RE:Aëdon 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 467474
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Aëdon (Ἀηδών). 1) Die Hauptperson eines alten Tiermärchens, das mehrfach umgestaltet und früh in die Heroensage aufgenommen, in den überlieferten Formen ein schwieriges Problem der Mythenforschung darstellt.

Ia. Westgriechische Version (Ἀηδών, Ἤτυλος [Ἀήτυλος], Ζήτης). Eustathios (zu Od. XIX 517) verweist auf eine γραφὴ παλαιά, welche als Gemahl der A. nicht wie Homer den thebanischen Heros Zethos, sondern den Boreaden Zetes, als sein und der A. Kind nicht Ἴτυλος, sondern Ἤτυλος nannte. Den Namen Zetes führte der Verfasser auf Ζαήτης, aus ζα und ἀήτης (ebenso Et. Mag. s. Ζήτης und Schol. Pind. Pyth. IV 324), dem entsprechend den Namen Ἤτυλος auf Ἀήτυλος zurück. Das sieht wie etymologisierende Willkür aus, hat aber doch eine Grundlage in der Sagenüberlieferung. Denn in der Chrestomathie des Helladios (Phot. bibl. p. 531 Bekker) finden wir dieselben Namen in einer ganz eigenartigen Aëdonsage wieder, deren Kern sich als eine beachtenswerte Localüberlieferung zu erkennen giebt. Nach Helladios nämlich war Zetes, der Sohn des Boreas, mit A., der Tochter des Pandareos von Dulichion, vermählt, beider Kind Aetylos (Photios giebt Ἄκτυλος, was schon Meursius nach Eustathios berichtigt hat). A. wähnt ihren Gemahl im Ehebruch mit einer Hamadryade. Von Eifersucht erfasst und zugleich im Glauben, dass Aetylos der Treulosigkeit des Vaters Vorschub leiste, tötet sie den von der Jagd heimkehrenden Sohn. Von dem Eingreifen des Zetes erfahren wir leider nichts. Photios schliesst sein kurzes Referat mit der Angabe, dass Aphrodite die unglückliche A. aus Erbarmen in die Nachtigall verwandelt habe; μεταγνοῦσα δὲ ἡ πάλαι μὲν γυνὴ νῦν δ’ ὄρνις Θρηνεῖ τὸν παῖδα λύσιν οὐχ εὑρίσκουσα τοῦ τολμήματος. Nach Abzug jüngerer Zuthat (der Zorn über den vermeintlich mitschuldigen Sohn stammt von einem Spätling, dem die Motivierung durch Eifersucht nicht genügte) ergiebt sich als wertvoller Bestand alter Sage: des Pandareos Localisierung in Dulichion, die Begründung des Kindsmordes durch Eifersucht, die Figur des Zetes. Der Name des Kindes, Etylos oder Aëtylos, ist vermutlich nur dem Ζαήτης zuliebe aus Itylos umgemodelt. Der Schauplatz der ehelichen Tragödie ist nicht genannt, natürlich ist es, ihn nicht zu weit von Dulichion entfernt zu suchen. Und da ist jene Überlieferung beachtenswert, welche die Boreaden im Gebiet der westgriechischen Inseln auftreten lässt: nach Hesiod (fr. 211 Göttl.) rufen Zetes und Kalais bei der Verfolgung der Harpyien den Zeus Aineios an, der nach Kephallenia gehört (Schol. Ap. Rh. II 297), das Ziel der Verfolgung aber sind nach Apollodor bibl. I 9, 21 die Echinaden, die in der Ilias (II 625) mit Dulichion, der Heimat unseres Pandareos, in enger Beziehung erscheinen.

Ib. Boeotisch-kleinasiatische Version (Ἀηδών, Ἴτυλος, Ζῆθος). Angedeutet ist dieselbe in den an der überlieferten Stelle sehr ungeschickt angebrachten, an sich aber poetisch wie mythologisch wertvollen Versen Odyss. XIX 518–24. [468] Der Verfasser derselben wusste, dass A. Tochter des Pandareos und mit Zethos vermählt war; er wusste ferner, dass A. ihr Kind Itylos δι’ ἀφραδίας mit dem Erze getötet hatte und dann in die Nachtigall verwandelt worden war, um alljährlich zur Frühlingszeit in melodieenreichem Gesang die Klage um Itylos zu erneuern. Was hier für kundige Hörer mit wenigen Strichen angedeutet wird, bot in genauer Ausführung Pherekydes (fr. 102 Müller mit der Zurechtstellung bei Thrämer Pergamos 7ff.; das zu dem kurzen unter Pherekydes Namen überlieferten Schol. V zu Od. XIX 518 aus dem längeren Schol. V und aus Eustathios als gleichfalls pherekydeisches Gut heranzuziehende erscheint im folgenden in eckigen Klammern): „Zethos von Theben vermählt sich mit A., der Tochter des Pandareos [von Milet], und erzeugt mit ihr das Geschwisterpaar Itylos und Neïs. A. beneidet ihre Schwägerin [Hippomedusa], die Frau des Amphion, um deren grösseren Kinderreichtum, sechs Sprösslinge gegen nur zwei. [Nun wachsen Amaleus, des Amphion Sohn, und Itylos zusammen auf und teilen sogar nachts dasselbe Lager. A. beschliesst die Tötung des Amaleus und weist, um im Dunkel der Nacht sicher zu gehen, ihrem Sohne die innere Seite der gemeinschaftlichen Lagerstätte an. Itylos aber befolgt die Weisung nicht und] A. tötet in dem die Aussenseite einnehmenden Schläfer ahnungslos das eigene Kind. Zeus legt ihr eine Busse auf und verwandelt sie auf ihre Bitte in den gleichnamigen Vogel, dessen klagender Gesang ihr Leid um Itylos verewigt“. Auch das Schicksal der Tochter Neïs hat Pherekydes erzählt, wir erfahren aber nur, dass er das neitische Thor Thebens nach ihr benannt sein liess (Schol. Eur. Phoen. 1104, nachzutragen zu Müller fr. 102). Gar nichts verlautet von der Rolle, welche Pherekydes dem Zethos zuwies. In dem von diesem Logographen unabhängigen Schol. B zur genannten Odysseestelle verfolgt Zethos die Kindsmörderin, bis sie in den Vogel verwandelt wird (das Kind heisst hier irrtümlich Itys). Pausanias (IX 5, 9) weiss von Verfolgung nichts, lässt dafür abgeschmackter Weise den Zethos vor Kummer sterben. Übrigens ist für ihn der A. kinderreichere Schwägerin Niobe (vgl. auch die Scholien zur Odyssee). Das ist eine Anlehnung an die Tragödie. Wenn aber letztere Niobe zur Gattin des Amphion gemacht hat (vgl. Thrämer Pergam. 9), so hat sie A. fallen lassen und als Ersatz ihre Doppelgängerin Prokne auf die Bühne gebracht. Die oben für Pherekydes vorausgesetzte milesische Herkunft des Pandareos kennt auch Pausanias (X 30, 1), doch ist ihm Pandareos Bewohner des kretischen Milet. Ein junger Spross der Version Ib erscheint endlich bei Eustath. p. 1875, 20 Rom.; danach tötet A. zuerst den Amaleus und dann, um der Rache ihrer Schwägerin zuvorzukommen, ihren eigenen Sohn.

Die eheliche Verbindung der A. mit Zethos ist das Ergebnis einer relativ jungen Verknüpfung ganz heterogener Elemente. Apollodor III 5, 6, 1 nennt als Zethos Gattin Thebe, die Tochter des Asopos (Paus. II 5, 2), nach Zeus Willen ἁγεμόνα πόλιος φιλαρμάτου (Pind. Isthm. 8, 21). Das ist für den thebanischen Heros jedenfalls [469] eine passendere Gattin als die den Waldesduft des Märchens athmende A. Gemahl letzterer war in Version Ia Zetes und wir werden sehen, dass dieser Anspruch erhebt zum ursprünglichen Personal des Märchens zu gehören. Vermutlich ist nur der Namensanklang von Zetes an Zethos die Veranlassung gewesen A. in das Bereich der thebanischen Heroensage hineinzuziehen.

II. Die Nachtigall in megarischer und phokischer Sage (Πρόκνη, Ἴτυς, Τηρεύς, Φιλομήλα). A. und Prokne lassen sich wissenschaftlich nicht getrennt behandeln, doch nötigt uns der lexikalische Gesichtspunkt, hier von der Proknesage nur die Hauptmomente heranzuziehen.

a) Megarische Version. Der megarische Heros Pandion hat zwei Töchter, Prokne und Philomela. Prokne ist an Tereus, den Gebieter des megarischen Pagai, vermählt und von ihm Mutter des Itys. Tereus vergewaltigt seine Schwägerin Philomela, beide Schwestern setzen aus Rache den zerstückelten Itys dem Tereus zum Mahle vor; dieser verfolgt die Mörderinnen und giebt sich, da er sie nicht erreichen kann, zu Megara selbst den Tod. Alsbald errichten ihm die Bewohner ein Grabmal und bringen an demselben alljährlich Totenopfer dar. So weit erscheint Tereus als regelrechter Heros, allein der Zusatz καὶ τὸν ἔποπα ἐνταῦθα φανῆναι πρῶτον λέγουσι zeigt, dass an dem Heros eine Verwandlungssage haftete und die Megarer für die Art derselben die Priorität in Anspruch nahmen. Von den beiden Frauen meldet die Quelle, dass sie auf ihrer Flucht nach Athen (dies Local in megarischer Sage natürlich nur interpoliert) kamen und nach eigenem Wunsche in Nachtigall und Schwalbe verwandelt wurden. Pausanias I 41, 8. 9 und dazu Hiller v. Gärtringen Graecor. fab. ad Thrac. pert. p. 48f. Man beachte, dass noch eine zweite Vogelmetamorphose, die Geschichte von Nisos und Skylla, auf megarischem Boden spielt.

b) Attische aus megarischer und phokischer Überlieferung combinierte Version. Sie zeigt gegenüber IIa Gleichheit der Personen und der Handlung, aber veränderte Örtlichkeiten; Pandion ist zum König von Athen geworden, Tereus thrakischer Herrscher in Daulis. Die Geschichte verläuft wie bei IIa (von den reichlicher überlieferten Einzelheiten sei nur hervorgehoben, dass Tereus der geschändeten Philomela, um ihres Schweigens sicher zu sein, die Zunge ausreisst); der Schluss ist etwas verändert: Tereus verfolgt die Schwestern und im Augenblick, wo er sie erreicht, werden alle drei in Vögel (Nachtigall, Schwalbe, Wiedehopf) verwandelt. Grundlage dieser Version ist der Tereus des Sophokles (Welcker gr. Trag. I 384ff.), als Schauplatz der Handlung wird in den Fragmenten nur die γῆ ξένη (516) der rosseliebenden Thraker (523) erwähnt, anderweitige Zeugnisse (Thukyd. II 29. Strab. IX 423. Konon narr. 31. Pausan. X 4, 8. 9) nennen bestimmt das von Thrakern bewohnte Daulis am Parnass. Auch bei Apollodor (III 14, 8), der Tereus im eigentlichen Thrakien ansetzt, ist Daulis doch noch Ziel der Verfolgung und Stätte der Verwandlung, bei Ovid dagegen (Met. VI 490. 587. 589) ist der Schauplatz völlig nach Grossthrakien verlegt; vgl. unten [470] IIc. Die grosse Übereinstimmung zwischen der megarischen und attischen Version beweist, dass letztere der ersteren nachgebildet worden ist; wenn aber in der attischen das megarische Pagai durch das phokische Daulis ersetzt wurde, so ist anzunehmen, dass auch an letzterer Stätte seit Alters eine Sage von der Nachtigall und Schwalbe existierte. Diese Annahme wird durch die Thatsache gestützt, dass das Gebiet von Daulis, auch heute noch ein Lieblingsaufenthalt der Nachtigall, bei griechischen Dichtern diesem Vogel den Namen Δαυλιὰς ὄρνις eingetragen hat. Thukyd. II 29: πολλοῖς τῶν ποιητῶν ἐν ἀηδόνος μνήμῃ Δαυλιὰς ἡ ὄρνις ἐπωνόμασται. Wenn wir nach solchen Dichtern Umschau halten, so bietet sich aus vorsophokleischer Zeit nur Ein Zeugnis, Hesiod, wahrscheinlich der Dichter der Kataloge (fr. 208 Göttl.). Derselbe liess die Nachtigall völlig, die Schwalbe zur Hälfte des Schlafes entbehren. Aelian, dem wir das Fragment verdanken, führt als Grund „das ruchlose Mahl in Thrake“ (d. h. Daulis) an, und wir haben keinen Grund mit Hiller v. Gärtringen (a. a. O. 47) zu argwöhnen, dass Hesiod ein anderes Local im Auge hatte. Damit wäre ein älterer Zeuge für Daulis als mit Megara concurrierende Stätte der Proknesage gewonnen. Nun kennt auch der Dichter der Werke und Tage, wie seine Πανδιονὶς χελιδών (568; vgl. Sappho fr. 88 Bergk) beweist, die Sage von Prokne und Philomela. Es mag dahingestellt bleiben, ob für ihn Pagai oder Daulis der Schauplatz war; wenn letzteres, so wäre in Daulis ein mit Megara concurrierender Pandion gegeben. Soviel ist sicher, dass in Daulis eine der megarischen verwandte Nachtigallensage heimisch war. Man vergleiche auch die von Pausanias (X 4, 9) verzeichnete Merkwürdigkeit, dass das Gebiet von Daulis von der Schwalbe gemieden werde, ein Phänomen, das in der Localüberlieferung auf die ruchlose That des Tereus zurückgeführt wurde.

In beiden Formen der Proknesage (IIa und b) lassen sich die auftretenden Personen aus der heroischen Verkleidung leichter als bei Ia und b loslösen, denn die beibehaltene Verwandlung der drei Hauptbeteiligten in Nachtigall, Schwalbe und Wiedehopf spricht noch deutlich genug für ihre Herkunft aus dem Tiermärchen. In der attischen Version ist freilich das Thrakertum des Tereus störend. Doch scheint hier Tereus lediglich dadurch zum Thraker geworden, dass einerseits die Sage in der Nachbarschaft von Daulis Thraker kannte (Ephor. fr. 30 Müller. Aristot. fr. 223 [596] Didot), andrerseits der griechische Name (vgl. unter IV) Τηρεύς an den thrakischen „Teres“ anklang. In der megarischen Version ist von thrakischer Herkunft des Tereus nichts zu erkennen.

c) Eine sehr merkwürdige Behandlung der Proknesage liegt bei Hygin (fab. 45, nach einer griechischen Tragödie, ich vermute dem Tereus des Karkinos) vor. Heimat der Schwestern ist hier Athen, Schauplatz Grossthrakien. Die Verwandlungen weichen absonderlich ab, Prokne wird zur Schwalbe, Philomela zur Nachtigall (diese Vertauschung der Rollen erscheint auch in späteren Sprossen von IIb; vgl. Welcker Gr. Trag. I 374, 2), Tereus aber zum Habicht (accipiter), [471] letzteres ein Überrest aus der Sphäre des Tiermärchens, auf den wir unter IV zurückkommen.

III. Kleinasiatische Version (ηδών, Ἴτυς, Πολυτέχνος, Χελιδών). Die überlieferte Form, ein Product des hellenistischen Zeitalters (Boios bei Anton. Liberal. c. 11), contaminiert die Versionen I und II, enthält aber auch Züge einer eigenartigen kleinasiatischen Nachtigallensage: Pandareos (I) haust auf dem Preon bei Ephesos und ist von Demeter mit unverwüstlichem Appetit begabt. Seine Tochter A. (I) verbindet sich mit Polytechnos von Ephesos, einem geschickten Zimmermann, zu glücklicher Ehe; beider Kind ist Itys (II). Ein dürftig motivierter Wettstreit der Gatten, als dessen Preis eine Sklavin bestimmt wird, fällt zu Ungunsten des Polytechnos aus. Im Zorn beschliesst er seine Schwägerin Chelidon (vgl. Philomela in II) der Schwester als Sklavin zuzuführen, holt sie unter falschen Vorspiegelungen aus Ephesos ab, vergewaltigt sie unterwegs (IIa und b) und erzwingt durch Drohungen (Abschwächung von IIb) ihr Schweigen. Chelidon dient unerkannt im Hause der Schwester, wird aber, als sie an einer Quelle einsam ihr Leid klagt, von A. belauscht. Folge ist wie bei II das Itysmahl. Die Schwestern flüchten sich nach Ephesos ins Vaterhaus. Polytechnos verfolgt sie, wird aber von den Dienern des Pandareos gefesselt, mit Honig bestrichen und auf eine Wiese geworfen, wo ihn Fliegen quälen. In plötzlicher Anwandlung von Mitleid wehrt jetzt A. dem Gatten die Fliegen ab, wird dafür von Eltern und Bruder mit dem Tode bedroht, Zeus aber, „um grösseres Unheil zu verhüten“, verwandelt alle in Vögel, A. in die Nachtigall, Chelidon in die Schwalbe, Polytechnos in den Specht (πελεκάν), Pandareos in den Seeadler, seine Frau in den Meereisvogel, den Bruder der A. in den Wiedehopf. Den in der Nachtigallensage so vielbesungenen Hopf mochte Boios nicht missen, konnte ihn aber nur mit einer seiner Nebenpersonen in Verbindung bringen, da in ephesisch-kolophonischer Überlieferung die Hauptperson (Polytechnos) offenbar auf den Specht zugeschnitten war. Die Motivierung letzterer Verwandlung bei Boios ist sehr einfältig (ὅτι Ἥφαιστος αὐτῷ πέλεκυν ἔδωκεν τεκταίνοντι), die Verwandlung selbst ein höchst beachtenswertes Merkmal aus ionischer Localüberlieferung. Die Verwandlung des Pandareos in der ἁλιαιετός erinnert an die Nisossage, überhaupt wird man die Metamorphose auch all der Nebenpersonen dem Verfasser der Ornithogonie auf Rechnung setzen können.

IV. Die Überreste des Märchens. Da die Sage im Gewande der Heroisierung sich scharf in die Versionen I und II sondert, so ist anzunehmen, dass auch schon das Märchen in zwei Fassungen erzählt wurde. Zunächst wenden wir uns zu den auftretenden Personen. Unter ihnen ist der Vater (Pandareos bezw. Pandion) an der Handlung nicht beteiligt, sondern nur genealogischer Hintergrund. Beide Namen klingen aneinander an und werden von Roscher (Berl. phil. W.-S. 1884, 1544) für im Grunde identisch erklärt (Πανδ-άρεως = Πανδ-ίων), sie sind aber etymologisch dunkel und es bleibt ungewiss, [472] ob die Figur überhaupt aus dem Märchen stammt und nicht etwa erst bei dessen Heroisierung hinzugekommen ist. Charakterisiert ist Pandareos in der späten Version III durch seinen unstillbaren Heisshunger und durch die Verwandlung in den Meeradler. Das sieht auf den ersten Blick wie Gut des Tiermärchens aus; allein der Heisshunger ist nach Boios eine Gabe der Demeter und damit weist ihr Träger aus dem Tiermärchen hinaus in die Sphäre chthonischer Dämonen (vgl. den Erysichthon der thessalischen Sage). Pandion seinerseits sitzt in der megarischen Heroensage so fest, dass er von Hause aus dieser anzugehören scheint. A. hat in Namen und Metamorphose die Herkunft aus dem Märchen klar bewahrt. Prokne und Philomela desgleichen: Prokne, verwandt mit περκνός, bezeichnet die Nachtigall nach ihrem mischfarbigen Gefieder (vgl. χλωρηῒς ἀηδών Od. XIX 518; ἀηδόνα ποικιλόδειρον Hesiod ἔργα 203); Philomela hat ihren Namen von der Neigung der Schwalbe an Ställen zu nisten (vgl. Eustath. zu Il. XVI 180). [Wenn Curtius (gr. Etym.⁵ 275) Prokne als „die bunte Schwalbe“ fasst, so steht er unter dem Bann der jungen Sagenumgestaltung, welche die Rollen von Prokne und Philomela vertauscht hat (o. S. 470, 64); parallel ging Welckers unglücklicher Versuch im Ep. Cycl. I² 257, 451 Φιλομήλα als ursprüngliche Bezeichnung der Nachtigall von μέλος herzuleiten]. Itylos und Itys (Aetylos fällt als spielende Umbenennung) sind identisch, nach der Auffassung der Alten ist der Name onomatopoetisch, nach dem Schlag der Nachtigall gebildet (Aeschyl. Ag. 1146. Soph. El. 147. Arist. av. 212 etc.), nach der Sprachvergleichung mit ἴταλος, vitulus, vatsas zusammenzustellen, also „das (heurige) Junge“. Die Wagschaale schwankt zwischen beiden Erklärungen. Unter den als Gemahl der Nachtigall auftretenden Figuren wurde Zethos als Eindringling aus der Heroensage bereits eliminiert (o. S. 469). Ehe wir die Namen Zetes und Tereus prüfen, wenden wir uns der Handlung zu. Deutlich ist von vorne herein, dass die auftretenden Personen schon vor ihrer Verwandlung nach den Eigenschaften der Vögel, zu denen sie schliesslich werden, charakterisiert sind. Nun ist in allen Versionen (mit Ausnahme der pherekydeischen, am stärksten umgestalteten, oben Ib) ein feindliches Verhältnis des Gemahls zur Gattin oder zu Gattin und Schwägerin durchgeführt. Die blutige That ist ein Racheakt (Ia. II. III), an den sich die Verfolgung durch den Vater des getöteten Kindes schliesst (II und III; bei Ia ist dieser Zug vielleicht nur durch das flüchtige Referat des Photios unterdrückt, bei Ib ist er wenigstens durch das Schol. B zu Od. XIX 518 bewahrt). Fassen wir nun den Gemahl der Nachtigall ins Auge. Nach Version II wird er in den Wiedehopf, nach Version III in den Specht verwandelt. Die Alten, welche die Parallele zwischen dem menschlichen Vorleben und dem Verhalten der Vögel durchzuführen suchen, sind mit Erklärungen für den Wiedehopf zur Hand: in seinem Rufe (ποῦ, ποῦ) liege noch das Suchen nach dem Schwesterpaar (Tzetzes Chil. VII 479. Eustath. zu Od. XIX 518). Oder man fand ihn zur Rolle des Märchens passend wegen seines kriegerischen [473] Aussehens (Helmbusch und langer, spitzer Schnabel; Aeschyl. [d. h. Sophokl.] fr. 305 Dind.). Konon (narr. 31) behauptet sogar, Tereus lasse auch in der Verwandlung nicht vom Zorn, sondern verfolge noch als Hopf unaufhörlich Nachtigall und Schwalbe. In Wirklichkeit aber ist der Hopf einer der ängstlichsten Vögel, den schon eine vorüberstreichende Schwalbe erschreckt (Brehm). So schlechte Naturbeobachtung ist den alten Erfindern des Märchens nicht zuzutrauen, hinter dem Hopf muss sich ein wirklicher Feind der beiden lieblichen Frühlingsboten verbergen. Als solchen den Sperber (κίρκος) erkannt zu haben, ist das Verdienst Oders (Rh. Mus. XLIII 541ff.). Die Hereinziehung des Hopfes hängt mit dem merkwürdigen griechischen Volksglauben zusammen, dass der κίρκος sich in den Wiedehopf verwandelt (Sophokl. im Tereus = Aeschyl. fr. 305D.), einem Glauben, der sich nicht auf diese beiden Ordnungen der Vogelwelt beschränkt. Oders treffende Ausführungen können nur in dem einen Punkt keine Zustimmung finden, dass der Hopf zu Sophokles Zeit ein noch wenig bekannter Vogel gewesen und kaum vor dem 5. Jhdt. in die Nachtigallensage aufgenommen sein soll (a. a. O. 546); der Hopf ist ein Zugvogel wie Nachtigall und Schwalbe, also den Griechen nicht später als diese bekannt geworden. Seine Hineinziehung in das Tiermärchen ist zeitlich nicht zu fixieren, der Anstoss zu derselben scheint von Megara ausgegangen zu sein (oben unter IIa). Nachdem in der Verkleidung des Hopfes als feindlicher Gemahl der Nachtigall ein Vogel der Ordnung Falco erkannt ist (oben IIc ist überdies das echte Substrat, der accipiter, rein erhalten), wird man in seinem Namen Tereus (mit dem Thraker Tereus haben wir uns oben S. 470 abgefunden) eine charakteristische Bezeichnung des Raubvogels suchen. Die Alten hörten aus Τηρεύς den Stamm τηρεῖν heraus (Schol. Aristoph. av. 102. Etym. magn. s. Τηρεύς), wir glauben mit Recht, denn der aus den Lüften nach einem Opfer herablauernde Sperber ist in der That ein τηρητὴς κατ’ ἐξοχήν. Das Verhältnis zwischen dem Sperber und den kleinen Singvögeln spiegelt sich klar im Verfolger des Märchens, sehr stark auch noch in dem Zuge wieder, dass Tereus der vergewaltigten Philomela die Zunge ausreisst.

Wir kommen jetzt zur Aëdonsage. In der westgriechischen Version (Ia) beschränkt sich die Verwandlung auf A., vom Schicksal des Zetes erfahren wir gar nichts; das ist aber wohl nur auf Rechnung des flüchtig referierenden Photios zu setzen und anzunehmen, dass Zetes bei Helladios die Gattin verfolgte und schliesslich wie sie verwandelt wurde. Nun war nach Helladios Zetes des Boreas Sohn, also der bekannte Heros der Argonautensage. Als solcher fällt er aus dem Rahmen des Tiermärchens heraus. Es fragt sich indes, ob die beiden Boreaden mit Recht als Heroen (oder genauer zu Heroen herabgesunkene Windgötter) gelten und nicht vielmehr ursprünglich Märchenfiguren sind. Setzt man als ihr Substrat einen οἰωνός, so konnte derselbe nach seinem raschen Fluge und Stoss sehr gut „Kind des Boreas“ genannt werden, was dann bei der Heroisierung „Boreaden“ ergab. Und bietet das Nachtigallenmärchen nicht gerade in der [474] Rolle, als deren ursprünglichen Träger wir den Falken erkannt haben, den Boreaden Zetes? Auch sein Name fügt sich gut zu unserer Vermutung, da er sich ungezwungen vom Stamme ζη (δί-ζη-μαι = δι-δjη-μαι Curtius griech. Etym.⁵ S. 626) ableiten lässt und dem „Belauerer“ Tereus den „Späher“ Zetes an die Seite stellt. Demnach scheint Zetes in der That eine echte Figur unseres Tiermärchens zu sein.

Übrig ist der Specht der ephesischen Sage (Version III). Von ihm gilt das Gleiche wie vom Wiedehopf, denn im Naturleben kümmert sich der Specht um Nachtigall und Schwalbe nicht im geringsten. Sollte er seine Aufnahme in die Nachtigallensage etwa einem ähnlichen Spiel der Volksphantasie verdanken, wie es bei dem Hopf zu Tage trat? Diesen hat sein suchender Ruf ποῦ, ποῦ zum Stellvertreter des Märchengemahls Kirkos geeignet gemacht. Der Baumkletterer seinerseits mit seinem klopfenden Suchen im Walde, das ihm seinen deutschen Namen Specht (Grimm D. Myth.² 1222), vielleicht auch den lateinischen picus (Corssen Ausspr.² I 379) verschafft hat, ist zu jener Rolle ebensogut geeignet. Nun zeigt die ephesische Version durch die Namen A. und Pandareos einen ursprünglichen Zusammenhang mit der Version von Dulichion und an der Stelle des Spähers Zetes den Späher πελεκάν. Die Vermutung drängt sich auf, dass beide in dem gleichen Verhältnis zu einander stehen wie der κίρκος zum ἔποψ.

Zum Schluss eine Bemerkung über die That der Nachtigall. Seltsam ist vom Standpunkt des Märchens das Tereusmahl. Wir wollen nicht mit Oder (Rh. Mus. XLIII 550) auch noch den Kukuk heranziehen, wodurch die Verwickelung erhöht und doch keine glatte Erklärung gewonnen wird. Die Aëdonsage weiss von dem ruchlosen Mahle nichts, sondern kennt nur den einfachen Kindsmord (aus Eifersucht oder aus Neid). Vermutlich ist hierin die ursprüngliche Handlung des Märchens bewahrt, das Tereusmahl aber, wie schon Hiller v. Gärtringen (a. a. O. S. 47) befürwortet hat, erst in Nachbildung des Thyestes- oder Tantalosmahles der Nachtigallensage von aussen zugebracht worden.