Hans Holm

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Textdaten
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Autor: Ernst Deecke
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Titel: Hans Holm
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aus: Lübische Geschichten und Sagen, S. 278–282
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: Carl Boldemann
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Erscheinungsort: Lübeck
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[278]
160. Hans Holm.

1506 ungefähr, als die schweren und verdrießlichen Händel zwischen König Hans von Dännemark und den Lübschen vorhanden, hat es Hans Holm, welcher damals der Stadt Lübeck Hauptmann war, zum höchsten verdrossen, daß die Dänen so lästerlich zu Werk gegangen; weßhalb er sich folgendes verwegene Wagstück vorgenommen.

Da man nämlich eben zwei Diebe henken wollen, jammert den Hauptmann des frischen jungen Bluts; er tritt also vor Einen Rath und bittet sie los, daß er mit ihnen einen verwegenen Anschlag verrichten möge, woran der Stadt Lübeck viel gelegen sein würde. Als ihm das Begehren bewilligt, geht er zu den Gefangenen und fragt sie: ob ihnen lieber sei mit Ehren zu sterben, als in großen diebischen Schanden? Darauf sprechen sie: daß sie lieber zwei- oder dreimal, so es möglich, mit Ehren, denn einmal in Schanden sterben wollten. „Nun wohlan, spricht der Hauptmann, so schwört mir einen Eid, daß Ihr bei mir Euer Leben abentheuren wollt!“ Das geschehen, läßt er sie beide los machen, nimmt sie gen Travemünde in ein kleines Schiff, fährt zur Nacht in den Öresund, wo die ganze dänische Flotte liegt, fängt an sein Feuerwerk zu gebrauchen, giebt wohl Acht auf den Wind, und [279] wirft aus seiner Schute Feuer in die Orlogsschiffe der Dänen, also daß er die besten und vornehmsten in Brand setzt. Dann ist er an’s Land gegangen und hat mit Lust zugesehn; den Dieben aber hat er Zehrgeld gegeben, und sie laufen lassen, wohin sie gewollt.

Als nun der Hauptmann wieder gen Lübeck gekommen, und Einem Rath vermeldet, was er verrichtet, bittet er abermals zwei Orlogsschiffe los, geht damit in die Westsee und sucht die, welche vor dem Feuer entkommen sind. Da hat er Kundschaft, daß ihrer etliche durch Sturmwinde nach Frankreich verschlagen worden; denen folgt er, und findet ihrer drei in einem guten Hafen. Dort fällt er sie an, und will mit ihnen fort; aber zu seinem Unglück kommen viele andere Schiffe desselben Reichs, welche auch in den Hafen gewollt; die nehmen den Hauptmann und führen ihn an einen bösen Ort in Frankreich, wo er fast lange gefangen gehalten worden.

Als nun Hans Holm ein Jahr nach dem andern also außen geblieben, und man nicht wissen können, wo er wäre, hat man in Lübeck an seiner Statt einen andern wohlerfahrnen Kriegsmann, Hans Stammel genannt, zum Hauptmann wieder angenommen.

Hans Holm aber hat in seiner Gefängniß einen neuen Anschlag erdacht, dergestalt daß, als er auf eine Zeit des Gefangenmeisters Tochter ersieht, welche da schön war, er einen Brief an sie verfertigt, sich darin ihr kund [280] giebt, was er für ein Mann sei, und verheißt: wenn sie ihm wolle beförderlich sein, aus der Verhaftung zu kommen, und mit ihr davon zu ziehen, solle sie, ungeachtet ihres geringen Standes, ihm in Lübeck angetraut werden.

Die Jungfrau ist darauf zu ihm vor’s Fenster gekommen, ihm tröstlich gewesen, und hat ihm gute Hoffnung gemacht, bis sie endlich, auf sein hohes Gelübde, in alles einwilligt.

Unlängst danach hat sie ein kleines Schifflein mit aller Nothdurft nicht weit von demselben Ort bestellt, und gute Gelegenheit gesucht: da macht sie den Hauptmann los und flieht mit ihm davon.

In Lübeck glücklich angekommen, lädt der Hauptmann die vornehmsten Prälaten samt andern Geistlichen und Rechtsverständigen zu Gast, und giebt ihnen nach gehaltener Mahlzeit, im Beisein der Jungfrau, zu vernehmen, wie es ihm auf der langen Reise und in Frankreich ergangen, und wie er dem allmächtigen Gott zwei unterschiedliche Gelübde gethan. Nämlich in seinen jungen Jahren: daß er nicht freien oder heirathen, sondern sein Leben ohne Gemahl bis in den Tod führen wollte. Zum andern aber: da er in Frankreich in schweren Ketten und Banden etliche Jahre lang gelegen, und mit höchstem Fleiß nach seiner Freiheit getrachtet, hätte er kein anderes Mittel zu finden gewußt, als sich, wie zuvor gesagt, mit Hülfe dieser Jungfrau frei zu machen, [281] und also in seiner höchsten Noth ihr ein solches Gelübde gethan, daß sie ihm zu Lübeck vertraut werden sollte. Hierauf nun wäre sein freundliches Begehren, von den gegenwärtigen Herren zu vernehmen, wie er sich in diesen Gelübden zu schicken und verhalten, um sein Gewissen nicht zu verletzen: ob er Gott das erste, oder dieser Jungfrau, welche ihn vom Tode errettet, sein anderes Gelübde halten sollte.

Die Herren Prälaten haben sich verwundert, sind auf die Seite gegangen, und mit der Antwort wiedergekommen: daß er vor allen Dingen Gott halten solle, was er Gott erstlich versprochen; daß er aber der tugendsamen Jungfer seine Dankbarkeit zu beweisen auch nicht vergessen dürfe. Sie möchte sich also in der Stadt Lübeck einen guten, ehrlichen Gesellen erwählen, den sie zum Eheherrn begehrte; dem sollte der Hauptmann so viel an Brautschatz geben, als er schuldig und pflichtig gewesen, der Jungfrau nach seinem Tode, wofern sie sein Ehegemahl geworden, zu verlassen.

Dies Urthel hat der Hauptmann gar gerne annehmen wollen; die Jungfrau aber hat sogleich ein Gelübde gethan, daß sie, wie er, bei ihrer Keuschheit bleiben und ohne Mann ihr Leben enden wolle. Darauf hat sie vom Hauptmann einen ehrlichen Unterhalt Zeit ihres Lebens begehrt, und ihn seines Gelübdes entlassen.

[282] Diese Jungfrau ist Anno 1523 gestorben und vom Hauptmann im Dom hinter dem Chor ehrlich begraben. Nachmals hat er über den Altar daselbst ein schönes Epitaphium setzen lassen, das von einem guten Meister in Frankreich gemahlt war, nämlich ein schönes Marienbild im blauen Kleid mitten in der Tafel stehend, der Jungfrau wahres Conterfei; auf der Linken kniete er selbst, wie er in Helden, Schlössern und Banden gewesen, zur Rechten aber in seiner Rüstung, wie er staffiert war, da er in den Krieg gezogen.

Dieses alles haben vornehme, ehrliche Biederleute zu unterschiedlichen Malen erzählt, welche sowohl den Hauptmann wie auch die Jungfrau bei ihrem Leben gar wohl gekannt.