Keramika

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Keramika
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 253–260
Herausgeber: Franz Glück (1899–1981)
Auflage:
Entstehungsdatum: 1904
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: erstdruck in „die zukunft“, herausgegeben von Maximilian Harden, 13. Februar 1904, s. 366. Internet Archive
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[253]
KERAMIKA
(1904)

Dem menschen, der die heutige kultur besitzt, gefallen gebrauchsgegenstände aus glas, porzellan, majolika und steingut am besten, wenn sie undekoriert sind. Aus dem trinkglas will ich trinken. Ob wasser oder wein, bier oder schnaps, das glas sei so beschaffen, daß mir das getränk am besten schmeckt. Das ist die hauptsache. Und aus diesem grunde opfere ich gern alle altdeutschen sprüche oder secessionistischen ornamente. Wohl gibt es mittel, das glas zu behandeln, daß die farbe des getränkes erhöht, verschönert wird. Dasselbe wasser kann in einem glase schal und matt, in einem andern frisch wie aus der bergquelle aussehen. Das kann man durch gutes material oder durch den schliff erreichen. Beim gläserkaufen läßt man sich daher die vorgelegten gläser mit wasser füllen und wählt nun das beste aus. Dann bleiben die gläser, die dekoriert sind, als schwämmen grüne blutegel darin, unverkauft.

Und das getränk soll nicht nur gut aussehen, es soll auch gut getrunken werden. Die gläser, die in den letzten drei jahrhunderten angefertigt wurden, erfüllen diese forderung fast immer. Unserer zeit – nein, ich will unsere zeit nicht schmähen –, unseren künstlern war es vorbehalten, außer unappetitlichem dekor auch noch glasformen zu erfinden, aus denen man nicht trinken kann. Es gibt wassergläser, aus denen einem das wasser rechts und links bei den mundwinkeln herausrinnt. Es gibt liqueurgläser, die nur zur hälfte geleert werden können*)[1]. [254] Bei neuen formen sei man daher vorsichtig und wähle lieber die alten.

Genau so ist es beim teller. Wir fühlen feiner als die menschen der renaissance, die noch ihr fleisch auf mythologischen darstellungen schneiden konnten. Wir fühlen auch feiner als die menschen des rokoko, die sich nichts daraus machten, wenn die suppe durch das blaue zwiebelmuster eine unappetitliche grüngraue farbe bekam. Wir essen am liebsten von weißem grunde. Wir. Die künstler denken darüber anders.

*

Aber die objekte der keramik dienen nicht nur zum kochen, essen und trinken. Sie dienen uns als fensterscheibe, als fliese, wand- und tischplattenverkleidung, als öfen oder kamine, als blumenvasen oder schirmständer. Und endlich kann sich der künstler des tones bedienen, um ihn zu formen, zu glasieren und zu brennen, weil er den drang in sich fühlt, menschen und tiere, pflanzen und steine so darzustellen, wie er sie sieht.

Einst saß ich mit einigen „angewandten künstlern“ im kaffeehause. Man sprach davon, eine keramische versuchsanstalt in der kunstgewerbeschule zu gründen. Ich war gegen alles, was die herren vorbrachten, und alle waren gegen mich. Ich vertrat den standpunkt des meisters, des einfachen arbeiters. Und sie vertraten den standpunkt des künstlers.

[255] Jemand hatte eine wunderbare rote blüte mit samtenen blättern mitgebracht. Die stand in einem wasserglas auf dem tisch. Und einer sagte: „Sehen sie, herr Loos, sie verlangen nur, daß man töpfe macht. Wir aber wollen versuchen, eine glasur zu erzeugen, die dieselbe farbe hat wie diese blume hier.“ Man war feuer und flamme für diese idee. Ja, alle blüten der welt sollten ihre farben für neue glasuren hergeben. Man sprach und sprach …

Nun hat mich aber die natur mit einer kostbaren gabe beschenkt. Sie hat mich schwerhörig gemacht. Und so kann ich denn unter laut streitenden und debattierenden menschen sitzen, ohne verurteilt zu sein, das blech zu hören, das sie reden. Dann hänge ich meinen gedanken nach.

Damals fiel mir mein meister ein. Kein künstler. Ein arbeiter. Blumen sieht er nicht. Er liebt sie auch nicht. Er kennt ihre farben nicht. Aber seine seele ist von farben erfüllt, die sich nur in glasur auf ton darstellen lassen.

Ich sehe den meister vor mir. Er sitzt vor dem brennofen und wartet. Farben hat er geträumt, die der schöpfer zu träumen vergessen hat. Keine blume, keine perle, kein erz hat eine ähnliche farbe. Und diese farben sollen nun wirklichkeit werden, sollen funkeln und strahlen, die menschen mit lust und melancholie erfüllen:

„Das feuer brennt. Brennt es für mich oder brennt es gegen mich? Gibt es meinen träumen feste formen oder frißt es meine träume auf? Ich kenne jahrtausende von werkstatt-traditionen. Was irgend dem töpfer frommt, ich weiß es, ich habe es angewendet. Aber wir sind noch nicht am ende. Der geist der materie ist noch nicht überwunden.“

[256] Möge er es nie werden. Mögen die geheimnisse der materie immer für uns mysterien bleiben. Sonst säße nicht der meister in qualvollem glück vor dem brennofen, harrend, hoffend, träumend von neuen farben und tönen, die gott in seiner weisheit zu erschaffen vergaß, um den menschen an der herrlichen lust des schöpfens teilnehmen zu lassen …

„Also was meinen sie dazu, herr Loos?“ fragte einer.

Ich meinte nichts.

Unsere künstler sitzen am reißbrett und machen entwürfe für die keramik. Sie teilen sich in zwei lager. Die einen entwerfen in allen stilarten, die andern nur „modern“. Beide lager verachten einander gründlich. Aber auch die modernen künstler haben sich gespalten. Die einen verlangen, daß das ornament der natur entnommen werde, die an dem, daß das ornament nur der phantasie entspringe. Aber alle drei verachten den meister. Warum? Weil er nicht zeichnen kann. Das schadet dem meister aber nicht. Kacheln, die Bigot in Paris vor zehn jahren geschaffen hat, haben noch nichts von ihrem zauber eingebüßt. Aber die muster, die die künstler vor fünf jahren auf den markt brachten, bereiten selbst ihnen heute schon nervenschmerzen. Das gilt natürlich von allen entwürfen dieser richtung.

Wer keramische produkte kauft, möge sich das stets vor augen halten. Man gibt doch nicht sein geld aus, um sich in drei jahren über das erworbene zu ärgern. Gegenstände, die das meisterliche, schöpferische gepräge tragen, werden ihren wert stets behalten. Gegenstände, die mit secessionistischem ornament versehen sind, sollen, wenn sie einem auch gefallen, zurückgewiesen werden. Sie gefallen, nicht, weil sie schön sind oder unserem [257] empfinden entsprechen, sondern, weil man versucht hat, uns diese richtung aufzudrängen. Man verlasse sich auf das empfinden, das man besaß, bevor Hermann Bahr über diese dinge schrieb.

Reißbrett und brennofen! Eine welt scheidet sie. Hier exaktheit des zirkelschlages, dort die unbestimmtheit des zufalles, des feuers, der menschenträume und das mysterium des werdens.

*

Ich schreibe nur für menschen, die modernes empfinden besitzen. Für menschen, die der weltordnung dankbar sind, daß sie heute und nicht in früheren jahrhunderten zu leben haben. Für menschen, die sich in sehnsucht nach der renaissance oder dem rokoko verzehren, schreibe ich nicht. Es gibt solche menschen. Sie weisen immer auf die vergangenen jahrhunderte hin, in denen maler und bildhauer entwürfe für den handwerker geliefert haben. Sie weisen auf die renaissance hin, in der die menschen aus krügen tranken, in die eine ganze amazonenschlacht modelliert oder geschnitten war. Sie weisen auf salzfässer in der form eines schiffes hin, das tritonen halten, wobei dann das ruder als salzlöffel verwendet wurde. Unmoderne menschen. Die liefern dann entwürfe für das handwerk. Oder sie modellieren, wenn sie zufällig von ihren eltern auf die bildhauerschule geschickt wurden, gleich alles selber.

Wollt ihr einen spiegel? Hier ist er: ein nacktes frauenzimmer hält ihn. Wollt ihr ein tintenfaß? Hier ist es: najaden baden um zwei felsenriffe; in einem ist tinte, im anderen streusand. Wollt ihr eine aschenschale? Hier ist sie: eine serpentintänzerin liegt vor euch ausgebreitet [258] und an ihrer nasenspitze könnt ihr eure zigarrenasche abstreifen.

Ich fand das nicht gut. Und da sagten die künstler: Seht, er ist ein feind der kunst. Aber nicht, weil ich ein feind der kunst bin, fand ich es nicht gut, sondern weil ich die kunst gegen ihre bedränger in schutz nehmen wollte. Man hat mich aufgefordert, in der Secession auszustellen. Ich werde es tun, wenn die händler aus dem tempel vertrieben sind. Die händler? Nein. Die prostituierer der kunst.

Wendet euch ab von den propheten der renaissance! Liebt eure modernen gegenstände! Seht den herrlichen spiegel! Konnte die renaissance ein glas hervorbringen, das ein weißes taschentuch mit derselben reinheit und frische reflektiert? Seht das herrliche tintenfaß! Wie der große kristallwürfel funkelt und gleißt! Er kann nicht umfallen. Seht die herrliche aschenschale! Eine große glasschale, mit silber montiert. Wasser ist darin, um die glühenden zigarrenreste sofort auszulöschen. Die silberne montierung hat einbuchtungen, in die man die brennenden zigarren legen kann. Hat die renaissance so herrliche dinge aufzuweisen? Freut euch, freut euch, ihr menschen des zwanzigsten jahrhunderts!

*

In den auslagen sieht man tiere aus weißem porzellan. Gelbe oder blaue flecke unter der glasur geben ihnen einen charakteristischen „chic“. Sie sind hübsch, diese kopenhagener arbeiten. Die eingerollte katze. Oder die beiden hündchen, die sich aneinander drücken. Mir gefallen sie ungemein, – in den auslagen. Denn – wie [259] merkwürdig! – ich wäre in verlegenheit, wenn mir ein solches tier geschenkt würde. Ich wollte es in meiner wohnung nicht zur schau stellen. Gewiß, die besucher kommen und sagen: ah, Kopenhagen! Das macht einem freude. Wie es einem freude macht, wenn man eine zigarre anbietet und den ruf vernimmt: bock imperiales! Zwei kronen das stück! Denn auch diese freude ist teuer erkauft. Den ganzen tag muß ich mich von dem vieh anglotzen lassen. In seiner perfiden humoristischen weise. Dazu bin ich nicht immer zu haben. Dafür bin ich nicht immer gestimmt. Indifferente dinge will ich in meinem zimmer sehen. Korbfauteuils oder reproduktionen nach Klinger. Oder die witzigen erzeugnisse früherer jahrhunderte. Vieux saxe! Die greifen nicht mehr in mein leben. Die sind durch ein jahrhundert von mir geschieden.

Die altdeutschen sprüche an den wänden sind wir jetzt glücklich los. Aber wenn nun die „angewandten künstler“ kämen und sagten: schafft moderne sprüche!? Ich sage: nein, gar keine sprüche! Mit witzblättern werde ich mir nicht mein zimmer austapezieren. Dafür weiß ich mir einen anderen ort.

Kopenhagen macht auch blumenvasen. Blumenvasen ist nicht das richtige wort. Vasen ist vielleicht richtiger gesagt. Denn diese vasen wirken besser, wenn keine blumen darin sind. Blumen will ich im zimmer haben. Aber mit den raffinierten kunsterzeugnissen aus Kopenhagen können sie nicht konkurrieren. In bunzlauer geschirr kommen sie besser zur geltung. Das fühlt jeder. Und daher sieht man die kopenhagener vasen immer leer.

Ich glaube, die zeit wäre nun glücklich vorbei, wo sich das stürmen und drängen der menschen in gebrauchsgegenstände [260] verkroch, die unbenutzbar waren, in bierkrügel, aus denen man nicht trinken, in schusterhämmer, mit denen man nicht stifte einschlagen konnte. Der moderne mensch hat das mittel, seine überschüssigkeiten los zu werden. Einmal wachte ich fröhlich auf. Mir hatte geträumt, das ganze kopenhagener getier sei toll geworden und müsse dem kopenhagener vasenmeister übergeben werden.

Manche leute sagen mir nach, daß ich geschmack besitze. Wenn man einmal in diesen ruf kommt, wird man gerne von den leuten bei ihren einkäufen mitgenommen. So bat mich eine dame, mit ihr in die Secession zu gehen, um ihr bei einem einkauf zu helfen. Zimmerschmuck. Geld spielte keine rolle. Aber groß durfte es nicht sein. Ich riet zu einem kleinen marmorblock von Rodin. Ein herrliches antlitz entrang sich mühsam dem stein. Die dame besah das stück von allen seiten. Sie wurde verlegen. Dann sagte sie: wozu dient das? Nun war es an mir, verlegen zu werden. Das merkte sie, und sie sagte: Sehen sie, herr Loos, sie sind immer so gegen Gurschner und die andern. Aber bei denen weiß ich doch, was sie wollen. Kann ich an diesem stein streichhölzer anzünden? Und wenn schon! Wo soll ich sie hinlegen? Kann ich eine kerze daranstecken? Wo ist die vorrichtung dafür? Kann ich asche daran abstreifen?

Wie sagte ich doch vorhin? Prostituierer der kunst!

Anmerkungen

  1. *) Für liqueurgläser haben die schnapskundigen holländer eine klassische form gefunden: eine windblütenform. Da kann der [254] schwerflüssige liqueur leichter herausfließen. Es war daher selbstverständlich, daß die wiener secession das umgekehrte prinzip für liqueurgläser beschloß: die mandarinenform. Nur schlangenmenschen, die sich so weit zurückbeugen können, daß sie mit dem kopf die erde berühren, vermögen ein solches glas zu leeren.