Malerische Wanderungen durch Kurland/Der Park zu Mescheneeken

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Groß-Blieden, dasige Kirche, das Grabgewölbe und die Grabstatte; Fahrt nach Mescheneeken Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Groß-Bersen, nebst dem dazu gehörigen Park
{{{ANMERKUNG}}}
[358]
Der Park zu Mescheneeken.

Der Eingang zum Park, zu dem das in diesem stehende Landhaus und der Krug mit gehören, ist an der Heerstraße, mitten in einem tiefen Fichten- und Tannenwalde, neben einer kleinen Wiese. Ein gerader, acht Fuß breiter Gang, führt auf eine, in Form eines Tempels errichtete Tafel, die folgende Inschrift trägt:

Viel Wege hat Natur, den Menschen zu erfreun;
Doch auch auf kleinen stillen Pfaden
Will sie dem Guten Freuden streun.
Sieh’, Wandrer! diese Zweige laden,
Dich zu erquicken, zu erfreun,
In ihre stillen Schatten ein.

[359] Gleich hinter dieser Tafel führt der Pfad zu einem hohen Ufer, das einen tiefen und breiten Bach einschließt. Diesem Ufer entlängs geht ein geebneter Weg in die Spaziergänge des Parks, dessen Charakter, in allen seinen Theilen, erhabene, stille, feyerliche Natur ist.

Es war ein sonnenheller Nachmittag; ein starker Wind, der auf der Fläche wehte, konnte jedoch diese von hohen Tannen und Fichten umschatteten Pfade nicht erreichen, und gewährte ihnen nur angenehme Kühlung, während dem er in den hohen Wipfeln brauste, als wollte er, im Einklang mit dem Rauschen des Bachs und den auf den Zweigen des Waldes ruhenden befiederten Sängern, eine Hymne an die Natur ertönen lassen. Einzelne Wolken zogen am Himmel hin; die Sonne hatte diese Feyerkleider des Himmels mit ihren Strahlen geschmückt — in wechselnden Gestalten, denen die Phantasie Deutung gab, flohen sie vorüber. Ich wählte einen Ruhesitz an einer hochstämmigen Birke, deren Rinde die Einschnitte mir geliebter theurer Namen trug, und dachte [360] hier der Vergangenheit, welche mir in diesen feyerlichen, stillen Schatten einst die schönsten Stunden meines Lebens gewährt hatte. Aber jezt rauschten mir Wald und Strom Grabgesänge; wie die Wolken über mir dahin zogen, so war der sanfte stille Geist, dessen Daseyn, wie dieser Hain, ein Schmuck der Natur war, und der, ein Schöpfer aller dieser lieblichen Anlagen, seinen innern, für das Gute, Schöne und Erhabene, glühenden Sinn in ihnen ausgesprochen hatte, vorübergegangen. Seinen Namen trug der verwachsende Einschnitt der Rinde; — in deutlichem Zügen trug ihn mein Herz. Er ist vorübergegangen, der mir so theure, edle Mann![1] der Nachhall seines Geistes weilt in diesen Schatten, wenn gleich jener selbst nun schon dem Schattenlande entfloh.

[361] In ernster, wehmuthsvoller Stimmung ging ich weiter, wo des Baches Ufer flacher wird und mit schönem Laubholz bewachsen ist, aus dem lichten Gebüsch am Bache herauf in die tiefsten Dunkel des Fichtenwaldes. Über einen, ganz in Form eines Grabhügels gestalteten, hochbemoosten Stein führt ein gerader Gang zu einer hohen Tanne mit tief herunter hängenden Asten, unter deren natürlichem Dache ein Altar von Stein errichtet ist. Ein einfaches Kreuz, dem ein eben so einfaches, mit Epheu umwundenes Postament zur Unterlage dient, steht auf demselben, und an dem Postamente liest man die prunklose schöne Inschrift:

Erhebe dich Seele!
Hier im schauerlichen Hain
Denk’ den erhabenen Gedanken –
     Unsterblichkeit. –

Einen Altar der Unsterblichkeit kann und darf kein Schmuck, keine gewählte Kunst zieren. Hat sie einen Tempel sich errichtet, so ist es nur die blühende Erde, mit der hohen Sternendecke voll Welten über ihr. Hier dieser einfache Altar, in stilles Dunkel gehüllt, [362] entspricht jener heiligen Ahndung, die die Natur ja auch immer nur tief verschleyert vor unsre Blicke führte. Vom Bache aus, als dem Bilde des noch im frischen Daseyn wogenden Lebens, geht, über einen Grabhügel, durch dunkle Pfade der Weg zum Altar der Unsterblichkeit. So weit wäre selbst als Allegorie diese Anlage vortreflich ausgeführt; nur müßte vom Altar aus eine sich im Fortschritte immer weiter, wie ein Lichtpunkt, ausbreitende Aussicht darstellen, deren Hintergrund allenfalls auch eine Allegorie umfassen könnte, Denn Psyche, die zu dem von der Natur errichteten Altar der Unsterblichkeit über den Grabhügel wandelt, wo ihr zurückgelassener Gefährte in Staub sank, und sie selbst, dem dunkeln Todesgange entflohen, opfernd an dem Altar der Unsterblichkeit niedersinkt und um Erhaltung fleht, muß hier einen Lichtpunkt haben, dem sie entgegen wandeln kann, und in dem ihr Erhörung entgegen schimmert; oder sie muß traurend umkehren zu dem verlassenen Gefährten und mit ihm sinken in ein ewig schweigendes Grab, — was aber hier [363] schwerlich in der Idee des edlen Schöpfers dieser Anlagen liegen konnte. Ob der jetzige Besitzer nicht die so schön begonnene Allegorie, entweder auf diese Weise oder vielleicht noch viel sinnreicher, ausführen sollte ?

Das Ufer des Baches wird bald wieder höher und gewährt die schönste Ansicht, besonders an einer Stelle, wo man den Lauf des letztern auf eine ziemliche Strecke übersehen kann. Er zieht sich hier zwischen schroffen, steilen, vom Eisgange im Frühlinge zerrissenen, zum Theil nackten, zum Theil mit schönem Laub bewachsenen Ufern hin; so still und feyerlich, als fühlte er seine Bestimmung, das schöne Gemälde der Natur zu vollenden. Durch die hohen Ufer beschützt, kräuselt kein Lüftchen den glatten Spiegel der Tiefe, und rein und hell strahlt sie, von Sonnenstrahlen vergoldet, das Bild der überhängenden Zweige der Hängebirken zurück, deren eine, vom Strome im Frühling aus ihrer Wurzel gerückt, beynah horizontal über der Wasserfliuth schwebt, und ihre herabfallenden Blätter, wie Locken, in [364] dem vorübergleitenden Strom badet. Durch eine Kluft geht man auf Steintreppen weiter, während die Ansicht des Stromes jeden Augenblick wechselt, und gelangt zu einem halbrunden‚ von Haselsträuchen eingefaßten Platze, der sich in einer breiten Allee verliert, in deren Hintergrunde ein runder Altar steht, Auf einer um denselben angebrachten Platte sind die Attribute des Ackerbaues, verbunden mit den Attributen der ländlichen Musen, der Hirten- Flöte und der Leyer, vorgestellt. Tiefer in den Wald hinein, vor einem runden, mit hohen Stämmen eingefaßten Rasenplatze, liegt eine Waldhütte, die aus zwey Zimmern besteht; das eine vordere im Eingange ist mit Steinen gepflastert, und hat nur mit Matten belegte Bänke und mit Baumrinde bekleidete Wände. Eine Tanne, die durch das Strohdach emporsteigt und ihre Zweige über dasselbe wie einen Mantel, ausbreitet, steht mitten im Zimmer, und um diese ein roher hölzerner Tisch. Das zweyte Zimmer, das sich durch eine verborgene Feder öffnet, ist tapezirt und hat bequeme Ruhesitze. Hier werden ein paar [365] Bücher aufbewahrt, in denen Reisende, die diesen Park besuchen, ihre Namen und Bemerkungen, die zum Theil die Gefühle beym Anblick dieser Gegenden, zum Theil auch nur die Tendenz der ganz eigenen Ansicht der Beschauer bezeichnen, geschrieben haben.

Ein Fuhrmann aus Königsberg hat eine sehr naive Bemerkung, deren es hier in allen Sprachen giebt, niedergeschrieben. Sie lautet:

„Ich fahr in einem. fort,
Und komme selten an diesen Ort;
Doch wenn ich hier verweile,
So hab ich wenig Eile.“

Die letzte Versicherung gilt als Beweis, daß, trotz dem immerwährenden Fahren, die Seele des Fuhrmanns dennoch nicht alle Fracht an lebendigem Gefühl für die Schönheiten der Natur abgesetzt hatte. Vor dem Eingange der Strohhütte stehen eng beysammen vier Tannen, wie Schweizer vor diesem Throne der Einsamkeit und Ruhe. Ich führe den Leser wieder zurück zu der Allee, die wir verließen, um den schönen Pfad an den Ufern des Baches nicht zu verlieren, und zu einer großen weiten Wiese, die an [366] den Wald grenzt, Hier haben wir eine Aussicht auf den Krug und auf die vorbeygehende Landstraßse, die fast keinen Augenblick, besonders zur Johanniszeit, von Equipagen leer wird, und wo man die Töne des Posthorns schon aus der Ferne mit einem Echo hört, das sich drey bis viermal wiederholt. Vor einigen Jahren sah ich an einem hellen Frühlingsmorgen ein sehr schünes Kürassierregiment mit voller Musik hier vorbeyziehen. Es machte eine prächtige Wirkung. Unter den häufigen Schlägen der Nachtigallen am Bach hallte das Echo de kriegerischen Töne, und die weißen Uniformen der Reiter schimmerten aus dem Grün der Bäume, wie Lichtgestalten, hervor. Es war als feyerte die schöne Natur des Vaterlandes ein Fest zur Ehre der Krieger, die die heimischen Fluren zu beschützen eilten.

Zu dem ländlichen, aber bequemen Wohnhause führt der Weg neben dem Bache hin. Dieses Wohnhaus liegt ungefähr 150 Schritte von der Landstraße, mit der es eine breite, über einen grünen Rasenteppich gehende Allee, verbindet. An der Straße selbst [367] sind allenthalben Bänke angebracht. Oft sah ich hier ermüdete Fulsgänger ruhen und schlummern, die den edlen Mann gesegnet haben mögen, der ihnen diesen Ruheplatz verschafte, und der nun, ermüdet von der Pilgerreise des Lebens, selbst im Schooß der Erde ruht.

Der Umfang des ganzen Parks kann wohl eine halbe deutsche Meile betragen, und das Ganze gewinnt dadurch vorzüglich, daß hier die Natur allenthalben so schön und nicht durch gehäufte Künsteleyen entstellt ist. Gewiß wird der jetzige Besitzer dieser schönen Gegenden es sich zur Pflicht machen, die Anlagen sorgfältig zu erhalten. In ihnen lebt der Geist seines Vaters und das Ganze ist ein Monument der Denkungsweise des Entschlafenen, welches Kindesliebe und Kindesdank sicher nicht verfallen lassen wird. Bis spät in der Nacht verweilte ich im Park, der, wenn man ihn in der Beleuchtung des Mondenlichtes durchwandelt, noch feyerlicher und erhabener auf das Gefühl wirkt. Der sanfte Silberschein schimmert auf dem stillen Bache, indeß ein tiefes Dunkel den [368] schweigenden Wald umzieht, und nur einzelne Bäume, wie Riesengestalten, das Haupt, von der Glorie des Mondes umstrahlt, erheben.



  1. Ernst Johann von Medem, Erbbesitzer auf Rumbenhoff und Mescheneeken, legte diesen Park und das Wohngebäude, in dem er eine geraume Zeit lebte, vor ungefähr 20 Jahren an. Dieser allgemein geschätzte Redliche starb, von seiner Familie und seinen Freunden innigst betrauert, im Jahr 1804