RE:Alkaios 9

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 1498–1505
Alkaios von Lesbos in der Wikipedia
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9) Der Lyriker.

Litteratur

Litteratur: A. Aus dem Altertum: Ausgaben [1499] des Aristophanes und Aristarch (Heph. p. 134). Dikaiarchos περὶ Ἀλκαίου FHG II 246. Kallias von Mytilene περὶ τῆς παρ’ Ἀλκαίου λεπάδος (Athen. III 85 E = Alk. frg. 51 B. Strab. XIII 618). Commentare von Drakon und noch von Horapollon (unter Theodosios), s. Suid. s. v.

B. Moderne Arbeiten (abgesehen von den bekannten litterarhistorischen Handbüchern): Fragmentsammlungen von Stange (Halle 1810). Boissonade (Paris 1825). A. Matthiae (Leipzig 1827), revidiert von Welcker Kl. Schr. I 126ff. Schneidewin Del. II 262. Ahrens Dial. I App. Bergk PLG III⁴ p. 147ff. Noch jetzt unentbehrlich Plehn Lesbiaca 169ff. Anregend Jacobs in der Allg. Encykl. I 3, 132ff. Kock Alkäos und Sappho, Berlin 1862. Letzte, nicht immer kritische Gesamtrevision des biographisch-historischen Materials bei Duncker G. d. A. VI 274ff. H. Flach Gesch. d. gr. Lyrik II 463ff.

I. Lebenszeit

I. Lebenszeit. Vgl. Schöne Symb. phil. Bonn. 744ff. Rohde Rh. Mus. XXXIII 215. Bergk Gr. Litt.-Gesch. II 272, 2. Beloch Rh. Mus. XLV 465ff. Die Hesychiosvita ist verloren; ihr chronologischer Ansatz ist zu gewinnen aus Suid. s. Σαπφώ· γεγονυῖα κατὰ τὴν μβ’ ὀλυμπιάδα ὅτε καὶ Ἀλκαῖος ἦν καὶ Στησίχορος καὶ Πίνδαρος und Suid. s. Πίττακος .…. καὶ τῇ μβ’ ὀλυμπιάδι Μέλαγχρον ἀνεῖλε καὶ Φρύνωνα στρατηγὸν Ἀθηναίων κτλ. Diese Ereignisse erwähnte Alkaios; trotz Beloch a. O. 466 wohl auch den nichts weniger als mythischen Phrynon (vgl. frg. 32. 37. 119; die anekdotenhafte Fassung der Nachricht ist vielleicht durch ein missverstandenes Bild des Dichters zu stande gekommen, s. frg. 107 + 100. Solon frg. 33). Dass dem Ansatz auf Ol. 42 = 612 ein Synchronismus des Pittakos mit Periander zu Grunde liege, ist eine unwahrscheinliche Vermutung Belochs S. 466.

Eusebios-Hieronymus notiert zu Ol. 46, 2 = 595 (15. Jahr des Alyattes) Sappho et Alcaeus cognoscebantur; dazu stimmt das Marmor Parium Ep. 36 p. 18 Fl. ἀφ’ οὗ Σαπφὼ ἐγ Μιτυλήνης εῖς Σικελίαν ἔπλευσε φυγοῦσα und wohl auch Athen. XIII 599 C τὴν δὲ [Sappho] κατ’ Ἀλυάττην. Diese ‚Flucht‘ der Sappho scheint dem zweiten Ansatz zu Grunde zu liegen, s. Schöne a. O. Rohde a. O. 217. Die Vermutung Belochs, dass die ἀκμή bei Eusebios einfach nach dem Archontat Solons (als Zeitgenossen des Periander) bestimmt sei (S. 466), lässt die Erwähnung der φυγή unerklärt, für die in den Gedichten genauere Anhaltspunkte gegeben sein konnten. Während Schöne a. O. das γέγονε bei Suidas auf die Geburt bezog und so die ganze Chronologie erheblich herunter rückte, ist Rohde 216f. zu der alten Auffassung zurückgekehrt. Beloch endlich streicht, ohne jene Vorgänger zu berücksichtigen, auf Herod. V 94 fussend die älteren Kämpfe vor Sigeion und rückt A. in die Zeit des Peisistratos hinunter. Herodots Zeugnis leidet aber selbst an einem inneren Widerspruche, was Beloch gleich S. 467 hätte hervorheben sollen (das Schiedsrichteramt des Periander); und die Annahme, dass Phrynon als Gegner des Pittakos entweder ‚mythisch‘ oder ein Enkel des für 636 notierten Siegers von Olympia sei (Förster Die Sieger in den olymp. Spielen I 5), wird wiederum durch die Überschätzung des Herodotzeugnisses [1500] bedingt. Doch ist hier nicht der Platz, die Berechtigung dieser scharf eingreifenden Kritik für den historischen Zusammenhang zu prüfen. Belanglos oder verfehlt sind die positiven Indicien, die Beloch 473 für seinen späten Ansatz des A. beibringt: a) Antimenidas habe nicht eher bei den Babyloniern Kriegsdienste nehmen können, als diese ihr Reich bis zum Mittelmeer ausdehnten: Antimenidas kommt aber ἐκ περάτων γᾶς (frg. 33); b) Charaxos habe sich ‚längere Zeit in Naukratis aufgehalten‘, also nach Amasis 569: die Quellen reden von einer Handelsfahrt, nicht vom Aufenthalt; c) A. und Sappho seien auch nach dem Entwicklungsgange der Poesie Zeitgenossen Anakreons: durchaus nicht; Anakreon setzt die Lesbier voraus, bildet ihren kräftigen, urwüchsigen Stil in eine elegante, aber schon stark conventionelle Manier um; d) Hermesianax, der Philologe, mache Anakreon und Sappho zu Zeitgenossen: bekanntlich auch Homer und Penelope; der Katalog bewegt sich ja durchweg in freien Erfindungen. Vgl. Bergk zu Anakr. frg. 14 p. 258f., das vielleicht jene Fictionen veranlasst hat. Immerhin ist Beloch zuzugestehen, dass eine attische Ansiedelung im hohen Norden für diese Frühzeit überrascht (man bedenke aber die Rolle der Athene im Epos) und dass die Chronologie der ganzen Zeit noch nicht genügend geklärt ist. Wissen wir doch nicht einmal, was es mit dem Kriege πρὸς Ἐρυθραίους auf sich hat, den Alkaios frg. 119 erwähnt haben muss im Zusammenhang mit Archaianaktides und der Befestigung von Sigeion; vielleicht liegt gerade hier der Schlüssel für das Rätsel (Athener als Bundesgenossen der Erythraier?); doch vgl. auch frg. 114. Sicher ist nur die relative Chronologie: A. nach Archilochos und vor Anakreon. Der Ansatz der alten Chronographen wird aber doch ungefähr zutreffen.

II. Herkunft

II. Herkunft, Stellung, Schicksale. Alkaios ist ein typischer Vertreter des temperamentvollen aeolischen Rittertums. Er bleibt in erster Linie Krieger und Parteimann (Athen. XIV 627 A); seine Dichtung wurzelt ganz in diesem Boden und pflegt sich direct an die Waffenbrüder und Standesgenossen zu wenden (Melanippos 32, Menon 46, Archaianaktides [= Archaianax ?] 119) und an die Ereignisse und Stimmungen des Tages anzuknüpfen. Auch sein Bruder Antimenidas ist ein wackerer Soldat (frg. 32); er war es wohl, den A. κίκυν, d. h. ἰσχυρόν, genannt hat (frg. 137), woraus ein Grammatiker (Suid. s. v.) einen Eigennamen Kikys für einen zweiten Bruder herauslas (so zuletzt noch Farnell Gr. L. P. 135). Der Dichter lebte, wie der ihm geistesverwandte Archilochos, in einer Zeit des Sturmes und Dranges. Es sind die Anfänge einer demokratischen Bewegung. Die Adeligen schliessen sich zu politischen Klubbs zusammen: das führt zur Oligarchie. Die Menge sucht sich einen höchsten Vertrauensmann: daraus wird die Tyrannis. Für diese Vorgänge bieten die Fragmente des A. reiche Belege, wenn auch der Gang der Dinge nicht chronologisch genau zu verfolgen ist; die ‚Überlieferung‘ (Aristot. Polit. II 9, 6. V 8, 13. Strab. XIII 617 u. s. w.) scheint fast ausschliesslich aus diesen Dichtungen abgeleitet zu sein, denen auch geschichtliche Betrachtung nicht fremd war (s. [1501] z. B. 65. 71). Melanchros als Tyrann: frg. 21 Μέλαγχρος αἴδως ἄξιος, von Duncker a. O. 276 falsch verwertet. Triumphlied beim Tode des Tyrannen Myrsilos frg. 20 (Horat. c. I 37). Verwandt frg. 25 (Arist. Vesp. 1234). 82. Die Lage verwickelt sich durch kriegerische Unternehmungen, bei denen Pittakos eine bessere Rolle spielte, als A. (frg. 32). Während nun die Adeligen, und als ihre Führer A. und sein Bruder Antimenidas, den Versuch machen, ihre Herrschaft wieder aufzurichten, bestellt der Demos wider sie den Pittakos zum Führer: ἐστάσαντο τύραννον sagt A. frg. 37 A. Die Brüder gehen in die Verbannung. Antimenidas nimmt Kriegsdienst in Babylonien; in dem Willkommenliede frg. 33 hören wir von seinen Heldenthaten und den gewonnenen Ehrengeschenken (O. Müller Rh. Mus. 1828, 287ff.). A. selbst wird damals auch nach Ägypten gekommen sein (s. Strab. I 37, frg. 106. Herod. II 5. Hecat. frg. 279 aus Alk. frg. 4 δῶρον τοῦ ποταμοῦ). Auch Thrakien scheint er bereist zu haben (frg. 109). Die bei Eusebios vorausgesetzte, im Marmor Parium überlieferte Flucht der Sappho nach Sicilien mag denselben Anlass gehabt haben; dass die beiden Zeitgenossen waren – A. wohl etwas jünger – ist alte Überlieferung, die nicht nur auf dem umstrittenen Wechselliede beruht haben wird (Sappho frg. 29B. Alk. frg. 55, letzte Revision der Frage bei Farnell a. O. Hauptschriften von Kock und O. Jahn Abh. d. Sächs. G. d. W. 1861, 710). Eine grosse Reihe von Liedern scheint, wie bei Theognis, in der Verbannung entstanden zu sein. Vor allem die archilochisch stilisierten Ausfälle auf Pittakos frg. 37B. 49. 80ff. 92. Auch das angebliche Patronymicum des Pittakos, Ὑρράδιος, war ursprünglich wohl ein von A. gegebener Spitzname (Ahrens Dial. I 157; zu ὕρραξ, (σ)υρράδιος = plebeius s. Bergk zu frg. 94). Die thrakische Herkunft des Pittakos ist wohl gleichfalls aus Spottliedern des A. erschlossen, die nicht mehr Gewähr beanspruchen könnten, als verwandte Verdächtigungen bei den Komikern. Pittakos versteht, ohne grundstürzende Eingriffe, feste Verhältnisse zu schaffen (Arist. Polit. II 4, 9; Eth. Nicom. III 5, 8). So kann er es wagen, auch den oligarchischen Verschwörern die Heimkehr zu gestatten. Den Lebensabend scheint A., wie ein geretteter Schiffbrüchiger, in der Heimat verbracht zu haben. Manche Fragmente mit gehaltener, fröhlich ernster Stimmung mögen hierher gehören, besonders 42 κατ τᾶς πόλλα παθοίσας κεφάλας καχεάτω μύρον καὶ κατ τῶ πολίω στήθεος.

III. Dichtungen

III. Dichtungen. Die von den alten Grammatikern benutzte Ausgabe (des Aristophanes?) war zum Teil nach stofflichen Gesichtspunkten geordnet, mit denen sich oft formelle zusammenfanden. Citiert werden 10 Bücher. B. I, II Hymnen in vierzeiligen Strophen, vgl. frg. 1f., Schol. Heph. 79; auch frg. 73 (δευτέρῳ, unverkennbar von der rettenden Gottheit). III (?), IV Kriegs- und Vaterlandslieder, Stasiotika, falls frg. 100 von Bergk mit Recht allegorisch gedeutet ist, s. o. Für V, VI könnte man Erotika ansetzen, wenn die stofflichen Gesichtspunkte nicht etwa von formellen abgelöst wurden. VII–X scheinen gesellige Lieder, σκόλια und Verwandtes [1502] gestanden zu haben. Für VII wird in den corrupten frg. 87. 101 die Situation πρὸς πόσιν bezeugt. Für VIII vgl. frg. 103 (Komos?). Für IX frg. 16 βληχρῶν ἀνέμων ἀχείμαντοι πνόαι: es ist vom Frühlingswind die Rede, ohne jede politische ὑπόνοια, wie sie Bergk annahm. Für X frg. 43: Kottabosspiel beim Gelage. Auch hier mögen metrisch zusammengehörige Stücke zusammengeordnet sein. Leider hat Bergk die Spuren alter Anordnung bei der Einteilung der Fragmente nicht gehörig respectiert. Schon hiernach kann man sich einen Begriff machen von dem Reichtum der Stoffe und Vorwürfe. Zum Teil sind es alte Bahnen, vor allem in den Hymnen frg. 1–14, dazu (gegen Bergk) frg. 62 und 73: an Apollon, Hermes, Athene, Hephaistos, Eros; über den Apollohymnus (παιᾶνα nennt ihn Himerios, προοίμιον Pausanias, frg. 2) vgl. Crusius in Roschers Mythol. Lexik. I 2806f. Auf die Anrufung des Gottes folgt regelmässig ein epischer Hauptteil. Es ist ganz dieselbe Anlage, wie in den ‚homerischen‘ Hymnen, nur die rhythmische Form ist neu. Subjective Beziehungen sind kaum nachweisbar. Ob frg. 48 B einem Hymnus an Achill zuzuweisen ist, bleibt zweifelhaft (Wassner de heroum cultu 33); frg. 48 A an Aias hat Skolienstil. Origineller sind die politischen Gedichte und Kriegslieder (frg. 15–34). Wenn Archilochos und sein Vorgänger, der Dichter der Rügelieder an Perses, die Poesie ins Privatleben einführten, so folgt ihnen A. nicht nur, sondern er erobert ihr eine neue höhere Sphäre, den weltgeschichtlichen Kampf der Stände und Anschauungen, in denen er selbst stand. Es ist eine politische Tendenzpoesie in grossem Stil. Der Ton erinnert aber vielfach an Archilochos; der Dichter setzt den Iambos fort, er kämpft nicht mit sachlichen, sondern mit persönlichen Waffen. Iulian (Misopog.[WS 1] p. 433 H.) hatte nicht Unrecht, als er ihn mit Archilochos zusammenstellte (κουφότερα ποιοῦντες αὑτοῖς ὅσα ὁ δαίμων ἐδίδου τῇ εἰς τοὺς ἀδικοῦντας λοιδορίᾳ). Eng verwandt mit diesen Dichtungen ist ein grosser Teil der σκόλια; die Beziehung aufs Gelage mag die Sonderbezeichnung bedingt haben. Gerade ein berühmter Ausfall gegen Pittakos wird citiert aus einem τῶν σκολιῶν μελῶν (Aristot. Pol. III 1, 5 = frg. 37 A); überhaupt scheint das Hineinspielen von politischen oder kriegerischen Nebenmotiven die Regel gewesen zu sein. So wird manches, was Bergk unter die Stasiotika gestellt hat, hierher gehören (z. B. frg. 20 νῦν χρὴ μεθύσθην). Populär zu allen Zeiten blieben die eigentlichen Trinklieder (Athen. X 430 A), frg. 39ff., die wohl zum Teil in der Musse des Alters entstanden sind (frg. 42). Auch die Ἐρωτικά bei Bergk berühren sich vielfach mit den Skolien, s. frg. 55ff. Dass wir in ihnen durchweg echte Gelegenheitsgedichte, keine conventionellen Flunkereien zu[WS 2] erkennen haben, zeigt der schlichte, echte Ton. Zu so intensiver Liebesleidenschaft, wie Archilochos oder Sappho, scheint der hochstrebende, ins Weite wirkende Krieger und Politiker freilich nicht fähig gewesen zu sein. Neben oder vor die Frauenliebe (frg. 55. 56 κῶμος) tritt etwas uns sehr Fremdartiges, der ἔρως παιδικός: Cic. Tusc. IV. 71. 105. Lykos frg. 58 = Hor. I 32, 9. Man erinnere sich, dass [1503] Lesbos der klassische Platz der Καλλιστεῖα war (Tümpel Philol. L 566f.). Theokrits παιδικά machen die Trümmer lebendig.

Die drei letzten Gattungen gehen vielfach in einander über (s. Horat. carm. I 32, 6): sie treffen sich im Begriff des Skolions, des geselligen Liedes, mit wenigen Ausnahmen. Es eröffnet sich uns ein Blick in das glänzende, frische Zusammenleben dieser Kreise, das ganz der Charakteristik entspricht, die Herakleides (Athen. XIV 624E) von aeolischer Art giebt. Es sind ähnliche Mischungsverhältnisse, wie bei der Elegie; das Vorherrschen des einen oder anderen Elementes scheint die Alten aber veranlasst zu haben, jene Sonderabteilungen (politisch-kriegerische Lieder, Trinklieder im engeren Sinne, Liebeslieder) aufzustellen. Wir werden gut thun, ihnen zu folgen.

Dem Reichtum des Inhalts entspricht eine Fülle verschiedener Formen, die A. aus der Kunst der Ionier oder dem heimatlichen Liede entlehnte oder in ihrem Geiste weiterbildete. Charakteristisch ist der aeolische freie Eingang (die Hermannsche Basis) und die lange verpönten ‚gemischten‘ Reihen: beides wohl volkstümlichen Ursprungs (s. Sappho); vgl. H. Usener Altgr. Versbau 92f. 103. 108ff. Rossbach Specielle Metrik 560ff. In den Trink- und Liebesliedern begegnen wir den einfachsten Rhythmen, wie den aeolischen Daktylen, Tetrametern wie Hexametern (23. 45), und dem archilochisch gebauten iambischen Tetrameter (frg. 56), oder ionischen Reihen (frg. 59 = Horat. carm. III 12) nach der Notiz des Hephaestion (66) in stichischer Abfolge durch das ganze Gedicht: was natürlich ein musikalisches Zusammenfassen zu vierzeiligen Strophen nicht ausschliesst. Das Hauptmass der Skolien waren aber allem Anscheine nach jene glänzenden choriambischen Reihen, die später nach Asklepiades, dem Freunde des Theokrit, benannt wurden (frg. 33. 37ff. 48), daneben der langgestreckte volltönende Vers, der aus zwei Glykoneen und einem katalektischen trochaeischen Metron besteht (frg. 15. 50), mit einer Fermate oder Pause in der Mitte, wie in den archilochischen Asynarteten. Compliciertere Strophenformen scheinen vor allem bei Liedern in höherem Stil, bei Hymnen und Stasiotika, angewandt zu sein. Die sogen. Sapphische Strophe im Hermeshymnus frg. 5: drei sogen. Sapphische ἑνδεκασύλλαβοι, d. h. logaödische Pentapodien, die letzte mit einem Adonios als Klausel; die männliche Cäsur, wie bei Horaz, anscheinend bevorzugt. Eine Nebenform mit einer Silbe als Auftakt (frg. 55), mit kräftigerem Ethos. Am bekanntesten die sogen. alkaeische, Strophe: zwei a1kaeische Hendekasyllaben, ein iambischer Dimeter hypercatalecticus (der Begriff ist hier sachgemäss), der den ersten Teil der ersten Verse, und ein daktylotrochaeischer δεκασύλλαβος, der ihren zweiten Teil weiter entwickelt. Die Strophe vereinigt Eleganz und Kraft, Reichtum und Einheitlichkeit. A. ist aber schwerlich ihr Erfinder. Denn abgesehen davon, dass sie Sappho anwendet (28), ist allem Anscheine nach schon die Perikope des Alkmanischen Parthenions aus einer ähnlichen aeolischen Weise herausgesponnen, vgl. Crusius Comment. Ribbeck. 21.

Die Sprache des A. ist, der Abstammung seiner [1504] Poesie vom lesbischen Volksliede entsprechend (s. Sappho), der epichorische aeolische Dialekt; die Spottlieder zeigen kühne Neubildungen im Geiste des Iambos (vgl. bes. frg. 37). Gegen die Annahme epischer Anklänge (Schneidewin u. a.) H. L. Ahrens Verhandl. Philologenvers. zu Göttingen 63f. = Kl. Schr. I 164. Doch hat Meister (Gr. Dial. I 16) die augmentlosen Praeterita, die Genetive auf -οιο, die Form Ἀχίλλεα (48) wieder als episch in Anspruch genommen. Die Hymnen des Alkaios werden unter dem Einflusse der ionischen Hymnenpoesie stehn: wonach Meisters Annahme auch von Ahrens eigenem Standpunkte aus berechtigt ist. Den Stil des Dichters charakterisiert fein ein altes Kunsturteil bei Dion. Halic. τῶν παλαιῶν κρ. 2, 8 = Quint. X 1, 63; es hebt hervor τὸ μεγαλοφυὲς (magnificus bei Quintilian) καὶ βραχὺ (brevis) καὶ ἡδὺ μετὰ δεινότητος, ἔτι δὲ τοὺς σχηματισμοὺς μετὰ σαφνείας. Ein wichtiges Element seiner Darstellung sind volkstümliche Sentenzen und Sprichwörter: frg. 23. 41, 1. 44. 53 = 57. 82. 83. 99. 110. 112. 113. 117. Der Bilderschmuck ist nicht reich, aber echt und frisch. Ob das Sturmlied frg. 18 (vgl. Archilochos frg. 5) wirklich allegorisch gemeint ist, wie Theogn. 670ff. Horat. carm. I 14, scheint nicht so ganz sicher; unberechtigt ist diese Interpretationsweise zweifellos bei frg. 16. Der eigentliche Ausdruck herrscht vor, wie bei Archilochos. A. spricht in seinen Liedern mit knapper Energie durchaus originell eine lebendig empfundene Stimmung aus, für die er gern mit einer uns ganz modern anmutenden Sinnigkeit einen Widerhall aus dem Naturleben heraushört. Seine Dichtungen sind noch in ihrem trümmerhaften Zustande ein lebhafter Protest gegen die übertriebenen Anschauungen vom mangelhaften Naturgefühl der Alten. Vgl. frg. 1f. 19. 34. 39. 45. Vereinzelt wagt er sich an Aufgaben der sogen. ‚objectiven Lyrik‘; frg. 59 (Horat. carm. III 12) ist einem einsamen Mädchen in den Mund gelegt (vgl. Archil. 25). Eigentlich epische Themata treten ganz zurück. Nur in den Hymnen und Skolien fanden sich kurze erzählende Partien: Göttermythen, Heroensagen (48f.), vereinzelt wohl auch geschichtliche Rückblicke (65. 114, vgl. 71). Hier wird der Dichter die Mittel des conventionellen epischen Stils nicht ganz verschmäht haben. Im ganzen ist seine Kunst durchaus Gelegenheitspoesie im Goethischen Sinne: Leben und Lied deckt sich, wie bei Archilochos; s. Horat. carm. II 13, 16; Sat. II 1, 30 und Aristoxenos in den Schol. z. d. St.

IV. Bildnisse, Nachruhm, Nachwirken

IV. Bildnisse, Nachruhm, Nachwirken. Eine lesbische Münze (Visconti Icon. Gr. I 3, 3) mit dem Kopfe des A. (Baumeister Denkm. I 44. O. Jahn a. a. O. 724 Tat VIII 6) wird angezweifelt. A. und Sappho, als ganz allgemeine Typen gehalten, schon auf älteren attischen, Vasen: ein Zeichen für die Popularität des Dichters. S. Welcker Alte Denkmäler II 225 Taf. XII 20ff. O. Jahn Abhdl. d. sächs. G. d. W. VIII. über den von manchen als A. angesprochenen ‚Anakreon‘ der Villa Borghese (Baumeister Denkm. Abb. 83) vgl. zuletzt P. Wolters Arch. Ztg. XLII 1884, 149f. A. steht im Lyrikerkanon an zweiter Stelle, hinter Alkman (Usener zu Dion. de imit. p. 130). Er war ein [1505] Liebling der Attiker in der besten Zeit: Aristoph. frg. 223 K. = Athen. XV 694 A. Schol. Arist. Thesm. 162. Die Skolienpoesie steht ganz unter seinem Zeichen; Aristophanes parodiert wiederholt Lieder des Alkaios, die er offenbar als bekannt voraussetzt (Aves 1410 = frg. 84; vgl. Vesp. 1234 = frg. 25, s. Schol. Thesm. 162, Nr. 10); auch bei den Tragikern sind Anklänge nachweisbar (Aesch. Pers. 347 = frg. 23). Manche Stelle wurde schon damals geradezu sprichwörtlich (vgl. die Paroemiographen). In der Hellenistenzeit beschäftigt er nicht nur die Gelehrten (s. o.), sondern wird auch mit Glück nachgeahmt, besonders von Theokrit (παιδικά XXVIII. XXIX) und seinem Freunde Asklepiades, auf dessen Namen eine Reihe aeolischer Strophen getauft wurden. Bei den Römern war es vor allem Horaz, der sich an den Dichter anschloss, ohne ihm freilich wahrhaft geistesverwandt zu sein. Gelernt hat er von ihm besonders in formellen Dingen. Die Nachahmung ist im einzelnen nicht immer glücklich; s. frg. 5 = Horat. I 10. frg. 18 = H. I 14. frg. 20 = H. I 37. frg. 30 = H. III 2, 13. frg. 34 = H. I 9. frg. 41 = H. II 7. 21. frg. 44 = H. I 18. frg. 59 = H. III 12. frg. 53 = H. III 18, 16. Im einzelnen ist der Commentar Kiesslings zu befragen; wenig förderlich Arnold Die gr. Studien des Horaz, hgg. v. Fries, 89ff. Ob Catulls Alfenuslied (30) von A. selbst oder von hellenistischen παιδικά inspiriert ist, wird sich schwer ausmachen lassen. Fleissig gelesen wurde A. noch von den Sophisten der Kaiserzeit (s. frg. 2f.). Es wäre fast zu verwundern, wenn unter den Papyri nicht auch noch Reste des A. auftauchten.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S XI (1968), Sp. [S_XI 8]–[S_XI 19]
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     S. 1498ff. zum Art. Alkaios Nr. 9, der Lyriker (Crusius):

In richtiger, heute fast prophetisch klingender Voraussicht hatte Crusius im J. 1893 geschrieben: ‚Es wäre fast zu verwundern, wenn unter den Papyri nicht auch noch Reste des A(lkaios) auftauchten‘. etc. etc.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. korrigiert: Miospog.
  2. korrigiert: zn.