Malerische Wanderungen durch Kurland/Groß-Bersen, nebst dem dazu gehörigen Park

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Der Park zu Mescheneeken Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Doblen, der Flecken und die Ruinen der alten Burg
{{{ANMERKUNG}}}
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Groß-Bersen, nebst dem dazu gehörigen Park.

Fin nebliger Morgen weckte mich zur Fort- setzung mieiner Reise nach Mitau; und nur die Hoffnung, dafs sich das Wetter erheitern würde, gewährte mir Trost. Die Phantasie gleicht dem Schmetterlinge, der seine Puppe — sein Gefängnilg — an einem heitern Tage im Nu zersprengt, an einem trüben Tage aber mehrere Stunden braucht um seinen Kerker gu durchbrechen, und auch dann nur mit zusammengelegten Schwingen ängstlich fort- Kriecht, Das trübe Wetter hatte sich wie ein Flor um dieSchönheiten des Mescheneck- schen Parks gefalter; nur mühsam konnte die Erinnerung die ursprünglichen Züge der ländlichen Schönheit erkennen. — Meine Reisegefährten klagten überdem, während der Nacht von Mückenstichen beunruhigt [369] a7 worden zu seyn. Ich wulste sie nicht besser zu trösten, als mit dem Beyspiel des heiligen Makarius von Alexandrien, der sich über den Stich einer Wespe erzürnte, sogleich aber die richtige Bemerkung machte, dals es doch besser gewesen wärc, als wenn ein Elephant ihn würde getreten haben; weshalb er denn auch nachher zur Bufse sechs Monate auf den Scythischen Feldern stand, und sich von jenen Insekten martern liefs. — Ein leichter Ost- wind, als zürnte er über die neidische Hülle der schönen Natur, trieb ‚die Nebel, wie Rauchwolken, fort, und bey heiterem Wer- ter, und in einer, zufällig durch einen nach Mitau reisenden Freund vermehrten, ange nehmen Gesellschaft, langte ich in Gro [s- Bersen, das nur ein paar Werst von Me scheneeken entfernt ist, an. Der Grofs- Ber- sensche Park, der dem Mescheneekschen so nahe liegt, kann mit-hecht als ein passendes Seitenstück zu diesem betrachtet werden. $0 ernst, feyerlich und erhaben die Natur allent- halben in Mescheneeken hervortritt ; 50 freundlich und heiter scheint sie dagegen in Großs- Bersen zu lächeln. Schon das frische Grün des Laubholzes, im Vergleich des tie- Mal, Wand. Aa [370] 370 fen Fichten - und Tannendunkels, trägt viel zu dieser Ansicht bey — und in dieser Be- rücksichtigungssind die sich so nahe liegenden Anlagen vereint zu betrachten. Wenn in Mescheneeken heilige Schauer der Ahndung ' eines höheren Seyns die Seele durchbeben, und das innere Leben sich in ernsten Träu- men entfaltet; so führt Grols-Bersen dagegen sanft und freundlich das Äufsere in heiterer Wirklichkeit den Blicken der Wanderer vor- über. Von der Seite der Landstralse, die nur ein paar hundert Schritte vom Gute entfernt ist, leitet an der Berse (eben derselbe Fiufs, der den Mescheneekschen Park durchiliefst) ein Weg in ein kleines Gebüsch, bis zu einem auf zwey Seiten von Hügeln umschlun- ‚genen Thale. Ein auf frey stehenden Säulen. ruhender Tempel, der über ein kühles, durch eine in den Tempel herauf reichende runde Öffnung beleuchtetes Gewölbe, erbaut wor- den, und ein amphitheatralischer Rasensitz, der sich an dem sanft, eingebogenen Hügel fortzieht, machen die Hauptpartien dieses Thals aus, Die Aussicht aus dem Tempel über den Park und nach den schön gruppir- ten Gebäuden des Gutes sowohl, als nach [371] 371 dem doblenschen lettischen Pastorate hin ist malerisch. — Aus diesem Thal, wo ich mit wahrhaft berzlichem Dank die Blumen- sträufse empfing, welche mir die jüngsten Kinder der edlen Besitzer von Grols- Bersen, wie liebliche Genien dieser Fluren, über. reichten, und in diesen Blüthen mir jene ans meinem eignen Leben zurückriefen,, die ein gebildeter, dem Schönen der Kunst und der Natur geweihter Umgang mir einst in die- sem edlen Hause so oft gewährt hatte, füh- ren mehrere kleine Wege durch das Gebüsch zu einer grolsen Wiese, rund um von an- sehnlichen Weidenbäumen umgeben, deren grotesk@, häufig getheilte Stämme, unter den sie umringenden jungen Birken und Ellern, wie ehrwürdige Greise unter Jünglingen, stehn. Mitten auf der Wiese ruht, auf frey stehenden weils angestrichenen Pfählen, die oben durch ein grünes Gitterwerk verbunden sind, ein geräumiges Sommerhaus, unter dessen Dachung sich an dem Tage, wenn man hier das Ärndtefest ‘feyert, die Bauer- schaft dieser Güter zu versammeln pflegt. Geschäfte haben mich immer abgehalten, diesem schönen Feste beyzuwohnen, das Aa [372] 372

jährlich hier begangen wird; doch will ich, nach einer Erzählung meiner Freunde, die zugegen wären, eine Beschreibung versu- chen, Sie muls schon als Charaktergemälde der Behandlungsweise der Letten in Kurland Interesse gewähren. Naeh der Ärndte waren alle Bauern, männlichen und weiblichen Ge- schlechts,; grofs und klein, welche zu den beträchtlichen Grols - und Klein - Bersenschen Gütern gehören, an einem bestimmten Tage auf dieser Wiese versammelt, und nur we- nige zur Aufsicht der Wohnungen zurückge- blieben. Die Feyer wurde Nachmittags mit einem geistlichen Liede begonnen, worauf der dobleusche lettische ‚Kirchspielsprediger eine Rede hielt, welche auf das Fest einer gesegneten Ärndte (in diesen fruchtbaren Ge- genden etwas ganz 'gewöhnliches) Bezug hatte. Eine solche Rede, im Geiste und Sinne des jetzigen doblenschen lettischen Predigers, Herm Richter, gesprochen, und von die- sem höchst achtungswerthen, eben so wahr- haft gelehrten als humanen Manne, vorge- tragen, mulste auf alleAnwesende, und eben so gut auf die aus den gebildeteren Ständen, als auf die versimmelten Letten, den lebhaf- [373] 573 nn

testen Eindruck machen. Sodann erhielten diejenigen Mädchen, deren ‚Aufführung von den versammelten Hausvätern als.vorzüglich bezeugt wurde, und eben so auch die Jüng- linge, gewisse Preise. Sie bestanden für er- stere in schönen Tüchern und Schürzen, für letztere in zierlichen Hüten und Tüchern; den leifsigsten Hausvätern (Wirthen) selbst aber wurden grolse beschlagene Wagen , mit Heu beladen, zu Theil. Unter einem star- ken breitästigen Weidenstamme, den eine

Fafel als den Ehrenplatz bezeichnet, wurden

jene Preise, so wie aulserdem durch Loose, in denen aber keine Niete fiel, verschiedene lettische Bücher vertheilt, und der Tag be- schlols mit einem reichlichen Schmause und den frohen Tänzen der glücklichen Landleute, _ Die Letten sind in diesen Gegenden, so wie \ beynahe in ganz Kurland, wohlhabend, eini- ge sogar reich und Besitzer von mehreren Tausend Albertusthalern. Reinliche Kleidung und selbst ihr, einen gewissen Grad von Bil- dung verrathendes Benehmen, so wie die

"Liebe und Anhänglichkeit an ihre Herrschaft

vollendete ein Gemälde, das hier, auf einem grünen Wiesenplatz an einem heiteren Tage, [374] an

von jedem, der Gefühl für dergleichen Freu- den hat, nur mit warmer Theilnahme er- blickt werden konnte. Mit Ehrfurcht be- trachtete ich den elrrwürdigen Stamm, unter dem die Ehrenpreise ausgetheilt waren. Wie manche Tugend — nicht wie sie bey der Ofenglut der Empfindeley in den Treibhäu- sern der grolsen Welt gedeiht, sondern voll Natur, der knospenden Rose gleich — mag bier nicht, ‘wie diese, bescheiden erröthet seyn, als ihr Verdienst bemerkt wurde, Preise für die Tugend aber, da diese selbst keinen Preis hat, werden, wenn sie nur das Ehr- gefühl, jene zu bewahren, erwecken sollen, eben so glänzend mit einem Hute, als mit

einer brillantenen Brustschleife ausgetheilt. Von der Wiese aus gehen mehrere Wege durch das anstolsende Gebüsch, in welchem sich eine kleine Einsiedeley behndet, die aber kein leeres Schneckenhaus ist, sondern ihren Bewohner lebend in sich faßst. Mit “einem langen Barte, in braunem Mönchsge- warkle trat er aus seiner Hütte und über- reichte mir ein Buch, um in selbigem mei- nen Namen zu verzeichnen, lIch:schrieb fol- gendes Akrostichon auf Grols- Bersen hinein, [375] 375 das, wie alle dergleichen poetische Spiele- reyen, keinen eigentlichen Werth hat, und daher nur als Andenken einer frohen Stunde

diesen Blättern geweibet seyn mag: Gicbt die Natur für ihre Freuden Sinn, Reicht zum Genufs sie ihren Segen hin: O, dann entblühn dem einsam stillen Thale So seltne Freuden, als sie nie die Pracht, Schwelgt sie auch stolz am königlichen Mahle, Bey alter Kunst- Gewalt erdacht!

Ein Leben unter Blüthenzweigen

Rufe edlero Gefühle wach;

Sie wogen in dem stillen Bach

Empor ‚in jeder Blume sanftem Neigen, Natur, wo deine Opferdüfte steigen.


Der Gang längs dem Bache, der auf der Seite, wo das Wäldchen liegt, ein flaches, gegenüber aber ein steiles, abgerissenes, fel- senähnliches Ufer hat, leiter zu einer klei- nen, im gleichwinkeligen Dreyeck erbauten Fischerhütte, deren weilse Mauer zwischen dem Grün desLaubes angenehm bervorschim+ mert. Auch mehrere andre kleine Partien. im Park sind lieblich und mit Sinn angelegt; aber ich habe dem Leser nur die vorzüglich- sten darstellen wollen. Sobald man das Tan- nenyäldchen, bey Grols-Bersen verlälst, er- [376] blickt man die graue Mauer der alten Burg Doblen, deren Ruinen schon in der Aus- sicht einen interessanten Anblick gewähren,