Hans Sachs (Gartenlaube 1894)

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Autor: Hans Poesch
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Titel: Hans Sachs (Gartenlaube 1894)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 732
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1894) b 725.jpg

Bildnis des Hans Sachs nach Brosamers Holzschnitt vom Jahre 1545.
Mit Randzeichnung von R. E. Kepler.

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Hans Sachs.
Ein Gedenkblatt von Hans Boesch.
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Das Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg.

Die Stadt Nürnberg hat für den 5. November dieses Jahres zur Feier des vierhundertjährigen Geburtstages von Hans Sachs ein Fest vorbereitet, bei dem sich die ganze Bürgerschaft vereinen wird im Ausdruck der Freude, daß neben dem größten deutschen Maler der Reformationszeit, Albrecht Dürer, auch der größte deutsche Dichter dieser gewaltigen Epoche deutschen Geisteslebens ein Sohn und Bürger ihrer ruhmreichen Vaterstadt gewesen ist. Und auf allen deutschen Bühnen von künstlerischer Bedeutung wird an diesem Tage durch die festliche Aufführung Hans Sachs’scher Schwänke daran erinnert werden, daß derselbe Hans Sachs der erste hervorragende deutsche Dramatiker von nationalem Charakter war.

Freilich sind diese kleinen, in der Form eckigen und spröden, im sprachlichen Ausdruck veralteten, im ihrem frischen Geist und Humor jedoch noch urlebendigen Scherzspiele auf der heutigen Bühne und im modernen Bildungsleben nur Fremdlinge. Einst, wie die erzählenden Gedichte und die poetischen Flugschriften, mit denen Hans Sachs im Geiste der Reformation wirkte, für die breite Masse des Volkes geschrieben und auch ihrer Verbreitung und Beliebtheit nach von der umfassendsten Volkstümlichkeit, sind sie heute meist nur noch der Gegenstand gelehrter Liebhaberei und historischen Interesses. Und doch ist das Bild des kernhaften Nürnberger Volksdichters, der Werktags mit Pechdraht, Hammer und Pfriem dem ehrsamen Schusterhandwerk oblag, um sich den Sonntag durch treue Pflege der Poesie zum Festtag werden zu lassen, auch heute jedem Deutschem gegenwärtig, der sich für die ideale Seite unserer Geschichte ein Interesse bewahrt hat. Nicht nur durch die Gestaltung, welche die neuere Kunst, vor allem die Schöpfer des Hans Sachs-Denkmals in Nürnberg, Kraußer und Lenz, und Richard Wagner in seiner Bühnenfigur seiner Erscheinung gegeben. Wer auch von Hans Sachs unmiltelbar nichts gelesen haben sollte, Goethes Gedicht „Hans Sachsens poetische Sendung“, das durch Form und Inhalt uns dessen kraftvolle Dichterart verauschaulicht, hat er gelesen. Und die schöne Thatsache, daß die hohe Blütezeit der deutschen Poesie, deren machtvollstes Werk Goethes „Faust“ ist, durch dieses Dichters jugendfrische Begeisterung für die naive Dichtung des Hans Sachs befruchtet wurde, ist für uns eine lebendige Beziehung zu diesem selbst. Das Vorbild für die schlichten Reimzeilen, die im „Faust“ für das Innigste und Erhabenste zum schmiegsamen Gewand wurden, entnahm Goethe unmittelbar den Dramen des Meisters, zu dem er in seinem Gedicht die Muse im Kornährenkranz sagen ließ:

„Ich habe dich auserlesen
Vor vielen in dem Weltwirrwesen,
Daß du sollst haben klare Sinnen
Nichts Ungeschicklichs magst beginnen.
Wenn andre durch einander rennen,
Sollst du’s mit treuem Blick erkennen
Wenn andre bärmlich sich beklagen,
Sollst schwankweis deine Sach’ fürtragen;
Sollst halten über Ehr’ und Recht,
In allem Ding sehn schlicht und schlecht,
Frummkeit und Tugend bieder preisen,
Das Böse mit seinem Namen heißen,
Nichts verlindert und nichts verwitzelt,
Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt;
Sondern die Welt soll vor dir steh’n,
Wie Albrecht Dürer sie hat geseh’n,
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innere Kraft und Ständigkeit.“

[733]
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Heimstätten der Nürnberger Meistersingschule zur Zeit des Hans Sachs.

Der Hinweis auf den großen Maler Albrecht Dürer, der, auch aus dem Handwerkerstande hervorgegangen, in der Zeit von Nürnbergs höchster Blüte dort gleichfalls seiner Kunst obgelegen hat und mit dem Sachs die schönsten Züge seines Charakters teilte, darf uns aber nicht zu der Vorstellung verleiten, daß der Aufschwung der bildenden Kunst in Nürnberg, dessen unvergängliche Denkmäler wir in den Meisterwerken von Albrecht Dürer, Adam Krafft, Peter Vischer und Veit Stoß bewundern, ohne weiteres der deutschen Poesie zugute gekommen wäre. Wie die Gedichte und Dramen des Hans Sachs in Bezug auf Kunstvollkommenheit nicht an die Werke dieser bildenden Künstler heranreichen, so hatte sich der Poet keineswegs der gleichen Gunst der Zeitumstände wie sie zu erfreuen. Jene gelangten unter dem Einfluß der Renaissance und des Humanismus zu ihrer Größe – dieser zu der seinen unter dem Einfluß der Reformation. Die unmittelbare Wirkung des Humanismus entfremdete die Poesie in Deutschland der eigenen Sprache und dem eigenen Volkstum und machte sie zum Privilegium der Latein und Griechisch schreibenden Gelehrten, die voll Ueberlegenheit und Verachtung auf das dichterische Treiben der Meistersinger und Schwankdichter ihrer Zeit herabsahen. Auch im Rat der Stadt Nürnberg saßen Patrizier von humanistischer Bildung, denen Dürer reiche Förderung zu danken hatte, von diesen Humanisten aber hat Hans Sachs nie Förderung, vom Rat seiner Vaterstadt nur Maßregelungen erfahren.

Erst die Reformation, welche gleich dem schlichten sächsischen Bergmannssohn, der ihr mächtigster Führer war, aus der Tiefe des Volkes entsprang, machte in Deutschland die Poesie wieder volkstümlich, aber auch nur in den schlichten Formen, welche dem Volke geläufig waren. Unter dem Aufschwung des bürgerlich kritischen Geistes, den sie in jeder Richtung hervorbrachte, wurde die kräftige und deutliche Aeußerung des Gedankens, der Drang nach Wahrheit und Bekenntnis der Wahrheit in so ausschließlicher Weise zur Hauptsache in der Litteratur, die sich nun ans Volk in seiner weitesten Ausdehnung wandte, daß der Kultus der schönen Form darüber vernachlässigt wurde. Als einen solchen, dem besten Kern des Volkes entsprossenen Bekenner des protestantischen Geistes und des von diesem geweckten bürgerlichen Selbstbewußtseins in allen Gewissenssachen muß man Hans Sachs auffassen, um ihm gerecht zu werden. Und seine Bedeutung begreift man erst ganz, wenn man die Bedeutung erwägt, die der Verbreitung dieses Geistes gerade dadurch erwuchs, daß er ihn den schlichten, derben Formen einflößte, in denen damals die Poesie beim Volke beliebt war, daß er die Nutzanwendung der Reformation auf das bürgerliche Leben nicht nur ernst, sondern – wie es oben in Goethes Gedicht heißt – „schwankhaft“ vorzutragen verstand. Die verkünstelten Strophengedichte, die er als „Meistersinger“ zum Vortrag in der Nürnberger Meistersingschule brachte, waren zwar das Werk eines eifrigen Strebens nach Formvollendung, blieben aber in ihrem Wesen und Kern von echter Poesie sehr weit entfernt; als echter lebensfrischer Poet dagegen bewährte er sich zu allermeist in seinen Schwankgedichten und dramatischen Schwänken; sie wandten sich ans Volk und drangen ins Volk; in ihnen bethätigte er sich als der große Volksdichter, als den wir ihn noch heute feiern und lieben.

Am 5. November 1494 ward Hans Sachs als Sohn eines ehrsamen Schneidermeisters in einem bis jetzt noch nicht festgestellten Hause der damaligen Koth-, jetzt Brunnengasse bei der Lorenzkirche geboren. Obgleich für das Handwerk bestimmt, ließ ihn sein Vater vom siebenten bis zum fünfzehnten Jahre die lateinische Schule besuchen, was einen guten Grund für seine spätere Bildung legte. Dann erlernte er die Schuhmacherei. Hans Sachs muß sich in dem erwählten Berufe hervorgethan haben, denn schon nach zwei Jahren, als Siebzehnjähriger, durfte er sich auf die Wanderschaft begeben. Und da sah er sich in unserem deutschen Vaterlande nun recht tüchtig um. In Oesterreich und in Tirol war er, wandte sich dann vom Main aus an den Rhein und besuchte die Kaiserstadt Aachen, zog dann weiter durch Westfalen und Niedersachsen , hatte in Lübeck Gelegenheit, Vergleiche zwischen dieser mächtigen Seehandelsstadt und seiner nicht minder rührigen Vaterstadt im Binnenlande anzustellen, und lenkte über Leipzig und Erfurt seine Schritte der Heimat zu. Von der fünfjährigen Wanderschaft hat der aufgeweckte Jüngling, der regen Geistes und klaren Auges in die Welt schaute, einen reichen Schatz von Kenntnissen und Erfahrungen heimgebracht, von dem er bis in

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Hans Sachs als Meistersiner.
Nach einem Tafelgemälde aus dem 17. Jahrhundert.

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Aufführung eines Fastnachtsschwankes von Hans Sachs im Heilsbrunner Hof zu Nürnberg.
Nach einer Originalzeichnung von Konrad Weigand.

[734] sein hohes Alter zehrte, den er mit zähem Lerneifer durch das Studium der ihm zugänglichen Litteratur unermüdlich zu erweitern suchte und in seinen Dichtungen reichlich verwertet hat.

Gleich anderen Handwerkern machte Sachs nach der Rückkehr von der Wanderschaft sein Meisterstück und nahm sich 1519 in Kunigund Creutzerin ein „Gemahel“. Aber noch eine andere Lebensgefährtin begleitete ihn, nun er als junger Schuhmachermeister sein eigen Heim bezog, die Muse. Sie breitete über den aufblühenden Hausstand Glanz und Segen. Schon bevor er in die Fremde gegangen war, hatte er sich von Lienhart Nunnenbeck in die löbliche Kunst des Meistergesangs einführen lassen, der er auch auf seiner Wanderschaft „mit hertzenlicher Lieb und Gunst“ zugethan blieb. In München half er 1514 die Singschule verwalten und hielt in den Städten, in die er kam – das erste Mal zu Frankfurt a. M. – selbst „ Schule“. Aber in der Vaterstadt erst wurde seine Zugehörigkeit zur Zunft der Meistersinger für ihn von einer Bedeutung, die sehr bald weit über deren ursprügliches Wesen hinausrage sollte.

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Hans Sachs und seine Frau als „lustige Niederländer“.
Nach englischen Schwarzkunstblättern des 18. Jahrhunderts

Thatsächlich war ja die schul- und zunftmäßige Pflege des Meistergesangs in den deutschen Städteu des 15. und 16. Jahrhunderts eine Stufe des Verfalls der Poesie. Aeußerlichkeiten, die dem kunstreichen „Singen und Sagen“ der Minnesänger einst angehaftet hatten, wurden von ehrsamen Handwerksmeistern sehr handwerksmäßig nachgeahmt und als das Wesentliche poetischen Schaffens behandelt. Das Gepränge mit Rangstufen und Förmlichkeiten, das sich im Zunftwesen des Mittelalters ausgebildet hatte, war auch auf die zunftmäßigen Vereinigungen der „Liebhaber des deutschen Meistergesangs“ übergegangen. Alle Mitglieder einer „Singeschule“ hießen „Gesellschafter“. Ihre unterste Stufe waren die „Schüler“, die nach bestandener Lehrzeit zu „Schulfreunden“ aufstiegen. In der „ Schule“ ging wie in den Zeiten des Minnegesangs das Dichten und die musikalische Komposition Hand in Hand. Man ahmte überlieferte Formen sowohl in dichterischer als in musikalischer Beziehung nach, trug Musterbeispiele vor und strebte danach, ihnen ebenbürtige Melodien (Töne) und Strophen (Gesätze) zu erfinden. Den Stoff boten Legenden und Historien, nach Luthers Bibelübersetzung vor allem biblische Stoffe. Wer die Töne und Gedichte anderer korrekt vortragen konnte, ward Sänger, wer nach den Tönen anderer Lieder zu machen verstand, Dichter, wer selbst Töne zu erfinden vermochte, fand Aufnahme unter den „Meistern“. Das alles unterlag feierlichen und strengen Prüfungen, sie waren neben dem Wettsingen der Meister der Gegenstand in den Zusammenkünften, wenn Schule gehalten wurde. Den Vorsitz hatte dabei das sogenannte „Gemerk“, bestehend aus dem Büchsenmeister (Kassierer), dem Schlüsselmeister (Verwalter), dem Merkmeister und dem Kronmeister, der die Preise verteilte. Mit diesen zusammen in einem verhängbaren Verschlag oder Seitengemach, und zwar neben dem Merkmeister, saßen die Merker, denen im besonderen die Begutachtung der Vorträge oblag, die jeweils von dem Singestuhl, einer Kanzel, herab gehalten wurden. Der Inhalt der Regeln hieß die „Tabulatur“ und die Merker mußten scharf auf die Fehler passen, mit denen der Sänger im Ton oder Text gegen die Tabulatur verstieß; das Ergebnis ihrer Notierungen entschied Sieg oder Niederlage. In Richard Wagners Oper „Die Meistersinger“ ist die ganze Feierlichkeit ziemlich getreu nachgebildet und die Satire, welche dort die dem Merkertum mit seiner Tabulatur anhaftende Pedanterie trifft, ist nicht weniger berechtigt als das Lob, das dabei der rühmlichen Ausnahmestellung des Hans Sachs gezollt ist. Dessen veredelter Kunstsinn und mächtiges Beispiel brachte die Nürnberger Singschule zu ihrer höchste Blüte. Sie umfaßte damals über zweihundert Gesellschafter, die alle ihrem Beruf nach Handwerker waren. Da der Inhalt der „Schul“-Vorträge vornehmlich religiösen Inhalts war, wurde nach Einführung der Reformation in Nürnberg den Meistersingern eine Kirche zur Verfügung gestellt für ihre Uebungen sowie für ihre Haupt- und Preissingen, die einzigen, welche öffentlich waren. So kam bei Sachs’ Lebzeiten neben dem Schulhaus zu St. Lorenzen das Predigerkloster in den Dienst der „Schule“. Erst später wurde die Marthakirche, dann die Katharinenkirche den Meistersingern überwiesen, in welche Richard Wagner seine Oper verlegt hat und die zu Ehren des Dichters jetzt in einen würdigen Zustand versetzt wird. Denn da sich später die lebendigen Erinnerungen in Bezug auf die Meistersinger vornehmlich an diese knüpften, so blieb bis in die heutige Zeit die Meinung bestehen, daß sie auch zu Hans Sachs’ Zeit die Heimstätte der Meistersingschule gewesen sei. In die Katharinenkirche ist auch auf unserer Abbildung (S. 733), die Hans Sachs auf der Kanzel als Sänger zeigt, die Handlung verlegt. Denn das Tafelgemälde im „Germanischen Museum“, das ihr zur Vorlage gedient hat, stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist eine Art Apotheose des Hans Sachs, wobei die Rolle der Merker die legendären Begründer des Meistergesangs, Frauenlob, Regenbogen, Marmer (wie statt des vom Maler gebrauchten „Wörner“ richtig zu lesen ist) und Mügling, übernommen haben, die als die „gekrönten Töne“ gleich Schutzheiligen der Schule verehrt wurden. Daher die Kronen auf ihren Häuptern. Im Vordergrunde sehen wir Zuhörer, Männer und Frauen, und in der Mitte zwei Schüler, die der Aufnahmeprüfung harren.

Es war des Hans Sachs Verdienst, daß diese Art Kunstpflege, welcher der beste Kern des Volks ergeben war, noch bevor die Stadt Nürnberg sich offen zur evangelischen Lehre bekannte, hier im Geiste der Reformation ausgeübt ward. Der mächtige Eindruck, den er selbst von Luthers ersten Schriften, von dessen Wesen und Lehre empfing, war es auch, der ihn weiter anregte, die Gedanken, die ihn bewegten, außer in den kunstreichen Strophen des Meistergesangs in volkstümliche Verse zu kleiden und diese, mit kräftigen Holzschnitten verziert, als fliegende Blätter drucken und unter das „gemeine“ Volk zu „gemeinem Nutz“ gehen zu laßen; auch ihn ergriff der Drang, mit seinem Wissen und Können im Sinne der Aufklärung der Geister reformatorisch zu wirken. Aehnlich wie er alte Mären und Schwänke um einer neuen kernigen Moral willen in solche volksmäßige schlichte Reime brachte und diesen in Form solcher fliegenden Blätter, wie wir eines auf Seite 737 abbilben, die weiteste Verbretiung gab, so that er auch, als es galt, sich zu Luther und zur Reformation zu bekennen, mit seinen heiligsten Ueberzeugungen. Das Gedicht „Die Wittenbergisch Nachtigall“, in dem er das Auftreten des Reformators als das Tagen einer neuen besseren Zeit begrüßte, machte ihn dank dieser Form und der sich daraus ergebenden Wirkung zuerst zu einem populären Dichter für ganz Deutschland. Nun wurde sein Dichten [735] auch von seiten des Nürmberger Rats der Beachtung gewürdigt, aber freilich nur in Form einer Maßregelung. Als er 1527 wieder eine poetische Streitschrift zu gunsten des Luthertums hatte ausgehen lassen, ließen ihm die „Ehrbaren“, weil sie fürchteten, daß das aufgeregte Volk noch mehr verbittert werden könnte, bedeuten, daß das Versemachen seines Amtes nicht sei, und befahlen ihm ernstlich, seines Handwerkes und Schuhmachens zu warten und solche Büchlein oder Reime künftig nicht ausgehen zu lassen. Die Mahnung „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ mag Hans Sachs tief verstimmt haben; er ließ sich aber nicht einschüchtern. In den Dichtungen der folgenden Jahre erging er sich vielfältig in Klagen über die Tyrannei der Obrigkeiten, welche die Einführung der reinen Lehre zu verhindern suchten, und es dauerte nicht lange, so ließ er weitere Flugschriften und Blätter im Geiste der evangelischen Lehre in die Lande gehen; meist Gedichte zu drastischen Holzschnitten, die auch für die nicht des Lesens Kundigen eine sehr beredte Sprache führten. Inzwischen war auch Nürnberg offiziell zum Protestantismus übergetreten. Besondere Beliebtheit gewannen die Einblattdrucke, große Bogen festen Papiers, die nur auf einer Seite mit Bild und Gedicht bedruckt wurden und bestimmt waren im Hause des Bauern und Handwerkers als Zimmerschmuck verwandt zu werden. Viele dieser Einblattdrucke trugen als Unterschrift nur die drei Buchstabeu H. S. S., was so viel hieß wie „Hans Sachs Schuhmacher“; auch dafür ist unsere verkleinerte Abbildung auf S. 737 mit dem weltlichen Text eine Probe.

In allen seinen Streitschriften wie in seinen Werken überhaupt, hat Sachs immer den richtigen, das Volk packenden Ton getroffen; er hat sich dabei von aller Gehässigkeit frei gehalten, sich ruhig und mild erzeigt und sich trotz seiner große Schlagfertigkeit durch besonnenes Maßhalten ausgezeichnet. An derben Worten, von denen uns manches unpassend erscheint, fehlt es auch bei ihm nicht; aber diese waren durch das Wesen der Zeit bedingt, die keinen Glacéchandschuh kannte und ungeniert das Kind beim richtigen Namen nannte. Von Gemeinheiten und Unflätigkeiten, wie sie in den Schwänken seiner Vorgänger und Rivalen mit unterliefen, von der Freude daran, hat sich Hans Sachs immer frei gehalten.

Mit der innigen Religiosität vereinigen sich bei Hans Sachs die sittlichen Grundsätze zu einem schönen Bunde. Wie in Beziehung auf Luther, so ward er auch im übrigen ein getreuer Eckhart der deutschen Nation, die er zu allen Tugenden aneiferte, vor Lastern warnte. In keiner seiner Dichtungen fehlt die Nutzanwendung, die treuherzige, oft etwas hausbackene, aber durch und durch gesunde Moral, immer und überall giebt er gute Lehren, ist er bestrebt, den „gemeinen Mann“, dessen große Unwissenheit er tief bedauert, auf den richtigen Weg zu leiten, belehrend, bildend und veredelnd zu wirken. Er preist in warmen Tönen die eheliche Liebe und warnt vor „abenteuernder“, die er ein „verfluchtes Kraut“ nennt. Er fordert zur Freundschaft, Nächstenliebe, Versöhnlichkeit und Friedfertigkeit, zur Gewissenhaftigkeit, Ehrbarteit, zur Mäßigkeit und Sparsamkeit auf, preist das Glück der Zufriedenheit und ist überhaupt unerschöpflich an guten, die höchsten Tugenden preisenden Lehren. Anderseits beklagt er, daß die Wahrheit verschwunden, die Lüge sich allerwärts breit mache, Frau Treue gestorben sei. Er geißelt Neid und Verleumdung, Falschheit und Treulosigkeit, Zweizüngigkeit, lügnerische Prahlerei und Selbstüberschätzung, Völlerei und Prasserei. Ganz besonders verhaßt ist ihm Müssiggang und Faulheit. Der Satz „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" ist ihm, dem rastlos thätigen Manne, in Fleisch und Blut übergegaugen, faule Menschen sind ihm ein Greuel.

Mit aufrichtiger Liebe hing er an seiner Vaterstadt, der er ein großes „Lobgedicht“ widmete, in dem auch ihre „sinnreichen Handwerker“ gepriesen sind –

„Dergleich man find in keinen Reichen
Die ihrer Arbeit thun geleichen,
Als da man köstlich Werk gezeiget.
Wer dann zu Künsten ist geneiget
Der find allda den rechten Kern!“

Sein Herz gehörte seinem Vaterlande. Mit Schmerz empfand er die Uneinigkeit und den Mangel an Gemeinsinn im Deutschen Reiche. Eindringlich fordert er zur Einigkeit auf und ruft den Fürsten zu:

„Derhalb wacht auf ihr deutschen Fürsten!
Laßt euch nach Treu und Ehre dürsten
Und streit mit ritterlicher Hand
Für euer aigen Vaterland!

Einmütiglich halt ob einander
Eh euch der Tyrann nach einander
Durch seinen Gewalt thu ausreuten
Das ganz deutsch Land einnehm und erb
All euer armes Volk verderb.“

Er fordert die Fürsten (1562) auf, sich die Opferwilligkeit jenes Römers, der sich, um sein Vaterland zu retten, in einen Erdschlund gestürzt, zum Beispiel zu nehmen:

„ Wollt Gott, daß alle deutschen Fürsten
Auch so herzentreulich wären dürsten
Zu thun so treulichen Beistand
Auch ihrem lieben Vaterland;
Beide mit Ehren und mit Gut,
Mit Leib und Leben bis aufs Blut.“

Er sehnt einen Hercules herbei,

„Der sich seines Vaterlands annehm
Und säubert alle Straßen frei
. . . . . . .
Ein solcher Held wär Ehren wert.“

Die „Unterthanen“ aber fordert er auf, die Obrigkeiten „weils Schutz und Wohlfahrt von ihn (ihnen) han“, zu ehren, Aufruhr und Empörung zu meiden und dem „gemeinen Wesen“ Nutzen zu bringen.

Trotz aller seiner Moralpredigten ward Sachs kein Kopfhänger. Seine frische Lebensauffassung, der eine tüchtige Portion Mutterwitz zur Verfügung stand, sein heiteres Gemüt, das Freude an einem Scherze hatte und sich gern harmloser Fröhlichkeit hingab, blieben ihm treu bis ins Alter. Nicht die schlechtesten seiner Gedichte sollten erheiternd, andere tröstend und erhebend wirken. Wie bei den religiösen Streitgedichten war es auch bei den übrigen sein Bestreben, niemand zu kränken; er dichtete

„Niemand zu Leid oder Undank
Sondern zu einem fröhlichen Schwank.“

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Das letzte Wohnhaus des Dichters.

Das war im besonderen auch sein Wahlspruch als Dichter der Fastnachtsschwänke, deren naive knorrige Form er vorfand, aber aufnahm, um sie mit dramatischem Leben zu füllen, durch einen guten sittlichen Kern zu veredeln. Wenn wir uns den Charakter des Singschulwesens der Meistersinger, dessen ehrbaren Ernst, vergegenwärtigen, so erscheint es befremdlich, daß dieselben Männer auch die Aufführung dieser Scherzspiele als Angelegenheit ihres Verbandes betrieben. Aber wie sie auch in der übrigen Zeit neben der „Schule“ die „Zech“ abhielten , d. h. Kneipabende, die zwar nach einem festen Ceremoniell verliefen, aber doch auch dem geselligen weltlichen Lied und fröhlicher Unterhaltung geweiht waren, so ward von ihnen das Narrenrecht und die Narrenfreiheit, welche die Fastnacht als kurze Unterbrechung des ehrbaren Lebens unter Zunftzwang und Zunftwürde gewährte, als eine Verpflichtung empfunden, in möglichst sinnreicher, aber auch echt volkstümlicher Weise ihren Mitbürgern Proben ihrer Verskunst zu bieten. Hans Sachs war als gereifter Mann lange Jahre hindurch nicht nur der Hauptdichter, sondern auch Mitspielender, vor allem aber der Direktor dieser theatralischen Veranstaltungen in Nürnberg. Die Bühne für diese war von einfachster Art, oft nur eine Estrade in einem größere Gasthofszimmer; bei Aufführungen im Freien ein erhöhtes Podium (die Brücke) mit einem Verschlag für etwa notwendigen Kostümwechsel. Außer dem Predigerkloster und der [736] Marthakirche waren die ansehnlichen Wirtshäuser, in denen auch die „Zechen“ der Singschule stattfanden, insbesondere der „Heilsbrunner Hof“, als Schaustätten bevorzugt. Bei der wachsenden Beliebtheit der Sachs’schen Stücke entstand dann das Bedürfnis nach größeren Schauplätzen. Es ward Sitte, die großen Höfe dieser Gasthäuser dafür zu benutzen, wo die bedeckten Galerien an deren Rückseiten vortreffliche Plätze für die Zuschauer boten. Besonders der Hof des bereits genannten Gasthauses, des Heilsbrunner Hofs, erfreute sich großer Gunst. Ein alter Kupferstich, der uns eine Ansicht desselben bei besetzten Galerien übermittelt, hat einem unserer künstlerischen Mitarbeiter die Grundlage geboten für eine Darstellung des frohen Treibens und der drastischen Spielweise, wie sie sich dort zur fröhlichen Fastnacht während der Aufführung eines Schwanks von Hans Sachs im Publikum und auf der Bühne geltend gemacht haben. Man spielt gerade eines der hervorragendsten geistvollsten Fastnachtsspiele, die uns der Dichter hinterlassen hat: das Spiel von der „Frau Wahrheit, die niemand herbergen will“. Ein armes Weib sucht Schutz bei Bauersleuten, die auch arm sind. Sie erzählt, wie sie überall vergeblich, bei Fürsten, Priestern, Richtern, Kaufleuten, Bauern, Unterkunft gesucht, aber keine gefunden habe. Sie wird von den armen Leuten freundlich aufgenommen. Es ist die Wahrheit. Als sie aber nunmehr ihr Wesen enthüllt, d. h. ihren Wirten die Wahrheit sagt, werden auch diese sehr bald gegen sie aufsässig und jagen sie mit derben Grobheiten und Schimpfreden davon.

Die Stoffe zu seinen Dichtungen entnahm Sachs übrigens nicht nur dem täglichen Leben, der Bibel und seinen Erlebnissen, er war auch in der Geschichte des Altertums und den klassischen Dichterm wohl bewandert, kannte die deutsche Heldensage und war im Alter wohl überhaupt einer der belesensten Menschen seiner Zeit. –

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Hans Sachs im 81. Lebensjahr.
Nach der Radierung von Jost Amman.

Die äußeren Lebensumstände des Dichters waren von Gott gesegnet. Als 1561 seine erste Frau von dieser Welt abberufen wurde, fand der hohe Sechziger in der schönen gutherzigen Jungfrau Barbara Harscherin eine zweite liebevolle Hausfrau, die sein Alter verschönte und deren Lob er mit jugendfrischer Begeisterung sang. Er überlebte auch diese. Gewohnt hat er als selbständiger Bürger nacheinander in drei Häusern, die ihm zu eigen gehörten. Zuletzt, seit 1542, lebte er nach einer Darlegung, die wir in Mummenhoffs reich illustrierter Festschrift finden, in dem Hause „sant Sebalds Pfarr an der Spitalgassen vornen im Eingang gegen Mittentag“ „und hinten am Kappenzipfel stoßend.“ Unsere Abbildung desselben nach einer Radierung aus dem Jahre 1832, in welcher Zeit es noch das Gasthaus zum güldenen Bären war, zeigt seine äußere Erscheinung noch wenig verändert. Jetzt trägt es eine Gedenktafel und die Gasse führt den Namen des Dichters.

Im Jahre 1554 war er des Dichtens müde geworden und wollte seine Thätigkeit beschließen: da erschienen ihm im Traume die neun Musen, und Melpomene wies auf die himmlische Gabe hin, die sie ihm verliehen:

„Deshalb bistu aufs Mindst
Dieweil du lebst in unserm Dienst
Verbunden und verpflicht.“

Und er dichtete in seltener Regsamkeit bis an sein seliges Ende. Am 19. Januar 1576 beschloß Hans Sachs, „der weitberühmt Dichter“, sein arbeitsvolles fruchtbares Leben, tief betrauert von dem Volke, auf das nach Luther keiner einen solch gewaltigen Einfluß ausgeübt hatte wie er. Die Liebe und Verehrung des Volkes waren wohl die einzige Anerkennung, die Hans Sachs für sein Wirken gefunden. Die Gleichgültigkeit des Rats und der Honoratioren seiner Vaterstadt wird er mit philosophischem Gleichmut getragen haben; wenn Albrecht Dürer aus Venedig schreiben konnte: „Hie bin ich ein Herr, daheim ein Schmarotzer,“ so darf dieses Uebersehen dem Schuhmacher gegenüber noch weniger auffallen.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ward des Dichters noch ziemlich lebhaft gedacht; die Jämmerlichkeit des Dreißigjährigen Krieges, die allenthalben sich breit machende Verwelschung aber brachte Hans Sachs bald in Vergessenheit. Die mit französischen und italienischen Brocken übersättigten Dichter vermochten den urdeutschen Geist dieser Dichtungen nicht mehr zu verstehen – sie hatten nur Spott für Hans Sachs. Der abgeschmackteste aller Verse, von dem „Schuh–Macher und Poet dazu“, stammt aus dieser traurigen Epoche. Noch im 18. Jahrhundert ward Sachs so verkannt, daß der sittlich strenge, aller Völlerei abholde Dichter von einem englischen Künstler als „lustiger Niederländer“, seine Frau als eine ausgelassene Grete dargestellt wurde.

Da brachte Goethe unseren Dichter wieder zu Ehren. Gerade 200 Jahre nach dem Tode von Hans Sachs schrieb Wieland an Lavater, um ihm das Erscheinen von Goethes „Erklärung eines alten Holzschnittes vorstellend Hans Sachsens poetische Sendung“ anzukündigen: „Haben Sie schon gewußt, daß Hans Sachs würklich und wahrhaftig ein Dichter von der ersten Größe ist? Ich weiß es erst seit 6 bis 8 Wochen. Wir beugen uns alle vor seinem Genius, Goethe, Lenz und ich. O die Teutschen, die stumpfen, kalten, trägherzigen Teutschen! … Doch noch wollen wir sie nicht schimpfen; den meisten ist’s mit Hans Sachsen wohl wie mir gegangen – sie haben ihn nie gekannt, nie gelesen, nie gesehen. Aber Wahrheit muß doch endlich durchbrechen; in weniger als 4 Monaten a dato soll keine Seele, die Gefühl und Sinn für Natur und Empfänglichkeit für den Zauber des Dichtergeists hat, in Teutschland seyn, die Hans Sachsens Nahmen nicht mit Ehrfurcht und Liebe aussprechen soll.“

Und dank diesem gewaltigen Fürsprecher sieht man seit dieser Zeit in Hans Sachs nicht mehr den Schuster, der auch Reime schmiedete, sondern den gottbegnadeten Dichter, den liederreichen Sprossen des thatkräftigen deutschen Bürgertums, der den größten Einfluß auf sein Volk nur in allerbestem Sinne ausübte und immer größer und liebenswerter wird, je näher man ihn kennenlernt.

Die Vaterstadt des Hans Sachs erfüllt daher nur eine Ehrenpflicht, wenn sie im Begriff steht, die vierhundertste Wiederkehr des Geburtstages ihres große Sohnes, „des größten deutschen Dichters jener ganzen Epoche“, „eines der fruchtbarsten überhaupt, unter dessen heiteren Stücken nicht wenige zu dem Gelungensten gehören, was die deutsche Poesie in dieser Art aufzuweisen hat“ (Koberstein), des Dichters, „dessen Poesie eine humanistische Volkslehre ist“, der „ein Reformator in der Poesie so gut wie Luther in der Religion, wie Hutten in der Politik ist“ (Gervinus), dessen „Poesie zur Ehre Gottes, zum Nutzen des Nächsten, zu Lob und Preis der Tugend und zum Troste trauriger Herze“ (Gödeke) dienen soll – festlich zu begehen. Der Mann verdient es, daß das ganze deutsche Volk, das ganze Bürgertum an dieser Feier teilnimmt.