Interieurs

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Interieurs
Untertitel: Ein Präludium
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 33–39
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[33]
INTERIEURS
Ein präludium
(5. juni 1898)


Rechts und links vom silberhof haben die tischler ihre erzeugnisse aufgestellt. Es sind kojen geschaffen worden und in diesen wurden musterzimmer aufgestellt. So geschieht es schon seit jahren bei jeder ausstellung. Dem publikum wird auf diese weise gesagt: So sollst du wohnen!

Das arme publikum! Selbst darf es sich seine wohnung nicht einrichten. Da käme ein schönes durcheinander heraus. Das versteht es ja gar nicht. Die „stilvolle“ wohnung, diese errungenschaft unseres jahrhunderts, verlangt ein außerordentliches wissen und können.

Das war nicht immer so. Noch bis zu anfang unseres jahrhunderts kannte man diese sorge nicht. Vom tischler kaufte man die möbel, vom tapezierer die tapeten, vom bronzegießer die beleuchtungskörper und so fort. Das stimmte aber doch nicht zusammen? Mag sein. Aber von solchen erwägungen ließ man sich auch gar nicht leiten. Damals richtete man sich so ein, wie man sich heute anzieht. Vom schuster nehmen wir die schuhe, vom schneider rock, hose und weste, vom hemdenfabrikanten kragen und manschetten, vom hutmacher den hut, vom drechsler den stock. Keiner kennt den andern, und doch stimmen alle sachen zusammen. Warum? Weil alle im stile des jahres 1898 arbeiten. Und so arbeiteten auch die handwerker der wohnungsindustrie in früheren zeiten alle in einem stile, in dem jeweilig herrschenden, im modernen.

Da geschah es auf einmal, daß der moderne stil in [34] mißkredit kam. Es würde zu weit führen, hier zu erörtern, warum. Es genügt wohl, zu sagen, daß man mit seiner zeit unzufrieden wurde. Modern zu sein, modern zu fühlen und zu denken, galt als oberflächlich. Der tiefe mensch versenkte sich in eine andere zeitperiode und wurde entweder als grieche oder als mittelalterlicher symbolist oder als renaissancemensch glücklich.

Für den ehrlichen handwerker aber war dieser schwindel zu viel. Da konnte er nicht mit. Er verstand wohl, wie man seine kleider im schrank verwahren sollte, er verstand wohl, wie sich seine nebenmenschen ausruhen wollten. Nun sollte er aber für seine kundschaft, je nach ihrem geistigen glaubensbekenntnisse, griechische, romanische, gotische, maurische, italienische, deutsche, barocke und klassizistische schränke und sessel bauen. Und noch mehr: Ein zimmer sollte in diesem stile, das nächste im andern eingerichtet werden. Wie gesagt, er konnte absolut nicht mit.

Da wurde er denn unter kuratel gesetzt. Darunter befindet er sich heute noch. Zuerst warf sich der studierte archäologe als sein vormund auf. Nicht lange aber. Der tapezierer, dem man nicht viel anzuhaben vermochte, da er in früheren jahrhunderten am allerwenigsten zu tun gehabt hatte und daher nicht gut verhalten werden konnte, alte muster nachzuahmen, hatte seinen vorteil bald heraus und warf eine unzahl neuer formen auf den markt. Es waren möbel, die so vollständig gepolstert waren, daß man das holzwerk des Tischlers nicht mehr erkennen konnte. Man jubelte den sachen zu. Das publikum hatte die archäologie nachgerade satt und war froh, möbel in sein heim zu bekommen, die seiner zeit anzugehören, die modern zu sein schienen. Der tapezierer, der [35] brave mann, der in früheren zeiten fleißig die heftnadel geführt und matratzen gestopft hatte, ließ sich nun die haare wachsen, zog ein samtjaquett an, band sich eine flatternde krawatte um und wurde zum künstler. Auf seinem firmenschilde löschte er das wort „polsterer“ aus und schrieb dafür „dekorateur“. Das klang.

Und nun begann die herrschaft des tapezierers, eine schreckensherrschaft, die uns jetzt noch in allen gliedern liegt. Samt und seide, seide und samt und Makartbouquets und staub und mangel an luft und licht, und portièren und teppiche und arrangements – gott sei dank, daß es nun damit vorbei ist.

Die tischler aber bekamen einen neuen vormund. Das war der architekt. Der wußte gut mit der fachliteratur umzugehen und konnte daher mit leichtigkeit alle in sein fach einschlagenden aufträge in allen stilarten ausführen. Wollt ihr ein barockes schlafzimmer? Er macht euch ein barockes schlafzimmer. Wollt ihr einen chinesischen spucknapf? Er macht euch einen chinesischen spucknapf. Er kann alles, alles in allen stilarten. Er kann jeden gebrauchsgegenstand aller zeiten und völker entwerfen. Die lösung des geheimnisses seiner geradezu unheimlichen produktivität besteht in einem stück pauspapier, mit dem er sich, nach erhaltenem auftrag, sofern er nicht selbst dem buchhändler eine größere hausbibliothek schuldig ist, in die bücherei der kunstgewerbeschule begibt. Nachmittags sitzt er schon fest am reißbrett und liniert das barocke schlafzimmer oder den chinesischen spucknapf herunter.

Aber einen mangel hatten die zimmer der architekten. Sie waren nicht gemütlich genug. Sie waren kahl und kalt. Gab es früher nur stoffe, so gab es jetzt nur profile, [36] säulen und gesimse. Da wurde denn wieder der tapezierer herbeigeholt, der die gemütlichkeit per meter an türen und fenstern aufhing. Aber wehe, wie sah der raum aus, wenn die stores und die portièren zum reinigen herabgenommen werden mußten. Dann konnte es kein mensch in dem öden zimmer aushalten, und die hausfrau schämte sich bis in den tiefsten grund ihrer seele hinein, wenn sich zu der zeit, in der die gemütlichkeit und traulichkeit des raumes ausgeklopft wurde, ein besuch einfand. Das war um so seltsamer, als doch die renaissance, der diese zimmer größtenteils nachgebildet waren, diesen behelf überhaupt nicht kannte. Und doch war die gemütlichkeit der räume der renaissance sprichwörtlich geworden.

Bei uns herrscht gegenwärtig noch der architekt, aber wir sehen, wie sich der maler und der bildhauer anschicken, sein erbe anzutreten. Werden die es besser machen? Ich glaube nicht. Der tischler verträgt keinen vormund, und es wäre die höchste zeit, wenn man die vollständig ungerechtfertigt verhängte kuratel aufheben würde. Allerdings dürfte man dann nichts unmögliches von ihm verlangen. Unser tischler kann deutsch, deutsch wie es in Wien im jahre 1898 gesprochen wird. Scheltet ihn nicht dumm oder unbeholfen, wenn er nicht zu gleicher zeit mittelhochdeutsch, französisch, russisch, chinesisch und griechisch spricht. Das kann er freilich nicht. Aber auch in seiner eigenen sprache ist er ein wenig aus der übung gekommen, nachdem er nun ein halbes jahrhundert dazu verhalten worden ist, alle idiome nachzuplappern, die ihm vordiktiert wurden. Verlangt daher von ihm nicht gleich eine virtuose behandlung seiner sprache. Laßt ihm zeit, sich diese wieder langsam anzueignen.

Ich weiß wohl, daß man mit solchen worten weder dem [37] tischler noch dem publikum helfen kann. Der tischler ist durch die jahrzehntelange bevormundung so verschüchtert, daß er sich nicht traut, mit seinen ideen hervorzukommen. Und so verschüchtert ist auch das publikum. Hofrat von Scala, der direktor des Österreichischen Museums, hat aber praktisch helfend eingegriffen. Er zeigte an englischen möbeln, die er kopieren ließ, daß das publikum auch vom tischler empfundene, vom tischler erdachte und vom tischler gemachte möbel kaufe. Diese möbel hatten kein profil und keine säulen und wirkten nur durch ihre bequemlichkeit, durch ihr solides material und durch ihre genaue arbeit. Das waren wiener zigarettentaschen, ins tischlerische übersetzt. Gar mancher meister wird sich damals gedacht haben: So einen stuhl, den könnte ich eigentlich auch machen, zu dem brauche ich keinen architekten. Noch einige solche weihnachtsausstellungen, und wir haben eine andere tischlergeneration. Das publikum aber ist schon da und wartet der dinge, die da kommen sollen.

Ja, das publikum wartet. Das beweisen mir die vielen briefe, die ich bekomme, mit bitten, handwerker zu nennen, die modern arbeiten können. „Bitte um gütige mitteilung von adressen einiger möbelfabriken, welche den von hofrat von Scala vorgezeichneten weg des fortschrittes eingeschlagen haben. Ich beabsichtige, einen salon zu möblieren, doch wo ich anklopfe, empfiehlt man mir Louis XV, Louis XVI, empire und so weiter, immer wieder.“ So wird mir aus der provinz geklagt. Das gibt zu denken.

Im saale des gewerbevereines klagten sich die wiener kunstgewerbetreibenden jüngst ihre not. Hofrat von Scala sei an allem schuld. „Sehen sie, herr architekt,“ sagte [38] mir ein kunstgewerbetreibender nach der versammlung, „sehen sie, uns geht es jetzt recht schlecht. Unsere guten zeiten sind vorbei. Vor zwanzig jahren, ja, da konnte man ein lusterweibchen für hundert gulden verkaufen. Und wissen sie, wie viel ich heute für dasselbe lusterweibchen bekomme?“ Er nannte eine wirklich kleine summe. Der mann dauert mich. Er schien von dem wahne erfaßt zu sein, daß er sein ganzes leben lang lusterweibchen machen müsse. Wenn man ihn nur davon abbringen könnte. Denn die leute wollen keine lusterweibchen. Sie wollen neues, neues, neues. Und das ist ein wahres glück für unsere gewerbetreibenden. Im geschmacke des publikums ist ein steter wechsel. Die modernen erzeugnisse werden die höchsten preise, die unmodernen die niedrigsten erzielen. Also, wiener kunstgewerbler, ihr habt die wahl. Diejenigen unter euch aber, die, weil sie ein volles lager unmoderner möbel haben, der modernen bewegung mit angst entgegensehen, haben nicht das recht, sich dieser bewegung entgegenzustemmen. Am allerwenigsten dürfen sie an den leiter eines staatlichen institutes, das, wie das Österreichische Museum, die interessen aller gewerbetreibenden zu wahren hat, mit der aufforderung herantreten, eine richtung einzuschlagen, die den verkauf ihres möbelmagazins erleichtern würde. Auf solche transaktionen kann sich ein staatsbeamter nicht einlassen.

Heute will ich nur über den rahmen sprechen, den die wiener tischler in der rotunde für ihre erzeugnisse gewählt haben. Die tischlergenossenschaft einen sehr mittelmäßigen, die kunstgewerbeabteilung des niederösterreichischen gewerbevereines einen vorzüglichen. Man werfe mir nicht ein, daß dieser mehr geld gekostet habe als jener. Der architekt dieser abteilung hätte es nie fertig [39] gebracht, in stein gravierte römische majuskeln auf bretter zu bringen, welcher schöne effekt noch dazu durch die kunst des anstreichers hervorgebracht wird. Also imitation zur zweiten potenz! Und die wiener sind leider schon glücklioh so weit, nicht einmal das einfache talmi gelten zu lassen. Architekt Plečnik[H 1] aber, dem der wiener gewerbeverein gelegenheit geboten hat, sein außerordentliches können zu zeigen, wofür dem verein der dank aller modern denkenden gebührt, hat sich seiner aufgabe in ungewohnter weise entledigt. Ein hauch der vornehmheit geht durch diese exposition, der leider nicht auf die rechnung aller ausgestellten gegenstände zu setzen ist; dazu sind diese zu ungleichwertig. Die einzelnen kojen sind mit dunkelgrünem samt umrahmt, auf dem ein aus pappe ausgeschnittenes und mit lichtgrüner seide überzogenes ornament angebracht ist, das durch silberne scheiben und durch silberne buchstaben außerordentlich gehoben wird. Darüber spannt sich ein weißes velum mit einem mattvioletten ornament, das die velumdekoration zum erstenmal in Wien befriedigend löst. Reiche posamentriearbeiten bergen die glühlampen. Ein reizender und eigenartiger effekt. Dazu ein roter teppich. Man beobachte nur das publikum, mit welcher andacht es durch diese räume geht. Sogar der fußabstreifer wird eifrig benützt.

Anmerkungen (H)

  1. [451] Josef Plečnik (1872–1957), schüler Otto Wagners, bis 1911 in Wien, baute hier 1903–05 das noch bestehende sogenannte Zacherl-haus auf dem bauernmarkt, ein hauptwerk des jugendstils in Wien.