Karl Ludwig Roeck an Friedrich Overbeck, 1810

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Textdaten
Autor: Karl Ludwig Roeck
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Titel: Brief an Friedrich Overbeck
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aus: Der Wagen 1932, S. 43–45 Zwei Freundesbriefe an Friedrich Overbeck nach dem damals in der Stadtbibliothek Lübeck befindlichen Original
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Entstehungsdatum: 10. September 1810
Erscheinungsdatum: 1932
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Erscheinungsort: Lübeck
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Der stud. iur. Roeck empfiehlt v. Cornelius an seinen Jugendfreund Overbeck in Rom. Er nutzt den Brief, die Perspektiven seines zukünftigen Werdegangs unter dem Eindruck der französischen Besetzung seiner Vaterstadt Lübeck zu relativieren und gegen das ungebundene Leben der Nazarener in Rom abzuwägen. Er wurde später Bürgermeister der Hansestadt.
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[43]

Heidelberg, d. 10. Sept. 1810.     

Kaum wirst Du noch die Stimme eines Freundes erkennen, lieber Fritz, der in früheren Jahren manche frohe Stunde mit Dir theilte[1], aber durch die Verschiedenheit der Laufbahnen von Deinem Ziele, und Deinem Wege zu demselben so weit abgeführt wurde, daß er nur im Gedanken Dir bisweilen folgen, und Dich in Deiner eignen, schönen Welt aufsuchen konnte. – Um Dir gleich das Räthsel meines Schreibens zu lösen, sage ich Dir, daß mir ein junger Maler, der Überbringer dieses Briefes, Cornelius[2] aus Düsseldorf, Gelegenheit dazu gab. – Ich lernte ihn hier durch seine Zeichnungen kennen, die er zu Göthe's Faust entwarf, u. in Rom will stechen lassen; – es leuchtet viel Genie u. Kunstbildung aus diesen Producten hervor, u. die Art wie der Maler den Geist des Faust, u. der ganzen genialen Dichtung auffaßte, spricht sich aufs lieblichste u. ergreifendste in seinen Zeichnungen aus, u. beweiset zugleich neben der Kunstfertigkeit viel für den inneren Sinn des Meisters. – Ich konnte der Neigung nicht widerstehen, ihn an Dich zu empfehlen, und brauche nichts weiter zu thun, als Dich auf seine Werke [44] zu verweisen, um, wie ich glaube, Dir Interesse für ihn einzuflößen, u. ihm von Deiner Güte viel zu versprechen. – Mit ihm zugleich kommt ein Freund von ihm, Namens Xeller[3], der als Landschafts- u. Portrait-Maler viel Talent hat. –

Ich bin nicht so entfernt von Dir, lieber Fritz, wie Du von mir, u. denke gewiß weit mehr an Dich, als Du wohl meiner. – Der Weg den Du wandelst hat wohl für jeden viel reizendes, u. mich mußte er besonders interessieren, da ich Zeuge Deiner frühen Anlagen, u. der Entwicklungen derselben war. – Ich folgte Dir im Geiste nach Wien, folgte Dir zum zauberreichen Italien, u. nach der alten Roma, u. bin oft neben Dir im Kreise der Genossen, welche gleiches Ziel so schön mit Dir vereint. – O wie glücklich ist Dein Loos! – Getrennt von der äußeren Welt, ungezwungen in ihre gehässigen Formen Dich zu schmiegen, findest Du Deine Sphäre in den Werken alter klassischer Vorzeit, u. in den Schöpfungen Deiner Phantasie, welche, nicht durch die erschütternden Tagesbegebenheiten ergriffen, in schönen Welten Deine Sinne führt. – Andre leitet das Geschick in den Strudel der Welt, führt sie hinein, wo sich die wühlende Menge feindselig mengt, wo Neid u. Zwietracht des Lebens schönste Blumen rauben, Überdruß u. Sehnsucht nach dem unerreichbaren fernen Ziele, ewiges Kreisen der Wünsche bewirkt. – Nur heitre Menschen siehst Du in Deiner Umgebung, denn heiter ist die Kunst, u. heiter jeder der sie treibt u. liebt; – düster ist die Bahn andrer Menschen, die nur über Nebenmenschen wachen, u. Wächter ihrer Thaten seyn sollen.

Ich bin seit Ostern 1809 hier in Heidelberg u. studiere jura. – Dieser Stand schien mir erträglich wie noch die alte Verfassung unserer Vaterstadt[4] mir eine glückliche Zukunft versprach. – In dieser paradiesischen Gegend lebte ich, oft im Kreise erworbener Freunde[5], die dann leider ihre Laufbahn wieder von mir trennten, herrliche Jahre. – Die Aussicht in die Zukunft ließ mich die Entbehrungen, die mit der Trennung von den geliebten Menschen der Heimath verbunden sind, gerne verschmerzen. – Ich bin nicht ganz von den Genüssen der Künste ausgeschlossen, Musik u. auch Deine Kunst waren die Altane auf denen ich mich von den Studien des erwählten Standes erholte. – Die Natur bietet mir zum Zeichnen reichlichen Stoff dar; und wenn mir gleich das schaffende Genie abgeht, so gewährt die Kopie der Wirklichkeit doch der Phantasie, besonders für spätere Jahre einen angenehmen bleibenden Genuß. – Die traurige Katastrophe[6] die unsre gute Vaterstadt u. ihre Schwestern traf, hat auch mir die schöne Aussicht, welche einzig meinen Stand mir werth machte, verhüllt; u. so sehnte ich mich öfter aus dieser steifen Außenwelt hinaus zu einem eignen, schöneren Leben auf der Erde, wie Du es wohl haben magst, u. dachte oft an Dich, u. an die herrlichen Genüsse Deiner Kunst. –

Die Veränderung des Vaterlandes zwingt mich jetzt auch Heidelberg (wo ich die Stube Deines Bruders Christel[7] bewohne) mit einer franz. Univ. zu vertauschen; ich wähle wahrscheinl. Dijon, welches ich Michaelis[8] beziehen werde; –

Die Veränderungen in unserer Vaterstadt werden auch wohl zu Dir hinkommen. Der gute Curtius[9] hat Lübeck verlassen u. in Hamburg die Stelle eines conseiller bey der cour impériale[10] übernehmen müssen. – So wird jetzt alles auseinandergeworfen, die schönsten Bande zerstört, u. überall der Despotie die schrecklichsten Opfer mit profaner Hand gebracht. – Glücklich wer allein in der Welt steht; keine Verhältnisse zu Fesseln hat, sondern, dem eignen Willen folgend, dem wilden Strudel dieser Welt entlaufen, u. in ruhigern Regionen, der Natur u. sich das Leben widmen kann, was im Gedränge der nichtigen Convenienz u. des erbärmlichen, niederen Wesens gehässiger Menschen allen Werth verliert. –

[45] In Frankfurt lernte ich einen gewißen Jung kennen, der Dich in Wien kannte, u. mir durch einige Nachrichten von Dir große Freude gewährte. – Er ist jetzt in Dresden, um sich zu bilden. –

Nimm diese wenigen Zeilen gütig auf, lieber Fritz, u. sey versichert, daß es mir zur größten Freude gereichen wird, wenn die jungen Maler Dir Interesse einflößen, u. in nähere Verhältniße mit Dir kommen[11]. So wenig ich sie kenne, so scheinen sie mir doch gute, für die Kunst beseelte Menschen zu seyn.

Gott geleite Dich ferner auf Deiner Bahn! – Widme mir zuweilen einen Augenblick des Andenkens. – Könnte ich mich auch einmal einiger Zeilen von Deiner Hand[12] erfreuen, so wäre ich sehr glücklich! – Dein aufrichtiger Freund
C. L. Roeck


Anmerkungen (Wikisource)

  1. die Stimme eines Freundes […] der in früheren Jahren manche frohe Stunde mit Dir theilte – Beide entstammten angesehenen Lübecker Ratsfamilien und hatten gemeinsam das Katharineum besucht; Overbecks Vater Christian Adolph war zur Zeit der Entstehung des Briefes Receveur de la caisse communale, also Kämmerer, und wurde 1814 Bürgermeister (zeitgleich wurde Roeck in Lübeck Sekretär des Rates). Vgl. Emil Ferdinand Fehling: Lübeckische Ratslinie, Lübeck 1925; Fritz Luchmann: Overbeck-Familie in: Lübecker Lebensläufe, Neumünster 1993, S.279–280, ISBN 3-529-02729-4.
  2. der Überbringer dieses Briefes, CorneliusPeter von Cornelius (1783–1867).
  3. ein Freund von ihm, Namens XellerJohann Christian Xeller (1784–1872), Maler und Kupferstecher.
  4. die alte Verfassung unserer Vaterstadt – das Lübecker Stadtrecht wurde von den Franzosen außer Kraft gesetzt.
  5. im Kreise erworbener Freunde – Roeck war gemeinsam mit anderen Lübeckern in Heidelberg Mitglied des Corps Hannovera Heidelberg, das von Mitgliedern des in Göttingen ab September 1809 von Universitätsbehörden verfolgten Corps Hannovera Göttingen gegründet worden war.
  6. Die traurige Katastrophe – gemeint ist die Lübecker Franzosenzeit.
  7. Deines Bruders ChristelChristian Gerhard Overbeck (1784–1846), Oberappellationsgerichtsrat.
  8. Michaelis – also zum 29. September 1810; Roeck kehrte 1813 an die Universität Heidelberg zurück (Imm. 17.5.).
  9. Der gute CurtiusCarl Georg Curtius (1771–1857), Syndicus der Stadt Lübeck; Roecks Mutter Anna war eine geb. Curtius.
  10. cour impériale – Frz. Kaiserlicher Obergerichtshof.
  11. in nähere Verhältniße mit Dir kommen – Sie wurden 1811 bei ihrer Ankunft in Rom in den Lukasbund aufgenommen.
  12. einiger Zeilen Deiner Hand – Einen solchen erhielt er, wenn auch sehr kurz, aber mit einem Gedenkblatt versehen, von Overbeck unter dem 5. Mai 1866. Abgedruckt in Der Wagen 1932, S. 45.