Frühlingsprobe

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Textdaten
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Autor: Hermann Löns
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Titel: Frühlingsprobe
Untertitel:
aus: Der zweckmäßige Meyer. Ein schnurriges Buch, S. 15–19
Herausgeber:
Auflage: 1.–4. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Sponholtz
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Erscheinungsort: Hannover
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[15] Frühlingsprobe.

Ein Silberglöckchen klingt durch den Wald. Die Kohlmeise läutet es. Sie sitzt auf dem Buchenzweig, in den Krallen eine dicke fette Spinne, und singt: „Spinn dicke, spinn dicke; de düre Tid is vorbei!“

Die Frau, die den Berg herunter kommt, denkt an ihre Mädchenzeit. „Spinn lütting, spinn lütting!“ so hatten die Mädchen das Lied der Meise im Winter ausgelegt und sie zogen den Faden dünn und fein vom Wocken.

Aber wenn der Schnee wegging und die Meise fröhlicher im Apfelbaum sang, dann ließen die Mädchen den Flachs dicker durch die Finger laufen, denn draußen sang der bunte Vogel: „Spinn dicke, spinn dicke!“

„Hähähä.“ Die Meise lacht heiser, denn sie hat gehört, was die Frau ihrem kleinen Mädchen erzählte. „Hähähä.“ Sie hat sich nie darum gekümmert, ob die Mädchen fein oder grob spannen, sie hat nur eine Bemerkung über die Beschaffenheit der Spinnen gemacht, die sie fing. Und weil sie heute eine dicke fing, darum klingt ihr Lied wie ein Silberglöckchen so lustig.

Der Haselbusch hat es gehört, und seine gelben Troddeln läuten im Takte mit. Ganz leise läuten sie; ein Mensch kann es nicht hören. Aber die kleinen pummeligen Haselweibchen hören es; schnell putzen sie sich mit drei rubinroten Federchen, die so zart und so dünn wie ein Seidenfaden sind.

Die Meise fliegt weiter und läutet ihr Glöckchen vom Dache der Gastwirtschaft. Dreimal ruft sie: „Titüdel, titüdel, [16] titüdel!“ Da klappt der Hahn im Hof mit den Flügeln, reißt den Hals auf und kräht, kräht ganz anders als sonst, mit weniger Stolz und mehr Gefühl in der Stimme.

Auch die Spatzen, die bis dahin ewig und immer dasselbe zweistimmige Lied geschilpt hatten, kommen bei dem Geläute des Glöckchens außer Rand und Band. Ein ganzer Haufen der grauen Kerle schnurrt lärmend unter das Fenster der Veranda; sechs Herren sind es und eine Madam. Die dreht sich fortwährend um ihre Perpendikulärachse, und die Herren Männer hopsen wie verdreht um sie herum, machen ein furchtbares Getöse und plustern plötzlich wieder fort, um auf dem Rasen weiter zu tanzen.

Sogar die melancholische Haubenlerche, die den ganzen Winter bis zur Langweiligkeit wimmerte: „I wie mich friert!“ versteigt sich zu einer kühnen Tat. Sie schwingt sich auf den Kehrichthaufen am Wege, und zwitschert von diesem erhabenen Standpunkt ein zwar sehr dünnes, aber wegen seiner Unaufdringlichkeit immerhin ganz leidliches Liedchen.

Das weckt bei der Amsel, die eben noch im faulen Laub einen Regenwurm mit sanfter Überredung aus seinem Loche hervorholte, gelben Neid und schwarze Eifersucht. „Igittigittigitt!“ ruft sie der Haubenlerche zu, und fängt nun selbst an. „Tü!“ Pause. „Rü!“ Pause. „Lü!“ Pause. Und dann eine Zehnminutenpause. Und dann wieder: „Tü!“ Pause. „Rü!“ Pause. „Lü!“ Pause. Und endlich: „Türü!“ aber weiter geht es noch nicht, und erst, nachdem sie lange nachdenklich gegen den Himmel gekuckt hat, wobei sie ganz begossen den Schwanz hängen ließ, wippt sie mit ihm, zum Zeichen, daß sie sich auf die vergessene Melodie wieder besonnen hat, und bringt es mit viel Ach und Weh endlich zu einem nur eine halbe Minute beanspruchenden „Tü-rü-lü!“ und leistet sich darauf hochbefriedigt einen zweiten Regenwurm.

Kaum hat sie ihren Sitz im Faulbaumbusch verlassen, da treibt das Volk unter ihr Unfug. Quiekend jagen sich da zwei [17] fuchsige Waldmäuse mit äußerst langen Schwänzen. Jetzt sitzen sie sich gegenüber und kucken sich mit ihren großen schönen schwarzen Augen lustig an. Dann macht der Mäuserich einen Hops, und die Mäuseline witscht nach der Seite, und mit Gequike und Gekicher geht es dahin, daß ein Zaunkönig ganz erschrocken von seiner wissenschaftlichen Untersuchung einer ihm unbekannt vorkommenden Mücke aufschreckt, auf einen Buchenstumpf hüpft, und von da herunter mit schnarrendem Gardeton seiner inneren Entrüstung lauten Ausdruck verleiht.

Eigentlich hatte er vor, von drei bis vier Uhr zu singen; aber da die anderen alle singen, verzichtet er zugunsten seiner Gegner nach dem Motto: „Wenn alles singt, mag Karl allein nicht singen.“ So ist er immer und darum hat er wenig Verkehr, denn kein Vogel mag mit einem anderen umgehen, der im Winter, wenn alle die Schwänze hängen lassen, den seinigen so hoch trägt, als wäre er mit Bartwichse gesalbt, und der, wenn die anderen vor Hunger kaum „Piep“ sagen mögen, so fidel singt, als äße er jeden Tag dreimal warm.

Da ist die Fledermaus, die eigentlich gar kein richtiger Vogel ist, viel taktvoller; sie paßt sich der allgemeinen Sitte trotz ihres Mangels an Federn an und sagt keinen Ton. Vom November an hat sie unter den Dachsparren gehangen mit dem Kopfe nach unten. Auf einmal wacht sie auf, krabbelt, soweit es ihr ihre eingeschlafenen Fußflügel oder Flügelfüße erlauben, bis an die Dachluke, läßt sich herausplumpsen und taumelt in einer so seltsamen Weise im Garten herum, daß die Spatzen, diese Klatschschnäbel, behaupten, sie hätten in unmäßiger Weise dem Genuß geistiger Getränke gehuldigt. Und dabei hat sie nur von dem langen Hängen mit dem Kopfe nach dem Erdinnern Blutandrang zum Gehirn bekommen.

Es ist aber auch möglich, daß sie taumelig fliegt, weil sie etwas schwach auf den Flügeln ist, denn seit Anfang Herbst hat sie keine warme Mücke mehr im Leibe gehabt und ist sehr [18] von Kräften gekommen. Mißmutig zwitschernd zickzackt sie im Garten herum, so daß ein junges Mädchen schon ein Attentat auf ihr reizend hellblond gefärbtes Wuschelhaar vermutet und quietschend in das Haus flüchtet. Die arme Speckmaus aber erwischt schließlich noch eine Motte, die langsam und plump durch den Garten flatterte. Aber da sie sich als besonnenes Wesen sagt: „Eine Motte macht noch keinen Frühling“ es ihr auch noch zu hell ist, so schlüpft sie wieder in die Luke, hängt sich kopfüber an den Dachsparren, wickelt sich die Flügel um den Leib und träumt von besseren Zeiten, in denen das Ungeziefer billiger ist.

Mit ähnlichen Hoffnungsträumen tröstet sich auch die Wasserspitzmaus, die da am Graben herumhuscht, über die magere Zeit hinweg. Sie schnüffelt hier, sie schnüffelt da, und quietscht ärgerlich dabei, denn ihr hin- und herzuckendes Rüsselchen trifft nichts, als mulmiges Holz und modriges Laub. Kurz entschlossen stürzt sie sich in eine Pfütze, so daß ein Buchfink, der da eben ein Bad genommen hatte, ängstlich lockend auffliegt, denn er glaubt, sie habe im Hungerwahnsinn Selbstmord verübt. Er macht aber große Augen, wie er sieht, daß sie ganz vergnügt unter Wasser herumläuft, wobei sie wie ein Stück Quecksilber aussieht. Dann taucht sie wieder auf und verschwindet in einem Moosloch.

Der Buchfink aber lockt. Er ist Strohwitwer; seine Frau kann das Klima hier nicht vertragen, sagt sie, und reist darum jeden Herbst nach Italien und Ägypten. Anfangs paßt ihm das gar nicht, und er machte ihr in jedem April schreckliche Eifersuchtsszenen, weil er annahm, daß sie sich da unten im Süden von irgend einem leichtsinnigen jungen Hahn mehr den Hof machen ließ, als sich das für eine verheiratete Frau schickt. Schließlich aber gewöhnte er sich daran, wenn er auch jeden Herbst über die teure Reise knurrt. Aber in innerster Seele beneidet er den Goldammerhahn, dessen Frau nie verreist, und den Ringeltäuber, dessen Gattin auch hier blieb, [19] als ihr Mann ihr erklärte, die Reise sei ihm zu weit, obgleich es ihr nicht gleichgültig ist, von den Turteltauben sich vorprahlen zu lassen, wie schön es in Ägypten gewesen sei, und sich teilnehmend fragen zu lassen, ob die Kinder dieses Jahr so viel gekostet hätten, daß es zur Mittelmeerfahrt nicht mehr langte.

Wieder bimmelt die Kohlmeise ihr Glöckchen. Ein dicker Kauz, der eng an den Stamm einer Tanne gedrückt dasitzt und über den auffallenden Mangel an Mäusen in diesem Jahre nachdenkt, der mit seinen Erhebungen über den Reichtum an Nüssen in keinen Zusammenhang zu bringen ist, wackelt mit dem Kopfe unwillig hin und her, denn er weiß, entdeckt ihn der bunte Vogel, dann hat er eine Stunde lang die Gesellschaft am Halse und muß sich die gemeinsten Redensarten gefallen lassen.

Aber es wird ihm sehr schwer, still zu sitzen, und sobald es dämmert und die Menschen das Waldwirtshaus verlassen, da drängt es ihn, dumpf aufzuheulen und gellend loszulachen, daß den paar Mäusen, die der Winter am Leben gelassen hat, die kalte Angst über das Fell läuft.

Und als der Dickkopf zum dritten Male gerufen hat, da kommt lautlos ein zweiter Schatten näher, die Käuzin. Und nun jagen sich die beiden im dunklen Walde, knappen mit den Schnäbeln, kreischen und schreien, als zöge man ihnen jede Feder einzeln aus.

„Huh, wie schauerlich!“ ruft ein Mädchen, das am Arme ihres Auserkorenen nach Hause geht; dann lacht sie laut auf über einen Witz ihres Begleiters, und darauf singen beide ein Frühlingslied.

Die Käuzin aber sagt zu dem Kauz: „Nein, was diese Menschen doch für häßliche Stimmen haben! Das soll nun ein Frühlingslied sein! Dummes Volk!“

Und der Kauz fühlt sich geschmeichelt und singt dem kommenden Vorfrühling ein Lied nach Eulenart.