RE:Alkman

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 15641572
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Alkman.

Litteratur

A. Aus dem Altertum. Reste einer Ausgabe cum notis variorum in dem Pariser Papyrus mit Scholien (Aristarch, Krates, Aristophanes, Pamphilos, Stasikles). Philochoros περὶ Ἀλκμᾶνος (Suid. s. Φιλόχορος) FHG I p. XCI. Sosibios περὶ Ἀλκμᾶνος, mindestens 3 Bücher, FHG II 628 (vgl. frg. 20. 75. 90). Alexander Polyhistor περὶ τῶν παρ’ Ἀλκμᾶνι τοπικῶς εἰρημένων FHG III 239 (vgl. frg. 128A. 129, dazu 117. 24). Sepulcralepigramme von Alexander (Aetolus?) Anth. Pal. VII 709 (Meineke Anal. Al. 239f.). Antipater Thess. Leonid. Anth. Pal. VII 18. 19. Βίος bei Suidas-Hesychios (Hesych. Miles. Onom. p. 11 Fl.); in der Hauptsache hellenistisch, der Schluss (ἔστι δὲ ... Μεσσήνη) byzantinisch.

B. Aus moderner Zeit (abgesehen von den Handbüchern): Fragmentsammlung von Welcker, Giessen 1815. Schneidewin Delectus II p. 238. Bergk PLG III p. 14ff. Welcker Kl. Schr. IV 37ff. Th. Niggemeyer de Alcmane poeta Laconico, Münster 1869. H. Flach Gesch. d. gr. Lyrik, Tübingen 1883, 297ff. Duncker G. d. A. VI 340ff. v. Wilamowitz Euripides Herakles I 71f.

I. Name

Frg. 25. 33 (und bei den meisten Späteren), s. Herodian I p. 12ff. L.) Ἀλκμάν; frg. 71 (Christod. Ekphr. Anth. Pal. II 395) Ἀλκμάων; Hesych. I p. 125 Schm. Ἀλκμέωνα· τὸν Ἀλκμᾶνα; Himer. or. V 3 zu frg. 1. Schol. Eurip. Troad. 210 (im Neapolitanus). Euseb.-Hieron. Ἀλκμαίων. Ἀλκμάν ist die mundartliche Form für Ἀλκμαίων, vgl. Pind. Pyth. VII 2 Ἀλκμανιδᾶν von den attischen Alkmaioniden, Pyth. VIII 46. 57 Ἀλκμάν Ἀλκμᾶνα von dem Helden Alkmaion. Der Name ist Koseform zu Ἀλκμήνωρ, Ἀλκιμένης (Suid.), vgl. Fick d. gr. Personennamen 9.

II. Lebenszeit

Vgl. Rohde Rh. Mus. XXXIII 199f. Nach Suidas-Hesychios ἐπὶ τῆς κζʹ ὀλυμπιάδος (Ol. 27 = 672) βασιλεύοντος Λυδῶν Ἄρδυος τοῦ Ἀλυάττου (Σαδυάττου Rohde) πατρός; es ist das siebente Jahr des Ardys nach Herodot, nach Euseb. Ol. 30, 4 (Abrah. 1360) = 657, d. h. das siebente Jahr des Ardys nach Africanus. Beide Ansätze meinen danach wohl denselben Zeitpunkt; worauf er begründet ist, wissen wir nicht. Wahrscheinlich ist immerhin, dass A., der auch frg. 24, 5 vom ‚hohen Sardes‘ redet, selbst eine Handhabe bot; doch müssen die lydischen Königsreihen gar zu oft den Rahmen abgeben, als dass man darauf besonderes Gewicht legen dürfte. Ein dritter Ansatz bei Eusebios Ol. 42 = 612–9 v. Chr. (ut quibusdam videtur) wurde von Susemihl (Jahrb. f. Phil. CIX 161) empfohlen; Rohde hat ihn aber als ‚leichtfertigen Synchronismus‘ mit Stesichoros nachgewiesen (a. O. 200). Die positiven Gründe Susemihls hat schon Hiller (Jahresber. IV 202) aufgelöst. In der That kann der Ἐνετικὸς κέλης (frg. 23, 17f.) nicht benützt [1565] werden, um den Dichter hinunterzudrücken (s. Hiller a. O.), ebensowenig wie die Πιτυώδεις, d. h. Pityusen frg. 147 B (Bergk Gr. L.-G. II 232, 105). Die allgemein anerkannte relative Chronologie hält den Dichter für älter als Stesichoros und für jünger als Terpander und Thaletas. Hauptstelle frg. 114, wonach A., wohl als seinen Vorgänger, Polymnast erwähnte, der ἔπη auf Thaletas dichtete (PLG II⁴ p. 13 Bgk. s. Crusius Philol. XLVII 40). Gründe gegen den Ansatz der Alten können hieraus umsoweniger (mit Susemihl) abgeleitet werden, als A. schon nach frg. 26 ein sehr hohes Alter erreicht haben muss.

III. Herkunft

Nach Suid.-Hesych. Λάκων ἀπὸ Μεσσόας (vgl. den Schluss κέχρηται Δωρίδι διαλέκτῳ καθάπερ Λακεδαιμόνιος), κατὰ δὲ τὸν Κράτητα πταίοντα (nicht zu ändern; vgl. Flachs Anm.) Λυδὸς ἐκ Σάρδεων, λυρικός, υἱὸς Δάμαντος ἢ Τιτάρου (unnütze Verschiebung der Notizen bei M. Schmidt Philol. XVIII 227 und W. S. Teuffel in der 1. Auflage dieser Encycl.). Lydien nimmt nicht nur Krates als Heimat an, sondern mit grosser Bestimmtheit ‚Alexander‘ (von Aitolien nach Meineke Anal. Alex. 234f.) Anth. Pal. VII 709, sowie Aelian v. h. XII 50 und Velleius Paterc. I 18, 2 (Alcmana Lacones falso sibi vindicant). Man wird sich auf frg. 24 ἀλλὰ Σαρδίων ἀπ’ ἀκρᾶν als auf ein Selbstzeugnis berufen haben. Aber auch die (von den Alexandrinern im Gegensatz zu den Pergamenern?) mit grosser Sicherheit vorgetragene Notiz ἀπὸ Μεσσόας wird sich auf ein Selbstzeugnis stützen. Möglicherweise spielt eine textkritische Debatte um die Worte ΜΕΣΣΟΑΤΗΣ (zu Μεσσόα, dem τόπος Λακωνικῆς) und ΜΕΣΣΩΓΙΤΗΣ (von dem ὄρος Λυδίας) mit hinein. Unentschieden bleibt die Streitfrage bei manchen Späteren, z. B. bei Antipater Thess. und Leon. Anth. Pal. VII 18. 19, die einen ähnlichen βίος gekannt haben mögen. Auch für uns ist Zurückhaltung geboten, da wir ohne Einsicht in die Akten des Processes sind. Zunächst scheint ja die Erwähnung von Sardes frg. 24 und die Datierung nach Ardys für die Annahme zu sprechen, dass A. (oder seine Familie) aus Kleinasien herstammt, während die ‚Spuren lydischer Verhältnisse‘ bei Flach 303, 3 gänzlich bedeutungslos sind. Auch mit allgemeinen Erwägungen meint man das bestätigen zu können; Lydien mit dem Vorderlande ist der Ausgangspunkt der grossen musikalischen Entwicklung und auch alle anderen in Lakedaemon wirkenden Sänger und Dichter (Terpander von Lesbos, Thaletas von Kreta, Polymnastos von Kolophon, wahrscheinlich auch Tyrtaios von Milet) charakterisiert die Überlieferung als fahrende Leute aus der Fremde. Bedenklicher klingt schon die bei Suidas später (aus anderer Quelle, wohl Hermippos) eingeschobene Notiz, dass Alkman ἀπὸ οἰκετῶν herstamme, oder dass er gar selbst Sklave gewesen sei; vgl. Herakl. Pont. Pol. 2 (= Aristoteles nach Holzinger Philol. LII 63f.): ὁ Ἀλκμὰν οἰκέτης ἦν Ἀγησίδα, εὐφυὴς δὲ ὢν ἐλευθερώθη. Diese letztere Notiz könnte sich auf Stellen berufen haben, wie frg. 86 καὶ τοί, ἄναξ, und auf übertriebene Ausdrücke der Verehrung, wie in frg. 23, 40. 53 (aus denen auch ten Brink zu viel geschlossen hat). Die angeblichen Namen seines [1566] Vaters sind beide gut griechisch. Δάμας ist gerade in dorischen Kreisen (z. B. in Syrakus) nachweisbar; für ihn werden die eingetreten sein, die für A.s Lakonertum plädierten. Τίταρος – sonst nicht gebräuchlich – gehört zu Τίταρον und zum Τιτάρεον ὄρος in Thessalien (durch lautliche Vorgänge, deren Entwicklung der Sprachwissenschaft vorbehalten bleiben muss, fällt Τίτανα [Steph. Byz.] und Τευτάνιον zusammen: so könnte Τίταρος mit Τεύταρος, dem Sklaven des Amphitryon, der Herakles das Bogenschiessen lehrte, identisch sein: Schol. Theokr. 13, 56. Schol. Lykophr. 51. 56). Wie jener Τίταρος, so führt auch Omphale nach Thessalien als Eponym des thessalischen Omphalion (Steph. Byz. s. v., s. Wilamowitz Euripides Herakles I 316. K. Tümpel Philologus L 609ff.); Sklavinnen der Omphale, unter denen Herakles lebte, haben auch einen Platz in den Heraklesstammbäumen (z. B. Diod. IV 31, Näheres bei anderer Gelegenheit). Ebenso war der aus griechischer Sage entlehnte Alkaios, der Stammvater der lydischen Herakliden, Sohn eines Sklaven, und Likymnios, der Halbbruder der Alkmene und Freund des Herakles, heisst Sohn einer Mideia, die aus einer griechischen Nymphe in eine phrygische Sklavin verwandelt wurde; Apollod. II 4, 5. 6. II 8, 2 (wo Likymnios als Sklavensohn einem Sklaven beisteht). A. selbst besang diesen Likymnios und seinen von den Hippokoontiden getöteten Sohn Oionos; vgl. frg. 15 und Bergk PLG III p. 29; sein Grabmal lag in der Nähe der Heroa der Hippokoontiden, des Herakles und des Oionos, s. u. S. 1567. Durch derartige Erwägungen wird der Verdacht nahe gelegt, dass A. nur durch Ausdeutung seines Stammbaums zum Lyder und Sklavenabkömmling geworden ist, wie Terpander als ἀπόγονος Homers oder Hesiods nach Arne oder Kyme gesetzt wurde, oder wie die Itoner und Kylikranen als Lydier, die ‚Kadmeer‘ in Milet u. s. w. als Phoinikier galten (Crusius in Roschers Myth. Lex. II 807f. 873. 891f.). A. selbst mag seine Familie für lydisch gehalten haben. Das sind zwar nur Möglichkeiten: sie erklären aber das Schwanken des Urteils im Altertum hier geradeso gut, wie z. B. bei Thales, der nach einigen als Thelide und Kadmeer τὸ γένος ἀνέκαθεν Φοῖνιξ heisst, nach den πλείους aber ἰθαγενὴς Μιλήσιος (Roschers Myth. Lex. II 873 nr. 90). Der Gelehrte, der Krates eines Irrtums zieh, wird im Recht gewesen sein.

IV. Leben und Stellung

Nach v. Wilamowitz (Herakles I 72f.) gehört ‚A. und sein [?] Bäschen Agido nicht zur ritterbürtigen Gesellschaft‘; die Chorpoesie sei die der Perioeken. Bei A. mag das richtig sein, die ‚lydischen‘ Kylikranen waren die Perioeken der Dorer am Oeta (Athen. XI 461). Aber dass die Mädchen, welche bei grossen Festen die Parthenien sangen, den regierenden Ständen angehörten, ist von vornherein wahrscheinlicher. Das Dorertum, das sich in A.s Dichtungen spiegelt, trägt freilich ganz andere Züge, als zur Zeit des peloponnesischen Krieges oder gar in der Überlieferung später rhetorisierender Schriftsteller. A.s Leben fällt in eine Periode des glänzendsten Aufschwunges. Die messenischen Kriege sind glücklich beendet; die gewaltige Kraftanspannung wird abgelöst [1567] durch Streben nach Genuss und Behaglichkeit; der materielle Besitz ist noch nicht verpönt (frg. 49); auch Handelsverbindungen scheint man angeknüpft zu haben (Duncker 344). Das gewichtigste Zeichen dieser Zeitstimmung ist das Aufblühen der bildenden Künste; die Erbauung der Σκιάς (Paus. III 12, 8) mag A. noch miterlebt haben. Es ist begreiflich, dass neben die strengen Weisen der Terpandriden und des Tyrtaios als Ausdruck einer neuen Zeit eine andere, irdischere und frohere Kunst trat. Ihr ältester Vertreter scheint ein eingewanderter Ionier, Polymnastos von Kolophon, gewesen zu sein, dessen heitere Weisen noch in attischer Zeit erklangen (Philol. XLVII 40). Ihre Vollendung findet sie in der Poesie A.s. Seine Dichtungen sind ein getreues Spiegelbild von Jahrzehnten ruhigen Behagens: neben religiösem Ernste heiterer Genuss; inniger Verkehr mit gleichgestimmten Genossen und ritterliche Verehrung der Frauen und Mädchen; alles in guter, ja kecker Laune, doch in Ehren und innerhalb officiell geregelter Grenzen. A. war, wie aus den Parthenienfragmenten hervorgeht, der διδάσκαλος für diese Jungfrauenchöre; aber auch an dem reich ausgestatteten Feste der Gymnopaedien erschollen seine Lieder, vgl. Sosibios bei Athen. XV 678 B = FHG II 626. Bei der strengen Ordnung, der auch die musischen Verhältnisse in Sparta unterworfen waren, ist es zweifellos, dass er ein staatlich anerkannter Gesangsmeister war; auch ihn hätte die Überlieferung leicht zum Schulmeister machen können, wie den Tyrtaios.

V. Todesart und Grabdenkmal; Bildnisse

In hohem Alter (s. frg. 26) soll der Dichter an Phthiriasis gestorben sein, s. Aristot. περὶ τὰ ζῷα ἱστ. V 31: οἱ δὲ φθεῖρες ἐκ τῶν σαρκῶν [γίγνονται] ... ἐνίοις δὲ τοῦτο συμβαίνει τῶν ἀνθρώπων νόσημα, ὅταν ὑγρασία πολλὴ ἐν τῷ σώματι ᾖ · καὶ διεφθάρησάν τινες ἤδη τοῦτον τὸν τρόπον ὥσπερ Ἀλκμᾶνά τέ φασι τὸν ποιητὴν καὶ Φερεκύδην τὸν Σύριον. Danach Plin. n. h. XI 112; vollständiger Plut. Sulla 36: λέγεται δὲ τῶν μὲν πάνυ παλαιῶν Ἄκαστον φθειριάσαντα τὸν Πελίου τελευτῆσαι, τῶν δὲ ὑστέρων Ἀλκμᾶνα τὸν μελοποιὸν καὶ Φερεκύδην τὸν θεολόγον καὶ Καλλισθένη τὸν Ὀλύνθιον ..., ἔτι δὲ Λούκιον τὸν νομικόν κτλ. Dass diese abenteuerliche Todesart bei A. historisch beglaubigt wäre, ist um so weniger wahrscheinlich, als auch noch bei den Dichtern der attischen Zeit das Lebensende in der Überlieferung meist legendarisch verschleiert wird, s. Piccolomini Sulla morte favolosa di Eschilo etc. Pisa 1884. Sehr häufig giebt eine Dichterstelle Anlass zu solchen litterarhistorischen Fictionen: so wird die auffällige Todesart, die Aischylos von Odysseus berichtet hatte, auf ihn selbst übertragen (Crusius Rh. Mus. XXXVII 310); auf demselben Wege könnte A. Leidensgefährte des mythischen Akastos geworden sein (s. Plutarch a. O.). Ein μνῆμα (τάφος) des A. erwähnt Pausan. III 15, 1 zwischen den Heroa der Hippokoontiden und des Herakles; die Beziehung zu frg. 23 liegt auf der Hand; vgl. Bergk PLG III⁴ p. 29. Möglich aber, dass A. auch aus genealogischen Rücksichten in diese Umgebung gehörte, s. o. S. 1566. Vielleicht genoss auch der Dichter Heroenehren. Hübsche Grabepigramme [1568] von Antipater und Leonidas, Anth. Pal. VII 18. 19. In einer Bronzestatue des sog. Zeuxippos bei Constantinopel glaubte Christodor Ekphr. 395 den A. zu erkennen (ἐγὼ δ’ Ἀλκμᾶνα δοκεύω κτλ.). Zuviel Wert wird man auf dies Zeugnis nach den Ausführungen von K. Lange (Rh. Mus. XXXV 110ff. 126) nicht legen; im allergünstigsten Falle wird es sich um einen in hellenistischer Zeit geschaffenen Typus handeln, da ja an Porträtstatuen aus so früher Zeit nicht zu denken ist.

VI. Dichtungen

Die im späteren Altertum cursierende Ausgabe – ein Fragment mit Scholien im Papyrus Mariette; vgl. besonders Blass Rh. Mus. XXIII 545. XXV 177; Hermes XIII 15ff. – scheint nach sachlichen und formellen Gesichtspunkten geordnet gewesen zu sein, wohl durch einen hellenistischen Gelehrten; darauf geht auch Suid. ... ἔγραψε βιβλία ςʹ μέλη [καὶ κολυμβώσας ist ein Zusatz aus unlauterer Quelle, wohl Ptol. Heph., s. u.]. An erster Stelle standen hymnenartige Dichtungen (Bergk p. 14 und zu frg. 1) in breiten, reichen Formen; aus dem 3. und 5. Buche werden scherzhafte Strophen in daktylischen und iambischen Kurzversen, sowie katalektischen Trimetern citiert (frg. 33. 74. 76). Die Hymnen – Paeane, Parthenien, Hyporcheme – wurden durch einen Chor bei gegebenen festlichen Gelegenheiten unter Kithar- oder Flötenbegleitung (frg. 66. 77. 82. 112) zum Marsch oder Tanz vorgetragen (frg. 45). Ein Chor von Männern oder Jünglingen wendet sich an Apollo (17. 22), die Dioskuren (9ff., s. Bergk zu frg. 1), ein Jungfraunreigen an Zeus und Hera (1ff. 16; vgl. 1, 3 παρσένοις, 2 ἀρχομένα, 16 φέροισα), Artemis (18f. 23, 61. 40ff.), vielleicht auch an Aphrodite (21, vgl. 36). Es sind das lauter Gottheiten, deren Kult für Sparta besonders wichtig ist; schon daraus folgt, dass die Lieder für die Feste des Gemeinwesens geschaffen wurden. Doch wurde auch in diesen sacralen Liedern die Heroensage vielfach berücksichtigt. Das Lied des Papyrusfragmentes 23 scheint bei einem Artemisfeste gesungen zu sein: ein Hauptstück darin ist die Hippokoontidensage; ebenso war in den Zeushymnus ein Lob der Dioskuren eingelegt; ähnlich mögen manche verwandte Sagen (68. 30. 40. 87. 109, fast durchweg in Anlehnung an Homer; vgl. Welcker Ep. Cykl. 231) untergebracht sein. Es ist das eine Gepflogenheit der Hymnenpoesie zweiten Stils, auf die schon im homerischen Apollohymnus (I 158ff.) hingedeutet zu werden scheint; vgl. auch Kallim. hymn. VI (Erysichthonsage als Demeterhymnus). Crusius über die Nomosfrage, Verh. der Philologenvers. zu Zürich 1887, 268. Eigenartig ist der nur bei Ptol. Heph. Phot. bibl. p. 150a (s. oben S. 1541, 32ff.) überlieferte Titel Κολυμβῶσαι · τὰς δε Κολυμβώσας Ἀλκμᾶνος (Ἀλκμάνους Ptol., zu corrigieren aus Suidas, Ἀλκιμένους verfehlte Correctur von Meineke) πρὸς τῇ κεφαλῇ Τυννίχου εὑρεθῆναί φασιν. Die Notiz im ganzen ist eine windige Anekdote, aber ein unbekanntes Gedicht zu fingieren, wäre sinnlos gewesen. Der Titel könnte aus der Orchestik eines Parthenions abgeleitet sein; vgl. frg. 26. Bemerkenswert ist es, dass der Chor nicht durchweg (wie bei Pindar) im Namen des Dichters redet. Die Jungfrauen sprechen von sich im [1569] Femininum, und im 23. Fragment scheinen sich nach Beendigung des Mythos verschiedene Stimmen fast dramatisch abzulösen (worauf die Paragraphoi am Rande zu beziehen sein werden).

Aber wir wissen auch von weltlichen Liedern A.s. Τὸν χαρίεντ’ Ἀλκμᾶνα, τὸν ὑμνητῆρ’ ὑμεναίων preist Leonidas Anth. Pal. VII 19. Sichere Fragmente solcher Hochzeitslieder, wie bei Sappho, sind nicht nachzuweisen. Vermutungsweise könnte man aber z. B. frg. 27. 38 hieher beziehen. Freilich mögen auch in den Heroensagen der Hymnen Hochzeitslieder vorgekommen sein, z. B. bei Gelegenheit der Helena frg. 13; Theokrits Helena-Epithalamion erinnert in Sprache (dor.-aeol. z. B. -οισα) und Stil (v. 28ff. = Alkm. 23, 40ff.) an A. Aber der Ausdruck des Leonidas wäre doch unverständlich, wenn sich bei A. nicht selbständige Dichtungen dieses Inhalts gefunden hätten. Dass er εὑρετὴς γέγονε τῶν ἐρωτικῶν μελῶν, weiss Suidas-Hesychios. Man wird das nicht nur aus gelegentlichen Apostrophen an den Jungfrauenchor abzuleiten haben; manche derartige Stücke verraten ganz selbständiges Leben, s. z. B. frg. 36. Gerade für solche Themata hatte aber A. wohl einen Vorgänger an dem frg. 114 erwähnten Polymnast von Kolophon, dessen ἐρωτικά noch in attischer Zeit berühmt waren (s. d., vorläufig Philologus XLVII 40, gegen Kock und Flach Gesch. d. gr. Lyr. 279f.). Andere Verse scheinen fürs Mahl und Gelage bestimmt (33. 74ff.). Schon der Charakter dieser Dichtungen legt die Vermutung nahe, dass sie auch als Skolien von einem Einzelnen vorgetragen werden mochten. Frg. 74 sieht ganz aus, wie ein horazisches Einladungsbillet (s. Bergk Gesch. d. gr. L. II 235) und frg. 36 ist ein an aeolische Weisen anklingender Liedereingang von stark persönlicher Färbung. Jedenfalls war bei diesen ‚geselligen Liedern‘ keine kunstvolle Orchestik am Platze. Auf recitativischen Vortrag solcher Stücke scheint Aristoxenos bei Hesych. s. κλεψίαμβον schliessen zu lassen, s. Bergk PLG III p. 61.

Ebenso verschiedenartig, wie die behandelten Stoffe, sind die angewandten Kunstformen. In der Rhythmik, vor allem mancher hymnenartigen Stücke, steht an erster Stelle der Daktylus: Hexameter epischen Inhalts und Stils, vier lyrische Hexameter in reinen Daktylen und mit langen Endsilben frg. 26, kürzere Reihen frg. 1. 45. 33f. 47. 48f. 59. Man wird an terpandrische Hymnen erinnern dürfen; vgl. A. Rossbach Specielle Metrik 93ff. Iambische und trochaeische Reihen treten teils rein auf (frg. 16. 24 Dim. troch.; 69 Tetram. troch.; 1, 3. 4. 6. 7 Trim. iamb. catal.; 9. 10 Tetram.), teils verbinden sie sich mit Daktylen zu längeren Versen (frg. 31. 58f. 60), die einigermassen an die Daktyloepitriten der Späteren erinnern. Neben solche noch innerhalb der Grenzen der altionischen Kunst des Archilochos gehaltene Episyntheta treten aber auch freiere Bildungen, echte logaoedische Epimikta, wie in der lesbischen Lyrik (frg. 23, 1. 3 u. s. w. 37, 3 Glycon.; ähnliche Versformen als Alcmanica bezeichnet bei Schol. Pind. Ol. 14. Hephaest. 6. 8 u. s.). Näheres besonders bei A. Rossbach Specielle Metrik 578ff. Dazu kommen die anapästischen Kurzverse in Processionsliedern, wie in dem Daphnophorikon (frg. 17, vgl. 91); rhythmisch [1570] verwandt ist der Paean frg. 22, der nur einen freien Auftakt hatte (⏕ – ᴗᴗ – ᴗᴗ – –). Hier gaben ältere lakonische Volksweisen, die später unter dem Namen des Tyrtaios cursierten, die Anregung. Auch Kretiker werden mit schöner Wirkung angewandt, bis zur Hexapodie (frg. 38. 19): dass der Kreter Thaletas als Hauptvorgänger des A. gilt, wird nicht ohne Bedeutung sein. Endlich finden wir Ionici, auch anaklastische, und zwar in ernsten Kultliedern (frg. 82f. 85); an den Einfluss jüngerer ionischer Kunst, etwa des Polymnast, zu denken, liegt nahe genug. Auch die Gliederung der Versmassen im grossen zeigt sehr verschiedene Typen. Unverkennbar sind eine Anzahl von συστήματα ἐξ ὁμοίων, z. B. daktylische Tetrapodien und iambische Dimeter und katalektische Trimeter mit Synaphie ohne Hiatus und Syllaba anceps am Schluss: frg. 45 (aus dem Anfang eines Hymnus). 74f. 76 (aus geselligen Liedern). Die meisten umfänglicheren Fragmente müssen aber kunstvoller componierten Strophen angehört haben, die teils daktylotrochaeischen Charakter tragen (so frg. 1. 60, 4, ferner frg. 87), teils in freieren Logaoeden gehalten sind (so frg. 37 und die einzigen bis ins Einzelne zu analysierenden Strophen frg. 23). In frg. 23 sind die Elemente der alkaeischen Strophe in geistreicher Weise zu drei strophenartigen Versgruppen ausgesponnen: das älteste Beispiel einer triadischen Perikope von στροφή, ἀντίστροφος, ἐπῳδός. In all diesen Dingen ist A. (nicht Stesichoros) der erste Gesetzgeber der höheren Lyrik. Näheres bei Crusius Stesichoros und die epodische Composition in der gr. Lyrik, Commentationes Ribbeckianae 3ff. Über die Gliederung der Stoffmassen lässt der Zustand der Fragmente kein Urteil zu. Merkwürdig ist, wie in dem Parthenion auf Töne des ernstesten Pathos das Getändel der Jungfrauen folgt: man wird an den Apollonhymnus erinnert, wo der Mythus von der Apostrophe an die Jungfrauen abgelöst wird. Vgl. die Artikel Terpandros und Nomos. Ein Rätsel ist die Notiz bei Suidas: πρῶτος δὲ εἰσήγαγε μὴ ἑξαμέτροις μελῳδεῖν. Auf Einführung kürzerer Verse (im Gegensatz zu Terpander) bezog sie fein Welcker Kl. Schr. I 172; Flachs Einwand (Gr. Lyrik 312, 3) geht von einer verkehrten Vorstellung von der Kunst des Terpander aus, der nur den Hexameter in verschiedenen rhythmischen Prägungen gebraucht zu haben scheint. Auf recitativischen Vortrag (vgl. die Notiz über die κλεψίαμβοι oben S. 1569, 40ff.) wird man die Worte wegen der Stellung des μή nicht beziehen dürfen. Aristoxenos bei Plutarch. de mus. 17 weiss, dass A. in den Parthenien und sonst die dorische Tonart benutzte. Er muss die μέλη gekannt haben, was seit dem Auffinden der Orestesmusik nicht mehr unwahrscheinlich ist, s. Philol. LII 174ff. Die Sprache spiegelt ähnliche Einflüsse, wie die Rhythmik. Mit dem Aufzug des dorischen Dialekts der Heimat (vgl. die Vita und Paus. III 15, 2) verbindet sich ein bunter Einschlag von ionisch-epischen (Bergk zu frg. 32, s. frg. 26. 30. 40ff. 59. 60, 1. 100) und aeolischen (frg. 16. 21. 38. 35) Elementen. Die Aeolismen hat man zwar für eingeschwärzt erklären wollen (Bernhardy, Führer, Sittl); sie sind aber bei dem unverkennbaren Zusammenhange [1571] zwischen A. und der aeolischen Lyrik durchaus nicht überraschend. In der Hauptsache bleibt bestehen, was Ahrens in seinem bahnbrechenden Vortrage über Dialektmischung gelehrt hat (jetzt Kl. Schr. I 169f.). S. R. Meister D. griech. Dial. I 20f. Über Einzelheiten vgl. H. Spiess de Alcmanis dialecto, Curtius Studien X 329ff. Ingraham de A. dial. Nov. Ebor. 1872. Schubert Miscellen zum Dialekt Alkmans, Wiener Sitzungsber. XCII 1879, 517ff.

Den höchst verschiedenartigen Aufgaben, die er sich stellte, wurde das ungemein elastische und reiche Talent A.s aber auch in höherem Sinne gerecht. Das Scherzo des Humors gelingt ihm ebenso, wie das ernste religiöse Pathos (23, 30ff. 24ff. 30ff.). Er beherrscht den Ton romantisch-zarter Galanterie (23. 26. 37f.) gegen Frauen mit tändelnder Sicherheit. Aber wo die Männer unter sich sind, da findet er andere, derbere Worte, zum Preise eines guten Trunkes und tüchtiger Zukost (vgl. bes. frg. 33f. 74ff., wo das Motiv des Trinkliedes aus dem Vampyr gegeben wird. 117); in solchen Partien waltet ein gesunder, derber Realismus, der an Archilochos und Hipponax erinnert. Das gnomische Element muss, wie bei Pindar, gewisse Hauptpunkte beleuchten. A. greift tief in den Gedankenschatz alter heiliger Weisheit (23, 36. 63. 89), verschmäht aber auch derbe Sprichwörter aus dem Volksmunde (115f. 27) nicht. Ebenso glücklich arbeitet seine jugendfrische, malerisch-sinnliche Phantasie. Vgl. 23, 40. 62. 48 (wo das naive Bild vom Pferde unter dem Weidevieh gerade charakteristisch ist; vgl. Theokr. XVIII 30). Den Stoff bietet ihr vielfach eine feine Naturbeobachtung und ein Naturgefühl, das uns ganz modern anmutet; vgl. frg. 6. 25. 26. 93 und den Goethisch empfundenen Nachtgesang frg. 60. Bei der sorgfältigsten Durchbildung machen solche Stücke doch den Eindruck des Naturwüchsigen, Ungesuchten, wie Lieder der Sappho oder Goethes. A. selbst weiss ja auch, dass er singt, wie der Vogel, der in den Zweigen wohnt (frg. 25. 67). Ein alter Poet charakterisiert den Dichter Anth. Pal. VII 19 als τὸν χαρίεντ’ Ἀλκμᾶνα, und frg. 45 fleht A. die Muse an, seinem Liede ἵμερος und χάρις zu verleihen (vgl. über diese Begriffe Teichmüller Aristot. Studien II 313ff.). In einer ganz eigenartigen Liebenswürdigkeit und heiteren Anmut liegt in der That das Individuelle, was die Lieder A.s von den höher gestimmten Dichtungen des Terpander und Stesichoros unterschieden haben muss. Keine andere Persönlichkeit unter den älteren Lyrikern trägt so ungetrübte, frische und freundliche Züge. Damit waren die Vorzüge, aber auch die Grenzen seiner Kunst gegeben.

A. steht mit Recht im Kanon der Lyriker an erster Stelle (Usener zu Dion. Hal. de imit. p. 130); er ist der früheste litterarisch erkennbare Vertreter eines voll entwickelten melischen Stils (Gramm. Lat. VI p. 608 K.). Die Dichtungen des Stesichoros sind ohne seinen Vorgang nicht denkbar. Trotz der landschaftlichen Färbung seiner Sprache wurde er bis in die Kaiserzeit hinein viel gelesen. Wie weit Spätere unter seinem Einfluss gestanden haben, ist bei dem trümmerhaften Zustande seiner Fragmente nicht [1572] leicht zu sagen. Bei Theokrit scheinen z. B. im ἐπιθαλάμιον Ἑλένης Anklänge vorzuliegen (XVIII 26ff. = Alkm. 23, 43ff.). Horaz war mit dem Dichter wohl nur flüchtig bekannt (Arnold D. griech. Studien des Horaz 97).

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S XI (1968), Sp. [S_XI 19]–[S_XI 29]
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[Der Artikel „Alkman“ aus Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (Band S XI) wird im Jahr 2051 gemeinfrei und kann dann (gemäß den Wikisource-Lizenzbestimmungen) hier im Volltext verfügbar gemacht werden.]
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     S. 1564 zum Art. Alkman (Crusius):

Neufunde. Nichts was sich nach nach Umfang und Erhaltungszustand mit dem im J. 1855 von Mariette gefundenen, im Louvre befindlichen Alkmanpapyrus vergleichen ließe etc. etc.