RE:Löwe

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIII,1 (1926), Sp. 968990
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Löwe.

a) Namen.

λέων Gen. λέοντος, bei Dichtern (auch Homer z. B. Il. XI 546) manchmal einfach θήρ; lat. leo, onis auch für Löwin gebraucht (Stat. silv. II 1, 9. Val. Fl. VI 347); ahd. lewo. Löwin griech. λέαινα (Homer kennt diese Form nicht und gebraucht mehrmals λέων für Löwin, vgl. Eustath. Il. 1098, 48); lat. lea meist nur bei Dichtern (Lucr. Verg. Ovid. Varro) und leaena, das seit der augusteischen Zeit etwa vorherrscht. Die Nebenform λῖς (λίς), Akk. λῖν findet sich von Homer an bei Dichtern (Hesiod. Eurip. Theocr. Kallim.), doch selten. Die Etymologie ist ganz unsicher. Die Ableitung Etym. M. 560, 20 λέων von λάω = θεωρῶ ist unhaltbar, die von Pauli (Die Benennung des L.) vermutete Verwandtschaft mit lat. lividus aufgegeben. Aber auch die Annahme einer Entlehnung aus hebr. lābîʾ, assyr. labbu, ägypt. labu (Vokalisation unsicher!) trifft nicht zu, vgl. Walde Etym. Wörterb.² 422. Prellwitz Etym. Wörterb.² 267. Boisacqu Dict. etym. 575. W. Schulze Qu. ep. 70f. bringt λῖς in Beziehung zur idg. Wurzel *slēi ‚zerreißen‘, ahd. slīzan, schleißen. Die Jungen heißen λεοντιδεῖς Aelian. hist. an. VII 47. Eustath. 1625, 48. Zahlreich sind die von λέων abgeleiteten griech. Eigennamen. Es finden sich Männernamen wie Λεοντοδάμας, Λεόφρων, Λεόντιχος, Frauennamen wie Λέαινα, Λεόντιον, Λεοντάριον, Städtenamen wie Λεοντῖνοι, Λέων, Λεοντόπολις; selbst Schiffe wurden nach dem L. benannt: Λεοντοφόρος, Λεοντίς. Auch in Pflanzennamen tritt das Wort auf: leontopodion Plin. n. h. XXVII 96 = leontopodion XXVI 52. Apul. herb. 7; leontice (λεοντική) Plin. n. h. XXV 135; leontocaron Apul. herb. 57. Name eines Edelsteines ist leontios Plin. n. h. XXXVII 190. Die häufigsten Adjektiva sind λεοντικός und λεόντειος auch als Lehnwörter im Lateinischen; rein lat. nur leoninus. Λεοντίασις ist der Name einer der Elefantiasis ähnlichen Krankheit, Gal. XIV 757 λεοντιᾶν [969] δέ φασι τοὺς ὀχθώδεις ἐπαναστάσεις ἔχοντας ἢ καὶ οἰδηματώδεις καὶ πυρροτέρους ὄντας δίκην λεόντων. Über den als λέων bezeichneten Krebs s. den Art. Krebs nr. 26. Ein Tanz hieß λέων, Athen. XIV 629f.

b) Arten.

Da der L. in Färbung, Stärke und Ausbildung der Mähne stark variiert und sich zahlreiche geographische Rassen und Abarten herausgebildet haben, deren Abgrenzung schwankend ist, lassen sich aus den Angaben aus dem Altertum um so weniger bestimmte Arten erkennen, als die Beschreibungen hiefür nicht eingehend genug sind. Immerhin wurden Unterschiede bemerkt. Nach [Arist.] hist. an. IX 44 p. 629 b 33ff. (vgl. Plin. n. h. VIII 46. Aelian. hist. an. IV 34) gibt es zwei Arten: die eine von gedrungenerem Körperbau (στρογγυλώτερον, compactile et breve Plin.) mit krauserer Mähne, die andere mit länger gestrecktem Körper (μακρότερον, longos Plin.) und glatter Mähne (εὐθύτριχον Arist., εὐθυτενὴς τὴν τρίχα Aelian., simplici villo Plin.). Aubert-Wimmer Tierkunde I 72 schwanken in der Deutung der ersteren Art zwischen dem Berber-L. (Leo barbarus) und dem Perser-L. (Leo persicus), die an sich beide gemeint sein können; als die zweite Art sprechen sie den Gudscherat-L. (Leo googratensis) an. Die von Plin. n. h. VIII 62 erwähnten leones nigri in Syrien sind nur eine dunkelfarbige Spielart mit schwarzer Mähne, wie sie gelegentlich bei allen L.-Rassen vorkommen (vgl. Schillings Mit Blitzlicht und Büchse 272); auch Aelian. hist. an. XVII 26 erwähnt solche L. von besonderer Größe aus Indien. Die arabischen L., von denen Agatharch. mar. rubr. 68 bemerkt, sie seien kahler als die babylonischen, in der Farbe ihnen gleich, doch gehe von ihrem Nacken ein goldiger Schimmer aus (οὕτω δὲ τοῖς τριχώμασι στίλβοντες, ὥστε ἀπὸ τῶν αὐχένων ξανθότητα ἀπολάμπειν χρυσῷ παραπλησίαν), mögen vielleicht als eine dem Senegal- oder Sennar-L. (Leo senegalensis) nahestehende Abart zu deuten sein. Solche schwach bemähnten L. sind nach Dümichen Resultate einer archäol. Exped. I Taf. VIII auf den Jagdszenen dargestellt, die die Wände der Grabkammer Ptah-Hoteps bei Sakkara schmückten. Doch findet sich auf ägyptischen L.-Jagdbildern neben dem afrikanischen auch der asiatische L.

c) Verbreitung.

Als Verbreitungsgebiet des L. kommt für das Altertum außer Afrika und Asien auch Südosteuropa in Frage. Für die Häufigkeit des L. in Afrika, wo er heute aus Ägypten und den meisten Küstengebieten Nordafrikas längst verschwunden ist, liegen zahlreiche Zeugnisse vor. Wie Polyb. XXXIV 16 (vgl. Plin. n. h. VIII 47) aus seinen Feldzugserinnerungen berichtet, konnten sich die Bewohner mancher afrikanischen Städte der L., die bis in die Orte selbst vordrangen, kaum erwehren. Besonders häufig waren die L. in Libyen Polyb. XII 3; nach Aelian. hist. an. XVII 27 soll sogar ein ganzer Volksstamm in Libyen von L. ausgerottet worden sein; vgl. Diod. III 30. Für Marokko bezeugt sie Strab. XVII 827. Aelian. hist. an. III 1. Äthiopien nennt Opp. cyn. IV 147. Afrikanische L. sind auch die gätulischen (Hor. carm. I 23, 10. Plin. n. h. VIII 48), numidischen, punischen, kyrenäischen bei den römischen und griechischen Dichtern. Für das Vorkommen des L. [970] in Kleinasien zeugt Homer, für Palästina und Syrien ist er durch die Bibel festgestellt, sowie durch Knochen, die man im Jordan fand, und durch viele griechische und chetistische Kunstdenkmäler in Nordsyrien (Keller Antik. Tierw. I 38). Über Darstellung des L. in der chetitischen Kunst vgl. Garstang The Land of the Hittites 380); Syrien nennt ferner Arist. hist. an. VI 31 p. 579 b 9. Plin. n. h. VIII 62 und Curt. VIII 1, 15; Indien Kleitarch bei Strab. XV 718. Aelian. hist. an. XVII 26, die indischen Dschungeln [Callisth.] III 17; Baktrien Curt. VIII 1, 14; Arabien Diod. III 43; Mesopotamien Strab. XVI 747 (λεοντοβότος ἐστί), Amm. Marc. XVIII 7, 5, die Gegend am Euphrat Opp. cyn. IV 112; vgl. Stat. Theb. VIII 572 sic Hyrcana leo Caspius umbra usw.

Für Assyrien, Babylonien, Persien sind die prächtigen L.-Bilder der beste Beweis. – Das meiste Interesse beansprucht die Notiz bei Herod. VII 125, daß beim Durchzuge des Xerxes durch Makedonien in der Landschaft Mygdonia L. die Lastkamele des Trosses anfielen. Für Herodot hatte das Vorkommen der L. in Makedonien nichts Auffälliges, er wundert sich nur darüber, daß die L. gerade die Kamele anfielen, nicht auch andere Troßtiere oder Menschen. Denn er bemerkt, daß es in dieser Gegend viele L. gebe, jedoch sei ihre Verbreitung in Europa auf das Gebiet zwischen den Flüssen Nestos, der das Gebiet von Abdera durchfließt, und Acheloos in Akarnanien beschränkt. Die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht ist mehrfach bezweifelt worden (Carus Gesch. d. Zoologie 41. Sundevall Tierarten des Aristoteles 47), obwohl auch Arist. hist. an. VI 31 p. 579 b 7. VIII 28 p. 606 b 15 die gleiche Angabe hat; nur bezeichnet dieser die L. als selten. Entscheidend wäre die Feststellung, ob die Notiz des Aristoteles wirklich aus Herodot übernommen ist, wie Sundevall a. a. O. ohne weiteres annimmt, oder ob eine eigene Beobachtung des Aristoteles vorliegt, was nicht unmöglich wäre, da es sich um sein engeres Heimatland handelt. Die Notiz bei Xen. cyn. 11, daß man im Gebirge Pangaios und am Kittos (ὑπὲρ τῆς Μακεδονίας), sowie am Pindus L., Panther (genannt sind παρδάλεις und πάνθηρες), Luchse, Bären und andere solche Raubtiere jagen könne, kann kaum eine Stütze für die Glaubwürdigkeit der Nachricht Herodots bilden und zwar wegen der Aufzählung des Panthers, der nie in Europa vorkam. Daß Plin. n. h. VIII 45. Aelian. hist. an. XVIII 36. Paus. VI 5, 3 die Notiz des Herodot bringen, ist ohne Belang. Mit Recht hat Keller Antik. Tierw. I 36 auch darauf hingewiesen, daß die Sagen vom nemeischen, kithäronischen und helikonischen L. für die Frage der Verbreitung des L. in Griechenland nicht verwertet werden können, weil sie symbolischen Ursprungs sind. Auch die L.-Motive auf Kunstwerken der sog. mykenischen Zeit haben keine Beweiskraft, da sie der orientalischen Kunst entlehnt sind. Daß der L. in der mykenischen Periode in Griechenland nicht gelebt hat, schließt Keller auch daraus, daß er sonst dem obersten Gotte als Attribut gegeben worden wäre ‚wie in Kleinasien der großen Göttermutter, in Syrien dem Iuppiter Dolichenus, in Persien dem Mithra, in Libyen dem Zeus Ammon‘. Somit [971] bleibt nur die Möglichkeit, da der eiszeitliche Höhlen-L. (Leo spelaeus), der wohl in Europa verbreitet war, für das 5. Jhdt. v. Chr. nicht mehr in Frage kommen kann, anzunehmen, daß es sich bei den L. Herodots um asiatische L. handelt, die bei einem früheren Kriegszuge von den Persern herübergebracht wurden, irgendwie ihre Freiheit erlangten und verwilderten. Diese Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn wir hören, daß von ägyptischen Königen wie Ramses II. und Sesostris L. als Begleiter auf Kriegszügen mitgenommen wurden, vgl. Diod. I 48. Daß im Peloponnes keine L. vorkommen, glaubt Aelian. hist. an. III 27 eigens feststellen zu müssen und bezieht sich dabei auf Hom. Od. VI 104. Lediglich als Scherzwort ist die Stelle aus dem Komiker Nausikrates bei Athen. IX 399f aufzufassen: Ἐν τῇ γὰρ Ἀττικῇ τίς εἶδε πώποτε λέοντας ἢ τοιοῦτον ἕτερον θηρίον.

d) Körperbau.

Die weitaus meisten und besten zoologischen Angaben über den L. finden sich bei Aristoteles. Was spätere Autoren bringen, sind fast nur unwesentliche Ergänzungen. Die gute Kenntnis des Aristoteles vom Körperbau des L. und seinen Lebensgewohnheiten läßt keinen Zweifel, daß er L. in Gefangenschaft beobachtet hat; auch hat er, wie aus hist. an. VIII 5 p. 594 b 27 (καὶ γὰρ ἀνοιχθέντος αὐτοῦ κτλ.) hervorgeht, L. seziert. Der L. gehört nach Aristoteles zu den vielzehigen Vierfüßern gen. an. II 6 p. 742 a 9 πολυσχιδῆ τῶν τετραπόδων; hist. an. II 1 p. 499 b 8 πολυδάκτυλα und hat an den Vorderfüßen fünf, an den Hinterfüßen vier Zehen part. an. IV 10 p. 688 a 6 [mißverstanden von Plin. n. h. XI 245 leones … in posterioribus quoque quinos ungues habent, da Plinius die Bemerkung des Aristoteles, die fünfte Zehe entspreche dem Daumen, irrtümlich auf den Hinterfuß bezieht]. Als Raubtier ist der L. charakterisiert durch die Reißzähne Arist. hist. an. II 1 p. 501 a 16 καρχαρόδοντα, den großen Rachen II 7 p. 502 a 6 στόματα ἀνερρωγότα, die Klauen III 9 p. 517 b 1 γαμψώνυχα, deren Retraktionsfähigkeit gut beschrieben ist bei Plin. n. h. VIII 41. Er ist ein Fleischfresser, Arist. hist. an. VIII 5 p. 594 b σαρκοφαγόν. Nur der L. hat eine Mähne, die Löwin nicht, hist. an. VI 31 p. 579 b 12. II 1 p. 498 b 28; part. an. II 14 p. 658 a 31. Aelian. hist. an. XI 26. Plin. n. h. VIII 42. Über die Härte der Knochen des L. macht Arist. hist. an. III 7 p. 516 b 10ff.; part. an. II 9 p. 655 a 15ff. übertriebene Angaben; sie seien so hart, daß, wenn man sie aneinanderschlägt, Feuer von ihnen sprüht wie von Steinen (Plin. n. h. XI 214 wiederholt diese Notiz und fügt VIII 130 aus [Arist.] hist. an. IX 44 p. 630 a 5 noch bei, daß der Schädel des L. besonders hart sei); part. an. II 9 p. 655 a 14ff. erklärt Aristoteles die Härte der Knochen teleologisch daraus, daß die L. als Raubtiere sich ihre Beute durch Kampf mit anderen Tieren verschaffen müßten. Die Meinung, daß die L. überhaupt kein Mark in den Knochen haben sollen, stellt Arist. hist. an. III 7 p. 516 b 7ff. dahin richtig, daß die Knochen nur wenig Mark enthalten; es sei in den Oberschenkel- und Armknochen vorhanden (vgl. Plin. n. h. XI 214). Unbestimmter drückt sich Arist. part. an. II 6 p. 652 a 1 aus, doch sagt er auch hier nicht, wie Frantzius in der Anmerkung zu der Stelle 274 meint (vgl. Konrad v. Megenberg 22, 34 Pfeiffer: [972] dar umb hât der leb niht marks), daß sie kein Mark enthielten (διὰ τὸ πάμπαν ἄσημον ἔχειν, δοκεῖ οὐκ ἔχειν ὅλως μυελόν). Als besonders hart bezeichnet auch Galen. III 925 die Knochen des L. und behauptet, sie seien völlig ohne Mark τό γε πάντων σφοδρότατόν τε καὶ συντονώτατον ζῶον, ὁ λέων, ἀμύελα πάντ’ ἔχειν πεπίστευται. Tatsächlich unterscheidet sich der L. weder hinsichtlich der Härte der Knochen noch des Markes von den übrigen Katzen, so daß es unerfindlich bleibt, wie Aristoteles zu diesen Behauptungen kam. Nach Arist. hist. an. II 1 p. 499 b 25 ὁ δὲ λέων, οἷόν περ πλάττουσι, λαβυρινθώδη hat der L. einen labyrinthisch gewundenen ἀστράγαλος. Ob mit diesem ‚Würfelbein‘ das Sprungbein oder wohl wahrscheinlicher ein Fußwurzelknochen gemeint ist, kann mit Sicherheit nicht festgestellt werden, obwohl Aristoteles den ἀστράγαλος ziemlich genau beschreibt; auch Plin. n. h. XI 255 leo etiamnum tortuosius macht die Sache nicht klarer. Daß Aristoteles zweimal (hist. an. II 1 p. 497 b 16; part. an. IV 10 p. 686 a 22) behauptet, der L. habe keine Halswirbelknochen, sondern an deren Stelle nur einen einzigen Knochen (vgl. Plin. n. h. VIII 177. Aelian. hist. an. IV 34), ist um so auffallender, als er gerade an ersterer Stelle bemerkt, daß er L. seziert hat. Richtig beobachtet ist, daß der L. nach hinten harnt, ὀπισθουρητικόν Arist. hist. an. II 1 p. 500 b 15 und öfter; part. an. IV 10 p. 689 a 34; er soll dabei das Bein heben wie der Hund, hist. an. VIII 5 p. 594 b 25. Plin. n. h. VIII 46. Wenn Plin. n. h. XI 265 leoni in prima parte (cauda) ut bubus et sorici, pantheris non item den Schwanz des L. mit dem des Rindes und der Spitzmaus vergleicht, so will er damit sagen, daß der Schwanz des L. an der Spitze nicht geringelt ist, was der Wirklichkeit entspricht. Auch der hornige Nagel, der in der Schwanzquaste verborgen steckt, ist der Beobachtung nicht entgangen; besonders deutlich ist dieser ‚Schwanzstachel‘ auf dem auch von Keller Ant. Tierw. I Fig. 12 a abgebildeten assyrischen Relief von Nimrud (Assurnasirpal auf der Löwenjagd) zu sehen, aber auch auf griechischen Vasenbildern; vgl. Eustath. 1201, 61ff. Die Farbe der Haare wurde mit fulvus (ξανθός) bezeichnet; vgl. Opp. cyn. II 165 ξανθόκομοι, doch III 43 μελανόχροος. Die rauhe, feilenartige Zunge des L. ist gut beschrieben von Plin. n. h. XI 172 leonibus (est lingua) imbricatae asperitatis ac limae similis. Über den Zahnwechsel bemerkt Arist. hist. an. VI 31 p. 579 b 13; gen. an. V 8 p. 788 b 16 freilich nicht ganz richtig, daß der L. nur die vier sog. Hundszähne, gemeint sind die Eckzähne, im Alter von sechs Monaten wechsle (vgl. Plin. n. h. XI 166); tatsächlich erstreckt sich der Zahnwechsel auf einen größeren Teil des Milchgebisses, nicht bloß auf die Eckzähne.

Von den inneren Teilen sagt Arist. hist. an. II 1 p. 497 b 17, sie seien so wie die des Hundes. Richtig beschrieben ist der Magen als Sackmagen (part. an. III 14 p. 674 a 25 und hist. an. II 17 p. 507 b 17), der verhältnismäßig klein sei und an Weite den Darm nicht viel übertreffe (22). Die Zahl der Bauchzitzen der Löwin gibt Arist. hist. an. II 1 p. 500 a 29 (ebenso Plin. n. h. XI 233. Nustath. 581, 40ff.) mit zwei an [in Wirklichkeit sind es vier]; part. an. IV 10 p. 688 b 1 wiederholt er diese Angabe und fügt bei, der Grund sei [973] nicht der, daß sie nur wenige Junge habe, sondern weil sie arm sei an Milch (οὐ πολυγάλακτον). Über die Milz bemerkt Galen. II 573 μέλας μὲν γὰρ ἱκανῶς ἐστι λέοντί τε καὶ κυνί.

Ergänzt werden diese Angaben durch die treffliche Schilderung [Arist.] physiogn. 5 p. 809 b 14–36: ‚Von allen Tieren verkörpert der L. das männliche Wesen am ausgesprochensten. Er hat einen gewaltigen Rachen, sein Gesicht ist fast viereckig, nicht besonders knochig; der obere Teil der Wangen steht nicht hervor, sondern ist mit dem unteren gleich. Die Nase ist eher dick als schmal zu nennen (vgl. 6 p. 811 a 32 ἀμβλεῖαν, stumpf). Er hat funkelnde, tiefliegende Augen, die nicht ganz kreisrund, aber auch nicht länglich sind [tatsächlich ist nur die Pupille rund], von mittlerer Größe (vgl. 6 p. 812 b 5 μὴ γλαυκοὶ ἀλλὰ χαροποί), sehr große Augenbrauen und eine viereckige Stirn, die in der Mitte etwas zurückweicht. Gegen die Brauen und die Nase zu erhebt sich eine Stirnwolke [gemeint sind wohl die vertikalen Stirnfalten, die auch dunkler gefärbt sind]. Über der Stirn in der Richtung der Nase stehen die Haare aufwärts wie aus der Stirn gekämmt (vgl. 6 p. 812 b 35 τὸ πρὸς τῇ κεφαλῇ ἀναστεῖλον). Der Kopf ist mittelgroß, der Hals lang, gleichmäßig dick, die Haare gelb, weder starr noch stark abstehend (vgl. 6 p. 812 b 33 ἄκρουλοι). Die Behaarung ist am Schultergürtel eher locker als dicht; die Schultern sind kräftig, die Brust stark, der Hinterleib breit, Flanken und Rücken wohlgebildet. An den Weichen und Schenkeln ist das Tier nicht sehr fleischig (Gal. XI 514 ἀπίμελα καθάπερ λέοντες, vgl. III 925); die Schenkel sind kräftig und sehnig, der Tritt stark, der ganze Körper geschmeidig und muskulös, weder zu steif noch zu biegsam. Der L. schreitet langsam mit großen Schritten und wiegt sich beim Gehen in den Schultern (vgl. 6 p. 813 a 13 τοῖς ὤμοις ἐπενσαλεύοντες).‘ Das Leuchten der Augen bei Nacht bespricht Gal. de plac. Hipp. et Plat. p. 613 λέουσι δὲ καὶ παρδάλεσι καὶ τῶν ἄλλων ζώων, οἷς αὐγοειδής ἐστιν ἱκανῶς ὁ ὀφθαλμός, ἔνεστί σοι θεάσασθαι νύκτωρ, ὅταν ἐπιστρέψωσι τὴν κόρην ἐπὶ τὴν ῥῖνα, κύκλον αὐγῆς ἐπὶ αὐτῆς φαινόμενον κτλ.

e) Biologisches.

Eine zusammenhängende Schilderung gibt Arist. hist. an. VIII 5 p. 594 b 17ff.: ‚Der L. ist gierig im Fressen und verschlingt vieles ganz ohne es zu zerkleinern. Dann fastet er oft zwei bis drei Tage, was er wohl tun kann, da er sich vollgefressen hat. Er trinkt wenig. Seinen Kot entleert er nicht oft; dieser geht nur etwa alle drei Tage ab und ist hart und trocken wie beim Hunde. Er läßt auch Blähungen von sehr scharfem Geruch und hat einen starkriechenden Harn … Der durchdringende Geruch seines Atems teilt sich auch seinem Fraß mit. Wenn man ihn seziert, entströmt dem Innern ein scharfer Geruch.‘ Ähnlich Plin. n. h. VIII 46 gravem odorem nec minus halitum und mit Erweiterung des vorletzten Satzes aus dem Aristoteleszitat XI 277 animae leonis virus grave … contacta halitu eius nulla fera attingit, ociusque putrescunt adflata. [Übertreibungen. Tatsächlich unterscheidet sich der Atemgeruch des L. in nichts von dem anderer Fleischfresser.] Bei der Begattung ‚übertritt‘ der L. die Löwin, was Arist. hist. an. V 2 p. 539 b 22 mit πλησιάζουσι πυγηδόν und VI 31 p. 579 a 33 mit ὀχεύει ὄπισθεν [974] und Plin. n. h. X 173 mit coitus aversis ausdrückt. Die magna libido der Löwin merkt Plin. n. h. VIII 42 an. Unrichtig ist die zweimalige Angabe Arist. gen. an. 6 p. 742 a 9. IV 6 p. 774 b 16 (wiederholt von Aelian. hist. an. IV 34), daß die L. bei der Geburt blind seien, während schon Demokrit frg. A 156 Diels (Aelian. hist. an. V 39) richtig bemerkt hatte, daß die L. mit offenen Augen zur Welt kommen. Die zuerst bei Herodot. III 108 sich findende Fabelei, daß die Löwin bei der Geburt die Gebärmutter ausstoße (vgl. Eustath. 581, 40ff.), weist Arist. hist. an. VI 31 p. 579 b 2 als ‚ληρώδης‘ zurück und bemerkt, daß diese Fabel entstanden sei, weil man durch sie die Seltenheit des L. zu erklären suchte. Als allgemeinen Volksglauben bezeichnet diese Ansicht Plin. n. h. VIII 43 und lehnt sie im Anschluß an Aristoteles ebenso ab wie Aelian. hist. an. IV 34, vgl. Gell. XIII 7. Im Gegensatz zu Herodot und der durch Aesop. 240 u. 240 b (Babr. 189 u. 189 a) bekannten Fabel, daß die Löwin während ihres ganzen Lebens nur ein einziges Junges werfe, gibt Arist. a. a. O. die Höchstzahl richtig mit sechs, die Durchschnittszahl mit zwei an und bemerkt, daß manchmal auch nur ein Junges zur Welt komme. Als Heckzeit nennt er das Frühjahr. Die Jungen sind anfangs sehr klein (nach gen. an. IV 6 p. 774 b 14 noch sehr unentwickelt ἀδιάρθρωτα σχεδόν, vgl. Plin. n. h. VIII 45 informes minimasque carnes magnitudine mustellarum esse initio. X 176 inchoatos) und können nach zwei Monaten noch kaum laufen (Plin. n. h. VIII 45 semenstres vix ingredi posse nec nisi bimenstres moveri), was mit neueren Beobachtungen durchaus übereinstimmt. In seltsamem Gegensätze zu diesen Bemerkungen steht die von Arist. hist. an. VI 31 p. 579 b 10 vom syrischen L. und gen. an. III 1 p. 750 a 33ff. 10 p. 760 b 23 allgemein ausgesprochene Behauptung, die auf bloßer Spekulation zu beruhen scheint, daß die Löwin nur einmal 5–6 Junge werfe und die Stärke des Wurfes im folgenden Jahre auf 4, dann auf 3 usw. sinke, bis die L. schließlich unfruchtbar werde (ebenso Plin. n. h. VIII 45. Aelian. hist. an. IV 34. Konrad v. Megenberg 143, 4). Daß mit zunehmendem Alter des Muttertieres bei allen Tieren die Stärke des Wurfes zurückgeht, ist bekannt; aber eine solch regelmäßige Abnahme trifft nicht zu.

Das charakteristische Verhalten des L., der von vielen Verfolgern bedrängt wird, hat schon Homer sehr gut beobachtet, da er Il. XI 546 sagt: Aias wich zurück wie ein L., sich immer wieder umwendend Schritt um Schritt. Genau so berichtet [Arist.] hist. an. IX p. 629 b 12ff. (womit man die in vielen Zügen übereinstimmende Schilderung des L.-Jägers Schillings Mit Blitzlicht u. Büchse 273ff. vergleiche): ‚Wenn der L. auf der Jagd den Jägern zu Gesicht kommt, läuft er nicht davon noch duckt er sich nieder, sondern erst wenn er durch die Menge der Jäger gezwungen ist zu weichen, geht er Schritt für Schritt zurück (βάδην καὶ κατὰ σκέλος), wobei er sich in kurzen Zwischenräumen immer wieder umwendet. Erst wenn er ein Dickicht erreicht hat, läuft er rasch davon, bis er wieder in offenes Gelände kommt, wo er sich wieder schrittweise zurückzieht. Wenn er in einer baumlosen Gegend gezwungen ist vor vielen Verfolgern auf freiem Felde zu fliehen, rennt er in Karriere, aber nicht im Galopp. Er rennt dann [975] ununterbrochen mit gestrecktem Leibe wie ein Hund.‘ Fast ebenso Plin. n. h. VIII 50, doch anthropomorphisch ausgedeutet, und ähnlich Aelian. hist. an. IV 34: φύγοι δὲ οὐκ ἄν ποτε τὰ νῶτα τρέψας λέων, ἡσυχῆ δὲ ἐπὶ πόδα ἀναχωρεῖ βλέπων ἀντίος. Die von Aelian. h. a. IX 30 mitgeteilte Beobachtung, daß der L. seine Verfolger oft irreführe, bestätigt Schillings Mit Blitzlicht und Büchse 281 ‚Bemerkenswerterweise führte uns der L. in einem verhältnismäßig kleinen Revier zwei Stunden lang fast immer im Kreise herum‘. Eine besondere Gangart des L. will anscheinend Arist. hist. an. II 1 p. 498 b 7ff. mit ‚κατὰ σκέλος‘ bezeichnen. Da er kurz vorher vom sog. Kreuzgang der vierfüßigen Tiere spricht und dann sagt, daß der L. und das Kamel ‚κατὰ σκέλος‘ schreiten, könnte man an den sog. Paßgang denken, den jedoch nur das Kamel hat. Allein dagegen spricht die eigene Erklärung des Arist. a. a. O. τὸ δὲ κατὰ σκέλος ἐστὶν ὅτε οὐ προβαίνει τῷ ἀριστερῷ τὸ δεξιόν, ἀλλ’ ἐπακολουθεῖ, die freilich keine Klarheit darüber bringt, was für eine Gangart gemeint ist. Plin n. h. XI 253 pedatim, hoc est, ut sinister pes non transeat dextrum, sed subsequatur bietet nur eine Wortübersetzung; vgl. Arist. inc. an. 4 p. 705 b 18ff. Möglicherweise soll eine Art Linksgalopp bezeichnet sein. – Seine Beute erfaßt der L. im Sprung [Arist.] hist. an. IX 44 p. 629 b 20; ebenso Plin. n. h. VIII 50 dum sequitur, insilit saltu. Vor allem ist es die Rinderherde, die ihn anlockt und aus der er sich ein Stück holt, sei es aus der umzäunten Hürde oder draußen auf freier Weide. Der Überfall des L. auf eine Rinderherde ist nirgends naturwahrer geschildert als von Hom. Il. XVII 61–65. Hier wie Il. V 161 (vgl. XI 175) ist gut beobachtet, wie der L. zuerst mit gewaltigem Tatzenschlage dem Rinde den Nacken bricht. Rinder als Beute des L. nennt Homer weiterhin Il. XI 172. XV 630 (auf der Weide). XI 548. XII 293. XVI 487. XVII 542. 659. XVIII 579 (in der Hürde); vgl. Aelian. hist. an. V 39. Aber auch die Kleinviehherden reizen den hungrigen Räuber und er holt sich Schafe (Hom. Il. V 136. 556. X 485. XII 299. XXIV 41) und Ziegen (XI 383. XIII 198). Der Hirsch und seine Jungen sind Beutetiere des L. Il. III 24. XI 113. 474. XVI 757, und XVI 823 fällt das Wildschwein dem L. zum Opfer. Von Angriffen des L. auf junge Elefanten berichtet Strab. XVII 827. Daß der L. sogar menschliche Siedelungen heimsucht und zum ‚Mannesser‘ wird, weiß schon [Arist.] hist. an. IX 44 p. 629 b 27ff. und bemerkt richtig, daß es besonders die alten L. sind, die den Menschen anfallen, da sie nicht mehr fähig seien, andere Beute zu schlagen, weil ihre Zähne nichts mehr taugen; vgl. Polyb. XXXIV 16 (s. Abschn. c). Als Mittel, den L. abzuschrecken, nennt schon Hom. Il. XVII 663 (XI 554) das Feuer, ebenso [Arist.] hist. an. IX 44 p. 629 b 23 mit Beziehung auf Homer; ferner Plin. n. h. VIII 52. Aelian. h. an. VI 22 u. a. Nach Brehm gilt in Nordostafrika ein Lager, in dem ein Wachtfeuer brennt, als geschützt gegen Überfälle durch den L. Allerdings melden manche Afrikareisende, daß das Feuer kein unbedingtes Abschreckungsmittel sei. Weit verbreitet war der Aberglaube, daß der L. Angst habe vor dem Krähen des Hahnes (Aesop. 261. 323. 323 b. Aelian. h. an. V 50. VI 22. [976] Sext. Emp. Pyrrh. I 58), der nach Keller Ant. Tierw. I 26 vielleicht aus der Dämonologie hervorgegangen ist, ‚denn daß die bösen Geister, das Albdrücken u. dgl. verschwinden, wenn der Hahn kräht, d. h. beim Anbruch des Morgens, des Lichtes, ist doch ein sehr natürlicher Gedanke‘; vgl. Plin. n. h. X 47, der VIII 52 hinzufügt, der L. fürchte sich auch vor dem Knarren sich drehender Wagenräder, vor leeren Wagen und dem Kamme des Hahnes, vgl. Sen. de ira II 11, 5. Lucret. IV 708. Plut. soll. an. 32. Wahrscheinlich entstand der Glaube, daß der L. sich vor dem feuerroten Hahnenkamm fürchte, erst sekundär aus dem Glauben, daß er das Feuer fürchtet, vgl. Stemplinger Sympathieglaube u. Sympathiekuren in Altertum u. Neuzeit 13. Gegen Angriffe des L. hilft ius gallinaceum nach Plin. n. n. XXIX 78. Die Behauptung bei Aelian. hist. an. IV 3, daß L. und Löwin nicht mitsammen jagen und auch nicht mitsammen zur Tränke gehen (auch Luc. ep. sat. 34 ist der L. als Einzelgänger bezeichnet), ist nicht wörtlich zu nehmen. Wohl lebt der L. im allgemeinen einzeln, doch haben Afrikareisende oft auch ganze Trupps von männlichen und weiblichen L. beobachtet, die zusammen jagten; Schillings Mit Blitzlicht u. Büchse erwähnt das rudelweise Vorkommen öfters und spricht 287 von einem Rudel von 14 Stück, das er antraf. Als Einzeljäger sind die L. bezeichnet. Auch die Meinung des Plin. n. h. VII 5 leonum feritas inter se non dimicat (vgl. Hor. epod. VII 11. Iuv. XV 160) beruht nur auf Spekulation. Schillings 272 berichtet von einem erlegten L., dessen ‚narbenvolle Haut auf manchen ausgefochtenen Kampf mit seinesgleichen schließen ließ‘. Nach [Arist.] hist. an. IX 1 p. 610 a 13. 44p. 630 a 12 lebt der L. in Feindschaft mit dem Schakal (θώς), da sich beide von den gleichen Beutetieren nähren (vgl. Hom. Il. XI 480. Quint. Smyrn. VI 131); tatsächlich folgt der Schakal, wie neuere Afrikareisende mitteilen, oft dem L., um von den Resten seiner Beute zu schmarotzen, und treibt diesem dabei auch manches Beutestück zu, so daß man in gewissem Sinne mit Keller Ant. Tierw. I 28 und Tiere des klass. Altertums 192 von einer amicitia leonina sprechen kann, auf die wohl Timotheus 13 anspielt, wenn er den Schakal den Diener des L. nennt. Daß der Schlaf des L. nicht tief sei, sagt Opp. cyn. III 48ff. Nach Schol. Hom. Il. 554 soll er gar mit offenen Augen schlafen und nach Aelian. hist. an. V 39 selbst im Schlafe den Schweif bewegen, was übrigens als Reflexbewegung im Traume nicht unmöglich ist. – Daß L. Affen fressen, kommt vor, aber nach Plin. n. h. VIII 52 und Aelian. hist. an. V 39 frißt der L. Affenfleisch, um sich zu erleichtern, wenn er sich überfressen hat oder (var. hist. I 9; hist. an. XV 17) sonst krank ist; vgl. Horap. II 76. Georg. Pisid. hexaem. 942 Hercher. Das Kraut Pardalianches soll giftig auf den L. wirken, [Arist.] hist. an. IX 6 p. 612 a 9; ebenso tödlich sei das Zauberkraut adamantis, Plin. n. h. XXIV 162. Als besonders gefährlich aber galt für den L. der sagenhafte λεοντοφόνος, dessen Genuß wie auch schon sein Urin für den L. unfehlbar tödlich sei, weshalb die Jäger das Tier pulverisierten und am Wechsel des L. auf Fleischstücke streuten. Diese sehr an Jägerlatein erinnernde Fabelei steht zuerst mir. ausc. 146 p. 845 a [977] 28–34, dann Plin. n. h. VIII 136. Aelian. hist. an. IV 18. Solin. 27, 21. Hesych. s. λεοντοφόνος. Wahrscheinlich geht die Fabel auf die Beobachtung zurück, daß die L. öfters von Stechmücken oder Fliegen gepeinigt werden, deren sie sich schwer erwehren können, besonders wenn sich ihnen die Fliegen in die Augen setzen; vgl. Aesop. 234. Ammian. Marc. XVIII 7, 5 bringt eine recht lebendige Schilderung, wie furchtbar die L. in Mesopotamien von solchen ‚culices‘ geplagt werden, die es gerade auf die Augen abgesehen haben. Da sich die L. nicht anders helfen können, schlagen sie mit den Tatzen nach den Augen, wobei sie sich oft verletzen, erblinden und so zugrunde gehen. Der Schriftsteller schließt mit der Bemerkung: ‚Wenn das nicht der Fall wäre, wäre der ganze Orient voll von solchen Bestien‘. – Daß der L. ein sehr hohes Alter erreichen kann (es sind Fälle bekannt, daß L. in Gefangenschaft 70 Jahre gelebt haben), ist auch den Alten bekannt gewesen; man schloß auf hohes Alter aus den schadhaften Zähnen gefangener Exemplare [Arist.] hist. an. IX 44 p. 629 b 30. Plin. n. h. VIII 47. – Die Angabe über L.-Bastarde darf man nicht ohne weiteres als Fabelei bezeichnen. Wenn freilich Arist. gen. an. II 8 p. 747 b 33ff. von einer Kreuzung L. × Hund bzw. Hund × Löwin spricht, so läßt der Wortlaut klar genug erkennen, daß es sich hier für Aristoteles nur um einen theoretischen Fall handelt, an dem er zeigen will, daß, wenn eine solche Kreuzung möglich wäre (ob sie möglich ist, davon spricht Aristoteles nicht), jedenfalls ein von beiden Stammarten verschiedenes Tier entstehen müßte. Dagegen spricht Plin. n. h. VIII 42 von einem Bastard leo × pardus (Löwin × Leopard) und bemerkt, daß die L., welche von einer solchen Kreuzung stammen, keine Mähne haben. Diese Notiz kann sehr wohl auf einer wirklichen Beobachtung beruhen, da Kreuzungen gerade bei katzenartigen Raubtieren nicht selten sind und z. B. zwischen L. und Tiger in neuerer Zeit auch in Tiergärten mit Erfolg vollzogen wurden. Die Abbildung und Beschreibung eines solchen L.-Tigerbastards aus dem Hagenbeckschen Tierpark in Stellingen bei Flöricke Säugetiere fremder Länder 22 bestätigt die Angabe des Plinius; denn dieser Bastard hat keine Mähne mehr, sie ist auf eine backenbartartige Krause und einen Nackenbusch reduziert. Weitere Nachrichten aus dem Altertum über Bastardierung bringt Steier Zool. Annal. V 287ff. Unkontrollierbar ist die Nachricht bei Plin. n. h. VIII 107 über das Tier corocotta, das ein Bastard von Hyäne × afrikanischer Löwin sein soll; vgl. Keller Ant. Tierw. I 152.

Bei kaum einem anderen Tiere zeigt sich die Neigung der Alten, die Lebensäußerungen der Tiere unbedenklich anthropomorphisch auszudeuten, mehr als beim L., dem sie eine Menge von geistigen Eigenschaften beilegten, unter denen Edelmut und Milde die am öftesten genannten sind, so bei [Arist.] physiogn. 5 p. 809 b 34ff. τὰ δὲ περὶ τὴν ψυχὴν δοτικὸν καὶ ἐλεύθερον, μεγαλόψυχον καὶ φιλόνικον, καὶ πραῢ καὶ δίκαιον καὶ φιλόστοργον πρὸς ἃ ἂν ὁμιλήσῃ. Nach hist. an. I 1 p. 488 b 17 ist er ‚offen, mutig und edel‘ und [IX] 44 p. 629 b 10ff. heißt es: ‚Er ist von Charakter durchaus nicht argwöhnisch und mißtrauisch [978] und gegen Tiere, mit denen er aufgezogen und zusammengewöhnt ist, zärtlich und zum Spielen mit ihnen geneigt.‘ Eine große Rolle spielt der L. bei den Scriptores physiognomonici, wie ein Blick in den Index der Ausgabe von Förster s. λέων und leo lehrt. Als Sinnbild wilden Mutes gilt er Galen. de plac. Hipp. et Plat. p. 501 εἰκάζει … τὸ θυμοειδὲς λέοντι; vgl. p. 275 ὥστε καὶ τῶν ἀνθρώπων, ὅστις ἂν ᾖ θυμοειδέστατος, εἰκάζουσι λέοντι καὶ χωρὶς δὲ τῶν ποιητῶν ἅπαντες ἄνθρωποι τοὺς θυμικωτάτους λέοντας ὀνομάζουσιν; vgl. Galen. VIII 669. 924. Einen größeren Abschnitt widmet den Eigenschaften Plin. n. h. VIII 48ff., aus dem das Wichtigste mitgeteilt sei: ‚Der L. ist das einzige Raubtier, das Milde gegen Bittende zeigt. Wer sich niederwirft, den verschont er, und wenn er wütend ist, fällt er eher Männer an als Frauen, Kinder nur beim ärgsten Hunger. Iuba glaubt, daß der L. Bitten verstehe [folgt die Erzählung einer Frau, die nach ihrem eigenen Bericht in den Wäldern Gätuliens ein L. verschont habe, weil sie ihm vorstellte, daß sie, die schwache Frau, für den ‚großmütigen Beherrscher aller Tiere‘ doch keine würdige Beute sei]. Die Stimmung des L. erkennt man an seinem Schwänze wie beim Pferde an den Ohren. Bewegt der L. den Schwanz nicht, so ist er sanftmütig, wedelt er, so will er schmeicheln, was jedoch selten der Fall ist; denn häufiger ist er zornig. Dann schlägt er anfangs mit dem Schwanze die Erde, wird er noch grimmiger, so peitscht er sich, als wolle er sich selbst anreizen, den Rücken [vgl. Hom. Il. XX 170: οὐρῇ δὲ πλευράς τε καὶ ἰσχία ἀμφοτέρωθεν μαστίεται, ἑὲ δ’ αὐτὸν ἐποτρύνει μαχέσασθαι]. Gesättigt tut er niemand etwas zuleide. Seine generositas zeigt sich besonders, wenn er in Gefahr ist; denn er achtet der Geschosse nicht, verteidigt sich lange nur durch den Schrecken, den er verbreitet, und will durch sein Verhalten gleichsam kundgeben, daß er sich nur gezwungen wehrt. Schließlich greift er an, nicht weil die Gefahr ihn nötigt, sondern weil er ergrimmt ist über die Tollkühnheit seiner Verfolger. Kämpft eine Löwin für ihre Jungen, so soll sie, wie man sagt, ‚den Blick zur Erde richten, um sich vor den Geschossen nicht zu fürchten‘, vgl. Hom. Il. XVII 133ff. Von der Dankbarkeit des L. erzählt Plin. n. h. VIII 56f. zwei Beispiele, das bekannteste aber ist die Geschichte des Apion von Androklos und dem L. bei Gell. V 14 (vgl. Aelian. hist. an. VII 48), übersetzt von Keller Ant. Tierw. I 30f., wo auch das Urteil neuerer Löwenforscher wie Scheitlin, Lenz und Brehm beigefügt ist, daß die Erzählung garnichts Unwahrscheinliches an sich habe. Von einer ähnlichen, selbst erlebten Erkennungsszene, die sich im Zirkus abgespielt hat, berichtet Sen. de benef. II 19, 1. Die Lucian Pseudom. 48 erzählte Geschichte von den zwei L., welche die Römer in die Donau warfen und die dann ans jenseitige Ufer schwammen, ist allerdings, wie Weinreich N. Jahrb. Bd. 47, 135 bemerkt, sehr verdächtig, doch ist es nicht unmöglich, daß L., obwohl sie an sich nicht gern ins Wasser gehen, wenn sie zufällig ins Wasser geraten oder hineingeworfen werden, sich durch Schwimmen retten.

f) Jagd, Fang, Zähmung.

Die L.-Jagd, von der Keller Ant. Tierw. I 40ff. eingehend [979] handelt, war seit den ältesten Zeiten ein vornehmer Sport, den assyrische, persische und ägyptische Könige betrieben. Durch viele Denkmäler und Inschriften (Hommel Zwei Jagdinschriften Assurbanipals) haben diese fürstlichen L.-Jäger ihre Taten der Nachwelt verkündet. Ein Tiglatpilesar rühmt sich 120 L., ein König der 18. Dynastie in den ersten zehn Jahren seiner Regierung 110 L. erlegt zu haben, zahlreich sind die assyrischen Reliefs mit L.-Jagden, von denen Keller eine Reihe prächtiger Bilder bringt. Von einer L.-Jagd Alexanders d. Gr. in Baktrien erzählt Curt. VIII 1, 14, ein besonders berühmter L.-Jäger aber war Alexanders Begleiter Lysimachos, von dem (15) berichtet wird, wie er einst mit Lebensgefahr einen gewaltigen L. in Syrien erlegte. An Lysimachos knüpft sich (Plin. n. h. VIII 54. Iustin. XV 3, 7) die Legende, daß er auf Befehl Alexanders mit einem L. zusammengesperrt worden sei und diesen erwürgt habe. Die Münzen des Lysimachos, die das Bild eines L. tragen, erinnern an den großen L.-Jäger.

Wie man zu Pferd an den Ufern des Euphrat den L. jagte, schildert sehr anschaulich Opp. cyn. IV 112ff., dessen Verse in der Übertragung von M. Miller (Oppians d. Jüngeren Gedicht von der Jagd, Progr. Gymn. Arnberg 1886) hier folgen.

Aber dort an den Ufern des breit hinströmenden Euphrat
Richtet Pferde man ab voll Mut und mit grimmigem Blicke,
Gilt es den Kampf zu bestehn mit dem Leu …
Männer zu Fuß des Netzes Geheg’ ausbreiten im Halbkreis,
Hängend die Sacknetz’ auf an langer Reihe von Stangen;
Aber nur so weit neiget sich vor ein jedes der Enden,
Als da die Krümmung beträgt des Mondes, wenn wieder er zunimmt.
Drei von den Jägern sodann bei den Netzen sich legen auf Lauer,
Einer genau in der Mitte und zwei an den äußersten Enden,
So daß des Mittleren Stimm’, wenn er ruft, noch können vernehmen
Beide, die Männer dort an den äußersten Enden.
Aber die übrige Schar stellt auf sich nach blutigen Kriegs Brauch,
Fackeln aus dürrem Holz, hell leuchtende, tragend im Umkreis;
Jeder der Jäger selbst hält einen Schild in der Linken
(Großer Schreck ist des Schildes Getös mordlustigen Tieren),
Dann in der Rechten er schwingt die leuchtende fichtene Fackel
(Furcht ja erfaßt vor des Feuers Gewalt den bemähneten Löwen,
Anzuschauen nicht wagt er’s mit unerschrockenem Blicke).
Wenn sie nun haben erspäht den Löwen, den kräftigen Gegner,
Stürzen die Reiter zugleich sich alle auf ihn und im Umkreis
Folgen die Männer zu Fuß mit Getös und ihr Schreien erfüllet
Weithin die Luft. Nicht hält er nun stand; er wendet sich rückwärts, [980]
Seinen Zorn bemeisternd und nicht mehr denkend an Abwehr.
Wie sich mit List die Fischer bei Nacht den Fischen zum Stoße
Nähern, indem sie halten in leicht beweglichen Kähnen
Leuchtender Fackeln Brand; ihn sehen die Fische gebannet,
Nicht mehr denken daran sie zu fliehn vor dem wogenden Feuer;
So auch senket den Blick vor dem Feuer der König der Tiere.
Also gerät er in Furcht vor dem Lärm und dem Scheine des Feuers
Selbstverschuldet hinein in die Schlingen des busigen Netzes.

Die Stelle ist auch übertragen von Eskuche Hellen. Lachen 172. Sehr eigenartig ist die Methode der L.-Jagd, die nach Opp. cyn. IV 147–212 in Äthiopien angewendet wurde. Vier in dick wattierte Wollpanzer gekleidete Männer, die mit Schilden bewehrt sind und Helme tragen, die nur Augen, Nase und Mund freilassen, jagen den L. mit Peitschengeknall aus seiner Höhle heraus. Dieser stürzt sich auf sie, kann aber den festgepanzerten Jägern nicht schaden und mattet sich in nutzlosem Kampfe schließlich so sehr ab, daß ihn die Jäger fesseln und fortführen können. Außer diesen beiden Jagdmethoden, die persönlichen Mut der Jäger erforderten, schildert Opp. cyn. IV 77–111 noch, wie der L. in den Ebenen Libyens in tiefen, verdeckten Fallgruben gefangen wurde, in deren Mitte an einem Pfahl ein Lamm als Köder gebunden war. Diese Art des Fanges war nach Plin. n. h. VIII 54 die häufigste und auf diese Weise wurden die für die Tierhetzen im Zirkus benötigten Raubtiere beschafft. Daß man sich auch mit der Zähmung und Aufzucht der L. befaßte, ist durch viele Nachrichten belegt. Plin. n. h. VIII 55 erwähnt als L.-Züchter den Punier Hanno, der L. mit bloßer Hand lenkte und dressiert vorführte, weshalb er von seinen Mitbürgern, die fürchteten, von ihm ebenso ‚dressiert‘ zu werden, verbannt worden sein soll (vgl. Aelian. hist. an. V 39; var. hist. XIV 30). Das erste L.-Gespann durch die Straßen von Rom lenkte M. Antonius nach der Schlacht bei Pharsalus, wobei die Schauspielerin Cytheris neben ihm thronte, Plin. n. h. VIII 55. Von den Kaisern haben sich manche zahme L. gehalten, so Domitian, dessen zahmer Lieblings-L. von einem andern Raubtiere zerrissen wurde, wie wir aus dem Kondolenzgedichte erfahren, das Stat. silv. II 5 an den Kaiser deshalb richtete. Von zahmen L., die man zusammen mit Hasen im Zirkus auftreten ließ, ohne daß sie diesen etwas zuleide taten, die die Hasen zum Scherz fingen, ja sogar durch ihren Rachen laufen ließen, spricht Mart. I 6. 14. 44. 48. 51. 60. 104; vgl. II 75 (Wärter, der dem L. in den Rachen greift). Zahme L. hatte auch Caracalla (Cass. Dio LXXVIII 7), die bei ihm speisen und schlafen durften, und Heliogabal machte sich einen besonderen Spaß daraus, seine L., denen er jedoch die Krallen hatte abfeilen lassen, mitten unter dem Gastmahl in den Saal zu lassen zum Schrecken seiner Gäste, an deren Angst er sich weidete. Als Leckerbissen erhielten diese L. Papageien und Fasanen. Zuweilen fuhr der Kaiser als Kybele auf dem L.-Gespann durch die [981] Straßen, Hist. Aug. Hel. 21, 25ff. Die Gordianen hielten sich neben vielen anderen Raubtieren in Rom 60 zahme L., Hist. Aug. Gord. 33. Daß sich auch Privatleute solchen Luxus gestatteten, geht aus Iuv. VII 76 hervor.

Indes war die L.-Mode der Römer nur Nachahmung der orientalischen Herrscher; denn die Sitte, zahme L. zu halten, ist an den Höfen ägyptischer Könige und indischer Fürsten sehr alt. Schon Ramses II. hatte nach Diod. I 48 einen zahmen L., der ihn in den Krieg begleitete; gezähmte L. schenkten die Inder Alexander d. Gr.; zahme L. wurden in einem Tempel der Anaïtis in der persischen Landschaft Elymaia gehalten, wo sie frei herumliefen und die Besucher schmeichelnd begrüßten, Aelian. hist. an. XII 23; die Königin Berenike besaß einen L., der so zahm war, daß er ihr das Gesicht lecken und bei ihr speisen durfte, Aelian. hist. an. V 39, der III 1 bemerkt, daß die Marokkaner häufig junge L. aufziehen und abrichten, die die Befehle ihres Herrn verstehen wie die Haushunde. Nach Aelian. hist. an. XVII 26 richtete man in Indien L. ab zur Jagd auf Antilopen, Hirsche, Wildschweine usw. Doch beruht diese Angabe wie auch die Mitteilungen über die Verwendung von L. zu Jagdzwecken in Ägypten wahrscheinlich auf Verwechslung mit dem Gepard (Keller Tiere d. klass. Altertums 155).

g) Tierhetze.

Bei der römischen Tierhetze im Zirkus war der L. das Hauptschaustück. Wie gewaltig der Bedarf war, zeigen die folgenden Zahlen. In der späteren Kaiserzeit war denn auch der Bestand so stark gelichtet, daß Privatleuten die Jagd auf L. in Afrika, woher die Römer die meisten L. bezogen, verboten wurde, da man fürchtete, nicht mehr genug Tiere für die Kampfspiele aufzubringen. Nach einem Edikt vom J. 414 n. Chr. wurde zwar erlaubt, L. zu töten, doch war die Einfuhr lebender Stücke nach Italien unter Aufsicht der kaiserlichen Regierung gestellt, die L.-Jagd selbst Privilegium des Kaisers. Zum ersten Male ließ M. Fulvius Nobilior nach Beendigung des Ätolischen Krieges im J. 186 zu Rom L. im Zirkus mit Panthern kämpfen, Liv. XXXIX 22. Nach Plin. n. h. VIII 53 bot Scaevola als Ädil im J. 95 v. Chr. zuerst den Römern einen L.-Kampf. Die beiden Nachrichten brauchen sich nicht zu widersprechen, da das Kampfspiel des Scaevola entweder das erste im größeren Stile war (leonum simul plurium pugnam Romae princeps dedit Scaevola) oder damals zuerst L. gegeneinander kämpften. Sulla ließ als Prätor 100 männliche L. im Zirkus kämpfen, später Pompeius 600, darunter 315 männliche, Caesar als Diktator 400, Plin. n. h. VIII 53. Fast alle Kaiser gaben Kampfspiele, in denen hunderte von L. in der Arena endeten, so Augustus, Nero, Hadrian, Antoninus Pius (Hist. Aug. Ant. Pius 10), Marc Aurel, Commodus, Probus (Prob. 19), die Gordianen (Gord. 3). Anfangs ließ man die L. nur gegen andere Raubtiere kämpfen, später (zuerst von Sulla) wurden den L. auch Menschen (Sen. ep. 7, 4; dial. X 13, 6) gegenübergestellt, die als Waffe einen Speer hatten. Verbrecher, die bei dieser Gelegenheit ihren Tod finden sollten, bekamen bloß eine Peitsche in die Hand. Die Kampf-L. trugen um die Mitte des Leibes einen Gurt, manchmal vergoldete man ihnen sogar die Mähnen, Sen. ep. 41, 6. Daß zuweilen [982] auch Angehörige der höchsten Kreise aus Lust am Abenteuer sich an L.-Kämpfen beteiligten, geht aus Fronto p. 82 N. hervor, der mit Entrüstung über solche Würdelosigkeit berichtet, daß ein römischer Konsul in die Arena hinabstieg und vor den Augen des Volkes einen L. durchbohrte. Aber nicht bloß in Rom waren Tierhetzen Mode. Wie Keller Ant. Tierw. I 33 mitteilt, ist aus einer Grabinschrift des Städtchens Sagalassos in Pisidien zu ersehen, daß dort im 4. Jhdt. n. Chr. in der Arena L. getötet wurden.

h) Verwertung.

Nach Plin. n. h. VI 195 hätten die Agriophagen hauptsächlich vom Fleisch der L. und Panther gelebt. Daß L.-Fleisch tatsächlich gegessen wurde, geht aus Galen. VI 664 hervor καὶ τῶν ἄρκτων δ’ ἔνιοι προσφέρονται, καὶ τὰ τούτων ἔτι χείρω λεόντων τε καὶ παρδάλεων, ἤτοι γ’ ἅπαξ ἕψοντες ἢ δίς; das Fleisch ist trocken I 255, nur die schwarze Milz fand man ungenießbar V 134. Zur Bereitung eines kosmetischen Mittels wurde L.-Fett verwendet, Plin. n. h. XXIV 165. XXVIII 89, vgl. 90 u. 144. Von den Eigenschaften des L.-Fettes handelt eingehend Galen. XI 734. XII 327. XIII 949 und bemerkt an letzterer Stelle: κατὰ γὰρ τὴν κρᾶσιν τοῦ ζώου καὶ τὸ στέαρ ἐστίν, τῶν μὲν θερμοτέρων θερμαντικώτερον, τῶν δὲ ξηροτέρων (wozu nach XI 734 die L. gehören) ξηραντικώτερον, καὶ γιγνώσκουσί γε οἱ πολλοὶ τῶν ἰατρῶν ἰσχυρότατον μὲν εἶναι κατ’ ἄμφω, λέγω δὴ τὸ θερμαίνειν τε καὶ διαφορεῖν, τὸ τοῦ λέοντος στέαρ. In dem Rezept zu einer Wundsalbe für Pferde nennt L.-Fett Veg. mul. IV 22. Stirnhaare und Mark des L. gehören zu einer ‚compositio magorum‘, die unbesieglich machen soll; Plin. n. h. XXIX 68 brandmarkt die Empfehlung solcher Mittel als ‚morum veneficia‘. – Begehrt und geschätzt war das L.-Fell, bekannt als Attribut des Herakles und der Kentauren. Agamemnon wirft es sich um die Schultern. Hom. Il. X 23, Aias X 177. Manche römische Kaiser gefielen sich, mit dem L.-Fell bekleidet sich porträtieren zu lassen, wie viele Münzen und geschnittene Steine und auch die prächtige Halbfigur des Kaisers Commodus im Konservatorenpalaste zu Rom zeigen. Ein L.-Fell trägt Hannibal in der Schilderung des Sil. It. VII 288ff. Als Weihgeschenk für Pan wird vom glücklichen Jäger ein L.-Fell aufgehängt Anth. Pal. VI 57; vgl. Stat. Theb. IX 194. Daß das Fell des L. ein wertvoller Handelsartikel war, zeigt die Preisfestsetzung im Tarif des Kaisers Diocletian, wo für ein rohes Fell etwa 1000, für ein bearbeitetes 1250 Denare angesetzt sind.

i) Mythologie.

Über die Bedeutung des L. in Mythos und Glauben hat Keller Ant. Tierw. I 54–58 eingehende Untersuchungen geliefert und auf den siderischen Ursprung vieler L.-Mythen, so auch der Heraklessage hingewiesen. Der Kampf des Herakles mit dem nemeischen L. hat seine Vorlage in dem babylonisch-assyrischen Motive der Gottheit, die zum Beweis ihrer Macht allerlei Tiere, besonders aber den L. erwürgt. Indes hat Gruppe im Art. Herakles (o. Suppl.-Bd. III S. 1028–1033, wo auch alle auf diese Sage bezüglichen Stellen gesammelt und verarbeitet sind) auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, die einer Zurückführung der Sage auf orientalischen Ursprung entgegenstehen, und Peter Myth. Lex. I 2195 bestreitet, daß sowohl Sage wie Kunsttypus [983] des L.-Kampfes direkt aus dem Orient entlehnt seien. An den siderischen Ursprung der Sage dürfte die Tradition erinnern, daß der nemeische L. vom Himmel oder aus dem Monde gefallen sei, Epimen. frg. 2 Diels. (Plut. fac. in orbe lun. 24. Steph. Byz. s. Ἀπέσας 104, 15. Schol. Pind. arg. Nem. Schol. Stat. Theb. II 58). Die gleiche Anschauung schreibt Schol. Apoll. Rhod. I 498 Diels dem Anaxagoras zu. Gruppe a. a. O. 1031 sieht jedoch in dieser Überlieferung lediglich den Ausdruck der ‚Ungereimtheit‘, daß die Sage L. nach Nemea, wo sie nicht vorkamen, versetzte. Der L. bedeutet symbolisch die Sonne, was besonders der Mithraskult lehrt. Über den L. als Sinnbild der Sonne und Hitze vgl. Delatte Bull. hell. XXXVII 257f. Mit der Sonne bringt die Entstehung des L. auch folgende berberische Sage in Zusammenhang: Als Noah die Arche baute, stieß der Eber nachts ein Loch in die Arche und trug eine Planke mit seinen Hauern davon. Noah besserte die Arche aus, fand sie aber am nächsten Morgen wieder vom Eber beschädigt und machte den Schaden wieder gut. Als er sie ein weiteres Mal ausbessern mußte, verletzte er sich an der Hand. Da grub er ein Loch in den Sand, ließ sein Blut hineinfließen, bedeckte es mit Erde und ging fort. Als das Blut von den Sonnenstrahlen erhitzt wurde, entstand ein L. daraus. Dieser fiel über den Eber her, als er wieder die Arche zerstören wollte, und verschlang ihn. Seitdem frißt der Löwe Eberfleisch (Dähnhardt Natursagen I 272). Der L. ist auch das Symbol des Venussternes (Astarte), Attribut des Bacchus, Eros und der Kybele, die oft mit L.-Gespannen oder von L. begleitet dargestellt werden; vgl. hiezu die einschlägigen Art. der Real-Enzykl. Über den L. als Attribut der Atargatis auf syrischen Münzen vgl. Hill Proceed. Brit. Ac. 418, als Attribut der chetitischen Göttinnen Garstang The Land of the Hittites 356, als Attribut des punischen Baal und der Tanit Merlin Notes et documents IV 46f. Über den L. als heiliges Tier des Apollon von Patara, vgl. Altmann Österr. Jahresh. VI 195. Auch in der Seelenwanderungslehre spielt der L. eine Rolle. Nach Emped. frg. 127 Diels war es bei der Seelenwanderung für einen Menschen das beste Los, zu einem ‚bergbewohnenden, auf der Erde schlafenden L.‘ zu werden. Im ganzen Orient verbreitet war die symbolische Verwendung des L. als Wächter von Palast- und Stadttoren, Tempeln und Gräbern, drang von da in die abendländische Kunst ein und ist heute ein unzählige Male wiederholtes, stets wirksames Motiv geblieben (Prinz Ath. Mitt. XXXV 158ff.; über den L. als Grabeswächter Pagenstecher Unterital. Grabdenkm. 57f.). Das allbekannte L.-Tor zu Mykenai hat zahlreiche Parallelen (Keller a. a. O. 55). Von großartiger Wirkung müssen die 120 in bunten Emaillefarben glänzenden L.-Reliefs gewesen sein, die als Tiere der Göttin Ischtar zu beiden Seiten der ‚Prozessionsstraße‘ in Babylon den Zugang zum Ischtartore bewachten (Koldewey Das wieder erstehende Babylon 26ff.). Ebenso ist der L. als Grabwächter zur Sicherung gegen Angriffe der Dämonen und als Symbol der Tapferkeit, wie ihn das berühmte Denkmal von Chaironeia zeigt, oft dargestellt worden; vgl. Anth. Pal. VII 426. Vornehmlich in Ägypten tritt der L. als Tempelwächter auf (Horap. [984] I 19) und wird dort zu den Mischwesen aus Weib und L., den Sphinxen, umgebildet, die in langen Alleen die Zugänge zu den Tempeln säumten. Über die Verehrung des L. in Ägypten vgl. Aelian. hist. an. XII 7 und 40. Dem Mythos entstammt auch die von Herod. I 84 erzählte Gründungssage von Sardes: Als dem König Meles eine Nebenfrau einen L. geboren hatte, wurde dieser rings um die Stadt getragen, da nach einer Weissagung Sardes dann uneinnehmbar sein würde. Dabei wurde jedoch unterlassen, den L. auch über eine durch den Steilabfall des Burgberges von Natur geschützte Stelle zu tragen, da diese an sich als uneinnehmbar galt, aber gerade an dieser Stelle drangen dann später die Krieger des Kyros in die Burg ein. Der L. war dem Sandon und der Kybele heilig, die beide in Sardes verehrt wurden, und erscheint auch auf sardischen Münzen als Stadtwappen. Als Symbol der Macht und Herrschaft erscheint der L. in der von Suidas überlieferten Legende, nach der die Gemahlin Philipps von Makedonien, als sie mit Alexander schwanger ging, befahl, ihren Leib mit dem Bilde des L. zu siegeln. Der gleichen Tendenz diente die Erzählung, daß ein L., der sich freigemacht hatte, auf die Wiege losging, in der Antoninus Diadumenos (später Kaiser 217–218) lag, die Wärterin des Kindes zerriß, dem Kinde aber schmeichelte und ihm nichts zuleide tat. Der L. als Abzeichen römischer Legionen der Kaiserzeit ist nach Renel RHR 48, 43ff. anfangs ein Mithrasemblem gewesen. Erst nachträglich wurde es als Sinnbild der Kaisergewalt gedeutet. Wer träumte, daß er die Ohren eines L. habe, mußte sich auf Nachstellungen gefaßt machen, Artemid. I 24, hatte jemand dagegen im Traume einen L.-Kopf, so bedeutete das Gutes, 37; nach II 12 zeigte der Traum von einem zahmen, wedelnd sich nahenden L. Gutes und Aussicht auf Belohnungen an, der Traum von einem wilden L. Schlimmes und Krankheit; σκύμνους δὲ λέοντος ἰδεῖν ἀγαθὸν ἐπίσης πᾶσιν, ὡς δὲ ἐπὶ τὸ πολὺ παιδίου γένεσιν προαγορεύει.

k) Sprichwort und Fabel.

In griechischen und lateinischen Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten erscheint der L. zumeist als das Sinnbild von Kraft und Mut. Von Leuten, deren Taten ihren großen Worten nicht entsprachen, galt das Wort: Οἴκοι μὲν λέοντες, ἐν μάχῃ δ’ ἀλώπεκες Aristoph. Pax 1189 oder domi leones, foris vulpes Petron. 44, vgl. Eustath. p. 1349, 25. Ähnlich Nonn. Dionys. XIV 123 Νόσφι μόθοιο λέοντες, ἐνὶ πτολέμοις δὲ λαγωοί. Tertull. coron. mil. 1 in pace leones, in proelio cervos. Apoll. Sidon. ep. V 7, 5 cum sint in praetoriis leones, in castris lepores. Plat. rep. 9 p. 590 B ἀντὶ λέοντος πίθηκον γίγνεσθαι, vgl. leg. 4 p. 707 A καὶ λέοντες ἂν ἐλάφους ἐθισθεῖεν φεύγειν τοιούτοις ἔθεσι χρώμενοι, vgl. Luc. philops. 5 der Affe im L.-Fell. Ob Luc. dial. mort. 8, 1 ὁ νεβρὸς τὸν λέοντα von Jakobitz, der αἱρεῖ ergänzt, richtig als ein Sprichwort zur Bezeichnung des Unerwarteten oder unmöglich Scheinenden erklärt ist, erscheint fraglich; vgl. das von Köhler Das Tierleben im Sprichwort der Griechen u. Römer 112 nach Demokrit angeführte Sprichwort γῆρας λέοντος κρεῖσσον ἀκμαίων νεβρῶν ‚der L. ist im Alter noch stärker als der Hirsch in der Jugendkraft‘. In Fällen, wo Schlauheit eher zum Ziele führte als Gewalt, [985] sagte man: Ubi leonis pellis deficit, vulpinam induendam esse, womit Phaedr. fab. append. 23 tit. das griechische Sprichwort wiedergibt: ἂν ἡ λεοντῆ μὴ ἐξίκηται, τὴν ἀλωπεκῆν πρόσαψον, Zenob. I 93. Fast wörtlich als Ausspruch Lysanders bei Plut. apophthegm. 190 E und 229 B. Ähnlich Plat. Krat. p. 411 A τὴν λεοντῆν ἐνδἑδυκα, Plut. an. seni 785 E ἐκδύσαντες τὴν λεοντῆν. Hor. sat. II 3, 186 Astuta ingenuum volpes imitata leonem, vgl. Mart. X 100 quid congregare cum leonibus vulpes … quaeris? (vgl. Archiv f. lat. Lex. III 391f.). Etwa unserem Sprichworte ‚der Katze die Schelle anhängen‘ entspricht Plat. rep. 1 p. 341 C Οἴει γὰρ ἄν με … οὕτω μανῆναι, ὥστε ξυρεῖν ἐπιχειρεῖν λέοντα; vgl. Diogen. VI 25 λέοντα ξυρᾷς und Lucil. bei Non. p. 102, 22 Esurienti leoni ex ore exsculpere praedam. (Weitere Parallelen bei Otto Sprichwörter 189. Archiv f. lat. Lex. III 64.) Zu ‚L. fangen keine Mäuse‘ und ähnlichen Sprichwörtern vgl. Mart. XII 61 In tauros Libyci ruunt leones, non sunt papilionibus molesti. Den Versuch mit untauglichen Mitteln bezeichnet Sen. ep. 82, 24 subula leonem excipis? Als gefährlich und tückisch erscheint der L. im Ausspruche des Aischylos bei Aristoph. Ran. 1431 μάλιστα μὲν λέοντα μὴ ἐν πόλει τρέφειν. Val. Max. VII 2 leones in urbe nutrire. Iulian. 126, 14 ἀπιστότερος τῶν λεόντων, vgl. Hom. Il. XXII 262. Die ‚societas leonina‘ (Otto Sprichw. 190 bezweifelt, daß der Ausdruck schon im Altertum sprichwörtlich war) ist eine Abmachung, in qua alter ex duobus lucrum tantum, alter damnum sentiret Ulpian. Digest. XVII 2, vgl. Phaedr. I 5. In der Bibel steht Predig. Sal. 9, 4: Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter L., und 1. Petri 5, 8 wird der Teufel mit einem brüllenden L. verglichen. An den ‚Eselstritt‘ (vgl. Phaedr. I 21) erinnert Mart. X 90 noli barbam vellere mortuo leoni. Das lateinische Sprichwort ex ungue leonem findet sich Aristaen. 301 (I 4 p. 22 Boiss.) ἐκ τῶν ὀνύχων τεκμαίρομαι τὸν λέοντα (vgl. Diogen. V 16). Plut. de def. orac. 3 p. 410 C οὐ κατ’ Ἀλκαῖον ‚ἐξ ὄνυχος τὸν λέοντα‘ γράφοντας führt es auf Alkaios zurück (vgl. Bergk PLG III 184), dagegen Luc. Hermot. 54 auf Pheidias. Nach Köhler 113 findet sich die Übertragung ‚ex unguibus leonem aestimare‘ erst in den ‚Adagiis‘ des Erasmus. – In der Fabel spielt kein Tier, der Fuchs vielleicht ausgenommen, eine so große Rolle wie der L. Als ‚König der Tiere‘ erscheint er schon in indischen Fabelsammlungen und Tierepen. Ebenso ist er in den Äsopischen Fabeln der Herrscher über alle Tiere. Von allen gefürchtet hält er strenges Gericht, beraten, freilich oft auch betrogen vom Fuchs, der bei den Griechen die Rolle des Schakals in der indischen Fabel übernommen hat (vgl. O. Keller Gesch. d. griech. Fabel, Jahrb. f. Philol. Suppl. IV 337f.). L. und Fuchs treten auf Aesop. (Halm) 39–41. 240. 240b. 243. 244. 246. 257. 260. 326, L. und Bär 247, L. und Eber 253, L. und Elefant 261, L. und Esel 259. 260. 323. 323 b. 326, L. und Wildesel 258, L. und Stier 262. 263. 394. 394 b. 395, L. und Reh (δορκάς) 252, L. und Ziege 253, L. und Wolf 255. 279. 280, L. und Hase 241. 254, L. und Maus 256. 257, L. und Delphin 251, L. und Hahn 323, L. und Hirsch 128. 129. 243, L. und Affe 244, L. und Adler 245, L. und Frosch 248, L. und Mücke (Fliege) 234, L. und Lamm [986] 279 b. Eigenartig ist die Geschichte vom Knaben und dem L.-Bilde, an dem sich des Vaters Traum und damit des Knaben Schicksal erfüllt, 349 und 349 b. Babr. 136 Crus. Auf den Zusammenhang dieses fatalistischen Märchens mit orientalischen Motiven macht Lucas Socrates VII 353 (in der Besprechung von Hausrath u. Marx Griech. Märch.) aufmerksam. Mit den gleichen Zügen erscheint der L. in den Fabeln des Babrios (vgl. den Index der Ausgabe von Crusius); bei Phaedrus handeln nur wenige Fabeln I 5. 11. 21 (Eselstritt) II 1. IV 13 vom L.

l) Poesie.

Kein Raubtier hat Homer so oft zur poetischen Ausgestaltung von Gleichnissen angeregt wie der L., der ihm das Sinnbild von unbändigem Mut (Il. X 297), unwiderstehlicher Kraft und Wildheit ist. Daß den Schilderungen eigene Anschauung zugrundeliegt, ist nicht zu verkennen; denn sie sind so naturwahr und verraten in vielen kleinsten Zügen so feine Beobachtungen, daß sie nur dem Leben abgelauscht sein können. Wie lebenswahr ist z. B. Il. XVII 133ff. das Verhalten der Löwin, die mit ihren Jungen im Walde von Jägern überrascht wird: Funkelnde Blicke schießt sie auf die Gegner aus den blitzenden Augen, über die sie die Stirnhaut weit herabzieht; ebenso Il. XI 547 ἐντροπαλιζόμενος ὀλίγον γόνυ γουνὸς ἀμείβων das schrittweise, zögernde Zurückweichen vor den Hunden und Männern, die den hungrigen L. von der Hürde scheuchen, oder XX 164, wo der L., gegen den die ganze Gemeinde ausgezogen war, von einem Speere getroffen ist und sich zum Sprunge duckt: Geifer trieft ihm vom Maule und mit peitschenden Schlägen klatscht der Schweif auf die Flanken. Mit Recht hat Finsler Homer 266f. in seiner trefflichen Beurteilung des Dichters als Schilderer der Tierwelt gegenüber der Meinung, Homer habe den L. nur nach einer auf Kunstwerke gestützten Tradition geschildert, darauf hingewiesen, daß die lebensvollen Einzelheiten, die der Dichter gibt, weit über das hinausgehen, was eine Überlieferung bieten könnte, und daß Kunstwerke solche Einzelheiten gar nicht enthalten konnten. Auf die Schilderungen des L., der vom Hunger getrieben die Rinderherde auf offener Weide anfällt oder nachts in die Hürde eindringt, wurde im Abschnitt e hingewiesen; vgl. Il. XVIII 161. – Die gegenüber der Ilias an Gleichnissen an sich viel ärmere Odyssee bringt in den wenigen Stellen, wo der L. dem Gleichnis dient, zu den aus der Ilias gewonnenen Bildern keinen neuen Zug. Od. IV 335 (wiederholt XVII 126): Der L. findet einen Hirsch mit Jungen in seinem Lager und erwürgt diese, hat seine Parallele Il. XI 113. Wenn Odysseus Od. VI 130, als er sich Nausikaa naht, mit einem hungrigen L. verglichen wird, so bildet die zwingende Not den Vergleichspunkt. An packender Anschaulichkeit mit den Gleichnissen der Ilias kann sich nur Od. XXII 402 messen, wo Odysseus unmittelbar nach dem Freiermorde unter den Leichen steht wie ein L., der blutbespritzt aus der Rinderhürde kommt. Freilich bot der Stoff der Odyssee nicht die gleiche Möglichkeit zu solchen Gleichnissen wie sie die wildbewegten Kampfszenen der Ilias nahelegten. Matter und weniger treffend sind die L-.Gleichnisse späterer Epiker wie Lykophron und Apoll. Rhodios, am besten noch des letzteren Gleichnis II 26ff.: Eine Schar von Männern [987] hat auf einen L. Jagd gemacht und ein Jäger hat den L. verwundet. Wütend stellt sich der L., und ohne sich um die übrigen Jäger zu kümmern, behält er nur den einen Jäger scharf im Auge, der ihn angeschossen hat; vgl. IV 486ff. 1336ff. Recht ansprechend ist Quint. Smyrn. VII 715–720, der den Schmerz des jungen L. schildert, als er zur Höhle zurückkommt und wohl noch die umherliegenden Knochen von Pferden und Rindern vorfindet, nicht aber mehr seine Mutter, welche die Jäger erschossen haben. – In der griechischen Tragödie ist der L. namentlich von Aischylos und Euripides zu Vergleichen herangezogen und in Gleichnissen verwendet. Aesch. Agam. 717ff. schildert der Chor die Falschheit des Paris in einem prächtigen Gleichnis, das in der Übersetzung von v. Wilamowitz Griech. Tragödien II 75f. lautet: ‚Es zog einmal ein Mann ein Löwenjunges, Säugling noch, sich auf. Wie war das kleine zahm, der Kinder Spielgesell’, der Greise Lust. Oft schaukelt’ er’s im Arm, als wär’s ein Kind. Da leckt’ es seine Hand und blickte fromm, und wenn es hungrig war, so wedelt’ es und bat. Doch als es älter ward, da zeigte sich die eingeborene Art. Was war der Pflege Dank? Es schuf das Mahl sich in der Lämmer Mord. Die Herde lag zerstört, der Hof voll Blutes, das Gesinde schrie: erwachsen war des Hauses Höllengast, ein grimmig reißend Tier.‘ Agam. 1258 wird Klytaimnestra ‚δίπους λέαινα‘ genannt, die dem Wolfe (Aigisthos) sich gesellte, weil der edle L. (Agamemnon) ferne war; 1224 λέοντ’ ἄναλκιν wird Aigisthos als feiger L. bezeichnet; vgl. 141. 827; Sept. 53; Eum. 143; Cho. 939. Ein Satyrspiel des Aischylos hieß Λέων. Bei Sophokles spielt der L. eine geringere Rolle. Nur Aias 987 bringt einen Vergleich mit der Löwin, der ihre Jungen geraubt wurden (vgl. Hom. Il. XVIII 318ff.); auch der Vergleich des Heldenpaares mit einem Löwenpaar Soph. Phil. 1436 hat in Hom. Il. V 554. X 297 seine Vorlage; vgl. Soph. Phil. 400; Trach. 1093. Diesen Vergleich liebt auch Euripides, so Or. 1401. 1555; Suppl. 1223; Med. 187 τοκάδος δέργμα λεαίνης wird Medeas Blick mit dem einer Löwin verglichen, und 1342 nennt Iason Medea ‚λέαιναν, οὐ γυναῖκα‘ (ähnlich Aristoph. Thesm. 514 λέων, λέων σοι γέγονεν). Orestes mit einem L. verglichen Iph. Taur. 297. 1142; vgl. Phoen. 1573; Hel. 379. Offenbar eine Anspielung auf Aesch. Agam. 717ff. (s. o.) beabsichtigte Aristoph. Ran. 1431, wenn er Aischylos dort von Alkibiades sagen läßt, man solle keinen L. in der Stadt aufziehen, wenn man aber einen aufgezogen habe, so müsse man die Folgen tragen (μάλιστα μὲν λέοντα μὴ ἐν πόλει τρέφειν, ἢν δ’ ἐκτραφῇ τις, τοῖς τρόποις ὑπηρετεῖν). Aristoph. Equ. 1039ff. bezieht Kleon das Orakel, daß ein Weib Athen einen L. gebären wird, der zum Nutzen des Volkes mit unzähligen Mücken kämpfen wird, wie wenn er seine eigenen Jungen verteidigte, auf sich selbst und nennt sich (1044) Ἀντιλέων. Erotisch ist Aristoph. Lys. 231 οὐ στήσομαι λέαιν’ ἐπὶ τυροκνήστιδος, wozu Hesych. s. λέαινα bemerkt: σχῆμα συνουσίας ἀκόλαστον (ebenso Suidas s. τυρόκνηστις), übrigens auch bemerkenswert, weil die Stelle zeigt, daß das L.-Motiv (es handelt sich offenbar um das Motiv der liegenden Löwin) in der gewerblichen Kleinkunst sehr beliebt war, so daß selbst gewöhnliche Gebrauchsgegenstände wie [988] Käseraspeln damit verziert wurden. Ganz selten wird des L. von den Lyrikern gedacht: Alcm. 34, 5 Bergk λεόντειον γάλα (vgl. Aristid. I 49 λεόντων γάλα ἀμέλγειν und Bergk Poetae lyr. Gr. III 50). Tyrt. 13 αἴθωνος δὲ λέοντος ἔχων ἐν στήθεσι θυμόν. Semonid. 14, 2 οὐκ ἄν τις οὕτω δασκίοις ἐν οὔρεσιν ἀνὴρ λέοντ’ ἔδεισεν οὐδὲ πάρδαλιν κτλ.. Auch bei Theokrit ist der L. nur selten erwähnt und nur als poetisches Schmuckmittel in konventioneller Weise verwendet; I 72 läßt der Dichter Schakale, Wölfe und L. um den toten Daphnis unbedenklich in Sizilien (bei Verg. Ecl. V 27 Poeni leones) klagen (wie übrigens auch Shakespeare ‚Wie es euch gefällt‘ IV 3 eine Löwin in den Ardennen hausen läßt); in einer anscheinend sprichwörtlichen Redensart ist die unerbittliche Wildheit des L. zum Vergleich herangezogen III 15 ἦ ῥα λεαίνας μαζὸν ἐθήλαζε, δρυμῷ τέ νιν ἔτραφε μάτηρ; vgl. [XXIII] 19 ἄγριε παῖ καὶ στυγνέ, κακᾶς ἀνάθρεμμα λεαίνας. Herakles schweift XIII 61ff. auf der Suche nach Hylas durch Berg und Tal wie ein gieriger L. (ὠμοφάγος λῖς), der von weitem den Schrei eines Hirsches gehört hat.

Bei lat. Dichtern ist das Gleichnis von der Löwin, der die Jungen geraubt wurden (Hom. Il. XVIII 318) besonders häufig, so Hor. carm. III 20, 2 Non vides, quanto moveas periclo, Pyrrhe, Gaetulae catulos leaenae? (vgl. III 2, 10 asperum tactu leonem). Ov. met. XIII 547 Utque furit catulo lactente orbata leaena, vgl. Fast. V 177; ars am. II 373. Verg. georg. III 245. Val. Fl. VI 148. 346. Stat. silv. II 1. An Theocr. III 15 (s. o.) erinnern Ov. met. IX 165. Catull. 64, 154 Quaenam te genuit sola sub rupe leaena? Tibull. III 4, 90 Nec te conceptam saeva leaena tulit. Sprichwörtlich geworden ist Tibull. I 4, 17 longa dies homini docuit parere leones. Prächtig sind die Vergleichungen des Turnus mit einem verwundeten L. bei Verg. Aen. XII 4 und mit einem kampfbegierigen L. X 454f. [weitere Vergleiche vom raubgierigen L. IX 339f., vom verfolgten, verwundeten L. IX 792 (nach Hom. Il. XX 164), vom jagenden L. X 723f.]. Sehr lebendig ist die Schilderung des L., der einen Stier anfällt, bei Val. Fl. II 458, der VIII 126 (adhuc aptans umeris capitique leonem) einen Helden mit dem L. vergleicht. Als großmütig schildert den L. Ov. Trist. III 5, 33. Als Erzeugnis dichterischer Phantasie zu werten ist die Schilderung der wie Kriegselefanten verwendeten L. Lucr. rer. nat. V 1310 et validos partim prae se misere leones cum doctoribus armatis saevisque magistris usw., während V 1035 darauf hingewiesen ist, daß schon die jungen L. ihre Klauen und ihr Gebiß als Waffe zu gebrauchen wissen; als Sinnbild zornigen Mutes erscheint der L. III 296f., als Symbol der Stärke Sen. ep. IX 5, 9.

m) Kunst.

Vorzügliche L.-Darstellungen sind aus der ältesten Kunst Ägyptens wie Assyriens bekannt. Nach Dümichen Resultate finden sich Darstellungen freilebender und gezähmter L. sowie L.-Jagdbilder als Wandschmuck altägyptischer Grabkammern z. B. im Grabe des Ptah-Hotep bei Sakkara, Dümichen Taf. VIII. Wiedemann Ägyptische Geschichte I 14. Über den L. als Grabschmuck in der kleinasiatischen und vorgriechischen Kunst vgl. Brandenburg Mitt. d. Vorderasiat. Ges. XIX 2 S. 55ff. König Rameses III. im Wagen auf der L.-Jagd, ein Bild von Medinet-Abu [989] bei Perrot-Chipiez Ägypt. Fig. 173; s. 730f. Ägyptisch sind z. B. auch die zwei L. aus schwarzem Granit im Erdgeschoß des Kapitolinischen Museums zu Rom, von denen Kopien an der Kapitolstreppe stehen, sowie die Granit-L. im Britischen Museum. Unter den Skulpturen nehmen die assyrischen Reliefs die erste Stelle ein, von denen besonders die jetzt in der Kujundschikgalerie des Britischen Museums stehenden an prachtvoller Naturwahrheit weder von griechischen noch römischen Künstlern wieder erreicht wurden. Unmittelbar ergreifend ist die Wirkung der zu Tode getroffenen, vor Schmerz aufbrüllenden Löwin von Kujundschik (abgebildet auch bei Keller Ant. Tierw. I Fig. 15); ebenso genaues Naturstudium zeigt der L. auf dem Relief von Nimrud, das Assurnasirpal auf der L.-Jagd darstellt. Vorzügliche Abbildungen bei Keller Fig. 12a (angeschossener männlicher L.); ebd. Reliefs aus Kujundschik Fig. 12b und c (das Opfer des Königs nach der Jagd; zu seinen Füßen vier tote L.); Fig. 11 (ein L., der aus dem Käfig gelassen wird, um dem König zugetrieben zu werden). Nur in der Technik verschieden, an eindrucksvoller Wirkung aber den Kujundschiker Reliefs nicht nachstehend sind die etwas jüngeren L. aus der Zeit des Nebukadnezar (604–561 v. Chr.), welche die beiden Seiten der ‚Prozessionsstraße‘ zum Ischtartore in Babylon schmückten. Eine prächtige Abbildung gibt Koldewey Das wieder erstehende Babylon 28. Auf dem Hintergrund von blau glasierten Ziegeln heben sich die aus Formen gedrückten emaillierten Reliefs der L. ab. Die etwa 2 m langen L. schreiten ruhig aus, grimmig die Zähne des geöffneten Rachens zeigend. (Der bei Keller Ant. Tierw. I Taf. II 3 abgebildete L. auf einer Münze von Babylon zeigt die gleiche Haltung; sehr ähnlich die kleine L.-Plastik im Vatik. Museum, Amelung II 341 Taf. 33, vgl. 363.) Das Fell ist gelb, die starke Mähne gelb mit schwarz untermischt und setzt sich am Bauche fort. Fein beobachtet sind auch die Haarbüschel an den Ellenbogengelenken. Außerdem kommen L. mit weißem Fell, gelber Mähne und roter, jetzt infolge von Verwitterung grün erscheinender Mähne vor. Koldewey berechnet die Zahl der L. auf jeder Seite der Straße zu 60, im ganzen also 120. Bemerkenswert ist auch die ebd. 159 gegebene Abbildung eines unfertigen Basalt-L. aus der Hauptburg von Babylon, wohl auch aus Nebukadnezars Zeit. Aus mykenischer Zeit ist das L.-Tor von Mykenai bekannt, ferner die Dolchklinge aus Bronze (L.-Jagd) und die Darstellungen von Vaphio. Einen goldenen L. gab Kroisos als Weihgeschenk nach Delphi, von dem Herod. I 50 ausführlich berichtet. Zahlreich sind die Darstellungen von L. als Attribut der sog. persischen Artemis (vgl. Daremberg-Saglio Fig. 2389ff. und Keller Ant. Tierw. I 49ff.). Wo römische Künstler ihre L.-Modelle fanden, sieht man aus Plin. n. h. XXXVI 40: Als Pasiteles im Hafen, wo gerade eine Sendung wilder Tiere angekommen war, die Gelegenheit benützte, um vor einem L.-Käfig nach der Natur zu arbeiten (cum per caveam intuens leonem caelaret), geriet er durch einen aus einem anderen Käfig ausgebrochenen Panther in Lebensgefahr. Ferner berichtet Plin. a. O. 41 von einer marmornen Löwin des Arkesilaos, mit der [990] geflügelte Eroten ihr Spiel trieben; das ganze Stück war aus einem einzigen Block gemeißelt. Funkelnde Augen aus Smaragd hatte der Marmor-L. auf dem Grabmale des Hermias auf Cypern, Plin. n. h. XXXVII 66. Monumental wirkte besonders der Typus des liegenden, ruhenden L., wie ihn z. B. der L. vom Grabe des Menekrates auf Korfu zeigt (Keller 60). In dieser Form finden sich L. als bronzene Gewichtsfiguren und Geld (Geld-L.) schon in Assyrien, von wo sie über Lydien auch nach Griechenland kamen (vgl. das gleiche L.-Motiv auf Käseraspeln [Aristoph. Lys. 231] s. Abschn. l). Sehr beliebt und in vielen Varianten immer wieder verwendet waren L.-Motive zu Ornamenten aller Art, z. B. L.-Köpfe (Masken) als Wasserspeier (Keller 48. 56), L.-Füße an Sesseln (Baumeister Denkm. d. klass. Alt. III Fig. 2356). Während solche Ornamente auch in späterer Zeit tüchtige Technik zeigen, fehlt den L.-Skulpturen zumeist Leben und Naturwahrheit. Wie steif und unlebendig ist z. B. die Darstellung des in der Arena gegen Fechter kämpfenden L. auf dem Marmorrelief aus der Zeit des Augustus (Baumeister Fig. 2355). – Die Beliebtheit des L. bei den Vasenmalern zeigt ein Blick in Reinach Vases peints, wo mehr als 60 Vasenbilder mit L. gegeben sind (vgl. auch das Stukkatur-Relief vom Grabmale des Umbricius Scaurus in Pompei [Mus. Borb. XV A tav. XXIX], wo Tierhetzen mit L. dargestellt sind). Nicht minder häufig sind L.-Darstellungen auf Münzen und Gemmen, von denen Keller Münzen und Gemmen Taf. I. XIV. XV prächtige Proben gibt, die fast durchweg von hoher Meisterschaft zeugen.