RE:Ammoneion

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Band I,2 (1894), Sp. 18581860
Orakel von Siwa in der Wikipedia
Orakel von Siwa in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|I,2|1858|1860|Ammoneion|[[REAutor]]|RE:Ammoneion}}        

Ammoneion (Ἀμμώνειον), das Orakel des Ammon in der Oase Siwa in der libyschen Wüste; wird auch Ἀμμωνία, Ἀμμωνιακὴ χώρα (Ptolem. IV 5, 23), Ἄμμων, Ἄμμωνος, Hammon, Ammonis oraculum, τὸ ἐν Λιβύῃ μαντεῖον, das Orakel der ‚Ammonier‘, auch poetisch cornigeri vatis nemus (Stat. Theb. VIII 201) genannt. Wie noch gegenwärtig war die Oase reich an Palmen. Besonders merkwürdig erschienen die dort vorhandenen Quellen, die κρήνη ἡλίου (Herod. IV 181. Diod. XVII 50. Arrian. III 4, 2. Curtius IV 31. Plin. n. h. II 228. V 7. 31. Mela I 39. Lucret. VI 848. Antigon. hist. mir. 144 u. a. m.), der man nachsagte, ihr Wasser sei morgens lau, werde gegen Mittag hin immer kühler und erwärme sich nach Mittag wieder, so dass es abends wieder lau sei, und nehme bis Mitternacht an Hitze zu bis zum Sieden, dann kühle es sich wieder ab zu der lauen Temperatur, die es morgens besitze. In Wirklichkeit zeigen die Quellen von Siwa nichts von dieser Eigentümlichkeit, sondern ihre Temperatur beträgt ziemlich ohne Schwanken 28°, beziehentlich 29° C. Seit wann in der Oase der Ammon des ägyptischen Thebens verehrt wurde und hier eine der Orakelstätten dieses Gottes war, lässt sich noch nicht feststellen (über Ammon als Orakelgott vgl. auch Proceedings Soc. Bibl. Archaeol. X 41ff. Naville Inscription histor. de Pinodjem III, Paris 1883. Diod. III 5); vermutlich ist wenigstens das Orakel nicht vor Ende der Ramessidenzeit in Aufnahme gekommen. Vorhanden sind noch zu Umm-beida und zu Agermi mehrere Tempelruinen, die aber immer mehr in Verfall geraten. Die Abbildungen, welche davon bis jetzt publiciert sind, geben nur wenig mehr als ein oberflächliches Bild. Zu erkennen ist, dass in den Ruinen von Umm-beida der Name des Neḫtḥarḥeb(Nektanebes) vorkommt. Die Abbildungen bestätigen Herodots (IV 181) Angaben, nach denen in der Oase derselbe widderköpfige Gott verehrt wurde wie im ägyptischen Theben. Bei Umm-beida liegen noch die Trümmer einer Riesenstatue des Ammon, die ihn, wie das auch oft in Ägypten geschieht, mit vier Widderköpfen darstellte. Eine Widderfigur in Kalkstein, die in der Oase gefunden worden ist, befindet sich im Besitze des Berliner Museums. Das libysche Ammonsorakel gehört zu denjenigen, welche Kroisos befragt haben soll (Her. I 46); fraglich ist dagegen, ob nicht in der Erzählung von Bocchoris (Tac. hist. V 3; vgl. Oros. I 10, 3) der thebaische Ammon gemeint war. Pindar verfasste einen Hymnus auf Ammon, der angeblich von den Ammoniern auf einer dreikantigen Säule eingemeisselt wurde (Paus. IX 16, 1). Die Eleer befragten den Gott eifrig und schickten dem Heiligtum Altäre, auf welchen die Fragen und Antworten, sowie die Namen der eleischen [1859] Abgesandten zu lesen standen (Paus. V 15, 11). Auch von Sparta aus wurde das Orakel viel befragt, so von Lysander (Plut. Lys. 30), nicht minder von den Athenern (Plato Alcibiad. II 149 b; leg. V 738 c. Aristoph. av. 619. 716. Plut. Nic. 13; Cim. 18; ein dem Ammon dargebrachtes Opfer erwähnt in einer Rechnung vom J. 333 CIA II 741 a 32; vgl. 819, auch Dittenberger IGS I 3499). Dem Kyreneer Eubotas wurde von diesem Orakel sein Sieg in der Rennbahn zu Delphi prophezeit (Paus. VI 8, 3), dem Kimon sein Tod (Plut. Cim. 18); Hannibal erhielt die Auskunft, er werde bei seinem Ableben γῇ Λιβύσσῃ eingebettet werden (Paus. VIII 11, 11). Meist waren die Antworten so gewunden, dass man meinen mochte (Serv. Aen. IV 196), die Hörner des Gottes seien ein Hinweis auf das geschraubte Gerede des Orakelausspruchs. Kambyses Unternehmung gegen die Ammonsoase missglückte. Über Alexanders d. Gr. Zug dorthin s. o. S. 1423, 26ff. Wenn er fortan als der Sohn des Ammon betrachtet wurde (Athen. XII 538 b. Oros. III 16, 12. Sil. Ital. XIII 767), so war das im Grunde nur etwas, was dem Beherrscher Ägyptens selbstverständlich zukam, soweit aber war bereits damals der Glanz des ägyptischen Thebens verdunkelt, dass diese Weihe aus der libyschen Oase und nicht mehr von dem thebaischen Gotte selber, sondern von dem Oasengotte geholt werden musste. Bei diesem suchten auch die Rhodier die Erlaubnis nach, Ptolemaios, den Sohn des Lagos, der seinerseits der Orakelstätte einen Altar gespendet hatte (Paus. IX 16, 1), als Gott zu verehren. In der Römerzeit nahm die Bedeutung, welche den Aussprüchen des Orakels beigelegt wurde, an Ansehen immer mehr ab (Strab. XVII 813. Lucan. IX 550), wenn auch der Nimbus, der diese Stätte umgab, grösser war, als der, welcher Delphi verblieb (Iuv. VI 553f. Ovid. ars amat. II 789). Manche Erwähnung, die in später Zeit noch vorkommt, wie die bei Synesios (Somn. 15), wird lediglich rhetorisch sein. Das Orakel wurde erteilt wie in Theben durch das Götterbild selbst, das sich in einem Naos auf einer Barke befand, die auf Stangen in feierlichem Aufzuge unter dem Absingen von Hymnen einhergetragen wurde, und zwar entnahm man allem Anscheine nach die Antwort aus Zeichen, welche bei dieser Fortbewegung des Götterbildes, dessen prunkvolles Gehäuse Curtius (IV 7, 31) fälschlich einem umbilicus vergleicht, zu stande kamen (Abbildung eines solchen ägyptischen Götterschreines auf seiner Barke: Description de l’Égypte I Taf. 37. Perrot und Chipiez Ägypten 336. Lepsius Denkmäler III 14. Erman Ägypten II 374. Wilkinson Manners and Customs III² 357. 358). Zur Ausstattung des Tempels gehörte auch eine ewige Lampe (Plut. def. orac. 2). Bei den Alten waren über den Ursprung des Orakels die verschiedenartigsten Erzählungen im Umlauf, ein Hirte Namens Ammon (Paus. IV 23, 10) habe es eingerichtet, Dionysos, der Sohn des Zeus-Ammon, sei auf seinem Zuge durch Libyen dem Verdursten nahe gewesen, da habe ein Widder ihn und die Seinen zu der Ammonsquelle geleitet (Serv. Aen. IV 196. Schol. Germ. Arat. 61 B.). Das Beschwerliche der Wüstenreise erhöhte ebenso wie die Abgeschiedenheit des Ortes den Eindruck, welchen der Besucher empfing, wenn er [1860] den θέμενος Λιβυκοῖο θεοῦ ψαμάθῳ ὑπὸ πολλῇ (Dionys. Perieg. 212) erreichte, von Schlangen bedroht (Schol. Germ. Arat. 61 B.) und von verführerischen weiblichen Truggespenstern umlauert (Dio Chrysost. V 93). Ein aus Argos gebürtiger Wundermann, der völlig ἄδιψος und ἄποτος lebte, soll freilich die Reise zweimal gemacht haben, ohne etwas anderes zu essen als Gerstengraupen und ohne einen Tropfen zu trinken (Apollon. hist. mirab. 25). Aridus Hammon Stat. Theb. III 476; A. arentis Libyes Mart. Cap. II 192. Nach dieser Kultusstätte heisst auch Ammon Libys (Ovid. met. V 327), Libycus (Sil. Ital. XIII 767), Syrticus, confinis Syrtibus (Lucan. X 38. IV 673), Garamanticus (Sil. Ital. V 357; vgl. III 10), er entsendet die Scharen der Marmarica (Lucan. III 292).

Im Sommer trocknet das salzhaltige Wasser der Sebḫa der Oase ein und das Salz kristallisiert dann aus zu oftmals fingerlangen und mehrfach fingerdicken Stücken von schönster weisser Farbe, das noch jetzt einen Handelsgegenstand bildet und im Altertume in Palmkörbe verpackt nach Ägypten eingeführt wurde, wo es für reiner als Seesalz galt und deswegen bei Opfern Verwendung fand (Arrian. anab. III 4, 3. Itin. Alex. 52; vgl. Athen. II 67 b). Die Bevölkerung der Oase war nach Herodot (II 42) eine gemischte, nämlich teils ägyptischen, teils aethiopischen Ursprungs, und redete eine Mischsprache. Liegt dieser Aussage etwas Thatsächliches zu Grunde, so wird dieser Zustand wohl mit der Herrschaft zusammenhängen, welche die dem Ammondienste so unbedingt zugethanen Aethiopen zeitweilig (o. S. 1099) über Ägypten ausgeübt haben.

Litteratur: Parthey Orakel und Oase des Ammon (Abh. Akad. Berl. 1862, 131–194). Lepsius Über die widderköpfigen Götter Ammon und Chnumis, in Beziehung auf die Ammonsoase, Zeitschr. f. ägypt. Sprache XV 8–22. Fr. C. Hornemann Tagebuch einer Reise von Cairo nach Mourzuck, Weimar 1802. Cailliaud Voyage à l’Oasis du Syouah, Paris 1823. H. v. Minutoli Reise zum Tempel des Iuppiter-Ammon, Berl. 1824. G. A. Hoskins Visit to the Great Oasis of the Libyan Desert, London 1837. B. St. John Adventures in the Libyan Desert, London 1851. E. F. Jomard Remarques sur l’Oasis de Syouah, suivies d’une relation de M. James Hamilton, Bulletin de la Société de géographie 1858. Gerh. Rohlfs Von Tripolis nach Alexandrien II (Bremen 1871) 85–142; Drei Monate in der libyschen Wüste (Cassel 1875) 174–187.