Johann Wittenborg und seine Tochter

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Titel: Johann Wittenborg und seine Tochter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12–13, S. 153–156;165–170
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[153]
Johann Wittenborg und seine Tochter.
Geschichtliches Bild aus dem XIV. Jahrhundert.


I.

Seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts war die Hansa gestiftet. Die Ostseestädte hatten sich zuerst zu einem Handelsbündniß vereinigt. Die Seeräubern, die in diesem Meere stärker als irgendwo getrieben wurde, die Nothwendigkeit gemeinschaftlicher Handelsunternehmungen und großer Handelsniederlagen in den nördlichen und östlichen Ländern, wo der Handel bei den zum Theil noch rohen Völkern keinen Schutz genoß, und die deutschen Kaufleute sich durch eigene Kraft Recht und Sicherheit verschaffen mußten – dies Alles hatte den ersten Anstoß zu solchem Bunde gegeben. Lübeck hatte des Beistandes wegen, den es den deutschen Heidenbekehrern in Liefland, Kurland und Preußen geleistet, von den dortigen Bischöfen und Hochmeistern große Gerechtsame erlangt, und die gleichen Begünstigungen zu genießen, mußten auch die andern Handelsstädte wünschen, welche die gleichen Märkte besuchten. Ja, sie hofften auch von diesem Anschluß an das mächtige Lübeck einen Rückhalt gegen ihre eignen Landesherren zu finden, welche sich nur zu oft Eingriffe in ihre bürgerlichen Freiheiten erlaubten! Und so traten immer mehr und mehr Städte dem Bunde bei, der aus dem anfänglichen „Verband der gemeinen Seestädte“, wie er sich lange Zeit nannte, zum mächtigen Bunde der Hansa wuchs. Hauptzweck war die Begründung und Erweiterung des Handels mit dem Auslande und Erwerbung und Behauptung von Handelsvorrechten, Freiheiten und Monopolen in fremden Ländern. Dann die gemeinschaftliche Vertheidigung gegen Angriffe, welche die Bundesglieder zu Land oder Meer, auf eigenem Gebiet, oder in der Fremde, des Handels wegen erlitten. Es galt das Land von Wegelagerern und das Meer von Seeräubern zu reinigen, eben so sich von den Bedrückungen und Plackereien zu befreien, welche oft von den Landesherren über den Handel verhängt wurden. Es war ferner Zweck der Hansa, ihre Mitglieder so viel als möglich von aller auswärtigen Gerichtsbarkeit frei zu machen und ihnen das Fortbestehen ihrer politischen Verhältnisse zu sichern. Auch hatte sie das Schiedsrichteramt in den Streitigkeiten der Bundesgenossen unter einander und bei den innern Zwistigkeiten der Magistrate mit den Bürgern in den Bundesstädten.

So ward die Hansa in mannigfache Kriege verwickelt, besonders mit den skandinavischen Mächten. Seit Norwegen und Schweden 1319 unter dem König Magnus Smek vereinigt worden und auch die ihrer Fischerei wegen für die Hansa so wichtige Provinz Schonen an sich gerissen, drohten der Hansa von dieser Seite immer neue Belästigungen. Magnus Smek verweigerte sogar 1333 die Bestätigung ihrer Handelsfreiheiten. Aber der Nationalhaß zwischen den Schweden und Norwegern schwächte seine Macht durch Unruhen im eignen Lande. Unglückliche Kriege gegen die Russen und Dänen kamen hinzu, die eignen Söhne empörten sich wider ihn, der Papst schleuderte seine Bannbullen und der schwarze Tod verheerte seine Reiche, und so mußte er, um nur einige Unterstützungen von den Hansen zu erhalten, ihre Freiheiten nicht nur bestätigen, sondern sogar erweitern.

Die von Dänemark eroberten Provinzen trat er wieder an den dänischen Thron ab, den Waldemar III. bestiegen. Dieser, übermüthig durch seine Erfolge und eifersüchtig auf die Macht der Hansa, verweigerte nicht nur die Bestätigung ihrer Rechte, sondern griff auch die Insel Gothland an, auf der die Stadt Wisby eine Hauptniederlage der deutschen Kaufleute war. Der größte Theil ihrer Einwohner bestand aus Deutschen, die sogar Antheil an der Regierung der Stadt hatten.

Um diese Zeit, 1361, war es, als der Bürgermeister Johann Wittenborg von Lübeck in höchster Aufregung von dem Rathhaus seiner Wohnung zueilte. Er war ein stattlicher Herr, der die erste Würde in einer freien Reichsstadt mit stolzer Haltung auf seinen geraden Schultern trug. Seine Amtstracht war mit den reichsten Verzierungen geschmückt, und wenn seine Hand, wie jetzt, an dem Griff des funkelnden Staatsdegens ruhte, der an seiner Seite hing, so war das für Alle, welche ihm begegneten, ein Zeichen, daß er Nachrichten von äußerster Wichtigkeit erhalten, die ihn das ganze stolze Bewußtsein seiner wichtigen Stellung gaben.

Seine Tochter Katharina, eine liebreizende Jungfrau von zwanzig Jahren, die an ihrem Fenster am Stickrahmen saß, in dem sie mit Goldfäden auf himmelblauen Sammet stickte, gewahrte den Vater nicht so bald unten auf der Straße, als sie schnell aufstand und mit der Arbeit in ein Nebengemach eilte, wo sie dieselbe in einem großen Schrein verbarg. Dann kehrte sie wieder an das Fenster zurück und schaute hinaus – aber mit Verwunderung gewahrte sie, wie der Bürgermeister statt in sein Haus, in das gegenüberliegende des reichen Kauf- und Handelsherrn Bertrand ging. Sie trat in das Zimmer zurück und warf sich in einen sammetnen Sessel, an dessen hohe Eichenlehne ihr schönes Haupt zurückwerfend. Auf ihrem Antlitz wechselten Glut und Blässe und tiefe Seufzer hoben ihren Busen.

Das Haus da drüben barg zugleich die Gegenstände ihres Hasses und ihrer Liebe. Der hochangesehene Besitzer desselben, [154] Herr Bertram, warb um ihre Hand, und ihrem Vater war er ein erwünschter Eidam. Sie aber zitterte vor diesem Gedanken. Bisher gewohnt, ihrem Vater in allen Stücken blindlings, wie einst in ihrer Kindheit, zu gehorchen, hatte sie jetzt plötzlich gefühlt, daß sie auch einen Willen habe und daß es, wenn sonst in keinem andern Punkte, doch in diesem Pflicht sei, dem eigenen Gefühl zu folgen, und in dieser Stimme mehr die Stimme Gottes zu erkennen, als in der krämerhaften Berechnung eines väterlichen Wunsches. Bertram war ihr verhaßt. Sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, daß er nur für den Mammon Sinn habe, daß sein ganzes Bestreben dahin ging, Schätze auf Schätze zu häufen, seine Speicher und Geldkisten zu füllen, um als der reichste Mann in Lübeck zu gelten. Er hatte deshalb auch eine große Stimme im Rath und im Bund der Hansa, bei vorkommenden Gelegenheiten legte er sich selbst den Titel eines Vicebürgermeisters bei — und wo er konnte, suchte er immer Herrn Johann Wittenborg die Amtsgeschäfte zu erleichtern — um dereinst sein Nachfolger zu werden. Er war ein angehender Vierziger und schon einmal verheirathet gewesen, auch das erste Mal hatte er nur Geld gefreit, und als seine reiche Gattin sammt dem Kind im Kindbett starb, munkelte man davon, er habe den Tod des vor ihr verstorbenen Kindes einige Tage verschwiegen, um sich als Erben desselben das ganze Vermögen der Frau zu erhalten.

Jetzt hatte er nicht ohne Absicht seit zwei Jahren sich ein neues, schönes Wohnhans dem des Bürgermeisters gerade gegenüber erbaut, und wie seine Magazine allmälig sich vergrößert hatten, dahinein seine Wohnung und sein Comptoir verlegt. Aber er ahnete nicht, wozu er dadurch Veranlassung gab.

Unter seinen Comptoiristen, die gerade in diesem Lokal beschäftigt waren, befand sich ein schöner, blondlockiger junger Mann, Erich Wieringer, der, als er nur eben nach Lübeck und zu Herrn Bertram gekommen, bei einem Mummenscherz Katharina Wittenborg getroffen, und an jenem Tage nicht von ihrer Seite gekommen war. Er hatte nicht gewußt, daß sie des herrischen Bürgermeisters Tochter und die fürnehmste Maid in Lübeck war — und auch sie kannte weder seinen Stand noch Namen. Aber sie hatten einander tief in die Augen geschaut und manches traute Wort gewechselt, und von jenem Tage an war das Schicksal Beider entschieden. Sie wußte nicht, wer er war — aber sie betete täglich zu Gott, daß er ihn ihr möge wieder zuführen, das holde Glück seiner Nähe ihr genießen lassen — denn nur an jenem Tage hatte sie gelebt und dabei gefühlt, daß sie auch ein Herz in der Brust habe. Er hatte nach ihr geforscht, und mit Schrecken erfahren: die schöne Maid sei die einzige Tochter des Bürgermeisters. Er hatte sie suchen wollen — doch nun floh er sie.

Ein Sohn armer Eltern, hatte er es nur seinen ausgezeichneten geistigen Fähigkeiten, seiner Unerschrockenheit und Körperstärke zu danken, daß er überhaupt in einem Comptoir der Hansa Aufnahme gefunden, und jetzt schon einen der höhern Grade begleitete. Aber er sah voraus, daß wenn nicht eine Gunst des Zufalls ihm hold war, konnte er sich nie über die Stellung eines Comptoiristen erheben. Als solcher konnte er niemals selbstständig werden, und das allein schon war Grund genug, jede Maid zu fliehen, die einen tiefern Eindruck auf sein Herz machte. Aber das Schicksal wollte es anders. Er war von einer kühnen Seeunternehmung und einem längern Aufenthalt in dem Comptoir zu Bergen wieder zurückgekehrt, und als einer der Umsichtigsten, der eben so viel Kühnheit als Klugheit bewiesen, fand er zunächst bei Herrn Bertram Beschäftigung. Wie ward ihm, als er nach Jahresfrist die holde Katharina dem Fenster, an dem er arbeitete, gegenüber am Fenster ihres eigenen Gemaches stehen sah; wie er sah, daß sie erbebte, erröthete, erbleichte und das Fenster öffnete, daß die ganze herrliche Gestalt sich ihm zeigte! Geblendet fast und entzückt, wagte er einen innigen Gruß und — fand die holdeste Erwiederung. Und so ein tägliches Sehen, und immer neue, zwar immer verstohlene, aber — auch immer kühnere Zeichen eines wachsenden süßen Verständnisses — wie hätte er da vermocht zu widerstehen und noch länger sich selbst zu beherrschen? Er sah bald, daß Herr Bertram zu Katharina’s Freiern gehörte und daß der Bürgermeister ihn begünstigte. Aber eben so bald hatte er auch Gelegenheit, Bertram’s niedrige Denkweise und seinen selbstsüchtigen Charakter zu durchschauen, um zu wissen, daß er, wenn schon von Katharina´s Schönheit sinnlich erregt, doch zunächst aus den eigennützigsten Motiven um sie warb, daß er diesen Demant nicht zu schätzen wußte und daß er, indem er sich den Anschein gab, ihr alle seine Huldigungen zu widmen, im Stillen es nicht verschmähte, sich mit gemeinen Dirnen zu Vergnügen. War es nun Erich’s Sehnsucht, die nur einen Vorwand suchte, sich Katharina zu nähern, war es die Aufrichtigkeit eines edlen Charakters, die reinste Jungfrau vor einem berechnenden Egoisten, einen gemeinen Wüstling zu warnen: als er sie eines Abends allein im Garten gewahrte, kletterte er im Dunkeln zu ihr über die Gartenmauer — und da er vor der Erschrockenen stand — wußte er nicht, was er ihr zu sagen gekommen. Er sank zu ihren Füßen und alle Worte, die er sprach, wurden zu einem Hymnus der Liebe. Sie hob ihn zärtlich auf, nnd Herz an Herz gestanden sie einander Alles, was da drinnen klopfte und glühte. Es ward ein Liebesbund vom reinsten Adel, die unentweihte Seligkeit der keuschesten Empfindungen! Was kümmerte es sie, daß er in den Augen des bürgerlichen Herkommens ihrer nicht ebenbürtig war, daß seine Stellung ihm verbot, um sie zu werben? Wußte sie doch, daß er sie liebte, daß kein anderes Bild in seinem Herzen wohnte. Und auch er vergaß sein düsteres Verhängniß vor dem Triumph, daß sie die Hand, die er nicht begehren durfte, auch keinem Andern reichen würde! Wie leicht schien ihm nun die Entsagung, da er ihres Herzens gewiß war! So sahen sie einander noch öfter — aber immer mit der äußersten Vorsicht, um ihr süßes Geheimniß zu wahren. Jetzt aber stickte sie ihm heimlich ein kunstreiches Wamms in ihrer Lieblingsfarbe und verbarg darum die Arbeit vor den Augen des Vaters.

II.

Als der Bürgermeister in das Haus des Herrn Bertram eintrat, fand er diesen in seinem Comptoir und Erich stand vor ihm, seine Befehle zu empfangen. Mit geziertem Wesen und einer Unterwürfigkeit, die doch ziemlich hochmüthig aussah, hieß der Kaufherr den „Vater der Stadt“ willkommen. Dieser setzte sich auf den dargebotenen Sessel, wischte sich den Schweiß von der erhitzten, rothglühenden Stirn und sagte:

„Wißt Ihr die wichtige Neuigkeit noch nicht — habt Ihr noch keine Botschaft aus Wisby?“

„Vor einigen Tagen,“ antwortete Bertram, „als ein Schiff aus Gothland heimkehrte —“

Aber der Bürgermeister unterbrach ihn: „Ach was, vor einigen Tagen — wir haben eben erst auf dem Rathhaus die blutige Zeitung erhalten: König Waldemar hat Wisby überfallen, und nach einem blutigen Kampfe erobert. Ueber 1800 Bürger sind geblieben. All’ unser Eigenthum, alle Güter der Hansa, die gerade jetzt reicher als jemals dort aufgestapelt lagen, sind in die Hände der Dänen gefallen. Die Stadtmauern sind geschleift worden und al1’ unsre deutschen Brüder dort, die nicht im blutigen Kampf das Leben verloren, sind von den Dänenhunden in die schmählichste Gefangenschaft geschleppt worden!“

Bertram rief erbleichend: „Wisby geschleift! -— Ich allein hatte für viele tausend Mark Güter dort lagern — und das Alles verloren!“

Seine Würde ganz vergessend, rannte er wie ein Verzweifelnder auf und nieder — er dachte nur an das, was er verloren, obgleich es im Verhältniß zu seinem Reichthum wenig genug war.

Erich aber erbleichte auch, weil er an die Schmach des deutschen Namens dachte, der recht gut vorzubeugen gewesen wäre, wenn das deutsche Reich und seine Fürsten und die mächtig gewordene Hansa nicht so lange, wenn nicht gleichmüthig, doch geduldig den frechen Uebergriffen des Dänenkönigs zugesehen hätten.

„Nun wahrlich!“ rief er „so weit mußt’ es kommen — endlich wird nun doch die Hansa genug Demüthigung und Schmach erfahren haben, um sich wider den Nachbar zu rühren!“

Der Bürgermeister warf einen drohenden Blick auf ihn — aber er fühlte sich und seine einflußreichen Genossen durch diese Worte zu sehr getroffen, als daß er sie hätte anders zurückweisen mögen, denn mit der erfahrenen Besonnenheit des weisen Alters:

„Dankt’s Eurer Jugend,“ sagte er herablassend, „wenn solches Aufbrausen Vergebung findet, — daß nicht voreilige Knaben, sondern bedächtige Väter im Rathe sitzen, ist eine wohlerprobte gute Einrichtung — was mit Bedacht beschlossen, mag dann mit Kühnheit ausgeführt werden, — Lübeck wird rüsten — wir werden [155] Bundesgenossen finden und gern, wie man mich an die Spitze des Rathes gestellt, werde ich auch an der Spitze des Heeres stehen, sobald es ausbricht.“

Dieser Entschluß kam nicht so ganz aus des Bürgermeisters Seele — aber hoffärtig und herrschsüchtig wie er war, konnte er es nicht ertragen sich einem Andern unterordnen zu müssen — und da er die Wahl eines Heerführers nicht beschränken konnte, nicht gewiß wußte, ob eine ihm unterwürfige Kreatur zu diesem wichtigen Posten berufen werden würde, sondern ihm vielleicht ein gefährlicher Nebenbuhler erwüchse, so stellte er sich, wie nur das Wort „Krieg“ ausgesprochen ward, als kühnen Feldherrn dar, und indem er der Erste war, der nach dem Schwerte griff, hoffte er auch, der Kommandostab werde ihm nicht entgehen.

Nach allen Seiten sendete man Boten und Botschaft. Lübeck hatte zuerst den Krieg beschlossen und mit ihm rüstete sich Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswalde, Anklam, Stettin und Kolberg. Die Könige von Schweden und Norwegen, Graf Heinrich von Holstein und Herzog Heinrich von Mecklenburg traten dem Bündniß bei. Dazu bewilligten die preußischen Städte einen Pfundzoll und der Krieg ward gegen Waldemar erklärt. Bald war eine ansehnliche Streitmacht beisammen — das Heer der verbündeten Fürsten befehligte der Graf von Holstein, das der Hansa, der Bürgermeister Johann Wittenborg.

Dies Alles war wohl angeregt worden durch den einen Tag von Wisby, aber Wochen und Monate vergingen, eh’ diese Bündnisse geschlossen wurden und diese Beschlüsse zur Ausführung kamen.

Diese Zwischenzeit benutzte Bertram mehr und mehr, in den Bürgermeister zu dringen, daß er ihm die Tochter verlobe, ja daß er auch die Hochzeit beschleunige, damit sie als seine Gattin einen sichern Schutz in seinem Hause finde, indeß der Vater in den Krieg ziehe. Denn Bertram zu feig, um sich an irgend einer Unternehmung zu betheiligen, bei der Gefahr war, rüstete wohl seine Schiffe aus und entbot alle seine Leute den Zug wider die Dänen mitzumachen — aber er wußte es als nothwendig darzustellen, daß er daheim in Lübeck bliebe, indeß das Amt des Bürgermeisters zu verwalten und über die Stadt zu wachen. Ja, er besaß Gewandtheit genug, es seinen Mitbürgern als ein Opfer darzustellen, wenn er in ihren Mauern bliebe und auf die Lorbeeren des Krieges verzichte. Der Bürgermeister gab seinen Bitten nur zu leicht Gehör, er theilte seine Wünsche — bei Katharinen ließ er keine Vorstellung unversucht, doch vermochte er nicht gegen die einzige Tochter tyrannisch zu verfahren und ihren Thränen zu widerstehen Er versicherte ihr, daß er nur dann ruhig in den Krieg ziehen und dem möglichen Tod in’s Auge sehen könnte, wenn er sie als Bertram’s Gattin wisse — und während sie stark gewesen gegen zornige Drohungen, wußte sie oft nicht, wie sie das väterliche Flehen zurückweisen sollte, den einzigen und letzten Wunsch, den er Angesichts eines Abschiedes, vielleicht für ewig als denjenigen ausstellte, der ihm Alles leicht machen würde: Leben wie Sterben. Nur jetzt flehte sie, Angesichts dieser trüben Zeit solle er sie mit dem Hochzeitfeste verschonen, ein Frevel sei es ihr am deutschen Namen und an deutscher Ehre, jetzt an Persönliches zu denken und gar ein fröhlich Fest zu feiern — und daß Bertram dies nur wollen könne, erniedrige ihn immer mehr in ihren Augen! Solch' ein Grund drang bei dem stolzen Bürgermeister durch: die Tochter sollte nicht seinen Patriotismus beschämen.

„Aber wenn ich bleibe, wirst Du sein Weib!“ sprach er, — und nahm ihr Weinen für Zustimmung. Nur die Bedingung erfüllte er: daß Bertram versprechen mußte, sich indeß ihr nicht zu nähern, da es für eine ehrbare Jungfrau sich nicht geziemen wolle, daß in der Abwesenheit ihres Vaters ein Mann das Haus betrete.

Mit ihrer alten Wirthschafterin Elsa wollte sie indeß ganz zurückgezogen wie eine Gefangene leben. Und um des guten Rufes seiner Braut willen, da er auf die äußere Sitte vor der Welt das Meiste hielt, willigte Bertram auch in diese harte Bedingung. Lag doch seine Wohnung gegenüber und konnte er von seinem Fenster aus die Hausthür des Bürgermeisters hüten und sorgfältig controliren, wer dadurch aus- und einging. Aber freilich bis zu der hinteren Gartenmauer reichte weder sein Blick noch sein Argwohn. Er ahnte nicht, daß am Abend, bevor die Mannschaft der Flotte sich einschiffte und diese die Anker lichtete sein Comptoirist Wieringer über diese Gartenmauer kletterte und die stolzeste keuscheste Jungfrau Lübecks, die mit edlem Zürnen der leisesten Berührung von Bertram’s Hand sich entzog, dort den armen Jüngling erwartete und zärtlich in seine Arme sank.

Der Gott der Liebe schützte die Liebenden vor Argwohn und Entdeckung!

„Es ist zum letzten Male auf lange Zeit, daß ich Dich in meinen Armen halte!“ flüsterte Erich, „und doch überwiegt der Schmerz der Trennung den Gedanken, daß ich jetzt die Möglichkeit vor mir sehe, statt ein Diener eklen Krämersinnes zu sein und zu bleiben, nun für deutsche Ehre mein Leben einsetzen darf und außer oder durch den Lorbeer der Schlacht noch einen schönern Preis mir erringen kann. Vielleicht gelingt es mir eine Heldenthat zu thun, die mir ein besseres Loos erwirbt als mir bisher gefallen, und indeß der arme Comptoirist es nicht wagen konnte um Dich zu werben, darf es ein Held der Hansa! An dem Tage, da wir die Sehreckenskunde von Wisby erhielten, war das Vaterland mein erster Gedanke — mein zweiter warst Du und daß es nun Thaten geben würde, um Dich zu verdienen, zu erkämpfen! O weihe mich zu diesem Kampf!“ und er sank begeistert vor Katharina an das Knie. —

Sie knüpfte ihm eine Schärpe um, himmelblau und gold: „Ich habe Monate daran für Dich gestickt,“ sagte sie lächelnd,„ es sollte ein Wamms werden, aber nun ist die Schärpe des Kriegers daraus geworden — möge sie Dich schützen und schirmen; Dich begeistern, wie bei der Arbeit die Liebe mich begeisterte!“ Sie strich das hellgoldne Haar aus seiner Stirn und küßte diese.

Thränen der Wonne traten in seine Augen: „Nun bin ich gefeit!“ rief er triumphirend und küßte dankend die kleinen Hände, die so emsig für ihn gearbeitet.

Dann weilten sie noch lange beisammen mit süßem Kosen, und da sie scheiden mußten, trösteten sie einander Beide mit dem heiligen Trost jeder hohen Liebe: daß ein Gefühl wie das ihre von Gott in ihre Herzen gesenkt, von ihm beschützt auch endlich zu einem herrlichen Ziel geführt werden müsse, und daß jede Prüfung und Sorge und Trennung nur dazu diene, die künftige Seligkeit zu erhöhen. Sie schwor ihm beim letzten langen Kuß sein „starkes Mädchen“ zu bleiben, wie heftig die zarte Gestalt auch dabei in seinen Armen zitterte und er schwor ihr als ein würdiger Held heimzukehren — und hatte doch eine Thräne im Auge, da er gewaltsam sich von ihr losriß.

Am andern Morgen sah Katharina auch den Vater tief bewegt scheiden — und da die Flotte absegelte, die ihr die beiden theuersten Menschen entführte, stand sie auf dem höchsten Balken ihres Hauses, sandte mit einem weißen Tuch ihnen Grüße zu und heiße Gebete für ihre glückliche Fahrt und Heimkehr zum Himmel empor.

III.

Eine stille Zeit war Katharinen vergangen. Endlich hörte man in Lübeck die Siegeskunde, daß die Hansaflotte die Inseln Oeland und Gothland wieder erobert, bald die noch freudigere, daß sie auch die dänische Flotte geschlagen und der Befehlshaber derselben, der dänische Prinz Christoph, das Leben verloren und daß die Wegnahme des Fahrzeugs, von dem aus er befehligte, der Heldenthat eines Jünglings Namens Erich Wieringer zu danken sei, der zuerst und zu rechter Zeit auf das Schiff gesprungen. Wie jauchzte Katharina über diese Kunde, daß der Geliebte so schnell sein Wort gelöst! Wie dankte sie dem Himmel dafür, wie für die Erhaltung ihres Vaters und seine siegreiche Führung!

Jetzt kreuzten die Schiffe an der dänischen Küste und wollten dort ihre Truppen landen. Bald kam die Nachricht, daß auch diese Landung siegreich bewerkstelligt. Der allgemeine Jubel in Lübeck kannte keine Grenzen! Man fühlte sich doppelt stolz über diesen Sieg der deutschen Waffen, da ja der Bürgermeister von Lübeck der Befehlshaber war. Der Name Johann Wittenborg klang aus allen Zungen und die Bürgerschaft dachte bereits darüber nach, mit welchen Ehren sie ihn bei seiner Rückkehr empfangen wollte.

Da lief eines Tages die Nachricht durch die Stadt: es wären lübeckische Kriegsschiffe in Sicht mit geknickten Masten und zerrissenen Tauen — man wußte nicht was man davon denken sollte, endlich kamen sie näher und näher und da das erste landete, vernahm man die Schreckenskunde: diese Schiffe waren [156] der Ueberrest der Hansaflotte. Indeß man an der dänischen Küste gelandet, hatten die Dänen die Flotte überfallen, zwölf Schiffe genommen und die übrigen so übel zugerichtet, daß sie so schnell als möglich den heimischen Hafen suchen mußten.

Und wie nun die erschrocknen Lübecker weiter fragten, wie das geschehen konnte? da erhob sich unter der rückkehrenden Schiffsmannschaft nur eine donnernde Stimme der Anklage und ein Name schwebte auf allen Lippen, nur einem Mann gab man die Schuld: Johann Wittenborg.

Als Angeklagten, als Gefangenen hatte man ihn an Bord – der hochgeehrt ausgezogen, erlebte die schmachvollste Heimkehr. Ihm allein gab man es Schuld, daß er, während die Truppen an Dänemarks Küste gelandet, die Bewachung der Schiffe versäumt habe und so den Ueberfall derselben leicht gemacht. Einige sprachen von offenbarem Verrath, andere nur von Unverstand und Unvorsichtigkeit – Alle aber verdammten ihn und zeugten wider ihn.

Das schlimmste Zeugniß war die vernichtete Flotte. Gegenüber diesem Anblick, dieser Schmach ergrimmte ganz Lübeck und es fand eine jener Umwandlungen der Volksgunst Statt, die zu allen Zeiten und bei allen Völkern zu dem wüthendsten Fanatismus ausarten. Gerade weil man früher den Bürgermeister Wittenborg so hoch geehrt, weil man noch vor Kurzem so stolz auf ihn gewesen und seines Lobes sich nimmer hatte genug thun können, gerade darum verurtheilte man ihn nun so hart und so überschwänglich; wie man ihn erst gehuldigt, schmähte man ihn nun. Laut forderte man: daß er zur Rechenschaft gezogen, gefangen gehalten, bestraft, enthauptet werde – ja, um ihn der Volkswuth zu entziehen, konnte man nicht genug eilen ihn von dem Schiff auf das Rathhaus und dort in sicheren Gewahrsam zu bringen.

Katharina hatte nicht so bald diese Schreckensbotschaft erfahren, als sie an das Fenster trat und wartete, wenn sie Bertram, der ohne Zweifel auf dem Rathhaus war, werde von da zurückkehren sehen. Aber oft trat sie wieder zurück und mußte sich festhalten nicht umzusinken, wenn sie von Vorübergehenden zürnende Blicke wider das Haus gerichtet sah, Flüche und Verwünschungen ausstoßen hörte. Sie konnte daraus schließen, was ihr Vater selbst von einer solchen Stimmung zu erwarten habe. Endlich kam Bertram und kaum war sie ihn ansichtig geworden, so verließ sie ihr Haus und betrat kurz nach ihm das seinige. Es war der schwerste Gang ihres Lebens – aber er war der einzige Mann, von dem sie Rath und Beistand für ihren Vater hoffen, vorerst wenigstens von ihm hören konnte, da er ihn gewiß gesehen – und was thäte eine Tochter nicht für ihren Vater? –

[165] Bertram lächelte höhnisch, da er Katharina in sein Haus treten sah, ging ihr höflich entgegen und sagte, ihre Hand ergreifend und küssend: „Ei, was verschafft mir denn die Ehre dieses holden Besuches?“

„Das braucht Ihr nicht erst zu fragen, Herr Bertram!“ antwortete sie, unter diesem Empfang zusammenzuckend. „Mein Vater ist hier und gefangen – Ihr habt Gewalt über ihn, seine Hüter gehorchen Euch –– laßt mich zu meinem Vater!“

„Das ist ein sehr kühnes Verlangen!“ sagte Bertram. „Euer Vater ist als Verräther am Bund der Hansa angeklagt und in Gewahrsam – er darf Niemanden sprechen –“

„Als Euch!“ fiel sie ihm in’s Wort, „und unmenschlich wäre es, ihm den Trost seines Kindes zu verweigern; ich will ihn nicht befreien, keine Mittel zu seiner Vertheidigung ihm angeben – weiß ich denn, wessen man ihn anklagt? Ich will nur als Tochter seine schweren Tage theilen! Sperrt mich mit ihm ein, laßt mich ihn pflegen und trösten!“

„Man hört, daß Ihr von den Dingen der bürgerlichen Gesetzgebung Nichts versteht,“ sagte Bertram hämisch, „es ist nicht Brauch, eine solche Erleichterung Staatsgefangenen zu gewähren; und außerdem,“ fuhr er fort, da Katharina eben wieder gegenreden wollte, „wäre es sehr unklug von Euch, Jungfrau Katharina, Euch mit ihm einsperren lassen zu wollen – Ihr würdet es nicht lange aushalten, und während Ihr frei etwas für ihn thun könnt, würdet Ihr Euch dies ja selbst unmöglich machen, wenn Ihr Euch gefangen gebt.“

Dieser letzte Grund ließ sie von dieser Bitte abstehen.

„O sagt mir, was kann ich für ihn thun?“ rief sie.

„Das wird sich wohl später finden,“ sagte er ausweichend.

Noch einmal, noch dringender bat sie, ihr das Wiedersehen mit ihrem Vater zu erwirken – sie sank sogar vor ihm auf die Knie nieder. Nie hatte er sie schöner gesehen, als in diesem Schmerze, dieser Demuth; er hatte sie lange nicht so nah gesehen, jetzt bemerkte er erst, welche Veränderung seitdem mit ihr vorgegangen. Der Liebe ihres Erich gewiß und in der Hoffnung, daß sie seit seiner Heldenlaufbahn ihm noch ganz vereinigt werden könne, hatten alle ihre Reize sich reicher und voller entfaltet, und die Siegesgewißheit der Liebe hatte ihrem Antlitz den Stempel der vollendet weiblichen Schönheit ausgedrückt. Bertram´s sinnliche Natur regte sich mehr und mehr – er hob Katharinen auf und sagte:

„Ich will sehen, ob es möglich ist, daß ich Euch morgen zu Eurem Vater führen kann – allein dürft Ihr ihn nicht sprechen und es wird schwer halten, daß Ihr von den andern Richtern und Magistratspersonen durch meine Verwendung diese Erlaubniß erhaltet – aber ich bringe damit Euch in meiner Stellung ein großes Opfer – welchen Dank habt Ihr dafür?“

„Den innigsten Dank eines gerührten Tochterherzens!“ sagte sie, vor seinen Blicken zitternd.

Er lächelte faunisch, legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte: „Nun, Ihr werdet doch endlich dafür mir einen Kuß gönnen?“

Sie trat schaudernd zurück und sagte tonlos: „Führt mich zu meinem Vater – Ihr verspracht´s – kein Dienst findet seinen Lohn, bevor er nicht ausgeführt ist.“

Er biß sich in die Lippen und entließ sie ohne weitere Entgegnung.

Als sie fort war, ging er aufgeregt in seinem Zimmer auf und nieder. „Jetzt läuft sie mir selbst in’s Garn!“ rief er, „wie schön sie ist! – Was soll ich thun? Versuche ich’s, Wittenborg zu retten, erwerbe ich mir seine Freundschaft, den Dank der Tochter – dann darf sie sich nicht mehr weigern, mein Weib zu werden! Aber die Tochter eines abgesetzten Bürgermeisters? – Nein, nimmermehr! Und käme es nicht zur Absetzung – so entginge mir sein Amt. Das geht auch nicht. Wittenborg muß schuldig sein – ich werde meine Maßregeln darnach ergreifen.“


IV.

Katharina durfte ihren Vater wiedersehen. Wie ward ihr, da sie seinen Kerker betrat! Eine elende Zelle war’s, in der jedes Geräthe mangelte, einen Strohsack und eine hölzerne Bank abgerechnet, auf welcher der Gefangene saß. Wie war er verändert! Die stolze Gestalt mit der majestätischen Haltung war gebeugt und zusammengesunken, das sonst so frische Antlitz war bleich und runzelig, der Glanz seiner Augen halb erloschen. An äußeres Wohlleben gewöhnt, hatte die Entbehrung desselben ihn schnell gealtert – noch mehr dieser Sturz von seiner Höhe, diese Beraubung seiner Würde, dies Bewußtsein, sein Unglück, wenn nicht verdient, so doch verschuldet zu haben.

An Bertram´s Seite trat die Tochter bei ihm ein und umarmte ihn unter Thränen. Auch der Gefangene konnte zum Erstenmale weinen, da er sein Kind wieder sah. Gerührt streckte er Bertram die Hand entgegen und rief:

„Daran erkenn’ ich Eure Treue! Ihr haltet in dieser Prüfung bei uns aus – wenn sie überstanden, wird Euch Katharina [166] dafür belohnen – wir feiern dann vereint das Fest Eures Glückes und meiner Wiedereinsetzung!“

Bertram lächelte – und indem er Katharina den Kuß raubte, den er sich gestern ausbedungen, sagte er: „Und sagt jetzt Katharina immer noch nein?“

Der Vater sah sie flehend an und flüsterte: „Auf seine Stimme wird das Meiste ankommen – wenn Du ihn verschmähst, so –“

Katharina ließ ihn nicht vollenden, sondern sagte, schnell ihr Haupt demüthig zur Erde neigend: „Für meines Vaters Leben und Freiheit giebt es kein Opfer, das ich nicht mit Freuden zu bringen bereit wäre!“

Bertram lächelte arglistig. Dann versprach er hoch und theuer, daß er Alles aufbieten werde, Wittenborg zu retten, daß aber seine Sache sehr schlimm stünde, da alle Heimkehrenden wider ihn zeugten, und die Hansa es nicht ungestraft hingehen lassen könne, wenn ihre Feldherren durch Pflichtvergessenheit eine ganze Flotte opferten – wem viel gegeben, von dem werde viel gefordert.

Kaum eine Stunde ließ er ihr Zeit, bei ihrem Vater zuzubringen, dann trieb er sie fort. Auf ihre Frage, wenn sie hoffen dürfe, den Gefangenen wiederzusehen, zuckte Bertram die Achseln und sagte, er habe nicht darüber zu bestimmen, doch wolle er auch hierbei sehen, was sein Einfluß bei der obersten Gerichtsbehörde und dem Hüter des Gefängnisses vermöge. In den nächsten Tagen werde es nicht möglich sein. Nur die Erlaubniß, ihm frische Wäsche und etwas Wein zu schicken, erhielt sie. Im Innern des Rathhauses trennte er sich von ihr. Sonst wäre es sein Stolz gewesen, mit ihr durch die Straßen Lübecks zu schreiten und er kochte oft vor Zorn, weil sie dies ehemals nie duldete, so oft er auch eine Gelegenheit dazu suchte – damals erschien es ihm als Ehre, die Tochter des Bürgermeisters zu geleiten – aber die Schmach, neben der Tochter des Gefangenen gesehen zu werden, vermied er sorgfältig, noch mehr den Verdacht, den man bei dieser Gelegenheit auf ihn werfen könnte. Er übergab sie einem Gerichtsdiener, um sie nach Hause zu geleiten und, wie er lächelnd sagte, vor den Insulten des Pöbels zu schützen.

Als Katharina wieder ihre Wohnung betrat und ihrer Haushälterin, der alten Elsa, Bericht erstattet hatte von Allem, was ihren Vater betraf, was sie jetzt erfahren und erlebt – daß sie Bertram schon zu Dank verpflichtet sei und daß er versprochen, die Rettung ihres Vaters aus so schwerer Gefahr und von so schwarzer Anklage zu versuchen – und daß, wenn dies ihm gelungen – Katharina vermochte nicht weiter zu sprechen, und Elsa kam selbst der Bebenden zu Hülfe mit Ermahnung und Zuspruch:

„Nein, liebes Kind,“ sagte sie, „wenn das Leben Eures Vaters davon abhängt, da dürft Ihr Euch nicht länger zieren und sträuben – und wenn’s Euch auch ein Opfer ist, Herrn Bertram’s Hand anzunehmen, so müßt Ihr es bringen. Es ist ja auch ein gar stattlicher und feiner Herr, der Euch anbetet und Ihr könnt gewiß recht glücklich mit ihm werden. Ihr habt Euch nun einmal überschwengliche Dinge in den Kopf gesetzt! Solche Minne, wovon die Meistersänger singen und Ihr aus ihren Versen und Sprüchen gehört, die giebt es nun einmal nicht in der wirklichen Welt – und auf was wollt Ihr denn warten?“

„Sprich nicht so weiter!“ bat Katharina, „ich weiß, daß Du nicht an wahre Minne glaubst und die Sänger schmähst – ich aber glaube an jene und weiß, daß diese Wahrheit singen – um kein Gut der Welt möcht’ ich ein Verbrechen begehen, wie das ist, einen Mann zu ehelichen, dem meine Minne nicht gehört – aber es braucht keine Ueberredung von Dir, wenn Gott dies Opfer von mir fordert, so kann ich für die Rettung meines Vaters Leib und Seele zum Opfer bringen, und Bertram’s Gemahlin werden – bete mit mir zu allen Heiligen, daß sie mir Kraft zu dem Opfer geben, wenn sie es mir nicht ersparen können – aber sprich mir jetzt nicht mehr von Bertram!“

Elsa schüttelte den Kopf, und um die liebe trostlose Herrin zu zerstreuen sagte sie: „Es ist auch indeß ein Brieflein an Euch angekommen mit gar schönen Schnörkeln um Euren Namen – der Ueberbringer that sehr geheimnißvoll damit, und da hab’ ich’s hinein auf Euren Nachttisch gelegt. Dem Boten war es gar nicht recht, daß Ihr nicht selbst da waret, er hat auch gewartet, aber länger konnte er sich nicht aufhalten, da er sagte, er müsse heute noch weiter reiten.“

Ahnungsvoll eilte Katharina in ihr Closet, da lag der Brief – sie riß das Siegel auf, er war von Erich. Er schrieb: „Meine süße Herrin! Nur zwei Zeilen laß mich Dir als Liebesbotschaft senden. Vielleicht hast Du es schon gehört, daß es in unserm siegreichen Seegefecht mir gelang, mich auszuzeichnen, und daß ich nun zum Lohn dafür der Führer eines großen Corps geworden bin. Wir sind in Dänemark gelandet, und ich stehe mit meinen Mannen unter dem edlen Grafen Heinrich von Holstein, der mich wie einen Freund behandelt. Er wird mein Brautwerber bei Deinem Vater sein! Denke an mich im frohen Hoffen und Gottvertrauen. Ich hoffe noch mehr Thaten für das Vaterland zu thun und noch mehr Ehren zu erringen – für Dich, mein Lieb. Deine Schärpe ist mein Talisman, mein Schutz in jeder Gefahr! Ich küsse jeden Tag die sinnigen Blumen, die Deine zarten Hände da hinein gestickt haben. Denke, wie wahr unser Lieblingssänger Walther von der Vogelweide singt:

 „Niedere Minne läßt den Mann erschlaffen
Und den Leib nach schlechten Freuden ringen,
Die Lieb’ ist nicht preiswürdig und thut weh.
Hohe Minne weiß den Reiz zu schaffen,
Läßt den Geist nach würd’ger That sich schwingen.
Die winket jetzt mir, daß ich mit ihr geh!“

Alles danke ich Dir und unserer Minne und bin nun der frohen Zuversicht, daß Du doch mein wirst, daß ich Dich mir erkämpft, wenn Du mir treu geblieben! Und Du bleibst mir treu, ich weiß es. Verbrechen wäre es, daran zu zweifeln! – Dein Vater ist wohlauf und glücklich über den Sieg. Seit wir aber gelandet, bin ich mit der Heeresabtheilung, der ich angehöre, schon um eine Tagesreise vorangerückt und von ihm getrennt – Ade! Sei fröhlich in Hoffnung! Mit tausend Küssen grüßt Dich, meine Heißgeliebte, Dein treuer Erich.“

Wie ward Katharina, da sie diesen Brief gelesen! Zuerst preßte sie ihn an die sehnenden Lippen, an das klopfende Herz – das Gefühl des unaussprechlichen Entzückens der Liebe faßte sie mit seiner ganzen Allgewalt, hob sie in den seligsten Himmel mit Sturmesflügeln empor – um sie im nächsten Augenblick in den höllischen Abgrund der Entsagung stürzen zu lassen.

Der Brief war an demselben Tage geschrieben, an dem der dänische Ueberfall der Hansaflotte geschehen war – Erich konnte noch nichts davon wissen. Katharina konnte nur den Trost daraus schöpfen, daß er dabei unbetheiligt und fern von diesem Schauplatz war, wenn nun auch auf keinem von minderer Gefahr – eindringend in Feindesland, im Rücken einen siegreichen Feind und die Rückkehr zur See abgeschnitten.

Katharina warf sich auf ihr Betpult nieder und rang unter tausend Schmerzen und Aengsten die ganze Nacht. Wie freudig wäre sie für ihren Vater in den Tod gegangen, aber es war mehr, was heilige Kindespflicht ihr gebot, wenn sie versuchen wollte, seine Freiheit, sein Leben zu retten: ihr ganzes Leben, ihr ganzes Liebesglück sollte sie opfern und das des Geliebten mit, eine Untreue an ihm begehen, eine Untreue auch an den heiligen Gesetzen der Natur, indem sie dem verhaßten Mann zum Altar folgen sollte.


V.

Die höchste Bundesgewalt der Hansa lag in den Händen der städtischen Abgeordneten, wenn sie auf den Hansatagen gesetzlich versammelt waren. Daselbst wurden alle für die Gesammtheit geltenden Beschlüsse gefaßt, Gesetze gegeben, Urtheile gefällt, Streitigkeiten entschieden und alle Verfügungen getroffen, welche den Bund betrafen. Allmälig war es üblich geworden, daß Lübeck als das Haupt der Hansa angesehen ward und man daselbst auch die Hansatage abhielt. In der Regel geschah dies alle drei Jahre auf Pfingsten; aber so oft es die Angelegenheiten des Bundes erforderten, ward ein außerordentlicher Hansatag ausgeschrieben, und zwar ward auch dieses Recht von Lübeck mit Hinzuziehung der wendischen Städte ausgeübt. Bei den Ausschreibungen wurden die Hauptartikel, die zur Berathung kommen sollten, angezeigt, damit die Abgeordneten mit hinreichender Vollmacht versehen werden konnten. Jede Bundesstadt hatte das Recht, Abgeordnete zum Hansatag zu schicken; doch wurde es den kleinen Städten nachgesehen, daß sie sich durch die Abgeordneten der größern vertreten ließen.

[167] Auch jetzt machte Lübeck von diesem Rechte Gebrauch und berief in größter Eile einen außerordentlichen Hansatag, um in Sachen des Bürgermeisters Johann Wittenborg Recht und Urtheil zu sprechen.

Die Sache des Bürgermeisters stand schlimm genug. Zwar, ein Landesverräther in dem Sinne, daß er absichtlich die Flotte in Dänemarks Hände gespielt, war er nicht – und es bekümmerte ihn am Meisten, daß man ihm eine solche Niederträchtigkeit, eine solche Arglist wider deutsche Brüder auch nur zutrauen konnte, aber seinem Mangel an Feldherrntalent und seiner siegesfrohen Nachlässigkeit war es allerdings zuzuschreiben, daß die Flotte überfallen und halb vernichtet werden konnte. Wittenborg war ein eitler und hoffärtiger Charakter. Als die erste Person in Lübeck und mit einem nicht unbedeutenden Verwaltungstalent in städtischen und friedlichen Verhältnissen begabt, schmeichelte er sich in der Behäbigkeit eines stolzen Bürgerthums auch zu jeder andern Würde der passendste Mann zu sein. Wo Alles zu den Waffen rief und dem Feind entgegendrängte, wollte er am Wenigsten zurückbleiben, er wollte an der Spitze stehen – und dachte nicht daran, daß dies im Felde noch Etwas mehr zu bedeuten hatte als daheim aus dem lübecker Rathhaus. Der erste glückliche Sieg über den Feind, den er hauptsächlich seinen Fähigkeiten und Anordnungen zuschrieb, obwohl er in Wahrheit einen sehr geringen Antheil daran hatte, sondern ihn nur der Begeisterung der kampflustigen Mannschaft dankte, die sich lange danach gesehnt hatte, den übermüthigen Feind Deutschlands zu züchtigen – bestärkte ihn in seiner hohen Meinung von sich und zugleich in seiner Sorglosigkeit. Nach der ersten glücklichen Landung an den dänischen Küsten, indeß der Graf von Holstein mit seiner Heeresabtheilung weiter vorrückte, veranstaltete er nach heimischer lübecker Gewohnheit eine Art Siegesfest. Ein munteres Gelag, wo es an übermüthigen Toasten nicht fehlte – und indeß sie zu Lande zechten und jubilirten, machte sich der listige verschlagene Däne die passende Gelegenheit zu Nutze, überfiel die fast wehr- und mannenlose Flotte und vernichtete sie zur Hälfte. Mit Mühe konnten noch einige Schiffe einen Theil der Gelandeten aufnehmen und die Heimfahrt wagen. Darunter der Bürgermeister – aber nicht als Führer, sondern als Gefangener. Denn einige der untern Führer hatten vergeblich schon vorher gewarnt vor seinem übermüthigen Gebahren, Andere hatten ihn beneidet, und noch Andere wollten dadurch, daß sie alle Verantwortlichkeit auf ihn wälzten, sich selbst von derselben befreien.

Die Untersuchung war in Lübeck geführt worden; nicht der absichtliche Verrath, aber die Schuld der Nachlässigkeit war erwiesen, und der Hansatag war einberufen, den letzten Spruch zu fällen. Der Angeklagte hatte nichts zu seiner Vertheidigung zu sagen – die Thatsache war erwiesen. Er schrieb sie einem unglücklichen Ohngefähr zu – aber das half ihm nichts, denn seine Sache wäre es gewesen, ein solches vorauszusehen oder doch auf alle Fälle gefaßt zu sein. Seine Berufung auf frühere Verdienste nutzte eben so wenig – sie waren vergessen vor der letzen Handlung, welche Schmach über die Hansa gebracht hatte. Zudem fühlte sich Lübeck das den Vorsitz führte, zu einem um so strengern Gericht verpflichtet, um sich von jeder Mitschuld und Mitschmach rein zu waschen, und die Abgeordneten der andern Orte, eifersüchtig auf die Vorrechte Lübecks, freuten sich, eine Gelegenheit zu finden, diese stolze Stadt zu demüthigen und Rache an seinem ersten Bürger zu üben.

An einem gewitterhaften Sommertage zogen die Abgeordneten ein. Wie immer wurden sie bei ihrer Ankunft von den Lübeckern festlich bewillkommnet und mit Ehrenwein aus silbernen Pokalen beschenkt. Wenn dies sonst geschah, war Katharina die Krone dieser Festlichkeiten. Alle huldigten ihr und Jeder fühlte sich hochgeehrt, dem sie selbst den Becher reichte oder für den sie sonst einen freundlichen Blick, ein aufmerksames Wort hatte. Jetzt waren die Fenster ihres Hauses dicht verhangen, es dufteten keine Blumen, weheten keine Fahnen und Teppiche von ihrem Balkone – wie ein bleiches Marmorbild stand sie in ihrem dunklen Gemach. – Anfangs hatte sie ihren Vater noch ein paar Mal wieder sehen dürfen, jetzt war es ihr seit Wochen nicht mehr gestattet. Seit sie erfahren hatte, daß an seine Freisprechung nicht zu denken sei, hatte sie versuchen wollen, ihn durch einen Fluchtplan zu befreien, aber ehe derselbe zur Reife gediehen, war er entdeckt und vereitelt worden. Man hatte keine Beweise dafür. Aber sie hatte sich verdächtig gemacht, und seitdem durfte sie weder zu ihrem Vater noch ihr Haus verlassen – es war mit Wachen umstellt. Dies Letztere war ein Werk Bertram’s. Er wollte es verhindern, daß sie einen der heimischen Richter oder fremden Abgeordneten spreche und für ihren Vater bitte. Er selbst kam zuweilen unter dem Vorwande, ihr von ihrem Vater Nachricht zu bringen, im Dunkeln zu ihr, und sie mußte seine Gegenwart unter unaussprechlichen widrigen Empfindungen und Aengsten ertragen. Er stellte sich immer als ihren Beschützer, ihren Bräutigam dar, und wenn er zudringlich ward, so rief sie nach Elsa und versprach ihm zum Altar zu folgen, wenn ihr Vater sie segnen könne.

So kam Bertram auch am Abend vor dem Hansatag, vor der letzten Entscheidung. Halb trunken vom Wein hatte er sich leise vom Fest der Abgeordneten fortgeschlichen und taumelte in Katharina’s Zimmer. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Hatte er zuvor noch eine Spur von Mitleid und Achtung gezeigt, so herrschte jetzt nur das Thier in ihm. Er plauderte aus, was er längst gewußt und beschlossen, aber bisher verschwiegen: ihr Vater sei zum Tode verurtheilt, und es sei keine Frage, daß die meisten Abgeordneten das Urtheil bestätigen würden; vielleicht könne noch seine verneinende Stimme einen günstigen Ausschlag herbeiführen, und dann werde er Mittel finden, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und als sie unter Jammern ihm erklärte, daß sie ja dann sein werden wolle, aber erst müsse sie die Gewißheit haben, daß es ihm Ernst sei mit seiner Hülfe – da fragte er sie lachend, ob sie denn wirklich glaube, er werde die Tochter eines Verurtheilten zu seiner Gemahlin machen? Die ärmste Dirne sei sie dann, denn des Geächteten Vermögen falle der Hansa zu – und bei diesen Worten wagte er es, frech das arme Mädchen zu umarmen.

Da trat Elsa ein, die an der Thür gehorcht, entriß ihm Katharina und schrie: „Nein, wer so niederträchtig sein kann, dem ist es auch nicht Ernst darum, etwas für den armen Gefangenen zu thun!“ – Und ohne zu wissen, wie ihm geschah, fühlte er sich von den starken Armen eines wüthenden Weibes zur Thür hinausgeworfen und dieselbe hinter sich verriegelt. Entsetzt fragten sie Katharina’s starre Augen um Aufklärung.

An einen der Comptoiristen Herrn Bertram’s war von seinem frühern Collegen Erich ein Brief an ihn und an Katharina gekommen. Erich hatte gehört, daß Wittenborg gefangen in Lübeck sitze, und obwohl er nicht die ganze Schwere seines Geschickes ahnte, so trug er doch Sorge um die Geliebte. Er gestand darum nun dem ehemaligen Genossen sein Verhältniß zu ihr und bat ihn um seinen Schutz für sie – insonderheit gegen Bertram. Er sollte die Schritte seines Prinzipals bewachen und Alles aufbieten, daß Katharina nicht von ihm zu leiden habe. Erich’s Freund, dem Bertram’s Betragen längst verdächtig vorgekommen, spähte ihm jetzt weiter nach und brachte es bald heraus, daß hauptsächlich er es war, welcher im Stillen die Bürgerschaft von Lübeck mehr und mehr gegen Wittenborg zu erregen wußte, dabei Alles vorbereitend, daß er zu seinem Nachfolger gewählt werde; daß er es war, welcher Wittenborg’s Schuld vergrößert darzustellen und das harte Urtheil durch allerlei Machinationen vorzubereiten suchte, das nun seiner wartete. Dem Comptoiristen ahnte von Bertram’s heimlichen Gängen zu Katharina nichts Gutes – er suchte endlich Elsa darüber auszuhorchen und öffnete derselben über Bertram’s Nichtswürdigkeit die Augen, da er dem trunkenen Bertram heimlich in das Haus nachgeschlichen war, so daß die Wache ihn für einen Begleiter desselben hielt. Aber er vermied von seinem Herrn gesehen zu werden, Elsa genügte zu Katharina’s Rettung, und er selbst floh durch den Garten über die Mauer, die sonst so oft die Liebesleiter seines Freundes gewesen war. Erich’s Trostbrief an Katharina fand er erst an diesem Abend Gelegenheit an Elsa abzugeben.

Zu Katharina’s Rettung hatte der Comptoirist das Möglichste gethan – aber für ihren Vater war es ihm nicht beschieden! – Das Urtheil des Hansatages lautete: „Tod durch das Schwert“ – und da gab es keinen Widerspruch, keinen Instanzenweg, keine Gnade. Das Urtheil war und blieb gefällt und mußte am dritten Tage vollzogen werden.

Jetzt wagte der Comptoirist noch das Aeußerste. Er hatte einem Bekannten im Rath, dem er vertraute, mitgetheilt, wie schändlich Bertram an Katharina gehandelt, und der Rathsherr bewirkte es, daß die Tochter am Vorabend der Hinrichtung ihren Vater noch einmal [170] mal sehen durfte ohne einen andern Zeugen als den Priester, der ihn zum Tode vorbereitete.

Es war eine erschütternde Scene. Johann Wittenborg hatte sich mühsam gesammelt und ging dem Tod mit erzwungener Würde entgegen. Am Meisten schmerzte es ihn, daß er sich in Bertram so getäuscht und daß er nun sein Kind elend und geächtet allein im Leben zurücklassen mußte, denn all’ sein großes Gut fiel an die Hansa als Sühnopfer für das, was er ihr verloren. Katharina beichtete ihm das Geheimniß ihrer Liebe – aber wie sie, um sein Leben zu erhalten, bereit gewesen, dieselbe zu opfern, so hielt sie jetzt die Hand des Vaters auf, die sie zur Braut des würdigen Heldenjünglings segnen wollte. „Nicht doch, mein Vater,“ sagte sie still. „Nicht der Braut Erichs – der Braut des Himmels gieb Deinen Segen, der sie in die Klosterräume begleiten soll.“

Und der Vater segnete weinend auch diesen Entschluß, denn er wußte wohl, daß es noch eine Zeit war, in welcher die Sünden der Väter auch an ihren Kindern gestraft wurden – und daß wohl auch der von Stufe zu Stufe schnell gestiegene Erich nun die Hand der Enterbten und Geächteten verschmähen würde, um seinen reinen Ruf nicht dadurch zu beflecken, daß er die Tochter eines hingerichteten Missethäters heimführe.

Katharina blieb standhaft bis zum letzten Augenblick. Als aber am folgenden Morgen ein entsetzlicher Trommelwirbel ihr verkündete, daß der Henker sein Werk an ihrem Vater vollzogen, sank sie leblos zusammen. Wie sie es schon vorher angeordnet, brachte sie Elsa unter sicherm Geleit des lübecker Rathes in ein Kloster zu Rostock. Wochenlang lag sie hier in einem hitzigen Fieber

Nur langsam erholte sie sich von ihm. Monate vergingen, und obwohl sie noch Novize war, lag sie doch schon allen Pflichten der Ordensschwestern mit Sorgfalt ob. Da ward sie eines Tages in das Sprachzimmer beschieden – und Erich stand vor ihr. Durch das Sprachgitter streckt er ihr flehend die Hand entgegen und rief:

„O, nimm sie und folge mir an ihr hinaus in das Leben der Liebe!“

Sie berührte die theure Hand – und wie ein elektrischer Strom zuckte Wonne und Leben durch ihr ganzes, fast erstarrt erschienenes Wesen – aber sie weigerte sich noch lange, ihm zu folgen, gedachte des Kummers um ihren Vater und der Schmach, die man im Leben um des Todten Willen auf sie häufe – aber Erich wies jedes Bedenken zurück und versicherte ihr, daß er sie nicht nach Lübeck zurückführen werde, sondern nach Schleswig, wo er eine Liegenschaft erworben, von der aus er Handel und Schifffahrt treiben und in seliger Ungestörtheit mit ihr leben könne. Da willigte sie endlich ein, entsagte dem Schleier und zog nach Jahresfrist als sein holdes Weib in die neue Heimath. Und ob sie auch das Geschick des Vaters nie vergaß, so erblühte ihr doch das süßeste Glück an der Seite des treuesten Gatten, wie ihm in ihrem Besitz.

Herr Bertram ward nicht Bürgermeister von Lübeck. Wie fein er sie auch verhüllte, man durchschaute doch seine arglistigen Handlungen, und ob auch davon nicht genug an den Tag kam, ihn gesetzlich zu bestrafen, so war es für ihn doch die entsetzlichste Strafe, daß er bei der neuen Wahl sich gar nicht beachtet sah.