RE:Aithiopia

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Band I,1 (1893), Sp. 10951102
Pauly-Wissowa I,1, 1095.jpg  Pauly-Wissowa I,1, 1101.jpg
Äthiopien in der Wikipedia
GND: 4000639-6
Äthiopien in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|I,1|1095|1102|Aithiopia|[[REAutor]]|RE:Aithiopia}}        

Aithiopia (Αἰθιοπία, Aethiopia; Αἰθιοπὶς γῆ Aesch. fr. 139), das Land der Aithiopen (Αἰθίοψ, -οπες und -οπῆες), der ‚Brandgesichter‘ (Etym. M.; auch von einem mythischen Aithiops hergeleitet, Schol. Ven. Il. I 423. Plin. VI 187), die nach der ältesten noch vorliegenden Anschauung als Menschen vollkommener Art im fernsten Osten an den Gestaden des Okeanos leben und dort Opferfeste veranstalten, zu denen die Götter selber herbeikommen und schmausen (Il. Ι 423. XXIII 206). Gedacht wird dabei hauptsächlich an die Länder des Südostens (Od. V 282. 287; vgl. Aeschyl. Pr. 807–809, der von dem dunkelfarbigen Volksstamme spricht, οἳ πρὸς ἡλίου ναίουσι πηγαῖς, ἔνθα ποταμὸς Αἰθίοψ, und daran anschliessend vom Ursprünge des Nilstroms redet; vgl. auch A. J. Letronne Oeuvres choisies II 60), die Nachbarn der Ägypter, Sidonier und Erember (Od. IV 84). Dass neben den Aithiopen des Ostens auch die des Westens unterschieden werden (Od. I 23), ist schon im Altertum sehr verschieden ausgelegt worden (Strab. I 30ff. 35. 39. II 103. Plin. V 43), beruht aber nur auf der nachträglichen Folgerung, dass die Sonnenglut im Westen nicht minder die Menschen dunkel färben müsse, wie sie es im Osten thue (vgl. auch v. Wilamowitz Hom. Unters. 17). Ἀφ’ Ἑσπερίδων γαῖαν ἐς Αἰθιόπων wird bei nächtlicher Weile des Helios Schlummerlager entführt (Mimnerm. frg. 12). Im Προμηθεὺς λυόμενος erwähnte Aischylos (Strab. I 33; vgl. Th. Bergk Jahrb. f. Philol. LXXXI 316. W. H. Roscher Gorgonen 19) Φοινικόπεδόν τ’ ἐρυθρᾶς ἱερὸν χεῦμα θαλάσσης, χαλκοκέραυνόν τε παρ’ ὠκεανῷ λίμναν παντοτρόφον Αἰθιόπων, ἵν’ ὁ παντόπτας Ἥλιος ἀεὶ χρῶτ’ ἀθάνατον κάματόν θ’ ἵππων θερμαῖς ὕδατος μαλακοῦ προχοαῖς ἀναπαύει. Wie Strabon erläutert, wird dabei der ganze südliche Erdabschnitt nach dem Okeanos zu als Aithiopenland aufgefasst; hier liegt der Wendepunkt der Sonnenlaufbahn; ermattet taucht Helios in einen See, den allbelebenden Lichtquell, aus dem er erquickt wieder emporsteigt (wie Od. III 1); Sonnenuntergang und -Aufgang fallen hier zusammen. Im [1096] Winter wendet sich Helios ἐπὶ κυανέων ἀνδρῶν δῆμόν τε πόλιν τε (Hes. op. 527f.). Andere mythische Beziehungen s. u. Andromeda, Erechtheus, Helios, Io, Kepheus, Memnon, Merops, Nysa, Perseus, Phaethon, Poseidon, Tithonos. Dass die Wohnsitze der mythischen Aithiopen nach Iope (s. d.) verlegt wurden, gilt meist als der älteste Versuch, das unbestimmte Fabelland in der Wirklichkeit überhaupt unterzubringen (K. Tümpel Die Aithiopenländer des Andromedamythos, Jahrb. f. Philol. Suppl. XVI 127ff.); hat jedoch A. v. Gutschmid (Kl. Schr. II 164 = Jahrb. f. Philol. LXXXI 457) Recht mit der Vermutung, dass zu dieser Identificierung keineswegs eine vermeintliche Namensähnlichkeit bewogen hat, sondern nur der Umstand, dass ‚als die Griechen an diese Küsten kamen, Philistaia zum Kuschitenreiche des Schabatok und Taharka gehörte‘ (vgl. dazu Plin. VI 182), so muss eben der Localisierung bei Iope doch erst die Localisierung in diesem Kuschitenreiche, also die Identificierung der Aithiopen mit den Schwarzen (μελανστέρφων γένος Aeschyl. fr. 68 = Schol. Apollon. Rhod. IV 1348) Africas vorangegangen sein, und diese wiederum ist dann nur eine besondere Anwendung der allgemeineren Benennung, mit der alles mittagwärts zu dem Okeanos sich erstreckende Αἰθιοπία (Strab. I 57) hiess. Die thatsächlich am leichtesten erreichbaren Aithiopen waren so die Bewohner Nubiens, aber von ihren Wohnsitzen aus dehnte sich das Aithiopenland rings weit hinaus in geographisch völlig unerforschte Breiten (Plin. VI 183. 197. Strab. XVII 839); doch selbst bei der am meisten eingeschränkten Bedeutung ist für Aithiopien nur eine Nordgrenze anzugeben: es beginnt südlich von Ägypten, genauer bei Philai (Her. II 146. VII 69. Strab. I 35. 39. 58. II 117. XVI 780. XVII 789. 797. 817. Jos. Bell. Jud. IV 10, 5. Agatharchid. 10 = Geogr. Gr. min. I 117. LXX Judith I 10. Vulg. Judith I 9. Tac. ann. II 61. Plin. V 48. XIII 90), und der Stein von Syene heisst daher auch (Her. II 127. 134. 176), wie freilich auch der Feuerstein (Her. II 86), λίθος Αἰθιοπικός. Naturgemäss wich auch hier das ‚eigentliche‘ Aithiopien im Laufe der Zeit in immer entlegenere Fernen zurück, Iuba z. Β. lehrte, oberhalb Ägyptens hausten Araber (d. h. Leute, die nach Beduinenart leben), Aithiopien beginne erst mit Meroë (Plin. VI 177. 179). Von den wollhaarigen Aithiopen, die den Süden Africas inne haben (Her. IV 197), unterscheidet Herodot (VII 70) eigens andere, schlichthaarige, die in Asien nach Sonnenaufgang hin wohnen und in Xerxes Heere vertreten waren, als Kopfschmuck die abgezogene Stirnhaut eines Pferdes mit hochstehenden Ohren und mit der Mähne trugen und statt eines Schildes eine Kranichhaut sich vorhielten. Das obere Nubien und dann auch Nubien im allgemeinen hiess bei den Ägyptern Kôš und danach das Land südlich von Ägypten bei den Hebräern כּוּשׁ‎ (Jes. XI 11. XX 3ff. XXXVII 9; Beginn bei Syene Ezech. XXIX 10), bei den Assyrern (Beiträge zur Assyriologie I 593. Eb. Schrader Keilinschr. u. Α. Τ.² 86) Kûši, aber als Sohn des Kûš wird auch Nimrod bezeichnet (Gen. X 8; vgl. Eb. Schrader Keilinschr. u. Α. Τ.² 87. Ed. Meyer Gesch. d. [1097] Altert. I 171. Η. Winckler Alttestam. Untersuchungen 146), andererseits ist (Gen. X 6) Kûš der Bruder Ägyptens, und der Gîchôn umströmt (Gen. II 13) das ganze Land Kûš. In allgemeinster wie in ganz specialisierter Bedeutung entspricht so Kûš dem Worte Αἰθιοπία, womit die LXX es wiedergeben. Als die Feldzüge Alexanders d. Gr. einen flüchtigen Einblick in die indische Welt gewährten, fand man, dass Indiens Bewohner zwar nicht so stumpfnasig und wollhaarig wie die africanischen Aithiopen, im übrigen aber diesen, je weiter nach Süden, um so ähnlicher seien (Arr. Ind. VI 9). Unter dem Jahre Abrahams 404 bucht die Chronologie des Eusebios: die Aithiopen brechen vom Indosflusse auf und lassen sich in der Nähe Ägyptens nieder (vgl. Georg. Sync. 151). Die Angabe, dass Semiramis die Aithiopen unterworfen habe (Iust. I 2, 8. v. Gutschmid Kl. Schr. II 162f.), kann sehr wohl auf eine Erzählung zurückgehen, in der sich das auf ein asiatisches Volk hat beziehen sollen. Innerhalb Africas vertritt für die alte Völkerkunde der Begriff Aithiope den Begriff Neger, und wie noch gegenwärtig von einem ägyptischen und einem westafricanischen Sudan die Rede ist, so nennt man die nichtlibyschen Volksstämme, die an der nordwestafricanischen Küste (bei Kerne, s. d.) hausen, und die Gesamtheit der nigritischen Volksstämme südlich von der grossen Wüste ebenfalls Aithiopen (Dionys. Perieg. 218. Scylax 112. Schol. Pind. Pyth. X 72. Strab. I 33). Die höhere Kultur und die Weltlage des Nilthals hat seit jeher den Bewohnern desselben ein Übergewicht über die Bewohner der südlicheren Breiten Africas verschafft, und, sobald in Ägypten eine kräftige Regierung vorhanden war, hat bis in die jüngste Zeit diese danach getrachtet, die Wege zu den Ländern am oberen Nil sich offen zu halten und das Nilthal selbst vor feindlichen Angriffen des stets begehrlichen südlichen Grenznachbarn zu sichern. Bereits in religiösen Texten, die viel älteren Ursprungs sind, als alle Denkmäler des Nilthals, spielt Nubien eine Rolle, in den Zeiten der 6. Dynastie reichten die Beziehungen der Ägypter tief in die Negerländer hinein (E. Schiaparelli Tomba egiz. della VIa dinastia [Memorie Accad. dei Lincei CCLXXXIX] Rom 1892. Ad. Erman ZDMG XLVI 574ff; Ztschr. f. ägypt. Spr. XXX 78ff. H. Brugsch Ztschr. f. ägypt. Spr. XX 30ff.). Doch scheinen die Pharaonen der 12. Dynastie die ersten gewesen zu sein, die Nubien bis Semne wirklich der Herrschaft Ägyptens unterthan machten und dort Tempel errichteten. Die Statue eines Königs der 13. Dynastie (Lepsius Denkm. II 151 i) ist sogar auf der Nilinsel Argo gefunden worden. Die Könige des zweiten thebaïschen Reichs hatten Nubien nochmals zu unterwerfen; besonders Amenhotep III. und Ramses II. haben Nubien zu einer Pflanzstätte ägyptischer Kultur umgeschaffen, und Ägypten blieb allem Anscheine nach bis in die Zeiten Hrihors im Besitze des weiten Ländergebiete nilaufwärts bis zum Gebel Barkal und darüber hinaus. Wiederholt werden die ‚Tributsendungen‘, die aus den Negerländern, welche dem ‚Königssohn von Kôš‘ unterstellt sind, in Theben einlaufen, abgebildet. Vorgeführt werden da besonders Rinder und Sklaven, [1098] grosse Mengen Goldes und anderer Metalle, Elephantenzähne, Ebenholz und Straussenfedern, gegerbte Häute, dazu lebende Tiere wie Panther, Hundskopfaffen, Giraffen, auch Hunde (G. A. Hoskins Travels in Ethiopia Taf. 46–49. Wilkinson Manners and Customs I Taf. 2 a. Mémoires p. p. les membres de la mission archéolog. au Caire V 1 Taf. 6), aber mit zunehmender Ägyptisierung scheint sogar der ägyptische Sudan sich auch zu kostbaren Metallarbeiten und anderen Industrieerzeugnissen ägyptisch – asiatischen Stils aufgeschwungen zu haben (Lepsius Denkmäler III 117. 118. Ed. Meyer Gesch. d. alt. Äg. 244). Dass neben Osiris gerade Amon (s. Ammon) zu einer besonderen Verehrung im Aithiopen lande gelangte (daher Aethiopia Hammonis Plin. XXXVII 33), ist dem Einflüsse der Ägypterherrschaft zuzuschreiben. Eine grosse Menge von geographischen Namen aus dem ‚erbärmlichen Kôš‘ werden von den Ägyptern aufgeführt, doch ist die Identificierung, zum Teil auch die Lesung dieser den ägyptischen Schreibern selbst zum Teil sichtlich sehr ungewohnten Benennungen noch etwas sehr Missliches, besonders das Vergleichen mit den modernen Namen (A. Mariette Les Listes géograph. de Karnak, Text 51ff.). Es mögen Nachkommen des Hrihor, des Priesterkönigs von Theben, gewesen sein, die dann nach dem gänzlichen Verfall der Macht Ägyptens den ägyptischen Pflanzstaat am Berge Barkal in ein besonderes Königreich mit völlig theokratischer Verfassung umwandelten, welches im Stillen bald so erstarkte, dass es (8. Jhdt. v. Chr.) die Oberhoheit zunächst über die oberägyptischen Gaue gewann und in die Streitigkeiten der Dynasten, welche in Ägypten sich geteilt hatten, sich mit Erfolg einzumischen vermochte. Um 775 v. Chr. zwingt der Aithiope Pi῾anhy die ägyptischen Kleinkönige durch einen Feldzug zu vorübergehender Unterwerfung, einer seiner Nachfolger, Sabakon (s. d.), wird bei dem Versuche, die Oberhoheit auch über Syrien für das imitierte Pharaonenreich von Napata zu gewinnen, von den Assyrern zurückgeschlagen. Mit Sabakon bilden sein Sohn Sebichos (s. d.) und Tarkos (s. d.), der bedeutendste unter den Aithiopenfürsten von Napata, die 25. Dynastie (4 Aithiopen, nicht ganz hintereinander, sondern in Zwischenräumen mit zusammen nahezu 36 Jahren, rechnet Diod. I 44, 2 als Herrscher Ägyptens). Neben Teharko = Tarkos geben die Denkmäler einen König Tenotamon, einen Sohn Sabakons, der zeitweilig mit Teharko zusammen regiert hat und bei dem Versuche, Unterägypten an sich zu bringen, den Truppen Assurbanipals das Feld räumen masste, und nach Kipkipi, womit offenbar sein Heimatland gemeint ist, die Flucht ergriff, oder wie er selbst die Sache dargestellt hat, einen Feldzug nach Unterägypten auf Grund eines Traumes unternahm, und nachdem er die Fürsten des Nordens vergeblich zum Kampfe herausgefordert hatte, nach Memphis zurückging, wo plötzlich auch seine Gegner erschienen und sich so demütig bezeigten , dass sie mit der Erlaubnis, Tribut zu bringen, entlassen wurden (G. Smith Assurbanipal 50f. E. de Rougé Mélanges d’archéologie égypt. et assyr. I 89ff. Maspero Rev. arch. N. S. XVII 329ff.; Guide au Musée de Boulaq 69ff. [1099] Η. Brugsch Gesch. Ägyptens 709ff. G. Steindorff Beiträge zur Assyriologie I 356ff. 612). Über die Auswanderung ägyptischer Krieger, der Asmach, nach Aithiopien, die unter Psammetichos I. erfolgt sein soll s. d., über einen Feldzug Psammetichos II. s. d. und Abu-Simbel. In der ägyptischen Überlieferung, welche den Griechen bekannt wurde, stand augenscheinlich die Zeit der aithiopischen Fremdherrscher durchaus nicht in ungünstigem Lichte; die bigoten Amonverehrer waren gerade nach dem Geschmack der Überliefernden, der ägyptischen Priesterschaft. Die Theorie, die Aithiopen seien ein älteres Volk als die Bewohner des Nilthals (Diod. III 2, 1), mag zwar von dieser Quelle durchaus unabhängig sein, aber die Lehre, die Kultur der Aithiopen sei die ursprünglichere, alles Ägyptische lediglich Aneignung und Nachahmung (Diod. III 3, 3), hat schwerlich etwas anderes zu bedeuten gehabt als, das wahre, von keinen fremdherrlichen Einflüssen getrübte Ägyptertum, der Gottesstaat, wie er im Buche stehe, sei nur in Aithiopien zu finden. Jedes Trachten nach erneuter Herrschaft über Ägypten ist mit Tenotamons Rückkehr zwar aufgegeben. Doch zeugen die noch vorhandenen Denkmäler davon, dass als innerafricanisches Reich Napata-Meroë – nach Meroë (s. d.) wurde allmählich der Schwerpunkt immer mehr verlegt – noch lange eine grosse Bedeutung behalten hat. Verschiedene Inschriften (A. Mariette Mon. div. 1–13; Rev. arch. N. S. XII 161ff. G. Maspero Rev. arch. N. S. XXII 330ff. XXV 300ff.; Transact. Soc. Bibl. Arch. IV 204ff.; Records of the Past VI 71ff. 87ff.; Histoire anc. des peuples de l’orient⁴ 601ff. Lepsius Denkmäler V. Μ. Ρ. Pierret Études égyptologiques compren. le texte et la traduction d’une stèle éthiopienne, Paris 1873. Eug. Revillout Revue égyptologique V 97) geben Königsnamen aus der Zeit nach Teharko, ahne dass für die Namen – Pi῾anhy Alur, Aspalut (?) Harsiatf, Nastosenen – eine feste chronologische Einordnung bis jetzt möglich wäre; sie veranschaulichen zugleich die Vorgänge, die hier an der Tagesordnung waren, so die Königswahl, bei der die Priesterschaft die dazu berufenen Mitglieder der Königsfamilie in dem Haupttempel versammelt und der Gott selber durch ein Orakel den Auserkorenen bezeichnet (vgl. Diod. III 5, 1, dessen Gewährsmanne augenscheinlich unbekannt geblieben war, dass hier auch die Königsfamilie aus priesterlichem Geschlecht war), ferner Religionsstreitigkeiten und Ketzerverfolgungen, Beutezüge in die nubischen und die nilaufwärts gelegenen Landschaften. In einer dem Könige nebengeordneten Stellung erscheint mehrfach die Königin-Mutter, offenbar verkörpert sich in ihr die Legitimität der Herrscherfolge. Die Verurteilung zum Selbstmorde, die Diodor (III 5, 2) als aithiopische Besonderheit erwähnt, war aus den altägyptischen Rechtsgewohnheiten hinübergenommen, dagegen ist sicher erst im meroëtischen Reiche aufgekommen, dass missliebig gewordenen Königen von der Priesterschaft angezeigt wurde, die Götter hätten verkündigt, der König habe zu sterben (Diod. III 6; vgl. dazu R. Lepsius Briefe 212. 214). Als Kambyses Ägypten erobert hatte, zog er (524 v. Chr.) auch gegen die Aithiopen; ganz so erfolglos, wie die [1100] ägyptische Überlieferung (Her. III 17ff. Diod. III 3) behauptete, kann dieses Unternehmen nicht gewesen sein (M. Duncker Gesch. d. Altert. IV⁵ 414–421. A. v. Gutschmid Neue Beiträge 68, 2. Ed. Meyer Gesch. d. alt. Äg. 389. Vgl. Kambyses, Καμβύσου ταμιεῖα, Meroë); unter den Dareios unterworfenen Gebieten zählt dieser selber Kusch auf (vgl. auch Nysa). Erst in der Ptolemaeerzeit soll in dem meroëtischen Staatswesen die Machtstellung des Priestertums durch einen Handstreich (s. Ergamenes) beseitigt worden sein. In dem Festzuge, den Ptolemaios II. Philadelphos 276 v. Chr. bei seiner Thronbesteigung veranstaltete, gingen auch Aithiopen mit ihren Geschenken einher, wie auf den altägyptischen Denkmälern trugen sie Elephantenzähne, Ebenholz, Gold- und Silber-Krateren und Goldstaub; auch Schafe, Vögel und ein Rhinoceros aus Aithiopien figurierten hierbei (Athen. V 201 a. b). Bis auf Ptolemaios II. Zeit ist angeblich keiner von den Hellenen bis nach Aithiopien hinein vorgedrungen, dieser erst habe an der Spitze eines Griechenheeres einen Erforschungszug dorthin unternommen (Diod. I 36, 5f.), doch hat schon im 1. Jahrzehnt des 5. Jhdts. v. Chr. Demokritos von Abdera (s. d.) περὶ τῶν ἐν Μερόῃ ἱερῶν γραμμάτων geschrieben. Die Nachrichten über den von einem anderen Ptolemaeer unternommenen aithiopischen Feldzug, welche hauptsächlich Agatharchides (I 20) erhalten hat, scheinen sich auf Ptolemaios III. Euergetes (s. d.) zu beziehen. Wie gross der Einfluss hellenistischer Kultur am oberen Nil in diesem Zeitraum war, das lehrt z. B. der von Guiseppe Ferlini (Cenno sugli scavi operati nella Nubia e Catalogo degli Oggetti ivi ritrovati da Gius. Ferlini, Bologna 1837; Relation historique des fouilles opérées dans la Nubie par Joseph Ferlini, Rom 1838) in einer der Pyramiden von Meroë entdeckte Schatz, den gegenwärtig das Berliner Museum bewahrt, das zeigt sich aber auch an Einzelheiten in den freilich vorwiegend nach altägyptischen mit sudanesischem Geschmack zurechtgeformten Vorbildern sich richtenden Darstellungen auf aithiopischen Kunstdenkmälern (vgl. besonders Lepsius Denkm. V 1–75). Griechische Autoren über Aithiopien s. u. Agatharchides, Aristokreon, Artemidoros, Basilis, Bion, Dalion, Eratosthenes, Simonides, Theokritos, vgl. auch Statius Sebosus. Über den Handelsverkehr vgl. Giac. Lumbroso Rech. s. l’écon. polit. de l’Ég. 145f. Über das aithiopische Goldgewicht s. H. Brugsch Ztschr. f. ägypt. Sprache XXVIIIff. Die hieroglyphischen Inschriften der Denkmäler enthalten die amtliche Hieroglyphen-Sprache Ägyptens mit vereinzelten Besonderheiten, dann wird die Hieroglyphenschrift der einheimischen Sprache angepasst (vgl. S. Birch Ztschr. f. ägypt. Spr. VI 61ff. H. Brugsch ebd. XXV 1ff. 75ff.), aber es giebt auch eine noch völlig unentzifferte Cursivschrift und eine Menge darin abgefasster Inschriften aithiopischen Ursprungs (Lepsius Denkmäler VI 1–11). Während aus Ergamenes Zeit und der seines Vorgängers Atechramon zwei kleine Tempelanlagen zu Dakke (s. Pselchis) und zu Debot auf dem westlichen nubischen Nilufer erhalten sind, haben zu Eratosthenes Zeit [1101] die Nubai (s. d.) die westliche Thalhälfte inne, und zu Strabons Zeit gab es fortwährend Besitzstreitigkeiten hinüber und herüber zwischen diesen ‚Libyern‘ und Aithiopen (Strab. XVII 786. 822). Über den Feldzug, welchen 24/23 v. Chr. C. Petronius gegen Napata unternahm und über die aithiopischen Königinnen dieses Zeitraums s. Kandake, Napata, C. Petronius. Das untere Nubien wurde dem römischen Reiche angeschlossen (s. Dodekaschoinos); erst nach dem 3. Jhdt. n. Chr. ging die Grenze wieder zurück auf das Gebiet des ersten Katarakts. Einen Zug nach Aithiopien hatte auch Nero geplant, es kam aber nur zur Absendung einer Kundschafterabteilung, die mit der Meldung heimkehrte, der Herrschersitz der Aithiopen (s. Napata und Meroë) liege verödet (Plin. VI 181. Dio Cass. LXIII 8). Gelegentlich werden in der Folge als Aithiopen auch die Nubai (s. d.) und die Blemyer (s. Blemyes) bezeichnet. Am oberen Nil bestanden christliche Reiche sehr lange fort (s. Nubai), so das Reich von Aloa. Einzelne Denkmäler (Lepsius Denkm. VI 12) haben Inschriften in der Sprache dieses Reiches in griechischen Buchstaben mit Hülfszeichen nach Analogie des koptischen Alphabete zur Ergänzung des Lautbestandes (Lepsius Briefe 156. 165. A. Erman Ztschr. f. ägypt. Spr. XIX 112ff.). Auch kommen in Nubien Inschriften vor, welche in uns unbekannter Sprache mit griechischen Schriftzeichen abgefasst sind (Lepsius Denkm. VI 82 gr. 184. 91. 99 gr. 538–540). Griechische Inschriften: CIG III 4979ff. Lepsius Denkm. VI 92–100. Über die aithiopische Ostküste Africas s. Trogodytai, Berenike, Ptolemaïs Theron, Arsinoe, Dire, Adule, Axomis. Bei der Unbestimmtheit des Begriffes Aithiopien sind die Angaben über die Bewohner, ihre Sitten und Gebräuche schlecht zu verwerten, ebenso die Nachrichten hinsichtlich der Landeserzeugnisse Äthiopiens. Vieles, was über Aithiopien u. s. . berichtet wird, wird auch als Indisches berichtet und umgekehrt (A. v. Gutschmid Kl. Schr. I 38). Viel zu allgemein ist schon die Behauptung, dass die Aithiopen die Circumcision ausüben (Herod. II 104. Joseph. Ant. VIII 262; c. Ap. I 170, vgl. Koloboi), noch mehr aber, dass an ihnen erläutert wird, sehr dunkelfarbige und sehr wollhaarige Menschen seien feig (Aristot. physiogn. 812 a 13. b 31), oder wenn sie ganz nach dem Muster der wirklich vorhandenen Zwergvölker beschrieben werden (Strab. XVII 821; vgl. G. Schweinfurth Im Herzen von Africa II 142ff.). Viele Stämme werden nur nach der Ernährungsart oder einer angeblich ihnen eigenen Besonderheit benannt, wie Agriophagoi, Akridophagoi, Anthropophagoi, Chelenophagoi, Elephantophagoi, Hylophagoi, Ichthyophagoi, Koloboi, Kreophagoi, Kynamolgoi, Makrobioi, Moschophagoi, Rhizophagoi, Spermatophagoi, Struthophagoi (s. d.). Geographische und ethnographische Nachrichten: Herod. II 104. III 20ff. Diod. III 2 ff. 8. 15–21. 24–32. Agatharchides (Phot. 441 c. 250 = Geogr. Gr. min. I 111ff. und Diod. III 12–48). Strab. XVII 770. 776. 786ff. 820ff. Ptol. IV 7–8. Prokop. bell. Pers. I 19f. Mela III 9. Plin. VI 168ff. Über die Erzeugnisse Aithiopiens: Herod. II 104. III 20ff. Strab. XVI 695. 772ff. 778. XVII 821. [1102] 827. Per. mar. Erythr. 4ff. Athen. II 68 b. III 110 e. Plin. XIX 161. XX 36. 161. Agatharch. 68–79. Heliod. Aeth. X 5. Aithiopische Sklaven als Fackelhalter (Athen. IV 148 b), als Badeknechte (Auct. ad Herenn. IV 50. Visconti Museo Pio Clem. III 35). Die Schwarze der Haut des Aithiopen sprichwörtlich: Iuv. II 23. VIII 33. Die Kunst der Alten hat vielfach die Gesichtsbildung und Gestalt der Aithiopen wiederzugeben versucht (J. Löwenherz Die Aethiopen der altklassischen Kunst, Götting. 1861); aus den Merkmalen, welche man an Africanern wahrnahm, wurde durch Auswahl der besonderen vom griechischen Typus abweichenden Kennzeichen ein Aithiopentypus geschaffen, der im ganzen mehr von dem Nordafricaner als von dem Sudanesen hat. Ein Aithiope zwischen zwei Amazonen (Élite céramographique III 66 = Gerhard Vasenbilder XLIII 2). Die athenische Vase ‚in Gestalt einer waschenden Mohrin‘, die Stackelberg (Gräber der Hellenen Taf. 49; vgl. Panofka Antiques du cabinet Pourtalès Taf. 30) abbildet, stellt in Wahrheit eine Korn schrotende Aithiopin vor in einer Haltung, die in Figuren ältesten ägyptischen Stils (Perrot u. Chipiez Ägypt. Fig. 449. 450) wiederkehrt. Bemalte Thongefässe in Gestalt von Negerköpfen sind häufig. Andere künstlerische Darstellungen s. u. Busiris, Charon, Memnon, Nemesis, Perseus, Pygmaioi. Um 330 n. Chr. wurde das Christentum an das Küstenland von Habesch verpflanzt (s. Frumentius), und diesem christlichen Reiche verblieb dann der Name Aithiopien (Îtejôpejâ) bis auf den heutigen Tag.

Litteratur: Geo. Waddington and Barnard Hanbury Journal of a Visit to some parte of Ethiopia, Lond. 1822. Fréd. Cailliaud Voyage à Méroé I–IV, Paris 1826–27, Atlas dazu 1823; Recherches sur les arts et métiers, les usages de la vie civile et domestique des anciens peuples de l’Ég., de la Nubie et de l’Éthiopie, Livr. 1–17, Paris 1831. G. A. Hoskius Travels in Ethiopia, Lond. 1835. R. Lepsius Briefe aus Ägypt., Äthiopien u. d. Halbins. d. Sinai, Berlin 1852; Nubische Grammatik mit einer Einleitung über die Völker und Sprachen Africas, Berlin 1880. P. Trémaux Égypte et Éthiopie, Paris s. a. Mommsen R. G. V³ 598ff. H. Kiepert Lehrb. d. alten Geographie 204ff. Forbiger Hdb. II 802ff. G. Maspero De quelques navigations des Égyptiens sur les côtes de la mer Érythrée (Rev. histor.), Paris 1878. J. Krall Sitzungsber. Akad. Wien CXXI 11, 40ff. J. Lieblein Ztschr. f. ägypt. Spr. XXIV 7ff.; Handel und Schiffahrt auf dem roten Meere in alten Zeiten, Christiania 1886. A. J. Letronne Matériaux pour l’histoire du christianisme en Ég., en Nubie et en Abyssinie = Oeuvres choisies Sér. Ι Τ. Ι 1ff.