Malerische Wanderungen durch Kurland/Groß-Blieden, dasige Kirche, das Grabgewölbe und die Grabstatte; Fahrt nach Mescheneeken

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Katzdangen, Gebäude daselbst; Neuhausen, Flecken und Schloß; Schrunden, dessen Lage und Umgebungen; Fahrt nach Frauenburg; der Garten zu Berghoff Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Der Park zu Mescheneeken
{{{ANMERKUNG}}}
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Groß-Blieden, dasige Kirche, das Grabgewölbe und die Grabstatte; Fahrt nach Mescheneeken.

In Groks- Blieden ist eine Tuchfabrik — s0 viel ich weils, die einzige in Kurland — [351] 351

wolsehr gutes und wohlfeiles Tuch verfertigt wird, Die Wolle, welehe man daselbst ver- arbeitet, wird auf dem beträchtlichen Blie- denschen Gütern, grölstentheils von eigenen Schafen, gewonnen. Im Vorbeyfahren sahen yir diese Thiere in einer Anzahl von gewils mehr als 1000 an den Abhängen weiden, wo. sie, wie Schneeflocken; auf den grünen Hü- geln lagen *, Die Kirche zu Grols- Blieden ist klein, aber gefällig, und die weite Aus- sicht von dem Thurme, der sich mitten aus dem Dache der Kirche erhebt, entschädigt die Mühe, ihn bestiegen zu haben, Einen in den mehresten hiesigen Kirchen ehemals, häufiger als jezt gewöhnlichen Gebrauch, fand ich auch hier wieder, den nämlich, zum Andenken verstorbener Kinder an den, Kirchwänden Kronen und Blumensträulser aufzuhängen, die gröfstentheils ein Täfel- chen, das den Namen des Verstorbenen nen- net; zur Seite haben. Mich bat diese Sitte, in der ein so zartes Gefühl liegt; von jeher


  • ) Nach Angabe der Beschreibung der Provinz

Kurland, Seite 328 hat die Kliedensche Schäferey 1200 Schafe. [352] 55° innigst gerührt und an die schon bey den Römern gebräuchlichen Votivtafeln erinnert: Auch der Ärmste kann so seinem entschlum- merten th&urenKinde einAndenken in einem einfachen Blüthenstrauls weihen, und die Andacht einer Mutter, deren Blick auf den ‚welken Kranz fällt, welcher das Symbol ihres entschlafenen Lieblings und ihrer im Staube verwesenden»Freude ist, wird gewiß.inni- ger seyn; als sie nur je Wort und’ Gesang ver wecken kann, Ein solches Herbarium aus dem grolsen weiten Garten des Todes ivird für die heiligsten Gefühle gesammelt, und diese Kronen, auf denen ehemals Mutter- thränen,. statt glänzender Diamanten schim- merten, haben ja’auch das mit vielen gol- denen gemein, dafs der; der sie bis hieher an sein Grab trug, in einem geprelsten Her- zen die Last ihrer Deutung empfand. In dem Grabgewölbe, neben der Kirche, mitten auf dem von hohen Linden beschatteten Kirchhofe, ruhen in einem grolsen bleyer- nen Särge lie Gebeine eines für die vaterläin- dische Geschichte merkwürdigen Mannes, des Reichsgrafen Hermann Karl von [353] 333 Keyserling: Russisch Kaiserl, Geheimen- raths, Ritters der Russischen und Polnischen Orden, und Erbbesitzers mehrerer in Kur- land und Preulsen belegenen Güter, der, nachdem er dem russischen Hofe unter der Regierung dreyer Beherrscher 55 Jahre lang mit eben so vieler Treue als Geschicklichkeit gedient, mehreremal die wichtigsten Ambas- saden bekleidet und selbst zur Wahl des letz- ten polnischen Königs Stanislaus Augustus, als russischer Botschafter, mächtig gewirkt hatte, 1764 zu Warschau starb *)., Auf dem Sarge liegt sein balsamirtes Herz in einer sil- bernen Kapsel; jenes Herz des grofsen Staats- mannes, an welches mächtige Monarchen das Wohl ihrer Staaten legten, lag hier, trotz aller Versuche der Kunst, schon halb in Staub zerfallen vor mir, Seine Gefühle be stimmten das Wohl von Millionen, als es noch die Hülle der Brust, enger als hier die silberne, umschlofs ; es klopfte einst, 'von


= *) Nachrichten von seinen Lebensumständen geben Gadebusch in der livländischen Biblio-

thek, und Schwarz in der Bibliothek kurlindi- scher Staatsschriften, —

Mal, Wand, zZ [354] 354 Freude 'und Kummer und von allen mensch- lichen Trieben bewegt; — in der grolsen Minnte des Todes hat es auf immer ausge- bebt — in ihr sank der Glane, mit dem Für+ stehgunst.die Brust des Staatsmannes schmück- te, und der Tod weihete selbst die este des Lebens sich zu einem so treuen Eigenthum, dals auch die Kunst ihm diese nicht für we- nigeJahrzehende ganz entreilsen konnte, Mit einem Gefühle inniger Wehmuth verliels ich dieses Grabgewölbe und wandelte zwischen den Kreuzen, die hier an den vielen Rasen- hügeln, wie Einschnitte in Bäumen, als Merkzeichen der Vorübergegangenen standen; Unter dem Schatten der hohen Bäume, wo der vormalige biesige Prediger Bursi einige seiner Kinder begraben lassen, deren grü- nende Hugel, wie friedliche Rubesitze, da liegen, steht auch das Grabmal einer alten 70 jährigen Bäuerin, die mit der grülsten Sorgfalt, als Wärterin, sowohl die noch lebenden als die bier rubenden Kinder des Predigers Bursi gepflegt und sie herzlich ge- liebt hat. Hier schläft sie nun bey ihren ge- liebten Pileglingen, und das Kreuz auf ihrem [355] 33 Grabe trügt die kurze schöne Inschrift in let- tischer Sprache: „Alle Kinder, die du dem Herrn er- RT werden im Himmel dich ehren und erfreuen.*

Jeder Leser wird es mit mir aaa dals hier der laute Dank am Grabe der edlen Binerin eben so das Verdienst dieser als das schöne Gefühl dessen bezeichnet, der ihr das Denkmal weihte. Jenes grofse redliche Herz in der silbernen Hülle ruht dort nicht sanfter als hier unter dem stillen.Rasen das ‚schöne Herz der Bauerfrau, die ja auch das höchste gerhan, was nur ein Mensch zu ıhun ver- mag — die ihre Pilicht erfüllte,

Bey dem Spaziergange auf diesem Kirch- hofe fand mein Freund, Dr, Trinius, der mich nach Mitau begleitete, mehrere Schä« del, die er nach den Regeln der Gallschen Lehre beobachtete. Vorzüglich sah er an einem Schädel, der im hohen Grase, als ob er schliefe, auf der Schläfe lag, ein auffal- lend starkes Organ des Höhesinnes, Welche Träume mögen einst auf den Organen des Gehirns dieses Schädels geflattert haben, deren

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leichte Sehiyingen endlich an denSpitzen des Todtenkreuzes zerbrachen! wie ängstlich mag der ätherische Bewohner dieses engen Kinochenhauses über seinen Stand und dessen Fessel hinausgestrebt haben! und so mag wohl'sein letzter Schlaf im Grabe sein erster rnliger gewesen seyn! Eine Laune des Zufalls hat dem sprechenden Organe die- ses Schädels noch im Grabe gehuldigt, in- dem sie ihn aus der Tiefe hervor in dieHöhe auf die Grabhügel seiner Brüder hinwarf. — Osschade, schade, dafs auch im Menschen leben selbst der Höhesinn sich selten anders und höher als auf die Gräber seiner Brüder schwingt! Dieser Schädel, als ihn noch das frische Leben mit derGitterwand von Fleisch und Bein verband, hätte, in anderen Ver hältnissen geboren , "wielleicht als Held auf Gräbern gewandelt, wie er jezt auf Gräbern ruht, Ein zweyter, durch.das Organ der Kindesliebe ausgezeichneter Schädel lag bey kleinen Knochen, als hätte es ihm das Schick- sal gewährt, die Reste der Lieblinge um sich zu versammeln, deren Verlust im Leben ilın vielleicht frühe sum Grabe führte. Ich kenne [357] 37 _

die Wissenschaften lange nicht alle, die über den Werth der Wahrheit der Gallschen Schä- dellehre entscheiden müssen; aber eine schö- ne poetische Lehre ist es, welche die Hiero- glyphen der Natur lesen lehrt, die diese mit künstlerischer Hand in die feinsten Knochen- gewebe schrieb, und wo jeder nackte Schä- del, wie ein abgerissenes Blatt aus dem grofsen Buche der Wesen, in deutlichen Zü- gen die Geschichte seines Daseyns erzählt.

Was er gofühlt, was er gelitzen,

Der Mensch, im Mampf der Leidenschaft, Die mühsam nur die Pflicht bestritten,

Bey eiguer Neigung, starker Kraft,

Das grub Natur, ein Denkmal zu erhalten, In seines Schädels wechselnden Gestalten,

Frey lülst sieihre Schöpfung sehen.

Und schlägt der Triebe Lebenslauf,

Die schon an unsrer Wiege stehen,

Vor dem erstaunten Blicke auf.

Von Blüthen sus dem zarten Keim gebrochen

Hat sie die künftge Frucht hier schon versprochen,

Das Willens Freyheit kimpft mit wilden Trieben In desto reinerem Gewinn; Der Sieg läfsı selbst die schweren Pflichten lieben, Und die Vernunft erfafst der Neigung Sinn. Die Laster fliehn, in solchem Kampf verloren, Dem Menschen bleibt nur Tugend angeboren!

l [358] Über Bäehhoff, wo sich eine Poststa- tion befindet, ging es nun durch mänche recht interessante Gegenden, der Birten- schen Mühle und Annenhoff vorbey, nach dem Mescheneekschen Kruge, Es war erst vier Uhr Nachmittags, da ich anlangte, und ich beschlols bald, um bey dem heitern Wetter des herrlichen Parks mit Muse ge- nielsen zu können, die Nacht hier zu bleiben.