RE:Artoarta

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 1459–1460
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Artoarta (Ἀρτοάρτα). Stadt im Lande der Paropanisaden (s. d.), der Ptolemaios (VI 18, 4) die Länge von 116° 30’ und die Breite von 37° 30’ giebt. Aus den von Ptolemaios für die Paropanisaden mitgeteilten Positionen lässt sich hinsichtlich der Lage von A. nur dies eine mit einiger Sicherheit entnehmen, dass es nordwestlich von Kabura (s. d.) oder Ortospana (Länge 118°, Breite 34°, Ptol. VI 18, 5), der heutigen Stadt Kâbul, lag. Die der Längen- und Breitendifferenz entsprechende Entfernung zwischen Kabura und A. ist, wie auch noch bei mehreren anderen Städten der Paropanisaden, derartig zu hoch gegriffen – sie beträgt 1850 Stadien (= 342 Km.) und würde uns bis etwa nach Baktra (jezt Balkh) führen, – dass sie als unbrauchbar bei Seite gelassen werden muss. Es lässt sich dies nur zum Teil aus der gebirgigen Natur des Landes erklären, die dasselbe unverhältnismässig ausgedehnt erscheinen liess; das itinerarische Material, über das Ptolemaios oder Marinos von Tyros für diese Gegenden verfügte, muss an sich besonders unzuverlässig oder durch fehlerhaft überlieferte Entfernungsangaben entstellt gewesen sein. Lassen setzte A. anfänglich (Zur Geschichte der Griech. u. Indoskythischen Könige 141) ganz allgemein in die Berge, ,wo die Pässe von den Quellen des Kâbulflusses nach Bâmijân hinüberfuhren‘; später (Ind. Altertumsk. III 135) glaubte er nach den Angaben des Ptolemaios es in die Nähe des jetzigen Tûtan-Daras verlegen zu müssen (über Tûtan-Dara, das gerade nördlich von Kâbul im Kôh-Dâman liegt, s. Masson Narrative of various Journeys in Balochistan, Afghanistan etc. III 126ff., wo auch S. 130 eine Abbildung davon; er schreibt den Namen Tûtam Dara; s. auch seine Karte zu Bd. IV und Karte III zu Cunningham The ancient Geography of India). Gleichzeitig hält er es aber nicht für ausgeschlossen, dass A. mit einem anderen, in Indoskythien gelegenen A. (Ptol. VII 1, 56) identisch sein könne, und dass Ptolemaios, wie auch in anderen Fällen, durch abweichende Berichte dazu geführt worden sei, aus einer Stadt zwei Städte gleichen Namens, aber verschiedener Lage zu machen. Cunningham a. a. O. 32 hat bei seiner Untersuchung über die Städte des Paropanisadenlandes für A. auf eine genauere Localisierung verzichtet. Hält man einstweilen noch, bis das Gegenteil in überzeugender Weise nachgewiesen ist, an dem Vorhandensein einer Stadt A. in den Paropanisaden fest, so wird man sie, in Übereinstimmung mit den Positionsangaben des Ptolemaios, nordwestlich von Kabura (Kâbul) suchen müssen, also westlicher, als dies Lassen gethan hat. Wahrscheinlich lag sie im Kôhistân, in dem nordwestlich vom Hindûkuš, südöstlich von der Paghmânkette begrenzten Thale des Ghorbandflusses, am Fusse eines der von dort über den Hindûkuš führenden Pässe. Dieses würde auch zu der von Cunningham (a. a. O. 28) vorgeschlagenen Identification der östlich von A. gelegenen Stadt Kapisa (s. d.) mit dem jetzigen Kûšân passen. Der Name A. ist sicher irânisch, der erste Bestandteil ist altirânisches Arta (im Avestâ ᵓUhra, das nach der irrigen Überlieferung der Parsen bisher allgemein Aśa gelesen worden ist) ,der Genius des Rechts, der Gerechtigkeit‘, das hier [1460] entweder diesen selbst bezeichnet, oder den Anfangsbestandteil eines damit zusammengesetzten Personennamens bildet; der zweite, varta, hat entweder die Bedeutung ,beschützt‘ oder, als Substantivum, die von ,Feste, Burg‘ (vgl. vard in Ortsnamen wie Suhravard, Zandavard, sowie das damit identische, aus dem Iranischen entlehnte armenische berd ,Burg‘). Der Sinn des Ganzen ist also entweder ,die von dem Genius des Rechts beschützte (Stadt)‘, ,die Burg des Rechts‘, oder ,die Burg des Arta ......‘. Wegen des iranischen Namens hat Lassen (Ind. Altertumsk. III 135, s. auch II² 869) vermutet, dass A. ,eine parthische Gründung‘ sei. Aber die Stadt muss älter sein, da das bei Ptolemaios für die Paropanisaden benutzte Material nur aus der älteren Seleukidenzeit stammen kann.