RE:Adiudicatio

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 362364
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Adiudicatio ist der ursprünglichen Bedeutung nach ein Richterspruch, besonders der des Geschworenen, sofern er zu Gunsten einer Partei ergeht, ihr etwas zubilligt (s. Art. Addicere), gleichviel ob er neues Recht schafft oder nur bestehendes anerkennt. Selbst den classischen Juristen ist dieser Sprachgebrauch nicht fremd; s. Marcian Dig. XX 1, 16, 5. XX 4, 12, pr. Auch gewissen Magistraten wurde iudicatio zugeschrieben (Wlassak Röm. Processgesetze II 53, 4); daher konnten sie auch „adjudicieren“, wie die Lex agraria CIL I 200 Z. 62. 69. 90 (dazu Mommsen p. 103 z. Z. 52 und – kaum zutreffend – p. 97f.) zeigt und Gai. III 189 [363] (dazu III 199 mit Huschkes Conjectur), wo adiudicatus der vom Magistrat als Schuldknecht Addicierte ist (s. Art. Addictus). Zu Cic. ad Att. IV 2, 3 vgl. Mommsen St.-R. II³ 50, 1. Aus dem weiteren Begriff der A. haben die Juristen einen engeren ausgeschieden. Ihnen ist A. Kunstausdruck zur Bezeichnung eines Geschworenenspruchs, der nur im Teilungsprocess mit Actio familiae herciscundae, Actio communi dividundo und im Grenzberichtigungsverfahren (iudicium finium regundorum) vorkommt. Hier kann der Richter, um die Gemeinschaft der Miterben, Miteigentümer u. s. w. (s. Windscheid Pandekten II § 449, 1) aufzulösen, das Recht der einen Partei gegen Entschädigung auf die andere oder beider Recht auf einen Dritten (Alex. Cod. Iust. III 37, 3, dazu Bekker Aktionen I 231, 9) übertragen („adjudicieren“). Ersteres ist auch im iudicium finium regundorum möglich (Karlowa Beitr. z. Geschichte d. röm. Civilprocess. 141ff. 160f.). Vom gewöhnlichen (blos declarierenden) Urteil unterscheidet sich das adjudicierende dadurch, dass es mit Bewusstsein Rechtsänderungen bewirkt. Demnach ist die A. Entstehungsgrund von Eigentum (Ulp. Fragm. XIX 16) und anderen dinglichen Rechten, namentlich von Servituten (Gai. Dig. VII 1, 6, 1). Ermächtigt ist der Geschworene zur A. durch einen besonderen Satz des vom Praetor genehmigten, von den Parteien bei der Streitbefestigung angenommenen Processprogramms. Die Juristen nannten dieses Stück der Schriftformel (s. Art. Formula) ebenfalls A. (Gai. IV 39. 42, dazu Eck Die doppelseitigen Klagen 90 N. 308. Lenel Edictum 163–166). Mit der Formel ist die A. im letzteren Sinn von Iustinians Compilatoren beseitigt, dagegen das adjudicierende Urteil beibehalten (Iust. Inst. IV 6, 20. 17, 4–7). Im älteren und im classischen Process hängt die Kraft der A. durchaus von der Beschaffenheit der Litiscontestatio ab. Ist die Streitbefestigung legitim (legitimum iudicium, Gai. IV 104. Paul. Vat. Fragm. 47a–49, dazu Bruns Quid conferant Vatic. fragm. etc. 94f. Wlassak Röm. Processges. II 75. 191f. 363), so begründet der Spruch des Geschworenen volksrechtlich anerkannte („civile“) Verhältnisse, während nur praetorisch geschützte Quasirechte entstehen (vgl. Paul. Dig. X 2, 44, 1, dazu Keller Über Litiscontestation 115f., 6), wo die Litiscontestatio und demzufolge auch das Urteil der gesetzlichen Grundlage entbehrt (imperio continens iudicium, Gai. IV 105. Wlassak a. O. II 227. 231. 311. 327). Unter volksrechtlicher Gewähr steht das durch legitime A. erzeugte Recht selbst dann, wenn sein Inhalt durch praetorische Normen bestimmt ist (irrig Keller Röm. Civilprocess § 72 a. E.; vgl. Wlassak a. O. II 305. 307. 355. 364).

Litteratur: Zimmern Geschichte d. röm. Privatrechts III 146. 149. 151. Schilling Lehrb. für Institutionen II 579f. Puchta Institutionen I § 166. 167 i. 175 z. II § 238 Z. 4. 256 p. Keller-Wach Röm. Civilproc. § 39. 40 N. 458. § 45 a. E. § 72 a. E. Böcking Pandekten d. röm. Privatrechts II 70f. Rudorff Röm. Rechtsgesch. II 97. 160. Bethmann-Hollweg Röm. Civilpr. I 63f. II 228f. 627. 654. Eck Die sogenannten doppelseitigen Klagen 88–90. 101f. und [364] in Holtzendorffs Rechtslexicon I s. v. A. (³ S. 46f.). Bekker Die Aktionen I 231f. Brinz Pandekten² I § 152. Voigt Die Zwölftafeln II 222. 509. 511. Pernice Ztschr. f. Rechtsgesch. Rom. Abt. XVIII 40, 3; Labeo III 1. Abt. 103, 5. Sohm Institutionen⁴ 222–224 (§ 50). 250. 300. Czyhlarz Institutionen (1889) § 53. 62. P. Cogliolo Storia del diritto privato romano II 43. 166.