RE:Athanasios 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 19351938
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Athanasios. 1) Bischof von Alexandreia, † 373. Geboren zu Alexandreia um 300, soll er schon als Kind vom Bischof Petros († 311) für die geistliche Laufbahn in Aussicht genommen worden sein. Als er unverhältnismässig früh vom Bischof Alexandros das Amt eines Diakonen erhielt, hatte er die übliche klassische Bildung sich angeeignet, deren Spuren in seinen späteren Werken öfter begegnen. Gegenüber den Theologumenen des Areios vertrat er unerschütterlich die Homousie des Sohnes mit dem Vater, hat auf der oekumenischen Synode zu Nikaia 325, wohin er seinen Bischof begleitete, die Aufnahme dieses Terminus in das kirchliche Bekenntnis durchsetzen helfen und dadurch den grimmigen Hass aller Andersgesinnten auf sich gezogen. Ihm vor allem verdankt es die Kirche, dass das ὁμοούσιος allen [1936] Gegnern zum Trotz durchgesetzt worden ist; in diesem Punkte hat A., sonst keineswegs eigensinnig und rechthaberisch, niemals etwas von Nachgiebigkeit wissen wollen, und im Dienste fast lediglich dieses einen Interesses steht seine ganze, namentlich auch die litterarische Wirksamkeit. Nach dem Tode des Alexandros wurde er am 8. Juni 328 Bischof von Alexandreia, als solcher ist er am 2. Mai 373 gestorben. Aber ein ruhiger Besitz ist, dank dem Hasse der meletianischen und arianischen Parteien, dieser Episcopat nicht gewesen, wiederholt hat sich A. gegen schwere Anklagen vor dem Kaiser und vor Synoden rechtfertigen müssen; vier Gegenbischöfe sind gegen ihn aufgestellt worden, von denen wenigstens zwei, Gregorios und Georgios, bis zu ihrem Tode (346 und 361) das Feld allein behauptet haben, mehr als 17 Jahre hat A. in der Verbannung oder auf der Flucht fern von seinem Sitze verbringen müssen. Zuerst exilierte ihn Constantinus d. Gr. auf einen Verdammungsspruch der Synode von Tyros hin nach Trier 335–337; den von dem Sohne Constantinus II. Heimgeschickten verjagte Constantius 339 aufs neue und gewährte ihm erst 346 aus politischen Gründen – die Stellung zu A. war schon damals eine der gewichtigsten politischen Fragen – die Rückkehr; inzwischen hatte sich A. meist in Rom und in Oberitalien und Illyrien bei Constans aufgehalten, auch an der grossen Synode von Sardica 343 teilgenommen; 356 entwich er freiwillig aus Alexandreia, um sein durch Constantius’ tötlichen Zorn bedrohtes Leben zu retten, und hielt sich über fünf Jahre in verschiedenen Verstecken auf; nachdem er unter Iulianus sein Bistum wieder eingenommen hatte, wurde er schon im October 362 aufs neue vertrieben; nach Iulians plötzlichem Tode setzte ihn Iovianus, dem A. sich persönlich vorgestellt hatte, ehrenvoll in sein Bistum ein, Februar 364. Zum letzten Male hat er 365 auf einige Monate sich den Nachstellungen der kaiserlichen Beamten durch die Flucht entzogen, bis Valens sein Edict zu Gunsten des A. auslegte und ihn unbehelligt in Alexandreia liess; gerade der am entschiedensten arianisch gesinnte Kaiser hat den A. am wenigstens gestört.

Für das Leben des A. sind die reichhaltigsten Quellen nächst seinen eigenen Schriften 1) die sog. historia acephala, das von Scipio Maffei entdeckte und in den Osservazioni letterarie III Verona 1738 veröffentlichte Fragment der lateinischen Übersetzung einer bald nach 385 verfassten Lebensbeschreibung des A., neuerdings – leider sehr fehlerhaft – abgedruckt bei Sievers Ztschr. für die histor. Theol. 1868, 148ff. Der Verfasser ist über alexandrinische Verhältnisse ausgezeichnet orientiert, besonders wertvoll wird seine Arbeit durch die zahlreichen genauen chronologischen Angaben. 2) Ein in syrischer Sprache erhaltener – ursprünglich griechischer – Vorbericht zu einer Sammlung der Osterbriefe des A.; darin werden die Osterfeste aller in des A. Episcopat fallenden Jahre sorgfältig datiert und die Verhältnisse besprochen, unter denen A. seinen Osterbrief schrieb, d. h. den Gemeinden von Ägypten, Libyen und der Pentapolis den Termin des nächsten Osterfestes in einem erbaulich oder polemisch gehaltenen oberhirtlichen Anschreiben bekannt gab, bezw. die Ursachen die [1937] ihn an der Abfassung solches Briefes verhinderten. Unter der Hand entsteht daraus eine Tabelle der Hauptereignisse im Leben des A. Fast durchweg stimmen die Angaben dieser Quelle mit denen der historia acephala überein. Den syrischen Text hat der Entdecker, W. Cureton The festal Letters of Athanasius, London 1848 herausgegeben; A. Mai hat in der Nova patrum bibliotheca Vol. VI 1, 1–168, den syrischen Text in bequemerer Gestalt nebst lateinischer Übersetzung geboten; am handlichsten ist die deutsche Übersetzung von F. Larsow Die Festbriefe des h. A. 1852, wo auch alle wichtigeren Stücke der historia acephala geeigneten Ortes mit abgedruckt sind. — Spätere Lebensbeschreibungen, wie der Βίος ἤτοι ἄθλησις τοῦ μεγάλου Ἀθανασίου, den Photios bibl. cod. 258 so ausführlich excerpiert hat, sind nur mit grösster Vorsicht zu benutzen. Sonst vgl. Hieron. de vir. ill. 87. 88 und Photios a. a. O. cod. 32. 139. 140.

Als Schriftsteller ist A. nicht so bedeutend, wie als Kirchenmann und Charakter; er schreibt ziemlich klar und glatt, aber weitschweifig; an Gedankenreichtum wie an Gelehrsamkeit und Eleganz wird er von anderen griechischen Vätern weit übertroffen. Doch waren die Umstände, unter denen er schrieb, einer ruhigen Entwicklung schriftstellerischer Kunst auch nichts weniger als günstig. Ausser Privatbriefen und den nur teilweise und — ein paar Fragmente ausgenommen — blos syrisch (s. o.) erhaltenen Osterbriefen besitzen wir von ihm eine Reihe grösserer Arbeiten. Den λόγος κατὰ Ἑλλήνων und den damit eng verbundenen λόγος περὶ ἐνανθρωπήσεως τοῦ λόγου soll er nach der gewöhnlichen, freilich recht anfechtbaren Meinung schon um 318 vor Ausbruch der arianischen Streitigkeiten geschrieben haben. Zu den früheren Arbeiten gehören weiter eine ἔκθεσις πίστεως und ein gegen Eusebios von Nikomedeia gerichteter Tractat εἰς τὸ· πάντα μοι παρεδόθη ὑπὸ τοῦ πατρός μου, sowie die ἐπιστολὴ ἐγκύκλιος τοῖς κατὰ τόπον συλλειτουργοῖς. Zwischen dem zweiten und dritten Exil hat er den ἀπολογητικὸς κατὰ Ἀρειανῶν und de decretis Nicaenae Synodi, sowie de sententia Dionysii verfasst, jenes eine Rechtfertigung der nicaenischen Synode, dieses Verteidigung der Orthodoxie seines Amtsvorgängers Dionysios († 265). Auf der Flucht nach 356 schreibt er, in der grössten Gefahr am unerschrockensten und unermüdlichsten, die ἐπιστολὴ ἐγκύκλιος πρὸς τοὺς ἐπισκόπους Αἰγύπτου καὶ Λιβύης, die ἀπολογία πρὸς τὸν βασιλέα Κωνστάντιον, die ἀπολογία περὶ τῆς φυγῆς αὐτοῦ, fünf Briefe an den Bischof Serapion von Thmuis und einen an ägyptische Mönche (historia Arianorum ad monachos), vier λόγοι κατὰ Ἀρειανῶν und einen Brief περὶ τῶν γενομένων ἐν τῇ Ἀριμίνῳ τῆς Ἰταλίας καὶ ἐν Σελευκείᾳ τῆς Ἰσαυρίας συνόδων (359), meist mit geschichtlichem Material, nur in den vier letzten Serapionbriefen und in den vier Büchern wider die Arianer durchaus mit dogmatischen und biblisch exegetischen Mitteln seine Haltung rechtfertigend und die Heterodoxen bekämpfend. 362, nach seiner Rückkehr, ist der τόμος πρὸς τοὺς Ἀντιοχεῖς entstanden.

Mit Vorliebe, aber nicht gerade glücklich, hat A. die Auslegung biblischer Schriften alten und neuen Testaments betrieben; ein umfänglicher [1938] Psalmencommentar ist erhalten, von anderen exegetischen Schriften nur Bruchstücke. Sehr vieles von seinen Werken ist verloren gegangen; immer wieder werden von Zeit zu Zeit, auch in fremden Sprachen, Überreste von seiner Hand aufgefunden; eine grössere nur lateinisch vorhandene Schrift liber de trinitate et spiritu sancto wird nicht blos von den Maurinern für echt athanasianisch erklärt. Sehr vieles freilich ist bona oder mala fide mit dem Namen des A. etikettiert worden; die dubia und spuria füllen in der Maurinerausgabe den ganzen 2. Band. Mit grösstem Nachdruck ist neuerdings von H. Weingarten Ztschr. für Kirchengesch. I 10ff. eine Schrift, die schon Hieronymus als athanasianisch bezeugt, diesem abgesprochen worden: βίος καὶ πολιτεία τοῦ ὁσίου πατρὸς ἡμῶν Ἀντωνίου. Aber wie schon K. Hase (Jahrb. f. prot. Theol. 1880, 418) erkannt hat, liegen keine ausreichenden Gründe vor, diese für die Geschichte der Ursprünge des Mönchtums grundlegende Urkunde einem späteren Unbekannten zuzuschreiben; nach dem Zeugnis des Vorberichts zu den Festbriefen hat Antonios auf der Seite des A. gestanden, und, mag an dieser Heiligenbiographie noch so vieles romanhaft sein, sie entspricht in der Form, wie im Inhalt durchaus der Art des A.

Unter den Ausgaben der Opera S. Athanasii ist die berühmteste die von B. de Montfaucon besorgte der Mauriner in zwei Bänden Paris 1698. Montfaucon selber hat noch erhebliche Ergänzungen zu seiner Edition veröffentlicht; diese sind mit aufgenommen in die Opera S. Athanasii von Giustiniani Patav. 1777 (vier Folianten) und, wiederum um einige Stücke vermehrt, in den Abdruck bei Migne Patrol. graeca t. XXV—XXVIII. Ausser den trefflichen Einleitungen der Benedictiner und den fleissigen Forschungen bei Tillemont Mémoires VIII vgl. Fr. und P. Böhringer Der h. Athanasius in Die Kirche Christi und ihre Zeugen² VI 1. 2, 1874. Harnack Dogmengeschichte II. Viele Berichtigungen der gangbaren Datierungen bei Gwatkin Studies of Arianism 1882. Wegen der Prolegomena, Anmerkungen und Indices ist von hohem Wert A. Robertson Select writings and letters of A., bishop of Alex. in Nicene and Post-Nicene Fathers II. Series vol. IV Oxford u. New York 1892.