Im Gottesländchen/Zum Abautale

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Im Gottesländchen
von Edgar Baumann
Kandau
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[1]
Zum Abautale.

Ein Wunsch, den ich lange gehegt hatte, ging am 20. Juni, einem Sonntage, in Erfüllung. Es war mir vergönnt, eine größere Reise in das liebe Gottesländchen anzutreten. Vorher war ich nur bis Mitau und Tuckum gekommen; jetzt sollte es noch weiter gehen, zur schönen Kurischen Schweiz bei Kandau, Zabeln und Talsen und nach anderen ferneren Gegenden des alten Kurenlandes. Obgleich der Himmel bewölkt war und auf Regen hinzudeuten schien, begab ich mich doch am Morgen frohen Schrittes durch die Straßen meiner Vaterstadt Riga zum Bahnhof, wo ich meine Reisegefährten bereits vorfand. Bald darauf brachte uns das Dampfroß an den Rigaschen Strand, den wir jenseits der Aa in Bilderlingshof erreichten. Fichtenwald zog sich längs dem Geleise hin. Auf den Stationen in Majorenhof und Dubbeln — eine Unmenge geputzter Herren und Damen, ein Gedränge und Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Unser Blick wandte sich hier der in stolzer Ruhe vorüberfließenden Kurischen Aa zu, denn die Bahn führte, einen großen Kreis beschreibend, am Ufer hin. Grüne Fluren und dunkler Wald bildeten den Rahmen des ansprechenden Flußbildes. Langsam wie ein Schwan zog ein Segelboot, vom Winde getragen, stromaufwärts. Wieder ging es in Wald hinein, vorüber an der „Schnepfenstadt" Schlock (lettisch Ssluoka: die Schnepfe), die früher zu Kurland gehört hat, nach dem im Walde versteckt liegenden, durch seine Schwefelquellen berühmten Kemmern. Laub- und Nadelwälder [2] umgaben wersteweit diesen Ort. Nur große Moore mit versumpften Seen oder ödes, torfreiches Heideland verliehen der Gegend stellenweise ein anderes Aussehen. Hinter Kemmern, das auf der Grenze von Liv- und Kurland liegt, kam die Station Schmarden, und dann näherten wir uns Tuckum, dem Endziele unserer Bahnfahrt. Seitwärts erschienen kleine Anhöhen. Unser Zug verließ die Mitausche Ebene[1] und stieg bergan. Vor Tuckum nahmen die Güter Schlockenbeck („Schnepfenbach") und Durben, dessen schöner Park rühmlichst bekannt ist, unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Beide gehören der Familie von der Recke. Schloß Durben mit der hellen, säulengeschmückten Fassade, halb hinter grünem Laube versteckt, war links in anmutiger Gegend auf einer Anhöhe zu sehen. Da befand sich auch schon das Städtchen Tuckum vor uns, zu dem man gleichfalls bergan fahren und gehen mußte, denn es lag auf einer hohen Stelle an der Mühlenstauung, einem kleinen See, dessen Abfluß die Schlock ist. Hier hat früher eine 1330 erbaute Ordensburg gestanden, an die sich ein Hakelwerk schloß; aus diesem entwickelte sich seit dem 15. Jahrhundert ein Flecken, der 1798[2] Stadtrechte erhielt. [3] Das Wappen der jetzigen Kreisstadt Tuckum zeigt in silbernem Felde einen grünen Berg, auf dem Tannen stehen. Einen besonders schönen Ausblick auf Tuckum und die benachbarten bewaldeten Höhen soll man, nach dem 1866 von Stavenhagen herausgegebenen „Album kurländischer Ansichten", von Schloß Durben aus haben. In nächster Nähe vom Friedhofsberge gesehen, gewährte das Städtchen mit seinen rotgedachten, weißen Häusern und seinem Kirchturme gleichfalls einen recht gefälligen Anblick.[3]

Wenn man jahrelang in der Mitauschen Ebene, z. B. in Riga, Mitau und am Rigaschen Strande, gelebt hat und dann nach mehrstündiger Bahnfahrt plötzlich in die Gegend bei Tuckum versetzt wird, fühlt man sich freudig durch den Wechsel des landschaftlichen Bildes überrascht. Es ist, als ob man in ein ganz anderes Land gekommen wäre: dort in der Ebene meist sumpfiger oder sandiger Boden, Fichtenwald, seltener Laubwald, kein Geröll und Gestein; hier dagegen bergiges Land, Täler und Höhen, meist Lehm- und Kalkboden, der stellenweise mit großen und kleinen Steinen durchsetzt und übersät ist, Laubwald stark vertreten, die Blumenwelt anders geartet, form- und farbenreicher. Der mäßige Höhenzug, welcher von Hofzumberge über Doblen längs dem westlichen Rande der Mitauschen Ebene hierher nach Tuckum den Weg nimmt, erreicht seinen höchsten Punkt mehrere Werst hinter dem Stadtchen im Hüningsberge, der sich zirka 400 Fuß über den Meeresspiegel erhebt. Im Juli 1889 war ich das letzte Mal in Tuckum gewesen, wobei ich auch zu diesem Berge einen Spaziergang unternommen hatte, der mir durch das Schöne, das er geboten, stets im Gedächtnis bleiben wird. Zuerst führte der Weg durch freies Gelände, dann in schönen Wald [4] hinein, dort fortwährend ansteigend in Windungen bergauf und bergab. Am Wege blühten farbenprächtige Blümlein, winkten einladend reife Waldbeeren und sangen gar lustig die Vöglein, während an manchen Stellen über die bewaldeten Bergabhänge Bäche rauschend und murmelnd dahineilten. Unten beim Hüningsberge standen schöne Eichen und oben hohe, sehr hohe Fichten. Die Fernsicht vom Berge war aber infolge des bewölkten Himmels benommen. Bei klaren Wetter soll man von dort weite Ausschau auf dunkle Waldungen und das blaue Meer halten können; ja sogar die 60 Werst entfernten Kirchtürme Rigas sollen dann am Horizonte zu sehen sein.

Nach kurzer Rast verließen wir Tuckum auf der Alt-Mokenschen Landstraße. Ein feiner Regen fing an herniederzurieseln, und die Schirme mußten aufgespannt werden; dennoch betrachtete man mit Interesse die bergige und schön bewaldete Gegend längs dem Wege. Der erste bemerkens­werte Ort war das Gut Alt-Moken, lettisch Wetz-Muokumuischa, „Alt-Qualenhof“, genannt. Wie ist dieser sonderbare Gutsname entstanden? Als sich im 18. Jahrhundert die Periode der Leibeigenschaft, wo die Bauern oft so gut wie rechtlos ihren Herren gegenüberstanden, dem Ende zuneigte, hatten unter dem kurischen Adel schon vielfach humane Gesinnungen Platz gegriffen, und auf vielen Gütern war das Verhältnis zwischen Gutsherrn und Bauern ein menschenfreundlich-patriarchalisches. In diese Zeit fällt die folgende, uns von Fircks in seinem 1804 erschienenen Buche, „Die Letten in Kurland" mitgeteilte Begebenheit. Er erzählt, eine Frau von X. habe zu den wenigen gehört, welche gegen die allgemeine Sitte mit ihren Bauern schlecht umgegangen seien. Daher hätten die Bauern ihr Gut Qualenhof getauft. Diese Benennung sei auch von den umwohnenden Gutsbesitzern angenommen worden und habe sich als Name des Gutes erhalten. Schon lange sei die Frau von X. gestorben; — „doch ihr Ruf wird noch bis auf [5] späte Enkel fortdauern!“. Hinter Moken fuhren wir durch ein bewaldetes Tal, wo nicht lange vorher ein junger Pastor um schnöden Geldes willen ermordet worden war. Beim Wilxalnschen Kruge bereitete sich das zahlreich zusammenge­ strömte Landvolk trotz des Regens zu einem Grünfeste vor. Diese Feste, man nennt sie auch „Grünbälle“, sind im südlichen Teile der baltischen Provinzen auf dem Lande sehr beliebt. Der Tanzplatz war mit einer girlandengeschmückten Eingangspforte versehen, die eine für die Gelegenheit passende Inschrift, etwas von Liebe und Hoffnung, trug. Auf unserem weiteren Wege begegneten uns noch andere zu Fuß und im Wagen dem Festplatze zueilende „seltenihtes“[4], wie die landschen Schönen poetischerweise von den Letten genannt werden. Bei Puhren wurde die Gegend freier, aussichtsreicher. Wir näherten uns der Abau. Rechts am bergigen Rande des Flußtales lag Hof Puhren mit der Begräbnisstätte der Barone von Roenne. Das weiße Grabhäuschen leuchtete zwischen grünem Laube hervor. Wir setzten über die Abau, ein hier unansehnliches Flüßchen, und fuhren dann längs Deguhnen weiter. Nach einiger Zeit verließen wir den nach dem Regen dufterfüllten Wald und erblickten in der Ferne im Abautale — der Fluß macht hinter Puhren eine Wendung nach Westen — das in grüner Einfassung hell schimmernde Städtchen Kandau. Eine schöne steinerne Brücke über die Aban verbindet den diesseitigen Stadtteil Neu-Kandau mit dem alten Kandau drüben. Bereits vor dem Städtchen beginnt das bergige Gelände, welches das Abautal besonders auf der rechten Seite begrenzt, recht hoch anzusteigen, und bei Kandau gewähren diese grünen, teilweise schön belaubten, hohen Talwände [6] mit den tiefen, dem Flußtale zustrebenden Seitentälern einen großartigen Anblick. Hierauf beruht hauptsächlich der landschaftliche Reiz des Abautales auf der ungefähr 35 Werst weiten Strecke zwischen Kandau und Rönnen. Das Städtchen selbst ist zu beiden Seiten eines solchen tiefen Seitentales belegen, in das die Straße von der Brücke hineinläuft, um in demselben nach rechts und links bergan zu führen. Dort wo sie nach Kandau hineingeht, erhebt sich rechts oben der Schloßberg, auf dem sich die letzten Reste eines Ordensschlosses erhalten haben. Das Städtchen ist klein. Wir hatten es bald durchquert und fuhren dann oben rechts zum nahen Gute Amt-Kandau, wo wir bei Herrn B., einem Verwandten unseres Reisegefährten D., Aufnahme fanden.

  1. Die Mitausche Ebene nimmt einen Flächenraum von ungefähr 70 Quadratmeilen ein und wird annähernd durch folgende Grenzpunkte bestimmt: Riga, Dahlen, Bauske, Grünhof und Schmarden. Von Süden nach Norden, gegen die Dünamündung, ist sie fast unmerklich abgedacht und von Morästen und Seen bis an den sandigen Küstengürtel (die Dünen) durchzogen. Ehemals ist sie Meeresgrund und ein Teil des Rigaschen Meerbusens gewesen. (Vgl. Possart, Das Gouvernement Kurland, 1843.) — Während diese Ebene und das kurische Oberland den Teil des Herzogtums Kurland (1561—1795) ausmachten, der nach den alten, tapferen Bewohnern dieses Gebietes den Namen Semgallen führte, bildete das Land westlich von der Mitauschen Ebene das alte eigentliche Kurland, jetzt auch kurisches Unterland genannt.
  2. Seraphim, Malerische Ansichten aus Livland, Estland und Kurland, 1901. Seite 211.
  3. In Tuckum giebt es auch eine Synagoge, da dort viele Juden wohnen.
  4. „Seltenihte“ oder auch „Dseltanihte“ bedeutet wörtlich „Goldchen“ oder „Blondchen“; mit diesem Ausdruck verbindet der Lette den Begriff des Mädchenhaften, Anmutigen und Liebenswerten.