Mimer und seine jungen Freunde

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Autor: Johann Benjamin Erhard
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Titel: Mimer und seine jungen Freunde
Untertitel:
aus: Thalia – Dritter Band, Heft 12 (1791), S. 98–143
Herausgeber: Friedrich Schiller
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld = Commons
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[98]
IV.
Mimer und seine jungen Freunde.




Eingang.

Man klagt gewöhnlich, daß die neuern Schriftsteller so sehr im Dialog hinter den Alten zurück blieben. Ich glaube, daß man hier nicht allein öfters ungerecht ist, sondern daß die meisten Bewunderer der Alten nach den verkehrten Begriffen, die sie von einem philosophischen Gespräch haben, sie selbst tadeln würden, wenn sie nicht die Alten, wie sich Heimdal ausdrückte, deswegen zu erheben für nothwendig fänden, damit sie an ihnen eine Last hätten, die Neuern damit niederzudrücken. Ich würde mich hier gerne etwas weiter über diese Materie verbreiten, wenn ich nicht eine Unterredung Mimers mit Heimdal in Händen hätte, die ich nächstens mittheilen werde, worin die Sache besser ausgeführt ist, als ich es zu thun im Stande wäre, und ob ich sie gleich ausziehen, und für meine eigne Waare dem Publikum hier liefern könnte, so will ich doch lieber allein mit dem Dank für die Mittheilung bey gutem Gewissen zufrieden seyn, als durch Bevortheilung eines andern gelobet werden. Ich liefere hier nur so viel daraus, als zur Apologie dieser Einleitung nöthig [99] ist, „alle Gespräche, die wir von klassischen Schriftstellern des Alterthums übrig haben, werden von Personen gehalten, deren Charakter damals allgemein bekannt war, und es zum Theil auch noch jezt ist. Der Leser kann also nicht verlangen, alle Zweifel über eine Sache, und alle Beweise dafür, in denselben anzutreffen. Er kann nur diese erwarten, die dem Charakter oder dem philosophischen System der sich unterredenden Personen angemessen sind. Wer sich in diesen getroffen findet, der wird durch das Gespräch überzeugt werden, und wer sich nicht darinnen findet, dem bleibt die Freiheit, die Sache auch für sich zu untersuchen, ohne daß er deswegen den Schriftsteller tadeln darf, weil er einen Protagoras oder Zeno beschämt seyn läßt, da diese Personen, wenn man auch gleich sehr viel von ihnen erwarten dürfte, doch nur einzelne Menschen sind, die für sich sprechen, und nicht, wie die meisten Personen neuerer Dialogen, als Repräsentanten der ganzen Menschheit auftreten.“ Diesen Vortheil würde ich nun auch haben, wenn ich den folgenden Gesprächen ihre wahren Rahmen vorsetzen könnte, da dieses aber in verschiedener Rücksicht nicht wohl angehet, so muß ich es durch eine kurze Schilderung der vornehmsten Personen zu ersetzen suchen. Ich will mit Heimdal anfangen, so weit ich ihn allein schildern kann, ohne Baldern zu Hülfe zu nehmen, dessen Charakter dem Charakter Heimdals um vieles hervorstechender macht.

[100] Heimdal ist keine von den Personen, die bey der ersten Bekanntschaft schon alle die Erwartungen erregen, die sie nur immer zu erfüllen im Stande sind. Sein Aeusseres hat zwar nichts zurückstossendes oder auffallend häßliches, aber es zeigt die Unbekanntschaft mit dem, was man Welt nennt, in der er aufgewachsen war; und wenn er es jezt gleich besser versteht, so ist es ihm doch noch nicht wohl möglich, durchgängig dieser Kenntniß gemäß zu handeln, und er vergißt sich um so mehr, sobald er mit jemand spricht, von dem er eine sehr hohe Meinung hat. Er spricht über alles um so entscheidender, je mehr Kenntniß er der Person zutraut, mit der er spricht, weil er glaubt, daß diese ihn um so besser belehren könne, je deutlicher er ihr zeigt, was er von der Sache schon weiß oder glaubt; und weil er sich nicht im geringsten schämt, eines Bessern auch öffentlich belehrt zu werden, welches bey vielen andern die Quelle ihres gepriesenen, bescheidenen Ausdrucks ist. Daher kommt es aber, daß er oft für einbildlich gehalten wird, weil er es gerade nicht ist. Sein Temperament ist Melancholisch, aber sein Charakter ist es jezt nicht mehr, sondern die Art von Melancholie, die jezt ihm noch übrig ist, verbreitet, wie er selbst sagt, über seine Freuden einen sanften Schatten, der sie nur noch mehr erhebt, weil er verursacht, daß ihn ihre Strahlen nicht blenden. Die Aengstlichkeit über die Folgen jeder Handlung, die diesem Temperament eigen ist, machte ihm die Philosophie mehr zur [101] Angelegenheit seines Herzens als seiner Neugierde, und er ist auch vielleicht noch jezt nicht tolerant genug gegen diejenigen, welche die Philosophie nur deswegen treiben, um sich in ihrem Wissen eine Stufe über die andern zu erheben. Seine Geisteskräfte sind in einer glücklichen Mischung, und außer Urtheilskraft und Gedächtsniß hat er kein hervorstechendes Talent von der Natur erhalten. Er war bisweilen mißmüthig darüber, aber Mimer suchte ihm dadurch zu trösten, daß diese Talente bey einer kultivirten Nation eben die Dienste thäten, wie Sparsamkeit und Geld, wofür man alles andere einhandeln kann; und wenn man zwar weder durch Geld und Sparsamkeit, Gesundheit und Schönheit, noch durch Urtheilskraft und Gedächtniß, Genie und Anmuth erlangen kann, so dient doch beydes dazu, das wenige, was man davon hat, gehörig zu pflegen und es geltend zu machen. Dieses stärkte seinen Muth in so weit, daß er entschlossen war, wenn er auch in vielen zurück bleiben müßte, doch zu suchen, so weit zu gelangen als ihm möglich wäre. So sehr er von eitler Einbildung entfernt ist, so sehr fühlt er aber auch seinen Werth, ja er leugnet es nicht einmal, daß er stolz ist. Denn Stolz hält er für diejenige unter allen Leidenschaften, die so weit veredelt werden kann, daß sie den Aussprüchen der Vernunft nicht allein nicht entgegen ist, sondern ihr auch noch hilft, die andern zu beherrschen. Die andern Leidenschaften, pflegt er zu sagen, sind die Pferde an dem Wagen, der [102] uns durch das Leben führt, und der veredelte Stolz ist der Zaum, mit dem die Vernunft sie lenken kann. Nach seiner Art sich auszudrücken, wird man zwar versucht, ihm etwas Dichter-Genius zuzutrauen; er hatte ihn aber gar nicht, sondern das Bilderreiche in seiner Sprache entstand aus dem Zug seines Charakters, keine todte Erkenntniß zu haben und auf andere zu ihrem Besten zu wirken. Er giebt sich daher Mühe, für jede Wahrheit einen Ausdruck zu suchen, den das Gedächtniß leicht behält und der dem andern auffällt, er würde aber damit nicht glücklich seyn, wenn er ihn aus sich selbst schöpfen müßte, sondern seine Urtheilskraft hilft ihm nur aus dem gehörten oder gelesenen einen schicklichen aussuchen. Man wird schon aus diesem, was ich von seinem Temperament gesagt habe, erwarten, daß er fast alles von der ernsten und öfters auch von der schlimmern Seite ansieht, und daß sein Spott eher Bitterkeit als Lachlust zur Quelle hat. Sein Charakter in Liebe und Freundschaft, wird durch den Gegensatz mit Balders Charakter, zu dem wir nun übergehen, deutlicher werden, als er allein dargestellt werden könnte. Balder ist Heimdals vertrauter Freund, und er hat nichts in seiner Seele, daß er Heimdal verschwiege, und nichts in seinem Vermögen, daß er ihm nicht aufopfern würde, sobald es nöthig wäre; nur seine Liebe ist hievon ausgenommen. Der Vortheil ist aber dennoch nicht gleich, den sie wechselseitig aus dieser Freundschaft ziehn. Sieht man auf den Nutzen, so [103] ist er auf Balders Seite, sieht man aber auf die Hingebung, so ist er auf Heimdals Seite. Heimdal hätte zwar mehr gethan, als Balder vielleicht im Stande gewesen wäre, sobald es Aufopferung gegolten hätte, denn auch Liebe hielt ihn nicht zurück, wenn er für seinen Freund wagen mußte, weil er immer das Schöne und Gute an sich im Ideale mehr als irgend eine Person liebt, aber er hätte es gethan, weil er sich einmal dazu entschlossen hatte, und würde es für jeden andern gethan haben, den er dessen so werth als Baldern gefunden hätte. Balder hingegen hätte es thun müssen, weil er es nur im Rausch der Liebe ertragen konnte, ohne Heimdal zu leben. Aber dennoch war es Heimdal, der Baldern seine Freundschaft antrug, weil er einen Freund haben wollte und ihn am tüchtigsten dazu fand. Daß er bei ihm auch dennoch beharrte, wie er vortrefflichere und ihm nützlichere Menschen kennen lernte, that er aus Vorsatz; weil er es für Pflicht hielt, sich dem nicht zu entziehn, in dessen Umgang er seine heilsamsten Begriffe entwickelt und seinen Charakter gebildet hatte. Balder war im Anfang gegen Heimdal mißtrauisch, er liebte ihn, aber er fürchtete seine Härte und seinen bittern Spott, der damals noch ungezämt über alles herfiel, was sich nur dadurch rechtfertigen konnte, daß es empfunden wurde, und auf welches Balders strengste Beweise damals fast immer hinaus liefen. Aber eben dieses kettete ihn um so mehr an Heimdal, da sich dieser ihm näher aufschloß, und ihm zeigte, daß [104] auch er Enthusiasmus und Gefühl besitze, aber entschlossen wäre, jenen nur dann ausbrechen zu lassen, wenn ihm Vernunft sein Ziel gesteckt, und diesem nur dann zu trauen, wenn es mit dem Ausspruch der Vernunft einstimmig wäre. Baldern war dieß genug, weil er doch nun gewiß war, daß Heimdal ihn verstünde, weil er sich ihm mittheilen konnte, so wie er war, dieser Aufrichtigkeit wegen sich von ihm geliebt glaubte, und zugleich einen Engel an ihm gefunden hatte, der über ihn wachte. Er liebte Heimdal, wie ein Heiliger seinen Gott, und hätte auch so für ihn sterben können. Aber eben dieses Himmlische seiner Freundschaft ließ in seinem Herzen noch für etwas Irdisches Raum, und diesen füllte die Liebe aus. Diese Leidenschaft war für ihn um so verführender, weil er allenthalben dazu eingeladen wurde. Sein Aeusseres hatte so viel Einnehmendes, und sein Betragen so viel Liebevolles, daß man wünschte, ihn für ein Ideal sittlicher Grazie halten zu dürfen, und daß man sich fast verbot, Fehler an ihm zu bemerken, damit man in dieser wohlthätigen Illusion nicht gestört wurde. Sein Verstand war helle, und wo man seine Einsicht nicht loben konnte, da gefiel doch seine Bescheidenheit. Wenn man hiezu noch eine mehr blühende als starke Phantasie und ein Herz rechnet, das an allem Antheil nimmt, was irgend jemand begegnet, so wird es zu begreifen seyn, daß er mehr geliebt wurde als Heimdal, der immer über die Sache die Person vergißt. Noch jezt hat er von seiner [105] Liebenswürdigkeit nichts verlohren, nur daß er nicht mehr so weich ist. Liebe war aber auch öfters beynahe Ursache an der Trennung ihrer Freundschaft, denn da er meistens liebte, ohne daß die Person den Werth hatte, den Heimdal von ihr foderte, da er seine Liebe blos deswegen schenkte, weil er sich geliebt glaubte, und dieser also seine Liebe mißbilligte, so sahe Balder nun in seinem Freund einen Tyrannen, gegen den er doch auch einmal seine Rechte geltend machen müßte. Heimdal behandelte ihn wie einen Kranken, an dessen Unwillen er sich nicht kehren dürfte, wenn er eine Operation an ihm vornehmen müßte, uns so wurde die Sache immer wieder in das alte Geleiß gebracht. Balders Gefühl für alles Schöne und Gute außer ihm artete oft in Mißtrauen gegen sich selbst aus, und deswegen war ihm auch fast alles wichtig, was Heimdal, Mimer, und andre, die er seiner Achtung würdig fand, über dieß oder jenes sprachen, schrieb es auf, und diesem Fleiße danke ich die folgenden Gespräche. Eben diese Mißtrauen war auch eine Ursache mit, daß er immer gerne etwas gut fand, weil er leicht glaubte, der Fehler läge nur an ihm, daß er das Gute nicht einsehe. Sein Sanguinisches Temperament, und daß er sich beinahe von jedermann geliebt findet, mag aber die Hauptursache seyn, daß er auch jezt noch alles mehr von der schönen Seite ansieht.

Diese beiden jungen Freunde genießen die Freundschaft eines würdigen Greißen, dessen Charakter keiner [106] besonderen Schilderung bedarf, weil er durch Nachdenken und Erfahrung endlich fast so geworden ist, wie man den Weisen fast überall von guten Schriftstellern geschildert findet. Religion, wie mir Balder sagte, ist nur der Hauptzug darinnen, die Wege der Vorsehung zu erforschen sein Hauptgeschäfte, und jede Freude, die ihm noch zu Theil wird, genießt er mit frohem Herzen als eine Gabe Gottes, die er, wie das Geschenk eines Freundes schäzt, das uns nicht deswegen werth ist, weil es uns bereichert, sondern weil es ein Zeichen der Liebe unseres Freundes ist. Dieß wird hinlänglich seyn, den Leser in den gehörigen Standpunkt zu setzen, die folgenden Gespräche mit der gehörigen Erwartung zu lesen. Ich liefere sie nach Chronologischer Ordnung. Heimdals Charakter erscheint in den erstern noch in seiner Wildheit.



[107]
Heimdal, oder unser Zeitalter.
Erstes Gespräch.




Heimdal und Balder.


Balder.

Heimdal, du bist so traurig, hättest du etwa einen Kummer, dessen Ursache du mir verschweigst?

Heimdal.

Kümmerte ich mich denn je über meine Angelegenheiten? Du weißt, ich habe auf Glückseligkeit resignirt, und befinde mich nun ruhig; aber so mit anzusehen, wie sich die Menschen muthwilliger Weise verderben, das kann ich nicht ruhig bleiben.

Balder.

Nun da möchte ich dich erste gesehen haben, wenn du nicht in unserm Zeitalter lebtest, wo Toleranz herrscht, für die Erziehung gesorgt wird –

Heimdal.

Ja, für die Erziehung gesorgt wird – eben dieses war die Erste Quelle meinen Unmuths. In dem lezten Meßkathalog finden sich wohl ein halb Hundert Schriften für Kinder.

Balder.

Ach, das ist ja schön, daß man auch für die lieben Kleinen sorgt, und ihnen behülflich ist, früher sich aufzuklären, [108] ihnen Kenntnisse beybringt, die sie sonst in reifern Jahren sich erst erwerben müßten, und ihnen dadurch, daß man sich zu ihnen herab läßt, ihre Kindheit erträglicher macht.

Heimdal.

O der vortreffliche Gedanke! Ihnen die Kindheit so angenehm zu machen, daß sie gar keine Männer werden mögen – In jenem Zeitalter, über das du das unsrige erhebst, da war man wahrlich gescheiter in diesem Punkt. Man liebte und schätzte die Kinder nur um deswillen, was in ihnen Annäherung zum Mann zeigte, und dieß mußte sie ihrer Kindheit überdrüßig machen, aber jezt sind sie um so angenehmer, je mehr sie Kindsköpfe sind, und wenn sie alle Artigkeit eines Schoßhündchens besitzen, so ist man vollends über sie entzückt.

Balder.

Nun, wir wollen dieß vorbey lassen, aber was können denn die Schriften dafür?

Heimdal.

Eben diese sind die Ursachen davon. Da wird der gute Kleine betoundert, wenn er über seinen Büchern sizt, etwas merkt und es wieder herplappert, wenn er zuhören und lernen sollte, von Leuten, die Erfahrung haben; je unschicklicher und grotesker er sein Gesetzchen anbringt, um so schöner! Denn da nennen sie das Ding naiv, und wissen sich vor Freude nicht zu fassen, [109] daß ihr Kind so kindisch ist. Da der Junge glaubt, alles aus seinen Büchern, oder von seinem Herrn Hofmeister lernen zu können, dessen Weisheit er deswegen schäzt, weil er so viele Kinderschriften ließt, so ist ihm der Umgang mit klügern Leuten nichts nütze, ja er darf es nur merken, daß zum Beyspiel ein seiner Klugheit und Gerechtigkeit wegen geehrter Mann, noch nichts vom 7ten Planeten weiß, den er schon aus seiner Kinderastronomie kennt, so betrachtet er sich gegen diesen Mann als einen Gelehrten, der ihn belehren kann. So wächst er im Eigendünkel auf, wird zur Freundschaft untüchtig, in der Liebe ein Geck, in der Moralität entweder ein raffinirendes Vieh oder ein überspannter Narr, in den Geschäften des Lebens –

Balder.

Nicht weiter; schon genug, mir die frohe Aussicht auf die Bildung der Menschheit in Nebel zu hüllen! Aber was mein Trost ist, der Grund deiner Behauptung trift dich besonders selbst, und wenn sie wie du werden, so mag sich ganz gut unter ihnen leben lassen; hast denn du deine erste Bildung fast ganz aus Büchern?

Heimdal.

Aber nicht aus Kinderschriften –

Balder.

Um so schlimmer könnte man sagen, denn da muß der Eigendünkel um so mehr wachsen, wenn der Titel des Buches, aus dem man lernt, nicht einmal demüthigt, [110] und man also glaubt, man wisse nun schon, was nur Männer wissen.

Heimdal.

Hatte ich etwa nicht genug mit dieser Einbildung zu kämpfen? eben weil ich aus Erfahrung sprechen kann, so bin ich stärker von dem Nachtheil überzeugt, als ein anderer.

Balder.

Nun so erzähle mir diesen Nachtheil, den die Bücher für die Menschen haben sollen, und dann will ich versuchen, ob ich nichts zu ihrer Vertheidigung sagen kann:

Heimdal.

Der läßt sich kurz angeben; der Mensch braucht den Menschen nicht mehr, sonder nur sein Buch, und deswegen verdankt er auch dem Menschen nichts mehr, sondern glaubt, er sey allein durch sich selbst, was er ist.

Balder.

Lieber Freund, ich muß dich selbst hier gegen dich zum Beyspiel anführen. Wie sehr wünschtest du oft den Mann zu kennen, dem du eine reine Wahrheit, oder ein edler Gefühl verdanktest, um ihm zu zeigen, wie sehr du die Wohlthat zu schätzen wissest, die er dir erzeigte.

Heimdal.

Ich kann dieß nicht leugnen, aber bey mir war auch der Fall anders, ich suchte Bücher, weil ich keinen [111] andern Unterricht haben konnte, und doch eines Unterrichts bedurfte; ich mußte mir Mühe geben, sie zu erhalten, und deswegen waren sie mir werth. Sie waren mir nicht vom Papa und Mama zum Geschenk gegeben, denn sonst hätte ich sie auch für nichts weiters gehalten, und blos diesen dafür gedankt, aber so war ich froh, daß sich ein Mann die Mühe gegeben hatte, für mich zu sorgen. Doch auch, da wünscht' ich seine Bekanntschaft deswegen, weil ich damalen glaubte, er könne mir noch mehr geben, als in seinem Buch stünde –

Balder.

Und hast du jezt diesen Glauben verlohren?

Heimdal.

Beynahe. In ihren Büchern treiben sie die Weisheit von hunderten ihren Lesern ins Gehege, und sie selbst stehen mit ihrer Klapper erbärmlich da und haben nichts gefangen. Der Ausnahmen giebt es weniger, und ich habe wirklich bisher nur noch ein Paar Schriftsteller kennen lernen, die mir lieber sind als ihre Bücher. Die besten unter ihnen pressen sich aus, wie ein Schwamm, andern den Durst zu löschen, und sie selbst werden trocken. Es ist mir doch ein Trost, daß von allen Uebeln, die die leidige Schriftstellerey über die Menschheit bringt, doch die größten davon die Schriftsteller selbst treffen. Bei dem allen aber wird es um nichts besser, wahre Herzlichkeit nimmt immer mehr [112] ab, der Autor glaubt, seine Pflicht gegen die Menschen erfüllt zu haben, wenn er ihnen dein Buch drucken läßt, und sie glauben gegen ihn quitt zu seyn, wenn sie es bezahlt haben. Die Sprache des Umganges wird dadurch fade, weil man, so bald man etwas ernstlich kennen lernen will, nicht mehr andere fragt, sondern nachließt. Der lebendige Geist der Unterhaltung ist dahin, unser Kopf und Herz getrennt, wenn wir unter Menschen sind, spielen wir, und was wir für sie thun oder von ihnen annehmen, geschieht in der Einsamkeit und nur in der Einbildung. Es ist nicht mehr unser Geschäft, aus den zurückgelassenen Schriften der Weisen zu lernen, sondern sie zu kritisiren, nicht mehr unsere Angelegenheit, ihre Lehren zu erfüllen, sondern sie für Kinder verständlich zu machen, nicht sowohl unser Wunsch, zu handeln als die Handlungen anderer zu lesen; und wie wir handeln, so ist nicht mehr Glück der Menschen unser Zweck, sondern daß wir ihnen doch auch etwas von uns zu lesen geben wollten. Und so schleppen wir uns hin, haben viel gethan in der Einbildung, viel herrliche Früchte davon gesehen im Traum, und sterben, ehe wir noch mit der Lektüre fertig sind, wie wir leben wollen.

Balder.

Nun bin ich froh, daß du dein Herz einmal erleichtert hast und die Reihe an mich kömmt. Ich will dir gar nicht verheelen, daß ich vieles Wahre in deiner Tirade finde, aber ich glaube, das Wahre darinnen [113] ist Ausnahme und nicht die Regel. Bücher haben zwar ihren Nachtheil, aber sie gewähren uns doch viele edle Freuden; daß wir durch die mit geringer Mühe die Weisheit und die Kenntnisse vieler Nationen und vieler Jahrhunderte beysammen haben, und uns daran ergötzen können, ist ein von alten Zeiten her an ihnen gepriesener Vortheil. Selbst dieß aber, daß das Buch so oft besser ist, als sein Autor, hat den Vortheil, daß wir das Vergnügen am Guten, welches er sagt, rein genießen, ohne daß es uns dadurch verderbt wird, daß er es selbst nicht erfüllt. Erfahren wir auch seinen Charakter, so hat es nichts zu bedeuten, man vergißt ihn über seinem Buch, denn dieß schadet ja nichts. Müßten wir aber, um von ihm zu lernen, seine persönliche Bekanntschaft machen, so müßte uns immer sein Charakter gegenwärtig bleiben, um nicht von ihm betrogen zu werden, und der Glaube an das Gute, was er sagt, würde dadurch gestört. Daß wir also mehr durch Bücher, als durch mündlichen Unterricht lernen, hat den Vortheil, daß wir auch durch schlimme Menschen gut werden können.

Heimdal.

Aber auch durch Gute schlimm, weil es uns überlassen ist, wie wir sie verstehen wollen; es mag gegeneinander aufgehen.

Balder.

Daß die Schriftsteller häufig ein Opfer ihrer Sorge für anderer Vergnügen sind, ist für mich traurig, und [114] ich ehre sie dafür; sie gleichen einem Bach, der sich endlich verliert, weil er das Thal befruchtete, daß Blumen des Frühlings in ihm sprossen konnten. Ausnahme unter den Schriftstellern gestehst du ja selbst ein, und woher kann man wissen, daß die andern besser geblieben wären, wenn sie nicht geschrieben hätten; vielleicht hätten sie ohnedem die Blüthen des Leben verlohren, ohne Früchte zurück zu behalten, und sie verdienen unsern Dank, daß sie, was sie doch nicht behalten konnten, lieber noch früh und duftend hingaben, damit wir uns daran ergötzen könnten. Oder glaubst du, ein Mensch werde schon schlimmer, allein dadurch, daß er etwas drucken läßt?

Heimdal.

Nothwendig gerade nicht, aber doch höchst wahrscheinlich. Sieht sich der Mann einmal gedruckt, wird vielleicht gar gelobet, so glaubt er, die Wahrheit nun entdeckt zu haben, anstatt zu handeln, schreibt er, anstatt noch mehr zu prüfen und zu lernen, vertheidigt er sein Buch, und da ihm sonst das ganze Reich der möglichen Kenntnisse und Meinungen offen stand, sich überall umzusehen, zu wählen, was er für gut hielt, und es ohne Beschämung wieder hinzulegen, wenn er sich vergriffen hätte; so steht er jezt vor seiner ausgekramten Waare, wie eine Schildwache, in beständiger Bereitschaft, auf jeden loszudrücken, der sich daran vergreifen will. So verderben – fast alle guten Köpfe, [115] die sich vor ihrer völligen Entwicklung gedruckt sehen, und haben sie auch den Muth, ihre Waare preiß zu geben, und etwas besseres zu suchen, so werden sie doch immer dadurch, daß sie in einer gewissen Art von Kenntnissen gerne Epoche machen möchten, von der schönen Straße durchs Leben, auf der man freye Aussicht aufs Ganze hat, und von der man leicht einen Spaziergang in die nahen Gefilde oder Gebirge, Höhen oder Höhlen nach Belieben machen kann, in einen beschränkten Hohlweg verschlagen, auf den sie weder rechts noch links etwas erblicken, sondern in ewiger Einförmigkeit gerade fortwandern mußten, ohne das Ende je zu erreichen. Sage selbst, wie wenige sind es, die diesem Falle entgehen?

Balder.

Ich gebe dir gerne zu, daß ein zu frühzeitiges Auftreten immer schlimme Folgen habe, und daß mit Bücherschreiben jezt ein wahrer Unfug getrieben wird, und ich hätte nichts darwider, wenn du nur diesen züchtigtest; aber du scheinst mir alle zu verdammen, und das kann ich nicht vertragen. Gehen viele verlohren durch Schriftstellerey, so werden auch viele dadurch gebessert. Einem edlen Menschen ist es immer wichtig, öffentlich aufzutreten, er fühlt die Pflicht, deutlich zu denken, wenn er andere belehren will, sich allgemein verständlich auszudrücken, wenn er auf viele wirken will, kurz, je mehr er als Schriftsteller gefallen will, je mehr muß [116] er sich dem allgemeinen Ideal des Menschen nähern; hat er edle Grundsätze aufgestellt, so fühlt er sich um so mehr gedrungen, darnach zu handeln. Edler Freund, die elende Brut unserer Büchermacher, der unnütze Schwarm ihrer Leser, hat deinen Zorn geweckt, und du willst nun alles erwürgen, damit die Frevler dir nicht entgehen mögen. Wende doch auch einmal deinen Blick auf die Seite hin, an der ich mich ergötze. Sage, wer kann besser, ausgebreiteter, edler wirken, als der vortrefliche Schriftsteller? Wären nicht die Stimmen der Weisen, die dich bildeten, längst verhallt, wenn sie nicht geschrieben hätten, und hättest du wohl ihre Schriften, wenn sie nicht gedruckt wären? Der edle gute Schriftsteller wächst gleich einem gesunden Baum, selbst, während daß er Blüthen auf uns streuet, mit seinen Früchten kann sich auch der Ferne erquicken, und der Nahe ruht im Schutze seines Schattens. Wie ein Gott läßt er seine Sonne aufgehn über Gute und Böse, daß sich jeder daran wärmen möge, und daß sie jedem leuchte auf seinem Wege. Die Irrlichter, die die Miethlinge anfachen, erbleichen vor ihr, und werden nicht gesehen, nur wo sie ihre Stralen nicht hinsenden kann, da leuchten sie und treiben ihr Spiel, und verführen nur den, der das Licht des Tages flieht. Er versäumt keine Gelegenheit, denen Menschen zu nützen, die ihn umgeben, wenn er es allein kann, aber wenn andere dieses eben so gut können, so hält er es für nützlicher, tausenden den Weg zu zeigen, [117] den sie wandeln müssen, um zu ihrem Ziele zu gelangen, als mit einem einzigen zu gehen. Heimdal, kennst du keinen solchen Mann?

Heimdal.

Fünf Gerechte forderte Gott von Abraham, wenn er Sodoma und Gomorra schonen sollte.

Balder.

Aber kennst du alle? Sieben tausend habe ich mir gespaart, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor den Götzen, sagte der Herr zu Elisa, als dieser glaubte, er sey der einzige; um dir auch aus der Schrift zu antworten.

Heimdal.

Werden diese aber am meisten gelesen, die deinem Bilde gleichen? Ist es nicht der Geist unsers Zeitalters, sich an dem Schlechten zu weiden, und mit dem Lobe des Guten nur zu prahlen? Doch davon ein andermal. Wenn nun aber die Schriftstellerey so viel Gutes bewirken kann, zu was nützen die Universitäten? Sie sind ja gerade so eingerichtet, als wenn die Buchdruckerkunst noch zu erfinden wäre. Was soll es denn nützen, daß der Hr. Professor seine Hefte selbst abliest, er darf sie ja nur drucken lassen, so kann sie jeder nach seiner Bequemlichkeit lesen.

Balder.

Dieß ist freylich wahr, aber dieß macht die Universitäten doch nicht unnütze. Wer rechnet die [118] Zeiten seiner akademischen Laufbahn nicht zu den glücklichsten seines Lebens, wer hat so leicht wahre Freunde, wenn er sie dort nicht fand? Aller Sorgen des bürgerlichen Lebens überhoben, lebt man ganz den Wissenschaften; von allem Zwang der Etiquette frei, freuet man sich herzlich mit seinen Freunden. Hier herrschen Spuren von dem lebendigen Geist der Unterhaltung, den du so rühmst, durch die Collegien, die du verwirfst; mit vielen zu dem Studium einer Wissenschaft vereinigt, fehlt es nicht an Stoff zur Unterredung. Selbst das Nachschreiben der Hefte, wenn es mit Verstand geschieht, hat seinen Nutzen. Man durchdenkt die Sache noch einmal dabey, und prägt sich solche tief in das Gedächtniß ein. Zwischen diesen Beschäftigungen und erlaubten Jugendfreuden schwindet uns die Zeit dahin, wie ein prophetischer Morgentraum, der uns das Schicksal des kommenden Tags enträthselt, werden wir dann von den Unsrigen daraus geweckt, so erwachen wir gestärkt und vorbereitet zu den Geschäften des Lebens.

Heimdal.

Ein schönes Gemälde von der einen Ansicht; ich will dir ein gleiches von der entgegengesetzten liefern. Wer verwünscht nicht die Jahre, die er auf Universitäten verdorben? In den Jahren, wo alle Leidenschaften auf ihn einstürmen, wird er sich selbst überlassen, von den Personen, die ihn leiteten, wird er weggenommen, und in ein Rotte Verführer gesteckt, die immer [119] lauern, welchen sie verderben mögen. In ihren Zirkeln verlernt er alle Wohlanständigkeit, und seine Freud hat die Ungezogenheit eines Faunen, vor dem jede Grazie entflieht. Vom Catheder aus wird ihm der Weg gezeichnet, den er wandeln soll, und jeder andere verschrieen. Durch seine Hrn. Brüder, auch wohl durch übelangebrachten Fleiß, aller Zeit und aller Stimmung zur Selbstüberlegung beraubt, geht er gerne so fort, wie ihm der Hr. Professor den Kopf gestellt hat, und wenn er recht fleißig ist, so schreibt er auch Hefte; schreibt, wo er noch sein Gedächtniß stärken, prägt seinem Gedächtniß ein, was er erst noch prüfen sollte. Ist noch ein Funke lebendigen Geistes des Selbstdenkens übrig geblieben, der, nachdem der Rausch des Purschenlebens ausgeschlafen ist, wieder angefacht werden kann, so sieht er die gepriesenen Hefte als das Grab der Kraft seines jugendlichen Geistes an. Sind einige so glücklich, den Verführungen zur Ausschweifung zu entgehen, und nichts schlimmers als Pedanten zu werden, so blicke erst auf den großen Haufen derjenigen, die als ausgekochte Gerippe zurück kehren, die gebrandmarkt mit dem Stempel der Schweigerey, wie Verworfene da stehen, der Welt unnütz, und sich zur Last ihre übrige Lebenszeit hinkränkeln, sind es nur etwa die Schlechtesten, die dieß traurige Schicksal trift? Blicke auf den schändlichen Haufen derjenigen, deren unzerstörbarer fester Bau ihren Ausschweifungen nicht unterlag, die wahre Krüppel und Ungeheuer von [120] Geiste zurückkehren, noch dauerhaft genug der Welt mit ihrer physischen Existenz lange zur Last zu seyn; die dann als Aerzte morden, weil sie ohne Kenntnisse sind; als Rechtsgelehrte die Unschuld verderben, weil sie sich nicht erinnern, sie je besessen zu haben, und als Geistliche alle Freuden des Lebens verdammen, weil sie selbige nie genossen, sondern in Schlamm der Schlemmerey erstickt haben: Balder, sage, sind es täuschende Gestalten, die ich hier angeführt, oder trafst du vielleicht selbst auf sie? und wenn die lezte Hofnung einer Familie bleich und entseelt an dem Orte da liegt, wo sie Wahrheit und Kräfte zu dem künftigen großen Geschäfte des Lebens einsammeln sollte; was sagst du dann?

Balder.

Schrecklich!

Heimdal.

Da die Duelle auf Universitäten noch öffentlich erlaubt waren, da waren sie nur toll und thöricht, jezt, da sie verboten sind, aber doch gleichsam noch geduldet werden, sind sie schändlich und abscheulich. Toll und thöricht waren sie, weil der Punkt der Ehre eines Mannes, der sich dem Lehrstande widmet, nicht in der Kühnheit bestehet: Muth, gerecht zu seyn, muß jeder haben, aber es kann einer in diesem Stande, ein für die Menschheit höchst wohlthätiger Mann seyn, ohne daß er die Verwegenheit hat, wenn ihn nicht unnachläßliche [121] Pflicht dahin verbindet, einer Degenspitze entgegen zu gehen, oder einem Pistolenschuß zu stehen; und kann ein Duell bey vernünftigen Menschen etwas anders entscheiden? Schändlich und abscheulich sind sie jezt, weil der Neuangekommene geloben muß, sich in keinem Duell einzulassen, seine eingebildete Ehre zu retten, muß er meineidig werden, und diese Rettung der Ehre muß nun noch das Tageslichte scheuen. So wird die Achtung gegen bürgerliche Gesetze untergraben, so lernt man die Achtung edler Menschen auf das Spiel setzen, um sein Ansehen nicht bey einer Rotte Buben zu verlieren, die einen umgeben. Dich besonders, Balder, frage ich, ob es auch dem Klügsten und Besten nicht schwer ist, diese Klippe zu vermeiden?

Balder.

Freund, macht es dir Freude, mich zu kränken? ich fühle, daß du größtentheils Recht hast, aber doch kenne ich Männer, die ihre Universitätsjahre so verlebten, wie ich sie schilderte.

Heimdal.

Wessen Charakter edel und gebildet ist, wer es schon versteht, die Spreu von den Körnern zu scheiden, der wird auf der Seite wohnen, die du gezeichnet hast, aber der verdankt es auch sich, und nicht der Anstalt. Wer noch nicht zu dieser Reise gediehen ist, und das gilt ja doch von dem großen Haufen, tausend gegen eines zieht in diejenige ein, die ich geschildert habe.

[122]
Balder.

Aber ich hoffe, von der Aufklärung und unsern guten Fürsten, daß diese Seite ganz geschleift werden soll.

Heimdal.

Von den Fürsten! die sehen ja ihre Universitäten entweder als einen Theil der Ländereinkünfte, oder ihres Hofstaates an, den sie entweder so einträglich, oder so glänzend als möglich zu machen suchen müssen. Guter Junge, du gründest also auch Hoffnungen auf gute Fürsten?

Balder.

Leugnest du etwan, daß es deren giebt?

Heimdal.

Das nicht, sondern ich behaupte nur, daß ihrer wenige sind, und daß diese wenigen nichts Gutes stiften können, weil sie das Böse nicht kennen lernen, dem sie abhelfen wollen. Ueberhaupt aber kann es nichts nützen, von Fürsten zu reden, man mag seine Begriffe von ihren Pflichten, ihren Freuden und Leiden noch so sehr aufklären, was nüzt es? Sie hören einen doch nicht an, weil auch die Besten unter ihnen nur unterhalten, nicht belehrt seyn wollen. Und scheinen sie auch manchmal einen Mann zu begünstigen, der ihnen die Wahrheit kühn sagt, so ist es mehr pour lá rarité du fait, als aus wahrer Achtung. Uebrigens aber bedauere ich sie, man stellt sich gegen sie an, als hielte man sie für Götter, und behandelt sie dabei wie verzärtelte [123] Kinder. Wo sie hinkommen, sehen sie ein Theater vor sich, und hinter die Coulissen gelangen sie nie, wenn sie auch die halbe Welt ausreisten.

Balder.

Und ich versprach mir immer so viel Gutes von ihren Reisen, zumal da sie jezt den Pomp von sich abwerfen, der sonst alles von ihnen entfernte.

Heimdal.

Ach, lassen wir die Fürsten in ihrem Werth und Unwerth, so lange es für uns noch etwas Nützliches zur Unterhaltung giebt. Auf! es ist gerade noch Zeit, das alte Schloß zu erklimmen, um die Gegend in der Abendsonne zu sehen.

Balder.

Wie wohl es einem hier oben ist! Wirklich, ich könnte, schönen Gegenden zu Gefallen, allein schon weitere Reisen unternehmen.

Heimdal.

Dieß wäre noch die unschuldigste Reise, die man unternehmen könnte, und da man nicht schlechter zurück kömmt, als man ausgieng, welches aber bey unsern Reisen fast immer der Fall ist.

Balder.

Du hältst also auch das Reisen für nachtheilig?

[124]
Heimdal.

Zumal in unserm Zeitalter, das stolz darauf ist, aus jeder Blume Gift zu ziehen, der auch den erschlaften Gaumen reizt, und mitleidig über den lächelt, der nur Honig darinne fand, und sich damit begnügen konnte.

Balder.

Nun, so bist du heute gerade der Mann für dasselbe.

Heimdal.

Weil ich sage, was andere thun? Laß dir sagen, warum mir dieß gerade bey dem Reisen einfiel. Sonst reist man, um Männer zu suchen, von denen man noch mehr lernen könnte, jezt reist man, um diese Männer selbst auszulernen und sie zu beurtheilen; sonst suchte man Kenntnisse zu erwerben, um seinem Vaterlande zu nützen, jezt sucht man sie, um sie herab zu setzen. „in Frankreich verstehen sie das Ding besser,“ ist die Formel, mit der fast jeder von seinen Reisen zu erzählen beginnet; sonst suchte man das zu erkundigen, wovon man in seinem Vaterlande Gebrauch machen konnte, jezt sucht man neugierig zu begucken, wozu im Vaterlande keine Gelegenheit zur Anwendung ist; sonst benuzte man seine erworbenen Kenntnisse im Stillen für sich und seine Mitbürger, jezt läßt man sie drucken, um vor der Welt zu prahlen, sonst –

Balder.

Nun, ich weiß schon, daß es dir nie an Antithesen fehlt, aber dieß sind lauter zufällige Nachtheile, die [125] von Klugen vermieden werden, und der Vortheil, den man aus Reisen ziehen kann, ist demohngeachtet –

Heimdal.

Groß, ich kenne ihn; aber eben deswegen, weil man auf diesen allein sieht, bekam ich Lust, über den Nachtheil nachzudenken, und dich möchte ich vorzüglich darauf aufmerksam machen, denn wenn du eine schöne Aussicht vor dir hast, vergissest du immer, daß du im Schlamme stehst. Aller Nachtheil, den das Reisen haben kann, wird von dem überwogen, den es für den Charakter hat, und der für unsere Zeiten um so wichtiger ist, da man diesen dadurch bilden will. Ich will dich nicht damit unterhalten, daß Unerfahrne allen Gefahren des Universitäts Leben ausgesezt sind, daß es einem auch mittelbar die Uebel der Schriftstellerey vermehrt, daß Fürsten den Schweiß ihrer Unterthanen in fremden Ländern verprassen, daß viele nur deswegen reisen, um mit geringerem Verlust der Ehre, der Wollust zu fröhnen; sondern nur damit, daß gerade aus dem Vortheil, den man sich für die Bildung davon verspricht, ein unvermeidlicher Nachtheil entsteht. Um sich auf Reisen beliebt zu machen, hat man fast nichts, als sein äußeres Betragen; die Wirkung der Recommendations-Briefe wird immer geringer, man gewöhnt sich dadurch, sich so zu bezeugen, wie man am schnellsten den andern einnimmt, und verlernt, sich auf seinen innern Werth zu verlassen. Man sucht Personen, [126] nur für den Augenblick zu gewinnen, und nicht mehr an sie zu denken, wenn man sie genuzt hat. Durch den schnellen Wechsel der Dinge, immer zur Betrachtung derselben aufgefordert, versäumt man, in sich zu kehren und sich selbst kennen zu lernen. Der Charakter, der sich durch das Reisen bilden soll, geht verlohren –

Balder.

Aber der Mann, der weiß, warum er reist, dessen Herz fest im Guten ist, der die Bedürfnisse seines Vaterlandes und den in demselben nicht zu ersetzenden Mangel in seinen Kenntnissen kennet, für den sind sie doch etwas sehr Vortheilhaftes?

Heimdal.

Ja, wessen Charakter einmal die Festigkeit und den innern Werth eines Diamants hat, der wird durch sie abgeschliffen, daß er auch glänzt. Aber wie vielen müßte der Weg verrannt werden, wenn nur dieser reisen sollte! Dieß ist eben der Unsinn unsers Zeitalters, daß es das, was nur den edlen und weisen Mann angenehm machen kann, als Mittel gebraucht, wodurch es ungebildete und unreife Köpfe edel und weise machen will. Daß ich gerade in diese verkehrte Welt kommen mußte, wo man den Menschen bilden will, ehe er Kräfte hat, und dadurch jede Kraft erstickt, und für die künftige Generation wird es noch ärger!

[127]
Balder.

Allerdings, wenn es mit dieser so schlimm steht, als du glaubst; aber ich habe Hoffnung, daß es besser ist und besser wird. Der Luxus selbst hat seinen Vortheil, die schönen Künste blühen wieder auf, man macht von ihnen für die Erziehung Gebrauch. Das Theater ist nicht mehr bloße Unterhaltung, es wird auch zur Bildung angewendet.

Heimdal.

Doch nicht etwan dadurch, daß man auch Stücke von Kindern aufführen läßt!

Balder.

Vorzüglich dadurch glaube ich.

Heimdal.

Vorzüglich dadurch lernen die Kinder das Erlernte mit der Miene des Selbstgedachten hersagen, und dadurch als Jünglinge sich und andere täuschen; sich selbst, sage ich, weil sie glauben, sie seyn wirklich vollendete Männer, wenn sie merken, daß man es ihnen nicht gleich in der ersten Unterhaltung ansieht, daß sie armselige Köpfe sind; und andere, weil man die Zeit der zweyten Probe mit ihnen verdirbt, da man sonst ohne diesen Flitterstaat, gleich bey der ersten gemerkt hätte, wes Geistes Kind sie sind. Vorzüglich dadurch kennen sie die Sprache der Gefühle, ehe sie selbige noch besitzen, glauben sie zu haben, schwatzen papageymäßig von Empfindung, und diejenige schöne Zeit der Unschuld, [128] wo das Herz mehr empfindet, als der Mund noch sprechen kann, wo man den Enthusiasmus des Jünglings fühlt, ohne noch sich zuzutrauen, daß man schon zu dieser Reise gediehen sey, geht verlohren – Ich weiß die Einwendungen, die man dagegen machen kann, und ich bitte dich, mir die Mühe zu ersparen, sie von dir zu hören. Sie laufen alle darauf hinaus, daß die Sache gut seyn könnte, wenn sie nur recht gebraucht würde, aber was hilft das? Die Folgen zeigen ja, daß es nicht geschieht. Haben unsere Erziehungsanstalten und unsere Aufklärer noch die Betrüger muthlos, die Schwärmer klüger, oder die Zahl der durch die Betrogenen oder Angesteckten geringer gemacht, als sie in den vorigen Jahrhunderten war.

Balder.

Ich getraue es mir nicht zu behaupten, aber doch sind der helldenkenden Köpfe gewiß auch mehr.

Heimdal.

Mit diesem Helldenkern sieht es sehr zweydeutig aus. Die meisten werfen ihre Religion ab, weil sie den Zaum nicht ertragen konnten, den sie ihren Lüsten anlegte. Aus Unbändigkeit entsprangen sie dem Gefängniß der Vorurtheile, um sich in den Wüsten der Zügellosigkeit herum zu tummeln. Sind ihre Kräfte nun verzehrt, so kehren sie gerne wieder in das Gefängniß zurück, damit sie doch gefüttert werden. Männer, die aus Erkenntniß des Bessern den Aberglauben [129] verließen, sind selten, und es ist schwer, sie kennen zu lernen, denn sie wohnen ruhig im Lande der Aufklärung, mit allem versehen, war ihre Seele bedarf; sie geben durch ihre groteske Sprünge dem Volke kein Schauspiel, sie zeigen ihm das Gute, das sie errungen haben, und wer es erkennt, der mag ihnen folgen. Finden sie es nöthig, so stürzen sie den Götzen um, daß er zerfällt, ohne ihn ihres Rüttelns werth zu halten, so lange er stehen muß. Leidigere Mode ist es bey den Meisten, daß sie sich nicht abergläubisch zeigen; weht der Hauch der Trübsal sie an, so fliegt ihre Starkgeisterey wie Puder hinweg. Muthwillige Jungen sind es, die, während sich der Präceptor entfernt die Ruthe zerbrochen, mit der sie gezüchtigt worden sind, und kehrt er zurück, so wissen sie nichts bessers zu thun, als zu läugnen. Daher ist es kein Wunder, wenn die Schwärmerey auf der andern Seite auch wieder siegt, weil Menschen, denen es Ernst um ihr Heil ist, bey unsern Helldenkern es nicht finden.

Balder.

Nach dir, sollte man glauben, daß die Würdigsten zu unsern Zeiten gerade am ersten der Schwärmerey ausgesezt wären.

Heimdal.

Und so ist es auch, wenn sie nicht Muth genug haben, auf dem rauhen Wege des Wissens bis zum Sitz der Ruhe, des vor der Vernunft gerechtfertigten Glaubens, [130] fortzuwandeln. Aber ich rede hier von edler Schwärmerey, die sich über das Erkennbare hinaus schwingt, weil sie nicht lernte, sich damit für jezt zu begnügen und das Uebrige zu erwarten; nicht aber von dem Schwarme derer, welche die Früchte ihres übersinnlichen Unsinnes noch mit ihren dermaligen fünf Sinnen genießen wollen, als Alchymisten, Schatzgräber, Geisterbeherrscher u. s. w.; nicht von jenen abgeschwelgten Schwachköpfen, die nur darum Bekanntschaft mit einer andern Welt machen wollen, um sich von der Langenweile in dieser zu retten, wo sie für alles Schöne und Gute stumpf geworden sind; nicht von den armseligen Tröpfen, die Geheimnisse erlernen wollen, daß sie nicht denken dürfen. Von diesen rede ich nicht, die werden durch unsere üppigen Spötter vielleicht noch bisweilen zurück gehalten, weil der, der zu schwach ist, Gründe einzusehen, sich doch oft vor dem Verlachtwerden fürchtet.

Balder.

Unsere Freydenkerey wäre denn doch nicht ohne Nutzen.


[131]
Heimdal.

Wie der Hagel, daß er die Käfer von den Blüthen herabwirft. Unser Zeitalter ist wahrlich ein unseliges Gemische von Widersprüchen. Der freche Spötter darf nur den Mund zum Lachen verziehen, so schämen sie sich des Enthusiasmus auch für das Beste, und der mystische Betrüger darf sie nur mit der Faust ins Auge schlagen, daß ihnen die Funken davon herum sprützen, so bilden sie sich ein, sie hätten die Herrlichkeit Gottes gesehen. Und wo liegt die Quelle von diesen unleugbaren Ausschweifungen?

Balder.

Sage mir sie, wenn du sie weißt.

Heimdal.

Die wichtigste hast du schon genennt, den Luxus.

Balder.

Ja aber, um ihn eher zu vertheidigen, als um ihn zur Quelle alles Unheils zu machen. Der Luxus hat das Gute, daß er zur Industrie auffordert, er sezt die Erfindungskraft in Uebung, er gewährt vielen Unterhalt, [132] er macht die Menschen einander nothwendiger, und vermehrt die Landeseinkünfte fast überall, eher als daß er sie vermindert.

Heimdal.

Von der politischen Seite betrachtet, läßt sich allerdings viel zu seinem Vortheil sagen, und wenn man die Menschen als eine Heerde Schaafe, und den Fürsten als den Hirten betrachtet, der sie scheert, so gehört er sicher nicht unter die Krankheiten, welche die Wolle vermindern. Aber von der moralischen Seite – es schauert mich, wenn ich daran denke – laß mich ausreden, ich will dir meine Meinung ganz sagen, und dann vertheidige ihn, wenn du kannst. Luxus bringt denjenigen Zustand einer Nation hervor, wo der Eine so sehr im Ueberfluß lebt, daß der Andere am Nothwendigen Mangel leidet, wo der Eine so sehr nach Bequemlichkeit trachtet, daß seine Kräfte erstickt, und der Andere so sehr mit Arbeit überhäuft ist, daß sie verzehrt werden, ehe sie reifen konnten; wo der äußere Glanz so sehr zum Bedürfniß wird, daß er, wenn es nicht anders möglich ist, durch Hunger und Kummer [133] im Innern erkauft werden muß, kurz, er wirkt diejenige verkehrte Stimmung der Gemüther, nach welcher man den wahren Lebensgenuß aufofpert, um den scheinbaren damit zu erkaufen. Daß wir in diesem unglücklichen Hange leben, darüber ist kein Zweifel. Was sind nun die Folgen davon? Nicht mehr Tugend, sondern das Wohlleben des Reichen ist das Ziel, das der Niedrige seinem Bestreben sezt; die Macht des Reichen fällt zugleich drückend auf ihn, die ungeheure Menge von Bedürfnissen die er als nothwendig anzusehen gelernt hat, liegt wie ein Haufe Schutt auf ihn, und wenn er wie ein Verzweifelter arbeitet, sich hindurch zu graben, so nennen wir das Industrie. Der eine Theil ist durch seine Schwäche, weil er seine Kräfte nie brauchte oder verschwelgte, zu allem bereit, was ihm ohne Kräfte viel auszurichten verspricht, und der andere, der seine Kräfte in unwürdigen Beschäftigungen verbrauchen mußte, läßt sich, wie ein matt gejagtes Pferd hinführen, wohin man will, und dieß bereitet jedem Betrüger Triumpf. Der eine Theil kann durch den Glanz des Wohllebens, der ihn umgiebt, das Elend, das [134] außer seinem Zirkel liegt, nicht gewahr werden, um sein ermattetes Herz durch Wohlthun zu stärken, kann nicht hindurch blicken, auf den frohen Genuß, den ihm die schöne Natur in ihrer Einfalt verspricht, um seine sinkenden Kräfte in ihr zu erquicken. Der andere Theil sieht durch den Glanz nicht hinein, auf das langweilige Schmachten, der von ihm als glücklich Gepriesenen, und er fühlt sich doppelt unglücklich, daß er es nicht auch auf die Art werden kann, als der es ist, den er beneidet. So verschwindet alle Zufriedenheit mit seinem Stand und seiner Lage, und mit ihr alle Tugenden wahrer Geselligkeit. Scheinen die Stände weniger getrennt; sind sie bey Gelegenheit mehr unter einander gemischt, so ist es mehr der Hang zu Quodlibets, mehr eine Grimasse unserer Aufklärung, die das bewirkt, als jener glückliche Zustand, wo alle Stände in einander fließen, wie die Farben des Regenbogens, deren jede unterscheidbar ist, ohne die Harmonie des Ganzen zu stören. Der eine aus Langeweile, der andere aus Verzweifelung, sucht sein Heil im Rausche schändlicher Wollust. Was sie ihm verbieten will, muß [135] als Gewaltthätigkeit angesehen werden, weil sie noch das Einzige ist, was ihn sein Unglück vergessen läßt, und der Mensch, vom göttlichen Geiste beseelt, fühlt sich nur dann selig, wenn er es im viehischen Genusse vergißt. Alles Heilige wird ihm ein Phantom, womit man nur Kinder schrecken kann, und dieß bereitet jedem frechen Spötter Triumpf. Die Meisten, durch schwere Arbeiten erdrückt; durch Schwelgerey erschöpft, oder aus Mangel aller Uebung kraftlos, fliehen alles, was Anstrengung erfordert; wahre Wissenschaft wird immer das Eigenthum Wenigerer, und die Tugend verbirgt sich in die Einsamkeit, weil sie, da ihr Aeußeres nur noch als Maske des Lasters gebraucht wird, keine Hoffnung mehr hat, anerkannt, sondern sich fürchten muß, mit dieser verwechselt zu werden. Die höhere Menschheit sinkt unter, wie diese Abendsonne, deren lezte Stralen auch nur noch von wenigen gesehen werden, weil vielen von erniedrigenden Arbeiten die Zeit geraubt wird, und viele nun schon im Flimmer der Lichter schwelgen.


[136]
Balder.

Das Schreckliche deiner Schilderung hat mich so gerührt, daß ich dir nun nicht antworten kann, aber den Funken meiner Hoffnung hat es nicht erstickt. Wir wollen zu Mimer gehen, vielleicht wird der dir schon den Morgenstern zeigen können, der die Morgenröthe und den auf sie folgenden Tag verkündigt.

Heimdal.

Bleib doch noch etwas bey mir, ich gehe heute nicht mit, denn ich wäre taub für seine Gründe. In der Stimmung, wie ich dich traf, hätte es eher seyn können; ich war aufgebracht und unzufrieden, und wäre meines Kummers gerne los gewesen, aber jezt, da mich das sanfte Licht, in dem alles um mich herum sich wiegt, ruhiger gemacht hat, gräme ich mich über das, was mich aufbrachte, und bemitleide, was ich haßte; es ist mir wohl dabey.

Balder.

Und auch das kann dich trösten, das Zeitalter, aus dem du dich wünschest, hat dir doch einen Freund [137] gelassen, und eine Geliebte wirst du auch noch finden.

Heimdal.

Dafür hat es mir die übrigen Menschen geraubt. Es hat mir einige Muster zurück gelassen, damit ich den Verlust des Ganzen um so schmerzhafter fühle. Ich kenne auch einige Frauen, die noch zeigen, was das Weib dem Mann seyn könnte.

Balder.

Und wenn es deren nicht mehrere giebt, so ist es gewiß unsere Schuld.

Heimdal.

Und unsers Zeitalters. Das Weib, das die Natur bestimmt zu haben scheint, aus Liebe und Güte, für die Gemächlichkeiten des Lebens zu sorgen, daß der Mann ungehindert seinen Gang fortgehen kann, will nun unbesonnen neben ihm einherschreiten. Das Weib, dessen schöne Seele aller Bildung fähig ist, um geliebt zu werden, dessen sanfte stille Tugend an sich ketten kann, tritt nun als Schriftstellerin, als Gesetzgeberin auf, [138] um nichts mehr, als bewundert zu werden. Sie, in deren reinen Herzen wir unsern Werth wie in einer lautern Quelle spiegeln sollen, will uns in Verwegenheit und Kühnheit voran gehen. Die innige aber verschloßne Kraft edler weiblicher Seelen, die sich nur zeigt, wenn sie muß, und uns dann den Adel der Menschheit offenbaret; jene schöne Empfindsamkeit, die unsern Starrsinn besänftigt; jene willige Auffassung auch des Kleinen, das sie umringt, und die ihnen einen Späherblick gewährt, der oft unsere schulgerechte Einsicht beschämt, wird zur Empfindeley umgeschaffen, wird zur Intrigue, zu Coquetterie verbraucht, um uns in ihren Ketten als Sklaven zu beherrschen. Die Reize der Liebe, dieser einzige Genuß, der das Ganze des Menschen ausfüllt, der wie ein Lorbeer unsern Scheitel vor Unmuth beschützen sollte, wenn uns die Arbeit zum Wohl der Menschen sauer wird, werden in Künste der Buhlerey verwandelt, wodurch das Weib uns in ihre Arme locket, um uns im thierischen Genusse die Menschheit vergessend zu machen. Ich sehe keine Hülfe, es wird immer ärger mit uns!


[139]
Balder.

Mimer wird dir sie zeigen, gehst du nicht mit? Es wird sonst zu späte –

Heimdal.

Nein. Ich will hier den Aufgang des Mondes erwarten; sein mattes Licht ist der einzige Trost, für den ich heute empfänglich bin. Ich muß Ruhe haben, ehe ich der Morgenröthe froh entgegen sehen kann.


Heimdal oder unser Zeitalter.
Zweytes Gespräch.

Mimer.

Warum heute so frühe, Heimdal, der Morgen ist ja sonst die Zeit, in der du am liebsten einsam bist?

Heimdal.

Heute konnte ich sie nicht ertragen. Hat dir Balder noch nicht unser Gespräch erzählt?


[140]
Mimer.

Ja, ich wunderte mich, daß du den traurigen Zustand unsers Zeitalters so wenig kennst. Du hast einige schreckbare Symptome der Krankheit gesehen, aber ihr Inneres kennst du nicht.

Heimdal.

Himmel, so ist es noch ärger, als ich glaubte!

Mimer.

Ja, damit es einmal ohne Rückfall gut werde. Gehe die ganze Geschichte durch, und du wirst finden, daß das Gute immer nur als eine Zuflucht vor dem Bösen gesucht wurde, und daher verließ man es wieder, sobald man sich gerettet glaubte. Dir nur ein Beyspiel zu geben, sobald Rom sicher war, so verdrängte Schwelgerey die alte Römertugend, sobald man dadurch erschöpft war, und die unglücklichen Folgen sich zeigten, so ergriff man das Christenthum, das Trost aus einer andern Welt brachte. Dem Christenthum verdanken wir das Interesse am Uebersinnlichen; dieses artete in den Hang zum Unbegreiflichen aus, [141] und die Uebel, die es hervor brachte, führten zum Mißtrauen gegen alles, was nicht in die Sinne fällt, und wir würden jezt den Mittelweg erwählen, bis wir das Unglück, das die Ausschweifung hervor brachte, vergessen hätten, wenn nicht für jezt unzerreißbare Bande uns daran hinderten.

Heimdal.

Traurig, wir sehen also das Gute, und können es nicht erreichen.

Mimer.

Weil wir es ganz kennen lernen, uns überzeugen sollen, daß außer ihm kein Heil ist. Wie gesagt, wir würden nur Schutz bey ihm suchen, ohne die sichere Erkenntniß, ohne die unerschütterliche Ueberzeugung, daß es der einzige Ort ist, wo wir sicher wohnen können. Und es ist eine Wohlthat für die Menschheit, daß sie bis zu dieser Ueberzeugung von Ketten fest gehalten wird, die nur der Strahl der Wahrheit zertrümmern kann.

Heimdal.

Und diese Ketten?


[142]
Mimer.

Sind: Hierarchie, geheime Gesellschaften, Cultur und Gleichgewicht von Europa.

Heimdal.

Eine fürchterliche Quelle von Uebeln, die sich mir dadurch offenbaret!

Mimer.

Sage lieber, ein wohlthätiger Zaum gegen allzu rasche Unternehmungen. Gehe, wir wollen ins Freye, vielleicht gelingt es mir, dir mit dem hereinbrechenden Tag auch eine frohe Aussicht in künftige Jahrhunderte zu öfnen.

Die Fortsetzung ein andermal.
E...