RE:Augeias 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 23062310
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Augeias (Αὐγείας, Αὐγέας. 1) Sohn des Helios (Theokr. XXV 54. Apoll. Rhod. I 172 [u. Schol.]. III 362. Apollod. I 9, 16, 9. II 5, 5, 1. Orph. Arg. 214. Hyg. fab. 14. Paus. V 1, 9. Tzetz. Lyk. 41. Joh. Pedias. 5 [Myth. Gr. I 253 Wagner], vgl. auch Nonn. XIV 44) oder Eleios (Paus. V 1, 9) oder des Lapithensohnes Phorbas (Apollod. [2307] II 5, 5, 1. Schol. Apoll. Rhod. I 172. Pedias. a. a. O.) oder des Poseidon (Apollod. II 5, 5, 1) und der Hyrmina (Tochter des Neleus oder des Nykteus oder des Epeios, Schol. Apoll. Rhod. I 172; bei Paus. V 1, 11 sind Phorbas und Hyrmina, die Tochter des Epeios, nur des Aktor Eltern, nicht des A.) oder der Iphiboe (Tzetz. Lyk. 41) oder der † Naupidame (Hyg. fab. 14), Bruder des Aktor (Apollod. II 7, 2, 2; vgl. Diod. IV 69, 3 und dazu Bethe Quaest. Diod. mythogr., Diss. Gott. 1887, 53), Vater des Phyleus (Il. II 629. Theokr. XXV 55. Kallim. Schol. Il. II 629. XI 700. Apollod. II 5, 5, 5. Paus. V 1, 10 [ältester Sohn]. 3, 3. Eustath. Il. II 625 p. 305, 10ff. Pedias. a. a. O.), des Agasthenes (Il. II 624. Paus. V 3, 3), der Agamede (zauberkundige Gemahlin des Mulios, Il. XI 739ff.; von Poseidon Mutter des Diktys, Hyg. fab. 157) oder Perimede (Theokr. II 16 mit Schol. Prop. II 4, 8) und der Epikaste (von Herakles Mutter des Thestalos, Apollod. II 7, 8, 9), nach Diod. IV 33, 3 auch des Eurytos, der sonst als einer der Aktorionen (s. u.) erscheint. A. ist König der Epeier (Il. XI 698ff. Theokr. XXV 43), gewöhnlicher der Eleier (Apoll. Rhod. I 173. Apollod. II 5, 5, 1. Diod. IV 33, 1. Hyg. fab. 14. Paus. V 1, 9. Charax FHG III 637. Schol. Il. XI 700. Schol. Pind. Ol. XI 28ff. Tzetz. Lyk. 41. Eustath. a. a. O. Pedias. a. a. O.), die Hekataios (Strab. VIII 341) sogar ausdrücklich von den Epeiern, welche er zu Gegnern des A. macht, unterscheidet; in Pisa lässt ihn Orph. Arg. 214 wohnen, in Ephyra eine nur mangelhaft begründete Vermutung K. O. Müllers (Orchomenos 355f.).

Hochgepriesen war in der Sage der Reichtum des A. So konnte auch an seinen Namen das ägyptische Märchen vom Schatzhause des Rhampsinit angeknüpft werden, für unsere Kenntnis (und vielleicht überhaupt) zuerst in der Telegonie des Eugammon von Kyrene (Prokl. Mythogr. Gr. I 246 Wagner), wo es als Erklärung der Reliefs eines Bechers erzählt war, welchen der auch der Ilias (Il 623f.) bekannte Enkel des A., König Polyxenos von Elis, dem Odysseus schenkte. Näheres erfahren wir durch den Bericht des Charax (Schol. Ar. Wolk. 508 = FHG III 637): Agamedes, des Stymphalos Sohn, Herrscher von Arkadien, baut dem A. im Verein mit seinem Stiefsohn Trophonios ein Schatzhaus, in welchem er einen Stein locker lässt, nachts steigen beide mit Kerkyon, dem rechten Sohne des Agamedes, ein und berauben den A. Dieser lässt, um den unbekannten Dieb zu ertappen, durch Daidalos Schlingen legen, in denen sich Agamedes fängt. Um nicht überführt zu werden, schlägt diesem Trophonios den Kopf ab und entflieht mit Kerkyon. Zur Beurteilung der Sage vgl. Welcker Ep. Cykl. II 301ff. K. O. Müller Orchomenos 91f. v. Wilamowitz Homer. Unters. 185f. Studniczka Kyrene 6. 64. 116. 120. Kern o. Bd. I S. 719ff. Ed. Meyer Herm. XXX 1895, 262.

Besonders der Herdenreichtum des A. war berühmt, ein Geschenk seines Vaters Helios (Paus. V 1, 9. Apollod. II 5, 5, 1 [dem Joh. Pediasim. 5, Myth. Gr. I 253 Wagner in allen Stücken folgt]; ausführliche poetische Schilderung Theokr. XXV 1ff.; neben den Herden des A. weiden zwölf andere des Helios, ebd. 129f.). Auf diese Herden bezieht sich eine der zwölf Arbeiten des Herakles: Eurystheus [2308] trug ihm auf, die ausgedehnten Stallungen des Königs von dem viele Jahre angesammelten Miste (welcher der Fruchtbarkeit des Landes zu schaden drohte, Paus. V 1, 9) an einem Tage zu befreien (Apollod. a. a. O. Kallim. Schol. Il. XI 700). Herakles ging zu A. und erbot sich (unter Verschweigung des ihm gewordenen Auftrages, Apollod. II 5, 5, 2) zu dieser Arbeit, wenn er als Lohn den zehnten Teil der Herden erhielte (Apollod. a. a. O. Schol. Pind. Ol. XI 28ff.; einen Teil des Landes, Paus. V 1, 9). A. ungläubig stimmt zu, und Herakles nimmt den Phyleus zum Zeugen des Vertrages; er durchbricht des Fundament des Stalles und leitet den Alpheios samt dem Peneios (nur den Alpheios, Diod. IV 13, 3. Quint. Smyrn. VI 234; den Menios, Paus. V 1, 10; über letzteren vgl. K. O. Müller Gött. Anz. 1838, 1345f.; Orchom. 355f.; über die Reste des Canals vgl. E. Curtius Pelop. II 34) hindurch. So vollendet er allein (bei Hyg. fab. 30 ist wohl Iolaos als Helfer gedacht; überliefert ist Iove adiutore) die Wunderthat an einem Tage. Nun aber die Arbeit wider das Erwarten des A. gelang, weigert sich dieser, den versprochenen Lohn zu geben (Pind. Ol. X [XI] 25ff. Kallim. Schol. Il. XI 700) und leugnet entweder den Vertrag überhaupt (so Apollodor) oder sucht Ausflüchte (weil Herakles im Auftrag des Eurystheus gehandelt habe, Kallim. a. a. O. Schol. Pind. Ol. XI 28ff.; weil er nicht durch körperliche Kraft, sondern mit List das Unwahrscheinliche geleistet, Paus. V 1, 10); Lepreus (s. d.) rät ihm, den Herakles zu binden und wird dafür später von diesem bestraft (Zenodot Athen. X 412 A. Ael. v. h. I 24), Phyleus jedoch widerspricht dem ungerechten Verhalten des Vaters (Paus. V 1, 10). Oder A. erklärt, sich einem Schiedsgericht unterwerfen zu wollen; als aber Phyleus dort Zeugnis gegen ihn ablegt (Phyleus selbst der Richter, Kallim. a. a. O. Diod. IV 33, 4), entbrennt A. in Zorn und jagt noch vor dem Richterspruch sowohl Herakles, der sich nach Olenos begiebt, wie Phyleus, der nach Dulichion geht, aus dem Lande (so Apollod. Kallim. Schol. Il. II 629. XI 700. Eustath. Il. II 625 p. 305, 10). Um dem drohenden Angriff des Herakles zu begegnen, verbindet sich A. mit Amarynkeus und seinen Neffen, dem Zwillingspaar der Molioniden, Söhnen des Aktor (oder Poseidon) und der Molione (Paus. V 1, 11). Herakles zieht heran (Schol. Pind. Ol. XI 28ff.) mit einem tirynthischen (Pind. Ol. X [XI] 25ff.) oder arkadischen (Apollod. II 7, 2, 1) Heere. Die Molioniden aber an der Spitze der Truppen des A. besiegen ihn (Pind. a. a. O. Pherekyd. Schol. Il. XI 709. Diod. IV 33, 1. Paus. V 2, 1; vgl. IGI 1293 A 47), so dass er sich zurückziehen muss (er flieht bis Buprasion, Schol. Plat. Phaid. 89 C; die Niederlage durch Krankheit des Herakles und unvermuteten Überfall beschönigt, Apollod. II 7, 2, 3. Schol. Pind. a. a. O.). Er rächt sich bald darauf, indem er bei Kleonai die als Festteilnehmer zu den isthmischen Spielen nach Korinthos ziehenden Molioniden aus einem Hinterhalte überfällt und niedermacht; deshalb enthalten sich die Eleer der Teilnahme an den Isthmien (Pind. Ol. X [XI] 25ff. mit Schol. Pherek. Schol. Il. XI 709. Schol. Plat. Phaid. 89 C. Paus. V 2, 1 Apollod. II 7, 2, 4; vgl. Diod. IV 33, 3). Aufs neue zieht nun Herakles [2309] gegen Elis (mit Argivern, Thebanern und Arkadern, Paus. V 3, 1), erobert es und tötet A. samt allen Kindern mit Ausnahme des Phyleus, den er zum Herrscher einsetzt (Pind. a. a. O. mit Schol. Apollod. II 7, 2, 4f. Diod. IV 33, 4. Paus. V 3, 1. IGI 1293 A 51 f.; nur einen Zug des Herakles gegen Elis nimmt an Kallim. a. a. O.). Eine abweichende Version des Schlusses der Erzählung berichtet Paus. V 3, 1. 3. 4, 2: A. wird nicht getötet, sondern als Kriegsgefangener dem Phyleus geschenkt, der ihn frei lässt und wieder in seine Herrschaft einsetzt, während er selbst wieder nach Dulichion geht; so regiert A. bis an seinen natürlichen Tod und sein (also ebenfalls am Leben gebliebener) Sohn Agasthenes folgt ihm nach; A. selbst geniesst fortan heroische Ehren, die ihm auch der Eroberer Oxylos nicht schmälert.

Aus dieser Übersicht der Überlieferung lässt sich wenigstens in den Hauptzügen die einfachere pindarische Version und die rationalistisch gefärbten des Kallimachos, Apollodor, Pausanias unterscheiden; über das Verhältnis des Diodor zu Apollodor vgl. Bethe a. a. O. 72.

Ausser in dieser zusammenhängenden Sage erscheint A. auch in verschiedenen Einzelerwähnungen: als Veranstalter von Festspielen, zugleich als durchtriebenen Charakter kennt ihn schon die Ilias (XI 698ff.); olympische Spiele feierte er nach Paus. V 8, 3 (wohl im Hinblick auf die Iliasstelle; gewöhnlich sollte Herakles die Olympien nach dem Sieg über A. gestiftet haben); er tötete hinterlistig die Kinder des Herakles und der Megara nach Sokrates (Schol. Pind. Isthm. III 104), auch unter den Argonauten wird er genannt (Apoll. Rhod. I 172. III 197. 362f. 440. Apollod. I 9, 16, 9. Hyg. fab. 14. Orph. Arg. 213); was Apoll. Rhod. IV 727 bei Gelegenheit der Kirke von den strahlenden Augen aller Helioskinder sagt, wendet auf A. an der Scholiast zu I 172.

Dass A., der Heliossohn, der Besitzer der Sonnenrinder, wie Aietes (ihre Töchter Agamede und Medeia ebenfalls identisch) eine Hypostase des auch in Elis hochverehrten (Preller-Robert I 430, 3) Helios ist, hat man längst gesehen, und es ist wohl nicht zu bezweifeln. Zur Deutung im einzelnen vgl. Welcker Gr. Götterl. I 407. Preller-Plew II 198f. Tümpel Jahrb. f. Philol. Suppl. XVI 1888, 165, 97. Crusius Litt. Centralbl. 1894, 63; für die in Betracht kommenden historischen Verhältnisse besonders v. Wilamowitz Eurip. Herakles² I 21. Auf den Darstellungen des Heraklesabenteuers erscheint die Figur des A. niemals; für diese Darstellungen ist daher auf den Artikel Herakles zu verweisen. Zu erwähnen ist nur eine streng-rf. Pelike des Cab. d. Méd. (Samml. Oppermann nr. 42), welche de Witte (Catal. Castellani 1865 nr. 30. 1866 nr. 65) auf A. gedeutet hat, wie er sich weigere den Lohn zu zahlen. Die merkwürdige Darstellung, von der mir eine flüchtige Durchzeichnung vorliegt, zeigt Herakles (bärtig, bekränzt) in Vorderansicht, mit beiden Händen vor dem Unterkörper das mit dem Kopf nach unten herab hängende Löwenfell an den Hintertatzen haltend (nach de Witte will er sich das Fell zum Weggehen umwerfen); er wendet den Kopf einem links stehenden, gänzlich unbekleideten, bärtigen und bekränzten Manne zu, der mit der Linken an den Hinterkopf fasst, während [2310] er die geballte Rechte weit emporstreckt (Schema des Faustkämpfers). Für A. scheint mir die Darstellung nicht zu passen, eine andere Deutung weiss ich jedoch nicht zu geben.