Herr Jürgen Wullenweber

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Textdaten
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Autor: Ernst Deecke
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Titel: Herr Jürgen Wullenweber
Untertitel:
aus: Lübische Geschichten und Sagen, S. 319–326
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: Carl Boldemann
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Erscheinungsort: Lübeck
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Quelle: Google, Commons
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180. Herr Jürgen Wullenweber.

1532. Zur Zeit der bürgerlichen Unruhen in Lübeck, die Herr Nicolas Bröms mit seinen Verwandten angerichtet, wohnte in der Königstraße, an der Hürstraßen-Ecke, ein wohlhabender Kaufmann, Jürgen Wullenweber, gebürtig von Hamburg. Er war viel zur See gewesen, und hatte sich in dem Kriege gegen König Christiern und seine Seeräuber so tüchtig erwiesen, daß seine Freunde ihn scherzweise den Admiral nannten. Da er nun hauptsächlich nach Schweden Handel trieb, sah er oft, wie schmählich alle die Verheißungen gehalten wurden, welchen den Lübschen zur Zeit der Noth gemacht waren, ja wie des Königs Absicht dahin ginge, sie ganz aus dem Reich zu verdrängen. Nun wollten die Holländer durchaus in die Ostsee, welche ihnen durch die Stadt Lübeck verschlossen war, und verhießen deßhalb den Schweden große Vortheile, verhandelten auch heimlich mit den Dänen, daß sie den Sund öffnen sollten. Das alles erfuhr Jürgen Wullenweber, ging zu Herrn Nicolas Bröms, und forderte ihn auf, den Anschlägen mit allem Ernst zu wehren; erbot sich auch selbst auszuziehn und die alte Lübsche Freiheit gegen die Holländer zu behaupten. Herr Bröms [320] aber, der ihn nicht leiden konnte, weil er den Luther’schen Lehren nachhing, wies ihn mit harter Rede ab: das sei Eines Raths Sache und stünde zu höheren Händen; wo es wiedertäuferischer Thaten bedürfte, würde man ihn rufen lassen; – damit ließ er ihn stehn. Das trug Jürgen Wullenweber heimlich in seinem Herzen verborgen, bis die Zeit gäbe, was er thun sollte; aber er zog viel verwegne Gesellen an sich, denen er sich kund gab, sonderlich wenn er im Weinkeller im Eck saß und der Zeiten Lauf und Gelegenheit besprach. Nach und nach ward es ihm klar, daß die ganze Macht der Hansestädte angewandt werden müsse, um das Netz zu zerreißen, das immer enger um Lübeck zusammen gezogen sei. Er fürchtete aber, daß, wenn Bröms mit seinem Anhang an der Spitze des Raths bliebe, der Kaiser allen seinen Einfluß aufbieten würde, um die Lübecker von Feindseligkeiten gegen die Holländer abzuhalten.

Da kamen die Unruhen, welche Herr Bröms durch seine eiserne Härte gegen die evangelisch Gesinnten hervorrief. Wullenweber hielt sich weislich zurück, um den ersten Erfolg abzuwarten; während aber seine Gesellen offen in der Bürgerschaft auftraten und den Rath bestürmten, wußte er durch Drohung und Warnung die beiden ältesten Burgemeister, Herr Bröms und Herr Plönnies, in allem, was sie unternahmen, zweifelhaft zu machen. Endlich zogen beide heimlich aus der Stadt. [321] Da trat Wullenweber hervor, beredete den Bürgerausschuß, den ganzen Rath gefangen zu halten, bis man über Brömsens Flucht vollständigen Aufschluß gewonnen, ließ aber dann die Gefangenen dergestalt bedrängen, daß ein großer Theil abdankte, und die übrigen genöthigt wurden, ihn selbst und solche Bürger neu zu wählen, welche mit seinen Anschlägen längst vertraut waren.

Bereits nach 14 Tagen stand er als Burgemeister an der Spitze des neuen Raths, und forderte mit großer Beredsamkeit die Bürgerschaft zum Kriege gegen die Holländer auf: kosten solle das nichts, denn er gedächte die hundert Centner Silbers und Goldes zu nehmen die man auf der Trefe verwahrt, als man die Kirchen ihrer abgöttischen Bilder und überflüssigen Geräthe entledigt. Mit großen Freuden ward der Vorschlag angenommen.

Das Glück begünstigte ihn. Kurz darauf starb der König von Dänemark, und die Reichsstände waren sehr geneigt, einen jungen Prinzen auf den Thron zu setzen, um das Regiment besser in Händen zu behalten; dann aber kam auch Marx Meier nach Lübeck, welcher ein erfahrner und geübter Kriegsmann war, und zu Lande eben so wohl alles ausrichten mochte, wie Wullenweber zur See. Nun wurden Schiffe gebaut, aus dem metallenen Küchengeräth Feldschlangen und Falkonette gegossen, Truppen geworben, und ein kühner Zug gegen die Holländer unternommen, die, ohne es zur Schlacht kommen zu lassen, [322] sich verliefen und Frieden suchten. Im blanken Harnisch und mit silbernem Admiralstab kam Wullenweber zur Verhandlung nach Hamburg; zwei Hauptleute mit siebenzig gepanzerten Reitern geleiteten ihn; Trompeten und Posaunen wurden vor ihm her geblasen. Aber man verstand ihn nicht; die Hamburger hatten ihm schon im Kriege den Proviant versagt; und jetzt waren seine eignen Amtsgenossen bemüht, ihn in beiden Städten zu verdächtigen. Unerwartet kam er zurück und kräftigte seinen Anhang; dann schloß er Frieden mit den Holländern, und gewährte ihnen am Ende selbst die Fahrt auf der Ostsee, weil die dänischen Angelegenheiten eine Wendung erhalten, die seine ganze Kraft in Anspruch nahm.

In Dänemark nämlich hatte Herzog Christian, des verstorbenen Königs ältester Sohn, einen unvermutheten Anhang gewonnen; namentlich hatte sich Holstein und Schleswig für ihn erklärt; auch der König von Schweden verband sich bald mit ihm. Wullenweber, der den dänischen und schwedischen Städten mit der Aufnahme in den Hansabund geschmeichelt, und, von den Umständen begünstigt, dort einen Freistaat zu gründen gedacht, wozu seine Freunde, Ambrosius Bokbinder zu Kopenhagen und Jürgen Münter zu Malmö, bisher insgeheim mitgewirkt, änderte jetzt seinen Plan. Mit kühnem Entschluß erhob er die Fahne für den in schmählicher Gefangenschaft schmachtenden König Christiern II., vordem Lübecks argen Feind, [323] dessen gewaltiger Adelshaß in den durch ihn befreiten Bauern fortgährte. Dann warb er den Grafen Christoph von Oldenburg an und ließ einen Scheinangriff auf Holstein machen, wodurch das eigentliche Dänemark von Truppen entblößt ward. Während nun der Krieg in der Nähe Lübecks geführt ward, wo jedoch Wullenweber seinen Anhängern zu viel zugetraut, ging der Verabredung gemäß Marx Meier nach Schonen, der Graf aber wandte sich nach Dänemark und eroberte die Inseln, wo die Bauern sich für Christiern II. erhoben. Für den Nothfall hatte außerdem Wullenweber einen geheimen Vertrag mit den Engländern geschlossen, denen er die dänischen Inseln überlassen wollte, um in Holstein und in Schweden freiere Hand zu haben. Dafür wurden ihm englische Hülfsgelder zu Theil, womit er als Admiral, den silbernen Stab in der Hand, die Ostsee frei hielt und die feindlichen Schiffe vernichtete, um den Lübischen das Meer zu eigen zu machen.

Aber während er draußen auf der Höhe seines Glücks stand, verlor er in Lübeck selbst alles Ansehn. Er hatte gehofft, durch die Erhebung für Christiern II., dessen Schwager, den Kaiser zu gewinnen; aber Bröms, der am kaiserlichen Hofe die Sache des alten Raths selbst, in Lübeck insgeheim durch seinen Anhang betrieb, sorgte dafür, daß der Kaiser nicht getäuscht würde. Die Bürgerschaft ließ sich bestimmen, den Ausschuß, in welchem Wullenwebers Stärke lag, abzuschaffen, und setzte auch einen Frieden [324] mit Herzog Christian durch, welcher sich nun mit aller Macht nach Jütland wenden, und seine Wahl zum König erzwingen konnte. Die Umgegend der Stadt war, in Folge der Feigheit der Bürger, schmählich verwüstet; vergebens drang Wullenweber auf Entschädigung: die Lübecker selbst zwangen ihn zur Nachgiebigkeit.

Während aber Wullenweber auf Befestigung seines Regiments in Lübeck dachte, ward Marx Meier von den Schweden gefangen, des Grafen Heer auf Fünen geschlagen, die schöne Flotte der Lübschen bei Bornholm zerstreut. Nun war sein Ansehn dahin. Während er in Meklenburg mit dem Herzoge wegen Erneuerung des Kriegs unterhandelte, langte ein kaiserliches Mandat zu Lübeck an, welches die Wiederaufrichtung der alten Verfassung und des alten Raths bei hoher Strafe und Ungnade anbefahl, und obgleich Herr Jürgen schleunigst zurückkehrte, fand er doch den Rath und die Bürger schon einig, ihn zu stürzen: er kam dem zuvor und dankte in einer kurzen Anrede selber ab.

Während aber Bröms und sein Anhang in feierlichem Zuge sich der Stadt näherte, zog Wullenweber in der Stille vor ihm weg nach Hamburg, um ins Land Hadeln zu gehn, und von dort dem Grafen Christoph, der in Kopenhagen eingeschlossen war, neue Kriegsvölker zuzuführen.

Seine Freunde zu Hamburg warnten ihn; denn der Vogt des Erzbischofs von Bremen, Claus Hermeling, hatte [325] Befehl ihn zu packen, und that es, als Wullenweber über die Elbe kam; wofür er nachher Hauptmann zu Lübeck wurde. Wullenweber ward nach der Rothenburg, dann nach der Steinburg gebracht; der Pfaffenknecht, Herzog Heinrich von Braunschweig, des Erzbischofs Bruder, ließ ihn so lange und so hart peinigen, bis die Bekenntnisse da waren, welche die Brömsen wünschten. Da hieß er ein öffentlicher Dieb, und zwar einer, der aus Kirchen und Gemeindekasten gestohlen; ein Missethäter an Gut und Blut Anderer, ein Verräther, ein Wiedertäufer, in summa ein Anstifter aller Bosheit und Zerrütter gemeiner Wohlfahrt. Und das alles obgleich allgemeine Amnestie verkündet war.

Den Scharfrichter ließ man das Urtheil finden; es lautete: daß Wullenweber in vier Theile gehauen und auf vier Räder gelegt werden müsse zwischen Himmel und Erde, auf daß er es nicht mehr thäte, und ein Anderer daran gedächte.

Wullenweber erinnerte jedoch den Herzog daran, daß er ihm mit seinem fürstlichen Wort Gnade zugesagt, und bat demnach wenigstens um einen ziemlichen Tod. Da ward ihm die vorgängige Enthauptung gestattet.

Als er zur Dingstätte geführt war, begehrte er das Wort gegen die Lübschen, und sagte ihnen: nun hätten sie ja, dem sie so lange schon nachgestanden; mehrere der im Gericht verlesenen Artikel seien nicht wahr, andere [326] habe man ihm durch schwere Marter und Pein abgepreßt; auch erkläre er diejenigen für unschuldig, deren Namen man ihm abgedrungen. Die aber sprachen zum Frohnen: „Hinweg mit ihm, Meister Hans! Weißt du nicht, was dir befohlen ist?“ Da sagte Wullenweber: „Meister Hans, laß mich noch zwei oder drei Worte sprechen; danach will ich gern sterben. Ihr aber saget Euren Herren zu Lübeck, daß ich nie Sinnes oder Willens gewesen, den Bund oder Vertrag, so ich mit dem Rath aufgerichtet, im größten oder geringsten zu brechen; dazu sei ich kein Dieb, denn ich hätte nie mit Wissen einen Schilling genommen; endlich sei ich kein Verräther, und keinem Wiedertäufer treu oder hold geworden; darauf will ich sterben.“ So fiel er in die Knie und ließ sich das Haupt abschlagen; danach ward er in vier Theile getheilt und auf vier Räder gelegt. Das geschah vor Wolfenbüttel am Montag den 24. September 1537. Wullenweber war 44 Jahr alt.

Die Von LVbeCk soLLen In aLLen Tagen
Den Tod Herrn VVVLLenVVebers bekLagen.

Bemerkungen

[398] (Mündlich und nach alten Aufzeichnungen.)