Malerische Wanderungen durch Kurland/Der Park zu Mescheneeken

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Groß-Blieden, dasige Kirche, das Grabgewölbe und die Grabstatte; Fahrt nach Mescheneeken Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Groß-Bersen, nebst dem dazu gehörigen Park
{{{ANMERKUNG}}}
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Der Park zu Mescheneeken.

Der Eingang zum Park, zu dem das in diesem stehende Landhaus und der Krug mit gehören, ist an der Heerstralse, mitten in einem tiefen Fichten - und Tannenwalde, neben einer kleinen Wiese. Ein gerader, acht Fufs breiter Gang, führt auf eine, in Form eines Tempels errichtete Tafel, die folgende Inschrift trägt:

Viel Wege hat Natur, den Menschen zu erfreun ; Doch auch auf’kleinen stillen Pfaden

Will sie dem Guten Freuden streun.

Sieh’, Wandrer! diese Zweige laden,

Dich zu erquicken, zu erfreun,

In ihre atillen Schatten ein, [359] 559

Gleich hinter dieser Tafel führt der Pfad zu einem hohen Ufer, das einen tiefen und breiten Bach einschlielst. Diesem Ufer ent- längs geht ein geebneter Weg in die Spazier- gänge des Parks, dessen Charakter, in allen seinen Theilen, erhabene, stille, feyerliche Natur ist.

Es war ein sonnenheller Nachmittag; ein starker Wind, der auf der Fläche wehte, konnte jedoch diese von hohen Tannen und Fichten umschatteten Pfade nicht erreichen, und gewährte ihnen nurangenehme Kühlung, während dem er in den hohen Wipfeln brau- ste, als wollte er, im Einklang mit dem Rauschen des Bachs und den auf den Zwei- gen des Waldes ruhenden befiederten Sän- gern, eine Hymne an die Natur ertönen las- sen. Einzelne Wolken zogen am Himmel hin; die Sonne hatte diese Feyerkleider des Himmels mit ihren Strahlen geschmückt — "in wechselnden Gestalten, denen die Phan- tasie Deutung gab, Aohen sie vorüber. Ich wählte einen Ruhesitz an einer hochstämmi- gen Birke, deren Rinde die Einschnitte mir geliebter theurer Namen trug, und dachte [360] -_ OO AENEFENEPRRATEE > Hari he Winlkon nher u [361] [362] 30: büllt, entspricht jener heiligen Ahndung, die die Natur ja auch immer nur tief ver-

schleyert vor unsre Blicke führte. Vom Bache j

aus, als dem Bilde des noch im frischen Dä- seyn wozenden Lebens, geht, über einen Grabhügel, durch dunkle Pfade derWeg zum Altar der Unsterblichkeit. So weit wäre selbst als Allegorie diese Anlage vortreflich ausgeführt; nur mülste vom Altar aus eine sich im Fortschritte immer weiter, wie ein Lichtpunkt, ausbreitende Aussicht darstellen, deren Hintergrund allenfalls auch eine Alle- gorie umfassen könnte, Denn Psyche, die zu dem von der Natur errichteten Altar der Unsterblichkeit über den Grabhügel wandelt, wo ihr zurückgelassener Gefährte in Staub sarık, und sie selbst, dem dunkeln Todes- gange entflohen, opfernd an dem Altar der Unsterblichkeit niedersinkt und um Erhal- tung fleht, müls hiereinen Lichtpunkt haben, dem sie entgegen wandeln kann, und in dem ihr Erhörung entgegen schimmert; oder sie muls traurend umkehren zu dem verlas- senen Gefährten und mit ihm sinken in ein ewig schweigendes Grab, — was aber hier [363] 563 schwerlich in der Idee des edlen Schöpfers dieser Anlagen liegen konnte. Ob der jetzige Besitzer nicht die so schön begonnene Alle- gorie, entweder auf diese Weise oder viel- leicht noch viel sinnreicher, ausführen sollte ?

Das Ufer des Baches wird bald wieder höher und gewährt die schönste Ansicht, besonders an einer Stelle, wo man den Lauf des letztern auf eine ziemliche Strecke über- sehen kann. Er zieht sich hier zwischen schroffen, steilen, vom Eisgange im Früh- linge zerrissenen, zum Theil nackten, zum Theil mit schönem Laub bewachsenen Ufern hin; so still und feyerlich, als fühlte er seine Bestimmung, das schöne Gemälde der Natur zu vollenden. Durch die hohen Ufer be- schützt, kräuselt kein Lüftchen den glatten Spiegel der Tiefe, und rein und hell strahlt sie, von Sonnenstrahlen vergoldet, das Bild der überhängenden Zweige der Hängebirken zurück, deren eine, vom Strome im Früh- ling aus ihrer Wurzel gerückt, beynah hori- zontal über der Wasserfliuth schwebt, und ihre herabfallenden Blätter, wie Locken, in

[364] 364 dem vorübergleitenden Strom badet. Durch eine Kluft geht man auf $teintreppen 'wei- ter, während die Ansicht des Stromes jeden Augenblick wechselt, und gelangt zu einem halbrunden ‚ von Haselsträuchen eingefalsten Plaize, der sich in einer breiten Allee ver- liert, in’ deren Hintergrunde.ein runder Altar steht, Auf einer um denselben angebrachten Platte.sind die Attribute des Ackerbaues, ver- "bunden mit den Attributen der ländlichen Musen, .der Hirten- Flöte und. der Leyer, vorgestellt. Tiefer in den Wald hinein, vor einem runden, mit hohen Stämmen einge- falsten Rasenplatze , liegt eine Waldkütte, die aus zwey Zimmern besteht; das eine vor dere im Eingange ist mit Steinen gepflastert, und.bat nur mit Matten belegte Bänke und mit. Baumrinde “bekleidete Wände, Eine Tanne, die durch das Strohdach emporsteigt und ihre Zweige über dasselbe »."wie 'einen Mantel, ausbreitet, steht mitten im Zimmer, und um diese ein roher hölzerner Tisch. Das zweyte Zimmer, das sich durch eine verbor- gene Feder öffnet, ist tapezirt und hat be- queme Ruhesitze Hier werden ein paar [365] 565 |

Bücher aufbewahrt, in’ denen Reisende, die diesen Park besuchen, ihre Namen und Be- merkungen, die zum Theil die Gefühle beym Anblick dieser Gegenden, zum Theil auch. nur die Tendenz der ganz eigenen Ansicht der Beschauer bezeichnen , geschrieben haben, 14 Ein Fuhrmann aus Königsberg hat eine sehr naive Bemerkung, deren es hier in allen Sprachen giebt, niedergeschrieben. Sielautet: { „Ich fahr in einem. fort,

" Und komme selten an diesen Ort;

Doch wenn ich hier verweile, So hab ich wenig Eile.“

Die letzte Versicherung gilt als Beweis, dafs, trotz dem immerwährenden Fahren, die Seele des Fulırmauns dennoch nicht alle Fracht an lebendigem Gefühl für die Schön- heiten der Natur abgesetzt hatte. Vor dem Eingange der Strohhütte stehen eng beysam- men vier Tannen, wie Schweizer vor die- sem Throne der Einsamkeit und Ruhe, Ich führe den Leser wieder zurück zu der Allee, die wir verliefsen, um den schönen Pfad an den Ufern des Baches nicht zu verlieren, und zu einer grolsen weiten Wiese, die an

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mer. den Wald grenzt, Hier haben wir.eine Aus- sicht auf den Krug und auf die vorbeyge- hende Landstraßse, die fast keinen Angen- blick, besonders zur Johanniszeit, von Equi- pagen leer wird, und wo man die Tüne des _ Posthorns schon aus der Ferne mit einem Echo hört, das sich drey bis viermal wieder- holt. Vor einigen Jahren sah ich an einem hellen Früblingsmorgen ein sehr schünes Kürassierregiment mit voller Musik bier vor+ beyziehen. Es machte eine prächtige Wir- kung. Unter den häufigen Schlägen der Nach- tigallen am Bach hallte Jas Echo de kriege- zischen Tüne,. und die weilsen Uniformen der Reuter schimmerten aus dem Grün der Bäume, wie Lichtgestalten, hervor. Es war als feyerte die schöne Natur des Vaterlandes “ ein Fest zur Ehre der Krieger, die die hei- mischen Fluren zu beschützen eilten.

Zu dem ländlichen, aber bequemen Wohnhause führt der Weg neben dem Bache hin, Dieses Wohnhaus liegt ungefähr 150 Schritte von der Landstralse, mit der es eine breite, über einen grünen Rasenteppich ge- hende Allee, verbindet. An der Stralse selbst [367] nr

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sind allenthalben Bänke angebracht: Oft salı ich hier ermüdete Fulsgänger ruhen und echlummern, die den edlen Mann gesegnet haben mögen, der ihnen diesen Ruheplatz verschafte, und der-nun, ermüdet von der


Pilgerreise des Lebens, selbst i im Schools a, Erde ruht, Der Umfang des ganzen Parks kann wohl eine halbe deutsche Meile betragen , und das Ganze gewinnt dadurch vorzüglich, dafs hier ‚ die Natur allenthalben so schön und nicht durch gehäufte Künsteleyen entstellt ist. Ge- wils- wird der jetzige Besitzer dieser schönen Gegenden es sich zur Pilicht machen, die Anla,en sorgfältig zu erhalten, In ihnen lebt der Geist seines Vaters und das Ganze ist ein Monument «ler Denkungsweise des Entschla- fenen, welches Rindssliebe und Kindesdank sicher nicht verfallen lassen wird. Bis spät in der Nacht verweilte ich. im Park, der, ‘wenn man ihn in der Beleuchtung des Mon- denlichtes durchwandelt, noch feyerlicher und erhabener auf das Gefühl wirkt. Der sanfte Silberschein schimmert auf dem stil- len Bache, indels ein tiefes Dunkel den [368] schweigenden Wald umzieht, und nur ein- zelne Bäume, WeRiesengestalten, das Haupt,

von der Glorie. des Mondes umstrahlt, er- heben