel.
„Ich läugne nicht, daß ich dort und hier
„Mich ein bislein stürmisch und wild gerir;

[77]

„Oft wird Einem aber verleid’t die Geduld, –
„Tragen die Menschen selber die Schuld,
„Denn bei dem ewigen Schelten und Raisonniren
„Muß man; weiß Gott, die Ruhe verlieren!“


          „„Reisezweck?““

„Mein harmloser Beruf ist mein Gewinnst;
„Ich vermache der Erde mein Gespinnst! –
„Sie hat gewirkt, nun gebührt ihr Ruh,
„Da deck’ ich sie mit meinem Gewebe zu,
„Und warte dann, hoffe und harre still,
„Bis der Frühling in’s Land wieder kommen will.
„Da braucht’s keinen Kampf, wie ihr etwa meint;
„Denn der Frühling und ich sind die besten Freund’!
„Ich kann nicht umhin, bei seinem Erscheinen
„In Freudenthränen mich auszuweinen,
„Möcht gern noch ein Stündlein mit ihm verplaudern,
„Daher mein Zögern und mein Zaudern.
„Doch der Urlaub ist um! Bald kriegt er Valet;
„Ich rolle die Decke vom Schlummerbett,
„Und sag’ ihm: da, lustiger junger Fant,
„Jetzt schalte du in dem schönen Land!
„Ich hab’ dir die Keimlein jung und zart
„Liebend gehegt und aufbewahrt, –
„Nun laß sie fröhlich zum Gedeihen bringen;
„Mir die Bewachung – dir das Gelingen!
„Dann geht es in Sturm und Wetter fort,
„Nur weil mir so schwer wird das Abschiedeswort –
„Das ist meiner Reise Zweck und Ziel,
„Das Keiner so recht erkennen will.
„Denn die Einen lesen mir den Text,
„Wünschen in’s Land mich, wo der Pfeffer wächst;
„Die Andern meinen, ich sei erschienen,
„Um ihnen beim Wuchergeschäft zu dienen,
„Beim Kornhandel und theuren Holz –
„Das schlimme Pack – der Guckuck hol’s!
„Der dritte meint, er hab’ es weg,
„Der Carneval sei mein Reisezweck,
„Und stürmt, und ras’t – es ist ein Graus, –
„Vergeudet die Jugend in Saus und Braus,
„Der dumme Teufel! Wie er sich irrt!
„Ihr wißt’s nun besser. – Jetzt protokollirt!“


          „„Legitimation?““

„Mein Freund, da ist euer Fragen verloren.
„Mit dem Paßwesen laßt mich ungeschoren!
„Da mach ich’s just dem Frühling nach,
„Komm’ und geh’ wann ich will und mag.
„Doch müßt ihr euch d’rob nicht kümmern und grämen; –
„Das Ministerium des Aeußern wird’s auf sich nehmen !“ –

So der Winter, und setzt dem Protokolle d’rauf
Mit Runenschrift sein Zeichen auf;
Und nun ist er da in Gottes Namen
Und sei uns Allen willkommen! Amen!


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[78]

Der Treiber.
(Oberbayrisch.)


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Der Forstner sagt: Hast du nix g’segn
     Beim Durchgeh’ in dem Bogn?

Der Treiber sagt: San Thier’ und Hirsch
     Leicht fufzgi füra ’zogn.

„Geh weiter Narr, was denkst dir denn?“

     „„Was denk’ i’, i’ glaabs fest,
     „„Und wann i’ ebbas handln laß’
     „„San’s fünfazwanzgi g’west.““

„’Ko’ aa’ nit sey’, da hat's dir ’traamt!“

     „„Herr Forstner, g‘irrt is glei’,
     „„Was rauschn aber hon i’ g’hört,
     „„Scho’ g’wiß, da bleibt´s dabei.“


Fr. .v. Kobell.


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Schauderhafte und gräuliche Morithat,
welche sich den 5. November 1835 zwischen Pfingsten und dem Klinkerthore zu Augsburg wirklich zugetragen hat.




O kommt ihr Leute all’ herbei,
Vernehmt die Morithaterei,
Wie sich ein Mägdlein, ganz scharmant,
Bedeckt mit Grausamkeit und Schand;

5
Ein’ Jed’ nehm ein Exemplum dran,

Studir’ es wohl und wend’ es an.

Es war einmal ein Schwalangscheer,
Der litt an großem Herzenweh;
Ein Mägdlein liebt er lange schon,

10
Allein sie wußte nichts davon;

Der Schwalangscheer litt fürchterlicht,
Das ist eine traurige Geschicht.

Doch einstens an dem Klinkerthor,
Als sie ging aus der Stadt hervor,

15
Macht er vor ihr sein Positur,

Und spricht: o Schönste der Natur!
Wirst Du nicht bald heirathen mich,
Verschieß’ ich mich elendiglich.


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Ei schieße Du nur immer zu,

20
Das ist mir ganz und gar partout,

Ich lieb Dich nicht, ich mag Dich nicht,
Ich heirath’ nicht, bleib lediglicht,
Denn mich gelüstets gar nicht sehr,
Zu heißen Madam Schwalangscheer.

[79]

25
Und um die stille Mitternacht,

Steht der Langscheer auf seiner Wacht,
Er ladet sechsfach sein Gewehr
Und setzt es auf die Brust daher,
Drauf drückt er los und schießt sich todt,

30
Der Mond scheint auf sein Blut, das roth.



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Am andern Morgen fand man ihn
Als seine Seel’ schon längst dahin.
Ein Brieflein hielt er in der Hand,
Worauf mit Blut geschrieben stand,

35
Daß jener Dirne Sprödigkeit

An seinem Tode Schuldigkeit.


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Zum Mägdlein zog’s Gerichte hin
Und hebt sie aus als Mörderin,
Sie trug für ihre Sprödigkeit

40
Gar bald das schwarze Todtenkleid;

Da weint und jammert sie gar sehr,
Daß sie getödtet den Langscheer.

Merkt Mägdelein Euch diese Lehr
Von einem todten Schwalangscheer,

45
Daß Sprödigkeit sei gar nicht gut

Uns die Moral beweisen thut!
Das ist das Ende der Geschicht,
Vegessen Sie das Trinkgeld nicht.


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[80]

Carneval.


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Redaction: Caspar Braun und Friedr. Schneider. – München, Verlag von Braun & Schneider.
Kgl. Hof- und Universitäts-Buchdruckerei von Dr. C. Wolf & Sohn in München.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nnd