Lose Blätter zu der Sammlung von Minnesingern gehörig (II)

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Autor: Georg Friedrich Benecke
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Titel: Lose Blätter zu der Sammlung von Minnesingern gehörig (II)
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aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. 43, S. 169-170; Nachtrag Zugabe Nr. 3 S. 219
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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[169]
Lose Blätter
zu der Sammlung von Minnesingern gehörig.
von Benecke.




II.

Jedes Volk hat sein goldenes Zeitalter, sein Reich des Saturnus; und die Urkunden dieser Zeit bewahrt die Poesie. Für unsere Deutschen Dichter des zwölften und dreyzehenten Jahrhunderts war dieses Saturnische Reich die Regierung Karls des Großen. Aber die Dichter sagen nur was jeder Edle ihres Volkes weiß, und glaubt, und fühlt, selbst aber zu sagen nicht vermag. Jener Glaube an Karl war also Volksglaube, eine Stimme Gottes, welche die wahrhafte Größe des edlen Franken kräftiger ausspricht als Hunderte von Pergamenten, mit wohl erhaltenen Siegeln behangen, zu thun vermöchten. Wo der Himmel noch so spät in die Nacht hinein mit rosenfarbigem Schimmer erquickt und entzückt, da muß eine große Sonne untergegangen seyn; und unsere Dichter sind also nicht Erdichter, sondern unverwerfliche Zeugen, denen man glauben müßte, wenn man auch kein anderes Zeugniß hätte.

1. Karls Hof war einfach und prunklos, Treue, Zucht, und Ehre wohnten bey dem edlen, milden, weisen Fürsten.


Bi Karles ziten was ein site,
     Des ist nu vil vergan!
     Man sach bi Karles hove niht wan triuwe, zuht, unde ere.
Nu ist valschiu diet den herren mite.
     Daz wizzet sunder wan.
     Swer in die lenge volget vil, dern hat niht wise lere.
Rein ingesinde
u. w.[1].

2. Wir wissen aus den Capitularien, wie angelegentlich Karl für richtiges Maß und Gewicht sorgte; Karles lot war daher ein sprichwörtlicher Ausdruck für haarscharfe Genauigkeit, und mit Karles lote wider wegen oder gelten hieß, etwas nach der größten Strenge erwidern, nicht das Geringste übersehen oder zu Gute halten (Wilh. d. H. 1. 115. b. Trist. 172. Frib. Trist. 1671). Wenn Wirnt von Gravenberch in seinem schönen Rittergedichte, Wigalois, die Treue, mit der die Königinn Liamere ihren erschlagenen Gemahl betrauert, als das höchste schildern will, was man je von Frauentreue sah, so sagt er (Z. 10073) ir truiwe wac fur Karles lot, überwog das strengste Richtloth.

3. Vor allem aber stand Karls Gesetzgebung und seine Sorge für unparteyische Rechtspflege in dem größten Rufe. Damahls wußte man von keinen Pandecten, und keinem Justinian. Karlenbuoch war das Einzige was in jedem Lande zu dem alten, von den Vätern ererbten Rechte hinzutrat. Wigalois, so erzählt uns der eben erwähnte Wirnt hatte ein Reich, Korentin genannt, erobert. Dieses Reich lag nicht auf Deutscher Erde, und kann nur auf der Karte der Romantischen Poesie aufgesucht werden. Auch sind Wigalois, [170] ein Ritter an König Artus Hofe, und Kaiser Karl ungefähr eben solche Zeitgenossen wie Dido und Aeneas. Doch dieß thut nichts zur Sache. Wigalois verschafft durch seinen tapfern Arm der rechtmäßigen Erbinn das väterliche Reich wieder, aus dem sie durch schändliche Frevelthat vertrieben war, und wird dafür mit der Hand der Fürstinn und dem Reiche Korentin belohnt, nachdem nun alle Kron-Vasallen, wie sich gebührt, ihre Lehen von ihm empfangen, und ihm gehuldiget hatten, so gebietet er ihnen


Daz si behielten Karles reht,
Und die gerihte machten sleht
Uber allez sin riche.

Man sieht der Dichter spricht, wie man zu seiner Zeit in Deutschland dachte, zu einer Zeit, in der vielleicht durch die Verehrung, welche Kaiser Friederich I. seinem großen Vorfahren bewiesen batte, das Andenken an diesen neu belebt worden war.

Eine ähnliche Ansicht drückt folgender Spruch des Hardeggers aus, der im zweyten Theile der Sammlung von Minnesingern S. 121. steht, aber so fehlerhaft und entstellt, daß Manches darin völlig unverständlich ist. Ich theile daher meine Wiederherstellung derselben und unter dem Texte die alten, gegen Sinn und Versmaß verstoßenden Lesarten mit, und wünsche, daß man die erstere eben so treffend finden möge, als man die letzten aus den ersten Blick für falsch erkennen wird und erkennen muß.

Anderswo.








Ich zurne mit dem tode niht, daz er ans Karlen nam;
     Ich zurnte gerne (und wisse ich wem) daz sit nie Karle kam
     Nach im, der rehte rihte als er,
     Und elliu dinc so gar zem besten kerte.

5
Er sprach zem klagenden selten: ‚Friunt, waz wiltu gerne geben,

     Daz man dir rehte tuo, und dich mit fride laze leben?‘
     Ouch was des niemen zuo im ger,
     Daz er dur guot den schuldehaften lerte
Daz er unschuldech stunde da



Z. 2. Ich zurnte gerne und wisse ich wenne
   3. Nach und der rehte rihte als er
   7. Ouch was des armmen ger
   8. Daz er dur Got



10
Und daz der arme klagende schuldech wäre.

Des pflegent die Herren anderswa.
Ichn zihe es hie die herren niht (Also vernemt diu märe!);
Die rihtent nach dem rehte, und als in Karlen buoch gebot. —
Si daz au war, so helfe in got mit freuden hie und dort von wernder not!

Karlen bouch, von dem in diesem spitzen und bittern Spruche die Rede ist, und das auch in der Vorrede zum Schwaben-Spiegel als die Quelle des weltlichen Rechtes erwähnt wird, schloß keineswegs das ältere jedem Lande eigenthümliche Recht aus. Von dem thörichten Frevel, dieses heiligste Eigenthum des Volkes gewaltsam anzutasten, war Karl so weit entfernt, daß er vielmehr, nach Eginhard’s Zeugniß (Kap. 29) in seinem ganzen Reiche die ältern Rechte sammeln, und wenn sie noch nicht schriftlich vorhanden waren, niederschreiben ließ. Behielten doch selbst die Sachsen, obgleich durch die Gewalt der Waffen bezwungen, ihr ganzes altes Recht, in so fern es nicht der christlichen Religion widersprach, und drey im Sachsen-Spiegel B. 1 Art 18 besonders erwähnte[WS 1] Punkte, so gar gegen Carls Willen. Da aber die sogenannten Capitularien, oder diejenigen kaiserlichen Verordnungen wodurch die alten Gesetze ergänzt und nach Maßgabe der Umstände bestimmt wurden, allenthalben abschriftlich vorhanden seyn und öffentlich vorgelesen und bekannt gemacht werden mußten - eine Verfügung die ohne Zweifel schon vor Ludwig dem Frommen getroffen war, und von diesem, so wie von Karl dem Kahlen nur wiederholt wurde (Capit. v. J. 823 cap. 24. und Tit. XIV cap. 13) - so bildete sich natürlicher Weise die Vorstellung, daß alles Recht von Karl dem Großen ausgehe, so daß in spätern Zeiten auch die Freygrafen schwören mußten, nach Karls Gesetz und Ordnung zu richten, und selbst die Femgerichte diesem Kaiser zugeschrieben, und nach seinem Nahmen benannt wurden.

  1. Der Gutaere, alt Meister-Gesangb. S. 1. – die dritte Zeile lautet im B. 2. der Sammlung deutscher Gedichte (Berlin, 1785) Man sach bi Karles tziten mynne. tzucht unde ere. Sinn und Versmaß verlangten eine Verbesserung, und wer das ganze Lied vergleicht wird ohne Zweifel der hier gemachten beystimmen.
[219]
Nachtrag zu Blatt II. (S. oben S. 169).

Zu den Stellen, in welchen der Ausdruck Karles reht vorkommt, gehört auch ein Lied von Her Dietmar dem Sezzer</tt (Samml. von Minnes. II. 119. b.). Von untreuen, falschen Leuten sagt der Dichter, beynahe sprichwörtlich, die selben haben kunech Karles reht verdrungen, sie haben es dahin gebracht, daß Recht und Gerechtigkeit aus der Welt verschwunden sind, und daß Bestechungen das einzige Mittel sind zu etwas zu gelangen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: erwähnten. Siehe Druckfehler S. 188.