Im Lager unserer Heere

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Textdaten
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Autor: Otto von Corvin
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Titel: Im Lager unserer Heere
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, 37, 39, 41, 42, 47, S. 532-535, 539-544, 596-599, 639-643, 683, 684, 686, 696-701, 788-790
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[532]
Im Lager unserer Heere.
Von A. von Corvin.

Erster Brief.


Frankfurt a. M., Anfang August 1870.

Ihr mir nach Coblenz gesandter Brief mit Ihren Instructionen in Bezug auf meine Correspondenz für die Gartenlaube ist noch nicht in meinen Händen; da Sie indessen schleunigst Nachricht zu haben wünschen, so schreibe ich Ihnen augenblicklich, was ich seit meiner Abreise von London sah und beobachtete, was aber der Natur der Sache nach nicht viel sein kann, da der Krieg eigentlich noch nicht begonnen hat, wenn auch schon kleine Vorpostengefechte stattfanden und sogar schon eine kleine Anzahl von Verwundeten hier eingebracht wurde. Ich gehe jedoch morgen nach der baierischen Pfalz, und es ist sehr wahrscheinlich, daß mein nächster Brief reichhaltiger sein und interessantere Schilderungen bringen wird. Vorbereitend, wie alle bis jetzt stattgehabten Bewegungen, kann auch nur dieser erste Brief sein.

Die Aufregung, welche in London durch die Nachricht von dem sich so plötzlich zusammenziehenden Kriegsunwetter hervorgebracht wurde, war eine ungewöhnlich große, nicht nur an der Börse, sondern auch unter dem Publicum. Die Zeitungen erschienen täglich in mehreren Auflagen, und man sah überall auf der Straße Menschen, die eifrig lasen. Man wollte jedoch nicht recht an den Krieg glauben, und als die Nachricht kam, daß der Prinz von Hohenzollern auf seine Candidatschaft zum spanischen Throne verzichtet hatte, glaubte man den Frieden vollständig außer Frage. Sogar der Redacteur der „Times“ schrieb mir an jenem Morgen: „Die heutigen Nachrichten lauten so friedlich, daß ich es nicht für nöthig halte, Anordnungen in Bezug auf Kriegscorrespondenz [533] zu treffen“. Nach dem Vorfall in Ems zwischen dem Könige Wilhelm und dem französischen Gesandten zweifelte indessen kein verständiger Mensch in London mehr am Kriege, wenn sich auch manche von der Vermittlung Englands viel versprachen.

Viele englische Familien, welche beschlossen hatten, am Ende der Londoner Saison (Ende Juli) nach Deutschland in die Bäder zu gehen, änderten ihren Plan und man hörte die abenteuerlichsten Gerüchte über die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche sich einer Reise nach Deutschland entgegenstellen würden. Am zwanzigsten, Morgens fünf Uhr, fuhr ich von London nach Ostende ab, wo wir nach etwa zwölf Stunden ankamen, und fuhr um sieben Uhr weiter nach Köln. In Brüssel war es sehr lebhaft. Die Bierhäuser saßen voll junger Leute, die zur Armee einberufen waren und ziemlich viel Lärm machten; das heißt sie sangen aus vollem Halse patriotische Lieder, die ich aber leider nicht verstehen konnte, da sie in vlämischer Sprache gesungen wurden, die kein civilisirter Mensch außerhalb eines Theils von Belgien versteht.

Die Gartenlaube (1870) b 533.jpg

Die Pferdeaushebung von Düsseldorf.
Nach der Natur aufgenommen von Chr. Sell in Düsseldorf.



Wir hatten unterwegs gehört, daß Köln in Kriegszustand erklärt sei, und waren auf allerlei Scherereien gefaßt; allein wir wurden höchst angenehm überrascht. Die Zollbeamten waren ganz ungewöhnlich höflich, und von dem Kriegszustande wurden wir auf dem Bahnhofe nichts gewahr. Alles ging in der gewöhnlichen Ordnung. Es war allerdings eine Militärwache auf dem Bahnhofe, und eine Menge reisefertiger Officiere gingen ab und zu; allein sie hinderten in keiner Weise das Publicum. Einige Züge mit jubelnden Kriegsreservisten gingen ab; allein Alles geschah mit solcher Ordnung, daß einige englische Reisende, die nach Hause eilten und sehr ängstlich waren, sich nicht genug verwundern konnten. Ein kleiner Abstecher rheinabwärts führte mich noch in nämlicher Nacht nach Düsseldorf, wo ich am nächsten Morgen einer höchst interessanten Pferdeaushebung beiwohnte. Die vornehmsten Häuser der Stadt und Umgebung hatten dazu ihre schlanken schönen Thiere von den Equipagen weg hergeben müssen, und neben diesen Vertretern edler Rosse stampften die plumpen Ackerpferde der umliegenden Dörfer ungeduldig den Boden; in rascher Folge aber wurden auch sie vor die Augen der Musterungscommission geführt, um unter dem Druck einer kräftigen Husarenhand das Zeugniß ihrer Tüchtigkeit in Form eines ungewohnten und schwerfälligen Galopps abzulegen. Das von Herrn Maler Sell entworfene Bild giebt eine sehr lebendige Vorstellung von diesem muntern Treiben.

Noch am nämlichen Tage fuhr ich nach Coblenz ab. Vor Köln sah ich die ersten Opfer des Krieges, die Leichen schöner Bäume, die man auf dem Glacis der Festungswerke da niedergehauen hatte, wo sie in der Schußlinie standen. Man hat nämlich sehr gut gefunden nicht alle auf den Glacis stehenden Bäume und Gesträuche zu entfernen, wie es nach früheren Annahmen geschehen mußte, und behauptet im Gegenteil, daß es vortheilhaft sei, Bäume und Buschwerk so viel als möglich stehen zu lassen, da sie die Werke maskirten und ein Recognosciren derselben verhinderten. Ueberall waren Arbeiter beschäftigt, die Werke mit Palissaden zu versehen, die in Friedenszeiten niemals gesetzt werden.

In Coblenz wollte ich mich orientiren und meine Bewegungen regeln. Ich wußte, daß hier Prinz Felix Salm ein Bataillon im vierten Garde-Grenadier-Regiment befehligte, ging sogleich mit Sack und Pack zu ihm und blieb, bis er mit dem Regiment am 26. Juli abmarschirte.

Das Leben auf den Straßen in Coblenz war bewegter als in Köln. Man sah überall eben angekommene Kriegsreservisten, ihre Kriegsmedaillen auf den Röcken und Blousen und reges militärisches Treiben. Die Reservisten warteten zum Theil gar nicht die Aufforderung ab, sich zu stellen, sondern stießen zu ihren Regimentern, sobald die Nachricht von der Kriegserklärung zu ihnen kam; unter anderen thaten das diejenigen aus dem Gebiete von Saarbrücken, und die Regierung ließ ihnen ihren Gehalt für drei Monate vorausbezahlen, damit sie Sorge für ihre Familien treffen könnten.

Prinz Salm hatte natürlich das Kriegsfieber. Er zählte die [534] Stunden bis zum Abmarsch, jubelte aber, daß die Franzosen, die man vorbereitet glaubte, noch nicht angriffen, ehe die zur Mobilisierung der ganzen preußischen Armee erforderlichen elf Tage verstrichen waren. In Coblenz war man indessen in manchen Regimentern schon am neunten Tage fertig. Die Artillerie hatte über tausend Mann mehr, als sie brauchen konnte, und dasselbe war der Fall mit dem vierten Garde-Grenadier-Regiment, dessen Reserve-Bataillon vierhundert Mann über den Etat hatte. Man sprach von der Bildung eines fünften Bataillons, da die Leute sich nicht nach Hause schicken lassen wollten. Leute, die irgend einen Fehler hatten, der sie zum Felddienst untauglich machte, verbargen ihn mit größter Sorgfalt und waren untröstlich, wenn man ihn entdeckte und sie zurückwies.

Eine so allgemeine Begeisterung des Volkes ist in der Geschichte noch nicht da gewesen, wenigstens nicht in solcher Ausdehnung und Plötzlichkeit. Andere Nationen werden staunen und am meisten darüber, daß die Deutschen, die dafür leider bekannt sind, daß sie beständig untereinander zanken und hadern, wie Ein Mann sich erheben, sobald ihre nationale Unabhängigkeit als Deutsche bedroht wird. Alle Parteien suspendiren sogleich ihre Zänkereien; aller Particularismus schweigt gegenüber der Gefahr, die von dem französisch redenden Nachbar droht. Der Baier, der Sachse, der Hannoveraner und sogar der unversöhnlichste Frankfurter vergißt das Jahr 1866 mit seinen Bitterkeiten und reicht dem tapfern Preußen die deutsche Bruderhand. Jeder hilft, daß dieser Krieg ein gerechter, ein nationaler ist.

Wir stehen am Eingange der deutschen Periode der Weltgeschichte. Das große intelligente deutsche Volk ist endlich im Begriff, die Stelle in der Reihe der europäischen Nationen einzunehmen, die ihm von Rechtswegen gebührt; eine Stelle, die es schon lange eingenommen haben würde, wenn alle seine Stämme vereinigt gewesen wären und die Politik der alten Zeit sie nicht gegeneinander gehetzt hätte. Daß freilich die frühere Zersplitterung Deutschlands andererseits wieder das deutsche Volk zum gebildetsten und intelligentesten der Erde gemacht hat, indem jeder der hundert kleinen fürstlichen Höfe als Centralpunkt Bildung und Intelligenz ausstrahlte, ist bekannt. Und wenn trotz alledem manche Nationen, unter denen die häufig genug durch die Schuld ihrer Fürsten in alle Welt gejagten Deutschen lebten, diese mit einer halb spöttischen, halb mitleidigen Geringschätzig behandelten, – so geschah dies nur wegen der politischen Unbedeutendheit und Ohnmacht einer so großen Nation, die eine Sprache redete, allein deren Stämme sich gegenseitig als Fremde, wo nicht als Feinde betrachteten.

Ich war im Jahre 1866 in Amerika und weiß, welchen Eindruck der Heldenmuth der Preußen auf die Amerikaner machte und mit wie günstigem Auge sie die Bestrebungen des Grafen Bismarck betrachteten. Die Deutschen gewannen augenblicklich in ihrer Achtung. Das Wort dutchman, womit jeder Deutsche in den Vereinigten Staaten verächtlicherweise bezeichnet wurde, hörte auf ein Schimpfwort zu sein.

So schmerzlich auch der Localpatriotismus mancher Deutschen in 1866 verletzt sein mochte, so freute sich doch jeder über die gesteigerte politische Bedeutung der Deutschen, und die Sehnsucht nach vollkommener Bereinigung aller Stämme wurde mit jedem Jahre dringender und allgemeiner. Die mehrmals versuchten Einmischungen Napoleon’s in deutsche Angelegenheiten und das verrückte Rheingelüste der Franzosen – verrückt, weil die Rheinufer von deutschredenden Menschen bewohnt werden – hatte die deutsche Nation schon längst ungeduldig gemacht, und die Frechheit, mit welcher Napoleon gegen das Oberhaupt des Nordbundes auftrat, verletzte nicht nur die Angehörigen dieses Bundes, sondern alle Deutsche. Jeder fühlte sich persönlich beleidigt und bedroht, und die Kriegserklärung Frankreichs wurde überall mit Jubel angenommen; man war allgemein froh, daß das Ungewitter endlich zum Ausbruch kam, und empfand, dieser Krieg werde geführt um die nationale Ehre und Existenz der deutschen Nation, – um den Frieden. Siegt Deutschland, so darf keine Nation Europas es wagen, den Frieden zu stören ohne den Willen Deutschlands, und Deutschland will nie Krieg aus bloßer Kriegs- und Eroberungslust. Der Störenfried aber, der Feind des Friedens, ist der alternde Abenteurer in Paris. Um sich und seine Familie zu halten, stürzt er die Welt in Krieg; die Rheingrenze und Belgien würde ihm wahrscheinlich dieses Ziel sichern. Spielt Napoleon auf diese Weise nur um seine Krone, so kämpft Deutschland um seine politische Existenz. Dem ersteren folgt ein von Ehrgeiz und Muth beseeltes Heer, aber hinter demselben steht ein Volk, welches den Räuber seiner Freiheit so ziemlich durchschaut und trotz alles Ehrgeizes einsieht, daß ein Sieg seine Ketten nur fester schmiedet, da es ein Sieg des Cäsarismus wäre.

Ich wurde in Coblenz eingeladen, einem Exerciren des vierten Garderegiments beizuwohnen. Das Regiment, ohne Reserve dreitausend Mann stark, hatte nahe an fünfzehnhundert Kriegsreservisten bekommen, die noch ein paar Tage vorher das Feld pflügten, und der Oberst, Graf Waldersee, wollte vor dem auf den Sechsundzwanzigsten festgesetzten Ausmarsch sein Regiment zusammen sehen. Ich ging also auf den schönen Exercirplatz auf der Centhause, wo ich das Regiment versammelt fand. Nach einigen Bewegungen in den Compagnien und Bataillonen wurde das Ganze zusammengezogen und ein regelmäßiger Angriff gemacht, der mit einer Bajonnetattaque endete. Das nur kurze Exerciren schloß mit einem Vorbeimarsch in Compagniefront, zweiundsiebenzig Rotten stark. Auf dem Heimweg wurde ich dem Obersten vorgestellt, der fragte, wie mir sein Regiment gefallen habe. Ich sagte ihm meine Meinung und mit Vergnügen, da sie eine in jeder Hinsicht lobende war. Ich habe sehr viele Truppen aller Nationen in meinem Leben gesehen, allein bei keiner Armee der Welt würde es möglich sein zu erreichen, was ich hier sah. Trotz der fünfzehnhundert neueingetretenen Leute ging jede Bewegung mit einer Präcision und Fertigkeit, als sei sie wochenlang vorher eingeübt worden. Ich sah hier mit Interesse zum ersten Mal das Feuern in vier Gliedern, bei welchem die zwei vorderen Glieder niederknien. Was mir bei dem Feuern der Tirailleure sowohl als im Gliede besonders überraschend auffiel, war die bedächtige Ruhe, mit welcher die Soldaten zielten, was ihnen eine große Ueberlegenheit über die schnell puffenden Franzosen geben muß, die immer hitziger werden, je mehr sie knallen.

Die Bajonnetattaque wurde mit Feuer und dennoch mit wunderbarer Ordnung ausgeführt, und der Vorbeimarsch zum Schluß war trefflich. Das Regiment sah außerordentlich schmuck aus, denn sie hatten Alle nagelneue Uniformen an, wie es beim Mobilmachen der Armee in Preußen Regel ist.

„Ja, ja,“ sagte Graf Waldersee, „ich glaube auch, daß mit solchen Leuten etwas zu machen ist.“

Ich glaube das in der That auch, und da die anderen Regimenter, die ich in Coblenz sah, hinter dem Garderegiment nicht zurückstanden, so ist mein Vertrauen in den Sieg unserer Armee befestigt worden, besonders da der Geist der Leute nicht besser sein kann, als er es ist.

Die Festungswerke von Coblenz boten ungefähr denselben Anblick, wie die von Köln. Man hatte bis dahin noch die schönen Promenaden am Rhein verschont und wird sie verschonen, so lange es möglich ist. Am frühen Morgen marschirte das 4. Grenadierregiment nach dem Hundsrück zu ab und langte am 28. Abends in Kirn an, wo es am 29. einen Ruhetag hatte. Ich fuhr um zehn Uhr mit dem Dampfschiffe „Hohenzollern“ nach Mainz ab, da nur ein einziger Zug am Tage ging. Die Truppen brauchten alle Züge, denn fünf Tage lang passirten täglich sechsunddreißigtausend Mann Coblenz, um zur Front zu eilen, wo in erster Linie allein dreihundertundfünfzigtausend Preußen stehen.

Ich sah in Coblenz General Herwarth von Bittenfeld, dem man einen Ehrenposten gegeben hat, während man sein achtes Armeecorps einem jungen General, v. Goeben, anvertraute, der sich 1866 in Süddeutschland auszeichnete. Ueberhaupt hat die preußische Regierung dem Grundsatz gemäß gehandelt, daß es besser sei, die Eitelkeit oder selbst das Ehrgefühl eines einzelnen Mannes zu verletzen, als ihm das Wohl und Wehe von vielen Tausenden anzuvertrauen, wenn sie seinen körperlichen oder geistigen Fähigkeiten mißtraut. Eine bedeutende Anzahl aller verdienter Generale, die dem Könige sehr lieb und teuer sind, sind alle diesem Grunde übergangen worden.

Auf dem Dampfschiffe traf ich mehrere Officiere, die bis Boppard gingen, und unter ihnen einen Obersten, der früher beim Generalstabe gestanden hatte und im vorigen Jahre im Lager von Chalons gewesen war. Er lobte im Allgemeinen die Infanterie und auch die Artillerie, obwohl er manche Mängel an den französischen Geschützen nachwies, mit denen sich zum Beispiel kein wirksamer Kartätschschuß erzielen ließ, zu welchem Ende man die [535] Mitrailleuse erfunden habe. Er legte keinen besondern Werth auf dies als Popanz benutzte Geschütz, da es nur auf sechs- bis achthundert Schritt wirklich wirksam sei. Von der Bespannung der Artillerie und der Cavallerie hielt er sehr wenig und am allerwenigsten von der veralteten Taktik der Franzosen. Ihre Aufstellung in Schlachtordnung sei noch dieselbe wie ungefähr im siebenjährigen Kriege.

Man hatte ganz bestimmte Nachrichten aus Frankreich, daß die französische Armee an einem bestimmten, sehr frühen Tage über die deutschen Grenzen rücken wolle, und fürchtete das insofern, als man mit dem Mobilisiren der Armee noch nicht fertig war. Nun war jedoch alle Besorgniß vorüber und blieben die Franzosen, hieß es, nur vier bis fünf Tage ruhig, dann sei die ganze Armee in Position.

Ein Nachtschmetterling, ein sogenanntes Ordensband, setzte sich zufällig auf die Uniform eines Adjutanten des Obersten, eines Capitains. „Ein gutes Omen!“ rief ich; und der Capitain schien es so anzusehen und versprach, sich Mühe zu geben, das von dem Könige für diesen Krieg wieder auferweckte Eiserne Kreuz zu verdienen.

Die Reise nach Mainz ging ohne Störung vor sich. Der Rhein ist außerordentlich seicht, und die Schiffer lachten sehr über die Idee, Panzerschiffe auf den Fluß zu bringen. Vor Mainz ist eine zweite Schiffbrücke geschlagen worden. In Mainz war es außerordentlich lebhaft. Es gelang mir noch spät Abends mit einem Zuge nach Frankfurt zu kommen, was ein Glück war, da die großen Militärzüge bereits begonnen hatten. Am 27., dem Bettage, kamen unendlich lange Züge den Main entlang durch die Stadt und wurden von den Einwohnern mit Jubel begrüßt, was den Soldaten sehr zu gefallen schien. Heute ist es Dienstag und seit jener Zeit sind ununterbrochen, Tag und Nacht, Militärzüge hier durchgegangen Vorgestern und gestern das zwölfte Armeecorps, Sachsen.

Man spricht hier von allerlei Vorpostengefechten und Soldatenbriefe enthalten auch mancherlei wahrscheinlich unrichtige Nachrichten. Die Turcos sollen Hunde bei sich haben, welche den Pferden an die Nase springen. Sie werden wohl nicht lange springen. Gegen katholische Geistliche auf dem Lande hier in der Nachbarschaft, die für Napoleon gesprochen haben, hat das Volk Justiz geübt und sie verjagt. Der Geist ist überall trefflich, wenn man auch mit Sorge der kommenden Schlacht entgegen sieht. Ich denke, sie muß in ein, zwei Tagen stattfinden. Ich zweifle nicht an dem Siege.

Entschuldigen Sie diesen flüchtigen Brief; allein ich bin im Begriff, in einer halben Stunde nach Bingen und von da so weit als möglich vorzugehen.



[539]
Zweiter Brief.

Saarbrücken, den 9. August 1870.

Am 2. August Abends gegen zehn Uhr traf ich in Bingen ein und stieg im Victoria-Hôtel ab. Das Hôtel war mit Officieren und Aerzten angefüllt, die alle eifrig die Karte studirten, um die kleinen auf Seitenstraßen liegenden Dörfer aufzufinden, wohin sie am nächsten Morgen marschiren sollten. Ich ging zum Etappencommandanten, Hauptmann Lenz, welcher mir, nachdem er meine Papiere geprüft hatte, mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit eine Fahrkarte auf meine eigene Visitenkarte schrieb, kraft welcher ich mit dem Militärzuge, welcher von Bingerbruck abgehen sollte, nach Birkenfeld reisen konnte.

Als ich das Hôtel verlassen wollte, sah ich einen Herrn in den Speisesaal treten, welcher mir ein Engländer zu sein schien, meine Vermuthung wurde vom Oberkellner bestätigt, ohne daß dieser mir indessen seinen Namen anzugeben wußte. Mir kam das Gesicht jedoch bekannt vor; ich sah genauer hin und erkannte William Howard Russell, den berühmten Correspondenten der London Times, mit dem ich manchen vergnügten Abend in Washington zugebracht hatte.

Herr Russell ist ein Mann von mittlerer Größe mit einem angenehmen, sorgfältig gepflegten Gesicht, welches durch einen etwas ergrauten militärischen Schnurrbart geschmückt ist. Er war ganz in helles Grau gekleidet und trug eine elegante Art von Blouse von demselben hellgrauen Wollenstoff und ein wollenes Hemd ohne Kragen und Halsbinde, was mit meinen Ansichten so vollkommen übereinstimmte, daß ich – wenn die schnellen Bewegungen der deutschen Armee dem Schneider Zeit lassen – mir einen ganz ähnlich zweckmäßigen Anzug machen lassen werde. Der berühmte College ist eine sehr gewinnende Erscheinung und hat die Manieren eines Mannes angenommen, der sich viel in der Gesellschaft hochgestellter Personen befindet. Er spricht sehr ruhig und mit fast weiblicher Zartheit und mild freundlichem Gesichtsausdruck. Für einen Deutschen liegt darin ein klein wenig Affection, allein sie macht keineswegs einen lächerlichen, sondern im Gegentheil einen sehr angenehmen Eindruck.

Herr Russell freute sich, mich wiederzusehen, und wir tauschten unsere Karten aus. Er war im Begriff, zum Hauptquartier des Kronprinzen abzugehen, und wartete nur auf seinen Wagen, an dem der Sattler noch etwas machen mußte. Er kam von Berlin oder Potsdam, wo er eine Audienz bei dem Könige gehabt hatte, der ihn sehr liebenswürdig empfing. Herr Russell hatte einen jungen Lord bei sich, der sich den Krieg ansehen wollte und den er unter seinen Schutz genommen hatte. Ich hatte leider keine Zeit mehr, mit Herrn Russell zu reden, und wir schieden mit der Hoffnung, später irgendwo auf einem Schlachtfelde zusammenzutreffen.

Ich hatte in Bingen Glück. Der Bahnhofsinspector, der geplagteste Mann in jener Zeit, war die Liebenswürdigkeit selbst, ich erhielt ein Coupé zweiter Classe ganz allein für mich. Der Zug beförderte ein Bataillon vom einundvierzigsten Regiment, welches zum ersten Armeecorps gehört und von Königsberg kam. Es bestand aus meinen Landsleuten, denn ich bin ein Gumbinner, und ich wurde bald populär mit Officieren und Soldaten. Die Reise bis Kreuznach ging sehr schnell, allein von da ab hielten wir an verschiedenen Stationen lange und häufig an. Diese Aufenthalte waren indessen keineswegs unangenehm, denn überall hatten sich große Volksmengen versammelt, welche die Soldaten mit jubelnden Zurufen nebst enthusiastischen Würsten und patriotischen Bierkrügen empfingen. Die Musik stieg gewöhnlich aus und ergötzte die Menge durch patriotische Lieder und Märsche und lustige Melodien aus „Pariser Leben“ und „schöne Helena“. Die Ostpreußen waren in der allerbesten Laune, denn ihre Reise durch ganz Deutschland glich einem Triumphzug. Sie brannten vor Begierde, sich mit den Franzosen zu messen.

Ich gab meinen Nachtsack einem jungen Manne, der mit dem Zuge gekommen war und der sich meldete, als ich fragte, wer etwas verdienen wolle. Er war ein Porcellanmalergehülfe von Andernach, dessen Geschäft durch den Krieg stockte, denn wer hätte jetzt Lust, sich etwas malen zu lassen. Er ging nach Birkenfeld, um den Versuch zu machen, als Krankenpfleger oder Träger auf dem Schlachtfelde anzukommen.

Bald hinter mir im vollen Regen kamen denn auch die Einundvierziger an, deren zwei andere Bataillone gleichfalls noch denselben Abend eintrafen. Obwohl die Birkenfelder auf eine Einquartierung von dreitausend Mann gar nicht vorbereitet waren (die Stadt hat noch nicht ganz dreitausend Einwohner) und die Soldaten ohne Verpflegung einquartiert waren, also kein Essen zu beanspruchen hatten, so gab es doch keinen Hauswirth, der, was er hatte, nicht mit den Soldaten getheilt hätte.

Im Gasthofe logirte auch eine junge Dame, die mit dem Militärzuge von Bingerbruck gekommen war, sich aber unterwegs nicht gezeigt hatte. Sie war eine ebenso liebenswürdige als verständige und entschlossene junge Frau, die ihrem Bruder nachreiste. Sie hatte ihn seit beinahe zwei Jahren nicht gesehen und war nun eben angekommen, als er gerade mit seiner Compagnie ausmarschirt war. Kein Mensch konnte ihr Auskunft geben, wo das Corps des Hauptmanns stand; allein sie verlor den Muth nicht und kam von Pommern bis Birkenfeld glücklich durch. Sie war eine Frau Ellen v. ***, eine junge Wittwe, und es versteht sich von selbst, daß Corvin augenblicklich bereit war, die Dame in ihrem Vorhaben nach Kräften zu unterstützen. Als ich sie jedoch am nächsten Morgen gar nicht zu sehen bekam, überwog correspondenzliches Pflichtgefühl die Galanterie, und ich fuhr mit dem Postomnibus nach Station Birkenfeld ab. Unterwegs begegnete mir „Excellenz Bentheim“, der Divisions-Commandeur mit seinem ganzen Stab, der in der Nacht der Gefahr, zerschmettert zu werden, glücklich entgangen war. In Bingerbruck rannte nämlich eine wildgewordene oder angekneipte einzelne Locomotive in den Militärzug, zertrümmerte ein paar Coupés und richtete einigen Schaden an, der aber hätte bei weitem noch größer sein können. Zwei Soldaten wurden beschädigt und ein Pferd getödtet.

Militärzüge gingen nur nach Türk’s Mühle, von wo die Post nach Trier am Nachmittag vier Uhr abfahren sollte. Ich beschloß daher, die paar Stunden zu Fuß zu gehen. Mit einem Manne aus der Gegend, der meinen Nachtsack trug, stiefelte ich wohlgemuth den reizenden Weg entlang. Dicht bei Türk’s Mühle, am letzten Hause, stürzte ein etwas angesäuselter Soldat heraus, dem mein Gesicht nicht gefiel, was offenbar schlechten Geschmack verräth. Er witterte etwas Spionartiges und wünschte meine nähere Bekanntschaft zu machen. Er wollte mich „irgendwo“ in Königsberg gesehen haben. Als der Mann unangenehm wurde, wurde ich ungeduldig und bat ihn, sich nicht unnütz wichtig zu machen. Er sei nicht im Dienst und habe mich gar nichts zu fragen. Sei er neugierig, so möge er an den Bahnhof gehn und seine Vorgesetzten fragen, wer ich sei; er brauche es nicht zu wissen. Er ging brummend ab.

Als wir in der Nähe des Bahnhofes bei Türk’s Mühle ankamen, fuhr eben ein Zug nach Birkenfeld ab, auf dem sich sieben französische Gefangene befanden, die nebst drei anderen, die nachkamen, gebührend von den Eingeborenen angestaunt wurden. An der Post sah ich zwei Herren, von denen der eine jüngere den durchaus englischen Typus hatte. Schönes Gesicht, etwas langen Hals und lange Beine und einen blousenartigen wollenen Rock, ähnlich dem Russell’s. Ich hielt die Herren für Correspondenten englischer Blätter und machte bald mit ihnen Bekanntschaft. Der ältere war ein Künstler, der die ganze Welt bereist hatte und acht Sprachen fließend sprach. Er redete deutsch wie ein Deutscher, während sein junger Gefährte, ein englischer Husarenofficier, unsere Sprache nicht verstand. Beide Herren kamen von Saarbrücken und hatten das dort am Zweiten stattgehabte Gefecht sehr nahe mit angesehn, was natürlich mein großes Interesse erregte.

Erst gestern Abend bekam ich den Bericht des Generals Frossard an Napoleon in dem „Temps“ zu sehen. Ich sah nie ein lustigeres Lügendocument, welches ich der Aufmerksamkeit aller Leser empfehle. Sie werden den wahren Hergang der Sache bereits kennen und ich kann mich kurz fassen. Hinter Saarbrücken erheben sich verschiedene Hügelketten und zunächst der Winterberg und der Exercirplatz. All’ diese Berge und die weiter dahinter liegenden [540] Speicherer Berge waren von mehr als drei Divisionen Franzosen besetzt, während sich in Saarbrücken nur ein Bataillon vom 40. Regiment und eine Schwadron Ulanen befanden. Da unsere Armee noch nicht fertig war, so war es die Aufgabe des Commandanten von Saarlouis und des in Saarbrücken befehligenden Officiers, die Franzosen glauben zu machen, daß hinter ihren wenige Mann bedeutende Corps stünden, und sie fortwährend zu necken, ohne jedoch ein Gefecht herbeizuführen. Es gelang vortrefflich, sie zu täuschen. Die Ulanen verwandelten sich durch Wechseln ihrer Kleider bald in Dragoner (sie setzten nur Infanteriehelme auf) und durch Anziehen ihrer Stalljacken in Kürassiere, so daß selbst die zahlreichen Spione irre geführt wurden. – Am Zweiten also beschloß General Frossard, die große Schlacht zu schlagen, und seine drei Divisionen krabbelten wie Ameisen vorwärts gegen die Heeresmassen der Preußen. Diese Heeresmassen bestanden aus drei Zügen vom vierzigsten Regiment, Ulanen, die man in dem Train nicht gebrauche konnte, also zurückschickte, und einer Batterie, die zu zwei und zwei Geschützen geteilt war. Diese drei


Die Gartenlaube (1870) b 540.jpg

Aus den Vorpostenneckereien preußischer Cavallerie.
Nach der Skizze eines rheinischen Künstlers.

Züge hielten die dreißigtausend Mann vier Stunde lang fest und erschossen mehr Franzosen, als sie selbst stark waren. Ein Feldwebel, der eine vortheilhafte gedeckte Stellung einnahm und welcher als der beste Schütze im Regiment bekannt ist, ließ zwei Soldaten hinter sich beständig Gewehre laden und ihm reichen. Er soll allein achtzig Franzosen erschossen oder verwundet haben. – Der französische General warf Granaten in die Stadt und zerschoß ein paar Häuser, namentlich verwüstete er den schönen neuen Wartesaal im Bahnhof. Der General fragte den Bürgermeister, wo denn die Heeresmassen seien, welche seine große Armee zum Weichen gebracht haben, und wollte es durchaus nicht glauben, als ihm gesagt wurde, daß seine Macht gegen drei Züge verschwendet worden sei, bis es ihm der Bürgermeister auf das Ernsthafteste betheuerte. „Ist das so,“ rief Frossard aus, „dann wehe Frankreich; jeder Mann dieser drei Züge ist ein Held.“

Die Franzosen begingen allerdings hin und wieder Diebstähle und Gewaltthätigkeiten. Ein Bürger klagte dem General, daß er bestohlen worden sei. „Es giebt in jeder Armee Lumpen,“ sagte der General, allein der Bürger erwiderte: „In unserer Armee, Herr General, giebt es keine Lumpen.“ Die Soldaten mußten antreten und ihre Tornister öffnen; in dem einen fand man noch vier der gestohlenen Hemden und – einen schwarzen Frack.

In dem kleinen Postamt Türk’s Mühle waren die wenigen Beamten ganz aus dem Häuschen, denn sie erstickten unter der Unmasse von Soldaten-Paketen und Briefen. Dadurch verzögerte sich denn auch unsere Abreise um eine gute Stunde. Ich hatte beabsichtigt einen Wagen zu nehmen und nach Saarbrücken zu fahren, allein es kam die (falsche) Nachricht, daß die Franzosen Dudweiler besetzt hatten, und ich zog es daher vor, über Trier und Saarlouis die Front zu erreichen.

Als wir in Hermeskeil ankamen, fanden wir die Leute sehr aufgeregt und begierig vom Kriegsschauplatze zu hören, und auch die junge Wittwe „Ellen, die ihren Bruder suchte“. Durch Geld und gute Worte hatte sie Extrapost von Birkenfeld bekommen, was mir nicht gelungen war. Der Zuwachs einer lebhaften und gescheidten Frau zu unserer Gesellschaft war sehr angenehm. Es war halb zwei Uhr Nachts, als wir endlich in Trier ankamen. Die beiden Engländer gingen in die „Stadt Venedig“, wo sie Sachen zurück gelassen hatten, und „Ellen, die ihren Bruder suchte“, und ich nach dem uralten trefflichen „Rothen Haus“. Der uns auf mein Läuten öffnende Hausknecht überraschte uns gleich sehr angenehm durch die Nachricht von dem brillanten Sieg des Kronprinzen bei Weißenburg.

Ich war noch nie in Trier gewesen und schlenderte vor dem Frühstück durch die Straßen, um mir die Physiognomie der Heiligen Rock-Stadt anzusehen. Als ich in den Gasthof zurückkam, erhielt ich ein mit Bleistift geschriebenes Billet von den beiden Engländern: „Wir sind in größter Verlegenheit und möchten Sie gern sehn, wenn Sie nicht beschäftigt sind. Einige betrunkene Beamte drangen gestern Abend in unser Zimmer, indem sie uns für Spione hielten, und wir dürfen das Hôtel nicht verlassen.“ Ich ging sogleich hin. Einige Intendantur-Beamten feierten bei ihrer Ankunft den Sieg bei Weißenburg und der siegestrunkene Mehlwurm faßte einen plötzlichen Verdacht gegen die fremden Zungen sprechenden Menschen. Ihr Paß nutzte nichts, sie wurden bis auf die Haut ausgeschält [541] und ihre Sachen wurden durchwühlt. Endlich setzte man ihnen einen Polizeidiener in’s Zimmer und meldete die Sache im Hauptquartier. Ich ließ mich sogleich bei Generallieutenant von Marlotki melden, der mich dem Namen nach gut kannte und sehr artig empfing. Ich erzählte ihm, was ich von den beiden Herren wußte, und er kam zu der Ueberzeugung, daß sie unschuldige Personen seien, aber thöricht, ohne Erlaubnißschein zwischen den Vorposten herumzulaufen, wie sie es in Saarbrücken gethan. Ein Correspondent der „Irish Times“ war verwundet worden. Der General befahl die Herren frei zu lassen, aber nicht zu gestatten, daß sie zurück auf den Kriegsschauplatz gingen.

Als ich eben meinen Zeitungsbericht begonnen hatte, ließ mir „Ellen, die ihren Bruder suchte,“ sagen, daß um zwölf Uhr Mittags


wieder ein Zug nach Saarlouis gehe. Ich war augenblicklich reisefertig und nach zwei, drei Stunden langten wir in der mir von alten Zeiten her so wohl bekannten Gegend an, in welcher ich seit fünfunddreißig Jahren nicht gewesen war. Durch den Bau der Eisenbahn hatte sich die Localität natürlich verändert. Da ich keine Lust hatte, mich durch Zufall in Saarlouis belagern zu lassen, so ging ich in das dicht bei der Station gelegene große Dorf Frauenlautern, wo ich als hungriger Lieutenant manchen Eierkuchen verzehrt hatte. In einer großen Wirtschaft mit Garten, Kegelbahn, Tanzsaal und Logirzimmer kehrten wir ein. „Ellen, die ihren Bruder suchte,“ hatte am Bahnhof einen Jäger von ihres Bruders Compagnie gesehen und erfuhr von ihm, daß das Bataillon in Hüttersdorf, etwa drei Meilen von Saarlouis, liege. Ein Bauer, der zwei tüchtige Pferde und einen guten Leiterwagen hatte, wurde auch gefunden und die suchende Witwe und ihr correspondirender Ritter setzten sich auf dasselbe Bund Stroh und kutschirten ab. Ueberall Truppen und auf den Wegen Wagen mit Soldaten, die Proviant zuführten. Alle waren guter Laune und unsere beiden lachenden Gesichter machten sie nicht trauriger. Da ich in den letzten sechs Monaten unter Londoner Fütterung wenigstens fünfundzwanzig Pfund schwerer geworden bin, so war meine Nachbarin wohl berechtigt, mir unpassende Schwere vorzuwerfen; denn ich wurde immer kleiner und die Wittwe gerieth in Gefahr mir nach in den Abgrund gezogen zu werden.

In heiterster Laune kamen wir in Hüttersdorf an, wo ungefähr fünftausend Mann beisammenlagen. Wir sahen auf einer Wiese neben dem Wege den schmerzlich gesuchten Bruder sehr eifrig seine Compagnie Jäger exerciren und fuhren schnell vorüber, da er überrascht werden sollte. Wir begaben uns in das Haus, welches uns als das Quartier des Hauptmanns bezeichnet wurde, und als die Dame nach dessen Zimmer fragte, zeigte der resignirte Hauswirth mit dem Daumen rückwärts in eine offene Stube ebener Erde, auf deren Boden eine Streu ausgebreitet war, worauf sich Husarenjacken mit Infanterieröcken unterhielten. In diesem Zimmer schliefen (des Nachts und nicht als wir es ansahen) fünfzehn Officiere; außerdem waren noch fünfundsiebenzig Mann und fünfzehn Pferde im Hause einquartiert. Es war hübsch, die Freude des Geschwisterpaares zu sehen. Der Hauptmann zankte die Schwester, allein es freute ihn doch so recht von Herzen, daß sie den Muth und die Energie gehabt hatte und die Liebe zu ihm, diese Reise zu machen, um ihn noch einmal an’s Herz zu drücken, ehe er vielleicht in den Tod zog.

[542] Es war halb neun, als wir zur Rückkehr aufbrachen. Ein Gewitter stand am Himmel, und bald strömte es vom Himmel herab, wie es nur konnte. Meine Dame hatte einen grauen wasserdichten Ueberzieher und ich hatte mir einen von London mitgenommen, der wasserdicht sein sollte. Als sonstige Waffe gegen des Himmels Segen (der Regen war wirklich ein großer Segen) diente uns beiden ein „Antuchkahche“, wie die Frankfurter sagen, denn ich leichtsinniger Mensch hatte meinen Regenschirm in Lautern gelassen. Natürlich tröpfelte das von dem Schirm ablaufende Wasser in meinen Schooß, dann gerieth es in den linken exponirten Stiefel. Meine Nachbarin machte mitleidiger Weise ihr Kleid breit, so daß es meinen Schooß bedeckte; Alles vergebens, wir wurden immer nasser und der Regen immer ärger. Unter solchen Situationen hört manches auf und das noli-me-tangere-System ist nicht mehr durchzuführen. Wir lachten wie närrisch, wenn irgend eines von uns wieder eine neue kühle Ueberraschung an einem bisher trocknen Körperteil entdeckte. Unsere nasse Seligkeit wurde durch die Frage eines wachsamen Postenbefehlshabers unterbrochen, was der Bauer geladen habe. „Eine nasse Dame,“ sagte meine Nachbarin; „das Donauweibchen,“ sagte ich. Kurz, ich habe nie eine nassere, aber auch nie eine lustigere Partie gemacht.

Endlich gegen zwölf Uhr kamen wir in Frauenlautern an, gerad’ als der Regen aufhörte, der alle Wege in Ströme verwandelt hatte. Ich sprang aus dem Wagen in die bequemste Pfütze und trug das „feuchte Weib“ in’s Haus, wo die Leute uns noch erwarteten. Hand in Hand rannten wir lachend an ein durch Läden geschlossenes Fenster – das den abwesenden Spiegel ersetzen mußte, um unsere seltsame Erscheinung bewundern zu können – heißer Kaffee und Abendessen waren bald vorhanden, und als wir uns am Morgen nach unserm gegenseitigen Befinden erkundigten, entdeckten wir mit Vergnügen, daß wir weder Hals-, noch Zahnschmerzen, noch Schnupfen, noch Rheumatismus hatten.

Gegen zehn Uhr Morgens reiste meine liebenswürdige Wittwe nach Trier ab, und wir schieden als sehr gute Freunde und beide um eine Lebenserinnerung reicher. Nachdem ich meinen vielfachen Correspondenzpflichten etwas Genüge geleistet hatte, ging ich nach Saarlouis hinein, was nur eine kleine halbe Stunde entfernt ist. Eine neue Schanze war vor dem Brückenkopf nach den Rhodener Höhen zu gebaut; die Bäume aus dem Glacis, die zum Theil niedergehauen waren, waren fünfunddreißig Jahre älter geworden, seit ich sie als junge Schößlinge kannte, und die Gräben und Umgegend waren überschwemmt. Die Thore und Barrieren waren geschlossen, allein die Wache ließ von Zeit zu Zeit die Brücke ein und aus, ohne nach einer Legitimation oder dergleichen zu fragen. „Da bin ich denn wieder im alten Neste etc.,“ dachte ich, allein daß die Sehnsucht danach „mir das Herz zerpreßte,“ kann ich eben nicht sagen. Die Eisenbahncultur hatte Saarlouis nämlich auch beleckt. Am Markt waren statt eines Kaffeehauses drei und statt des Buchbinders, der sonst die Saarlouiser Welt mit der literarischen Welt in Verbindung brachte, existirt nun eine Buchhandlung, die ein tägliches Blättchen herausgiebt und hundert Arbeiter beschäftigt.

Die alten Knaster in der Stadt kannten mich alle noch! Ich muß mich also doch famos gehalten haben. Wenn man so sechs Jahre im Bruchsaler Essig einsam und tugendhaft gelegen hat, so muß man gestehen, daß derselbe Körper und Geist ganz ausgezeichnet conservirt, wenn man nämlich zuvor nicht daran stirbt oder verrückt wird.

Nach einer Legitimation hatte ich mich noch nicht umgesehen; da mich aber manche Officiere und Soldaten mit mißtrauischen Augen ansahen, so hielt ich es für besser zum Commandanten zu gehen, dem Obersten de Barry, der noch nicht lange Commandant war. Als ich zu ihm hineintrat, sah er mich mit seinen schwarzen Augen sehr lange und scharf an; dann sagte er: „Es ist lange, seit wir uns nicht gesehen haben.“ Der Oberst war junger Officier im fünfunddreißigsten Regiment, während ich im sechsunddreißigsten diente, und wir kannten uns natürlich. So finde ich überall alte Cameraden und auch sonst bin ich in Deutschland noch viel mehr bekannt, als ich mir einbildete, und man behandelt mich zuvorkommend und freundlich. Der Oberst erzählte mir, wie es seine Aufgabe gewesen sei, den Feind zu amüsiren und irrezuführen, zu welchem Zwecke er mit der Besatzung von Saarbrücken in Verbindung und Fühlung trat. Der Zweck wurde brillant erreicht und der französische General und der Herr Empereur nebst Lulu sind einmal gründlich bismarckirt worden – was man so über den Löffel barbiren nennt.

Nachdem der Commandant, der von allen Leuten sehr gelobt wurde, meine Briefe etc. gesehen hatte, gab er mir einen Paß, der mich dem Schutz der Militär- und Civilbehörden empfahl. Die Festungswerke von Saarlouis sind dadurch bedeutend verbessert worden, daß man die innern Wälle casemattirt hat. Der Ort hat vom deutschem zum französischen Thor nicht so viel Durchmesser wie der Great Eastern lang ist, auf dem ich dreihundert Schritt in jeder Richtung spazieren gehen konnte. Ich unterhielt mich vor einem der Kaffeehäuser mit sehr liebenswürdigen Officieren, von denen mir einige kleine Abenteuer mit den Franzosen erzählten. Gegen eine Patrouille von ein paar Mann hatten sie ganze compacte Massen entwickelt und wie wahnsinnig drauf los gefeuert, während manchmal das Erscheinen eines einzigen Cavalleristen genügte, um eine ganze Menge zum Ausreißen zu bringen, obgleich sie à l'attaque! schrieen. Die Vierziger haben sich bei ihnen in solchen Respect gesetzt, daß sie beim Ueberschreiten der Grenze stets sehr vorsichtig danach fragen. Ein Hauptmann, am Ende, erzählte mir, daß er am Morgen bei einem seiner Doppelposten gehalten habe, als er auf etwa vierhundert Schritt eine Abtheilung von circa dreißig Cavalleristen erscheinen sah. Er ließ den Posten auf sie feuern, und kaum war der Schuß gefallen, so riß die ganze Gesellschaft aus. Am Abend des 6. sagte mir der Bahnhofsinspector, daß am nächsten Tage die Züge nur bis Burbach bei Saarbrücken gehen würden, doch ich fuhr mit einem derselben bis Saarbrücken; die Eisenbahncolonne hatte die Schiene gleich wieder gelegt, da durch das große, siegreiche Gefecht bei Forbach die Gefahr vor einer Rückkehr der Franzosen verschwunden war.

Im Coupé traf ich Herrn Ernst Beyer, norddeutschen Consul in Mobile (Alabama) der vom Hauptquartier in Lebach kam und sich den Krieg ein wenig ansehen wollte. Er hatte den Krieg in Amerika mitgemacht und war in fünfzehn Schlachten und vielen Gefechten gewesen. Wir beschlossen zusammen zu bleiben. In St. Johann, der Vorstadt von Saarbrücken, welche diese Stadt bereits überflügelt hat und mit ihr durch die Saarbrücke verbunden ist, sahen wir die uns beiden so wohl bekannten Zeichen des Krieges, nämlich den durch Granaten zerstörten Wartesaal des Bahnhofs. Schade darum; man sieht noch, wie gut und elegant die Einrichtung war.

Es wimmelte in Saarbrücken von lauter Truppen und war in großer Aufregung wegen des am Sechsten stattgehabten Gefechtes – dasselbe hatte eigentlich am Siebenten stattfinden sollen, war aber durch Zufall verfrüht worden.

Wir gingen beide in das nahe dem Bahnhof gelegene Hôtel Hagen, welches wir mit Officieren und besonders mit Johannitern überschwemmt fanden, die es sich bei Essen und Wein wohl sein ließen. Dabei hörten wir, daß die deutschen Truppen bereits Forbach in Frankreich besetzt hätten, und beschlossen nach einem substantiellen Frühstück unsere Lenden zu gürten und zu Fuß so weit wie möglich vorzudringen, jedenfalls aber nach Forbach zu gehen. – Eben im Begriff meine Habseligkeiten in den allerkleinsten Compreß zu zwängen, sah ich im Hof eine Menge Aerzte der Armee zu Pferde ankommen und mit ihnen auf einem Pony Prinzessin Salm hoch zu Roß.

Als die Prinzessin mich sah, ließ sie die Herren stehen, rannte auf mich zu und umarmte mich – horribile dictu! zum Entsetzen sämmtlicher neidischen Courmacher, mich – der ich mehr einem Räuberhauptmann – einem Diebe – als einem civilisirten Menschen ähnlich sah – als ihren alten treuen Freund vorstellend, der ich auch wirklich bin, denn ich bekümmere mich nicht um Lumpereien und schätze ihre Charakterstärke und Energie. Sie kam mit dem berühmten Geheimrath Dr. Busch, hatte das Johanniterkreuz am Arm und ärgerte sich über die Bordeaux schlürfenden ritterlichen Bummler, die mitgehen – Niemand begreift, warum.

Der Consul und ich gingen mit den Truppen nach dem Exercirplatz, einer von den Franzosen Tags vorher, in solcher Eile geräumten festen Position, daß sie Proviant und andere Dinge zurückließen. Weiß Gott, welche Nachricht sie dazu veranlaßte.

Am Siebenten hatten die Preußen, wie gesagt, angreifen wollen und die Dispositionen waren demgemäß getroffen. Ehe ich Ihnen nun das Gefecht beschreibe, wie es möglich ist, ohne es selbst gesehen zu haben, muß ich Ihnen eine möglichst verständliche Skizze von dem Schlachtfelde geben, was wegen des coupirten Terrains gar [543] keine Kleinigkeit ist und weil ich Ihre Leser nicht durch unnütze Details confus machen darf.

Nehmen Sie zunächst die Karte zur Hand und folgen Sie mir. Sie werden da ein gleichschenkeliges Eisenbahndreieck finden, dessen nördliche Spitze Saarbrücken ist. Im rechten, östlichen Schenkelpunkt liegt Saargemünd, im linken ein Ort Namens Cocheren. Aus dem linken südwestlich laufenden Schenkel, etwa drei Stunden von Saarbrücken, liegt der französische Ort Forbach. Die alte Kaiserstraße nach diesem Ort läuft etwas abweichend davon und geht über Forbach hinaus nach St. Avold (das Volk sagt St. Aford) und weiter nach Metz.

Die nächste Station auf dem Schenkel nach Forbach ist bei einem Dorfe Namens Stieringen, nächst welchem auch die Kaiserstraße dicht vorbei geht. Westlich von dieser Kaiserstraße liegt eine ziemlich hohe, von Schluchten durchschnittene Hügelkette, welche die Speicherer Berge genannt wird, nach einem auf der Höhe liegenden Dorf Speichern. Näher nach Saarbrücken, rechts von der Landstraße, also zwischen dieser und der Eisenbahn, liegen der Winterberg und der Exercirplatz, eine starke Position, die eben von den Franzosen so plötzlich geräumt wurde. Dem Exercirplatz gegenüber, auf der andern Seite der Kaiserstraße, liegt ein vorspringender steil (30 Grad) aufsteigender Hügel, dessen durchklüftete Fortsetzung bis nach Stieringen und noch darüber hinaus läuft. Hinter diesem vorspringenden Hügel, unmittelbar hinter demselben eine Art Bucht bildend, liegt eine bewaldete Höhe. Nahe bei Stieringen, dicht an der Eisenbahn nach Forbach und südwestlich von derselben, liegt ein großes Eisenwerk, Stiring de Wendel. Dicht an derselben, vom Fuße des Exercirplatzes aber zieht sich eine bewaldete, durch eine Schlucht getrennte Höhe, deren südwestliche Hälfte von den Franzosen, während die nordwestliche von den Preußen besetzt war. Zwischen dem von Franzosen besetzten Wald, begrenzt nördlich von der Fabrik und Stieringen, nach der Landstraße hinüber, hatten die Franzosen ein Lager auf einer Hochebene. Sie hatten aber ebenfalls die Speicherer Höhen besetzt und namentlich die bewaldete Höhe hinter dem obengenannten steilen Hügel.

Ueber den Anfang des Gefechts cursiren abweichende Erzählungen. Nach Einigen wurde der Kampf provocirt durch zwei Escadrons Cavallerie – Husaren, Ulanen und Kürassiere –, die zwischen Eisenbahn und Kaiserstraße, respective Speicherer Hügel, bis nach Stieringen zu vordrangen. Als das Gefecht begann, waren in dem Walde an der Eisenbahn (in der Nähe der Fabrik) nur etwa zweitausend Preußen. Diese drangen über die Schlucht, von Gersweiler kommend, im Walde vor, wo sich ein lebhaftes Gefecht entspann, in Folge dessen die Preußen nach ziemlich hartnäckiger Vertheidigung auf die Ebene vordrangen, auf der, in der Nähe der Fabrik (nordwestlich), die Franzosen sich leicht verschanzt hatten. Die Franzosen wurden über diese Ebene und über die Landstraße gejagt, woran sie sich in die Speicherer Berge zurückzogen, deren Fortsetzung sie, wie oben bemerkt, ebenfalls besetzt hatten. Die Position, die sie dort einnahmen, war eine formidable und so stark, daß selten eine Truppe, außer Preußen, es unternehmen würde, sie anzugreifen. Es ist schwierig, hinauf zu kommen, selbst wenn man ohne Hindernisse hinaufsteigen kann.

Nahestehende Regimenter wurden von verschiedenen Seiten in’s Gefecht gezogen und man kann annehmen, daß den dreißigtausend Franzosen auf der schroffen, zum Theil felsigen und zerklüfteten Höhe zehn- bis zwölftausend Preußen am Fuß derselben entgegen standen. Die Berge mußten genommen werden, und das neununddreißigste Regimemt, Musik voran, schickte sich zum Sturm an gegen den ziemlich kahlen, schroffenreichen Berg, den ich als vorspringend bezeichnet habe. Das vierundsiebenzigste Regiment nahm ebenfalls an dem Sturm Theil, der vier Mal zurückgeschlagen wurde. Unterdessen nahmen andere Regimenter die dahinter auf dem rechten Flügel der Franzosen liegenden bewaldeten Höhen, wodurch sie den auf dem vorspringenden steilen Berge stehenden Franzosen, die ebenfalls Brustwehren aufgeworfen hatten, in die rechte Flanke kamen. Zugleich unternahmen die Truppen gegen den vorspringenden Hügel den kühnsten Sturm. Der Verlust war hier bedeutend, wäre aber noch größer gewesen, wenn der Hügel nicht so steil war, woher es kam, daß die Franzosen viel über die Stürmenden hinausschossen. Sie waren theilweise, und besonders auf einem Absatz des Berges, im todten Winkel.

Der Berg wurde genommen und der Kampf entbrannte noch heftiger auf der Hochebene. Das zwölfte Regiment und andere, die ich nicht nennen will, um Verwirrung zu meiden, griffen zugleich die Speicherer Höhen weiter rechts, nach Stieringen zu, an. Das Terrain ist da sehr schwierig und der Kampf war hart; allein sie nahmen die Höhen, kamen den Franzosen in die linke Flanke und zwangen sie zum Rückzug, unterstützt von Artillerie, welche aus einer hinter dem vorspringenden Berge laufenden Straße auf das oben liegende Plateau rückte.

Die Truppen sind alle darüber einig, daß die Franzosen brav fochten – aber! – die Preußen fochten eben tapferer und jagten die dreißigtausend Mann, daß es eine Lust war. Sie flohen in der Richtung nach Forbach, wo eine berühmt starke Position ist, die sie aber nicht lange halten konnten; noch Abends wurden sie vertrieben und flohen nach St. Avold zu.

Auf einer Anhöhe trafen mit gefälltem Bajonnet ein Bataillon Preußen und ein Bataillon Franzosen zusammen; sie rückten bis fünfzehn Schritte an einander – da machten die Franzosen Kehrt.

Die Verluste der Deutschen sind sehr groß und vielleicht größer, als die der Franzosen, wie das ganz natürlich ist; sie werden an Todten und Verwundeten auf viertausend Mann angegeben. Es ist unmöglich, allen den braven Truppen einzeln Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, denn aus den auf dem Schlachtfelde gesammelten Angaben kann man nicht recht klug werden. Ich habe Soldaten aller Regimenter gefragt, und jeder erzählt seine eigene Geschichte. Ich muß mich mit aphoristischen Angaben begnügen, deren exacte Richtigkeit ich nicht verbürgen kann, die ich aber jedenfalls annähernd für wahr halte.

Ein Vierziger am Bahnhofe sagte mir, sein Regiment habe (am 2. und 6. zusammen) gegen fünfzehnhundert Mann eingebüßt. Der Mann war sehr aufgebracht darüber, daß die Franzosen ihm seinen Helm so schändlich zugerichtet hätten. Ein Granatstück, sagte er, hätte erstlich ein Loch hineingeschlagen, ohne den Kopf zu verletzen, und eine Chassepotkugel hätte die Spitze weggenommen. Die Achtundvierziger verloren ebenfalls viel und die braven Neununddreißiger noch mehr; am meisten vielleicht die Vierundsiebenziger. Deren Füsilier-Bataillon war auf vierhundert Mann reducirt (von circa tausend) und sechszehn Officiere fehlten. General von François empfing vier Kugeln und starb. Der Oberst des zwölften Regiments ist schwer verwundet.

Ich kehre nun zu dem zurück, was ich persönlich sah.

Der Consul und ich gelangten zunächst auf den Exercirplatz. Vor uns sahen wir die Truppen, die an dem Gefecht Theil genommen hatten, und hinter uns sahen wir auf verschiedenen Wegen immense Colonnen nach Saarbrücken zu marschiren. Die ganze Nordarmee unter General Steinmetz hatte eine Bewegung nach Süden gemacht und sich mit der Mittel-Armee in Verbindung gesetzt. Man sagt uns, General Frossard habe einen Waffenstillstand von zwei oder drei Tagen begehrt, allein Steinmetz habe lakonisch geantwortet: „Ist nicht.“ –

Nachdem wir uns eine gute Weile in dem unbewaldeten Terrain aufgehalten und mit den Soldaten verschiedener Truppentheile gesprochen hatten, gingen wir wieder in den Wald, der sich von einem Wiesengrunde bis nach dem Eisenwerke bei Stiering hinzieht. Die Franzosen hatten hier sich kreuzende Wege gehauen, um nach allen Richtungen feuern zu können. Wir trafen auch in diesem Walde einen Telegraphen. Im Walde lagen Preußen und Franzosen todt, obwohl nicht sehr dicht, wie sie eben bei einem Tirailleurgefecht fallen. Sowohl der Consul als ich hatten Schlachtfelder gesehen und hielten uns bei den Todten nicht zu lange auf. Ich nahm mir ein Stück Granate, welche einen französischen Sergeanten erschlagen hatte, zum Andenken mit, und ein ihm zugehöriges Notizblatt. Ein Feldwebel, der es sah, sagte mir, es sei verboten, Civilisten in den Wald zu lassen, und ich ging auf die Hochebene heraus, wo man eben gegen 40 todte Preußen mit drei Salven begraben hatte. Zwei Feldgensdarmen kamen uns nach, wovon der eine mich scharf examinirte, was ich mit dem aufgehobenen Papier wolle. Die Vorzeigung meiner Legitimation machte der Schwierigkeit ein Ende. Das Verbot, in den Wald zu gehen, war ganz vernünftig. Marodeure hatten die Leichen geplündert, und wir sahen etwa ein Dutzend, dabei anständig gekleidete Leute, mit Stricken zusammengekoppelt, auf der Chaussee transportiren, ebenso Gefangene, von denen man in Saarbrücken etwas über tausend sah.

Das Schlachtfeld auf der Hochebene zwischen Wald und Chaussee sah wie ein Trödelmarkt aus. Wer das nicht gesehen [544] hat, hat keinen Begriff davon. Die Todten lagen dort ziemlich dicht, sowohl Preußen wie Franzosen. Jenseits der Straße war französische Cavallerie ins Gefecht gekommen, und eine Anzahl Pferde lagen da. Aber auf der Ebene standen vier demolirte französische Geschütze. Auch sagten mir die Siebenundsiebziger, daß sie drei Mitrailleusen genommen hätten. Die Dinger sind Spielerei. Drei Kugeln sind in jeder der grünen Patronen. Eine Section mit Nadelflinten oder Chassepots, die zielt, ist gefährlicher als jede Mitrailleuse, welche Kugeln wie Erbsen streut – auf gut Glück. Ich konnte leider keine Mitrailleuse zu sehen bekommen.

Wir gingen nun bei Stieringen vorbei und kamen an ein Wirthshaus, welches die goldne Brehm (Ginster) heißt. Es steht hart an der Grenze schon auf französischem Boden. Im Haus war Alles zertrümmert; von den Kugelmarken sah es aus, als habe es die Pocken.

Dort begegneten wir einem sehr schön beladenen Wagentrain, welchen die Düsseldorfer Husaren erbeutet hatten und in sehr guter Laune einheimsten. Sie hätten nun Hafer, sagten sie, für die ganze Campagne. Wein, Zucker etc. wurden auch in Menge erbeutet. Dabei trafen wir einen gefangenen Franzosen mit dem rothen Kreuz. Er nannte General Frossard einen Verräther. Dessen Schlachtbericht vom 2. August beweist auch in der That, daß er ein französischer Windbeutel ist.

Die Leute in Forbach waren in großer Angst; man hatte ihnen Scheußliches von den Preußen erzählt. Allein sie beruhigten sich bald wieder und machten gute Geschäfte. Einzelne Soldaten hatten Requirir-Gelüste; doch die Officiere paßten scharf auf.

Wir stiegen im Chariot d’or ab. Die Leute sprechen alle Deutsch. Im Hause war auch das Hauptquartier einer Cavallerie-Division, Prinz von Mecklenburg.

Ich muß gestehen, daß das Schreiben viel am Sehen hindert. Die Preußen laufen so schnell, daß man sie ohne Pferd gar nicht einholt, und Pferd und Wagen sind nicht zu haben. Ich wäre gestern Morgen gern gleich weiter nach St. Avold, allein ich mußte schreiben, während der Consul recognoscirte. Er beschloß in Forbach zu bleiben, während ich nach Saarbrücken zurückging, in der Hoffnung von dort aus Fuhrwerk nach Metz zu finden. Einige Saarbrücker schlossen sich mir an und wir schlugen bei der goldenen Brehm den Weg in die Berge ein, welcher die Grenze bildet. Wir fanden bald überall auf den Bergen und Beiwegen todte Preußen und Franzosen. Einen vom zwölften Regiment hatte die Kugel mitten ins Herz getroffen; er sah aus, als ob er schliefe und angenehme Träume habe. An einer Stelle fanden wir zwei Franzosen und zwei Preußen, welche sich mit Kolben bearbeitet hatten und nun friedlich dicht neben einander lagen. Chassepots und Nadelflinten, Helme und Mützen, Tornister und Säbel bedeckten das Schlachtfeld und überall Blutlachen. Es war ein sehr scharfes Gefecht. Auf der Ebene, die auf der Höhe des erstürmten, vorspringenden Hügels liegt, sah es am wildesten aus. Man hatte bereits eine Menge Todte begraben, allein viele lagen noch heute unbeerdigt und die gesammelten Effecten zeigten an, wo die Schlacht am härtesten war. Auch zwei demontirte Geschütze, die Protzkasten noch gefüllt, sahen wir. Wir stiegen mit Mühe den Berg hinunter, den die Neununddreißiger und Vierundsiebenziger gestürmt hatten. Ich wollte, Sie könnten das sehen! Es ist schon vier Uhr und ich will versuchen nach Metz zu kommen, damit ich die Schlacht nicht versäume, die nach meinem Dafürhalten in dem Dreieck geschlagen werden wird, welches zwischen Metz, Thionville und Saarlouis liegt. Vielleicht gehe ich nach Saarlouis per Eisenbahn und erreiche von da das Schlachtfeld leichter. Hier marschiren zu viele Truppen durch, und Fuhrwerk ist, wie gesagt, nicht zu haben. Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd! Das war in Amerika besser, da hatte ich stets mehrere zu meiner Disposition. Jetzt sitze ich seit heut Morgen und schreibe, und damit verläppert man seine Zeit, wie sein Geld mit Schuldenbezahlen.

Frossard soll bei St. Avold verwundet sein. Hurrah für den Sieg des Kronprinzen bei Wörth, wo sich die Süddeutschen wieder so brav geschlagen haben! Das ist die rechte Brüderweise.

Saargemünd ist in unsern Händen, ungeheure Vorräthe wurden erbeutet, die zurückgelassen wurden; dabei ein ganzer Eisenbahnzug. Prinz Friedrich Karl war in Saargemünd. Der König wurde gestern hier erwartet. Die ganze Stadt ist beflaggt und bewimpelt, allein auch heute ist der König noch nicht hier und es heißt nun auch schon, er komme überhaupt nicht.

Quartier in Hôtels gar nicht zu haben. Die Saarbrücker thun Alles, was sie können. Ich hatte eine Karte an Bankier Snude, der mich mit der größten Liebenswürdigkeit und Freundschaft aufnahm. Eben bringt mir derselbe die Nachricht, daß der König und Graf Bismarck nun doch angekommen sind.

Mein nächster Brief meldet und beschreibt Ihnen hoffentlich einen großen Sieg; wenn ich ihn nur nicht versäume! Die Preußen werfen mit ihrer „Affengeschwindigkeit“ – so hieß es ja wohl 1866 – alles Althergebrachte über den Haufen und ein armer Correspondent weiß sich nicht mehr zu helfen. Immer langsam voran! Das war bequem. – Durchlesen kann ich meinen Brief unmöglich; corrigieren Sie gefälligst etwaige Wiederholungen. Jetzt fort nach Metz!



[596]
Dritter Brief.


Pont à Mousson, 22. August.

Als ich am zehnten dieses Monats von Saarbrücken fortritt, reichte man mir Ihren Brief vom siebenten August auf das Pferd, in dem Sie die in einem mir noch nicht zugekommenen Briefe enthaltenen Instructionen für die Correspondenz wiederholen. Ich verstehe vollkommen, was Sie wollen; allein es ist sehr schwieg, Ihnen zu genügen, denn für „geschlossene Bilder und Schilderungen“ hat man in dem sehr wilden Feldleben selten Muße. Umgeben von lärmenden Soldaten im Bivouac, ohne irgend einen vernünftigen [597] Platz zum Schreiben, halbverhungert und durstig, ermüdet von körperlichen Strapazen, kann die elastische Natur nicht immer ihren Humor und ihre Gemüthlichkeit bewahren. – Ob Ihnen genügen wird, was ich Ihnen geben kann, weiß ich nicht. Ich halte es für das Beste, wenn ich Ihnen ruhig erzähle, was mir passirte, wobei es an Schilderungen, Charakteristiken etc. nicht fehlen wird; allein ich kann das nicht Alles sondern und in sich selbst abgerundete Artikel daraus machen. –

Letzte Woche war es mir absolut unmöglich, Ihnen einen Brief zu rechter Zeit zuzusenden. Bedenken Sie, daß wir im fremden Lande, die Posten noch nicht hergestellt und die Feldpostbeamten nicht immer so gefällig sind Briefe zu besorgen. –

Die Gartenlaube (1870) b 597.jpg

Transport französischer Gefangener.
Nach der Natur aufgenommen von W. Schaal.

Ich hatte mich in Saarbrücken zu meiner Excursion ausgerüstet. Ich kaufte das einzige Pferd, welches feil war. Es war dies ein fünfthalbjähriger Brauner, der noch nicht geritten war und die schauderhafte Eigenschaft hatte zu „kleben“, das heißt sich stets an Pferde und Wagen anzudrängen, was auf einer mit Geschützen und Militärfuhrwerken aller Art erfüllten Straße äußerst fatal und gefährlich ist. Ein ganz kleines Päckchen, in welchem meine Schreibmappe den größten Platz einnahm, war in Wachstuch eingeschlagen hinten an den Sattel geschnallt und vor demselben lag mein Regenmantel. Und was für einer! Eben angekommen bei Herrn Süßkind in Saarbrücken, gefüttert mit Seide, weit und leicht und bezahlt mit sechszehn Thalern. Reitstiefeln gab es nicht mehr; aber derselbe süße hebräische Deutsche verkaufte mir ein Paar bis über die Kniee reichende Reitgamaschen, die noch jetzt meine Wonne und ein Gegenstand allgemeinen Neides sind. Hätte ich diese nicht, wäre ich längst als Strauchdieb festgehalten worden.

Haben Sie sich je mit einem Vierjährigen gequält? wenn nicht, so verzichten Sie aus die Erfahrung. In Schweiß gebadet kam ich in Forbach an, und als ich den kostbaren Seidengefütterten vom Sattel nahm, glich er dem Kleidungsstücke einer Mumie. Die ganze Pastete war zusammengeklebt und beim Entblättern schälte sich der Gummi ab. Ich ließ also das nutzlose Ding in Forbach und verließ mich auf eine ebenfalls gekaufte rothe wollene Decke. Außerdem besaß ich drei wollene Hemden, einige Paar Strümpfe und Schnupftücher und einen ungefütterten blauen Tuchpaletot. Eine Feldflasche war in ganz Saarbrücken nicht zu haben.

[598] Am andern Morgen ging die Reise nach St. Avold. Unterwegs traf ich reitende Feldgeistlichkeit, mit der ich schon in Forbach spirituell Verkehr gepflogen und nach Wahrheit geforscht hatte, – da, wo man sie finden sollte, in vino. Der katholische Pfarrer, der seinen polnischen Küster bei sich hatte, war ein munterer junger Mann, dem seine wie ein Achtgroschenstück große Tonsur ganz pfiffig stand. Er war ein eifriger Wahrheitsforscher und bedauerte unendlich, daß er meinen Drang nach schnellem Fortschritt nicht befriedigen, respective nicht reiten konnte, wie seine nicht im Seminar erzogenen ketzerischen Collegen. Er fuhr übrigens im allerbequemsten Wagen und war mit Hundertthalerscheinen wohl versehn.

St. Avold ist ein reizend in sehr fruchtbarer, hügeliger Gegend gelegenes Städtchen, welches die Einwohner ringsum hartnäckig St. Afort nennen. Die Leute dort hatten sich noch nicht von ihrem Schrecken erholt. Sie hatten alle Fensterläden und Thüren geschlossen (es war übrigens Sonntag, glaub’ ich) und sahen merkwürdig verstört aus. Die Rohheit einzelner Soldaten hatte die Einwohner erschreckt. In einem Hause, gegenüber meinem Gasthof, „requirirte“ ein Soldat bei einem wunderhübschen Mädchen Tabak und als sie ihn nicht verstand, hielt er ihr die Pistole auf die Brust. Ich tröstete sie und versicherte ihr, daß sie keine Angst zu haben brauche, denn kein Soldat in der Armee würde auf eine Frau schießen.

Als ich am Morgen aufbrach, um nach Faulquemont zu reiten, traf ich vor der Stadt die reitende Corps-Artillerie des zweiten Corps und schloß mich der zweiten Batterie an, deren Hauptmann und Offiziere sehr liebenswürdig waren. Wir wurden im Hause einer Frau einquartiert, welche geradezu vor Angst ihren Kopf verloren hatte. Leute aus den vorliegenden Orten, meistens übrigens deutsch, waren im vollen Lauf gekommen und hatten geschrieen: „Wir sind verloren, die Preußen kommen, rette sich wer kann!“ Zugleich war das Gerücht ausgesprengt worden, daß die Preußen nicht nur alle junge Männer, sondern selbst Kinder von zehn Jahren mitnähmen, und ein wilder Schrecken ergriff die ganze Bevölkerung. Alle junge und selbst alte Männer rissen aus; man sah nichts als Frauen, die theils vor Angst zitterten, theils mit Haß auf die Soldaten blickten. Unsere Wirthin hatte ihren einzigen Sohn nach Metz geschickt. Als wir so freundlich mit ihr redeten, fiel ihr ein Stein vom Herzen, und mit der allergrößten Bereitwilligkeit sorgte sie für alle unsere Bedürfnisse. Wir mußten ihr die Bezahlung dafür aufzwingen.

Der Marsch am nächsten Tage nach Mainvillers war nicht lang. Wir kamen bei guter Zeit in’s Bivouac und richteten dasselbe in einem Obstgarten, mit sorgsamer Schonung der Obstbäume ein, während die Geschütze auf dem Felde daneben standen. Im dem Häuschen einer armen Frau auf einem Boden, zu dem wir auf einer Leiter hinaufklettern mußten, machte man für die Offiziere der Batterie und für mich eine Streu und wir schliefen ganz ausgezeichnet. Zum Mittagsessen hatte uns der Bursche pommersche Milchklöße und darauf grüne Bohnen mit Speck gekocht, die uns ganz köstlich schmeckten.

Am nächsten Tage passirten wir das königliche Hauptquartier in Herny. In Lugny begegneten wir einem Zuge, den ich anfangs für eine Menagerie hielt, die zu einem Jahrmarkt zog; allein die Fahne mit dem rothen Kreuz und die Inschrift auf den übrigens sehr hübschen Wagen belehrten mich, daß es die „Sanitäts-Gesellschaft der Pariser Presse“ war, die ich vor mir hatte. Etwa vierzig junge Leute in phantastischem Krankenwärter-Costüm wurden von einem Dutzend katholischer Geistlicher in ihrem gewöhnlichen Costüm begleitet. Die Letzteren machten Gesichter, als hätten sie eine faule Auster gegessen, und waren so tief in ihre stummen Betrachtungen versunken, daß sie meinen artigen Gruß nicht erwiderten. Die Faselhänse waren ganz gemüthlich über die Postenkette hinaus kutschirt und natürlich angehalten worden. Sie waren darüber sehr empört und der Ansicht, daß man sie, laut der Genfer Convention, wieder höchst artig über die Vorposten hinaus zu ihrer grrrande Nation und Armee bringen solle. Sie stellten das dem Könige vor. Polizeirath Stieber, der immer Spitzbube- und Mördergedanken hat, und Chef der Feldgensd’armerie ist, zitterte, daß unter den jungen Menschen vielleicht ein Fanatiker sein möchte, welcher nach dem Könige Schießversuche anstellen könnte, und ich muß gestehen, daß ich diese Furcht keineswegs ungerechtfertigt finde. Der König überließ denn auch die Angelegenheit Herrn Stieber, und dieser fand es keineswegs für zweckmäßig, so viele scharfäugige Pfaffen wieder zurückkehren zu lassen. Man dirigirte die gemischte Krankenpfleger-Gesellschaft nach Saarbrücken, wo sie reichliche Gelegenheit finden werden, Franzosen und die Bekanntschaft mit den „Barbaren“ zu pflegen, von denen sie durch ganz brutale Tapferkeit bis jetzt in jedem Gefecht geschlagen worden sind.

Unser nächstes Quartier war in Cheminot bei einem wohlhabenden Bauer. Als ich in den Hof trat, sah ich ihn mit einem langen Messer in der Hand in der Mitte stehen. Ich war überrascht, denn neben ihm, ebenfalls mit Messern, nur von kleineren Dimensionen, standen drei Weiber, alt wie die Parzen, aus deren Augen ein solcher Haß herausfunkelte, daß sie mich an durch Hunde gestellte wüthende Katzen erinnerten. Sie sannen Mord; da sie aber nicht den Muth hatten, Preußen abzuschlachten, so mordeten sie einstweilen Hühner und Tauben, und stellten sich aus Politik sehr eifrig; eine Politik, die ihnen sehr widerwärtig war, deren Nothwendigkeit ihnen aber hin und wieder durch eine drohende Geberde des Hausherrn in Erinnerung gebracht wurde. – Dieser Hausherr war in seinem Aeußern durchaus Bauer. Er trug eine blaue Blouse, benagelte dicke Schuhe und keine Strümpfe; allein sein Haus und Gehöft konnte sich mit dem manches adeligen Gutsbesitzers messen. Er hatte das Haus selbst gebaut und sehr schön eingerichtet. Obwohl er seine Betten, Vorhänge und sonstige Kostbarkeiten nach Metz in Sicherheit gebracht hatte, so sah man doch an den marmornen Kaminen und an den großen aus Nußbaumholz geschnitzten Schränken, daß der Mann nicht nur Geld, sondern auch Geschmack hatte. Seine Scheunen waren wohlgefüllt und in seinem Stalle hatte er ein gutes Dutzend kräftige Percheronpferde, wovon ihm die bösen Preußen bereits sechs genommen hatten. Er war ein Philosoph. Anstatt mit dem Schicksal zu hadern und sich in fruchtlosen Lamentationen zu erschöpfen, gab er sich alle Mühe, die Wuth der Feinde durch freundliche Bereitwilligkeit zu versöhnen. Das gelang ihm auch, und unsere Freundlichkeit versöhnte sogar die drei Höllenkatzen so weit, daß die Schwarzäugigste von ihnen in den Garten ging, um für uns Mirabellen und Johannisbeeren zu holen. –

In einem Quartier in diesem Dorfe wollten die Weiber den einquartierten zwei Soldaten den Hals abschneiden; als jedoch andere dazu kamen, verbargen sie die Messer unter ihren Röcken. Die Sache wird wohl nicht so ernst gemeint gewesen sein, wie sie mir ein Soldat darstellte; allein das ist sicher, daß die Weiber am wüthendsten sind. Franzosen sind gewöhnlich sehr geizig, um einen armseligen Franken können sie für ein Pfund Lärm machen; vollends die Weiber! Ein poulet oder ein lapin aus ihrem Stall genommen durchbohrt ihnen das Herz, und ihre Lamentationen schallen durch Berg und Thal. Die jungen Mädchen hielten sich alle versteckt; man sah nichts als alte Weiber.

Mainvillers war der letzte Ort, in welchem deutsch gesprochen wurde. Die Kinder auf dem Lande können alle deutsch, allein sie wagten nicht es zu reden, weil es ihnen von den Pfaffen verboten war. In den Schulen wurde die deutsche Sprache nicht gelehrt, so daß sie nur von Wenigen geschrieben werden kann.

Wir mußten schon gegen zwei Uhr Morgens aufbrechen. Der Marsch wurde beeilt, denn es hieß, daß man sich in der Front schlage. Ich hatte mich in den Marketenderwagen gesetzt, denn mein Pferd war gedrückt und nicht zu reiten. Der Pferdehändler, der mir Pferd und Sattel verkaufte – für hundertfünfzig Thaler – hatte mir nicht gesagt, daß der Sattel nicht der gewöhnliche des Pferdes war. Derselbe war zu eng und das Pferd bekam am Widerrist eine dicke Geschwulst, die alles Reiten außer Frage stellte. Ich war freilich unglücklich darüber, denn nun konnte ich nicht, wie ich wollte, vorauseilen. Auf unserem Wege konnten wir von Weitem ein großes Fort von Metz und auch die Kathedrale sehen.

Unser Marsch ging nach Pont à Mousson, einem Städtchen von zehntausend Einwohnern, welches in der Mitte zwischen Metz und Nancy an der Mosel liegt. Während wir geraume Zeit vor dieser Stadt hielten, passirten uns lange Züge französischer Gefangener und Verwundeter, die sich von den Schlachten herschrieben, welche in der Nähe von Metz am Vierzehnten und am Sechszehnten stattgefunden hatten.

Pont à Mousson ist eine hübsche, alterthümliche Stadt, welche von der Mosel durchflossen wird. Am östlichen Ufer derselben erhebt sich ein ziemlich hoher Hügel, auf dem die stattliche Ruine [599] eines Schlosses steht. Das Städtchen wimmelte von Soldaten, und ich fand mit Mühe ein Bett in einem kleinen Zimmerchen, in welchem bereits zwei Ordonnanzen (in einem Bette) und ein Courier aus Berlin schliefen, welchen sich General Sheridan mitgenommen hatte. Der tüchtige amerikanische General befindet sich nämlich beim Heere, er war aber nach der Front zu vorgegangen, und ich bekam ihn nicht zu sehen. –

Die Krankheit meines Pferdes quälte mich sehr, denn sie machte es mir absolut unmöglich, schnell vorwärts zu kommen. Hätte ich Geld genug gehabt, würde ich in Pont à Mousson augenblicklich eines gekauft und von verwundeten Officieren, oder sonst, wohlfeil bekommen haben; allein von dem Gelde, welches mir von Postamt zu Postamt nachlief, war noch nichts in meine Hände gekommen, und wo neues hernehmen, wenn ich mich ausgab, war mir gänzlich unerfindlich. In der allerschlechtesten Laune, geradezu unglücklich, mußte ich am Achtzehnten herumbummeln. Endlich gelang es mir, die Bekanntschaft eines Intendanturraths zu machen, der einen Wagen und Platz darin hatte und so liebenswürdig war, mir denselben anzubieten. Er wollte nach Buxières, wohin eine Anzahl von Proviantcolonnen beordert waren. Da er aber erst um sieben Uhr fortwollte, so zog ich das Anerbieten eines andern Herrn derselben Classe vor, welcher eine Stunde früher aufbrechen wollte und dem noch ein Wagen folgte. Dieser letztere gehörte einem jungen Feldprediger, der im Verkehr mit der Welt (er war lange Hauslehrer gewesen) die praktische Weisheit ergründet hatte, daß Jeder sich selbst der Nächste ist. –

Nach vielen Irrfahrten mancherlei Art kamen wir endlich in Buxières an, wo wir die dorthin bestellten Colonnen auf dem Felde fanden. Der Ort zeichnet sich durch eine sehr schöne große Besitzung aus, welche die Farm St. Marie des Baraques heißt. Auf den zierlichen aber ganz unnützen Eingangsthürmen liest man Namen der Farm und Namen des Baumeisters. In der Mitte des Gebäudes steht eine Statue der Jungfrau mit der Inschrift: „Ave Stella Matutina“. Der Besitzer dieser Farm mißbrauchte die aufgezogene neutrale Johanniterfahne, um den Franzosen die Bewegungen unserer Truppen zu verrathen. Auf der That ergriffen erschoß er einen Major und wurde aufgehängt. Seine Farm wurde ausgeplündert, und was nicht fortgebracht werden konnte, wurde zerschlagen.

Ein gefälliger, aber sattelscheuer Mehlwurm – ich meine Verpflegungsmensch mit gelbem Vorstoß an der Uniform und goldenem Portepee – lieh mir ein Pferd und ich besuchte das Schlachtfeld vom 16., welches zwischen den Orten Thionville, Mars la Tour und Gorze lag. Die Gegend bei Gorze ist sehr schön, allein das Terrain ist für militärische Operationen außerordentlich schwierig. Die Hügel sind dort steil und überall ziehen sich dichte Buchwaldungen hin. Auf dem Wege von Gorze nach Rézonville, welches an der Straße von Metz nach Verdun liegt, ist jedoch eine Art Plateau, von dem die Abhänge in breiteren Flächen abfallen. Die Franzosen versuchten es hier, durchzubrechen, um die obengenannte Straße zu erreichen, wie ich mir denke um nach Chalons zu eilen und sich dem rasch vordringenden Kronprinzen in den Weg zu werfen. Die am Angriffspunkt befindlichen Truppen waren schwach, allein das brave elfte Regiment eilte zu Hülfe und focht hier mit einem – ich kann nicht sagen beispiellosen Heldenmuth, da derselbe von deutscher Seite überall gleich war, aber mit solcher Energie und Wirksamkeit, daß der Fortschritt des Feindes gehemmt wurde, bis weitere Hülfe herankam. Von den dreitausend Helden dieses Regimentes blieben nur tausend übrig; vierundvierzig Offiziere waren kampfunfähig, unter ihnen der Oberst v. Schöning, der Oberstlieutenant v. Klein und der Major v. Ising, die indessen nur zum Theil schwer verwundet wurden. Auch das sechsundfünfzigste Regiment hat viel gelitten. An diesem Wege nach Rézonville lagen die braven Elfer in schauerlichen Massen, gegen welche an dieser Stelle die Zahl der gedeckt aufgestellten Franzosen gering erschien. Man sah nichts als Nadelflinten und Helme auf dem Boden. Das Feuer war hier ganz entsetzlich und kam aus den Wäldern, wo man den Feind nicht sehen konnte. General v. Blumenthal, der sich rücksichtslos aussetzte, verlor drei Pferde unter dem Leibe, ohne selbst verwundet zu werden. – Die beiden Garde-Dragonerregimenter versuchten eine Charge; allein sie mußten erkennen, daß die Zeit der Cavallerie vorüber ist; gegen die Chassepots können sie nicht aufkommen. Diese beiden Regimenter verloren so viele Leute und Pferde, daß aus ihnen ein Regiment gemacht wurde. Unter den todten Offizieren war Rittmeister Prinz Reuß, Graf Westehlen (ich weiß nicht, ob ich den Namen richtig schreibe). Die Zahl der Todten und Verwundeten von unserer Seite beläuft sich auf mehr als viertausend. Alle unsere Soldaten sind darüber einig, daß das Chassepotgewehr besser ist, als das Zündnadelgewehr, und es ist in der That ein Glück, daß die Franzosen es erst so kurze Zeit im Gebrauch haben und noch nicht recht damit umzugehen wissen, und ferner, daß die Preußen mit ihrem Zündnadelgewehr das Mögliche leisten, da sie ruhig zielen und schießen, während es bei den Franzosen Regel ist, so viel Kugeln als möglich über den Feind zu schütten.

Als ich am 22. wieder über das Schlachtfeld kam, waren die Todten vom 16. noch nicht beerdigt, und die Elfer namentlich lagen noch; aber ihre Gesichter waren bereits schwarz.

Es war schon spät, als die Colonne, der ich mich angeschlossen hatte, sich nach Rézonville in Bewegung setzte, und finster, als wir dort ankamen. Der Ort lag voll von Verwundeten von der Schlacht, die am Tage vorher dort stattgefunden hatte und die ich versäumen mußte, weil ich kein Pferd hatte. Man sieht übrigens von einer Schlacht immer nur einzelne Momente und nie genug, um unmittelbar darauf eine getreue Beschreibung zu geben. Der Correspondent, der das unternimmt, ist in den meisten Fällen ein Humbug. Das frische Schlachtfeld dagegen ist wie ein aufgeschlagenes Buch, in welchem man die Geschichte der Schlacht in Leichenschrift lesen kann. Ich habe übrigens keinen Correspondenten irgend eines Blattes am 19. auf dem Schlachtfelde gesehen, mit Ausnahme eines kleinen beweglichen Mannes mit der Johanniterbinde und einem Fernrohr so lang wie er selbst, der etwas Kriegscorrespondenzliches an sich hatte, obwohl nichts Kriegerisches oder Militärisches.

Mit Mühe und Noth fand ich mit mehreren Intendanturbeamten ein Lager aus einer Streu auf einem Kornboden, und ich hörte mit Interesse, daß König Wilhelm die Nacht vorher auf demselben Boden zugebracht hatte, während die Prinzen unten in der Scheune sich aufhielten. Der praktische Feldprediger hatte natürlich sogleich Besitz von der einzigen Matratze genommen, die auf dem Boden lag.

Die Fenster waren zerbrochen und die Thür blieb fortwährend offen stehen, so daß man in der sehr kalten Nacht vor Frost klapperte. Ich fing auch an egoistisch zu werden und hielt eine Tags vorher gekaufte Flasche Wein zärtlich im Arm und trank sie heimlich, denn gestern hatte ich nichts als ein Stück Brod gegessen und in Rézonville war nichts zu haben, weder für Geld noch gute Worte.

Unserem Quartier schrägüber, am Anfange des Dorfes, brannten zwei Häuser im Innern, wo große Kornvorräthe aufgehäuft gewesen waren. An den glühenden Haufen kochten sich die Soldaten Kaffee. – Ringsum, so weit das Auge sehen konnte, campirten deutsche Truppen auf dem Schlachtfelde. Ich lieh mir ein Pferd, um wenigstens den Haupttheil desselben zu bereiten, und brach zu diesem Ende um acht Uhr auf.

(Schluß folgt.)
[639]
Vierter Brief. Als Spion.[1]

Frankfurt a. M., 13. September 1870.

Es ist keineswegs erfreulich, wenn Einen jeder Begegnende anranzt: „Mein Gott, was thun Sie denn hier?“ Da ich solch Ausrufungszeichen auch auf Ihrem Gesicht in Keilschrift sehe, so will ich Sie schnell mit der Versicherung beruhigen, daß ich morgen wieder fortgehe, nämlich nach einer Schwenkung durch das Elsaß nach Paris, oder so weit ich kommen kann. Uebrigens war mir, wie Sie aus dem Verlauf dieses Briefes sehen werden, ein Tag Ruhe zur Stärkung meiner Nerven durchaus nöthig. Es ist kein Spaß, unter die Obotriten zu gerathen. Außerdem mußte ich mich auch wieder neu equipiren – in sechs Wochen zum dritten Male, und mir die Johanniterei und die Lazarethe in Frankfurt ansehen, von denen mir viel Gutes und auch Wunderbares berichtet war.

Als ich meinen letzten Brief an Sie in Briey der Feldpost anvertraut hatte, kam die Nachricht, daß das zweite Armeecorps nach der Umgegend von Metz abmarschiren solle. Da das Hôtel de la croix blanche kein zureichender Grund für mein Bleiben in Briey war, so sah ich mich in der Frühe eines Morgens nach einem Fortbewegungsmittel um. Ein dicker Franzose, der eigentlich ein Luxemburger war, deutsch maltraitirte und hinkte, hatte von siebenzehn Pferden und vielen Wagen noch ein einziges und ein offenes zweirädriges Wägelchen übrig, wofür er dreißig Franken täglich verlangte. Da das Wetter sehr hübsch war, so schlug ich ein, und der Herr, der selbst mich fahren wollte, versprach um acht Uhr fertig zu sein und hielt Wort. Wir fuhren über das Schlachtfeld bei St. Marie aux Chênes und sahen noch überall Spuren der Schlacht, besonders in den Gräben, wo der Wind und der Regen Haufen von Uniformlappen, Hosen etc. zusammengefegt und geschwemmt hatte, bei denen hin und wieder ein gespensterhaftes Helmskelet Wache stand.

Mir gruselte es, als ich nach Gravelotte kam, weniger im Andenken an die dort stattgehabte Metzelei als in der Erinnerung an die Hungersnoth, die da rings umher herrscht, und aus Mitleid mit unseren braven Soldaten, die aus dem blutgetränkten und von Regen durchweichten Boden nun schon so lange unter freiem Himmel campirten.

Auf unergründlichen Wegen fuhren wir nach Ars sur Moselle. Ueberall grinsten uns an der Straße todte Pferde an, die sich in ihrem letzten Augenblicke darüber gefreut zu haben schienen, daß sie all dem Elend durch den Tod entgingen.

In friedlichen Zeiten muß die Gegend da sehr hübsch sein; allein überall gen Himmel gestreckte Pferdebeine, die von Körpern ausgehen, die zu Elephantendicke angeschwollen sind und die Luft ringsum verpesten, – sind eben nicht geeignet, die zum „Naturkneipen“ durchaus erforderliche Behaglichkeit zu erzeugen.

Bei Ars sur Moselle sind Eisenwerke, in denen Eisenbahnschienen und dergleichen gemacht werden. Jetzt sieht Alles öde und todt aus. Wovon werden die armen Leute im Winter hier leben? – Die Schlachten sind schrecklich, allein noch schrecklicher ihre Folgen, wenn auch der stille Jammer verhungernder Familien nicht solchen Lärm macht. Menschenfreunde – gleichviel ob Deutsche oder Franzosen oder Engländer oder Amerikaner – sollten schon jetzt daran denken, diesem entsetzlichen Elend vorzubeugen. Der Privatwohlthätigkeit ist hier ein sehr weites und sehr segensreiches Feld geöffnet, und Hülfe ist möglich, da die Bezirke, welche besonders gelitten haben, nicht so sehr ausgedehnt sind. Besondere Berücksichtigung verdienten wohl die um Metz herumliegenden Dörfer, deren Bewohner fast gänzlich ruinirt sind. Es thut Einem das Herz weh, wenn man in den schmutzigen Straßen arme alte kranke Männer und Frauen umherkriechen sieht, aus deren abgenagten Zügen der Hunger schreit.

Es war zwei Uhr, als wir nach einem erträglichen Mittagessen über die Moselbrücke fuhren. An der Seite rechts und links [640] sah man stattliche Ruinen eines römischen Viaducts, der einst über das Moselthal führte.

Die Wegkunde meines Kutschers erstreckte sich nicht auf das andere Moselufer; allein gegebenen Weisungen folgend, schlugen wir den Weg nach Augny ein, als uns ein Wetter überfiel, so schauderhaft, wie es glücklicher Weise nicht oft vorkommt. Es regnete wie bei der Sündfluth, und das hielt mit sehr kurzen Pausen bis zum Abend an. Jeder Schutz gegen solches Wetter war nutzlos. Ich war sehr bald nicht nur bis auf die Haut durchnäßt, sondern hatte außerdem noch das Nebenvergnügen, ein stundenlanges Sitzbad zu genießen. Es war das eine gräßliche Fahrt. Mein Franzose zankte mit seinem Heiligen, daß ihm derselbe nicht eine Offenbarung habe zu Theil werden lassen. Von Augny, hieß es, müßten wir nach Marly fahren, um Courcelles zu erreichen, die erste Station, von welcher Züge nach Saarbrücken gehen. Das schlechte Wetter und die Unzufriedenheit mit seinem Heiligen hatten meinen Franzosen noch confuser gemacht, als er schon von Natur war, und trotz meiner stark ausgedrückten Zweifel fuhr er einen falschen Weg, der, wenn wir ihn fortgesetzt hätten, uns sehr bald zu Marschall Bazaine gebracht haben würde, nach dessen Bekanntschaft ich selbst unter den trockensten Verhältnissen nicht im Geringsten begierig bin.

Die Gartenlaube (1870) b 640.jpg

In der Kirche von Speichern.
Nach der Natur aufgenommen von Chr. Sell.

Als wir in die Nähe einer großen Farm kamen, rief uns ein Posten Halt! zu und verlangte, daß wir in den Hof fahren und uns bei dem commandirenden Officier legitimiren sollten. Es war dies ein preußischer Major, der meine Papiere sah und über dessen ganzes Benehmen ich mich so recht freute, weil er militärische Bestimmtheit und Kürze auf die angenehmste Weise mit liebenswürdiger Höflichkeit zu verbinden wußte. Trotz des heftigen Regens begleitete uns der Adjutant bis an den nächsten Posten, und wir trabten weiter auf einem falschen Wege. Mein dicker Franzose hatte gänzlich den Kopf verloren. Nach einiger Zeit hielt uns abermals eine Wache an. Ich sagte ihr, daß der Major uns bereits gesehen habe, allein der Mann erwiderte: „Ja, wo wollen Sie denn hin? Da stehen ja unsere äußersten Vorposten, und es wird alle Augenblicke gefeuert.“

Die Posten standen allerdings dicht vor uns und es wurden auch hin und wieder Schüsse gewechselt, auf die ich bei dem scheußlichen Wetter wenig geachtet hatte. Als mein Franzose gewahr wurde, welcher Gefahr er sich aussetzte, verzweifelte er beinahe; er überwarf sich vollständig mit seinem rücksichtslosen Schutzpatron, phantasirte von seinen vier Kindern, versicherte, daß ihn der Krieg gar nichts angehe etc., und war herzlich froh, als ich ihn eine Bewegung nach rückwärts ausführen ließ.

[641]
Die Gartenlaube (1870) b 641.jpg

Am Bahnhof St. Johann-Saarbrücken nach der Schlacht von Speichern.
Nach der Natur aufgenommen von Chr. Sell.

[642] Endlich kamen wir gegen Abend nach dem ersehnten Courcelles, bei dessen Anblick unsere Hoffnungen aber auf Null sanken. Ringsum in den triefenden Feldern bivouacirten Truppen, und jeder Winkel des gottverlassenen Nestes schien besetzt. Der Posten am Eingange zwang uns, über eine nasse Wiese um das Dorf herumzufahren und nach vieler Mühe gelangten wir endlich in die Straße. An ein Unterkommen für ein Pferd schien gar nicht zu denken, denn es befand sich in Courcelles das Hauptquartier des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin mit vielen Pferden und außerdem eine Menge von Gensd’armen. Ich verzweifelte indessen nicht sogleich, ließ meinen Franzosen in der Straße halten und ging aus zu recognosciren. An einer Scheune sah ich mecklenburgische Jäger stehen. Ich gab einem von ihnen einen Thaler und bat ihn, mir behülflich zu sein ein Obdach für ein Pferd zu finden. Der Mann war sehr bereitwillig. In der Scheune lag die Wache, zu der er gehörte, und es fand sich Platz für das Pferd.

Als die freundlichen Leute sahen, daß ich so durchaus naß war, schlugen sie mir vor, mich an ihrem Ofen im Quartier nebenan zu wärmen. Sie hätten eben ihr Essen fertig gekocht und das Feuer brenne noch. Man kann sich wohl denken, wie gerne ich das Anerbieten annahm.

Das Haus, in welches ich geführt wurde, war durch eine gräuliche That berüchtigt. Eine achtzigjährige Frau in demselben hatte einem darin verwundet liegenden Officier die Augen ausgestochen und war dafür von den Soldaten gelyncht worden. Im Hause selbst hatte man Alles vernichtet und nichts als die leeren Räume gelassen, in denen nun eine Menge Soldaten Schutz vor dem Regen fanden. In dem Zimmer, in welches ich geführt wurde, lagen einige zwanzig Jäger, brave Leute, die sich sehr anständig und gastfreundlich betrugen. Da sie selbst naß und kalt waren, so ließ ich vom Marketender einige Flaschen Rum und Zucker holen, wovon genug Grog gebraut wurde, so daß jeder ein Glas bekam. Mein dicker Kutscher fand auch einen Platz am Ofen.

Bald darauf traten zwei Officiere ein. Der eine fragte mich in sehr knapper Weise nach meinem Namen und „Gewerbe“. Ich zeigte ihm meine mir vom Commandanten von Saarlouis ausgestellte Legitimation, in welcher „der Vorzeiger Oberst von Corvin-Wiersbitzki allen Militär- und Civilbehörden empfohlen wird etc.“ Am Schlusse war bemerkt, daß ich außerdem durch einen amerikanischen Paß legitimirt sei. Der Officier gab mir die Papiere zurück und verließ mit seinem Cameraden das Zimmer ohne Gruß und ohne ein einziges Wort. Ich war etwas erstaunt darüber, denn ich hatte einige Wochen nur mit preußischen Officieren gelebt, deren Höflichkeit mich verwöhnt hatte. Die Herren Mecklenburger scheinen noch auf dem Standpunkt zu stehen, auf welchem die preußischen Officiere vor einem halben Jahrhundert standen.

Da in einer an das Haus stoßenden Scheune Stroh genug war, so beschloß ich, die Nacht in derselben zuzubringen. Am Morgen wollte ich zum Etappencommandeur gehen und ihn um Weiterbeförderung bitten. Es war in der Scheune stockdunkel, und ich war eben im Begriff mein Lager zu arrangiren, so gut es gehen wollte, als ich plötzlich die Stimme des einen der Officiere vernahm, die mich eben erst mit ihrem Besuche beehrt hatten. Der Officier befahl mir, aufzustehen und ihm zu folgen. Als ich in der Finsterniß meinen Hut nicht finden konnte, rief er barsch, ich solle das Suchen bleiben lassen und ohne Hut kommen. Ich besann mich nicht lange und gehorchte.

Die ganze Art und Weise amüsirte mich mehr, als sie mich ärgerte, denn ich hatte schon so viel von der Bildung mancher mecklenburgischen Edelleute gehört – der Officier war ein Graf oder Herr von Rantzau – daß ich mich nur freuen konnte, diese obotritische Abart blauen Blutes endlich aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Ernstliche Besorgnisse konnte ich nicht haben, da etwaige Mißverständnisse leicht aufgeklärt werden mußten, wenn mir auch vielleicht momentan einige Unannehmlichkeiten bereitet werden konnten.

Das Bureau des Etappencommandos war an der Eisenbahn und etwa zehn Minuten von der Scheune entfernt. Es regnete, obwohl nicht stark, aber da ich barhäuptig hinschritt, wurde mein Haar vom Winde zerzaust. Als ich zögerte in eine tiefe Pfütze zu treten und dadurch etwa drei Schritt von dem Vollblutlieutenant abkam, packte mich der ihn begleitende Gensd’armerie Wachtmeister mit ungezogenen Worten rauh am Arm und stieß mich vorwärts. In die Nähe des Etappenbureaus gekommen, verlangte der Officier meine Papiere, welche ich in meiner Geldtasche hatte. Noch hatte es kaum eine Minute gedauert, bis ich dieselbe aufschließen konnte, als sie mir der Wachtmeister auch schon mit rohen Worten von der Schulter riß. Ich bitte nur zu bemerken, daß dies Alles geschah, nachdem der Officier meine Papiere gesehen hatte, in denen ich bei meinem vollen Namen genannt und als alter Officier legitimirt war. Außerdem ist Courcelles nicht in den Vorposten, sondern eine Eisenbahnstation. Nach einigen Minuten wurde ich in das Bureau gerufen. Ich traf hier außer einigen Schreibern einen preußischen Major, dessen Namen ich leider nicht vernahm.

Die Armee ist reich an Obersten und Oberstlieutenants, die nicht im Stande sind, im Felde Bataillone oder Regimenter zu befehligen, die man aber doch wegen ihres im Dienst ruinirten Gesundheitszustandes nicht gerade durch Entlassung kränken will. Für diese alten Officiere sucht man weniger beschwerliche Stellen aus und macht sie unter anderm gern zu Etappencommandanten. Die Pflichten eines solchen sind indessen nicht nur sehr wichtig, sondern erfordern auch ganz besondere Umsicht, Ruhe, Geschäftskenntniß, Thätigkeit und savoir faire . – Um den Obersten etc. diese Pflichten zu erleichtern, giebt man ihnen gewöhnlich einen Major oder Capitain als Assistenten, und ich habe mehrmals Gelegenheit gehabt, das richtige Auge der Vorgesetzten bei Besetzung dieser wichtigen Stellen zu bewundern. Die Assistenten in Bingerbrück, Pont à Mousson, Remilly etc. waren äußerst gewandte Officiere. –

Der Major sah meine Papiere. Er fragte, ob ich der aus Baden (48–49) her bekannte Corvin sei, was ich natürlich bejahte, worauf er mir höflich sagte, daß nichts gegen mich vorliege und ich frei passiren könne.

Die beiden wackern Mecklenburger Officiere waren verschwunden, und ich ging nach meiner Scheune zurück. Unterwegs fiel ich abermals einem Gensd’arm auf, der seine Stammesverwandtschaft mit den beiden Officieren, die mich schon in so einfältiger Weise chicanirt hatten, nicht verleugnen sollte. Er hielt mich fest und befragte mich, wie es komme, daß ich im Regen ohne Hut umherlaufe. Ich setzte ihm den Grund meiner Hutlosigkeit auseinander, bedeutete ihm, daß ich eben vom Etappencommandanten komme, und gab ihm die Versicherung, daß er, wenn er sonst etwas wünsche, mich in der Scheune bei der Wache finden könne. Er blieb indessen dabei, mich für höchst verdächtig anzusehen und verpflichtete einen erstaunten Jäger, mich scharf im Auge zu behalten, bis er zurückkomme.

Nach dem Ausspruche des Etappencommandanten glaubte ich über alle Schwierigkeit hinaus zu sein und bereitete mich nun ernstlich zum Schlafen vor. Ich hatte eben meine nassen Stiefel ausgezogen und mich in meine wollene Decke gehüllt, als abermals ein Officier erschien – diesmal ein anderer, glaub’ ich; man nannte einen Herrn von Weltzien – der von dem ungehobelten Wachtmeister begleitet war und mir befahl aufzustehen und alle meine Sachen nebst Schlüssel abzuliefern.

Etwas verwundert folgte ich dieser Weisung und wurde in einen Stall geführt, in welchem eine Reihe von Gensd’armen an der Erde lagen. Einer derselben mußte aufstehen, und mir wurde sein Platz als Schlafstelle angewiesen. Ich ersuchte, da ich ganz naß war, um meine Decke, allein man meinte, ich müßte – mich ohne dieselbe behelfen. Glücklicherweise hatte man mir meinen Gummimantel gelassen; in diesen gehüllt, schlief ich – höchlich amüsirt – ein.

Es dauerte das aber nur einige Minuten. Ich ward abermals aufgefordert aufzustehen und in das Wachtzimmer der Gensd’armerie geführt. Hier untersuchte man meine Taschen, nahm deren Inhalt in Beschlag, befühlte mich sehr sorgfältig, und als ich die Hosen abziehen mußte, glaubte ich wirklich, daß eine specifisch mecklenburgische Operation mit mir vorgenommen werden sollte, welche meine sonst nicht so leicht zu erschütternde heitere Laune doch wohl auf eine gefährliche Probe gestellt haben würde. - „Es ist wunderbar!“ hörte ich jetzt einen der neugierig Umstehenden sagen, und auf Befragen wurde mir die Lüge aufgetischt, daß ich jemand außerordentlich ähnlich sehe, der wiederholt signalisirt worden sei. Ein Anderer gab mir indessen die Schlüssel zu der mir zu Theil gewordenen Behandlung, indem er [643] mir andeutete, daß mein Name ein sehr bekannter und gewissen Herren in dem glücklichen Mecklenburg noch immer höchst widerwärtig sei. Gewisse Traditionen von 1849 seien noch nicht verschollen, und unter diesen sei besonders diejenige hartnäckig, welche von der Schlappe handle, welche ein Bataillon der von mir befehligten Mannheimer Volkswehr den Mecklenburgern bei Ladenburg versetzte!

Wie kleinlich! – Es scheint, der Ochsenkopf (der ist ja doch wohl das Wappen Mecklenburgs) hat ein nachhaltigeres Gedächtniß als der Adler. In der preußischen Armee gehört 1849 zur alten Geschichte. Ich habe mit preußischen Officieren hoher Grade gesprochen, die mir in Ludwigshafen und Rastatt gegenüberstanden, und wir haben uns freundschaftlich über diese Ereignisse unterhalten. Man war objectiv genug, mich militärisch zu loben, und ich kann versichern, daß diese Anerkennung von Seiten braver ehemaliger Feinde mich für manches Bittere entschädigt hat, was ich gerade von der Seite her erfuhr, von der ich Anerkennung zu erwarten vollkommen berechtigt war.

Doch zurück zu den Angehörigen des Ochsenkopfes. Ich ward in meinen Stall zurückgeführt, und nachdem man meinen Stock sorgfältig entfernt hatte, ließ man mich zufrieden.

Ich schlief ganz sanft, erwachte in ziemlich guter Laune und beobachtete mit Interesse das Benehmen der verschiedenen Leute, die jeder nach seiner Art ihre Toilette machten. Unter den Leuten war ein prächtiger Oberwachtmeister, der mir außerordentlich wohlgefiel. Der Mann bemerkte, daß ich seit gestern gar nichts genossen hatte, und bot mir seine Feldflasche an, die ganz vortrefflichen Portwein enthielt, wie ihn gewiß der Großherzog nicht besser trinkt. Ich nahm den Schluck dankbar an und unterhielt mich mit dem Oberwachtmeister. Er war mehrere Jahre in Amerika in Diensten der Hudson-Bay-Pelzcompagnie gewesen und erzählte mehrere recht interessante Indianerabenteuer. Von ihm erfuhr ich, daß man nach Saarlouis telegraphirt, aber noch keine Antwort erhalten habe. Ich vermuthe, man wollte sich erkundigen, ob der Commandant mir wirklich einen Paß gegeben habe, obwohl dies keinem Zweifel unterliegen konnte, da der Major und Auditeur die Unterschrift genau kannten.

Als ich eben überlegte, ob ich nicht am besten thue, an den Großherzog zu appelliren, den mir einer der naiven Gensd’armen noch als den Vernünftigsten bezeichnete, kam ein preußischer Armeegensd’arm mit einer geschriebenen Ordre des Etappencommandanten, den Arrestanten (mich) augenblicklich an ihn abzuliefern. „Die mecklenburgische Gensd’armerie wird einen schönen Wischer bekommen, weil sie den Herrn festgehalten hat, nachdem ihn der Commandant gesprochen hatte und passiren ließ.“ – Meine Sachen mussten mir sofort ausgeliefert werden. Man hatte dem Auditeur des Corps sogleich alle meine Papiere ausgehändigt, und derselbe sah aus den an mich gerichteten freundschaftlichen Briefen hoher Personen, wie aus Dokumenten einer gewissen Gesellschaft, daß auch keine Spur eines Verdachtes gegen mich gerechtfertigt war.

Es gab – wie ich durch die Glasthür sehen konnte – eine lebhafte Discussion zwischen dem mecklenburgischen Officier und dem preußischen Major, an der auch ein kleiner nervöser, leberkranker Oberstlieutenant theilnahm, welcher der eigentliche Etappencommandant war. Als ich in das Bureau berufen wurde, entschuldigte der Oberstlieutenant das Versehen in höflicher Weise, äußerte jedoch, daß ich mir die Sache selbst zuzuschreiben habe, „indem ich mit einem französischen Kutscher angekommen sei und mich in nicht für mich passende Gesellschaft gemischt habe.“ Das war nämlich die Entschuldigung der Getreuen des Ochsenkopfes; und man sah ihr auf der Stelle ihren Ursprung an. Ich fand die Gesellschaft braver deutscher Soldaten keineswegs unpassend für mich und ziehe sie auf alle Fälle der solcher mecklenburgischer Officiere vor, wie ich sie an jenem Abend kennen lernte, doch weiß ich sehr wohl, daß sie glücklicherweise zu den Ausnahmen gehören.

Wir hatten nach solchem glücklich überstandenen Abenteuer von zehn Uhr Morgens bis drei Uhr Nachmittags im Eisenbahncoupé zu sitzen und auf die Abfahrt nach Saarbrücken zu warten, wo wir spät Abends ankamen und wo ich meinen werthen Gastfreund Banquier Simon – der des Druckfehlers in der Gartenlaube wegen nun überall Snude genannt wird – beim Abendessen fand. Im besten Scherzberger aber that ich ihm auf den Toast Bescheid, „daß der isolirte Mecklenburgische Ochsenkopf bald der allgemeinen deutschen Bouillon einverleibt werden möge.“

Nach langem Hin- und Herüberlegen beschloß ich meine Operationsbasis zu ändern. Ich kam zu der Ueberzeugung, daß die Opfer, die ich zu bringen, und die Strapazen, die ich auszuhalten habe, mit dem, was ich wirklich vom Kriege sehe und erlebe, nicht in Verhältniß stehen und daß ich auf andere Weise verfahren müsse. Belagerungen pflegen sehr langweilig und selten interessant zu sein, und das Ende der Belagerung von Metz abzuwarten, schien mir daher unthunlich. Ich beschloß daher, zur Erholung meiner Gesundheit für ein, zwei Tage nach Frankfurt am Main zu gehen, hauptsächlich, um mich auf’s Neue auszurüsten. Heute denke ich von hier abzureisen und nach einer Inspicirung von Bitsch und Straßburg nach Paris zu gehen. Um doch meine Zeit hier einigermaßen nützlich anzuwenden, beschloß ich die Lazarethe zu besuchen und ging zunächst in die Klinik des Herrn Dr. Bockenheimer in Sachsenhausen, die mir von dessen Schwester auf das Bereitwilligste gezeigt wurde. Ich kam mit meiner Frau dorthin, die selbst gelernte Krankenpflegerin ist und mich auf diese Anstalt aufmerksam machte, als eben die Frau Kronprinzessin von Preußen dieselbe verließ; es ist wirklich eine Musteranstalt. Der Eingang zu den einfachen aber geschmackvollen Hause ist durch Zierpflanzen und Blumen in gefälliger Weise geschmückt und man empfängt so von vornherein einen angenehmen Eindruck.

Man zeigte mir das Haus vom Keller bis zum obersten Stock, und wohl haben die Damen Ursache, es bereitwillig zu zeigen; denn das Ganze ist ebenso zweckmäßig eingerichtet, als ordentlich gehalten.

Ich war überall, in Küche, Keller, Speisekammer, Eiskeller, Badezimmer und Secirzimmer: die Empfangzimmer sind geräumig, luftig und anständig; und die Krankenzimmer sind ganz vortrefflich. Ich freute mich über die überall herrschende Ordnung, die reine Luft, die Weiße der Bettwäsche und das zufriedene Aussehen der Verwundeten. Es lagen in der Anstalt einige zwanzig mehr oder weniger schwer verwundete Officiere, und alle, mit denen ich redete, waren ganz außerordentlich zufrieden, und haben auch wirklich Ursache dazu. Glücklicherweise waren hier weder Johanniterherren noch Johanniterdamen, die durch ihr unpraktisches Wesen, durch ihr Vornehmthun und ihre Ostentation gar häufig Verwirrung und andere Mißstände verursachen.

Im obern Stock befand sich das Magazin mit Binden etc.; die auf Frankfurter Weise hübsch geordnete Wäschekammer; die Wohnungen der barmherzigen Schwestern und deren kleines, einfach eingerichtetes Betzimmer. – Ich nahm aus dieser sehr verdienstlichen Anstalt einen sehr angenehmen Eindruck mit und empfehle sie allen Leuten, die irgendwo Geld übrig haben, welches sie zu einem wohlthätigen Zweck anwenden wollen. Die Verwundeten bezahlen dem Doctor nichts und die Anstalt besteht (zum kleinsten Theil) durch freiwillige Gaben; einstweilen hat wohl der Doctor selbst noch das Meiste zuzulegen.

Ich wollte noch ein königliches Lazareth auf der Pfingstweide besuchen; allein ich erfuhr aus sicherer Quelle, daß dergleichen Besuche, besonders von Personen, die der Presse angehören, nichts weniger als gern gesehen würden. Ueber die Gründe dieser zarten Verschämtheit in meinem nächsten Briefe.


  1. Die „Kölnische Zeitung“ enthält folgende Notiz: „Alzei, 6. September. Seit etwa drei Wochen wird der bekannte Schriftsteller und Berichterstatter Herr von Corvin vermißt. Man vermuthet, daß derselbe in der Gegend von Hagenau entweder feindlichen Marodeurs oder, was noch schlimmer wäre, fanatisirten Bauern in die Hände gefallen sei und in letzterem Falle wohl kaum mehr unter die Lebenden gezählt werden dürfte. Etwaige Nachrichten über das Verbleiben des Vermißten wolle man doch schleunigst der Oeffentlichkeit übergeben.“ Obiger Brief des Herrn von Corvin ist wohl die beste Antwort auf vorstehende Anfrage.
[683]
Fünfter Brief. Vor Bitsch.

Als ich in den letzten Wochen wieder nach Frankreich zurückkehrte, wollte ich zunächst die belagerte Felsenfestung Bitche (Bitsch) sehen. Der Zufall fügte es, daß ich in Weißenburg einen Kutscher aus jener Gegend fand, der es unternahm, mich nach Niederbronn zu bringen, welches etwa anderthalb Stunden von der Festung entfernt ist. Wir fuhren am 16. September Morgens halb acht Uhr ab. Es fing an zu regnen; allein trotzdem erschien die Gegend schön. Die Formation der Berge und Thäler ist dieselbe wie in der Pfalz und die Menschen sind auch nicht anders. Wer behauptet, daß das Elsaß nicht deutsch sei, ist nicht dort gewesen. Bis dreißig Stunden westwärts von Weißenburg wenigstens ist Alles deutsch. Die Dörfer haben ein durchaus deutsches Ansehen und die herrschende Sprache ist die deutsche. Der größte Theil der Landleute versteht kein Französisch und nur eine kleine Anzahl reden es. Daß die Kinder deutsch reden, ist der beste Beweis, daß das Land deutsch geblieben ist. Von den Bewohnern werden die Franzosen welsch genannt; sie betrachten sich keineswegs als Franzosen. In Städten und in Fabrikorten ist das etwas verschieden und man merkt mehr französischen Einfluß.

Mein Kutscher war ein sehr intelligenter und munterer Mann aus Illwiller bei Savern, der gegen seinen Willen die Schlacht bei Wörth mit angesehen hatte. Ein Pariser Zeitungsredacteur oder Correspondent hatte ihn für vierzehn Tage gemiethet und er kam gerade auf der Höhe vor Wörth an, als die Schlacht begann. Der Pariser Zeitungsmensch wurde sehr blaß und aufgeregt und rannte davon. Der Kutscher ließ Wagen und Pferde stehen und drückte sich hinter einem Meilenstein in der Grube neben der Chaussee, wo alle Kugeln über ihn hinwegflogen und er die Schlacht mit ansehen konnte. Er sprach mit wenig Liebe von den Franzosen und äußerte, daß die deutschen Soldaten ganz andere Leute seien, weit höflicher und nicht so versoffen. Die französischen Soldaten hätten den ganzen Tag getrunken und betrunken am Wege auf dem Felde gelegen. Er wollte sich halb todt lachen, als er daran dachte, wie die Franzosen gelaufen seien. Sie hätten Alles im Stich gelassen, seien wie verrückt zurückgerannt und hatten geschrieen: „Rettet euch, rettet euch! die Preußen kommen!“ Die erschreckten Einwohner der Dörfer wären alle mit ihnen geflohen und Weiber und Kinder und Vieh hätten sich in die Wälder geflüchtet. Man hätte die Artilleriepferde abgestellt und auf jedem hätten zwei, drei und vier Franzosen gesessen und manchmal hatte sich noch einer an den Schwanz gehängt. Seinem Wagen habe man sieben Verwundete aufgeladen. Der Kutscher behauptet, daß die Franzosen bedeutende Reserven gehabt hätten, welche gar nicht in’s Feuer gekommen, sondern von dem panischen Schrecken des ersten Treffens angesteckt und mitgelaufen wären.

In Niederbronn angekommen, war ich sehr erstaunt, einen [684] ganz bedeutenden Ort mit allem Comfort eines Bades ausgerüstet zu finden. Das Städtchen liegt auf der Straße von Hagenau nach Bitsch ungefähr in der Mitte, einige zwanzig Kilometer von jedem entfernt. Durch die Eisenbahn steht es in Verbindung mit Weißenburg, Straßburg, Nancy, Paris, Saargemünd, Thionville, Metz etc., Verbindungen, von denen ich gegenwärtig in nur äußerst beschränktem Maße Gebrauch machen konnte. Niederbronn hat dreitausendvierhundert Einwohner und wird jährlich von zwei- bis dreitausend Badegästen besucht. Die Umgegend ist zauberhaft schön, wie fast bei keinem anderen Bade, welches ich kenne, und ich bin versichert, daß es im nächsten Jahr außerordentlich viel von Fremden besucht werden wird, welche die Schlachtfelder von Wörth und Weißenburg und Bitsch sehen wollen.

Jetzt waren freilich keine Gäste da. Im Curgarten hielt eine Colonne eines Feldlazareths und die hervorstechendsten Figuren im Orte waren bairische Soldaten, Doctoren und Leute vom Sanitätscorps.

Bei Tisch im Hôtel fand ich den neuangestellten Unterpräfecten, der in Weißenburg seinen Sitz hat, und bei ihm war der ebenfalls neuangestellte Polizei-Commissar, beide Badenser. Maire des Ortes ist der reichste und angesehenste Bürger des Ortes, Herr von Dietrich, der dort einen wunderschönen Garten hat, welcher mit den seltensten Pflanzen geschmückt ist.

Die Gartenlaube (1870) b 684.jpg

Die Festung Bitsch im Elsaß.
Nach der Natur aufgenommen.


Ich machte ebenfalls die Bekanntschaft einiger Doctoren, von denen einer sehr humoristische Schilderungen aus dem in Niederbronn befindlichen Lazareth gab, in welchem auch eine Anzahl Franzosen lagen. Diese sind immer unzufrieden, unverschämt und erschrecklich empfindlich gegen Schmerz. Ein durch einen Kugelschuß im Bein verwundeter Turco machte dem Doctor, schien es, viel Spaß. Wenn er beim Verband Schmerz empfand, schrie der Kerl aus Leibeskräften „Jaudeldieh!“ und der Doctor gestand, daß er ihn, um das zu hören, manchmal ein wenig mehr als nöthig drückte. Da die Wunde im Bein ihn am Schlafen verhinderte, so machte der Doctor hin und wieder Einspritzungen von Morphium in den Arm, worüber der Sohn der Wildniß sich stets äußerst empört zeigte, denn er sah keinen Zusammenhang zwischen Bein und Arm, und glaubte, der Doctor quäle ihn nur zu seinem Vergnügen. Die Art, wie die altbairischen Krankenwärter sich mit den Franzosen verständigten, gewährte den Doctoren ebenfalls viel Stoff zum Lachen.

Der Etappencommandant von Niederbronn war ein nicht mehr junger bairischer Artilleriehauptmann, dessen Namensunterschrift ich leider nicht entziffern kann, aus dessen gutem freundlichem Gesicht sich der herzliche Charakter des Mannes jedoch leicht herauslesen ließ. Er war sehr krank gewesen und aus Gesundheitsrücksichten hatte man ihm diesen „ruhigen“ Posten gegeben, der indessen nichts weniger als eine Sinecure war. Kaum hörte der Hauptmann von meinem Wunsch, Bitsch zu besuchen, als er sogleich auf Mittel dachte, denselben zu befriedigen. Er hatte am andern Morgen zwei Krankenwärter nach Lemberg zu senden, welche von dort einige Verwundete abholen sollten, und bot mir mit höflichen, aber unnöthigen Entschuldigungen einen Platz auf einem Leiterwagen an, den annehmen zu können, ich ganz glücklich war.

Der nächste Morgen war sehr kalt, aber herrlich und die Fahrt nach Lemberg eine der schönsten, die ich in meinem Leben gemacht habe, und das will allerdings etwas sagen denn ich bin ziemlich weit in der Welt herumgekommen, wenn auch nicht so weit wie Freund Sindbad-Gerstäcker. – Wald und Wiesen begleiten zu beiden Seiten den Weg. Dahinter dehnen sich rechts und links hohe, bewaldete, schön geformte Berge mit höchst wunderlich gestalteten Felsen, die hin und wieder von sehr alten Ruinen gekrönt sind, an welchen manche Legende haftet.

Was mich in Erstaunen setzte, war die überall herrschende Ruhe und Sicherheit. Die Leute waren auf den Wiesen beim Heumachen beschäftigt und nichts erinnerte uns daran, daß wir uns in Feindesland befanden. Die uns auf der Straße begegnenden Leute grüßten alle freundlich in deutscher Sprache und nur die in Gruppen zusammenstehenden Arbeiter der mit schwachen Zügen athmenden Fabriken sahen uns stumm und mürrisch von der Seite an.

In Lemberg stiegen die Krankenwärter ab, ich aber fuhr weiter nach Reyerswiller, wo ich Mittags ankam. Vor mir rechts lag ein hoher Berg, und man sagte mir, daß ich vom Gipfel desselben Bitsch ganz bequem sehen könne. Eine bairische Feldwache, die mich anhielt, veranlaßte mich zunächst den im Dorfe befehligenden Major aufzusuchen. Auf meine Frage nach seiner Wohnung wies mich eine Frau in eine Mühle. Ich trat ein und fand einen Oberlieutenant von der Artillerie in einem wunderhübschen lauschigen Zimmer bei einem sehr appetitlich aussehenden Mittagsessen. Trotz all’ meiner ernstlichen Protestationen bestand Oberlieutenant Herrmann darauf, sein Diner zu unterbrechen und mich zu dem Major zu begleiten. Wir fanden Major Pfeiffer vom achten bairischen Infanterieregiment in einem ebenfalls reizend behaglichen Zimmer mit drei seiner Officiere beim Mittagsessen. Der Major und alle die Herren beschämten mich förmlich durch ihre Artigkeit, aber was mir daran wohl that, war die ehrlich gemeinte Herzlichkeit, die ihnen dabei aus den offenen Gesichtern leuchtete. Hätte ich Zeit gehabt, so hätte ich gern die Einladung zum Mittagsessen angenommen, so aber begnügte ich mich, auf die Gesundheit der freundlichen Officiere und auf deren guten Erfolg ein Glas zu leeren.

Ein Unterofficier erhielt die Weisung, mich zu dem beiden Batterien befehligenden Hauptmann zu führen und diesen von Seiten des Majors zu ersuchen, mir Alles zu zeigen, was ich zu sehen wünsche.

Der Weg den Berg hinauf war ziemlich steil; und es muß sehr beschwerlich gewesen sein, die Belagerungsgeschütze dort hinaufzubringen. Wir fanden nahe dem Kamme des Berges, rechts vom Wege, im Walde, ein Bivouac und dabei Hauptmann Sartor, den wir suchten. Er war sogleich bereit, mit mir zu gehen, und der Unterofficier kehrte in das Thal zurück.

Der Hauptmann und ich stiegen den Berg vollends hinauf, und als wir aus dem Walde hervor auf den kahlen Abhang [686] traten, lag die Landschaft, deren Mittelpunkt Bitsch ist, zauberisch schön vor uns.

Das Fort Bitche wurde auf Anrathen Turenne’s im Jahre 1679 von Bauban gebaut und bildet ein Glied der Festungskette, welche, wie Lichtenberg, Petite Pierre und Pfalzburg, die Grenze zu schützen bestimmt ist. Während des spanischen Successionskrieges (1710) wurden die Werke geschleift, allein 1740 unter Ludwig dem Fünfzehnten wurde das Fort wieder aufgebaut, wie es heute ist, mit einem Geldaufwand von drei Millionen Franken.

Das Fort, das bis heute noch nie genommen worden ist, liegt auf einem mäßig hohen Felsen (fünfzig Metres), der von Gallerien, Casematten und Gängen durchschnitten ist. Es befindet sich hier ein siebenundachtzig Metres tiefer Brunnen, eine Mühle, ein Pferdestall, Backöfen und Quartier für tausend bis zwölfhundert Mann. Wenn die Gebäude auf dem Felsen zerstört sind, kann sich die Garnison in den Felsen zurückziehen oder diesen sprengen, nachdem sie sich durch weit hinausführende Minengänge gerettet hat. Die kleine Stadt Bitsch, welche dreitausend Einwohner hat, liegt dicht am Fuße des sie überragenden Felsens. Ein bequemer Weg führt nach dem Fort hinauf, allein dieses ist auch durch in Felsen gehauene Gallerien mit der Stadt in Verbindung gesetzt.

Die Batterien der Baiern, die aus fünfzehnzölligen Mörsern und schweren Zwölfpfündern bestehen, sind am Abhange eines Bitsch in südwestlicher Richtung gegenüberliegenden Berges errichtet, der das Fort dominirt und nach meiner Schätzung gegen zwölf- bis fünfzehnhundert Schritte davon entfernt ist. Die Vorposten sind am Fuße des Berges vorgeschoben. – Von der Höhe hat man eine wunderschöne und äußerst malerische Ansicht von Bitsch. Man sieht das Fort von der schmalen Seite, wodurch die auf dem Felsen befindlichen Gebäude burgartig zusammengedrängt erscheinen. Am Fuße des Berges, auf dieser Seite, sieht man das Städtchen Bitsch. Hinter dem Fort zieht sich die Eisenbahn hin, auf der noch ein Zug steht. Den Hintergrund des Gemäldes bilden die schönen Linien der Vogesen, die hoch über die Festung, obwohl ziemlich weit entfernt, herüberragen. Auf einer Höhe links von Bitsch liegt ein Außenwerk, welches aber, wie auch ein kleineres weiterhin, unbesetzt ist.

Man hatte mir gesagt, daß die Stadt Bitsch ganz zerstört sei. Das ist nicht wahr. Es sind nur einige Häuser darin abgebrannt. Die Gebäude des Forts sind indessen schon ziemlich zerschossen, die beiden Hauptgebäude, das Arsenal und die Caserne, waren niedergebrannt, und der Rauch stieg noch aus den Trümmern heraus. Major Pfeiffer behauptete, daß der Brand nicht durch die baierischen Geschütze entstanden, sondern absichtlich von der Besatzung veranlaßt sei. Er habe in der Nacht in den Gebäuden zuerst ganz ruhige Lichter gesehen, welche allmählich immer größer geworden seien, bis endlich Flammen aus dem Dache brachen.

Von Einwohnern, denen es gelang, sich Nachts zwischen den Vogesen hindurchzuschleichen, erfuhr man, daß der Commandant und Befehlshaber der Artillerie entschlossen sein, das Fort zu halten und sich lieber in die Luft zu sprengen, als sich zu ergeben. Wenn er die Gefälligkeit haben wollte, das bald zu thun, wäre es sehr nützlich, auf der andern Seite, glaube ich, würden die Baiern gern ein Auge zudrücken, wenn er die unterirdischen Passagen benutzte und sich davon machen wollte. Ich sehe nicht wohl ein, wie sie sonst das Nest nehmen wollen, welches keinen anderen Werth hat, als daß es die Eisenbahn nach Saargemünd versperrt. – Die Einwohner von Bitsch haben den Commandanten ersucht, sich zu ergeben. Er sagte, er habe nichts dagegen, daß sie es thäten, allein in diesem Falle werde er ihr Städtchen in Brand schießen.

Während ich mit dem Hauptmann auf dem kahlen Abhange im Angesicht von Bitsch spazieren ging und die schöne Landschaft bewunderte, feuerten die Mörser in kurzen Zwischenräumen fortwährend auf das Fort. Die Elevation der Mörser war ziemlich bedeutend, und es dauerte eine ganze Weile, ehe man den eigenthümlich dumpfen Knall der im Fort crepirenden Bomben vernahm. Durch Soldaten, welche sehr vorsichtig über den Raum krabbelten, auf dem wir promenirten, wurde ich erst darauf aufmerksam, daß eine solche Promenade gefährlich sei. Man beehrte uns indessen weder mit einer Granate noch mit Chassepotkugeln, worauf der Hauptmann schloß, daß die Besatzung Mangel an Munition leiden müsse; am ganzen Tage sei noch kein Schuß aus dem Fort geschehen und sonst durfte sich kein einzelner Mann zeigen, ohne daß man eine Granate nach ihm aussandte.

Wie viel Schuß die Baiern gethan haben etc., weiß ich nicht; ich hatte leider gar zu wenig Zeit; doch hörte ich, daß die Zahl der Todten und Verwundeten sehr unbedeutend war, während sie in Bitsch ziemlich groß sein soll.

Sehr zufrieden mit der Benutzung der mir so knapp zugemessene Zeit, empfahl ich mich dem Hauptmann und stieg den Berg hinunter. Wenn ich die Ruhe des Thales und das hübsche Dorf Reyerswiller betrachtete und an die gemüthliche und behagliche Lage der baierischen Officiere und Soldaten dort dachte und diese mit der der preußischem Soldaten vor Metz verglich, dann thaten mir die letzteren doppelt leid. Wenn die Preußen an den Erfolgen dieses Krieges den Löwenantheil beanspruchen, so haben sie denselben auch wirklich dadurch verdient, daß sie überall vorn stehen und mehr Strapazen erdulden als irgend welche andere deutsche Truppen. Man muß es übrigens den Baiern wie anderen Bundesgenossen nachsagen, daß sie den Preußen volle Anerkennung widerfahren lassen und sich dieselbe zum Muster nehmen.

Mein Rückzug nach Niederbronn bot nichts Bemerkenswertes. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Bendenheim, um von dort unter strömendem Regen nach dem vor Straßburg liegenden Mundolsheim zu marschiren.

Diese Fußpartie war erschrecklich melancholisch. Es regnete leise, und der Boden war so aufgeweicht, daß man bei jedem Schritte ausglitschte. Mundolsheim, eines der reichsten Dörfer des Elsaß, sah trübselig und schmutzig aus. Der Münster stand noch, wie er seit Jahrhunderten gestanden, aber der Regen ließ ihn wie eine Nebelsäule erscheinen. Dabei bummte es fortwährend von Straßburg her.

Von allen kriegerischen Operationen ist eine Belagerung für mich die langweiligste und uninteressanteste, besonders die einer Festung nach Vauban’schem System, die niedrig liegt, – und vollends bei schlechtem Wetter. Das geht seinen ruhigen, schmutzigen Zickzackgang von Parallele zu Parallele; die Batterieen werden errichtet, wie wir es in der Schule gelernt, und die dummen Kugeln schlagen gegen die noch dümmeren Wälle, bis sie zerbröckeln und Bresche geschossen ist. Diese hilft auch noch nichts, denn ehe sie gestürmt werden kann, muß man über ein oder zwei schändlich breite und tiefe „nasse“ – das heißt mit Wasser gefüllte – Gräben.

Nachdem ich deßhalb die Ueberzeugung gewonnen, daß die Katastrophe noch auf sich warten lassen würde, so beschloß ich des lieben Briefschreibens halber für zwei, drei Tage per Dampf an einen ganz vom Kriegsgetümmel entfernten Ort zu fliehen. Zu diesem Zweck trabte ich gegen Abend wieder durch den Schmutz nach Bendenheim zurück, wo man eben eine Bretterbude mit der Aufschrift „Officier-Casino“ einrichtete, deren feuchte Pracht mich so wenig anlockte, daß ich mit dem nächsten Zuge vielmehr nach Weißenburg abdampfte, das ich am anderen Morgen um fünf Uhr verließ, um bei Maxau über den Rhein zu fahren; oder vielmehr hinüber zu gehen, denn der Zug hielt vor der Brücke und man mußte seine Sachen auf das andere Ufer schleppen.

Auf dem Wege an verschiedenen Stationen traf ich eine Menge Straßburger Flüchtlinge, die alle in sehr freudiger Aufregung waren. Die einer jungen schönen Dame, die mit mir im Coupé war und ein Haus in Straßburg besaß, war fast noch größer, denn wenn sie eine Bekannte sah, jauchzte sie laut auf, und eine Frage und eine Exclamation jagte die andere. Ihr Haus war unversehrt, und überhaupt schien die Angst in der Stadt größer als der Schaden zu sein und die im Publicum davon verbreitete Erzählungen sind übertrieben.

An einer Station stiegen ein junges Ehepaar nebst strammen Säugling mit ausgezeichneten Lungen ein. Es war ein ehemaliger preußischer Officier, der eine reiche Französin geheirathet hatte und ein schönes Gut bei Paris besaß. Er hatte Alles im Stich lassen und fliehen müssen. Anderwärts traf ich deutsche Flüchtlinge aus Lyon, alle natürlich empört über die gegen sie verübte Nichtswürdigkeit.

Ich hoffe, daß die Deutschen durch ihre Sentimentalität und Principienreiterei den eisernen Grafen nicht beirren werden, und daß er mit den Franzosen verfährt, wie er es für recht hält. Zu große Milde gegen die Franzosen wäre Grausamkeit gegen die Deutschen. Die Franzosen müssen radical curirt werden, halbe Mittel sind bei ihnen wirkungslos; „Narren muß man mit Kolben lausen“.

[696]
Sechster Brief. Das zerstörte Straßburg.


Straßburg, 27. September.

Es war an dem in der Geschichte dieses Krieges für immer denkwürdigen 27. September, als ich in Begleitung und unter dem Schutze zweier preußischen Pionnierunterofficiere, die in der Umgegend für ihre Compagnien requirirt hatten und von denen der eine im Frieden der königliche Baumeister Klopsch und der andere der Architekt und königliche Hofzimmermeister Otto Gutzeit war, unbehelligt von den scharf ausschauenden und controlirenden Wachen bei Auenheim über den Rhein setzte und nun in der Frische eines klaren Herbstvormittags auf dem Rheindamme nach dem reizenden Ruprechtsau fuhr, wo die dort einquartierten Soldaten ein idyllisches Schäferleben zu führen schienen. Sie halfen den Bauern bei ihrer Arbeit und neckten sich mit den hübschen Mädchen. Von Feindschaft gegen die Soldaten bemerkte man nicht das Geringste. Wir fuhren auf der mittleren Schiffbrücke über die Ill und waren bald in Hönheim. Gutzeit beobachtete fleißig das Münster und schaute nach dem weißen „Fähnle“ aus, welches immer noch nicht erscheinen wollte. Statt dessen sah man in der Luft zerplatzende Shrapnels, die stets Dampfwolken hinterließen, welche wir zuerst für einen Luftballon hielten. – Die Pionniere sagten mit aller Bestimmtheit, daß der Sturm spätestens bis Sonntag stattfinden werde.

Ueber Nieder- und Mittelhausbergen kamen wir gegen ein Uhr nach Oberhausbergen, in welchem Dorfe wir nicht weniger als achttausend Mann einquartiert fanden. Das Wirthshaus war von der Wache eingenommen; ich nahm daher mit Dank die Einladung der beiden Unterofficiere an, ihr Quartier mit ihnen zu theilen.

Hier sah ich mir aus der Bodenluke Straßburg an, welches etwa drei Viertelstunden von hier gelegen ist und klar vor uns liegt. Man erkannte selbst die Details am Münster und sah deutlich die Häuser. Die Wälle erkannte man von dieser Entfernung nicht und Straßburg sah von hier aus wie eine offene Stadt. Noch unterhielten unsere Batterien ihr Feuer. Man konnte von meinem Standpunkte jeden Schuß sehen, und ich versprach mir für die kommende Nacht ein furchtbar schönes militärisches Schauspiel. Gegen halb fünf Uhr gingen Gutzeit und ich zu dem Lieutenant, welcher die Pionniercompagnie befehligte, um für mich von ihm die Erlaubniß zum Besuch der Parallele zu erbitten; allein mein Gesuch wurde abgeschlagen und mir gesagt, daß ich zum Besuch der Parallelen die Erlaubniß des Generals v. Werder haben müsse.

Indem ich eben mein Bedauern darüber ausdrückte, stürzte ein Soldat in’s Zimmer und schrie: „Die weiße Fahne weht auf dem Münster“ – man kann sich kaum eine Vorstellung von der Wirkung machen, welche diese Nachricht hervorbrachte. Alles stürzte aus den Quartieren auf die Straße und rannte nach dem Ausgange des Dorfes, von wo man das Münster am klarsten sehen konnte. Die Nachricht war zu gut, um gleich geglaubt zu werden, und die Fahne ließ sich schwer erkennen. Sie sollte auf der Gallerie links vom Thurme stecken, allein in diese Ecke schnitt gerade die Contour der am Horizont liegenden Berge, und nur ein sehr scharfes Auge konnte die ziemlich kleine Flagge erkennen. Indessen es war darüber kein Zweifel. Man hatte von der Parallele her ungeheures Jubelgeschrei gehört, und das Feuer war fast auf der ganzen Linie verstummt. Nur von einem Flügel her, von wo man die Fahne nicht gleich sehen konnte, brummte hin und wieder ein Schuß.

Adjutanten jagten wie wahnsinnig hin und her. Wer ein Pferd auftreiben konnte, sattelte es, und Officiere und Doctoren trabten der Festung zu; Jeder wollte in derselben der Erste sein. Die Garde-Landwehr mußte antreten und marschirte bald nach der Festung zu ab. Die Aufregung war unbeschreiblich. Manchen Landwehrmann sah man da mit gefalteten Händen und feuchtem Auge. Er gedachte an Weib und Kind daheim. „Nun wird’s Friede,“ rief einer dem andern zu, „und wir gehen zu Muttern.“ Mancher, dessen Gesicht noch vor wenigen Minuten sehr ernsthaft gewesen war, weil er die Nacht in die Parallelen sollte, vielleicht seine letzte Nacht, lächelte nun froh und sandte ein Dankgebet zum Himmel. Wir hörten bald, daß es noch Niemand gestattet sei nach Straßburg zu gehen, und wir Alle fügten uns in Geduld. Ich war vollkommen zufrieden, daß ich so gerade zur rechten Zeit gekommen war, und begab mich bei einbrechender Dunkelheit auf mein Observatorium. Rauch stieg noch von Straßburg auf, und hinter dem Dome, sowie links von der Stadt, brannte es lichterloh. Von allen Seiten her hörte man Gesang, meistens „Die Wacht am Rhein“, oder „Was ist des Deutschen Vaterland“.

Am folgenden Morgen erhielten die Truppen Befehl, sich um elf Uhr auf dem rechten Flügel der ersten Parallele aufzustellen, wo die Garnison von Straßburg die Waffen strecken werde. Obwohl eine solche Ceremonie selbst in den Zuschauern ein peinliches Gefühl hervorruft, so würde ich doch um keinen Preis dieses historische Schauspiel versäumt haben; es hat mir leid genug gethan, daß ich die Uebergabe der französischen Armee bei Sedan nicht gesehen habe.

Von Oberhausbergen führt ein gerader Weg nach Straßburg. Man kommt zunächst an eine außerordentlich große Brauerei, die einem Herrn Hatt gehört. Es ist ein Wunder, daß sie nicht abgebrannt ist, denn eine Unmasse von Bomben und Granaten sind in dieselbe hineingeschlagen. Hinter ihr fängt nämlich der zur ersten Parallele führende Communicationsweg an, ein tiefer Laufgraben, durch welchen die aus Oberhausbergen kommenden Truppen in die Belagerungswerke gelangten, und welcher besonders zur Zeit der Ablösungen stets wüthend beschossen wurde. Die Zerstörung in dieser Brauerei ist ungeheuer; allein manche Maschinen sind doch unversehrt geblieben. Im Keller steht das Bier fußhoch; jedoch eine Menge der dort liegenden Fässer sind noch gefüllt, und die Soldaten finden Mittel und Wege, sich aus denselben ihre Kochgeschirre oder irgend welche andere Gefäße zu füllen.

Auch ich erquickte mich durch einen Labetrunk. Der Eiskeller, der weiter hin am Wege liegt, ist ebenfalls abgebrannt, allein das Feuer war nicht genügend, das Eis zu schmelzen, noch das ausgelaufene Bier, es aufzulösen. Es liegt da in ungeheueren Schichten. Hinter der Brauerei links und rechts vom Wege liegt ein vorstadtartiges Dörfchen, Galgendorf, welches meistens aus leicht gebauten Fachwerkhäusern besteht, – oder vielmehr bestand. Es gewährt nun einen merkwürdigen Anblick, in seiner Art fast noch merkwürdiger als der, den man in Straßburg selbst hat. Diese Häuser sind geradezu der Erde gleich gemacht; allein die meisten stehen noch, und es ist jammerschade, daß kein Photograph bei der Hand war, um diesen Anblick festzuhalten: Jedes Haus ist von Kugeln, wie ein Sieb, durchlöchert, und manche brachten die wunderbarsten Effecte hervor. Die Dächer, die nicht zusammenstürzten, haben nicht einen gesunden Dachziegel. Als ich vorüberkam, sahen Soldaten aus allen Luken heraus, um von den hohen Punkten die interessante Ceremonie mit anzusehen. Die Leute, die jetzt zurückkommen, werden Mühe haben, ihre Häuser zu erkennen.

Der Weg führt rechts bei dem Bahnhofe vorbei, den man schon von Weitem an zwei großen runden, stehen gebliebenen Locomotiv-Häusern erkennt. Rechts davon ist zum Schutze des Bahnhofes eine Lünette erbaut, welche schon frühzeitig geräumt wurde. Es war das sehr günstig, denn ehe sie genommen war, konnte man die Belagerungsarbeiten kaum beginnen. Auf dem Walle der Lünette standen Gruppen zuschauender Officiere und auch eine rothjackige Schlachtenbummlerin. Noch mehr Officiere, Doctoren etc. standen auf dem Glacis und ich gesellte mich zu ihnen. Ueberall lagen Stücke von Bomben und Granaten umher.

Die Truppen, welche von verschiedenen Dörfern herkamen, bildeten zwischen dem Glacis der Lünette und dem Dörfchen Königshofen, welches weiter rechts liegt, ein großes Viereck. – Wir mußten ziemlich lange warten, denn die Brücke am Weißthurmthor (Porte Nationale) war von den preußischen Pionnieren noch nicht hergestellt. Endlich, gegen halb zwölf Uhr, kam die französische Garnison, siebenzehntausendeinhundertundzehn Mann und vierhundertundacht Officiere. Bei den deutschen Truppen angekommen, hielten sie. Die Franzosen sowohl wie die Preußen präsentirten das Gewehr; dann legten Erstere ihre Waffen nieder und stellten sich zum Abmarsch an der Festungsseite des Vierecks auf, während die Escorte sich an ihrer Seite vertheilte.

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Die Gartenlaube (1870) b 697.jpg

Karl Friedrich v. Steinmetz, ehemaliger Commandeur der ersten Armee.
General v. Zastrow.   General v. Goeben.
Originalzeichnung von W. Camphausen in Düsseldorf.

[698] Die ganze Besatzung zog dicht bei mir vorüber. An der Spitze marschirten die Gensd’armen, eine ganz besonders spitzbübisch aussehende Bande. Dann folgte das zehnte Chasseur-Regiment; dann das sechszehnte, dann das achtzehnte und das siebenundachtzigste Linienregiment und viertausend Mann Artillerie! Die Zahl der Zuaven und Turcos war nur gering; es schienen Ueberreste von allen möglichen versprengten Truppentheilen in Straßburg anwesend gewesen zu sein, wenigstens sah ich eine große Verschiedenheit von Uniformen. Die Stabsofficiere waren zu Pferde und alle Officiere trugen ihre Degen.

Die Capitulation war in der Nacht um zwei abgeschlossen worden. Am Abend vorher hatte man der ganzen Garnison neue Uniform gegeben, und fast jeder hatte sich mit einer großen Last unnützen Krams beladen. Viele schleppten Säcke, unter denen sie fast erlagen, und Alle hatten ein oder mehrere sehr gute Brode bei sich, da sich Alle vor dem deutschen Schwarzbrod fürchteten.

General Uhrich war natürlich mit bei der Gefangennahme, allein er zog nicht mit den Truppen vorüber, und ich habe ihn nicht gesehen. Als General von Werder erschien, wurde er von den deutschen Regimentern mit Hurrah empfangen.

Ein großer Theil der Gefangenen war betrunken. Die meisten schienen das Demüthigende ihrer Lage gar nicht zu empfinden; sie lachten, scherzten und lärmten. Einige waren sehr aufgeregt; sie riefen, daß sie wiederkommen würden, Andere, daß sie verkauft, aber nicht besiegt wären. Im Allgemeinen ging die ganze Scene übrigens ruhiger vorüber, als ich erwartet hätte, wenn auch nicht mit großer Ordnung. Die Preußen waren sehr nachsichtig. Artilleristen theilten unter den Gefangenen Cigarren aus und gaben ihnen aus ihren Feldflaschen zu trinken. Die grünen Felder schienen für die so lange in der Stadt Eingesperrten einen großen Reiz zu haben; Viele beluden sich mit Gemüsen, und ein Zwiebelfeld, über welches sie zu gehen hatten, wurde mit Jubel geplündert. Einzelne hatten Waffen behalten, die ihnen abgenommen wurden, sobald man sie entdeckte. Ein Artillerist hatte ein Gewehr unter seinem Mantel, und kaum hatte der lange Zug sich in Bewegung gesetzt, so legte er plötzlich auf einen Mann der Escorte an. Das Gewehr wurde ihm niedergeschlagen, so daß der Schuß keinen Schaden that, und als ich nach der Richtung, wo er gefallen war, hinsah, bemerkte ich, daß ein Stabsgensd’arm einen Hieb von oben herunterführte. Ich höre, daß der Artillerist verwundet in einem Lazarethe liegt. Ich war neugierig, wie sich die Turcos benehmen würden, von denen eine Anzahl mit gefangen waren, unter ihnen Burschen mit grauem Haar. Sie sahen lange nicht so häßlich aus, wie ich dachte, und manche waren sogar recht hübsch. Die meisten betrugen sich sehr ruhig, bis auf Einen, der höchst sonderbar aussah. Ein Haarbüschel, den er mitten auf dem Kopf hatte, stand wunderlich steif in die Höhe und wackelte bei den seltsamen Bewegungen des Menschen hin und her, der entweder betrunken oder in einer Art von Ekstase sein mußte.

Die Gefangenen, hieß es, sollten die Nacht bei einem Dorfe in der Nähe bivouakiren und dann vorläufig nach Rastatt gebracht werden. Eine Menge hatten sich in der Stadt versteckt und wurden später gefunden; Andern hatten sich auf Wagen davongemacht, wurden aber am Abend eingeholt und zurückgebracht.

Der neue Commissair der Republik, Herr Valentin, ein in Straßburg wohlbekannter Mann, hatte sich auf sehr pfiffige Weise in die Festung zu schmuggeln gewußt. Er lebte, als Bauer verkleidet, in Bischheim, und entkam, nachdem er die Gelegenheit studirt hatte, die Gräben durchschwimmend, in die Festung. Als er gefangen vor General Uhrich geführt wurde, präsentirte er seine Anstellung, die in seinem Aermel eingenäht war. Vor der Uebergabe verschwand er in ebenso geheimnißvoller Weise. Man sagt, daß er über Lünette 53 entkommen sei, was kaum zu glauben ist.

Die Tage vor der Uebergabe waren in Straßburg sehr stürmisch, und es war nahe daran, daß die ärmere Classe über die reichere herfiel und sie plünderte und mordete. Man schreibt diese Erbitterung dem Einfluß der katholischen Geistlichen zu. Die geringen Leute hier sind nämlich fast durchweg katholisch, während die wohlhabenderen überwiegend protestantisch sind. Die Letzteren betrachteten daher die Eroberer gewissermaßen als Erlöser.

Auf dem Rückwege nach Oberhausbergen besuchte ich die erste Parallele und die große Mörserbatterie.

Wenn man auch eine Festung ganz cernirt, so richten sich doch, wie Ihre Leser wissen werden, die Angriffsarbeiten nur gegen einen Punkt oder vielmehr eine Front, welche man für die geeignetste hält. Dies zu beurtheilen ist Sache der Ingenieure. Sind sie über diesen Punkt einig, so wird die erste Parallele tracirt, das heißt die der Angriffsfront ungefähr parallel laufende Linie bestimmt, in welcher man die ersten Batterieen errichten will, um die Werke der Festung zu beschießen. Ist das geschehen, dann beginnen die Pionniere ihre mühsame und gefährliche Arbeit; gefährlich, weil sie stets im Bereich des feindlichen Feuers geschehen muß; denn wollte man außer Schußbereich anfangen, so würde eine Belagerung unendlich viel Zeit und Geld kosten. Man arbeitet soviel wie möglich bei Nacht aus augenscheinlichen Gründen, und sorgt zunächst dafür, Deckung gegen das feindliche Feuer zu gewinnen. Zu diesem Ende gräbt man Gräben, welche tief genug sind, darin befindliche Menschen dem Feinde zu verbergen, respective sie gegen die Kugeln zu schützen, mit welchen derselbe die Punkte überschüttet, wo er arbeiten sieht. Die Natur dieser Arbeiten bringt es mit sich, daß sie nicht gerade auf das Ziel losgehen können, sondern im Zickzack von einer Parallele zur andern vorgehen müssen. Es wird nämlich in einer bestimmten Entfernung eine zweite und am nächsten der Festung eine dritte Parallele eingerichtet, deren Regeln und Bestimmungen man in jedem Conversationslexikon unter „gewaltsamer Angriff“ oder „Festungs-Fortification“ finden wird.

Wenn man, wie hier in Straßburg, einen so geeigneten Ausguckpunkt wie das Münster hat, den man aus Rücksichten schonen muß, welche sich mit militärischen Zwecken schlecht vertragen, so muß man die Laufgräben ganz außerordentlich tief machen, damit sie nicht so leicht eingesehen werden können. Das ist aber in dem Lehmboden bei trockenem wie bei nassem Wetter eine schauderhafte Arbeit. In diesen Gräben nun müssen wieder allerlei Extrabauten vorgenommen werden; erstlich die Batterien, das heißt Stände für die Geschütze, und verschiedene andere Räumlichkeiten, die große Sorgfalt erfordern, wie zum Beispiel Pulvermagazine, zu welchen Bauten man Schanzkörbe und Faschinen verwendet. Die Laufgräben in der ersten Parallele vor Straßburg sind gewiß sechs Fuß tief ohne die Brustwehr und so breit, daß drei bis vier Mann darin bequem nebeneinander gehen können. Wenn man nun bedenkt, wie viele tausend Fuß solche Gräben unter dem Feuer des Feindes gemacht werden mußten, die Batteriebauten etc. gar nicht einmal gerechnet, dann wird man eine ungefähre Idee von den Schwierigkeiten einer Belagerung bekommen. Da es gar nicht leicht ist, sich in diesem Grabengewirr zurecht zu finden, so sind überall Wegweiser angebracht.

Die Tiefe der Gräben und die Brustwehr schützen nun wohl gegen die geradeaus geschossenen Kugeln, allein keinesweges gegen die in hohen Bogen geworfenen Bomben und Granaten, da die Gräben oben kein Dach haben, und mit diesen Geschossen ist man daher sehr freigebig. Ueberall in den Gräben und noch mehr an den dahinter und seitwärts liegenden Gebäuden konnte man die zerstörenden Wirkungen der Bomben beobachten.

Die Mörserbatterie in der ersten Parallele sah so frisch und stattlich aus, als sei sie eben erst aufgestellt worden, und außerdem hatten sie auch die Artilleristen zur Ehre des Tages geschmückt. Sie hatten aus all’ den gesammelten feindlichen Kugeln eine Pyramide gebildet und diese mit Blumen geziert. Diese Riesenmörser schießen lange Bomben, welche von der Spitze an beinahe zwei Fuß lang sind und deren Cylinder acht bis zehn Zoll im Durchmesser haben mag. Die Bomben des Panzerschiffes Merrimac, die ich in Amerika sah, waren ungefähr von derselben Größe. –

Ich begreife nicht, wo die Photographen stecken. In Amerika waren sie auf jedem Schlachtfelde bei der Hand und ihnen verdanken wir die interessantesten Ansichten. Die deutschen Photographen werden angetrottelt kommen, wenn das Charakteristische der Schlachtenbilder längst verwischt ist.

Eine Menge Officiere waren nach Straßburg hineingeritten; allein es wurde mir gesagt, daß Civilisten noch nicht Zutritt hätten. Das war nicht der Fall, wie ich am Abend zu meinem Aerger erfuhr, und so beschloß ich wenigstens, mich am 29. September Morgens dahin aufzumachen. Ich verabschiedete mich von meinen freundlichen Pionier-Unterofficieren, die wüthend darüber waren, daß ihr Major es den Pionieren bei fünf Tage Mittelarrest verboten hatte in die Festung zu gehen.

Auf dem Leiterwagen des Bauern fuhr ich stolz die Straße entlang. Unterwegs hatte ich nochmals das zerfetzte Galgendorf [699] bestaunt, allein als ich vor das Weißthurmthor (Porte nationale) kam, wurde ich ganz starr vor Verwunderung und empfand einige Angst, daß die nur noch sehr lose zusammenhängenden Steine des Thorthurms mich sammt Bauer und Braunen begraben würden. Man hatte bereits, um die Passage für die kriegsgefangene Garnison frei zu machen, einen großen Theil der Trümmer aus dem Wege geräumt, und diese Vorstadt lag schon weit von dem rechten Flügel der Parallelen, war also verhältnißmäßig weniger ausgesetzt gewesen; allein trotzdem übertraf die Zerstörung, die ich hier sah, meine verwegensten Vorstellungen. Es war als ob ein Riese, hoch wie das Münster, mit einem tausend Centner schwerem Hammer in der Hand, sich damit amüsirt hätte, die Häuser zu zerklopfen. Wer je eine große Brandstätte sah, kann sich einen ungefähren Begriff von der Scene machen, nur daß bei einer solchen alle die Effecte fehlen, die durch die zerschmetternden Bomben und soliden eisernen Kugeln hervorgebracht werden. Ich halte mich jedoch dabei nicht auf, denn mein Erstaunen sollte an andern Orten noch übertroffen werden. – Der Bauer kannte die Stadt genau und durch ziemlich gesunde Seitenstraßen gelangten wir bald auf den Kleberplatz und an das Rothe Haus, das Hôtel, in welchem ich logiren wollte. Ich war so glücklich, in dem selben ein ziemlich gutes Zimmer zu finden. Ein Granatsplitter hatte nur den einen Fensterladen und eine Scheibe zerschlagen. Ueberhaupt war das Haus, welches die Front mehr nach Norden hat, sehr glimpflich weggekommen und nur mäßig beschädigt worden. Aus meinem Fenster sah ich rechts das herrliche Münster emporsteigen und bemerkte mit Bedauern, daß das riesige gothische Steinkreuz auf seiner Spitze etwas windschief stand. Eine Bombe hatte seinen Fuß gestreift und ein Stück abgerissen, so daß es ein wenig nach links überneigt. Die weiße Fahne wehte noch auf der Galerie, welche die reizende Wendeltreppe links krönt. Auch konnte ich sonst noch einige Lücken bemerken, welche die Harmonie des „Gedichtes in Stein“ störten.

Die Häuser an der Ostseite des Platzes hatten auch ziemlich gelitten, während das ihr gegenüberliegende schöne Musée de la peinture et sculpture völlig ausgebrannt war. Ob Gemälde und Sculpturen darin waren, weiß ich nicht; allein das Gebäude war der Sitz des état major de la place und dies der Grund, warum es von den Bomben besonders berücksichtigt wurde. – Die Statue des General Kleber hatte sich tapfer gehalten. Zu welchem Zweck ihr jemand zur Feier der Uebergabe einen grünen Kranz aufgesetzt hatte, ist mir unerfindlich.

Der Speisesaal im Erdgeschoß des Hôtels war auch ziemlich unversehrt. Eine Kugel hatte nur ein ganzes Fenster eingeschlagen und einen großen Spiegel zertrümmert. Der Tisch war indessen gedeckt und bereit. An einer Ecke saßen ein paar civilisirte Menschen, was ich aus den Etiketten der Weinflaschen schloß, die vor ihnen standen. Da ich zu meiner großen Ueberraschung einen Bekannten aus früherer Zeit unter ihnen fand, so schloß ich mich ihnen an und wir kamen nach frugalem Frühstück überein, gemeinschaftlich einen Ausflug durch die Stadt zu machen. Wir gingen zunächst nach dem Fischerthor, den Quai an der Ill entlang bis nach der Königsbrücke, welche die Franzosen Pont national nennen. Da die Häuser des Quais nach Nordwesten sehen, so dienten sie gewissermaßen als Kugelfang, und die Zerstörung ist ungeheuer. Von einem Hause war gewissermaßen der Vorhang weggezogen, das heißt die ganze Front war weggeschossen, und man sah ihm in’s Herz hinein. Die Balken der Etagen hingen gefährlich herab und das Ganze gewährte einen wunderbaren Anblick.

Wir gingen nun über die Brücke der Ill nach dem Judenthor und auf den Wall, von dem wir aber durch einen Posten höflich hinuntergewiesen wurden. Ueberall dieselbe Zerstörung. Es war, als ob ein Erdbeben in Straßburg stattgehabt hätte. Das giebt vielleicht den besten Begriff von dem Anblick. Das Judenthor war merkwürdig zerhämmert.

Am Steinthor sah es aber am tollsten aus. Die ganzen Vorstädte sind zerstört. Ueberhaupt sind in ganz Straßburg nicht hundert Häuser, die gänzlich unverletzt geblieben sind. Der Schaden nur an Gebäuden wurde von der Municipalbehörde schon zehn Tage vor der Uebergabe auf fünfundvierzig Millionen Franken geschätzt; jetzt bezahlen ihn keine hundertzwanzig Millionen, die Festungswerke gar nicht mitgezählt. – Das Theater ist abgebrannt und die Casernen und sonstige öffentliche Gebäude, besonders solche, die für militärische Zwecke benutzt wurden, sind zerstört. Die preußische Artillerie schoß mit einer fabelhaften Sicherheit, was sich besonders daran zeigt, daß neben gänzlich demolirten Häusern andere gänzlich unversehrt stehen, die man nicht treffen wollte. Die Officiere sahen gar nicht die Gebäude, deren Zerstörung befohlen war; sie orientirten sich nach dem Plane, der ihnen auf den Fuß die Entfernung angab, und berechneten danach die Elevation. Nach mehreren mißglückten Versuchen, auf die Wälle zu gelangen, nahm sich endlich ein preußischer Artillerie-Hauptmann unser an, führte uns auf die interessantesten Punkte und gab die nöthigen Erläuterungen. Die Zerstörung in der Stadt ist groß, allein die an der Angriffsfront ist noch bewundernswürdiger. Am interessantesten war mir Bastion elf. Die Wälle waren gar nicht mehr zu erkennen. In der rechten Stirnwehr war eine Bresche, in welche man beinahe mit Compagniefront hineinmarschiren konnte. Die Böschung war lange nicht so steil wie die auf den Bergen von Saarbrücken. Der innere Raum der Bastion war mit zertrümmerten Laffeten übersäet; auf der Geschützbank stand ein demontirter gezogener Vierundzwanzigpfünder, und das Reduit in der Mitte der Bastion war zu einem einige Fuß hohen, gänzlich unkentlichen Häufchen reducirt. Nochmals, jammerschade, daß kein Photograph bei der Hand war. Die militärischen Behörden selbst hätten, des Ruhmes der Armee wegen, dafür sorgen sollen.

Die Gräben waren allerdings noch voll Wasser; allein die Brücken zum Uebergange waren schon bereit (an einem gedeckten Orte). Das Schießen gegen die Schleußen hatte bereits seine Wirkung gezeigt, denn das Wasser war beträchtlich gefallen.

Vor uns lagen die berühmten Lünetten zweiundfünfzig und dreiundfünfzig und rechts von uns Bastion zwölf. In die linke Flanke derselben, nahe dem Schulterpunkte, war eine nur wenige Schritte breite Bresche geschossen, auf die wir von dem Hauptmann als ein artilleristisches Kunststück aufmerksam gemacht wurden. Man hatte mit den Kugeln regelmäßige senkrechte Linien in die Mauer gegraben und sie durch horizontale durchschnitten. Man hörte absichtlich mit dem Feuer auf, um den Feind nicht darauf aufmerksam zu machen, in welchem Falle er den Schaden nach Kräften reparirt haben würde. Unter dieser Bresche lag ein hohler Raum, und es bedurfte nur noch etwa hundert Schüsse, um den ganzen Wall in den Graben zu stürzen. Das beabsichtigte man kurz vor dem Sturme.

Die Franzosen behaupten, sie hätten sich noch vier Wochen halten können. Das ist nicht wahr. Sie haben sich brav genug gewehrt, das zeigen die Wälle. Daß General Uhrich die Festung übergab, wird, vom militärischen und menschlichen Standpunkte aus beurtheilt, vollkommen motivirt. Ein Sturm würde nicht nur einige tausend Menschen gekostet, sondern auch die Stadt völlig ruinirt haben.

Ich müßte noch viele Seiten füllen, wollte ich einen detaillirten Bericht von dem geben, was ich auf den Wällen und in den Vorstädten sah. Am Canal, dessen nach dem Wall zu gelegenes Ufer einigermaßen gegen die Granaten geschützt war, hatten eine Menge aus ihren Häusern vertriebener armer Familien sich unter Bretter- oder Leinwanddächern nothdürftig eingerichtet. – Ganz sicher waren sie aber auch hier nicht, das zeigen die zerstörten Brückengeländer und die versenkten Schiffe.

Der Verlust der berühmte Straßburger Bibliothek, in der sich viele nur einmal existirende Bücher befanden, wurde sehr bedauert, und wir besuchten die Ruinen der Neuen Kirche, in welcher sie ausgestellt war. Das Innere der Kirche ist ein Trümmerhaufen, und zwischen den Steinen liegen verkohlte Reste von Büchern. Ich suchte nach einem zufällig einigermaßen erhaltenen, fand aber nicht ein Blättchen welches nicht gleichmäßig kohlschwarz war. Man erkannte trotzdem noch den Druck, und ich nahm einige Fragmente mit.

Eine Menge Soldaten strömten dem Münster zu, wo wir gleichfalls Eingang fanden. Das schöne Portal mit der berühmten Fensterrose ist unverletzt. Vor dem Thurm lagen aber Steinfragmente. Die Galerie und Geländer waren hin und wieder beschädigt; und man mußte sich hüten, sich dagegen zu lehnen. Das Dach des Schiffes war gänzlich abgebrannt; allein die darunter liegenden Gewölbe hielten das Feuer von der Kirche selbst ab. An einer Ecke hatte man eine Telegraphenstange aufgestellt und ein Bureau in der Thürwärterwohnung eingerichtet. Eine Kugel war ganz nahe dem Telegraphen durch die Mauer geschlagen. Es war allerdings verboten worden, auf den Thurm

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Die Gartenlaube (1870) b 700.jpg

Am Abend des 31. August in Beaumont.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Specialartisten F. W. Heine.

[701] zu schießen; allein da die Franzosen sich immer wieder auf demselben zeigten und von hier in alle Werke der Belagerer sehen konnten, so widerstanden die Artilleristen nicht immer der Versuchung, ihre Beobachtungen durch eine Kugel zu unterbrechen. – Das Schiff ist unversehrt, nur sind einige Chorstühle abgebrannt und der obere Theil der Orgel ist zerstört; allein die berühmte Uhr ist nicht beschädigt. Die Leute, welche Ansichten vom Münster verkauften, machten brillante Geschäfte.

Der Verlust der Belagerer beläuft sich an Todten und Verwundeten, leicht Verwundete mitgerechnet, auf sechshundert Mann. Von den Belagerten fielen fünfhundert Soldaten, gegen zweitausend waren verwundet; von den Bürgern kamen vierhundertachtzig um und verwundet wurden auch gegen zweitausend, die größere Anzahl Weiber und Kinder. Die Zahl der Obdachlosen ist ungeheuer.

Wer jetzt nach Straßburg kommt, wird es bereits sehr verändert finden, denn man hat sogleich angefangen, aufzuräumen. Es wimmelt in den Straßen von Menschen, sowohl Einheimischen wie Fremden; auch befinden sich noch eine Menge französischer Verwundeter und viele Officiere in der Stadt. General Werder hat befohlen, daß die Letzteren (auf Ehrenwort entlassen) bis zum 6. October abreisen sollen.


Im Rothen Hause wimmelt es von Officieren, die sämmtlich über die enormen Preise klagen, deren Erhöhung nach der Belagerung so wenig Grund hat, daß General v. Werder sich bewogen gefunden hat, dagegen einzuschreiten. Obwohl es vorgekommen ist, daß drei Preußen von französischen Soldaten ermordet wurden, so habe ich doch von Seiten der Bürgerschaft nicht die geringste feindselige Demonstration gesehen.

Der Weg nach Kehl führt in der Nähe der Citadelle vorbei, die ein Trümmerhaufen und im jetzigen Zustande für militärische Zwecke gänzlich unbrauchbar ist. Die auf der andern Seite des Rheins, in Kehl, aufgestellten badischen Mörser haben sie gänzlich zerstört. Auf einer fliegenden Brücke gelangte ich über den Rhein, da die schöne eiserne Brücke theilweise demolirt ist. Der neue Bahnhof in Kehl und die angrenzenden Stadttheile in ziemlich beträchtlicher Entfernung sind ebenso zerstört, wie die Vorstädte von Straßburg, und eine Menge von Menschen sind dadurch obdach- und erwerbslos geworden. Die Deutschen werden auch ihnen zur Hülfe kommen.[1]


  1. Eine zweite Schilderung aus Straßburg werden wir in unserer nächsten Nummer aus der vortrefflichen Feder des bekannten Schriftstellers Venedey bringen.
    D. Red.
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Siebenter Brief. Meine ersten Tage in Versailles.

Mein heutiger Brief wird in seiner ersten Hälfte nicht viel mehr enthalten, als eine Reisebeschreibung; allein die Reise ging durch Feindes Land und auf einer Straße, welche der Kriegsbesen rauh genug gefegt hat, und wenn ich dabei meine Erlebnisse erzähle, so geschieht das nicht, weil ich mir einbilde, daß die lieben Leser A- bis Zmeyer sich für meine Person interessiren, sondern einfach, weil eine persönliche Erzählung lebhafter ist und weil das, was ich erlebe, ungefähr ebenso von anderen Leuten erlebt wird, welche dieselbe Straße gehen, und weil – endlich die Erzählung des Erlebten die beste Schilderung der Zustände ist.

Jeden Tag geht jetzt, schon früh am Morgen, ein Personenzug von Saarbrücken nach Remilly, der ziemlich schnell fährt. Diesen benützte ich, um von Remilly nach Pont à Mousson zu fahren, von wo ich mich nach kurzem Aufenthalt in Jouy nach Nancy begab. Nancy ist eine sehr schöne Stadt. Wer indessen behauptet, daß es eine deutsche Stadt sei, der irrt sich, trotz des deutschen Namens Nanzig. Die Stadt ist fast französischer als Paris. Schon früh am Abend waren die breiten Straßen wie ausgestorben, nur im Cafe Stanislas fand man es gedrängt voll von Officieren aller Grade.

Am nächsten Tage passirten wir Toul und Vitry und kamen spät Abends in der Champagnerstadt Epernay an, wo es mir mit Mühe gelang, mir einen Platz in einem Gasthofe zu sichern. Nach mir Kommende wurden abgewiesen. In dem großen, dunkeln Speisesaal fand ich zwei Herren in glänzender Uniform, die ich für baierische hohe Officiere hielt, und denen ich mich gebührend vorstellte. Dasselbe thaten später preußische Capitains, was die betreßten Herren veranlaßte, sich als baierische Eisenbahnconducteure zu erkennen zu geben.

In Chateau Thierry fand ich am folgenden Tage einen jungen Arzt aus Berlin, der als Delegirter des dortigen Centralvereins mit drei Wagen nach Versailles ging und dort in drei Tagen anzukommen hoffte. Ich schloß mich ihm an, und trotz der ermüdenden Langsamkeit, mit welcher die Fahrt vor sich ging, erreichten wir doch am nächsten Abend noch Villeneuve le Roi, welches ein Stündchen jenseits der Seine liegt. Es war Nacht, als wir in dem jämmerlichen Neste ankamen, welches wohl nur bei dem Regenwetter und tiefem Schmutz so elend erschien, denn es waren darin sehr große und schöne herrschaftliche Besitzungen, die bei gutem Wetter und im Sommer reizend sein mußten. Durch den tiefen Schmutz gingen wir zum Etappencommando, wo ein gefälliger Gefreiter für unsern Wagen uns einen Platz in einem ungeheuren Gehöfte anwies, wo man bis über die Knöchel im Lehm versank. Quartier für uns war nirgends zu finden, denn in dem Orte lagen der Stab des dritten Armeecorps und einige Tausend Mann, die es sich in den verlassenen Häusern so bequem gemacht hatten, wie es nur anging. Der Doctor fand endlich ein Unterkommen mit siebenzehn Soldaten in einem Zimmer ebener Erde, wo im Kamin ein Feuer brannte. Mir bot ein Unterofficier in einer elenden Küche einen Platz auf einer Matratze neben sich an, weil sein Camerad auf Wache sei.

Im Nebenzimmer lagen sechs Schlesier in einer Reihe; prächtige Jungen, die sehr guter Laune waren. Ehe wir noch unser Lager suchten, hielten vor unserer Thür sechs oder acht städtisch aussehende Wagen, auf deren jedem eine weiße Flagge wehte und die von Armeegensdarmen begleitet waren. Es verbreitete sich das Gerücht, daß Parlamentaire von Paris angekommen seien, und die Soldaten liefen von allen Seiten herbei. In einigen der Wagen sah ich Damen, und da diese nicht wohl Parlamentaire sein konnten, so trat ich näher, mich zu erkundigen. Es war eine Anzahl amerikanischer Familien und die portugiesische Gesandtschaft, welche Erlaubniß erhalten hatten, Paris zu verlassen. Selbst die Kutscher waren Herren, [789] und einen von ihnen hörte ich „Commodore“ nennen. Die Flüchtlinge, so konnte man sie wohl nennen, hatten bereits einen weiten Weg gemacht und hofften noch in derselben Nacht mit nach Versailles zu reisen, welches indessen noch drei Meilen entfernt war. Ihre Pferde waren erschöpft, und ich verschaffte ihnen Wasser und Heu durch die Soldaten, denen ich erklärte, daß sie es nicht mit Franzosen, sondern mit Amerikanern zu thun hätten. Diese letzteren waren etwas ungeduldig, allein der commandirende General war auf ihre Ankunft gänzlich unvorbereitet und die Papiere mußten natürlich erst untersucht werden. Es wurde der Befehl gegeben, Niemanden an die Wagen zu lassen, und ich konnte den Amerikanern weiter nicht behülflich sein. Es kam jedoch bald ein Oberst, welcher englisch sprach, und es wurde befohlen, daß die Fremden die Nacht in Villeneuve le Roi blieben, wofür sie in den Häusern höherer Offiziere Quartier gemacht wurde.

Am andern Morgen fuhren sie unter Bedeckung und im schauderhaftesten Wetter nach Versailles, wo sie viele Stunden früher ankamen als wir, die wir nur in Schritt fahren konnten. Diese drei Meilen waren ganz außerordentlich abscheulich, denn es wehte ein Sturm, begleitet von einem Regen, der eiskalt war und in’s Gesicht wie Nadeln stach. Auf dem ganzen Wege sah man keinen einzigen Einwohner, nur deutsche Soldaten. Die Häuser waren leer; die meisten waren verschlossen, allein viele waren erbrochen und die Möbeln darin zerschlagen. Diese Verwüstungen waren großenteils durch die Gardes mobiles angerichtet worden, welche die Möbeln zerstörten, damit sie den Preußen nicht nützen sollten. Ueberall dieselbe Thorheit, überall die bis in die kleinsten Details erkennbare Unüberlegtheit und sinnlose Thätigkeit. Die schönen Bäume an den breiten Landstraßen waren niedergehauen. Zu welchem Zwecke, war nicht wohl einzusehen; Wälder hätte man fällen müssen, um Verhaue zu bilden, welche solche breite Straßen mit Erfolg sperrten; und um all die Straßen zu sperren, würden kaum alle Wälder um Paris hingereicht haben. Hin und wieder hatte man kindische Versuche gemacht, die Straßen auf Strecken unfahrbar zu machen, eine mühsame Arbeit, die zu dem Erfolge in gar keinem Verhältnisse stand, denn das kleine Hinderniß wurde durch die deutschen Pionniere bald überwunden.

Schon bei einer früheren Gelegenheit habe ich erwähnt, welche abgeschmackte Befürchtungen man in Bezug auf die Deutschen hatte, und erzählt, daß Mütter ihre Knaben nach Metz sandten, damit sie nicht von den Preußen mitgenommen würden. Die Moral der deutschen Soldaten schätzte man nach Erfahrungen, die man an französischen gemacht hatte. Man sah fast nichts als alte Weiber. Meine Portiersfrau hier in Verfailles mußte ihrem Schwiegersohn aushelfen, welcher einige Mann Einquartierung erhalten hatte. Auf seine Frage, wo dessen Frau sei, antwortete sie: „Meine Tochter ist sehr schön; und wir haben sie fortgeschickt, damit ihr nicht Gewalt angethan würde!“

Unsere guten bescheidenen Jungen sehen gerade danach aus! Sie sind hier in größerer Gefahr als die Weiber. Ich habe manche komische Scene mit angesehen. Eine hübsche Wirthin und noch hübschere Kellnerin in einem Wirthshause küßten ein paar tischende junge Husaren fast mit Gewalt im Wirthszimmer. Sennerinnen sind ganz entzückt über die schönen blonden Deutschen, und selbst elilugirte Preußenfeinde müssen zugeben, daß sich unsere Truppen ganz musterhaft benehmen. Wo irgend ein Fall vom Gegentheil erzählt wurde, habe ich stets eine französische Lüge gefunden oder eine französische Unverschämtheit, welche derbes Auftreten nicht nur rechtfertigte, sondern zur Pflicht machte.

Durch und durch naß und halb erstarrt trabte ich mit einem Commissionair durch das weitläufige Versailles; überall wurde ich in den Gasthöfen abgewiesen. Endlich entdeckte ich einen einsamen Miethszettel. Ich stürzte in’s Haus und fand, freilich im vierten Stock ein prächtiges Logis, bestehend aus Wohnzimmer, Speisezimmer und Küche, vollständig mit Allem versehen, was ein junges Ehepaar für die Flitterwoche bedarf; für den mäßigen Preis voll zwanzig Franken die Woche. Hier will ich die Uebergabe von Paris abwarten; von hier will ich meine militärischen Excursionen machen, wozu ich bereits die nöthige Erlaubniß vom Generalquartiermeister der Armee erhalten habe. Seit ich hier bin, habe ich noch keinen Kanonenschuß gehört; ich glaube, die Pariser hungern und überlegen; doch zweifle ich nicht daran, daß ich Stoff genug haben werde, in meinem nächsten Briefe die Blutneugier schlachtenhungriger Leser Ihres Blattes zu befriedigen.

Ich muß annehmen, daß Versailles und seine Geschichte bekannt ist, denn wenn ich auch gar nicht abgeneigt bin, hin und wieder „Belehrendes“ in meine Briefe einzuflechten, so muß sich das doch wohl nur auf solche Dinge beschränken, von denen man nicht unbedingt voraussetzen kann, daß sie jedem Gebildeten bekannt sind.

Im gegenwärtigen Augenblick macht die schöne Stadt keinen besonders freundlichen Eindruck: die reicheren Einwohner haben sie meistens verlassen und die Straßen sind ziemlich todt. Sie werden hauptsächlich von Soldaten belebt, welche entweder hier einquartiert sind, oder von benachbarten Orten und Bivouacs hereinkommen. Die lebhafteste Straße ist noch die Rue de la Paroisse in der ich wohne. Die Läden sind überall offen und ihre Besitzer machen recht gute Geschäfte mit den Soldaten; allein leider fangen manche Waaren an zu fehlen und unsere deutschen Kaufleute sind zu zaghaft und langweilig, den Markt zu versorgen. Einige schwache Versuche sind gemacht worden; allein es fehlten der amerikanische praktische Sinn und Rührigkeit. Brennöl ist in der ganzen Stadt nicht zu haben und Kerzen werden auch bald erschöpft sein, da sie von Marketendern centnerweise gekauft werden. An Salz ist auch Mangel, ebenso an Schwefelhölzchen und eine Citrone ist nicht anschreiben. Fische und Austern giebt es natürlich gar nicht, doch ist der Markt überflüssig mit Gemüse, köstlichem Obst, Butter, Eiern, Geflügel und Fleisch versehen. Die Preise sind freilich hoch, besonders in einzelnen Artikeln. Gute Tischbutter kostet über einen Thaler das Pfund; das Pfund Zucker vierundzwanzig Groschen bis einen Thaler.

Die Einwohner der von den Deutschen besetzten Orten dürfen frei hin- und herpassiren ohne daß ihnen irgend welche Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden oder sie zu fürchten brauchen, daß man ihre Fuhrwerke oder Pferde requirirt. Ueberhaupt existiren hier keine kleinlichen Bestimmungen in Bezug auf Schließung der Wirtshäuser oder Ausgehen am Abend etc. Nur ist Befehl gegeben, daß, wenn die Truppen alarmirt werden, alle Einwohner zu Hause bleiben müssen, und ist ihnen angekündigt worden, daß die Soldaten Befehl haben auf jeden zu schießen, der sich zeigt. Vernünftige Versailler sind mit all’ den Einrichtungen außerordentlich zufrieden und betrachte es als ein großes Glück, daß König Wilhelm hier sein Hauptquartier aufgeschlagen hat.

[790] Der König wohnt nicht im Schloß, sondern in der Avenue de St. Cloud, im Präfectur- Gebäude. Graf Bismarck wohnt nicht weit davon in einem stattlichen Hause in der Rue de Provence, und vorn weht die Fahne des norddeutschen Bundes. General Moltke hat sein Bureau in der Rue neuve aufgeschlagen. Ich sehe nirgends besondere Vorsichtsmaßregeln oder verstärkte Wachen, sondern nur dieselben Schildwachen wie in Berlin. Nichts erinnert an Frankreich als die Sprache. Man könnte sich mitten im Frieden in einer preußischen Garnisonsstadt glauben. Kaiserliche Adler habe ich nirgends entdeckt. Die Diener der Mairie - untere Beamte hat man vernünftiger Weise in ihren Stellen gelassen - tragen eine dreifarbige Binde um den Arm. Französische Uniformen sieht man sehr selten, hin und wieder einen Krankenpfleger. Viele Versailler glauben ganz im Ernst, daß Frankreich preußisch werden wird. Frankreich würde sich gar nicht schlecht dabei stehen, wenn es seine Regierung für einige zwanzig Jahre an Preußen verpachtete. Da würde Ordnung in die Finanzen kommen.

Auf dem Versailler Schloß weht - warum, weiß ich eigentlich nicht - die preußische und nicht die norddeutsche Fahne. Die unteren Säle des Schlosses sind in Krankensäle verwandelt, in denen zahlreiche barmherzige Schwestern ab- und zugehen. Lügenhafte französische Blätter haben verbreitet, daß die deutschen Soldaten die Gemälde der Galerie mit Säbeln und Bajonneten zerfetzt und die Statuen zerschlagen hätten. Dergleichen haben die Franzosen allerdings in Sanssouci gethan, allein Deutsche sind nicht solche Barbaren. Die unendlich vielen Büsten und Statuen sind unverletzt und nicht einmal durch Anschreiben von Namen verunreinigt. Von einem Apoll von Belvedere im Garten fehlt ein Daumen, und an dem Bruch im Marmor erkennt man, daß der Schaden noch frisch ist; das ist aber auch der einzige, den ich entdecken konnte. Nicht ein Baum im Garten ist beschädigt; der Rasen ist geschont, die Wege sind rein erhalten und die Soldaten sind so gewissenhaft, daß sie nicht einmal eine Blume auf den Beeten abzubrechen wagen; kurz, sie betragen sich, wie sie sich in Sanssouci oder im neuen Palais in Potsdam betragen würden. Die Gemäldegalerien sind von zehn Uhr Morgens bis vier Uhr Nachmittags geöffnet und werden von Offizieren und Soldaten sehr häufig besucht. Die französischen Aufseher sind in ihre Stellen wieder eingesetzt worden, und man merkt dem Schloß und Garten nicht an, daß es von feindlichen Truppen eingenommen ist.

- Die Uebergabe von Metz und die Gefangennahme von hundertdreiundsiebenzigtausend Mann wird hier von vielen Franzosen nicht geglaubt. Auf das Placat, welches dies Ereigniß anzeigte, hatte Jemand mit Bleistift: Blague (Aufschneiderei) geschrieben. Die Franzosen beurtheilen Jeden nach sich selbst; weil sie solche Aufschneider sind, halten sie jeden Andern dafür. Es ist ihnen gar nicht mehr möglich, die Wahrheit zu reden oder die Dinge in ihrem wahren Lichte zu sehen. Das ganze Volk ist, so zu sagen, getränkt mit Lüge und Eitelkeit.

Am Siebenundzwanzigsten Abends wurde die Uebergabe von Metz durch einen großen Zapfenstreich gefeiert. Eine Menge, meistens Soldaten, zog die breite Avenue hinunter nach der Wohnung des Königs, bei dem großes Diner gewesen war. Der König öffnete mehrmals das Fenster und wurde von dem wiederholten donnernden Hurrah der Soldaten begrüßt.

Daß der Kronprinz von Preußen und Prinz Friedrich Karl zu Marschällen ernannt sind und General Moltke zum Grafen gemacht ist, werden Sie natürlich längst wissen. Diese Auszeichnungen sind gewiß verdient. Die Menge der eisernen Kreuze, die ich sehe ist erstaunlich groß. Obwohl ich durchaus der Ansicht bin, daß fast alle Soldaten der Armee durch ihre beispiellose Tapferkeit, Ausdauer und treffliches Betragen dieses Kreuz verdient haben, so meine ich doch, man sollte etwas sparsamer mit dieser Auszeichnung sein, damit sie nicht an Werth verliert.

Neulich Abend besuchte ich einen Freund, der in dem Hause wohnt, in welchem der Bundeskanzler sein Quartier- und Bureau aufgeschlagen hat. Ich sandte meine Karte hinein. Es dauerte etwas lange, ehe mein Freund erschien und mich in ein Zimmer führte, wo wir allein waren. Nach einiger Zeit öffnete sich die Thür und die imposante Gestalt des Grafen Bismarck trat ein.

Er trug seinen gewöhnlichen Uniformüberrock und das eiserne Kreuz im Knopfloch. Ich war sehr überrascht, und angenehm überrascht. Ich habe eine unüberwindliche Abneigung mich an bedeutende Männer heranzudrängen besonders an solche wie Graf Bismarck, deren Zeit viel zu kostbar ist, um sie mit unbedeutenden Personen zu verlieren. Ich habe drei Jahre in Berlin gewohnt und nie die Gelegenheit gesucht, mich dem Grafen vorzustellen so sehr ich ihn auch bewunderte. Ich sprach meine Freude unumwunden aus, erwähnend, daß ich den Grafen nur von Weitem im Reichstage gesehen habe. Er behauptete indessen, daß wir schon früher zusammengetroffen seien und er erinnere sich genau meines Namens. Ich weiß es nicht. Der Graf setzte sich und blieb eine kleine halbe Stunde. Es ist wohl natürlich, daß ich ihn mit dem allerlebhaftesten Interesse betrachtete und ihm zuhörte. Er sieht bedeutend besser aus als alle Portraits, die ich von ihm gesehen habe. Auf den meisten derselben hat er etwas Hartes und Finsteres. Davon war an jenem Abende auf seinem Gesichte keine Spur. Die Farbe desselben sieht gesund und frisch aus und seine Züge erscheinen mild und freundlich. Wie wunderbar contrastrirte sein einfaches und natürliches Wesen mit der pompösen, bureaukratischen Steifheit der sich wichtig machenden Mittelmäßigkeit!

Der Graf fragte mich, wo ich her käme. Ich mußte ihm von Straßburg und vom Elsaß erzählen. Er bemerkte, daß wir im gleichen Alter seien und wie gut ich mich erhalten habe. Ich erwiderte scherzend, daß das Recept dazu etwas langweilig sei: sechs Jahre Zellengefängniß!

Wie häufig bin ich mit hohen Beamten zusammengekommen und von ihnen halb und halb als ehemaliger Zuchthaussträfling tractirt worden! Wie anders behandelte mich Graf Bismarck! Er verstand mich durch und durch und mit einer Liebenswürdigkeit und Zartheit, von der mir auch nicht die kleinste Nuance entging, gab er mir das zu erkennen, indem er gewissermaßen eine Parallele in dem Entwickelungsgange unserer politischen Ansichten zog. Er bemerkte, daß wir Beide ungefähr unter denselben Verhältnissen und unter dem Einfluß derselben Ideen aufgezogen worden seien, und wie er sich einerseits von diesem Einfluß freigemacht habe, während andererseits Erziehung und Gewohnheit ihr Recht behaupteten.

Schon im Jahre 1832 sei die Einheit Deutschlands sein Lieblingsgedanke gewesen. Er habe sogar mit einem Amerikaner eine Wette um vierundzwanzig Flaschen Champagner gemacht, daß Deutschland nach zwanzig Jahren einig sein würde („ich hätte vierzig oder fünfzig sagen sollen,“ bemerkte er). Wer die Wette verliere, solle den Andern in seinem Lande besuchen. Der Amerikaner starb 1850 und der Graf konnte seine verlorene Wette nicht bezahlen. - Er habe immer freisinnige Ansichten gehabt und sei besonders nie ein Freund der Bureaukratie gewesen. Manche Beziehungen seiner Rede verstand ich nicht recht, da mir die Details seiner politischen Laufbahn nicht so recht bekannt sind, indem ich von 1849 bis 1855 im Gefängniß war, und von jener Zeit bis 1867 in England und Amerika lebte. Der Graf äußerte jedoch, daß man im Alter Vieles objectiver ansehe, als in der Zeit der leidenschaftlichen Jugend, und ferner, daß, von einer gewissen Höhe herab gesehen, die Parteifarben verblassen.

Das Jahr 1848 habe ihm manche Täuschungen gebracht. Die Art, wie die Soldaten von den Demokraten behandelt worden seien, habe ihn empört, und die selbstsüchtige Gemeinheit vieler Männer jener Zeit habe ihn angeeckelt. -

Der Graf sagte manches Andere, was mich höchlich interessirte und umsomehr, da er gewissermaßen aus mir heraussprach; ich verstand Alles, was er nur andeutete; indem er von seinen Empfindungen redete, analysirte er die meinigen. „Ja,“ bemerkte er, „Sie haben diese Gesinnungen in's Gefängniß und mich haben sie in die Stellung geführt, die ich jetzt einnehme.“

Der Graf bedauerte, daß Geschäfte ihn hinwegriefen, und stand auf. Er gab mir die Hand, sagte, er freue sich, meine Bekanntschaft gemacht oder vielmehr erneuert zu haben, und hoffe mich öfter zu sehen.

Ich gestehe es, ich war tief bewegt. Ein Vertreter des Jahres 1848 und der Mann des Jahres 1870 hatten sich versöhnend die Hände gereicht!