RE:Bias 10

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Band III,1 (1897), Sp. 383389
Pauly-Wissowa III,1, 0383.jpg  Pauly-Wissowa III,1, 0389.jpg
Bias von Priene in der Wikipedia
GND: 102383146
Bias von Priene in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|III,1|383|389|Bias 10|[[REAutor]]|RE:Bias 10}}        

10) Bias, Sohn des Teutames, Staatsmann und ‚Weiser‘ zu Priene. Litteratur: O. Bernhardt Die sieben Weisen 7f. Bohren De septem sapientibus (Bonn 1867) 43ff. Zeller Phil. d. Gr. I 496ff. Hirzel Der Dialog II 133ff. Harro Wulf De fabellis cum collegii sept. sap. memoria coniunctis (Diss. Hal. XIII 164ff. 188). v. Wilamowitz Herm. XXV 196. Erdmannsdörfer Pr. Jahrb. XXV = Das Zeitalter der Novelle in Hellas 321. Duncker Gesch. des Altertums IV 340. VI 305. 508. E. Meyer Gesch. des Altert. II § 391 S. 617. 441 S. 715. 472 S. 770. Lenschau De rebus Prienensium, Leipz. Stud. XII 124–136. Bergk Litt.-Gesch. II 414. Schneidewin Philol. I 22. Hiller Rh. Mus. XXXIII 520ff. Untergeschobenes melisches Fragment bei Bergk PLG III p. 199.

A. Älteste Zeugnisse.

B. gehört zu dem ursprünglichen festen Kern des Sieben-Weisen-Kreises, zu den vier ὡμολογημένοι σοφοί Thales, B., Pittakos, Solon (so nach der auch aus litterarischen Katalogen bekannten Peripatetikermethode Dikaiarchos bei Diog. Laert. 141 und Cicero Rep. I 12, s. Bohren 25).

Die ältesten Zeugnisse reichen bis unmittelbar [384] an seine Lebenszeit heran: Hippon. frg. 79 p. 488 B. (Strab. XIV 636. Diog. Laert. I 84. 88, ausgeschrieben bei Suid. s. Βίαντος) καὶ δικάζεσθαι Βίαντος τοῦ Πριηνέος κρέσσων. Demodokos frg. 6 p. 67 (Diog. Laert. I 84, daraus Suid. s. δικάζεσθαι) ἢν τύχης κρίνων, δικάζευ τὴν Πριηνίην δίκην. Herakl. frg. 112 Byw. (Diog. Laert. I 88): ἐν Πριήνῃ Βίας ἐγένετο ὁ Τευτάμεω, οὗ πλείων λόγος ἢ τῶν ἄλλων. Nun weiss Hipponax frg. 45 auch schon, dass Apollon den Myson ἀνεῖπεν ἀνδρῶν σωφρονέστατον πάντων. Danach standen diese Überlieferungen – ein Kreis weiser Staatsmänner und der Schiedsspruch des Apoll – bereits am Ausgang des 6. Jhdts. in den Grundzügen fest (E. Meyer a. O.); B. spielte darin wie in gewissen Versionen der Dreifusssage (über die Wulf a. O. 186ff. sorgfältig gehandelt hat) und noch in Plutarchs Gastmahl, die erste Rolle. Derartige Erzählungen werden damals auch bereits schriftlich fixiert sein, in einem jener namenlosen Volksbücher, als deren Repraesentanten wir den schon von Herodot und Thukydides als Quelle benutzten Homer-Hesiod-Agon (Philol. LIV 725. 728) und den mit den Sieben-Weisen-Überlieferungen eng zusammenhängenden Aesop-Bios (Philol. LII 203f. LV 3f.) betrachten dürfen; der Schwerpunkt der ältesten und besten Überlieferungen über die vier ὡμολογημένοι liegt durchaus auf kleinasiatisch-ionischem Gebiete, wo jene besonders bei Herodot und Hekataios fortwirkende primitivste Prosaerzählung und Novellendichtung (Erdmannsdörfer a. O.) sich entwickelt hat. Ein wenig beachtetes Hekataiosfragment bei Eustath. z. Od. II 190 οἱ Βιαντίδαι ἄνδρες σπουδαιέστατοι ἐγένοντο lässt sich allenfalls auf den Prienenser beziehen; doch kann Hekataios auch vom γένος der mythischen Biantiden gesprochen und ihren von Bethe oben S. 382 behandelten Stammbaum ausgestaltet haben. Auch so bleibt es wahrscheinlich genug, dass man die unverkennbare Zwiespältigkeit der herodotischen Überlieferungen über Arion, B., Thales und ihre Genossen durch Benutzung von zwei Hauptquellen erklären muss; neben Hellanikos (vgl. meine Nachweise Bd. II S. 836 und neuerdings Wulf a. a. O., der aber den Einfluss des Hellanikos wohl zu hoch einschätzt, kommt hier bei der Rolle, die Milet und Thales spielen (Herod. I 20ff.), vor allem Hekataios in Frage. Herodots eine Quelle (Hekataios? ebenso Diod. IX 25) berichtete I 27, dass B. (wie Solon u. a.) bei Kroisos in Sardeis zu Gaste gewesen sei und ihm von einem Angriff auf die Inselgriechen abgeraten habe; die zweite Quelle (οἱ δὲ, Hellanikos?) setzte an Stelle des B. Pittakos von Mytilene. Es sind dies die ältesten Zeugnisse für das Auftreten der griechischen Weisen an Dynastenhöfen (Schubert Gesch. der Könige von Lydien 65. 71. Bohren 19. 31); historischen Charakter haben sie aber schwerlich (in diesem Punkt sind Wulfs Zweifel 166f. wohl berechtigt). Ausserdem erzählt Herodot I 170 (vielleicht aus Hekataios), B. habe auf der ionischen Tagsatzung im Panionion vorgeschlagen, die Ionier sollten nach Sardinien auswandern und hier ein grosses Gemeinwesen gründen. Diese Nachricht hat Historikern verschiedenster Richtung (Grote Gesch. Griechenl. Übers. IV² 473. Duncker a. O. Schubert Könige von Lydien 62f. E. Meyer 770) stets als [385] geschichtlich gegolten. Neuerdings ist auch sie mit grosser Schärfe, aber unzulänglicher Begründung als haltlose Fiction bezeichnet von Wulf a. O. 166 Anm.; dass bei Herodot. I 170 dasselbe Project ut Bianti ita Thaleti vindicatum sei, ist thatsächlich unrichtig. So wenig glaubhaft es erscheinen mag, dass von den intimen Gesprächen des Kroisos mit seinen griechischen Gastfreunden bei den Griechen eine wirkliche Überlieferung bestand, ebenso begreiflich ist es, dass sich die Kunde von seiner politischen Debatte in kritischer Zeit bei den Ostgriechen erhielt.

B. Überblick über die Gesamtüberlieferung.

Die besonders durch Hermippos vermittelte Summe der einschlagenden Überlieferungen bieten vor allem Diog. Laert. I 13ff. 82–88. Diodor. IX 13. 25ff. Plut. Sol. 12. 27ff.; de adul. 19 p. 61 D; de aud. 2 p. 38 D; quaest. conv. I 2 p. 616; de sera num. vind. 2 p. 548 Ε; quaest. Graec. 20; sept. sap. conv. 2. 4. 6; aber schon Aristoteles (Sam. polit. frg. 576 R. p. 356 ed. 1886; de philos. frg. 3ff. p. 25; de poet. frg. 75 p. 79; eth. Nicom. I 16; rhetor. II 13, 4 u. s. w.) kannte sie nachweislich bis in alle Einzelheiten hinein, gerade wie er die novellistischen Nachrichten über Homer und Hesiod seiner Aufmerksamkeit für wert gehalten hat (Philol. LIV 928). Die Hauptpunkte sollen hier herausgegriffen werden; für den weiteren Zusammenhang vgl. den Artikel über die Sieben Weisen.

I. Herkunft.

Bei B. wiederholt sich dieselbe Debatte, wie bei Thales. Nach den einen gilt B. als πλούσιος und altadliger Nachkomme Θηβαίων ἀποικίαν εἰς Πριήνην στειλάντων, d. h. prienensischer ‚Kadmeer‘ (Phanod. Diog. Laert. I 83 = frg. 4. 5, FHG IV 473), nach andern ist er πάροικος in Priene (Duris Diog. Laert. I 82 = frg. 54, FHG II 482). Der Name seines Vaters ist ungriechisch, Τευτάμης: denn diese Form ist aus Satyros Τευτάμου, Diog. Laert. I 82 (daraus Τεύταμος bei den Grammatikern, s. Herodian. I 170. II 126) und Herakleits Τευτάμεω wohl zu erschliessen (die Bedenken, die Meister Herodas 840 und Immisch Rh. Mus. XLVIII 297 bei einem ähnlichen Falle vorgebracht haben, treffen hier kaum zu; Βίας Τευταμίδου in den Stobaeus-Hss. flor. I p. 121 H. ist mit Meineke als Fehler für Τευταμίδης zu betrachten, obgleich derartige Doppelformen in der biographischen Überlieferung nicht selten sind). Daraus lassen sich aber keine Folgerungen im Sinne des Duris ziehen, da der Name Τεύταμος, Τευτάμης längst durchs alte Epos (Il. II 843. Apollod. II 4, 4) bei den Griechen in Kurs gesetzt war. Wahrscheinlich hat Duris hier, wie bei Thales, aus der Überlieferung, dass B. den herrschenden Kadmeergeschlechtern angehören sollte (Hesych. II 384 Κάδμειοι οἱ Πριηνεῖς, ὡς Ἑλλάνικος [frg. 95]), fälschlich auf phoinikische Herkunft geschlossen (Crusius Roschers Lexik. II 872f. 882ff.; Kadmos 89ff. 116. 130). Apophthegmen, die diese Anschauung verwerten (Gnomol. Vat Wien. Stud. X 33 εἰπόντος τινός· ‚καὶ λαλεῖς σὺ ἀπὸ τοιούτων γονέων γεγονώς;‘ ‚ἀπ’ ἐμοῦ με‘ εἴπεν ‚ἀρίθμει‘) können natürlich nicht als geschichtliche Urkunden gelten; überdies taucht der a. O. ihm in den Mund gelegte Ausspruch bei Themistokles, Iphikrates, Hegesias u. a. wieder auf (Sternbach Wiener Studien X 247f.). Doch [386] sei darauf hingewiesen, dass man wohl schon Hekataios als Vorgänger des Duris ansehn müsste, wenn die Beziehung des oben erwähnten Fragments auf unsern B. feststände; die Worte καὶ οἱ Βιαντίδαι ἄνδρες σπουδαιέστατοι ἐγένοντο (im Gegensatz zu den γονεῖς) schlössen sich ganz passend als Fortsetzung an das eben erwähnte Apophthegma an. Da Hekataios Kadmos als Phoinikier betrachtete (Roschers Lexik. II 874. 891), würde die Folgerung seinen Anschauungen durchaus entsprechen. Die alte naive Überlieferung rechnet B. unverkennbar unter den conservativen Adel seiner Heimat.

II. Leben und politische Thätigkeit.

B. gilt als Typus des gerechten und scharfsinnigen Richters (Hipponax und Demodokos a. O. Diog. Laert. I 84f. Strab. XIV 636); man wird, wie von dem weisen König Bokchoris (Plut. prov. Alex. 25 u. Commentar), Rechtssprüche von ihm überliefert haben, auf die sich diese Anschauung gründete. Auf sein Schiedsrichteramt geht das Apophthegma χαλεπώτερον εἶναι φίλους διαφερομένους διαιτῆσαι ἤπερ ἐχθρούς (Gnomol. Vat. 150. Plut. quaest. conv. I 2 p. 616 D), für das die Stellen am vollständigsten nachgewiesen sind bei Sternbach Wiener Stud. X 33; eine verwandte Anekdote (θανάτῳ μέλλων καταδικάζειν τινὰ ἐδάκρυσεν κτλ.) bei Maxim. περὶ ἐλεημοσύνης serm. VII = Migne gr. 91, 769. Nach der für Priene unglücklichen Schlacht παρὰ Δρυΐ soll er es verstanden haben, die endlose Fehde mit Samos durch billige Vorschläge zu beiderseitiger Zufriedenheit beizulegen; s. Aristot. Sam. polit. p. 576 R. = Zenob. Ath. II 108 (volg. 512) τὸ παρὰ Δρῦν σκότος = Plut. qu. Gr. 20; ähnlich der inschriftliche Brief des Lysimachos GIG 2254 (besser bei Hicks Greek hist. inscr. 152): Σαμίους παρελέσθαι τὴν χώραν αὐτῶν· 〈πεμφθῆναι οὖν παρὰ〉 Πριηνέων Βίαντα περὶ διαλύσεων τοῖς Σα〈μίοις … τὸν δ〉ὲ διαλῦσαί τε τὰς πόλεις καὶ τοὺς οἰ〈κοῦντας ἐκεί; vgl. Th. Lenschau De rebus Prienensium, Leipz. Stud. XII 126f. 135. E. Meyer a. a. O. § 81 S. 435. In dem rhodischen Schiedsspruch CIG 2905 p. 573 (Hicks Inscr. Brit. Mus. 403, 107. Cauer Del. 179 a p. 119) berufen sich die Samier auf τὰ τῶν ἱστοριογράφων μαρτύρια, besonders auf Maiandrios (FHG II 336), um zu erweisen, dass nach der Schlacht ἐπὶ Δρυΐ πᾶσαν ταύταν τὰν χώραν ἐν ταῖς συνθήκαις αὐτῶν γενέσθαι. B. hätte danach den Feinden starke Concessionen machen müssen. Wenn er trotzdem nach Aristoteles πρεσβεύσας εὐδοκίμησε (Aristot. bei Plut. qu. Gr. 20, vgl. Rose Aristot. Pseudepigr. 521), so haben die Aristoteles vorliegenden Quellen bei dieser Gelegenheit Züge von Geistesgegenwart und Gewandtheit berichtet, die wir nicht kennen. An andrer Stelle (Diog. Laert. II 46) nennt Aristoteles (de poet. frg. 75 R. = Arist. Pseudepigr. p. 84: ἐφιλονείκει .. Βίαντι Σάλαρος Πριηνεύς) einen Prienenser Salaros (s. d.) als Rivalen des B.; er wird ihn, wohl als politischen Antagonisten, in demselben Zusammenhange kennen gelernt haben. Nach der altertümlich naiven Erzählung bei Diog. Laert. I 83 (Suid. s. κρομμύα), die auch Plutarch conv. 10 p. 153 Ε vorlag, erwies B. seiner Vaterstadt einen noch grösseren Dienst, als sie von Alyattes belagert wurde; er soll nämlich den Feind über die in der Stadt vorhandenen Proviantvorräte [387] durch allerlei Listen (πιήναντα δύο ἡμιόνους ἐξελάσαι εἰς τὸ στρατόπεδον … σωροὺς ψάμμου χέας καὶ ἄνωθεν σῖτον περιχέας ἔδειξε) so getäuscht haben, dass der König die Belagerung aufgab und Frieden schloss. Ganz ähnliche Strategemata werden bei Herodot I 21 dem Thrasybulos von Milet zugeschrieben (Schubert Könige von Lydien 47. 50). Wir haben es also offenbar mit novellistischer Erfindung zu thun; doch mag der allgemeine Hintergrund, wie bei Arion, geschichtlich sein. In einer andern, wohl jüngern Anekdote (Cic. parad. I 8, vgl. M. Schneider z. d. St.; daraus Val. Max. VII 2, 3) erlebt B. die Eroberung seiner Vaterstadt durch einen hostis und thut dabei, quom ceteri ita fugerent ut multa de suis rebus asportarent, den (sonst Simonides, Stilpo, Diogenes in den Mund gelegten) Ausspruch omnia mecum porto mea. Auch mit den Ereignissen während des zweiten messenischen Krieges setzten die Diogenes Laertius und Plutarch vorliegenden Quellen B. in Beziehung. Er kauft kriegsgefangene messenische Jungfrauen los (Phanod. frg. 4. 5, FHG IV 473 = Diog. Laert. I 82. Diod. IX 13, 1) und verheisst dem Verräter Aristokrates ein böses Ende (Plut. de sera num. vind. 2 p. 548 E. F, wo man auf Grund von Diog. Laert. I 82 den Satz τί γὰρ Μεσσηνίοις ὄφελος τοῖς προαναιρεθεῖσι τῆς Ἀριστοκράτους τιμωρίας κτλ. in denselben Zusammenhang ziehen könnte, wie das vorhergehende τὸ τοῦ Βίαντος ἐνοχλεῖ .. ἔφη γάρ .. πρός τινα πονηρόν, ὡς οὐ δέδιε μὴ οὐ δῷ δίκην, ἀλλὰ μὴ οὐκ αὐτὸς ἴδῃ). Die chronologischen Schwierigkeiten können wir auf sich beruhen lassen, da die Geschichte in den Rahmen der hier nicht weiter zu behandelnden Legenden vom Dreifuss und den delphischen Sprüchen gehört (Wulf a. O. 175ff.) und als freie Dichtung zu betrachten ist. Das gleiche Gepräge tragen die Überlieferungen von dem Verkehr des B. und Amasis. Auf eine Art Agon führt die Geschichte bei Plutarch de aud. 2 p. 38f. Ἀμάσιδι κελευσθεὶς τὸ χρηστότατον ὁμοῦ καὶ φαυλότατον ἀποπέμψαι κρέας τοῦ ἱερείου, τὴν γλῶτταν ἀπέπεμψεν {vgl. conv. 2 p. 146 F), wo B. dem weisen Amasis gegenüber seinen Scharfsinn bewährt (s. Bd. I S. 1747, 25ff.); daraufhin wendet sich dann Amasis selbst bei einer Art Rätselwette, die er mit dem Aithiopenkönig zu bestehen hat, an B., um seinen Rat einzuholen wegen des ἄτοπον ἐπίταγμα, das Meer auszutrinken (conv. 2 p. 146 F. 6 p. 151 B); B. hilft denn auch durch einen witzigen Ausspruch (p. 151 D τοὺς ποταμοὺς ἐπισχεῖν). Auch die berühmte Antwort auf die Frage τί τῶν ζώων χαλεπώτατον Plut. de adul. 19 p. 61 D (τύραννος und κόλαξ) wird in diesen Zusammenhang gehören. Von einer Reise seines Sohnes nach Ägypten ist die Rede bei Basil. de profan. libr. p. 184 C = Migne gr. 31, 587, und in den gleichen Zusammenhang führt der Brief des Amasis und die Aussprüche des B. im Parallelenbuch, Max. Conf. serm. 36 p. 627f. = Migne gr. 91, 903 u. ö. Stellt man neben diese durchaus anekdotenhaften, zum Teil stark naiven Einzelzüge Herodots (I 170) Erzählung von der ionischen Tagsatzung und dem Vorschlag des B., nach Westen zu ziehen, gewinnt man erst recht den Eindruck, dass hier neben und in einem Wust von novellistischen Fictionen ein Stück ernsthafter Geschichte erhalten ist (s. o. S. 384f.). [388] B. tritt auch hier als der erste Mann seiner Stadt und seines Stammes auf. Ebenso beweist seine sicher historische Thätigkeit als Richter bei der alten Bedeutung dieses Amtes (E. Meyer, § 225), dass er thatsächlich das politische Haupt von Priene war, wenn auch schwerlich in officieller Stellung, wie Pittakos in Mytilene. Mit Perikles vergleicht ihn Plutarch, dem diese Überlieferungen viel vollständiger vorlagen, als uns, de unius dominat. 2 p. 826 D λέγεται δὲ καὶ βίος ἀνδρὸς πολιτικοῦ καὶ κοινὰ πράττοντος πολιτεία· καθὸ τὴν Περικλέους πολιτείαν ἐπαινοῦμεν καὶ τὴν Βίαντος, ψέγομεν δὲ τὴν Ὑπερβόλου καὶ Κλέωνος (vgl. auch Ael. var. h. IIΙ 17). Bei diesem Urteil mögen Plutarch freilich vielfach späte Apophthegmen vorgeschwebt haben, wie das im conv. 11 p. 154 Ε erwähnte: ὁ Βίας ἔφησε κρατίστην εἶναι δημοκρατίαν ἐν ᾗ πάντες ὡς τύραννον φοβοῦνται τὸν νόμον.

Die Legende bei Diog. Laert. I 84 lässt ihn, wie so manchen andern berühmten Mann (Philol. Anz. XV 631. 633), bei seiner Lieblingsbeschäftigung als Sieger sterben: δίκην γὰρ ὑπέρ τινος λέξας ἤδη ὑπέργηρως ὑπάρχων μετὰ τὸ καταπαῦσαι τὸν λόγον ἀπέκλινε τὴν κεφαλὴν εἰς τοὺς τοῦ τῆς θυγατρὸς υἱοῦ κόλπους κτλ. Das ist wohl junge Erfindung, wie sich schon daraus ergiebt, dass B. als Sachwalter auftritt τῶν δικαστῶν τὴν ψῆφον ἐνεγκόντων τῷ ὑπὸ τοῦ Βίαντος βοηθουμένῳ; in der echten Überlieferung gilt er durchaus als Richter oder Aisymnet im altionischen Sinn. Die Notiz, dass die Prienenser ihm τέμενος καθιέρωσαν τὸ Τευτάμειον λεγόμενον, also ihm einen Heroenkult stifteten, mag geschichtlich sein; dass in Mytilene eine Πιττάκειος χώρα existierte (Diog. Laert. I 75) darf man nicht, wie geschehen ist, dagegen anführen. Das angebliche Grabepigramm bei Diog Laert. I 85 ist (wie bei den andern ‚Weisen‘) eine Fälschung, wahrscheinlich des Lobon, s. Preger Inscr. Gr. metr. 245 p. 198f.

III. Apophthegmen und angeblicher litterarischer Nachlass.

Schon in den von Platon benützten Siebenweisengeschichten (die Siebenzahl ist, wie Bohren betont, vor Platon nicht nachweisbar, aber doch wohl erheblich älter) erprobten sich die Weisen, darunter B. selber, Thales und Pittakos, durch ῥήματα ἀξιομνημόνευτα ἑκάστῳ εἰρημένα. Aristoteles (κατὰ τὴν Βίαντος ὑποθήκην καὶ φιλοῦσιν ὡς μισήσοντες καὶ μισοῦσιν ὡς φιλήσοντες Rhet. II 15, 4) führt unter anderem gerade auch eine bei den Spätern (Cic. Lael. 59, daraus Val. Max. VII 3, 3. Diog. Laert. I 87 u. s. w.) wiederholt erwähnte ὑποθήκη des B. an, ebenso eth. Nicom. V 1, 16 als τὸ τοῦ Βίαντος die vielumstrittene Gnome ἀρχὰ τὸν ἄνδρα δείξει. Verwandte Aussprüche haben wir oben S. 387 bei Plutarch de ser. vind. 2 und Cic. parad. I 8 kennen gelernt. Diese Beispiele zeigen (ähnlich wie die Reden des Solon bei Herodot), dass solche Apophthegmen meist als Spitze einer novellistischen Εrzählung oder einer anekdotenhaften Situation mitgeteilt wurden und erst dadurch Leben und Reiz gewannen. Ähnliches im Siebenweisenmahl, vgl. Plut. de aud. 14 p. 35 F; ein Apophthegma ἔν τινι πότῳ bei Plutarch de garr. 4 p. 503 F; vielleicht kommt dabei das Gastmahl des sonst ganz unbekannten Archetimos von Syrakus in Frage (Diog. I 40), der kein Historiker war (Wulf 194. [389] Schwartz oben Bd. II S. 460), sondern eine fingierte Person, wie Plutarchs Diokles, eben weil er sich als Ohrenzeugen einführte. Daneben bildete man aber frühe einen Agon der Weisen aus, den man sich nach dem Vorbilde des Homer-Agon (vgl. bes. Z. 166ff. N.) ausmalen kann; das war eine noch reicher strömende Quelle für derartige Spruchweisheit (s. oben S. 387). Gewiss waren es solche Dichtungen, nicht namenlose Sprüche quae tum in omnium ore versabantur (Bohren 5), die Demetrius von Phaleron nach dem Vorgange seiner Lehrer Aristoteles und Theophrast (Theophr. περὶ παροιμιῶν Harpokr. p. 36, 15 und Stob. flor. XXI 12, Paroem. II p. 750 Gott.; [γνῶθι σαυτόν als ἀπόφθεγμα Βίαντος, das ὡς παροιμία λαμβάνεται; unzulänglich Theophr. ed. Wimmer II p. 201]) für seine Sammlung der ἀπόφθεγμα τῶν ἑπτὰ σοφῶν benützte; unvollständiges Excerpt bei Stob. flor. ΙII 74 M. = I 172 p. 111ff. Hense und Diog. Laert. I 86. Diese Arbeit des Demetrios steht offenbar auf einer Stufe mit seinen μύθων Αἰσωπείων συναγωγαί (Diog. Laert. V 80. 81, wenig erspriesslich darüber Le Grand et Tychon Mém. des sav. XXIV, Brüssel 1852, 138f. und O. Keller Jahrb. für Philol. Suppl. IV 384f.), denen, wie sich wahrscheinlich machen lässt, das schon von Aristophanes gelesene, in Plutarchs Gastmahl und der Planudischen Aesopbiographie nachwirkende alte Volksbuch von Aesop zu Grunde lag. Bei einigen Apophthegmen schwankte die Überlieferung zwischen Bias und Bion, doch lässt sich jetzt meist eine bestimmte Entscheidung treffen; so ist das pointierte Witzwort über den Vorzug des Junggesellentums, das Gellius V 11 als responsum Biantis, viri sapientis ac nobilis bezeichnet, sicher mit Diog. Laert. IV 48 dem Bion zuzuweisen, s. O. Henze Teletis reliquiae p. LXXXV. Wie solche Irrtümer entstehen konnten, zeigen die nach den Namen der Träger alphabetisch geordneten Apophthegmensammlungen, z. B. des Gnomol. Vat. Wiener Stud. X 34f. (wo Βίας und Βίων Nachbarn sind). Weiteres bei Orelli Opusc. sent. I 152ff. Hense Stob. p. 111 Anm. W. Brunco Act. sem. philol. Erlang. ΙII 299. Sternbach Wiener Stud. X 32ff. Wachsmuth Studien zu den gr. Floril. 159. Stanjek De sent. sept. sap. collect., Vratisl. 1891. Wulf 195 (s. den Artikel Sieben Weise).

Verse von B., wie von den andern Weisen verzeichnet Diog. I 85, vielleicht nach Lobon. Dass sie unecht sind, wie die des Arion (oben Bd. II S. 838. 840), darf seit Schneidewin und Hiller (a. O.) als ausgemacht gelten. Vielleicht liegt hier aber nicht sowohl eine Fälschung, als das Missverständnis einer Dichtung vor; es mag einen Agon der Sieben Weisen gegeben haben, in dem sie Verse vortrugen, wie Aesop und Kleobuline (vgl. Philol. LII 203f.). Dagegen läuft die Notiz, dass B. περὶ Ἰωνίας geschrieben hätte, τίνα μάλιστα ἂν τρόπον εὐδαιμονοίη, εἰς ἔπη δισχίλια, auf wirkliche Fälschung hinaus; sie ist herausgesponnen aus den oben besprochenen Herodotstellen I 27. 170 (πυνθάνομαι γνώμην Βίαντα .. ἀποδέξασθαι Ἴωσι .., τῇ εἰ ἐπείθοντο παρεῖχε ἄν σφι εὐδαιμονέειν Ἑλλήνων μάλιστα κτλ., sogar im Wortlaut anklingend). Vgl. Hiller a. O. 525. Über das angebliche Grabepigramm bei Diog. Laert. I 85 vgl. o. S. 388.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
fertig  
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Band S V (1931), Sp. 55–56
Pauly-Wissowa S V, 0055.jpg
Bias von Priene in der Wikipedia
GND: 102383146
Bias von Priene in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|S V|55|56|Bias 10|[[REAutor]]|RE:Bias 10}}        
[Abschnitt korrekturlesen]

S. 383ff. zum Art. Bias Nr. 10:

Der Weise B. erscheint mehrfach auf späteren Münzen seiner Vaterstadt Priene, und zwar 1. auf einer Silberdrachme um das J. 250 v. Chr., Vorderseite Athenekopf, befindet sich auf der Rückseite zum Stadt- und Beamtennamen die Gestalt des B. mit wallendem Haar von vorn im Himation und auf langen Stab gelehnt, neben ihm ein großer Dreifuß; 2. auf der Rückseite von Kupfermünzen etwa aus 90–50 v. Chr. (Vorderseite Athenekopf) erscheint dieselbe Darstellung rechtshin gewandt, wobei also der Dreifuß [56] hinter den Weisen zu stehen kommt; die Gestalt ist mehr schreitend, der lange Bart ist erkennbar, der Dreifuß reicht dem Weisen bis an die Schulter, zwei Abarten der Beschriftung kommen vor; 3. auf Kupfermünzen mit dem Kopfe des (Pompeius) Macer aus augusteischer Zeit erscheint dieselbe Darstellung linkshin gewandt auch hier der (hier kleinere) Dreifuß hinter dem Weisen, Einzelheiten wenig deutlich, zudem roher Stil. – Der Kernpunkt der Szene liegt bei den seitlichen Darstellungen 2 und 3 darin, daß sich B. von dem Dreifuß wegwendet, indem er nach der bekanntesten Variante der Erzählung von dem im Meere aufgefischten Dreifuße den Preis mit der Aufschrift τῷ σοφωτάτῳ ablehnt. Gewiß liegt den Münzbildern 1 und 2 ein in Priene, und zwar wohl im dortigen Bianteion, befindliches Standbild zugrunde, das der Münzstempelschneider einmal von vorn, die anderen Male von der Seite wiedergibt (aus diesem Grunde ist Nachahmung eines Gemäldes oder Flachbildes weniger wahrscheinlich). 4. auf der Vorderseite kaiserzeitlicher Münzen der Stadt (auf der Rückseite stehender Men) kommt das beischriftlich bezeichnete bärtige Brustbild des B. mit oder ohne Gewandstück vor. Regling Münzen v. Priene, Berl. 1927 nr. 30. 172f. 184f. 186 Taf. III und IV.