Frauen als Armenpflegerinnen

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Textdaten
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Autor: August Lammers
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Titel: Frauen als Armenpflegerinnen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 722–724
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Frauen als Armenpflegerinnen.

Von A. Lammers,

Weiliche Wohlthätigkeit ist in unseren Tagen die Zielscheibe zahlreicher Witze, und ein Schauspieldichter, der sich gern auf Zeitstosfe wirst, L'Arronge, hat aus den „wohlthätigen Frauen^ ein ganzes Lustspiel gemacht. Soweit dies aus scheue und zart- fühlende Weiblichkeit abschreckend wirkt, ist es sicher schaden denn die mannigfaltigen Aufgaben der Armenpflege leiden immer noch unter einem gewiffen Mangel sich ihnen widmender freiwilliger Kräfte, geeignete Frauen sind dafür leichter zu haben als Männer, denen schon so viel ansgepackt ist, und für manche Pflege^Anfgaben eignet sich unzweifelhaft obendrein die Frau besser als der Mann. Rur in so fern der Spott auch berichtigend zu wirken vermag, ist er nützlich, und viel von dem üblichen Wohlthun der Frauen kann folche Berichtigung noch vertragen. Aber wer verbeffern will, muß selber Einficht haben, die sich auf Erfahrung und Rachdenken ftützt. Daran fehlt es Manchem, der mit dem Ueberlegenheitsbewnßtsein des Mannes in allen Stücken, die das Öffentliche Leben betreffen, auf „das schwächere Geschlecht“ hinabsehen zu dürfeu meint.

Spotter dieser leichten Art pflegen keine Ahnung von den Fort- schritten zu haben, welche die Franen bereits in der Reinigung ihres Wohlthuns von den so ost getadelten Answüchsen und in der Erobernug eines würdigen Antheils an der öffentlichen Armen- pflege gemacht haben. Ihnen muß man dies alfo als Schild für das ,.zarte, leicht verletzliche Geschlechts, wie die Prinzessin Leonore im ,.Tasso“ sagt, entgegenhalten - zugleich aber und hanptsächlich jenen vielen, nnendlich vielen Franen es zeigen, die im Herzen brennen, unglücklichen Menschen in ihrer Rähe eine rettende, helsende, tröstende Hand zu reichen, und nur nicht recht wissen, wie das wahrhaft wirksam anzusaugen sei. Ia, dies ist um so nothiger, als auch die Lieblingsrathgeber der Franen, die Geist- lichen, bei Weitem nicht alle gehörig Bescheid wissen in der Lehre und Kunst der Armenpflege, van der sie auf ihrem Bildungsgange ja leider nicht eiumal die Grnndbegriffe erfahren.

Eine Frau ist, bis sie durch Leitung oder eigene, allmählich ansteigende und umfichgreifende Erkenutniß den rechten Weg des [723] 


Wohlthnns entdeckt, immer in Versuchung, theil^ zu oiel, th^

zu wenig zu thun.

Sie mag noch so ost gehört haben, das unter den Bettlern sehr geschickte Dürstigkeitshenchler sind^ wenn ein zerlumpter Mensch seine Iammermiene vorsteht und die Hand hehl nmcht, ^eis^ sie doch in die Dasche, des ersten Eindrncks nachgiebige begueme Beute. Oder sie erfährt, daß eine frühere Dienftnmgd ihrer Eltern in Roth gerathen ist, fncht sie auf und sindet, das die Aermste ihren Kaffee ohne Zncker trinken muß. slugs sammelt sie unter ihren Frenndinnen, bis dieser schreiende Mangel für die Dauer gedeckt ist. Aus Reisen hast sie durch thre gntmüthig hingeworfenen Kupfer- und Rickelmüuzeu den zudringlichen Bettel am Leben erhalten, über den als eine Plage, die Einem den Genuß der schönsten ^Landschaften ftäre, doch Riemand wortreicher klagt, als sie felbft. In ihrem Heimathsorte arbeitet sie oft geung allen Anschlägen kundiger Männer entgegen, des Bettels an den Haus- und Stockwerksthüren Herr zu werden. Sie ist die Hilfsquelle aller heimlich herumkriechenden Mitleidsschmarotzer in der Stadt. Ihre reichlichen und sreigebig gespeudeten Mittel tragen häufig dazu bei, das Loch des Elends weiter zu reißen, das sie stopfen wollen, denn sie schwächen in Bedrängten den uuschätzbaren Drieb, sich selbst aus der Klemme zu ziehen den keine sremde Hilse ersetzen kann. Es ist damit ganz so wie in jener sagenhasten Erzählung vom Fürsten Bismarck, nach der dieser einem Jagdgenosfen, der in den Snmps gerathen war, kaltblütig angekündigt haben soll, er werde ihn erschießen, um seine Leiden abzu.ürzen und dem gnalvollsten Erstielungstode zuvorzukommen. Hätte er statt deffen, wie der eingesnnkene Frennd erwartete und flehte.. ihm unvorsichtig gleich die Hand gereicht, so wären sie Beide vielleicht im ekelhastesten Moraste unter- gegangen. Ieue scheinbar herzlose Drohung aber bewirkte, daß der Andere alle Krast ausbot, sich selbst aufs Trockene zu bringen, und so auch glücklich wieder heranskam..

Ein Mensch, der immer mit seinen Almosen bei der Hand ist, wirst sein Geld weg, ohne wahrhast zu nützen und zu helsen. ..^ie Franen aber sind dazu.im Allgemeinen mehr ansgelegt als die Männer, nicht etwa nur weil ihr Herz weicher, sondern auch weil ihr Einblick in den Znsammenhang der Dinge und die weiteren, nachwirkenden Folgen übereilter Unterstützung Fremder uaturgemäß minder ausgebildet ist. Deßwegen thun sie auf diesem Vnnkte gern und leicht zu viel.

Viele thun dann aber eben deßhalb auch zu weuig. Sie wolleu nicht erst nntersnchen wo sie mit ihren Gaben eingreisen , wollen die Gaben nicht ersetzen durch Hilse anderer und viel werthvollerer, freilich auch mühevollerer Art.

In der Armenpflege ist Rath oft nnendlich viel besser als die rasche, begueme, unbedachte That. Viele nach erwerbsfähige Arme können es so wenig vertragen, daß Andere ohne weitere Umstände für alle ihre Bedürfnisse sorgen, wie ein Kind die Er- süllung aller seiner Wüusche oder ein Kranker das Einstimmen in seine wehleidigen Klagen. Man muß ihnen vielmehr Much machen und auf die Sprünge helfen, daß sie sich nach nenem lohnenden Erwerb unermüdlich nmseheu. Man muß ihre Wirth- schuft, ihren Haushalt, ihre housliche und persönliche Gesuudheits- pflege, ihre Kiudererziehung, ihr gegeuseitiges Verhalten zu eiu- auder zu verbesseru suchen, statt mit Geld und anderen todten Sachen, die nichts beleben, nur ertödten können, um sich zu . wersen. .

Das ist, woran die wohlthätigen Franen es häufig fehlen laffeu, so lauge sie ihren momentanen Eiusällen überlassen sind. Es ist aber keine Schwäche des weiblichen Geschlechts, sondern eine allgemeine Schwäche der Renliuge. Augeheude männliche ^sleger der Armuth sind derselbeu gerade so ausgesetzt. Sie sind ebeusalls immer zu sräh bei der Haud mit Gaben, legen an den Vedarf der Armen einen zu hohen Maßstab, weil sie sich nicht die Mühe genommen haben, ihr wirkliches Leben näher kennen zu lernen, und strapazieren den städtischen Ventel oder den ihres Wohlthätigkeitsvereins, während sie ihre Pfleglinge durch schlechtüberlegte Verwöhnung noch ein paar Stnsen tiefer hernnter- drücken. Mit der Renlingschast verliert diese für die Gelellschast kostspielige, für die Armen verhängnisvolle Reigung sich bei Frauen ebenso gut wie bei Mäunern.

Ruu stellt sich aber dem tieseren Eindringen in die Ber- hältnisse der Armuth ein anderes Hindernis lahmend in den ^..e^

die Scheu vor der Wahrnehmung sremden Elends, die schon nicht selten zu nnüberlegten Almosen an Bettler führt, das^ nmn ihre Lnmpen und Schwäre nur nicht lcnmer sehen, ihr Gesammer nicht mehr hören müsse. Ter glückliche Mensch wünscht, thnnlichst wenig mit Kenten und Zustaudeu in Berührung zu kommen, die ihn aus seinem Wohlgesühl heransschrecken könnten. Er sürchtet sich gewissermaßen vor seinem eigenen Mitleid.

Hat er nicht Rechte Der erste Anblick ungelinderter mensch- licher beiden wird ihn in der Regel niederdrücken, schwermüthig machen und vermöge jener Reigung nuserer .^hautasie, die Erlebnisse Anderer in Gedanken aus uns selbst zu übertragen in gnälende Deisel em der Dauer des eigeuen Glückes stürzen. Rein, er hat doch Unrecht. denn dies ist nur die augenblickliche erste Wirkung. Der Ansangseindrnck des Gewahrens von Roth und Pein bei Anderen ist ebenso uuaugeuehm, aber ebeuso wenig bleibend, wie wenn man zum Badeu in kaltes Wasser springt, eine Operation übersteht, ein E.ramen macht, oder in eine Gesell- schast tritt, die man ihrer Bedentung oder ihres Reizes halber sucht und ihrer . Renheit wegen doch ein wenig sürchtet. Dieser fatale Ansangseindrnck würde nur d.mn nachhaltig sein, wenn nichts geschähe, Bein und Roth.. zu liuderu - nichts eutweder durch Dritte, oder was noch bei weitem wirksamer, durch uns selbst. Rnr sich selbst überlassnes , hilfloses und nnbekämpstes Elend beugt uns dauernd nieder.

Man geht in ein Krankenhaus, um einen Freund zu besuchen der sich einem berühmten Chirurgen aus Messer liesern muß. Es ist das erste Mal, daß man so viel Schmerzen und Leiden zu.auf sieht. Die Vorstellung hat sicher nichts Erfreuliches. Leicht erregbare Rerven zittern mit, wenn sie einen Mitmenschen aus den Operationstisch tragen sehen, oder hören, wie ein Trichinen- kranker in der Omal der rastlos dnrchwühlten Muskeln stöhnt, oder dem irren wilden Blicke eines Wahnsinnigen begegnen. Aber dann solgt als unansbleiblicher zweiter Gedanke derjeuige an die Hilse und Vslege, welche die Leidenden hier sinden ^llle habeu sie es ^ hier besser als daheim, denn weßhalb mären sie sonst hergekommen^ Für die Meisten ist der Abstand zwischen der Wartung, die ihnen in der eigenen übersüllten Wohnung zu Theil werden konnte, und der Vehandlung durch lauter erfahrene Häude, der Verfügung über die Hilfsmittel einer wohlverfeheuen ösfentlichen Anftalt so weit wie der Abstand zwischen Armuth und Reichthum. Iede uns begegueude Vslegeschwester , sei sie vom Rothen Kreuz, Diakonissin oder Varmherzige, erneuert den Eindruck dieser anßerordentlichen Wohlchat, und da fast sede von ihnen, deren ganzer Veras doch in dem Verkehr mit Leideuden ausgeht, gleichwohl ruhig, wo nicht geradezu.seelensreudig und vergnügt erscheiut, so beginnt uns die Ahnung auszudämmern , daß die Wahrnehmung sremder Leiden auf die Lauge nicht so niederbeugend wirkt, wie wir nach dem erften Eindruck zu nrtheilen geneigt waren

In den Hütten der Armuth machen die Töchter des Wohl- ftandes alle Tage die gleiche Erfahrung. Znerft wollen sie lieber gar nicht hinein, denn ihr ansgebildeter ästhetischer und wahr- scheiulich sogar etwas verzärtelter Siun macht sich nicht mit Uurecht aus schwere Kräukungen gefaßt. Die Rase empfäugt schou bei der Oeffuung der Hausthür den Vorgeschmack deffen, was die Augen zu sehen bekommeu werden und was sich in roher Sprache Lust machen wird. Aber die Roth in unserer Umgebung ver- schwindet ja nicht dadnrch, daß wir uns weigern von ihr Rotiz zu nehmen. Im Gegentheil. je weniger Rotiz die Hilsesähigen von der sie umringenden Hilssbedürstigkeit nehmen, desto üppiger wird diese weiterwnchern und am Ende uns anssnchen, dann aber sordernd und gesährlich drohend, wosern wir ihr nicht zuvorkommen. Schlnmmert also Gefahr in der Richtbeachtmm der Massennoth und weicht sie doch nur mit der Zeit den Hilfst und Heil- mitteln welche Veffergeftellte anzuweuden im Stande sind, so mus. die Scheu vor Schmutz und Mißgeruch und den Ausbrücheu schwergeguälter Seelen überwunden werdend und wer sie in sich nnterdrückt, der wird bald mit Wonne empfiuden daü er aus diesem Wege sein eigenes nnversehrtes Glück nicht beeinträchtigt, sondern mehrt und stärkt. So lange wir uns um die Bedrängten nicht kümmern entsenden sie von Zeit zu Zeit ein sehr nubehag^ liches Gesühl nicht verdienten Borzu.s und nicht gemilderten sremden Elends in die hartherzig verschlossenen Seelen. Aber wir brauchen uns ihrer nur ernstlich anzu.ehnmn sei es mit Opsern vom eigeueu Uebersluß oder besser noch mit srischer [724] 

hilfsbereiter Dhätigkeit, so löst sich der Drnck, und unser Glück wnrzelt sich fefter in dem Bewnßtsein wohlbethätigter Rächstenliebe.

Immer mehr Franen empfinden dies und handeln danach. Sie begnügen sich nicht mit den zu.älligen Gelegenheiten zum Wohlthun, welche ihr eigener Lebenskreis ihnen eröffnet, fondern

fuchen in allerhand Vereinen die ftets bereite Öffentliche Gelegenheit

auf. Solcher Frauenvereine giebt es in manchen unserer älteren, reicheren und durch bürgerlichen Gemeinsinn hervorragenden Städte schon seit den Befreiungskriegen, und die Einheitskriege

von .l.^l, .l^, .l^ und .l^.l haben neue hinzugefügt

in den Vaterländischen Franenvereinen und ihres Gleichen. Sie erziehen ihre Mitglieder zu einer vernünftigeren, edleren und wirkfameren Wohlthätigkeit, als blindlings ausgestreute Geld- und Werthgaben sind. Aber in ihrer Vereinzelung und unumschränkten Selbständigkeit sind auch diese Bereine noch der Gesahr einer zweckwidrigen Vergeudung ihrer Wohlthaten ansgesetzt, weil sie da nicht durchgehends zu.erlässig übersehen können, ob ihre Vsleg^ linge nicht schon anderweitig uuterstützt, also auch nicht wahrhast bedürstig und in so fern würdig der Hilse find.

Ties hat ftädasche Armenbehorden schon oft über die wohl^ thätigen Frauenvereine fenfzen lassen. Sie sehen sich durch das Gefetz gezwungen, alle Hilfsbedürftigen des Ortes zu nuterftützen , wenn nnu aber ihre Pfleglinge obendrein noch von diefem oder senem Verein weniger wohlbedachte und wohlbemessene Gaben empfingen, oder wenn durch Bereinswohlthaten Leute ohne Roth verwohnt und zu daueruder Hilfsbedürftigkeit hinabgedrückt wurden, so wuchs vor ihren sorgenden Augen die Last der Stadt ins Unerschwingliche. Ohne weder den Damen der Vereine ihre Freude am Helsen noch den Vereinspsleglingen schlechthin jede Unterstützung über das strenge städtische Maß hinaus zu miß-

gönnen, erschien ihnen dieses Wohlthun doch hänsig als eine

künstliche Besordernug der Roth, welcher es abhelfen wollte, als

eine schwere Störung des Crziehungswerks, das sie an den noch

erwerbsfähigen Armen des Orts zu vollbringen hatten, und als eine Pflege schmarotzerhaft wnchernden Unkrauts.

Wachfame, entschlossene ^ Armenbehorden haben deßhalb die Franenvereinsthätigkeit in fefte Verbindung mit sich felbft zu setzeu getrachtet. Vaterländische Frauenvereine oder einzelne hoch^ gesinnte Frauen sind ihnen ihrerseits dazu entgegengegangen. Verschiedene Formen solchen geregelten und glücklichen Zusammen wirkens kameu in der Wauderversammlung dentscher Armenpsleger zur Sprache, als sie dieses Jahr am .lt.i. und .t^. September in Bremen tagte.

Es tras sich vor fünf^oder sechs Jahren in Stettin, daß der zweite Bürgermeister die Armenverwaltung unter sich hatte und dessen Gemahan an der Spitze des Vaterländischen Franenvereins stand. Da vermocht^ diese die Wohlthätigkeitsvereine der Stadt, sich unter einander und mit der städtischen Armenbehorde in fort- lanfenden Verkehr zu fetzeu, damit jede unterftützende Stelle von allen anderen erfahre, wem sie beiftehen und womit, zu. Ver- hütung doppelter und noch mehrfältiger Hilfe.

Aehnlich hat die Armenbehorde der Stadt Vremen die dortigen Wohlthätigkeitsvereine angefordert, ihr im Vertranen mitzutheilen, was sie thun und wem, um sie nötigenfalls vor dem Mißbrauch ihrer Mittel warnen zu können.

Am weitesten ist man bis jetzt in Kassel gegangen. Dort entstand bei einer allgemeinen Verjüngung der Gemeinde-Armen- pslege der Wnnsch , weibliche Kräfte heranziehen zu können ^ und kaum aufgetaucht, wurde er auch erfüllt, indem der Vaterländische Franenverein eine seiner Abtheilungen zu förmlichem Eintritt in die Reihen der Pslegekräfte anbot. Seitdem wirken Pflegerinnen gleichberechtigt mit den Vflegern, und ihre Oberin hat Sitz und Stimme in der Behörde, die die ganze ftädasche Armenpflege leitet. Wie vortrefflich das gehe und wirke, bezeugte in der Bremer Verfammlung von der einen Seite der Vürgermeifter, von der anderen der Schriftführer des Valerländischen Franenvereins. Erfterer rieche zugleich auf Grund der vierjährigen ..Erfahrung Kaffels an, die Fraueu nicht einzeln in den Vezirksberathungen unter männlichen Armenpflegern fitzen. zu lassen und die ^Auswahl der ihnen anzuvertrauenden Geschäfte nicht . allzu ..ängstlich ein- zuschränken.

Man sollte denken, daß jene große Reform ftädtischer Armen-. pslege, die von Elberfeld ihren ^weltbekannten,. geschichtlichen

Rameu trügt, schon von selbst die Aufnahme möglichst vieler Franen in den thätigen Kreis und ihre Befafsung mit den meisten, wo nicht allen Vflegegeschäften nach sich ziehen müsse. Wo man von roher Gabenvertheilung ^außerhalb der Anstalten.. übergeht zu sorgfältiger Eiuzelbehandlung, wo man den Kindern und Schwachen Erziehung angedeihen käßt und den vom Erwerb abgekommenen vollkräftigen Erwachsenen freundschaftach beisteht, da stellt sich plötzlich ein bisher nnerhörtes Bedürfniß nach pflegenden vornmndschaftachen Kräften herans. Dnrch Anftellung gegen Entgelt läßt es sich nur zum allerkleinsten Theile besriedigen. Es ist aber auch nicht etwa ein Streben nach nothdürftigem Crfatz, daß man freiwillige Vfleger vorruft. dieser Freiwilligen-Dienft hat vor der kahlen kalten Abmachung der Sache durch lauter bezahlte Angeftellte deutlich empfundene Vorzüge. In den großen rheinischen Fabrik^ ftädten, wo die Unficherheit der Lage und fteten Veschäftigung der Arbeiter zu ausreichendem Lohne ohne Unterlaß vor Augen fleht und die Gemüther beherrscht, hat es feit einem Menschenalter nicht schwer gehalten, die nothige Znhl r^on Vflegern unter den bemittelteren Männern zu finden, mögen diese .dort verhältniß^ mäßig auch wenig zahlreich sein. .In Städten mit nicht .so dringender und auffälliger Roth der Massen, in kleinen Städten vollends und aus dem Lande hat es seine große Schwierigkeit. Diese Schwierigkeit aber nimmt allenthalben noch täglich zu mit den gewaltig wachsenden Ansprächen des Staats an seine Bürger, der verschiedenen Kirchen an ihre Angehörigen, der Gemeinden, Körperschasten und Vereine an Alle, die über das nächste eigne Bedürsniß hinans ein wenig Krast, Mittel und Muße übrig- behalten. Da melden sich doch die Frauen zu den Geschästen und Sorgen der Armenpflege höchst willkommen!.

Selbst in Clberseld und Erefeld, den Mnsterstädten heutiger rechter Armeupskege, hat man nicht ganz aus ihre Hilse verzichten wollen. Rur beschränkt man sie dort aus einen Theil des großen Geschäfts.. in Creseld bleibt die Untersuchung der Hilfsbedürftigst ihuen fern, in Elberfeld leiten sie die Krippen und die Ferien^ kolonien. Das erklärt sich vollkommen aus der langjährigen Schulung der dortigen männlichen Pfleger. Ohne Roth giebt man die schwierigeren Ausgabeu eines Beruss nicht gern an Reulinge ab. Aber wo das Massenausgebot von Freiwilligen wider die Massennoth - wie man das Clberselder System kurz

^ charakterisiren könnte - noch jung ist oder erst erfolgen soll, da steht nichts Vernünstiges im Wege, die Frauen von vornherein gleich den Männern in Reihe und Glied zu stellen.

„Leistungen werden bald,^ sagte der Korreserent aus dem Vremer Armenpslegertag, „die verantwortlichen Leiter überzeugen, daß den Frauen, die sich hier sreiwillig anbieten, nach und nach fast alle Geschäfte der Armenpflege ziemlich ebenso gut wie Männern übertragen werden können. Ich glaube für meinen Dheil nicht daran, daß sie sich für Registersührung und Kassengeschäste nicht eignen sollten. Rur wo ! es sich um die genaue Gesetzes^ kunde des. Inristen handelt, wird dem Manne diese speeielle Schulung danernd seinen Vorzu. erhalten. Im Uebrigen brancht ja nichts gewagt und überstürzt zu werden. Man geht schritt^ weise vor und erzieht sich so die Helserinnen allmählich zu immer umsassenderer Verwendnug, wie man sich auch die nen zutretenden Männer erziehen muß. In dem Maße wie das Zntrcmen in ihre Leistungsfähigkeit wächst, werden mehr Männer srei für die vielen sonstigen Ansprache des ösfentlichen Lebens, die zur Ueber^ bürdung aller Willigen führen, und treten mehr Frauen aus der Richtigkeit pflichtenlofen Dafeins über in eine berufsartige Arbeit, welche ihnen felbft noch mehr Lebensfrenden in Ansficht stellt als der nach ihrer linden Hand verlangenden hilssbedürstigen Armnth.^ Wenn dieser kulturgeschichtliche Vorgang sein einstweilen nicht zu bestimmendes natürliches Ziel erreicht hat und damit die Grenzen in einander fließen, welche heute noch das Wohlthuu unaufhaltfamen weiblichen Mitleids an den Hansthüreu und in den Frauenvereinen von der ftrenggeordneten durchdachten Armen... pflege gnter Behörden trennen, wird ein großer Ztviespolt und Widerspruch in nnserer Behandlung der danernden, immer anfs neue hervortretenden und Hilfe erheischenden wirtschaftlichen Roth.^ stände verschwinden. Kops und Herz, mochte man sagen, gehen

^ dann auf^ diesem wichtigen soeialen .Gebiet eine neue Che ein,

^ deren sruchtbriugeude Harmonie sich in allen Sphären der Ge^.

^ sellschaft ebenso stärkend wie versöhnend fühlbar machen wird.