RE:Aigyptos 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 9781005
Altes Ägypten in der Wikipedia
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Aigyptos. 1) Ἡ Αἴγυπτος, Name des Nillandes.

Über Bedeutung und Ursprung dieser Benennung ist viel gestritten worden, und sie dürfen noch bis jetzt für unbekannt gelten (Ed. Meyer Gesch. d. Altert. I 48; Forschungen I 82, 2), trotz der Menge der vorhandenen Erklärungsversuche. Darf auch im allgemeinen angenommen werden, dass A. als Name des Landes auf ὁ Αἴγυπτος (s. Nr. 2) als Namen des Nilstromes zurückgeht, so schwankt doch selbst in dieser Hinsicht noch das Urteil (vgl. z. B. v. Gutschmid Kl. Schr. I 360 mit 382), und es bleibt ein dem entsprechend weiter Spielraum für Hypothesen. Vor allem spricht diese Unsicherheit mit in der Frage, ob überhaupt Αἴγυπτος für ein Wort rein griechischen Ursprungs gehalten werden darf. Man hat bei letzterer Annahme Αἴγυπτος meist mit αἰγυπιόςGeier‘ in etymologischen Zusammenhang gesetzt, aber auch dies unter sehr von einander abweichenden Deutungen und Auffassungen (vgl. z. B. Perizonius Aegypt. origin. investig. 13f. Pictet Origines indoeuropéennes I¹ 460, 2. v. Gutschmid Kl. Schr. I 382), die alle etwas sehr Gezwungenes an sich haben, gleich Gottfr. Hermanns Auslegung, der (de histor. Graec. primordiis 12 = opusc. II 205) ein αἴγυψ = γύψ in dem Sinne von volucer supponiert hat (vgl. Aetos Nr. 1). Dass mit dem mythisch-sagenhaften A. (s. Nr. 3) und den Αἰγυπτιᾶδαι eine etymologische Wurzelverwandtschaft bestehe, hat, wie bereits Heffter (Götterdienste auf Rhodus II 46) erkannte, ganz mit Unrecht Völcker (Mythologie des Iapetischen Geschlechtes 192. 224) in Abrede gestellt. Besonderes Gewicht hat auf diese etymologische Zusammengehörigkeit Fr. v. Duhn gelegt, der (de Menelai itinere Aegyptio 43) den Namen der [979] Aigyptiaden, hierin Usener folgend, als Αἰγοπέτους deuten will und die Meinung vertritt, zuerst habe bei den Griechen Αἴγυπτος der fluvius caelestis geheissen, quo deorum sedes beatae muniuntur, erst später, als dann Ägyptenland ihnen bekannt wurde, sei der Name auf dieses Gebiet übertragen worden; eine Theorie, zu deren Begründung aber auf keinen Fall das Vorkommen von Αἰγύπτιος als Eigenname eines Ithakesiers (Od. II 15) mit hätte verwertet werden dürfen. Auch K. Tümpel (Jahrb. f. Philol. Supplbd. XVI 161) nimmt an, zuerst habe nicht das Nilthal den Namen A., den Tümpel mit dem in poseidonischen Namen so häufig erscheinenden Stamme Αἰγυ- zusammenhält, geführt, sondern er sei dahin nur verpflanzt und zwar aus der Chalkidike und dem Mündungslande des Strymon, wo die ἄλλη Αἴγυπτος μικρά des Steph. Byz. zu suchen sei, der ‚Aigypter‘ Proteus sei ja sicher nicht in Ägypten heimisch. Das wesentlichste Argument für den griechischen Ursprung des Wortes bringt R. Lepsius (Real-Encyklopädie f. protest. Theologie u. Kirche I² 166), nämlich dass dieser Name nur bei den Griechen und bei Völkern, die ihn von diesen erhalten haben, in Gebrauch gewesen ist, aber auch seiner Ansicht, dass die ursprüngliche Bedeutung aus den anklingenden Wörtern sich nicht mehr ermitteln lasse, wird man dann vorläufig beipflichten müssen. Andere haben, in der Überzeugung, mit einem Lehnworte zu thun zu haben, im Altägyptischen das Prototyp von Αἴγυπτος nachzuweisen versucht. So würde nach H. Brugsch (Geogr. Inschr. I 83) A. entstanden sein aus Ḥat-ka-Ptah ‚Haus des Ptah-Ebenbildes‘ (vgl. Hephaistia). Diese Bezeichnung wird jedoch zwar für einen Tempelbezirk von Memphis und auch in erweiterter Bedeutung für diese Stadt, aber niemals für das ganze Land gebraucht, und die Annahme, dass nach Ḥat-ka-Ptah auch einer der Nilarme benannt war. (vgl. ὁ Αἴγυπτος unter Nr. 2), beruht auf ziemlich unsicherer Deutung bildlicher Darstellungen. Ungleich weniger hat Th. Benfeys Hypothese für sich, der (Verhältnis d. ägypt. Sprache zum semit. Sprachstamm 20, 1) für evident hinstellt, dass A. und koptisch ⲉⳓⲟⲟϣ[WS 1] (= Αἰθίοψ) einander entsprächen, und das Kahi-Ptah, welches M. A. Uhlemann (Gramm. ling. copticae 6) als Ägyptens Namen in der Hieroglyphik nachweisen zu können behauptet, ist ein leeres Phantasiegebilde. Auch auf die semitischen Sprachen ist man zurückgegangen. Wenig Anklang freilich hat die Ableitung von der Wurzel גּוּף[WS 2] clausit (Sickler Geogr. II 586) gefunden, um so mehr Anhänger dagegen die Ansicht, dass in A. derselbe Ländername enthalten sei, der in dem hebräischen Bibeltexte אי־כפתורIkaftôr lautet (die ‚Kaftôr-Küste‘, das ‚Kaftôr-Eiland‘; von אי‎, das sowohl ‚Eiland‘ als auch ‚Küstenstrich‘, ‚Land am Meeresufer‘ bedeutet). Es würden damit auch diejenigen Bibelausleger Recht behalten, welche das Kaftôr-Land, dessen Bewohner oder Abkömmlinge Gen. X 14 in einer Aufzählung verschiedener Landesteile Ägyptens unter der Benennung Kaftorim als Abkömmlinge Miṣrajims, d. i. Ägyptens, aufgeführt werden, an [980] dem Mittelmeergestade Ägyptens gesucht haben. Da (Deuteron. II 23. Amos IX 7. Jerem. XLVII 4) Kaftôr als dasjenige Gebiet genannt wird, von dem aus die Philistaier das Küstenland Palaistina in Besitz genommen haben, müssten sie allerdings aus dem an Syrien angrenzenden Gestadelande Ägyptens dorthin gekommen sein, aber dies würde auch den Nachrichten nicht widersprechen, welche über die Vorgeschichte der Philistaier den ägyptischen Denkmälern sich abgewinnen lassen, denn danach haben diese, bevor sie im syrischen Küstenlande sich festsetzten, erst den Versuch gemacht, jene östlichste Grenzmark Ägyptens in ihre Gewalt zu bringen, und sind erst nach dem Misslingen dieses Versuches wieder nach Palaestina umgekehrt. Ausserdem müsste, wogegen aber wenig einzuwenden ist, die Benennung eines Küstenstrichs auf das ganze Land übertragen worden und das Fremdwort in die Sprache der Hellenen nicht aus dem eigenen Verkehr mit den Ägyptern, sondern aus dem Munde eines anderen, Ägypten näher wohnenden Volkes herübergenommen sein, ein Vorgang, für den es ja ebenfalls nicht an Beispielen fehlen dürfte. Unmöglich wäre das alles zwar nicht, doch ist auch nichts davon wirklich erwiesen, und gegen die Gleichsetzung von A. mit Ikaftôr sowie die auf dasselbe hinauslaufenden Hypothesen (K. B. Stark Gaza und die philistaeische Küste 100–104. A. Scheuchzer Monatsschr. d. wissenschaftl. Vereins Zürich III 319f. S. Reinisch Sitzungsber. Akad. Wien XXX 400f. F. Dietrich Archiv f. wissenschaftl. Erforschung des A. T. I 313f. G. Ebers Äg. u. d. Bücher Moses I 131f.) spricht durchaus die Thatsache, dass in der Sprache desjenigen Volkes, dem hierbei in erster Linie die Vermittlung hätte zufallen müssen, in der Sprache der Phoinikier, Ägypten nachweislich gar nicht jenen Namen geführt hat, sondern mit demselben Wortstamme (מצר‎, vgl. Mestraim) bezeichnet wird, der dazu auch in allen anderen semitischen Mundarten dient. Vollständig verkehrt hat man (vgl. z. B. P[risse] Égypte sous la domination de Méhémet Aly 104 und noch Farrar Families of Speech 112 Anm.) zur Erklärung von A. den Volksnamen der Kopten, der heutigen christlichen Bewohner Ägyptens, herbeigezogen; Ḳubṭ (vulgär Ḳibṭ), der ‚Kopte‘, ist (wie bereits Eus. Renaudot liturgiarum orientalium collectio I CXIII erkannte) gerade erst entstanden aus Αἰγύπτιος, ⲅⲩⲡⲧⲓⲟⲥ, ⲕⲩⲡⲧⲁⲓⲟⲥ[WS 3]. Αἰγυπτιὰς γῆ für Αἴγυπτος Orac. Sibyll. V 507. Andere Namen Ägyptens vgl. unter Aeria Nr. 1, Aetia Nr. 1, Arankilis, Cham, Chemia, Ham, Hephaistia, Hermochoinios, Hermochymios, Melambolos, Μελαμπόδων χώρα, Mestraia, Mestraim, Myara, Ogygia, Potamitis. Eine Aufzählung antiker Benennungen bei Steph. Byz. Vgl. auch die Zusammenstellung G. Partheys (vocabularium copticolat. 511f.), ferner S. Reinisch Über die Namen Ägyptens bei den Semiten u. Griechen, Sitzungsber. Akad. Wien XXX 379f.; Über d. Nam. Äg. in der Pharaonenzeit, ebd. XXXVI 47f.

Ägypten wird begrenzt im Norden durch das Mittelmeer (Αἰγύπτιον πέλαγος Strab. I 58. II [981] 122 u. s. Diod. I 31; Aegyptium mare Iust. II 1, 19), im Süden durch die ersten Stromschnellen, welche – bei dem heutigen Asuan (Syene) – in dem Kataraktengebiete von Elephantine (Her. II 17. Strab. XVII 787) bis Philai die Schiffahrt nilaufwärts unterbrechen. Noch bei den Kopten bedeutet ‚von Rakoti bis Pilakh‘, d. h. von Alexandrien bis Philai, soviel wie ‚von einem zum anderen Ende Ägyptens‘ (vgl. Zoëga Catalogus Codd. Copt. 53). Nach Osten und Westen hin werden Ägyptens Grenzen gebildet durch die breiten Küstenstriche, welche in Gestalt zweier Höhenzüge dem Laufe des Nilstroms von da ab, wo dieser durch das Kataraktengebiet sich Bahn brechend den Weg zum Mittelmeere einschlägt, zur Rechten und Linken in geringem Abstande das Geleit geben und erst von der Stelle an, wo dieser Flusslauf in mehrere Mündungsarme sich gabelt, d. i. kurz vor Kairo, oder genauer nach der Rechnung der Alten bei Kerkasoron (s. d. und Neilos), seitwärts mehr und mehr zurücktreten und so für das weite Flachland des Delta (s. d.) den Raum lassen. Bis zu jener Teilungsstelle umsäumt die Flussufer nur ein schmaler Streif anbaufähigen Erdreiches, das die Alten (Strab. XVII 789) einem langgereckten Gurtbande verglichen haben; ja an manchen Orten treten die umgrenzenden Höhenzüge, von Osten der arabische, von Westen der libysche, mit steilem Abhange unmittelbar an den Fluss heran, besonders auf dem südlichen Abschnitte und auf der Osthälfte. Einen Zuwachs erhält das Ackerland noch dadurch, dass kurz vor der Gabelung der Mündungsarme am Nile sich ein Flusslauf – jetzt Baḥr Jusuf, ‚Josefstrom‘ genannt – seitwärts abzweigt, welcher das sogen. Fayum, ein grosses Oasenland, das unmittelbar zur Seite des Nilthales nach Westen zu sich aufthut, mit Wasser versorgt und befruchtet (vgl. Arsinoïtes Nomos und Moiris). In weiterem Sinne zu Ägypten gehören auch noch die Oasen, die weiter westlich, im Durchschnitte vom eigentlichen Nilthale fünf Tagereisen entfernt, als eine Reihe fruchtbarer Bodensenkungen in der sandreichen libyschen Wüste verteilt liegen (s. Ammonion, Hibis, Oasis, Trinuthis). Doch gerade gegen Westen hin ist Ägypten fast seiner ganzen Längenausdehnung nach von dem übrigen Nord-Africa so gut wie völlig abgesondert wegen der unüberwindlichen Verkehrsschwierigkeiten, welche hier in völlig unbewohnbaren und zum nicht geringen Teil noch heutigen Tages gänzlich unerforschten Einöden, besonders nach Südwesten hin in der Sanddünenregion der Sahara, die nicht einmal auf dem Rücken des Kameels sich durchmessen lässt, selbst der kühnsten Unternehmungslust abwehrend in den Weg treten; und die Strasse, die von der Nordwestspitze des Deltas aus den Gestaden der Mittelmeerküste folgend Ägypten mit Kyrene verbindet (vgl. Katabathmos), noch mehr aber die Zugänge zur grossen Oase (vgl. Ammonion) und die Wege, welche von ihr über Augila an die grosse Syrte führen oder südwärts nach Central-Africa ausmünden, sind höchst beschwerlich. Im Osten des Nilthales dagegen vermitteln mehrere Querthäler, die den mannigfach gegliederten Gebirgsstock der arabischen Wüste durchsetzen, die Verbindung mit dem africanischen [982] Gestadelande des erythraeischen Meeres, und auf der Ostseite des Deltas bildet die 120 km. breite Festlandbrücke des Isthmus von Suez das Bindeglied, das den Zugang zu dem syrischen Küstenlande, der Sinaï-Halbinsel und den angrenzenden Teilen Arabiens erschliesst. So war zwar das jederzeit nur schwach bevölkerte Gebirgs- und Küstenland des arabischen Wüstenstriches – die Heimat der Trogodyten (s. d.), das ‚Gottesland‘, wie es als die Ostregion bei den Ägyptern hiess (A. Erman Zeitschr. f. äg. Sprache XX 205; Ägypten II 668) – mit seinen Steinbrüchen nicht unzugänglich und es bot sogar Handelsstrassen mit dem Anschlusse an Verkehrsbahnen, die in ihren letzten Verzweigungen weit über den Bereich des ägyptischen Anteiles des erythraeischen Küstensaumes hinausführten. Nur sechs bis sieben Tagereisen trennten Koptos (s. d.) von der Hafenstadt Λευκὸς λιμήν (s. d. und Myoshormos), und es ist kein Zweifel, dass diese Strasse schon in Benutzung gewesen ist, soweit die Geschichte Ägyptens in die Vergangenheit zurückreicht, während die ungleich weiteren und mühseligeren Wege, welche südöstlich zu dem Hafen von Berenike (s. d.) führten, allerdings erst in der Ptolemaeerzeit recht in Aufnahme gekommen sind. Ja, eine von Antaiopolis (s. d. und auch Arsinoë) nach Nordosten verlaufende Wüstenstrasse mündete ebenfalls an der Küste des roten Meeres aus, und zur See wurde von dort aus der Verkehr mit den Bergwerksbetrieben der Sinaï-Halbinsel in Gang gehalten. Doch auch nach dieser Seite hin standen die Bewohner des Nilthales unter den Vergünstigungen einer von Natur isolierten Lage. Wiederholt hat die Verbindung, in welcher Ägypten durch die der Gestadelinie des Mittelmeeres in weitem Bogen nachgehende, am Nordsaume des Isthmus sich entlang ziehende Strasse mit Vorder-Asien stand, Ägypten dem Einmarsche feindlicher Heere und der Gewalt fremder Machthaber preisgegeben; schon die Hyksos werden von hier aus eingedrungen sein, es folgten dann der Reihe nach die Assyrer unter Asarhaddon, die Perser unter Kambyses, die Griechen unter Alexander d. Gr. Vom serbonischen See (s. Serbonis) ausgehend, führte diese Strasse am Berge Kasios (s. d.) vorbei durch die Wüste et-Tîh über Raphia nach Gaza (Her. III 5. Dahlmann Forschungen II 176; s. Kadytis und Ienysos). Um die Reise durch einen völlig brunnenlosen Abschnitt dieser Strecke zu ermöglichen, sollen die Perser nach der Eroberung Ägyptens eine regelmässige Versorgung der Stationen mit Vorräten von Nilwasser in Krügen eingeführt haben (Her. III 6f., vgl. Ostrakine). Aber auch sonst galt die Wüste, die im Osten des Deltas sich ausdehnte, für ein gefahrvolles Gebiet, wo nicht blos im Sande verborgen zahllose Schlangen lauerten (Strab. XVII 803) und Raubtiere sich aufhielten, sondern auch geflügelte, drachenartige Fabelwesen von Arabien her herankamen (Her. II 75. III 107. Jes. XXX 6; vgl. Buto und Ibis). Als äusserster nordöstlicher Vorort Ägyptens wurde Rhinokorura (s. d.) betrachtet, als die eigentliche nordöstlichste Grenzstadt Pelusion. Herodot (II 6) umgrenzt die nördliche Küstenlinie Ägyptens von Westen nach Osten ‚vom plinthinetischen Meerbusen bis zum [983] serbonischen See, an den der Kasiosberg anstösst‘ und rechnet die Entfernung zwischen den beiden Grenzpunkten = 60 σχοῖνοι zu je 60 Stadien, eine Massangabe, die eine Verwechslung oder einen Rechenfehler enthalten muss (Letronne Rech. s. les fragments d’Héron 136. Th. H. Martin Rev. arch. XI 142. R. Lepsius Ztschr. f. ägypt. Spr. XV 7. v. Gutschmid bei A. Wiedemann Herodots 2. Buch 62). Diodor (I 31, 6) giebt für den ägyptischen Abschnitt des Mittelmeergestades 2000 Stadien an, Strabon (XVII 786. 791) von Pelusion bis zur kanobischen Nilmündung (nach Eratosthenes) rund 1300 Stadien, von dort zur Insel Pharos 150 Stadien, was sich, wenn man für die Entfernung von Taposiris bis Alexandreia 200 Stadien und mit dem Itinerarium Antonini von Pelusion bis zum Kasios 320 Stadien ansetzt, zu 1970 Stadien ergänzen lässt (P. H. Larcher zu Her. II 6). Nach Plin. V 48 sind von der kanopischen bis zur pelusischen Mündung 170 Meilen, also 1360 Stadien; nach Joseph. Bell. Jud. IV 10, 5 von Plinthine bis Pelusion 3600 Stadien. Von der Südspitze des Deltas erstreckt sich nach Nordwesten in die Wüste hinein das Thal der Natronseen (s. Nitriai) und an der Ostseite des Deltas zweigt sich nach der Mitte des Isthmus zu in der Richtung auf Osten ein anderes Wüstenthal ab, das Wadi Tumilat (s. Phagroriopolites Nomos), das bei hohem Wasserstande vom Nil mit Wasser versehen wird und bis zu dem ‚Krokodilsee‘ (Birket Timsâh) reicht, an den dann auf dem Isthmus weiter nach Süden die Bitterseen (s. Πικραὶ λίμναι) sich anschliessen. Eine von Rhinokorura oder dem Kasios aus durch diese Seen zu dem nordwestlichsten Ausläufer des erythraeischen Meeres, dem Meerbusen von Suez (s. Klysma und Heroonpolis), gezogene Linie würde die Ostgrenze Ägyptens auf dem Isthmus bezeichnen. Zwischen dem Kasiosgebirge und dem Mittelmeere liegen nach Herodot (II 158. IV 41), der irrtümlich dies für die schmalste Stelle des Isthmus hält, 1000 Stadien, zwischen Pelusion und Heroonpolis rechnet Strabon (XVII 803) 1000 Stadien und (I 35) eine Reise von zwei bis drei Tagen, Poseidonios veranschlagte diese Entfernung auf nahezu 1500 Stadien (Strab. XI 491. XVII 803), Agrippa (Plin. V 65) auf 125 Meilen, also 1000 Stadien (andere Massangaben bei Wiedemann zu Her. II 158). Wegen der Landwege vom ägyptischen zum roten Meere über den Isthmus s. Arsinoë. Geographische Schilderung der Landschaften im Osten des Deltas bei G. Ebers Durch Gosen zum Sinaï² 500–527. Brugsch Gesch. Äg. 188–211; vgl. auch Arabia. Was die Längenausdehnung Ägyptens betrifft, für die auch in einer Inschrift aus der Ptolemaeerzeit eine Schätzung [=106 ʾiur (‚Schoinen‘), Inschrift von Edfu, Brugsch Thesaurus III 606] vorliegt, so rechnet Herodot (II 7) auf die Entfernung zwischen der Mittelmeerküste und Heliopolis 1500 Stadien und von Heliopolis nach Theben (II 9) 4860 Stadien, die man nach seiner Behauptung in der kurzen Zeit von neun Tagen zurücklegt, für die Entfernung vom Meere bis Theben zusammen aber rechnet er nicht 6360 sondern 6120 Stadien, und von Theben bis Elephantine 1800, vom Meere bis Elephantine also 7920 Stadien. Es ist zu vermuten, dass in diese [984] Berechnung statt der Summe 6360 die 6120 Stadien, auf welche sich nach Her. II 15 der Umfang der Thebaïs beläuft, irrtümlich eingeschaltet sind (v. Gutschmid bei Wiedemann zu Her. II 9), erwähnt doch hierbei auch Herodot ganz zwecklos nochmals der Länge der mittelländischen Küstenlinie Ägyptens (II 9). Nach Diod. I 31, 6 erstreckt Ägypten sich 6000 Stadien binnenwärts ins Land hinein. Artemidoros rechnete von Philai bis zur Gabelung des Nils an der Südspitze des Deltas 600 Meilen, Juba 400 Meilen, Aristokreon 750 Meilen (Plin. V 59), Eratosthenes (s. d.) von den Katarakten bei Syene bis zum Mittelmeere 5300 Stadien (Strab. XVII 786), Plin. II 183 rechnet demgemäss von Syene bis Alexandreia kurz 5000 Stadien, dagegen V 59 von Elephantine bis Alexandreia 580 Meilen, also nur 4690 Stadien, Joseph. Bell. Jud. IV 10, 5 von Syene bis Pelusion 2000 Stadien. Vom ersten Katarakt bis zum Mittelmeere sind in Wirklichkeit 890 km. Von Heliopolis an, bemerkt Herodot (II 8), wird der Raum zwischen der arabischen und der libyschen Gebirgskette schmal und ist an der schmalsten Stelle nicht mehr als 200 Stadien breit; nur selten, dass das bewohnbare Land in die Breite voll bis zu 300 Stadien misst, sagt Strabon (XVII 789) vom oberen Nilthale. In Wirklichkeit variiert die ‚Breite des Nilthales, inclusive der wüsten Strecken an den Rändern, zwischen den bis zu 350 m. betragenden Steilabfällen der östlichen und der westlichen Seite, welche zwei Canalmauern gleich das Bett einfassen, das sich der Strom durch das Plateau des nubischen Sandsteines (mittlere Kreide), der bis zum Gebel Selsele oberhalb Edfu reicht, und weiterhin durch das des Nummulitenkalks Ober- und Mittelägyptens gerissen hat, in Nubien von 1–2, in Ägypten zwischen 3–7 deutschen Meilen‘ (G. Schweinfurth). Die Behauptung Herodots (II 8), nach jener Verengung vier Tagfahrten stromaufwärts von Heliopolis erweitere sich das Nilthal wieder, ist nicht recht verständlich (Erklärungsversuche von D. D. Heath Journ. of Philol. XV 230. A. Wiedemann Philologus XLVI 172).

So beschränkt sich Ägypten innerhalb eines Länderumfangs von ungeheurer Ausdehnung doch im wesentlichen nur auf den Bereich des Flussgebietes des Nils diesseits der Katarakte. Herodot (II 18) legt dem Orakel des Amon die Begriffsbestimmung in den Mund, Ägypten sei das Land, das der Nilstrom überschwemme und bewässere und Ägypter seien alle, die diesseits Elephantines hausten und Nilwasser tränken. Ähnlich definiert Strabon (I 32) A. als die ποταμία ἣν ἐπικλύζει τὸ ὕδωρ und (XVII 789) ἡ ποταμία μόνον ἡ ἑκατέρωθεν τοῦ Νείλου. Ägyptische Inschriften aus der Ptolemaeerzeit geben offenbar nach alten einheimischen Traditionen den Betrag des zum Ackerbau geeigneten Erdreiches, oder wie sie mit mythologischer Anspielung sich ausdrücken, des ‚Horus-Anteils‘, des ‚Anteils des Horus-Auges‘, auf 12 700 Äcker an (J. de Rougé Inscriptions recueillies à Edfou I Taf. 116. H. Brugsch Reise nach El-Khargeh Taf. XXIV; Thesaurus III 604f.); 10 900 davon rechnete man ‚am Wasser des grossen Stromes‘. Gegenwärtig beträgt der Flächenraum des Kulturlandes zwischen [985] Elephantine und dem Nordrande des Deltas 29 400 qkm., so dass in Wahrheit Ägypten sich auf ein Gebiet begrenzt, welches noch 55 qkm. kleiner ist, als das des Königreiches Belgien. Auf das Rîf, das Kulturland des eigentlichen Nilthales von den Katarakten bis zum Anfange des Deltas kommen nur 244 qMeilen. Der amtliche Census vom 3. Mai 1882 rechnet für das Kulturland bis zum zweiten Katarakte (bis Wadi Halfa) 33 607 qkm., F. Amici Bey (L’Égypte ancienne et moderne¹ 52) 33 238. Im Altertum ist schwerlich der Betrag der bewohnten und bestellten Bodenoberfläche ein wesentlich grösserer gewesen; alle Anzeichen sprechen vielmehr dafür, dass das Kulturland damals schon in derselben Weise eingeengt war, wie gegenwärtig. Die Sandwüste ist zwar progressiver Natur, aber war es schon im Altertum, und stets ist gegen sie angekämpft worden. Nur im Delta (s. d.) sind Gebietsverluste eingetreten. Wer Ägypten verstehen lernen will, muss über die Eigenart des Nilstromes sich unterrichten, sagt schon Strabon (I 36); durch die Existenz dieses Flusses ist Ägyptens Kulturentwicklung und welthistorische Bedeutung wesentlich bedingt gewesen. Vgl. Weiteres hierüber, über die Nilüberschwemmung und die Nilerde, sowie über die Entstehungsgeschichte des Landes unter Neilos. Über die Seen s. Buto, Mareotis, Moiris, Tanis, Serbonis, auch Πικραὶ λίμναι.

A. hat allem Anscheine nach anfänglich weniger eine Gesamtbezeichnung für das ägyptische Reich, als vorzugsweise eine Benennung für das Deltaland abgeben sollen; vgl. hierüber und über die geographische Zuteilung Ägyptens zu Asien, über die lange bei den Alten ein Schwanken bestanden hat, unter Delta. Die Schilderung in dem hermetischen Tractat Κόρη κόσμου (Stob. Ecl. phys. I 990), die Erde liege inmitten des Alls rüttlings da, und zwar gleich einem gen Himmel blickenden Menschen und geteilt in so vielerlei Teile, als des Menschen Glieder geteilt seien, entspricht den ägyptischen Darstellungen, auf welchen der Erdgott hingelehnt oder mit in sich zusammengekrümmter Stellung daliegt und über ihm die Himmelsgöttin sich herniederneigt (Denon Voyage, Atlas. Lepsius Denkmäler IV 35b; Wandgemälde der Abtlg. d. ägypt. Altertümer Kgl. Museen Taf. 8. Lanzone Domicile des esprits. H. Brugsch Geogr. d. alt. Aeg. I 30; Religion und Mythologie 210f. 224). Nach einem anderen Gleichnisse (Horapollo I 21) liegt Ägyptenland inmitten der οἰκουμένη, wie in dem Auge die Pupille (κόρη) und heisst (Plut. Is. et Os. 33) auch gleich dem Schwarzen im Auge Χημία (s. d.); es ist, wie eine ägyptische Inschrift (H. Brugsch Thesaurus III 606) sagt, das ‚Osiris-Auge‘, dessen Pupille der grosse Strom, dessen Augenrund die Bergzüge des Ostens und Westens, dessen Inhalt die Heiligtümer Ober- und Unterägyptens bilden. Es ist das Herz des Erdkörpers (Stob. a. a. O. 992; vgl. Plut. Is. et Os. 33. Horapollo I 22 giebt nur die allegorische Missdeutung einer Combination der Hieroglyphenschrift). Wie das Haupt des Erdkörpers nach Süden gewendet gedacht wird, so ist überhaupt Süden die Himmelsgegend, welcher der Ägypter das Gesicht zuwendet, von Süden nach [986] Norden, von Osten nach Westen geht für ihn die Aufzählung der Himmelsgegenden, die Nennung des Südlandes geht der des Nordlandes, die der Krone des Südlandes der der Krone des Nordlandes, ebenso der Königstitel des Südreiches dem des Nordreiches u. s. w. voran, und das zunächst nordwärts an die Katarakten angrenzende Land ist für die Ägypter ein ‚Vorderland‘.

Die Haupteinteilung des Landes war die in den ‚Süden‘ = Oberägypten im weitesten Sinne, von dem ersten Katarakte bis zum Beginne der Deltabildung, und in den ‚Norden‘ = Unterägypten, das Land nördlich von der Gabelungsstelle der Mündungsarme (vgl. Pathares, Phathores und Thebaïs). Diese Zweiteilung war uralt, sie spiegelt sich wieder in dem Ämterwesen, der Götterlehre, der Symbolik, der sprachlichen Ausdrucksweise und der Schrift der Ägypter (Brugsch Geographie I 31. 76f.). Das Nordreich wurde in der Symbolik und Schrift bezeichnet durch die Papyros-Staude, das Südreich durch eine Pflanze, welche Plutarch (Is. et Os. 36; vgl. Lepsius in Partheys Ausgabe) für eine Binse θρύον erklärt, die aber wohl als eine Landpflanze zu betrachten ist; so scheidet sich ἡ κάτω καὶ ἄνω Αἴγυπτος, αἱ ἄνω καὶ αἱ κάτω χῶραι, ἡ ἄνω χώρα καὶ ἡ κάτω (CIG 4697 Z. 3. 46. Ptol. IV arg. Strab. XVII 809. Dio Cass. LXXV 13, 1. Xen. Ephes. IV 3), Aegyptus inferior und superior (Oros. I 2, 27. 34). Ausser der Thebaïs in weiterem Sinne (s. d.) rechnet man zum oberen Lande (den ἄνω τόποις, Ptol. IV 5, 62. 67) hauptsächlich die südlich daran angrenzenden σχοῖνοι δυώδεκα (s. Dodekaschoinos); in der Römerzeit schaltet man zwischen Delta und der eigentlichen Thebaïs ‚Mittelägypten‘, ἡ μεταξὺ χώρα (= Heptanomis, s. d.) ein. Spätrömische Abgrenzungen s. unter Arkadia und Augustamnica. Hierokles (6. Jhdt. n. Chr.) zählt die sechs Eparchieen auf: Αἰγυπτιακή = westliches Delta, Αὔγουστα αʹ = nordöstliches Delta, Αὔγουστα βʹ = südöstliches Delta, Ἀρκαδία, Θηβαΐς ἡ ἔγγυστα und Θηβαΐς ἡ ἄνω. Über Sonderstellung der Stadt Alexandreia s. d.; vgl. auch Mareotis und Menelaïtes. Die alte Gaueinteilung s. u. Nomos. Die grösseren Ortschaften Ägyptens führen meist ausser dem im täglichen Leben gebräuchlichen Namen noch eine Bezeichnung, welche von der Hauptkultusstätte des Ortes hergenommen war oder eine Beziehung auf die vornehmste der Ortsgottheiten enthielt, wie Diospolis, Heliopolis, Latopolis = Opet, On, Sne. Nur in einer kleinen Minderzahl von Fällen sind die profanen Bezeichnungen in das Griechische und Lateinische übergegangen, während sie es fast durchweg sind, die in den noch gegenwärtig üblichen Ortsbezeichnungen uns vorliegen, wie z. B. Sne in Esne.

Ägypten gehört zu der grossen Zone regenarmer und nahezu regenloser Länder, welche in breitem Gürtel vom Westrande Nord-Africas bis zum roten Meere, von da über Arabien, Syrien, Mesopotamien hin sich ausbreitet und in Persien hinein sich fortsetzt; es liegt das hauptsächlich an dem Vorherrschen nördlicher und nordöstlicher Winde, die selbst da, wo sie, wie das bei Ägypten der Fall ist, vorher über das Mittelmeer hinstreifen, von ihrem Feuchtigkeitsgehalte bei der starken Erwärmung [987] der Gebiete, in welche sie hinüberwehen, nichts abgeben. Meist wird allerdings übertreibend behauptet (Her. II 14. Aristoph. Thesm. 856. Philo Vita Mos. II 195. Diod. I 41, 2 nach Oinopides von Chios. Mela I 49), dass es in Ägypten überhaupt nicht, oder (Strab. XVII 790. Procl. in Tim. 37 A. Sext. Emp. Pyrrh. III 3, 18. Seneca NQ IV 2, 18) doch wenigstens in Oberägypten nicht regne. Richtiger beschreibt die Regenverhältnisse Aristides III 567. Ägyptens Nordküste hat bis zu zehn Meilen landeinwärts eine Zone von Winterregen, die vom Januar bis April fallen, und vereinzelte Regenfälle im Jahre sind auch in Oberägypten nichts Aussergewöhnliches. Im arabischen Gebirge entladen sich heftige Gewitter mit starken Regengüssen, oft auch Hagelschauern, vom October bis December; selbst die libysche Wüste ist nicht ganz ohne Regen. Unverhofftes Eintreten von Regen soll in der Thebaïs mit abergläubischer Scheu als ein Vorzeichen wichtiger Ereignisse betrachtet worden sein (Her. III 10; als Urheber des Unwetters galt der daemonische Set). Vorkehrungen für Ablauf von Regenwasser begegnen an altägyptischen Baudenkmälern (Wilkinson Thebes 75. Petrie Pyramids 61). Hagel erwähnt Aelian (n. a. II 56). Auch die Behauptung, dass in A. Schneefälle nicht vorkommen (Sen. NQ IV 2, 18) ist unrichtig (Plut. san. praec. 6). Von nebliger und tauerfüllter Luft spricht Plinius (XXI 36; vgl. G. Rawlinson History of Ancient Egypt I 45) wohl nur nach einer doctrinären Schlussfolgerung (a multo flumine). Die Zeiträume der Vergangenheit, für welche besonders Petrie (Ten Years’ Digging 148f.) durchaus von den jetzigen verschiedene klimatische Bedingungen angenommen hat, kommen höchstens für die Praehistorie in Betracht. Über die Jahreszeiten s. Neilos, über die Monate der Ägypter s. Jahr. Das Klima Ägyptens wurde von den Alten als ein besonders gesundes betrachtet, hauptsächlich wegen der Beständigkeit der Witterung und Temperatur und wegen der Trockenheit der Luft (Her. II 77. Galen. XVI 393. XVIIb 597. Oribas. II 314. Plin. XVII 15. Aristides II 617; Feuchtigkeit der Luft, offenbar wohl an der Deltaküste, Aristot. probl. XX 32). Als Heilmittel gegen Schwindsucht wurde ein Aufenthalt in Ägypten oder wenigstens eine Seereise dorthin empfohlen (Celsus III 22. Plin. ep. V 19. Plin. n. h. XXIV 28. XXXI 62). Doch war bekannt, dass es auch dort an Krankheiten nicht fehle (Plin. XXVI 4), z. B. dass dort Augenkrankheiten nicht selten vorkämen, denn man verschreibt sich von dort Augenärzte (Her. III 1; vgl. auch G. Ebers Abhandlungen Sächs. Ges. d. Wiss. XXV 133ff. J. Hirschberg Ägypten, geschichtl. Studien eines Augenarztes, Leipzig 1890). Vgl. auch Chemosis u. Elephantiasis. Bädekers Unter-Ägypten 78ff. Hahn Klimatologie 419. Goltdammer Deutsche Med. Wochensch. 1881 nr. 51 u. 52.

Die Fruchtbarkeit des Nillandes war im Altertume berühmt (Plin. XXI 86); die Ertragsfähigkeit des Bodens lieferte angeblich das Fünffache der Aussaat (Oros. I 8, 9)[WS 4]. Für Regen bot der Nilstrom der Vegetation Ersatz (Plin. XVIII 167. Tibull. I 7, 25). Vgl. B. Taylor Journey [988] to Central Africa 99. G. Ebers Äg. u. d. Büch. Mos. I 180. Fr. Müller Reise d. Fregatte Novara, Ethnolog. Th. XVIII. Zum Teil ersetzt auch der Niederschlag von Nilerde, soweit die Überschwemmung reicht, die Düngung, sie macht aber auch, wenn das Wasser auf alle anbaufähigen Gebiete verteilt werden soll, mühsame Bewässerungsarbeiten und Bewässerungsvorrichtungen notwendig (vgl. schon Deuteron. XI 10. Osk. Fraas Aus dem Orient 207ff. G. Ebers Durch Gosen zum Sinaï² 479f. Perrot u. Chipiez Ägypten 799. Erman Ägypten 568f. Wilkinson Manners a. Customs I 280f.). Herodots (II 14; vgl. Diod. I 36, 5. Plin. XVIII 167. Athen. V 203 C. Colum. de re rust. II 25) Schilderung von der Mühelosigkeit der Feldbestellung (Aelian. n. a. X 16. Plut. symp. II 2, 5) hat nur eine bedingte Richtigkeit selbst für die flachen Uferlandschaften im Delta. Der Bestand der Flora an Arten (P. Forskål Flora aegyptiaco-arab. Hafn. 1775. A. R. Dellile Descr. de l’Ég. XIX 23f. 41f. Curt Sprengel zu Dioskorides. Fr. Unger Botan. Streifzüge, Die Pflanzen des alten Äg., Wien 1859 = Sitzungsber. Ak. Wien, math.-naturw. Cl. 1859, 69. Th. Kotechy Mitteilungen d. geogr. Ges. Wien I 156ff. R. Hartmann Naturgesch.-medic. Skizze d. Nilländer 160ff. A. Braun Ausland 1878; Ztschr. f. Ethnologie IX 4. Woenig Die Pflanzen im alten Ägypt., Leipz. 1886. E. Moldenke Über die in altägypt. Texten erwähnten Bäume, Lpz. 1887. H. Brugsch Ägyptologie 390ff. V. Loret La Flore pharaonique, Paris 1892) ist, wie namentlich die Funde von Pflanzenresten zu Der el-bahri gelehrt haben (G. Schweinfurth Berichte d. deutschen botanisch. Gesellsch. 1884, 351ff. Arch. sciences phys. et nat. XI 183ff. P. Ascherson et G. Schweinfurth Illustration de la Flore d’Égypte. Le Caïre 1887), seit den Tagen des Altertums keineswegs unverändert derselbe geblieben. An wildwachsenden Pflanzen war A. als ein Land uralter Ackerbau-Kultur sehr arm, auch ganz besonders arm an Nutzhölzern, wie das vor allem bei den noch erhaltenen, in Holz gearbeiteten Kunstwerken, aber auch in manchen Eigenarten des Baustiles zu Tage tritt. Nur bei einem kleinen Teile der Kulturpflanzen scheint A. als die eigentliche Heimat gelten zu dürfen. In Ägypten nachzuweisen sind unter andern die Dattelpalme, die Dumpalme, die Hyphaene thebaïca und Hyphaene Argun, die Persea (Mimusops Schimperi), die Nilakazie (Sontbaum), die Sykomore, Feige und der Granatapfel, der Ölbaum, der Weidenbaum, der Nabak (s. Lotos paliuros) und die Αἰγυπτία ἄκανθα (s. Akazie), der Wachholder, der Balsamodendron, der Ricinus (s. Sillikyprion) und der Weinstock; ferner mögen hier genannt werden die Erdmandel, der Papyrus, der Flachs, der Lotos, die ägyptische Bohne (Diod. I 34, 6. Strab. XVII 799. Plin. XVIII 121. XXI 87), Linsen (Plin. XVIII 123), Gurken, Melonen und Kürbisse mancherlei Art (vgl. Kusimezar), allerlei Gemüse (Plin. XXI 86), Knoblauch, Zwiebeln, Rettig (s. Syrmaie), Weizen, Gerste und Spelt. Gerühmt wird auch Ägyptens Reichtum an Heil- und Giftkräutern (Od. IV 229. Theophr. de caus. pl. VI 27). Auch die Fauna Ägyptens hat sich in mancher [989] Hinsicht sehr verändert (Forskål descriptiones animalium Hafn. 1795. Geoffroy Saint-Hilaire Description de l’Égypte XXII 91ff. XXXIII 1ff.; Mémoires sur l’Égypte III. M. I. C. Savigny Zoologie d’Égypte, Paris 1809. R. Hartmann Ztschr. f. ägypt. Sprache II 7ff. 19ff.; Ztschr. d. Ges. f. Erdkunde III 28ff. 232ff. Fr. Lenormant Les premières civilisations I 343f. H. Brugsch Ägyptologie 385). Das Krokodil und das Nilpferd sind gegenwärtig aus dem Bereiche Ägyptens ganz geschwunden, ebenso der Löwe, der noch in den Zeiten des neuen Reiches nicht ganz selten gewesen sein muss. Jagdbilder, schon häufig auf den Wänden der ältesten Grabdenkmäler (Ed. Meyer Gesch. d. alt. Äg. 116), werden auch sonst viel dargestellt (Rosellini Mon. civ. 15. 207. Champollion Mon. 171. Perrot und Chipiez Ägypten 277. Lepsius Denkmäler II 47. 61. 131. Wilkinson Mann. a. Cust. II 92), oft werden auch Fabelwesen (Wilkinson III 310ff. Rosellini Mon. civ. 23. Chabas Antiquité histor. 400. Pietschmann Gesch. d. Phönizier 177ff.) gelegentlich dabei mitten unter jagdbarem Getier vorgeführt. Vgl. auch Her. II 69. 71. Diod. I 35, 10. Über die Haustiere s. Fr. Chabas Études s. l’antiquité historique 395ff. Fr. Lenormant Les premières civilisations I 300ff. Erman Ägypten 579ff. Pferde sind offenbar erst in der Hyksoszeit in Ägypten eingeführt. Auf den Denkmälern wird das Kamel nie dargestellt. Kamele hat nach Gen. XII 16 zwar bereits Abraham in Ägypten besessen (vgl. Exod. IX 3. ZDMG XXXIX 144, 2), doch ist trotz seines Wertes für den Wüstenreisenden das Kamel in Ägypten wohl frühestens in der Ptolemaeerzeit in Gebrauch gekommen (Philostr. Vit. Apoll. V 43); im alten Ägypten war für Warentransporte und Ritte durch Wüstenstrecken der Esel in Benutzung. Unter der Menge von Geflügel, das der ägyptische Landwirt hielt, fehlt merkwürdigerweise, wenigstens nach den Denkmälern zu urteilen, das Haushuhn. Ausserordentlich reich waren die Papyrusdickichte an wildem Geflügel, und der Nil wie die verschiedenen Seen an essbaren Fischen (Her. II 77. 93. 149. Diod. I 36, 1. 43, 3. 52, 6. Heliod. I 5. Brugsch Wörterbuch VII 1015. Erman Ägypten 182. 326. Maspero Gesch. d. morgenländ. Völker 10f.).

An Gesteinen standen den Ägyptern zu Gebote die Blöcke des Nummulitenkalkes, aus welchen zu beiden Seiten des Nils von den Mokattambergen bei Kairo (s. Babylon und Troia) bis nach Edfu die Höhenzüge bestehen, und die Gesteine des sog. nubischen Sandsteins, welcher südwärts von Edfu vorherrschend zu werden beginnt und bis zur Schune von Sulaa reicht (vgl. auch Lepsius Chronologie 31). Die harten (‚ewigen‘) plutonischen Gesteine, die von den Ägyptern mit Vorliebe verwertet werden, kamen nicht allein aus den Steinbrüchen der Katarakten-Gegend (s. Syene), sondern wurden noch viel mehr in dem östlich das Nilthal sich entlang ziehenden Gebirgszuge gewonnen (s. Porphyrites. Ztschr. f. ägypt. Spr. VIII 119. Dümichen Gesch. d. alt. Äg. 124. Osk. Schneider Naturwissensch. Beiträge z. Geographie u. Kulturgesch. 46. 111ff. Lepsius Briefe aus Ägypten [990] 101ff. R. Hartmann Naturgesch.-medic. Skizze 35. Baedekers Unterägypten 71ff. Perrot u. Chipiez Ägypten 813. Erman Ägypten 622). Daneben hatte man ein ausgezeichnetes Material für lufttrockene Lehmziegel in Gestalt des Nilschlamms (s. Neilos). Kupfer lieferten die Sinaï-Bergwerke, Gold kam aus Nubien, Schmirgel, dessen man zur Bearbeitung jener härteren Gesteinarten bedurfte, mag aus Nubien oder von den Inseln des aegaeischen Meeres bezogen worden sein (Perrot u. Chipiez Ägypten 689. 871. Brugsch Wörterbuch V 146). An Eisen scheint von jeher Mangel gewesen zu sein. Vgl. Description de l’Ég., Histoire natur. II. Par. 1813. A. Lefèvre Bullet. de la soc. géol. X. D. W. Nash Edinburgh New Phil. Journal 1837. Newbold Edinburgh and Dublin Philosoph Magazine XXI 215ff. J. Russegger Reisen, Stuttg. 1841ff. Wilkinson Manners a. Cust. II 231ff. Osc. Fraas Aus dem Orient, Stuttg. 1867. R. Lepsius Die Metalle in den ägypt. Inschr. (Abhandlungen der Akad. 1871), Berlin 1872 (auch französisch von W. Berend, Paris 1877); Ztschr. f. äg. Spr. IX 113f. (vgl. auch X und XI 46ff.). K. Zittel in Baedekers Unter-Ägypten 71ff. Recueil de travaux ég. et assyr. X 143ff. Brugsch Ägyptologie 397ff.

Schon im Altertum gehörte Ägypten zu den am dichtesten bevölkerten Ländern (Diod. I 31, 6. 80, 6). Man hat ausgerechnet, dass die Zahl von 700 000 waffenfähigen Einwohnern, die in Ägypten nach einer zu Theben befindlichen Inschrift angeblich zur Zeit des Ramses [II.] vorhanden gewesen sein sollen (Tacit. ann. II 60; Strab. XVII 816 nennt in einer Parallel-Nachricht 1 Million Streiter), auf eine Gesamtbevölkerung von 6 Millionen schliessen lasse. Doch würde es sich, die Zuverlässigkeit der Nachricht vorausgesetzt, um eine Zeit handeln, in der nicht blos grosse Söldnerheere in Ägypten gehalten wurden, sondern auch grosse Übertreibungen in derlei Einzelheiten gang und gäbe waren (s. auch Sesostris). Die wesentlicheren Angaben schwanken etwas und können schwerlich erheblichen Anspruch auf Genauigkeit machen. Nach Herod. II 177 gab es zu Amasis Zeit 20 000 Städte, nach Hekataios von Abdera (Diod. I 31, 7) war zur Zeit des Ptolemaeus Lagi die Zahl der Ortschaften, die schon nach den alten Verzeichnissen 18 000 überstieg, auf über 30 000 angewachsen. 33 333 Ortschaften rechnet Theocr. XVII 82f. Eine Einwohnerzahl von 7 Millionen giebt Diod. I 31, 8 für die ältere Zeit, die weitere Angabe, nach der sie sich auf 3 Millionen herabgemindert haben würde (I 31, 8) enthält offenbar eine falsch überlieferte Ziffer (Handwörterbuch der Staatswissenschaften II 448), die richtige Lesart wird eher auf mehr als 7 Millionen gehen, wie auch zu Vespasians Zeit ausser den 300 000 Bewohnern Alexandreias (s. d.) für Ägypten eine Einwohnerzahl von mindestens 7½ Millionen (Joseph. Bell. Jud. II 16, 4; vgl. auch Mommsen R. G. V³ 578) gerechnet wird. Der Thebaïs, statt Ägypten, schreibt der Schol. Ven. Il. II 1, 383 die 7 Millionen Einwohner und 33 330 Ortschaften zu, und Ampel. 13 werden aus Versehen für Amasis Zeit 700 000 statt 7 Millionen Einwohner angegeben. Die Zahl der Juden belief [991] sich zu Tiberius Zeit in Ägypten auf 1 Million (Philo in Flacc. II 523). Vgl. auch Giac. Lumbroso L’Économie polit. sous les Lagides 70ff. Beloch Bevölkerungslehre I 254ff. und s. Delta und Alexandreia Nr. 1. Die Volkszählung vom 3. Mai 1882 ergab für das heutige Ägypten von Wadi Halfa bis zum Mittelmeere 31° 30′ nördl. Br. eine Einwohnerzahl von 6 806 381 (Amici L’Égypte 73f: 6 919 198), d. h. 201, 7 auf den qkm., während in Belgien nur 187 auf den qkm. kommen.

Über die Abstammung der Ägypter, die sich selbst, wie jedes Volk, das über seine Herkunft nichts weiss, als autochthon betrachteten und mit naivem Selbstgefühl sich als die ròme (ròmet), d. h. die eigentlichen ‚Menschen‘ (πίρωμις Her. II 143. Ed. Meyer Philol. NF II 270, 3; Forschungen I 192f.) von den drei anderen Menschenrassen minder bevorzugten Ursprungs, welche sie annahmen, unterschieden, lässt sich vorläufig wenig mehr ermitteln, als dass die Körperbeschaffenheit dieses Volksstammes, dessen Verbreitungsgrenzen annähernd mit der Definition, die Her. II 18 gegeben wird, zusammenfällt, die nächste Zugehörigkeit zu den Libyern und anderen gegenwärtig am oberen Nil und bis nach Abyssinien hinein wohnenden, von den sog. Nigritiern sich scharf unterscheidenden Völkerschaften, wie z. B. zu den Barabra (Champollion Lettres écr. d’Égypte 429; Grammaire XIX) und Ababde aufweist, und dass auch die altägyptische Sprache zu der entsprechenden Gruppe der nord- und nordostafricanischen Sprachen, zu der libysch-kuschitischen, in den nächsten Verwandtschaftsbeziehungen steht, zugleich aber auch, je weiter gerade gegenwärtig nach und nach die ältesten Sprachformen des Ägyptischen sich erschliessen, eine Menge Berührungspunkte, in welchen sie mit dem semitischen Sprachstamme übereinstimmt, erkennen lässt. Was die Alten über die Verwandtschaft der Ägypter mit den Indern (Arrian. Ind. VI 8f.) und mit den Kolchern (s. Kolchoi), auch über ihre Herkunft und die ihrer Kultur aus Meroë (s. d.) an Behauptungen aufgestellt haben, ist ohne Belang, ebenso die Herleitung aus Asien die (s. Belos) in mythischer Ausdrucksweise vorliegt. Die Umgebung, in welcher die Zusammenstellung Gen. X 1f., die aber keineswegs den Zweck gehabt hat, Grundriss einer Ethnologie zu werden, sondern im wesentlichen das historisch und nach den Entwicklungsergebnissen eines bestimmten Zeitpunktes Zusammengehörige hat gruppenweise vorführen sollen, ‚Ägypten‘ aufführt, ist zum grössten Teile die richtige. Als charakteristisch für die Ägypter wird erwähnt ihre dunkle Hautfarbe (Her. II 104. Amm. XXII 16, 23), auf den Denkmälern ein Braunrot, von dem die Hautfarbe der Frauen aber eigens als ein helles Ockergelb unterschieden wird; aber, wenn ihnen daneben Wollhaar zugeschrieben ist, so widerspricht das dem Befunde, den die Mumien bieten; ebensowenig zeigt dieser etwas von der Höhe des Ansatzes des Ohres, der an den Köpfen altägyptischer Bildwerke auffällt (Winckelmann Gesch. d. Kunst d. Altert. K. II 1. Th. Waitz Anthropologie I 123. Prichard Researches II³ 251). Sprichwörtlich war die Αἰγυπτία κληματίς (Suid.). Ganz ins Negerhafte [992] gezeichnet wird der Ägypter in Lucians Navigium. Wie noch gegenwärtig die ägyptischen Frauen frühzeitig mannbar werden und sich sehr fruchtbar erweisen (Lane Manners a. Customs I 194f.; deutsch v. Zenker I 167), so hatte deren Kinderreichtum auch schon für die Alten etwas Überraschendes und gab Anlass zu übertriebenen Nachrichten (Aristot. hist. an. X 2. Strab. XV 695. Plin. VII 33, nach Trogus). Eine Reihe von Erzählungen (z. B. Her. II 111. 126. Diod. I 59. Genes. XXXIX 7ff.; vgl. das Urteil der Erzählung von Ktesias Athen. XIII 560d und Lane Manners a. Customs I 386ff.) lassen das Sittlichkeitsgefühl der ägyptischen Frauen, wie der Ägypter überhaupt, in einer sehr wenig günstigen Beleuchtung erscheinen. Sind auch wohl manche dieser Geschichten kein Spiegelbild ägyptischer Denkweise, so lehren doch auch Originalurkunden in grosser Menge uns die Ägypter als ein Volk von ungeläuterter, glutatmender und dementsprechend allerdings auch meistens völlig ungeschminkter Sinnlichkeit und von derb realistischer, ja häufig Ekel erregender Natürlichkeit in der Auffassungsweise sexueller Vorgänge kennen, dem, wie aus den sog. Pyramidentexten zu ersehen ist, bereits in Zeiträumen, die weit vor aller überlieferten Geschichte liegen, selbst Laster der widernatürlichsten Art in abscheulichem Masse vertraute Begriffe gewesen sind. Dass daneben sich ein starker Hang zum Moralisieren und zu prahlerischem Betonen, Hervorkehren und Schildern moralischer Vollkommenheiten ausgebildet hat, kann bei einem Volke von so langer zusammenhängender Kulturentwicklung nicht befremden. Es gehört das mit zu den vielen Erscheinungen, in denen Ägypten eine Parallele zu China abgiebt. Ähnlich wie das Chinesentum war das Ägyptertum die Schöpfung eines Volkes von unverwüstlicher Lebenskraft, dessen Sinnen und Trachten von Haus aus mit klaren Blicken den Aufgaben des wirklichen Daseins zugewandt war. Was zur Erfüllung dieser Aufgaben der Ägypter Besonderes mitbrachte, war vor allem die unvergleichliche Begabung zum sicheren Erfassen des Charakteristischen in den Formen der Welt von Gestalten, die dem menschlichen Auge entgegentritt, und der Trieb zum Nachbilden und zum Erzeugen von Formgebilden. Darum ist auch die Kunst das Einzige geworden, das von allem, was Ägypter hervorgebracht haben, uns allein noch sympathisch berührt. Übermächtig war ferner dieses Volk innerlich in Anspruch genommen durch alles, was mit dem Gefühle religiöser Abhängigkeit (Her. II 37) in Zusammenhang stand, und doch gerade auf diesem Gebiete zeigt, so sehr auch das religiöse Thun und Treiben der Ägypter dem modernen Menschen ganz besonders als das Gegenteil des Praktischen und Vernünftigen erscheinen mag, sich ebenfalls das oft ins Krasse ausartende Streben nach einer möglichst concreten Auffassung, nach möglichst körperhafter Verbildlichung des Unsichtbaren und Unerkennbaren und das ungestillte Verlangen nach möglichst drastischen Mitteln zur Verwirklichung an sich unerfüllbarer, in ihren eigentlichen Zielen aber auf das Allerrealste gerichteter Wünsche. Auch im gläubigen Hingeben der Seele an die Hoffnungen [993] auf Göttergunst und auf Fortbestehen nach dem Tode hängt das ganze Sinnen und Trachten des Herzens mit tief unmittelbarer Begehrlichkeit an dem rein Wirklichen. Im übrigen waren allem Unmittelbaren im Empfinden und Schaffen frühzeitig Grenzen gezogen. Schon in den ältesten Denkmälern tritt uns die ägyptische Kultur bereits als etwas seinem Wesen nach völlig Fertiges entgegen; schon da ist sie ein in sich äusserst compliciertes Ganze, das Ergebnis einer Anpassung an die Bedingungen des Daseins, die vermöge einer seltenen Gunst der Umstände in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit sich vollzogen hatte und die infolge dieses isolierten Zustandekommens ebenso sehr die innere Folgerichtigkeit des einheitlichen Ursprunges wie das Zufällige, die Gebrechen und Absonderlichkeiten der Verewigung autodidaktischer Missgriffe zur Schau trug. Ins Barocke umgestaltete Überbleibsel aus längst zum Überwundenen gehörenden Kulturphasen neben überfeinerten formalistischen Künsteleien, wie Lendenschurz mit Löwenschwanz als Abzeichen der Herrscherwürde neben künstlichem Kinnbart, Zopf und Perrücke. Von Anbeginn waren so auf den meisten Gebieten die Bahnen, in welchen fortan das Denken und Thun sich zu bewegen hatte, unabänderlich vorgezeichnet. Mit Notwendigkeit hat einerseits daraus der Hang zu einem auf das Aberwitzige hinaussteuernden Schematismus sich erzeugen, andererseits aber in der Aufgabe mit lauter Unabänderlichem sich abzufinden, die Schöpfungskraft des Volksgeistes erlahmen müssen. Kein Wunder, dass den Hellenen, als sie die Ägypter näher kennen lernten, diese ungefähr in demselben Lichte erschienen sind, wie uns gegenwärtig die Bewohner des ‚Reiches der Mitte‘. Ägypten wird völlig als die verkehrte Welt geschildert, wobei selbstverständlich dann manche ungenaue Behauptung und äusserliche Auffassung mit unterläuft (Her. II 35. Soph. Oed. Col. 337–341 und Nymphodor. in dem Schol. z. d. St. Diod. I 27, 2, s. auch Sesostris). Wie bei uns im Zeitalter des Roccoco der Schauplatz utopistischer Träumereien und tendenziöser politischer Schilderungen nach China, so wurde er im Zeitalter des Hellenismus besonders gern nach Ägypten verlegt, und der Begriff Ägypten umkleidete sich so allmählich mit einer Romantik, die noch dem griechischen Lesepublicum der spätrömischen Zeit jedes Αἰγύπτιον ἄκουσμα καὶ διήγημα ἀκοῆς ἐπαγωγότατον werden liess (Heliod. Aeth. II 27). Der Sitte eines fremden Volkes sich anzubequemen, war dem Ägypter unmöglich (Her. II 91), und entschloss er sich zu einer Reise ins Ausland, so erregte sein Benehmen Ärgernis (Eunapius Vitae philos., Aedes. Burckhardt Zeit Constantins² 125). Erstaunlich war, worüber und womit die Bewohner dieses Wunderlandes (Her. II 34) alles Bescheid wussten (Her. II 77. 160. Porphyr. abst. II 5. Euseb. praep. ev. I 9. Cicero rep. III 8. Diod. I 95. Plut. quaest. Plat. II p. 1000 A), ihre ‚Weisheit‘ (Her. II 121. Jos. Ant. VIII 42. Plut. Is. et Os. 10. Orig. c. Cels. I 12. Clemens Al. Strom. V 7. Aristid. I 379. III 98. 3 Reg. IV 30. Jes. XIX 11. Act. Apost. VII 22). Mit Vorliebe hat schon Herodot Hellenisches aus Ägyptischem hergeleitet [994] (v. Gutschmid Kl. Schr. I 90. Dahlmann Forschungen II 1, 102). Allerdings hiess es auch früh schon und, wie so manche Papyrusurkunde lehrt, nicht mit Unrecht (Aeschyl. fr. 363. Steph. Byz.; vgl. Suid. s. δεινοί): Δεινοὶ πλέκειν τοι μηχανὰς Αἰγύπτιοι. Manches jedoch, was über ägyptische Tücke und Spottsucht aus hellenistischer und römischer Zeit berichtet wird (Burckhardt Zeit Constantins² 122), gilt nur für die Mischbevölkerung Alexandreias. Der Zähigkeit und Beharrlichkeit, der Ausdauer des Ägypters kam die Verstocktheit und passive Widersetzlichkeit gleich. Unter der Landbevölkerung galt für Ehrensache, nur durch Prügel die fällige Steuer sich abzwingen zu lassen, und keine Folter war grausam genug, den ägyptischen Wegelagerer auch nur zum Bekennen seines Namens zu bringen (Amm. XXII 16. XXVIII 5. XXI 6. Erman Ägypten 591). Und doch kannte dieses Volk auch alle Abstufungen der Lebensfreude, von dem Behagen am ‚süssen Hauch des Nordwindes‘ und schlichtem Naturgenusse bis zu dem Raffinement, das dem Schwelgenden das Bild des Todes vorhielt, um ihn zu mahnen, des Endes eingedenk keine noch so flüchtige Lust des Augenblicks sich entgehen zu lassen (Her. II 78. Plut. Is. et Os. 17; Sept. sap. 2. v. Gutschmid zu Sharpe I 124, 1. Brugsch Äg. Gräberwelt 39. Erman Ägypten 516), und eine späte (nicht von Hadrian herrührende) Satire sagt: Aegyptum … totam didici levem pendulam, ad omnia famae momenta volitantem (Hist. Aug. Saturnin. 8).

Innerhalb des Nilthals hat, wie es scheint, die ägyptische Rasse sich in der Richtung von Norden nach Süden ausgebreitet; dafür spricht wenigstens die bereits erwähnte Auffassung der Aufeinanderfolge der Himmelsrichtungen, aber auch der Umstand, dass der Wahn, der Nil habe seine eigentlichen Quellen in den Strudeln des Katarakts (s. Neilos und Elephantine), der doch nur mit sehr geringer Kenntnis vom oberen Laufe des Nilstroms vereinbar ist, hat zum Dogma werden können. Über die Beziehungen zu den Ländern Nubiens, des oberen Nils und des Südostens vgl. Aithiopia, Berenike, Meroe. Vgl. ferner Libyaigyptioi, Libyes, Arabaigyptioi. Nicht ganz rein ägyptisch war die Bevölkerung des Delta; über diese, die Beziehungen zu den nordwestlichen und nordöstlichen Nachbarvölkern und über die Kanalverbindung zwischen dem Nil, Krokodilsee, den Bitterseen und dem roten Meere s. Delta und Sesostris.

Eine Übersicht über die Quellen zur Geschichte Ägyptens geben A. Wiedemann Gesch. Ägyptens von Psammetich I. bis auf Alexander den Grossen 1–112. Ed. Meyer Gesch. d. alt. Äg. 4ff. Aus den Denkmälern wie aus den anderen Quellen gewinnt man mehr ein Bild der Kultur als der Geschichte. Dies gilt im besondern von den Autoren des Altertums, die über Ägypten geschrieben haben, soweit aus ihrer grossen Zahl und von ihren Werken (v. Gutschmid Kl. Schr. I 35–149 [= Philologus X 522–542. 636–700]. I 150–165 [= Philologus X 712–723]. A. Wiedemann Ägypt. Gesch. I 102ff.) noch etwas übrig ist. Eine zusammenhängende kritische Geschichtsdarstellung ist nicht [995] mehr darunter; vgl. z. B. Agatharchides von Knidos, Alexandros Polyhistor, Anaxagoras von Klazomenai, Chairemon, Charon von Naukratis, Demetrios von Byzanz, Diodoros, Diogenes Laertios, Eratosthenes, Hekataios von Abdera, Hekataios von Milet, Hellanikos, Herodotos, Iosepos, Clemens von Alexandreia, Lynkeus von Samos, Manethos, Petosiris, Polyainos, Ptolemaios von Alexandreia, Ptolemaios von Mendes, Stephanos von Byzanz, Strabon. Ägyptiaca ed. Friedr. Andr. Stroth 1 (Aus Herodot) Gotha 1782. 2 (Aus Diodor) 1784. Ancient Fragments of the Phoenician, Chaldaean, Egyptian etc. Writers by Isaac Preston Cory, London 1828 (2. Aufl. 1832. New Edition by E. Richmond Hodges 1876). The Egypt of Herodotus by John Kenrick, London 1841. The Ancient Empires of the East, Herodotos I–III with Notes Introductions and Appendices by A. H. Sayce, London 1883 (Einleitung auch besonders: Sayce The Ancient Empires of the East, London 1884). Herodots zweites Buch mit sachl. Erläuterungen hrsg. von Alfr. Wiedemann, Leipzig 1890. Fr. Creuzer Commentationes Herodoteae, Aegyptiaca et Hellenica, Lips. 1819. M. Buedinger Zur ägyptischen Forschung Herodots, Wien 1873. G. Maspero Nouveau fragment d’un commentaire sur le second livre d’Hérodote (Annuaire de l’assoc. p. l’encouragement des études grecques IX 16–22. X 185–193. XI 124–137. XII 124–174). A. H. Sayce Season and Extent of the travels of Herodotos in Egypt (Journ. of Philol. XIV 257–286). D. D. Heath Herodotus in Egypt (Journ. of Philol. XV 215–240). W. Rudkowsky Landeskunde von Ägypten nach Herodot (Diss.), Halle 1888.

Die Ägypter besassen keine feste Zeitrechnung nach irgend einer Aera, sie datierten nach Jahren der Regierung des jezeitigen Königs, wobei das Kalenderjahr, in welchem der König zur Regierung kam, als sein erstes Regierungsjahr gerechnet wurde, und es wurde bei dieser Datierungsweise frühzeitig notwendig, Aufzeichnungen über die Reihenfolge und Dauer der Regierungen, also eine officielle Chronologie zu besitzen. Eine Königsliste, die mit den Regierungen der Götter begann und ausser den Namen auch Angaben über Regierungsdauer und Jahressummen aus den Regierungen enthielt, der sog. Turiner Königs-Papyrus, ist noch, aber nur in ganz fragmentarischem Zustande, erhalten (beste Ausgabe J. G. Wilkinson Fragments of the Hieratic Papyrus at Turin containing the names of Egyptian Kings, London 1851). Verschiedene Aufzählungen von Königen, Königstafeln, wie man es genannt hat, sind auf Denkmälern erhalten, enthalten aber immer nur eine Auswahl von Namen, so die von Abydos (s. d.), Sakkara, Karnak. Das wichtigste noch vorhandene chronologische Hülfsmittel bilden die τρεῖς τόμοι des Manethos (s. d., auch S. Iulius Africanus, Annianos, Eusebios von Kaisareia, Georgios der Synkellos, Panodoros, Sothisbuch); aber, selbst wenn es nicht tendenziöse Umarbeitungen wären, die unter diesem Namen uns vorliegen, so würde die Chronologie, die man daraus kennen zu lernen vermöchte, nicht die wirkliche der Geschichte Ägyptens sein, sondern lediglich ein System, construiert aus andern als [996] sachlich gegebenen Gesichtspunkten und auch nur von derjenigen Sachkenntnis aus, die bei gutem Willen ein gelehrter ägyptischer Priester zur Ptolemaeerzeit gerade noch zu erwerben vermochte. Da aber wenigstens selbst in so unsicherer Überlieferung auf die Namen und auf die Reihenfolge der Herrscher im ganzen mehr Verlass sein wird, als auf die Ziffern, so ist nichts dagegen einzuwenden, dass der Bestand der τρεῖς τόμοι, mit den Angaben der Denkmäler und sonstigen Nachrichten (s. Apollodoros, Eratosthenes) verglichen, ausgenutzt wird, um einen Notbehelf für die fehlende Chronologie der Thatsachen zurecht zu zimmern, sofern nur darüber nicht ausser Acht gelassen wird, dass das Ergebnis stets nur eine relative Richtigkeit gewinnen kann. Auch die aus den Denkmälern geschöpfte Chronologie weist grosse Lücken gerade an denjenigen Stellen auf, an welchen offenbar auch die manethonischen Zahlen nur Lücken des Wissens haben überbrücken sollen. Im besten Falle haben diesen Ergänzungen der Überlieferung Mutmassungen und freie Abschätzungen der Zeiträume zu Grunde gelegen, wahrscheinlicher ist aber leider, dass gerade an diesen Stellen die construierende Willkür am doctrinärsten ihr vermeintlich sinnvolles Spiel getrieben haben wird. Da diese Unsicherheit niemals, auch durch keine neuen Funde, sich wird beseitigen lassen, darf man auch ohne Schaden die Einteilung der Herrscherreihe in ‚Dynastien‘, obwohl sie auf etwas uns völlig Unbekanntem, eben auf den constructiven Voraussetzungen des Manethos oder seiner Vorgänger, beruht, in die Geschichte Ägyptens herübernehmen, allerdings ebenfalls schlechthin als einen Notbehelf, der weiter nichts gewähren soll, als ein bequemes Schema zu einer relativ richtigen chronologischen An- und Einordnung von Thatsachen und Namen, als ein unentbehrlich gewordenes Orientierungsmittel. Aus kalendarischen Angaben der ägyptischen Denkmäler und aus Synchronismen werden voraussichtlich noch mancherlei chronologische Aufschlüsse zu gewinnen sein. Der Versuch, auf Grund einer kalendarischen Notiz die Regierungszeit eines Königs der 4. Dynastie zu ermitteln, ist freilich misslungen (s. Bicheres). Für die Regierungszeit des Thutmosis III. (18. Dynastie) hat E. Mahler (Ztschr. f. ägypt. Sprache XXVII 103) durch astronomische Rechnung den 20. März 1503 bis 14. Februar 1449 v. Chr. und für Ramses II. (ebend. XXVIII 32–35) 1348–1281 v. Chr. angesetzt. Aus den zu Tell-el-Amarna gefundenen Keilschrift-Correspondenzen ist zu entnehmen, dass Amenophis IV. (18. Dynastie), der 4. Herrscher nach Thutmosis III., Zeitgenosse des Burraburiasch von Babel ist, den man (Ed. Meyer Gesch. d. Altert. I 329) zwischen 1450 und 1400 anzusetzen pflegt. Aus 3 Reg. XIV weiss man, dass im 5. Jahre Rehabeams, also um 920, Scheschonk I. (22. Dynastie) Jerusalem bedrängte. Doch erst mit der Thronbesteigung Psammetichs I. (26. Dynastie) erhält man ein ganz ausreichend gesichertes Datum (663 v. Chr.), d. h. kurz vor dem Untergang der Selbständigkeit des Pharaonenreichs (525 v. Chr.). R. Lepsius Chronologie der Ägypter, Einleitung, Berlin 1849; Königsbuch der alten Ägypter I, Text u. [997] Dynastientafeln, Berlin 1858. Em. Brugsch et Urb. Bouriant Le Livre des Rois, Le Caire 1887. A. H. Sayce Records of the Past N.S. VI 132–152. L. Ideler Handbuch der Chronologie I, Berlin 1825. Ed. Mahler Chronologische Vergleichungs-Tabellen I, Wien 1889. A. v. Gutschmid Beiträge zur Geschichte des alten Orients, Leipz. 1858; Kl. Schr. I 227ff. J. Lieblein Recherches sur la chronologie ég. d’après les listes généalogiques, Christiania 1873.

Die Geschichte Ägyptens lässt bis zum Eintritte der definitiven Fremdherrschaft und Erlöschen der einheimischen Dynastien sich am besten in drei Zeiträume teilen (Maspero Gesch. d. morgenländ. Völker 51f.; Histoire ancienne⁴ 42f.), die nach den Gebieten, welche jeweilig das politische Übergewicht haben, benannt werden können:

  • 1. Memphitischer Zeitraum (Dynastie 1–10) = Altes Reich.
  • 2. Thebaischer Zeitraum (Dynastie 11–20); ihn teilt das Einbrechen der Hyksos in zwei Abschnitte:
    • a) Erstes thebaisches Reich (Dynastie 11–15) = Mittleres Reich;
    • b) Zweites thebaisches Reich (Dynastie 16–20) = Neues Reich.
  • 3. Saïtischer Zeitraum (Dynastie 21–31); ihn teilt die Eroberung Ägyptens durch die Perser in zwei Abschnitte:
    • a) Erster saïtischer Zeitabschnitt (Dynastie 20–26);
    • b) Zweiter saïtischer Zeitabschnitt (Dynastie 27–31).

Die Ägypter wurden vielfach als die ältesten aller Menschen (Diod. I 10ff., s. Thebai) betrachtet, doch galten auch die Phryger (Her. II 2), die Aithiopen (Diod. III 2), die Chaldaier (Diog. Laert. pr. 6), die Skythen (Iust. II 1, 5. Amm. XXII 15, 2) für die älteren. Angeblich konnten sie ja auch mindestens 10–17 000 Jahre zurückrechnen (Her. II 100. 142f. Plat. Tim. 23; Leg. II 657. 5000 Jahre bis zur 180. Olympiade = 60–57 v. Chr. Diod. I 44; vgl. Euseb. Chron. I 135. Sync. 51), des ἀποκατάστασις-Jahres von 36 525 Jahren (Sync. 35 D. 52 A) nicht zu gedenken. ‚Ihr Hellenen‘ sagte angeblich ein ägyptischer Priester zu Solon (Plat. Tim. 22 B, vgl. Jos. c. Ap. I 7f. Euseb. Chron. I 5; Praep. ev. X 7) ‚seid immer Kinder, einen Greis giebt es unter Hellenen nicht … jung seid ihr an Seelen insgesamt, denn ihr hegt keinen aus ursprünglicher Überlieferung geltenden Glauben in euch und keinerlei altersgraue Erkenntnis‘. Doch keineswegs ging in Ägypten das wirkliche Wissen bis auf die Anfänge der ägyptischen Gesittung und des Staatswesens zurück, und über den angeblich ersten Herrscher des geeinten Reiches, über Menes (s. d.) wusste man z. B. wenig mehr zu sagen, als dass ihm alles zugeschrieben wurde, was man nach ägyptischen Begriffen als Obliegenheit des ersten Königs sich zu denken hatte. Auch was sonst über die Könige der ersten Dynastien in den manethonischen Listen erzählt wird, hat auf die Glaubwürdigkeit, die darin gesucht worden ist (Lepsius Ztschr. f. ägypt. Spr. XIII 145ff.), keinen Anspruch, denn soweit nicht ganz späte Zusätze (L. Stern Ztschr. f. ägypt. Spr. XXIII 87ff.) vorliegen, sind die betreffenden Angaben genau so unzuverlässig, oder wenigstens kritisch bedenklich, wie eine grosse Reihe anderer Erwähnungen von Begebenheiten aus der Zeit dieser frühesten Herrscher, die in der altägyptischen Litteratur und auf altägyptischen Inschriften [998] vorkommen. Es war gar nichts ungewöhnliches im späteren Ägypten, dass die Entstehung, beziehentlich Erneuerung von Heiligtümern, die Auffindung wichtiger Schriftstücke, dass Wundergeschichten und Märchen in jene heilige Anfangszeit verlegt wurden, die ja der Zeit, wo noch Götter leibhaftig auf Erden gehaust hatten, so nahe stand. Geradezu copiert wurde das alte Reich so gut es ging im ersten saïtischen Zeitabschnitte. Als das älteste Denkmal darf die Stufenpyramide von Sakkara betrachtet werden, in welcher das Grabdenkmal des Königs Zoser (s. Tosorthros) von der 3. Dynastie zu erblicken ist (G. Steindorff Ztschr. f. ägypt. Spr. XXVIII 111f.; vgl. ebend. XXX 83ff.). Die sog. ‚Knickpyramide‘ von Dahschur ist Snofru (Übergang von der 3. zur 4. Dynastie) zuzuschreiben (Ed. Meyer Gesch. d. alt. Äg. 102. G. Maspero Archéol. ég. 136), den auch eine Reliefdarstellung auf einer Felswand im Wadi Maghara am Sinaï uns als Überwinder, der dortigen Bergvölker vorführt. Während der Glanzperiode des Alten Reiches, die mit der 4. Dynastie beginnt, hatten die Könige ihre Hofhaltung in Memphis (s. Memphis und Pyramiden) und wurden ihre Grabstätten und die der Grossen des Landes auf den Höhenzügen, die westlich vom heutigen Kairo sich hinziehen, angelegt. Die Inschriften der Innenräume der sog. Mastaba, d. h. der Aufbauten, die sich über den im Felsboden angelegten Grabkammern der Vornehmen erheben, enthalten eine Menge Angaben über Würden, Ämter und Kultusangelegenheiten und die Darstellungen, die daneben angebracht sind, führen uns mitten hinein in das tägliche Leben jener längst entschwundenen Zeiten, veranschaulichen vor allem das Thun und Treiben der Landleute. Der Staat des Alten Reiches trägt in jeder Beziehung ein durchaus unkriegerisches Gepräge; der König steht als leibhafter Gott über seinen Unterthanen. Die factische Macht der Krone scheint aber mit der 4. Dynastie schon im Sinken zu sein; die Denkmäler concentrieren sich immer weniger auf die Umgebung der königlichen Hofhaltungsstätte (s. Abydos, Chenoboskeion, Eileithyiaspolis, Elephantine, Syene). Für die 9. und 10. Dynastie s. Herakleopolis. Die Wirren, unter denen das Staatswesen des Alten Reiches zu Grunde gegangen zu sein scheint, begünstigten das Emporkommen der Gaufürsten von Theben, die mit der 11. Dynastie die Herrschaft über das ganze Land zu gewinnen anfangen und auf Jahrhunderte Theben zur Landeshauptstadt, den Kultus des Amon (s. Ammon) zu einer Reichsangelegenheit machen. Unter der Regierung der Amenemes und Wosertesen (12. Dynastie, s. auch Aithiopia, Moiris und Sesostris) scheint Ägypten sich auf der höchsten Stufe innerer Blüte, die es überhaupt erreicht hat, befunden zu haben. Über diese Herrscherreihe s. Lepsius Über die 12. ägypt. Königsdynastie (Abh. der Akad.), Berlin 1852. Friedliche Verkehrsbeziehungen zu Syrien sind für das Mittlere Reich schon lange nachgewiesen; noch mehr Überraschung haben neuerdings Bruchstücke ‚altaegaeischer‘ Töpferware erregt, die Petrie (Illahun, Kahun and Gurob 1889–90 Lond. 1891; Ten Years Digging 121. G. Steindorff Wochenschr. f. klass. Philol. 1892) durch [999] Ausgrabungen zu Kahun, den Resten einer Ansiedlung aus der Zeit Wosertesen II. (12. Dynastie), im Fayum zu Tage gefördert hat. 14. Dynastie s. Xoïs. Auf die Fremdherrschaft der Hyksos (s. d.) folgt eine neue Machtentfaltung Thebens; mit der 18. Dynastie beginnt die Reihe von Eroberungskriegen, in welchen die Pharaonen die Herrschaft über Syrien und den Zugang zum oberen Stromlande des Euphrats zu erkämpfen versucht haben. Der Einfluss, den Ägypten im syrischen Küstenlande hierbei bis gegen das Ende der 19. Dynastie gehabt hat, wie der Verkehr mit Ägypten, hat bleibende Spuren besonders in der Religion und Kunst der Phoiniker hinterlassen und hat einer grossen Anzahl von Gebilden der ägyptischen Kunst Aufnahme in den Formenschatz der Kunst der Völker Vorderasiens verschafft, aus der sie wiederum in die Kunst der Hellenen übergegangen sind, der ausserdem allem Anscheine nach durch Zwischenhandel frühzeitig einzelne Vorbilder ägyptischen Ursprungs unmittelbar zugeführt wurden (Pietschmann Gesch. der Phönizier 270ff. W. E. Gladstone Archaic Greece and the East, London 1892, s. auch Iones und Mykenai). ‚Altaegaeische‘ Töpferware aus diesem Zeitraume gefunden zu Gurob im Fayum von Petrie (a. a. O.; Ten Years Digging 128). Schon die 19. Dynastie bezeichnet einen Niedergang der Macht Ägyptens, das in seiner Kultur seinerseits auf längere Zeit den Einfluss Syriens nicht verkennen lässt. Dem bedeutendsten unter den Königen der 20. Dynastie, Ramses III., gelingt es noch, einen Angriff der Libyer abzuwehren durch einen Sieg über die von Syrien her gegen Ägypten vordringenden Pursta (s. Philistaioi) und Zakkari, als deren Genossen auch die Schardana, Turuscha und Schakaruscha, die ‚Danauna von ihren Inseln‘, von denen schon unter Thutmosis III. die Rede ist, und die Waschasch der See genannt werden (Rosellini Mon. stor. 132. Dümichen Histor. Inschr. II 46. 47a. 52. Greene Fouilles à Thèbes 1–3. Brugsch Gesch. Ägypt. 598ff. E. de Rougé Notice de quelques textes hiéroglyphiques récemment publiés par M. Greene, Paris 1855. F. Chabas L’Antiquité histor. 250ff. A. Eisenlohr Der grosse Papyr. Harris 27f. Schliemann Ilios 824). Dann versinkt unter den Ramessiden Ägypten in politische Ohnmacht. In dem tief erschöpften Lande bedeutet nur noch etwas der Wille des Hohepriesters des Amon von Theben. Nach Entthronung des letzten Ramessiden macht einer dieser Oberpriester, Hrihor, sich selber zum Könige. Theben hört auf, die Reichshauptstadt zu sein und es ersteht zu Tanis eine neue, die 21. Dynastie (s. Tanis und Smendes). Auf diese folgt dann die Söldnerherrschaft unter der libyschen (22.) Dynastie von Bubastis (s. d.), die zwar mit Scheschonk I. Ägypten noch zu einem letzten kurzen Aufschwunge hinriss (vgl. oben S. 996), das Land vor innerer Auflösung aber nicht zu bewahren vermochte. Nur ein Teilfürstentum kann es gewesen sein, was seit 823 unter der 23. Dynastie stand (s. Tanis). Als Dynastie 24 wird dann noch Bokchoris (s. d.) gezählt, unter welchem die Aithiopen (25. Dynastie) von Napata (s. Aithiopia und Sabakon, Sebichos, Tarkos) sich Ägypten vorübergehend [1000] unterwarfen. 671 machte Asarhaddon der Aithiopenherrschaft ein Ende. Die wiederholten Versuche, Ägypten wieder zu gewinnen, welche die Aithiopen nach seinem Tode anstellten (s. Tarkos und Ammeres), blieben erfolglos. Unter den kleinen Dynasten, ursprünglich zum grössten Teil Söldnerfürsten, die im Delta erbliche Macht erworben hatten und, sobald die Umstände es erforderten, Vasallen erst der Aithiopen, dann der Assyrer vorstellten (s. Dodekarchen), gewannen allmählich die Fürsten von Saïs, Stephinates (s. d.), Nechepsos (s. d.), Necho I. (s. d.), nicht ganz ohne Beihülfe der Assyrer, eine besondere Machtstellung, die dann Nechos I. Sohn Psammetichos I. (s. d.) ausnutzte, um mit Hülfe ausländischer, vor allem karischer, ionischer und lydischer (s. Gyges) Soldtruppen sich die Herrschaft anzueignen. So erstand die 26. Dynastie, unter welcher Ägypten seine letzte Neugestaltung erlebte, die in letzter Linie aber doch auf erfolglose Versuche zur Wiederbelebung längst erstarrter und nicht mehr lebensfähiger Formen hinauslief, und für Ägypten selbst zum Teil bereits die Bedeutung einer Fremdherrschaft annahm, da die angeworbenen Fremdlinge nicht allein zur Bekämpfung äusserer Feinde und Sicherung der neu befestigten Grenzen, sondern nicht minder zur Niederhaltung der einheimischen Bevölkerung dienen mussten, und zugleich von den Herrschern als ein Gegengewicht gegen die Machtansprüche der inländischen eine Art von Kaste und nächst den Priestern den mächtigsten Stand im Staate bildenden Soldaten benutzt wurden, die vorlängst im Lande heimisch gewordenen und mit reichem Grundbesitz ausgestatteten Kriegerfamilien meist libyschen Ursprungs angehörten. So öffnet sich Ägypten den Hellenen und nimmt hellenische Händler, Kauffahrer und Ansiedler auf. An der Mündung des bolbitinischen Armes gründen sich Milesier, in Memphis Karer und Hellenen Standquartiere und Factoreien (s. Bubastis, Hellenikon, Karikon, Naukratis). Auf diesen Zeitraum geht daher auch die erste eingehendere Kenntnis Ägyptens und ägyptischer Dinge bei den Hellenen zurück, die dazu verleitet hat, nach und nach in Ägypten eine Menge Anknüpfungspunkte für die hellenische Mythen- und Sagengeschichte gewinnen zu wollen (vgl. z. B. Daidalos, Danaos, Epaphos, Erechtheus, Eumolpides, Homeros, Kekrops, Melampos, Musaios, Orpheus, Polydamna), bis es schliesslich dahin gekommen ist, dass eigentlich ein Aufenthalt in Ägypten als zur Gewinnung tieferer Erkenntnis des Wesens aller Dinge unbedingt erforderlich betrachtet und deshalb auch ohne weiteres den Weisen, Gesetzgebern und Künstlern von Hellas angedichtet wurde. Verzeichnis hellenischer Denker, Gelehrten und Künstler, deren Aufenthalt in Ägypten bezeugt wird, von Parthey zu Plut. Is. et Os. 10f.; vgl. Diod. I 69. 96–98. Clem. Alex. Strom. 131. Cedren. Hist. comp. 94 B, auch Lepsius Chronologie 40ff., s. ferner Alkaios, Anaxagoras, Archimedes, Bias, Chrysippos, Demokritos von Abdera, Diodorodos von Sicilien, Ellopion, Eudoxos, Euripides, Hekataios von Abdera, Herodotos, Kleobulos, Lykurgos, Oinopides von Chios, [1001] Pherekydes, Platon, Pythagoras, Simmias, Solon, Sphairos, Strabon, Telekles, Thales, Theodoros, Xenophanes von Kolophon. Angeblich ägyptische Lehrer von Hellenen s. Chonuphis, Oinuphis, Pammenes, Psenophis, Sechnuphis, Sonchis; vgl. Parthey zu Plut. Is. et Os. 10. Geschichte der 26. Dynastie s. Psammetichos I., Necho II., Psammetichos II., Apries, Amasis, Psammetichos III., auch Delta und Sais. 525 v. Chr. brachte dann die Schlacht von Pelusion Ägypten in die Hand der Perser (vgl. Kambyses). Die Perserkönige treten zunächst auf den einheimischen Denkmälern durchaus nach dem Ebenbilde der Pharaonen auf; Kambyses, Dareios I., Xerxes, Artaxerxes, Dareios II. werden als die 27. Dynastie gerechnet; doch wurde die Perserherrschaft, nach dem Aufstandsversuche des Chabbasch (Decret des Ptolemaios Lagi hrsgegeb. von H. Brugsch Ztschr. f. ägypt. Spr. IX 1ff.) 487 v. Chr., den Xerxes unterdrückte, den Ägyptern und ihren Priestern immer verhasster. Aufstand des Inaros s. Inaros, und dessen Fortsetzung durch Amyrtaios, wohl eines Vorfahren desjenigen Amyrtaios, der als alleiniger Repräsentant der Dynastie 28 in den Listen prangt, s. Amyrtaios; vgl. auch Psammetichos IV. Geriet auch in der Folge das Achaimenidenreich in grösste Erschlaffung, so vermochten doch die Ägypter auch ihrerseits nicht mehr sich zu wirklich befreienden Thaten aufzuschwingen. Längst fehlte es offenbar an einem Geschlechte, das die Autorität völlig legitimer Machtansprüche für sich hätte geltend machen können. Die Regentenliste der Mendesier (s. Nepherites, Akoris, Psammuthis) = Dynastie 29 ist eigentlich nur eine chronologische Überbrückung der Kluft der völligen Anarchie, die im Deltalande bestand, bis die Sebennyten Nektanebos I. und Nektanebos II. (s. d.) im Innern Ordnung schufen, doch nur ganz vorübergehend, denn bald (345/343 v. Chr.) erlag auch diese Wiederauffrischung ägyptischer Selbständigkeitsgelüste der Übermacht des persischen, von griechischer Kriegskunst und Verschlagenheit geleiteten Heerbannes Artaxerxes III. Vgl. W. Judeich Kleinasiat. Stud. 144ff. Schon im Winter 332/31 aber erschien Alexander d. Gr. (s. d.) in Ägypten, und ihm ergab sich die persische Besatzung ohne jeglichen Widerstand. Durch die Gründung Alexandreias, an dem einzigen brauchbaren Hafen, den Ägyptens Deltaküste aufwies, verlegte er den Mittelpunkt der gesamten Regierung und Verwaltung in den unmittelbaren Verkehrsbereich der Mittelmeerstaaten. Er schuf damit die Weltlage um, die für Ägypten bis dahin massgebend gewesen war, und, darf schon als eines der Ziele, welche vordem die Politik Athens verfolgt hat, die Gewinnung freier Ausnutzung Ägyptens für hellenische Handelsinteressen bezeichnet werden (vgl. Droysen Alexander³ 164), so wurde durch die That Alexanders dieses Ziel nicht nur im weitesten Sinne zur Verwirklichung gebracht, sondern überhaupt dem Hellenentum in Ägypten eine herrschende Stellung gesichert. Daneben geschah alles, um die Empfindlichkeit der religiös leicht erregbaren Menge und der Priesterschaft zu schonen. An die Spitze der Verwaltung wurden zwei Ägypter, [1002] Doloaspes und Petisis, gestellt (Arr. an. III 5, 2), und ein Zug durch die Wüste zum Orakel des Amon wurde eigens in Scene gesetzt, um in den Augen sowohl der Makedonen als auch der neuen Unterthanen die Person des Eroberers mit einer mysteriösen Weihe zu umgeben. In Memphis und in Pelusion liess Alexander eine Besatzung zurück. Als nach Alexanders Tode (323 v. Chr.) sein Reich in seine Bestandteile zerfiel, kam Ägypten an Ptolemaios, den Sohn des Lagos. Das Sanctuarium des Haupttempels von Theben zu Karnak ist noch auf den Namen des Philippos Arrhidaios umgebaut worden, doch thatsächlich, und seit 306 auch dem Namen nach, war Ptolemaios der König Ägyptens. Unter ihm und seinen nächsten Nachfolgern gelangte Ägypten wieder zu einer Blüte und einem Wohlstande, die es seit langen Jahrhunderten nicht mehr erlebt hatte. Allerdings etwas ägyptisch Nationales war dieses neue Staatswesen, das der Ptolemaeer, durchaus nicht; es hatte seinen inneren Halt in der Militärmacht, die aus angeworbenen Makedonen, Hellenen und Kelten bestand, es gipfelte in der Person des Monarchen, der, so sehr er auch geflissentlich und zu rechter Zeit ägyptischer Sitte sich anbequemte, und so ägyptisch das Hofceremoniell und Hofhaltungsgepränge war, mit dem er sich umgab, keineswegs als Oberhaupt des ägyptischen Volkes, sondern eher als Stellvertreter der Gottheit die absolute Herrschaft für sich in Anspruch nahm, die er ausübte. In dem Besitze Ägyptens beruhte zwar die Stärke der Lagiden vor allem wegen der ungeheuren Einkünfte, die es brachte (14 800 Talente Silber und 1 500 000 Artaben Weizen jährlich; Hieron. in Dan. XI 5, 1122), und wegen der Sicherheit, mit der die fest geregelte Verwaltung die Erzielung dieser Einkünfte verbürgte. Aber Ägypten blieb die Grundlage ihres Staatswesens und ihrer auf weitumfassende Endziele gerichtete Unternehmungen nur etwa in derselben Weise, wie später die Politik des Hohenstaufenkaisers Friedrich II. im Besitze Siciliens und der vorzüglichen Verwaltungseinrichtungen dieses Landes ihre beste Basis hatte. An allen höheren Ämtern hatten die Eingeborenen keinerlei Anteil; sie waren schlechthin die Unterthanen. Aber für Ordnung und Gerechtigkeit wird gesorgt und die Götter Ägyptens erhalten reichlich das ihre; eine Reihe der stattlichsten Tempelbauten (s. z. B. Apollinopolis, Latopolis, Ombos, Philai, Tentyra) legen davon Zeugnis ab. Dabei dehnen die Handelsbeziehungen unter dem Schutze starker Kriegsflotten sich immer weiter aus. Von den Küstenstädten des roten Meeres aus (s. Berenike) werden weite Strecken der ostafricanischen Gestadeländer befahren, und es kommt zu regelmässigem Schifffahrtsverkehr mit Indien (vgl. auch Adule). Von der äusserlichen Hellenisierung, der auf die Länge der Zeit die einheimische Bevölkerung sich nicht gänzlich zu entziehen vermochte, von der auch in der ägyptischen Wissenschaft und Kunst einzelne Spuren sich kundgeben und deren Wirkung weit über den Zeitraum der Ptolemaeerherrschaft sich fortgepflanzt hat, ist die Grundbevölkerung im ganzen völlig unberührt geblieben, und als nach der Regierung Ptolemaios III., mit welcher [1003] die Lagidenherrschaft ihre weiteste, jedoch auch nur mit äusserstem Aufgebot aller Machtmittel zu behauptende Ausdehnung angenommen, aber auch angefangen hat, sich zum Sinken zu neigen, eine ausgedehnte Periode der Misswirtschaft und dann auch der Thronstreitigkeiten begann, als das Geschlecht der Lagiden immer mehr entartete, sind auch Aufstände nicht ausgeblieben (vgl. auch Lykopolis, Thebai), die allerdings keinen anderen Erfolg mehr hatten, als Verödung und Verwüstung herbeizuführen. Langsam bereitete sich, da Unfähigkeit und Verkommenheit, neben Uneinigkeit in der Familie der Lagiden, welche den legitimistischen Anschauungen der Ägypter zuliebe auch die Geschwisterehe der Pharaonen nachahmen zu müssen geglaubt haben, ständig zunahmen, der Zeitpunkt vor, an dem Ägypten in völlige Abhängigkeit von Rom geriet, das schliesslich auch unter Augustus nach dem Tode der letzten Königin, Kleopatra, die Verwaltung des bereits seit 55 v. Chr. von römischen Truppen besetzten Landes übernahm (27 v. Chr.). Ägypten geriet dabei in eine staatsrechtlich besondere Stellung. An der Verwaltung des Landes erhält der Senat keinen Anteil, Senatoren bedurften sogar zu einem Aufenthalte in Ägypten einer Genehmigung seitens des Kaisers, der allein, gewöhnlich durch seinen Stellvertreter, den praefectus Aegypti, die Verwaltung leitete (Mommsen Röm. St.-R. III 753); es war des Kaisers grösstes κτῆμα (Philo c. Flacc. II 19. Mommsen a. a. O. II² 963). Im allgemeinen behielten die Kaiser den Verwaltungsmechanismus der Ptolemaeer bei. Die Einkünfte stiegen auf eine zuvor nie erreichte Höhe. Zu Vespasians Zeit zahlte Ägypten über 24 000 griechische Talente Steuern (Friedländer Sittengesch. III⁵ 140), es lieferte den dritten Teil des Getreides, dessen die Hauptstadt bedurfte, 20 Millionen Modii jährlich, und jede Unruhe in Alexandreia wurde schliesslich wegen der mit dem Ausbleiben von Zufuhr eintretenden Steigerung der Kornpreise Roms zu einer Quelle steter Besorgnis der Cäsaren (Mommsen R. G. V³ 560; St.-R. II² 994. Burckhardt Zeit Constantins² 114ff.). Gering war die Militärmacht, welche die Römer in Ägypten hielten, aber rücksichtslos wurden die Ägypter von jeder Mitwirkung an der Gestaltung ihrer politischen Lage ausgeschlossen, und mit grausamster Härte alle Aufstände (s. Alexandreia, Bukoloi) unterdrückt. Wie vordem auf den Namen der Ptolemaeer als Nachfolger der Pharaonen, so wird auf den Namen des jeweiligen Caesars alles geweiht, was aus den reichen Mitteln der Tempel den älteren Baubeständen noch an Anbauten zugefügt wird. Der letzte Kaiser, den so hieroglyphische Inschriften zur Erwähnung bringen, ist Decius. Mit Eifer haben die Ägypter den Lehren des Christentums sich zugewandt. Bei ihnen ist das Mönchstum entstanden. Doch lange blieb gerade Alexandreia ein Herd der letzten Lebensäusserungen, in denen die hellenische Weltanschauung noch fortbestand, und erst nach der Zertrümmerung des Serapisbildes (s. Serapis) erlosch der alte Glaube immer mehr. Einzelne von den apokalyptischen Schilderungen aus der altchristlichen Litteratur erinnern oft an die altägyptischen Beschreibungen [1004] der unterweltlichen Gebiete, welche die Sonne allnächtlich durchmisst. Der den Blemmyern (s. d.) besonders heilige Isistempel Philais wurde jedoch erst unter Iustinian geschlossen. Dass bei den Kirchenvätern Αἴγυπτος synonym mit σκότος und ἁμαρτία ist, stammt aus der Apokalypse des Johannes[WS 5]. An der Ausgestaltung der Dogmatik haben die Kirchenlehrer Ägyptens einen hervorragenden Anteil, obwohl die Richtungen, in denen sie sich bewegten, schliesslich Anerkennung bei den Byzantinern und im Abendlande nicht gefunden haben. Der kirchliche Zwiespalt mit Ostrom hat schliesslich den Ägyptern leicht gemacht, ihre Herren zu wechseln und 638 n. Chr. den unter Amr Ibn el-Asi einrückenden Arabern sich zu unterwerfen.

Litteratur: H. Jolowicz Bibliotheca Aegyptiaca, Leipz. 1858; Supplement 1 1861. Ibrahim-Hilmy Literature of Egypt. I. II, Lond. 1886–1888. H. Brugsch Aegyptologie, Lpz. 1891. D’Anville Mémoires s. l’Égypte ancienne et moderne, Paris 1766. Champollion L’Égypte sous les Pharaons I. II, Paris 1814. Ét. Quatremère Mémoires géograph. et hist. s. l’Égypte I. II, Paris 1811. H. Brugsch Geographie d. alt. Ägyptens I–III, Lpz. 1857–60; Dictionnaire géograph. de l’Ancienne Égypte, Lpz. 1879–1880. A. Erman Ägypten u. ägypt. Leben im Altertum I. II, Tübing. 1885. J. G. Wilkinson Manners and Customs of the Ancient Egyptians correct. by S. Birch I–III, Lond. 1878. P. Pierret Dictionnaire d’archéologie égyptienne 1875. S. Sharpe Gesch. Egyptens, deutsch v. H. Jolowicz (mit Anmerkungen von A. v. Gutschmid) I. II, Leipz. 1857–58. H. Brugsch Histoire d’Egypte I, Lpz. 1859; I² 1875; Geschichte Ägyptens unter d. Pharaonen, Lpz. 1877–1883. S. Birch Egypt from the earliest times to B. C. 300, Lond. s. a. G. Maspero Histoire anc. des peuples de l’orient⁴, Paris 1886; Gesch. d. morgenländ. Völker, Lpz. 1877. Ed. Meyer Gesch. d. Altertums I, Stuttg. 1884; Gesch. d. alt. Ägyptens (Allgem. Gesch. in Einzeldarstellungen, Hauptabtlg. I Teil 1) Berlin 1879; darin J. Dümichens Geographische Schilderung Altägyptens. Alfr. Wiedemann Ägyptische Geschichte (Handbücher d. Alten Geschichte, Ser. 1, Teil 1) Gotha 1884; Gesch. von Altägypten, Calw 1891. G. Ebers Ägypten u. die Bücher Moses I, Lpz. 1868; Durch Gosen zum Sinaï², Lpz. 1881. A. Wiedemann Gesch. d. XVIII. egypt. Dynastie bis zum Tode Thutmes III. (ZDMG XXXI 613ff.); Gesch. Ägyptens von Psammetich I. bis auf Alexander d. Gr., Lpz. 1880. Letronne Recherches p. serv. à l’hist. de l’Égypte pendant la domination des Grecs et des Romains, Paris 1823. Giac. Lumbroso L’Egitto al tempo dei Greci e dei Romani, Rom 1882; L’Économie politique de l’Égypte sous les Lagides, Turin 1870. Lepsius Über einige Ergebnisse d. ägypt. Denkmäler für die Kenntnis der Ptolemaeergeschichte (Abh. d. Akad. 1852), Berlin 1853. J. Foy Vaillant Historia Ptolemaeorum ad fidem numismatum accommodata, Amstelod. 1701. (Zoëga) Numi Aegyptii imperatorii prostantes in Museo Borgiano, Rom 1787. Tôchon d’Annecy Recherches s. l. Médaillons des Nomes ou préfectures de l’Égypte, [1005] Paris 1822. Observations numismatiques dediées à Thorwaldsen, Rom 1833. The Ptolemies Kings of Egypt (Catalogue of Greek Coins in the British Museum) Edit. by R. St. Poole, Lond. 1883. Collections Giovanni Demetrio, Numismatique, Égypte ancienne par F. Feuardent I. II, Paris (1870–73).

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S I (1903), Sp. 37
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S. 987, 63 zum Art. Aigyptos:

Die Worte ‚die Ertragsfähigkeit‘ bis ‚(Oros. I 8, 9)‘ sind zu streichen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Pauly-Wissowa I,1, 0979a.jpg
  2. Im Original schlecht lesbar; bei Sickler (Handbuch der alten Geographie II 586 Internet Archive) Guph nur in Umschrift.
  3. Vorlage: Pauly-Wissowa I,1, 0980a.jpg, Pauly-Wissowa I,1, 0980b.jpg
  4. Vgl. hierzu die Anmerkung in S I.
  5. Vgl. Offb. 11,8.