RE:Apollonios 71

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 126134
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II. Litterarische Persönlichkeiten.

71) Der Epiker Apollonios, Sohn des Silleus (oder Illeus) und der Rhode, aus Alexandreia (und zwar aus der Phyle Ptolemais) gebürtig, nannte sich nach seinem späteren Wohnsitz Rhodier (Strab. XIV 655. Vit. I. II. Suid.). Gegenüber diesen bestimmten Angaben verdient die vereinzelte Notiz, dass Naukratis sein Geburtsort gewesen sei (Ath. VII 283d = Ael. nat. an. XV 23: Ἀ. ὁ Ῥόδιος ἢ Ναυκρατίτης), keinen Glauben; doch lässt sein Gedicht Ναυκράτεως κτίσις (s. u.) auf Beziehungen zu dieser Stadt schliessen. Über sein Leben besitzen wir ausser dem kurzen Artikel bei Suidas zwei Vitae (Westermann Biogr. 50, jetzt am besten in den Schol. zu den Argon. 532. 534 K.), die aus gemeinsamer Quelle stammend leider sehr verkürzt (u. a. fehlt die Schriftentafel) auf uns gekommen sind. Die erste ist die relativ bessere. Danach wandte sich Α., nachdem er seine Studien bei Kallimachos gemacht hatte, erst spät der Poesie zu und geriet in einen heftigen litterarischen Streit mit seinem Lehrer. Noch in jugendlichem Alter las er sein Heldengedicht, die Argonauten, in Alexandreia vor, erntete aber nur Hohn und Spott der andern Dichter und begab sich infolge dieser Ablehnung nach Rhodos, wo er mit der Überarbeitung seines Epos grossen Beifall fand, so dass er sich in seinen Gedichten fortan als Rhodier bezeichnete. Er gründete daselbst eine Schule und erwarb das rhodische Bürgerrecht. Der zweite Biograph bemerkt fälschlich, dass A. Rhetorik gelehrt habe (Verwechslung mit A. Molon, Dilthey bei Linde De divers. recens. Apoll. Rhod. Argonaut. 51), ebenso verkehrt ist der Zusatz (τίνες δέ φασιν u. b. Suid.), dass er später nach Alexandreia zurückgekehrt sei und mit seinem (aufs neue überarbeitetem) Gedicht so grossen Beifall gefunden habe, dass er zum Vorsteher der Bibliothek ernannt sei; seine Leiche sei neben der des Kallimachos beigesetzt worden (über die chronologische Unmöglichkeit s. Susemihl Gesch. d. alex. Litt. I 385). Aus allgemeinen Erwägungen lässt sich die Geburt des A. etwa 295/93 fixieren, der Streit mit Kallimachos etwa 265–260 (sicherlich nicht über 260 hinaus, vgl. Gell. XVII 21, 41; anders Wilamowitz Nachr. d. Gött. Ges. d. Wiss. 1893, 745). Es ist nicht wahrscheinlich, dass ein von so umfassenden Studien zeugendes, gelehrtes Epos – selbst wenn man nur an die beiden ersten Bücher denkt – von einem Jüngling gedichtet ist, und so trägt die Angabe in Vit. Ι ὀψὲ δὲ ἐπὶ τὸ ποιεῖν ἐτράπετο die Beglaubigung in sich. Die dem widerstreitende Fortsetzung: τοῦτον λέγεται ἔτι ἔφηβον ὄντα ἐπιδείξασθαι τὰ Ἀργοναυτικά u. s. w. verrät schon durch die Form (λέγεται) Herkunft aus anderer Quelle, worin der sehr bedeutsame Principienstreit auf das Niveau der persönlichen Intrigue hinabgedrückt ist (Verbesserungs- und Erklärungsversuche [127] bei Linde 14, der zuerst den Widerspruch erkannt hat; danach Susemihl I 384, anders Maass Aratea 336). Dass sich der Streit in der angegebenen Folge abgespielt hat, ist nicht zu bezweifeln. Die brennende Frage in Alexandreia war damals, ob man in der Weise des alten kyklischen Epos weiter dichten sollte, oder ob es möglich war, die Poesie aus den ausgetretenen Geleisen in eine neue Bahn zu lenken. A. ist der (für uns einzig kenntliche) Hauptvertreter der ersten Richtung, die Kallimachos siegreich bekämpfte (s. Kallimachos. Wilamowitz Hom. Untersuch. 354. 368). In seinem Hauptwerke, den vier Büchern Aitia, hatte er sein Programm (Behandlung abgelegener Sagen in kleineren, höchst kunstvoll ausgeführten Elegien) niedergelegt, dem Vorwurfe, dass er kein grösseres einheitliches Gedicht zu schaffen im stande sei (frg. 287, vgl. Schol. hymn. in Apoll. 106), begegnete er durch die Hekale, deren Abfassung vor dem Epos des A. fällt. Die ältesten Citate (περὶ ὕψους 33 p. 54,18 J. Strab. XIV 655, vgl. Lukian. Demon. 21. Fronto de orat. p. 158 Nab.) führen auf den Titel ‚Argonauten‘, der also wohl der ursprüngliche ist. Allerdings bieten die beste Überlieferung und alle späteren Citate den allgemein üblichen Titel ‚Argonautica‘. Die beiden ersten Bücher sind sicher in Alexandreia (stückweise?) wohl in einem Agon recitiert, da Kallimachos im Hymnus auf Apollon 97ff., dessen gegen A. gerichtete Schlussverse den Gegner bereits in Rhodos voraussetzen, direct gegen die Darstellung des A. II 705ff. polemisiert; der Fusstritt des Apollon dürfte symbolisch für die Ausstossung aus dem alexandrinischen Kreise stehen. Auch Theokrit, der in den Thalysien einen allgemeinen, aber bezeichnenden Ausfall gegen A. macht (VII 45), liefert getreu nach den Vorschriften des Kallimachos in zwei Gedichten (Hylas [XIII] und den Dioskuren [XXII]) Gegenstücke zu dem Schluss des ersten und Anfang des zweiten Buches, in denen er die Ungeschicklichkeiten des Epikers im einzelnen verbessert (Knaack Herm. XXIII 137, nach Wilamowitz Andeutung für den Hylas nachgewiesen). A. verliess nun (da er die Schande vor seinen Mitbürgern und den Spott und Hohn der andern Dichter nicht ertrug, Vit. 1) Alexandreia und verfasste in Rhodos Buch III und IV, die, abgesehen von den metrischen Fortschritten (Beneke Progr. v. Bochum 1884, 18) und ihren besonderen Prooimien, schon dadurch eine spätere Abfassungszeit bekunden, dass der Dichter der Kritik seiner Gegner insofern Rechnung trug, als er auf die Zurechtweisung Theokrits (XXII 116 gegen I 22) die Musen, die er früher zu seinen Dienerinnen erniedrigt hatte, nunmehr in ihr Recht einsetzte (Usener bei Gercke Rh. Mus. XLIV 135, bes. bezeichnend IV 1381). Seinem Hauptgegner blieb er die Antwort nicht schuldig; in einem vielerörterten, sicher echten Epigramm (A. P. XI 275, Lemma zu VII 41, vgl. Finsler Krit. Unters. z. griech. Anth. 153. Wilamowitz a. a. O. 746 [hält es für einen Grammatikerscherz]), verhöhnte er seinen Lehrer und dessen Hauptwerk, die Aitien, auf das gröblichste. Auch ein anderes Epigramm, von dem freilich nur eine dürftige Kunde erhalten ist (Randnotiz zu Anton. Liber. 23 [128] Ἀπολλώνιος ὁ Ῥόδιος ἐν ἐπιγράμμασιν) scheint in diesen Zusammenhang zu gehören (Hecker Comm. crit. de Anth. Graec. I 19. (Knaack Jahrb. f. Philol. CXLIII 771); vielleicht enthielt die ganze Sammlung polemische Epigramme. Auf diese persönlichen Angriffe antwortete Kallimachos mit einem Spottgedichte auf seinen abtrünnigen Schüler, der Ibis (Suid. s. Καλλίμαχος. Reitzenstein Herm. XXVI 308), von dessen Inhalt die ovidische Dichtung gleichen Namens durchaus kein zutreffendes Bild giebt; die Phantasien der Neueren (zuletzt Ellis Prolegom. zu seiner Ausgabe der ovidischen Ibis XXXI) lässt man am besten auf sich beruhen. Die Replik des A. hat man in einer merkwürdigen Episode III 927–947 zu erblicken geglaubt, die nach dem Vorgange Merkels Rh. Mus. I 601; Prolegom. in Apollon. Rhod. XVIII von Linde 34 der zweiten Bearbeitung zugewiesen ist. In Wahrheit will A. die Erzählung der geschwätzigen Krähe in Kallimachos Hekale (Col. IV der Wiener Fragmente, vgl. frg. anon. 325 = Schneider Call. II 771) lächerlich machen (anders gefasst von Wilamowitz a. a. O. 744). Wie weit in diese für den Entwicklungsgang der alexandrinischen Poesie bedeutsame Fehde persönliche Dinge hineingespielt haben, lässt sich nicht mehr entscheiden; die im Laufe des Kampfes gesteigerte Erbitterung auf beiden Seiten erlaubt den Schluss auf eine tiefgehende Differenz der Charaktere des Lehrers und Schülers. Auch in metrischen Dingen (namentlich in der laxen Behandlung des Hiatus in Buch I und II) gestattete sich A. Freiheiten, an denen Kallimachos nimmermehr seine Freude haben konnte. Mit dem kyklischen Epos verwarf Kallimachos auf das entschiedenste die Lyde des Antimachos (frg. 74 b): A. nutzte sie stofflich (und auch wohl formell); allerdings gehörten auch begabte Dichter, wie Asklepiades (Α. Ρ. IX 63, parodiert von Kallimachos) und Poseidippos (A. P. XII 168) zu ihren Bewunderern. Kallimachos verabscheute den Archilochos (frg. 37a. 223): A. ahmte ihn nicht nur nach, sondern schrieb auch ein eigenes Werk über ihn (s. u.). Kallimachos behandelte die Rückfahrt der Argonauten in dem zweiten Buche der Aitien: A. suchte durch seine Darstellung des ganzen Argonautenzuges den Lehrer zu überbieten. Charakteristisch ist auch seine Nachahmung, soweit sie sich aus den spärlichen Fragmenten des Kallimachos entnehmen lässt. Auf das erwähnte Gedicht weist Α. II 1094 (~ Kall. frg. 113 b) hin, dann entlehnt er mehreres der Hekale (I 972 ~ Kall. frg. 44; 1115 ~ frg. 45), sogar einen ganzen Vers nimmt er unverändert herüber (I 1309 = Kall. frg. 212). Das ändert sich in Buch III und IV. Auch hier sind kallimacheische Verse imitiert, aber mit versteckter Polemik, die oft zum Teil nur in einer leisen Modifikation liegt (III 277 ~ Kall. frg. 46; 876ff. ~ Kall. Dian. 110; IV 217ff. ~ Hekal. col. 11f.; vgl. Weinberger Aus der Hekale des Kallimachos, Wien 1893, 17f., ganz anders Wilamowitz a. a. O. 744, der jede Polemik in den Argonautika bestreitet). Ersichtlich polemisch gegen eine kallimacheische Erzählung gewendet ist IV 1694–1730 (Knaack Callimachea [Progr. Stettin 1887] I). Kallimachos richtete im Epilog der Aitien, wie es scheint, an die Chariten [129] die Bitte, seinen Elegien langes Leben zu verleihen (frg. 121). A. wünscht sich zum Schlusse seines Epos von Jahr zu Jahr wachsendes Wohlgefallen seiner Leser (Gercke Rh. Mus. XLIV 249). Er machte (auf Rhodos) eine zweite Ausgabe der Argonauten (ἐπέκδοσις), deren Verhältnis zur ersten (προέκδοσις) wegen der dürftigen Angaben in den Scholien nicht ganz klar ist. Sicherlich verfehlt ist die von Merkel mit grosser Gelehrsamkeit verfochtene Annahme (Proleg. LXXI. XCIX), dass die von Aristophanes von Byzanz gewonnenen neuen Ergebnisse über den homerischen Sprachgebrauch den Dichter zu einer gründlichen Umarbeitung veranlasst hatten (die einzige durchschlagende Übereinstimmung mit Aristophanes [p. 22 N. = Schol. Hom. Od. XII 43] IV 902 schon bei Lykophr. Alex. 670, also aus gemeinsamer Quelle), vollends verkehrt ist seine Hypothese von einer dritten Ausgabe (Progr. von Schleusingen 1850 nach dem falschen Zusatz in Vit. II, dagegen Linde 14). Auffallender Weise wird die προέκδοσις nur sechsmal zum ersten Buche angeführt (Linde 21), wozu noch eine Notiz zu II 964 (Linde 30) und nach Meinekes Vermutung (Callim. p. 182) die unter dem Namen des Ammonios im Et. M. 588, 2 citierten Verse kommen (?). Linde (17, 32) stellt mit Berufung auf den von den Biographen gebrauchten Ausdruck ἐπιξέσαι eine tiefgreifende Umarbeitung wohl mit Recht in Abrede; die Änderungen an den acht Stellen sind allerdings nicht einschneidend. Nach alle dem ist wohl kein Zweifel, dass der Dichter in starrer Opposition gegen die Kunstprincipien des Kallimachos bis an sein Ende verharrend auf Rhodos gestorben ist. Von seiner Schule wissen wir nicht viel, doch scheint er immerhin einen Einfluss auf die grammatischen Studien auf Rhodos ausgeübt zu haben (Maass De Attali Rhodii fragm. Arateis, Ind. lect. Gryphisw. 1888). Die Fabel von seiner Rückberufung nach Alexandreia (Vit. II) dürfte aus einem Umschlag der Stimmung daselbst erwachsen sein, die bald nach dem Tode des Kallimachos eintrat. Während dessen Schüler Eratosthenes eine gerechtere Würdigung Homers anbahnte, versuchte Rhianos mit ersichtlichem Anschluss an A. das Epos in neuer Weise zu beleben (s. Rhianos und Usener bei Susemihl II 671). Aus dieser Zeit stammt das merkwürdige Gedicht XXV im theokriteischen Corpus, das auffallende Anklänge an A. zeigt (einige bei Brinker De Theocr. vita carminibusque subditiciis, Rostocker Diss. 1884, 66).

Kallimachos entschiedene Opposition gegen die Bestrebungen seines Schülers, die man früher als den Ausfluss persönlicher Verstimmung aufgefasst hat, ist durchaus berechtigt. Zwar gegen die Wahl des Stoffes, der bereits das Interesse des Hauptes der koischen Schule erregt hatte (Philetas ‚Telephos‘, dazu die Anspielung im ‚Altar‘ des Dosiadas) war nichts einzuwenden, hatte er doch selbst die Rückkehr der Argonauten besungen. Aber es war ein verfehltes Unternehmen des Α., den Homeriker zu spielen und zugleich im Geiste seiner Zeit eine gelehrte Periegese und eine sentimentale Liebesgeschichte in das Epos hineinzutragen. An der Verbindung dieser disparaten Elemente musste auch ein begabterer Dichter scheitern. Die Argonauten [130] entbehren aller epischen Handlung, Verwicklung und Peripetie fehlt fast ganz, und ihre Einheit besteht nur in dem chronologischen Verlaufe der Fahrt. Den Abenteuern der Sage ist der Reiz des Wunderbaren abgestreift, die einzelnen Begebnisse sind ungeschickt mit einander verknüpft und lassen sich ohne Schaden für das Ganze beliebig herauslösen, wie denn Theokrit in der Einzeldarstellung des Raubes des Hylas und des Kampfes zwischen Polydeukes und Amykos die beste Kritik geliefert hat. Die eigentlich handelnde Person ist nicht der Hauptheld Iason (wunderlich eingeführt I 8, Genaueres erst III 65), sondern Hera, die den Helden durch alle Gefahren hilft. An Sonderbarkeiten, Ungeschicklichkeiten und Widersprüchen ist kein Mangel, besonders schlecht versteht sich A. auf die Oekonomie in der Zeiteinteilung: manche Tage vergehen mit nichts, andere sind mit Ereignissen vollgepfropft (Volkmann Progr. v. Jauer 1875). Götter und Menschen sind gleich dürftig gezeichnet. Ausser Hera wird Apollon als Namensgeber des Dichters auffallend oft erwähnt, greift aber verhältnismässig selten ein. An den conventioneilen Verkehr am alexandrinischen Hofe erinnert der Besuch Heras und Athenes bei Aphrodite (III 1). Iason ist eine charakterlose schwankende Gestalt, die übrigen Argonauten sind meist unthätige Figuranten (nach homerischem Vorbilde, eigenartige Aufzählung I 23, vgl. Kaibel Herm. XXII 511), die Ansätze zu einer Charakterzeichnung (der renommierende Idas und der fromme Sänger Orpheus) recht schwach. Die Ruhmbegier der homerischen Helden und ihre naive Freude am Leben geht ihnen ab; es wird auffallend selten gegessen und getrunken (Volkmann a. a. O.). Nach den trockenen Relationen der beiden ersten Bücher überrascht das dritte Buch. Hier weiss A. in der Schilderung der Liebe Medeias und ihrer Seelenkämpfe ganz ungewohnte Töne anzuschlagen, freilich um im vierten Buche (der Rückfahrt der Argonauten) meist wieder in den trockenen Ton des Berichterstatters zu verfallen. Die Liebesleidenschaft Medeias ist ergreifend geschildert (allerdings hatte ihm die attische Tragödie bereits vorgearbeitet; der Pfeilschuss des Eros stammt wohl aus der Kydippe seines Lehrers), aber die Verschmelzung der Doppelnatur seiner Heldin als zaghafter Jungfrau und dämonischer Zauberin ist A. auch nicht gelungen. Die Darstellung ist sonst von entsetzlicher Nüchternheit; um sie zu beleben liebt es der Dichter, Digressionen einzuschieben, aber pedantisch genug führt er den Leser immer wieder auf sein Thema zurück (I 919. 1220. IV 249) und bittet am Entschuldigung, wenn er bereits von früheren Dichtern behandelte Stoffe berührt (z. Β. IV 985). Gegenüber diesen erheblichen Mängeln kommen nur einzelne Vorzüge zur Geltung. Manche Detailmalereien psychologischer Stimmungen und Zustände sind gelungen, einzelne Schilderungen vortrefflich (bes. III 744). Auch die zahlreichen (in den letzten Büchern gehäuften) Gleichnisse, meist nach Homer, aber selbständig ausgeführt, sind hübsch und gemütvoll. Bezeichnend für A. ist seine Vorliebe für Fernsichten (I 1113. III 164) und Lichteffecte (Helbig Untersuch. über die camp. Wandmalerei 279). Die aesthetische Kritik [131] im Altertum kommt über eine kühle Anerkennung nicht hinaus (περὶ ὕψους p. 54, 19. Quintil. Χ 1, 54; directer Tadel des Prooimions bei Fronto de orat. IV 1 p. 158 N. [wohl ein Nachhall älterer Kritik, vgl. Achill. isag. in Arat. 1], anderes in den Scholien, z. Β. Ι 269). Die Sprache des A. ist trotz der bewussten Nachahmung Homers von dessen Einfachheit weit entfernt, wenn auch nicht so glossematisch gefärbt wie bei Kallimachos. Die Ungeschicklichkeit im Ausdruck bereitet manche Schwierigkeiten, besonders störend sind die plötzlichen Übergänge vom Subject der Erzählung auf eine andere Person. Formell ahmt A. natürlich vor allen Homer nach, und zwar folgt er meist der zenodoteischen Recension (doch nicht sklavisch), so dass sein Gedicht eine wichtige Fundgrube für die Geschichte der alexandrinischen Homerstudien ist (Genaueres in den Proleg. der grossen Ausgabe Merkels, der allerdings manches Verkehrte einmischt, s. o.). Von den älteren Dichtern sind ferner nachgeahmt Hesiod, Mimnermos (Kaibel Herm. XXII 510), Archilochos, Pindar u. a., dann Antimachos, von den Alexandrinern Phanokles (Leutsch Philol. XII 66. Susemihl I 190) Nikainetos (Knaack Callimach. 13, umgekehrt Reitzenstein Epigr. u. Skolion 170, 1), Philetas (Knaack Herm. XXIII 136, 1), Arat (Maass Aratea 259–266), Kallimachos. In der Metrik, die im allgemeinen streng gehandhabt ist, erlaubt sich A. grössere Freiheiten als Kallimachos, namentlich in der Behandlung des Hiatus, doch ist es unerlaubt, darin allein die Anfänge des litterarischen Streites zu suchen (J. Hilberg Princip der Silbenwägung 263).

Die Fülle der geographischen und mythographischen Gelehrsamkeit, die den Dichter in Buch I. II und IV fast erdrückt, hat frühzeitig zu der Erforschung seiner Quellen geführt; bereits der Schüler des Α., Chares schrieb περὶ ἱστοριῶν τοῦ Ἀπολλωνίου (Schol. II 1052). Doch reichen die zahlreichen Angaben in den vortrefflichen Scholien nicht aus, diese Frage erschöpfend zu beantworten. Sein unmittelbarer Vorgänger scheint Kleon von Kurion gewesen zu sein (Ἀργοναυτικά Schol. I 77. 587. 623, leider nicht mehr kenntlich), aber diese Angabe wird durch Schol. I 623 (wo ausserdem Theolytos von Methymna genannt wird) einigermassen unsicher. Mehrfach benutzt sind Hesiod, Eumelos, Pindar, Antimachos Lyde, im dritten Buche Sophokles Κολχίδες (und Ῥιζοτόμοι?), für die Rückfahrt der Argonauten das zweite Buch der Aitien des Kallimachos. An mehreren Stellen ist ungeschickte Contamination nachzuweisen (I 1240 [Hylas] vgl. Knaack Herm. XVIII 29; IV 790 Kyprien und Pindar, nach Privatmitteilung Reitzensteins). Ausserordentlich sorgfältige Studien hat A. in den Mythographen und Localhistorikern gemacht; seine Hauptquelle (namentlich für die beiden ersten Bücher) war Herodoros (aus dessen Ἀργοναυτικά sogar die unepische Form Ἐωίου II 686 stehen geblieben ist [Rzach Ztschr. f. österr. Gymn. 1877, 103]), daneben ist Pherekydes fleissig benützt, weniger, wie es scheint, Akusilaos und Hellanikos. Für die Abenteuer auf Kyzikos bot Deilochos den Stoff (der Tod der Kleite nach diesem und Neanthes), für ethnographische Merkwürdigkeiten [132] Nymphodor (Schol. II 1010. III 202), für die Geographie von Herakleia u. a. Nymphis (bes. Schol. II 729), für die seltsame Rückfahrt durch den Istros Timagetos (Schol. IV 259), endlich ist Timaios im vierten Buche stark ausgebeutet (die meisten Stellen bei Geffcken Timaios Geographie des Westens [Philol. Unters. XIII] 93). Die Argonauten sind frühzeitig commentiert worden, eine Ausgabe mit Scholien scheint bereits Varro von Atax gehabt zu haben, sicher benützten Valerius Flaccus und Statius (Theb. V 49) eine solche. Die uns erhaltenen Scholien sind nach der Subscription Auszüge aus Theon dem Artemidoreer, Lukillos von Tarrha und Sophokles (Ergänzungen aus dem Etym. M. und Stephanos v. Byzanz). Die zuerst von Ruhnken bekannt gemachten Pariser Scholien sind nur Excerpte der älteren aus einer jungen und wertlosen Hs. Auffallend ist der Beifall, den dies Epos bei den Römern fand: Varro von Atax übersetzte es, Vergil ahmte Stellen nach (übertrieben Serv. Aen. IV 1), Ovid nützte es stofflich (F. Zoellner Analecta Ovidiana, Leipz. Diss. 1892, 7–46), Valerius Flaccus gab eine freie Bearbeitung. Interessant ist im einzelnen zu beobachten, wie dieser, der über eine viel ausgebildetere epische Technik verfügt, die meisten Fehler seiner Vorlage vermieden oder verbessert hat (s. bes. Volkmann 10–13). Die späten griechischen Dichter haben manches Formelle entlehnt (der eifrigste Nachahmer ist der Perieget Dionysios, s. M. Schneider De Dionys. Perieg. arte metr. et gramm., Diss. Leipz. 1882, 21), zuletzt machte der Stadtpraefect Marianos (unter Anastasios) eine Metaphrase in 5608 (5620?) Iamben (Suid. s. Μαριανός). Die von A. geschaffene Gestalt der Sage wurde weit über ihre Bedeutung dadurch massgebend, dass der Verfasser des ältesten mythographischen Handbuches sie aufnahm (Bethe Quaest. Diodor. mythogr., Diss. Götting. 1887, 89), wie die starke Benützung bei Hygin (fab. 12–23) und in der Bibliothek Apollodors beweist. Haupths. cod. Laur. XXXII 9 (saec. X/XI); die Vertreter einer schlechteren Recension (bereits im Etym. M. Spuren), Guelferbyt. (von Merkel unbegreiflicher Weise überschätzt) und Laurent. XXXII 16 (saec. XIII), kommen daneben nicht in Betracht; die Lesarten dieser Klasse sind in die Haupths. von anderer Hand vielfach eingefügt. Auch für die Scholien ist der Laur. die allein massgebende Hs. (Keil p. 301 gegen Merkel Prol. LVI).

Ausser den Argonauten schrieb A. noch eine Anzahl anderer epischer Gedichte, Κτίσεις, und zwar Ἀλεξανδρείας (Ursprung der libyschen Schlangen, Schol. Nikand. Ther. 11, wiederholt Argonaut. IV 1513, danach Ovid. met. IV 617. Lucan. IX 696), Καύνου (Liebe der Byblis zu ihrem Bruder Kaunos, Knaack Callim. 14), Κνίδου, Ναυκράτεως (Verwandlungssage, Ath. VII 383 d = Ael. de nat. an. XV 23), Ῥόδου, ferner in Choliamben den Κάνωβος (Maass De Apoll. Canobo in seinen Aratea 359 mit verfehlter Reconstruction), endlich Epigramme (s. o.). Ausserdem sind noch 5 Hexameter erhalten, s. Meineke Anal. Alex. 402. Reitzenstein Ined. poet. Graec. fragm. II 15 (Ind. lect. Rostock 1891/92). Von prosaischen Schriften kennen wir eine gegen Zenodot [133] gerichtete (πρὸς Ζηνόδοτον), deren Inhalt aus dem in den Argonauten befolgten homerischen Sprachgebrauch klar wird (Uebersicht bei Merkel Proleg. LXXIff. Michaelis 23–40), eine über Archilochos (Ath. X 451 d, s. o.) und ein kritisches Werk über Hesiod in mindestens drei Büchern (Argum. III zu Hesiods Ἀσπίς). Andere Citate ohne beigefügtes Ethnikon sind bei der Verbreitung des Namens höchst unsicher, so der Τριηρικός (Ath. III 97 e). Dem Letopolitaner (Nr. 73) scheint das Citat über die ägyptischen Symposien zu gehören (Ath. V 191 f); ein anderer A. ist der öfter in den Aristophanesscholien citierte.

Litteratur: Hauptausgabe der Argonautica von Merkel. Leipz. 1854, mit wertvollen Prolegomena und den Scholien von H. Keil. Textausgabe Lpz. 1852. Von älteren noch zu nennen ed. Brunck, Strassburg 1780 (wiederholt von Schäfer. Lpz. 1810 u. 1813). Wellauer, Lpz. 1828. Übersetzung von Osiander, Stuttgart 1837. französische Prosaübersetzung von H. de la Ville Mirmont, Bordeaux u. Paris 1892 mit erklärenden Noten (populär). Leben u. s. w. Manso Nachträge zu Sulzers Theorie der schönen Künste VI 179ff. (Lpz. 1800), dagegen Weichert Über das Leben u. Gedicht des A. v. Rhodus, Meissen 1821 (für A. und gegen Kallimachos parteiisch eingenommen, fast ganz veraltet). Hémardinquer De A. Rh. Argonauticis, Paris 1872 (sehr weitschweifig, nicht üble Charakteristik). Conat La Poésie alexandrine sous les trois premiers Ptolémées. Paris 1882, 293–326. 491–514 (falsche Datierung, aber hübsch geschrieben). Danach Girard Études sur la poésie grecque, Paris 1884, 310. Susemihl Gesch. der alex. Litt. I 383 (u. Nachträge). – Ritschl Opusc. I 67 (veraltet). Busch De bibliothecariis Alex. qui feruntur primis. Diss. Rostock 1884, 30 (verkehrte Beurtheilung der Viten, rec. von Knaack W. f. kl. Ph. 1885, 1001). Linde De div. recens. A. Rh. Argonaut., Götting. Dws. Hannov. 1885 (rec. von Knaack Berl. ph. Woch. 1886, 874. Rzach W. f. kl. Ph. 1887, 326. Volkmann Phil. Anz. 1887, 119). H. Jurenka Quaest. crit. I (de Callim. A. Rh. inimico), Lpz. 1885 (völlig mißlungen, rec. von Knaack Berl. ph. Woch. 1886, 876). Gercke Rh. Mus. XLIV 127ff. 240ff. (viele übereilte und trügerische Combinationen, noch am besten die Charakteristik des Α.). Adam Die aristot. Theorie vom Epos nach ihrer Entwicklung bei Griechen u. Römern (Wiesbaden 1889) 90–94 (sehr schlecht). Maass Aratea 332 (de Argonauticorum recitatione, nicht ausreichend). Weinberger Wien. Stud. XIV 299f.; Aus der Hekale des Kallimachos 17. Studniczka Herm. XVII 1–18. v. Jan De Callim. Hom. interprete, Strassburger Diss. 1893 (letztere mit falscher Datierung des Streites). Wilamowitz Über die Hekale des Kallimachos, Nachr. der Gött. Ges. der Wissensch. 1893, 741–747. Kaibel Herm. XXVIII 54 (bestritten von Wilamowitz a. a. O. 743, 1). Einiges bei Rohde Griech. Rom. 21. Beiträge zur Kritik und Erklärung: Gerhard Lectiones Apollon., Lpz. 1816. Koechly Opusc. I 300. 288. Eichner Observ. crit. in A. Rh. Argon., Progr. v. Glogau 1852. Hart Observ. crit. in A. Rh., Diss. Berl. 1863 (nicht schlecht). Madvig Advers. crit. I 283 v. Herwerden Mnemos. XI 97 (vgl. Rzach [134] Jahresber. XXXVIII 16). Rzach Wien. Stud. IV 163. Kaibel Herm. XXII 510. de la Ville de Mirmont Revue des études grecq. IV 301.

Sprache: Merkel Proleg. XXXVVIIff. Suchier Animadv. de dicendi gen. quo A. Rh. in Arg. usus est, Progr. v. Rinteln 1862 (unmethodisch). Cavazza La declinazione in A. Rh., Avellino 1878 (mir unbekannt). Rzach Gramm. Studien zu A. Rh., Wien 1878 (Abdruck aus den Wiener S.-Ber. LXXXIX). Cholevius Über den griech. Epiker A. Rh., Progr. v. Königsberg i. Pr, 1882 (unzureichend). Linsenbarth De A. Rh. casuum syntaxi comparatio cum usu Homerico, Diss. Leipzig 1888 (fleissige Materialsammlung, aber ohne rechte Resultate, rec. v. Haeberlin W. f. kl. Ph. 1888, 1089). Wåhlin De usu modorum apud. A. Rh., Lund 1891 (Abdruck aus den Act. soc. scient. et litt. Gothoburgensis XXVII, vgl. die Anzeige von Linsenbarth W. f. kl. Ph. 1892, 923). Seaton Journ of philol. XIX 1; American Journ. of Phil. X 467 (Homerimitationen, unerheblich). Metrik (zusammenfassende Darstellung fehlt): Merkel Krit. Abh. über A. Rh., Progr. v. Magdeburg 1844. Rzach Wiener Stud. III 43 (Hiatus). Beneke Beiträge zur Metrik der Alexandriner I. II. Progr. v. Bochum 1883. 1884 (bes. 3–29, Hiatus). Gleichnisse: Schellert De A. Rh. comparationibus, Diss. Halle 1885 (unvollständig). Kofler Die Gleichnisse bei A. Rh., Progr. Brixen 1890 (rec. v. Rzach Ztschr. f. österr. Gymn. XLIII 178f.). Quellen (zusammenhängende Darstellung fehlt): Walther De A. Rh. Argonauticorum rebus geographicis, Diss. Hal. XII 1 (von falschem Gesichtspunkte). Knaack Commentat. phil. in honor. sodal. philol. Gryphiswald., Berlin 1887, 33 (über Deilochos u. Neanthes, auch Herodoros, rec. v. Bethe W. f. kl. Ph. 1888, 299, teilweise polemisch). Maass Aratea (passim). Scholien (bedürfen einer Neubearbeitung): Wilamowitz Eur. Herakl. I 186. Vergleichung mit Valerius Flaccus: Weichert 270. Volkmann a. a. O. Kennerknecht Zur Argonautensage, Progr. v. Bamberg 1888. Peters De C. Valerii Flacci vita et carmine, Diss. Königsberg 1890. J. Moltzer De A. Rh. et Valerii Flacci Argonauticis, Diss. Utrecht 1891 (mir unbekannt). O. Ribbeck Gesch. der röm. Dicht. III 176ff. Fragmentsammlung v. J. Michaelis De A. Rh. fragmentis, Diss. Halle 1875 (mittelmässig). Janzon De epigr. A. P. XI 275 recte interpretando, W. f. kl. Ph. 1892, 670 (verkehrt).

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S XIII (1973), Sp. 15–56
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     S. 126 zum Art. Apollonios, der Epiker.

Inhaltsübersicht.
I. Biographie.
II. Überlieferung.
III. Würdigung.
1. Einheit.
2. Reden.
3. Götterapparat.
4. Die Personen.
5. Das Liebesmotiv.
6. Gefühl für die Natur.
7. Geographie.
8. Mythologie.
9. Quellenbenützung.
10. Gelehrsamkeit.
11. Unsicherheit des menschlichen Daseins.
12. Metrik.
13. Sprache.
14. Weitere Werke.
IV. Wirkung. Literatur.

etc. etc.

Anmerkungen (Wikisource)

  • Siehe auch Apollonios 71a (Supplementband IV, Sp. 45) von Wilhelm Kroll († 1939).