Juedischer Krieg/Buch II 10-16

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Juedischer Krieg
Buch II 17-22 »
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[158]
Zehntes Capitel.
Cajus will seine Statue in Tempel aufstellen lassen.

184 (1.) Der Kaiser Cajus pochte indes so übermüthig auf seinen Glücksstern, dass er für einen Gott gehalten und auch mit dem Namen eines solchen bezeichnet werden wollte. Nachdem er in diesem seinem Uebermuth, sozusagen, den Wipfel des römischen Staates zerhackt und von seinen edelsten Männern entblößt hatte, kam er mit seinen gottlosen Forderungen endlich auch an die Juden. 185 Er sandte [159] nämlich den Petronius mit einem Heere nach Jerusalem, um dort seine Bildsäulen im Tempel aufzustellen, und gab ihm den stricten Befehl, falls die Juden sie nicht zulassen sollten, jene, die einen Widerstand versuchen würden, einfach zusammenzuhauen, das ganze übrige Volk aber zu Sclaven zu machen. 186 Doch der Mensch denkt und Gott lenkt. Petronius marschierte bereits an der Spitze von drei Legionen und vielen syrischen Bundestruppen von Antiochia gegen Judäa heran, 187 während die Juden zum Theile noch immer den Kriegsgerüchten nicht glauben wollten, jene aber, die sie ernst nahmen, noch ganz rathlos vor der Organisierung der Vertheidigung standen. Als aber das Heer schon in Ptolemais war, fuhr der Schrecken bald auch in die übrigen und ward allgemein!

188 (2.) Die letztgenannte Stadt befindet sich an der Meeresküste, die Galiläa begrenzt, und gehört ihrer Lage nach zu der „großen Ebene“, obschon sie im weiteren Umkreise auch von Bergen umschlossen wird, so auf der östlichen Seite in einem Abstand von 60 Stadien vom galiläischen Gebirge, in der Richtung nach Süden vom Karmel, der 120 Stadien entfernt liegt, vom höchsten Gebirge aber auf der Nordseite, das die Einheimischen „Treppe der Tyrier“ nennen, und das 100 Stadien weit von Ptolemais abliegt. 189 Zwei Stadien weit von der Stadt fließt der ganz kleine Beläusfluss vorüber, an welchem das Denkmal des Memnon liegt, dessen nächste Umgebung wieder einen hundert Ellen großen Raum von bewunderungswürdiger Eigenschaft aufweist. 190 Der runde und hohle Raum gibt nämlich den bekannten Glassand, der die Stätte immer wieder anfüllt, wenn ihn die zahlreichen Fahrzeuge, die dort halten, ausgebeutet haben, indem dann die Winde, wie auf Bestellung, den außerhalb des Raumes liegenden rohen Sand in denselben hineinwehen, wo er sofort unter dem Einfluss der Grube sich vollständig in Glas verwandelt. 191 Was aber nach meiner Meinung noch seltsamer ist, das ist der Umstand, dass das aus dem gefüllten Raume ablaufende Glas wieder eitel Sand wird. Durch diese Naturerscheinung hat der Ort seine Berühmtheit erlangt.

192 (3.) Die Juden strömten nun mit ihren Frauen und Kindern nach der Ebene von Ptolemais und baten den Petronius inständigst vor allem um Schonung für ihre väterlichen Gesetze und in zweiter Linie um Schonung für sie selbst. Der Anblick der großen Menge und deren flehentliches Bitten stimmte den Statthalter zur Nachgiebigkeit. 193 Er ließ vorderhand Heer und Bildsäulen in Ptolemais zurück und gieng nach Galiläa hinauf, wo er das Volk und alle seine Vornehmen nach Tiberias beschied. Hier gab er nun den Juden im Einzelnen die Macht Roms und die Drohungen des Kaisers zu erwägen und [160] verfehlte nicht, das Verlangen der Juden als etwas unvernünftiges zu erklären, 194 da, wie er bemerkte, bereits eine jede unterworfene Völkerschaft und sogar jede einzelne Stadt die Bildnisse des Kaisers an der Seite ihrer übrigen Gottheiten habe aufstellen lassen, und demgemäß das in der Welt einzig dastehende Widerstreben der Juden gegen diese Verfügung fast schon wie eine Rebellion und zwar eine für Rom tief verletzende Rebellion sich ausnehme.

195 (4.) Dem hielten die Juden ihr Gesetz und die altererbte Sitte entgegen und sagten, dass es ihnen nicht einmal freistehe, eine Abbildung Gottes, geschweige denn die eines Menschen, selbst am erstbesten Orte des Landes, vom Tempel gar nicht zu reden, anbringen zu lassen, worauf Petronius erwiderte: „Aber muss denn nicht auch ich das Gesetz meines Gebieters beobachten? Setze ich mich aus Schonung für euch darüber hinweg, so werde ich das, und zwar mit Fug und Recht, mit meinem Kopfe bezahlen müssen. Nicht meine Persönlichkeit, wohlgemerkt, sondern derjenige, der mich gesandt hat, steht euch kampfgerüstet gegenüber: denn ich bin ebensogut ein bloßer Unterthan, wie ihr selbst!“ 196 Auf das hin begann die Menge zu schreien: „Wir sind bereit, für das Gesetz alles zu leiden!“ Als Petronius sich mit Mühe wieder vernehmlich machen konnte, rief er: „Ihr wollt es also wirklich selbst mit dem Kaiser aufnehmen?“ 197 Darauf die Juden: „Für den Kaiser und das römische Volk bringen wir alle Tage zweimal das Opfer dar. Will er aber seine Bilder zu uns hereinbringen, so wird er wohl zuerst selbst die ganze jüdische Nation hinopfern müssen: wir stehen als Schlachtopfer bereit sammt unseren Frauen und Kindern!“ 198 Ein Gefühl der Bewunderung, mit Mitleid gemischt, überkam bei dieser Scene den Petronius, als er die über alles erhabene Religiösität dieser Leute und ihre todesmuthige Haltung sah. Die Versammlung ward für diesmal ohne Ergebnis aufgehoben.

199 (5.) Während der nächsten Tage berief der Statthalter wiederholt die jüdischen Großen zu besonderen, das Volk aber zu den öffentlichen Versammlungen und suchte hier bald mit Bitten, bald mit gutgemeinten Rathschlägen, zumeist jedoch mit sehr ernsten Drohungen auf die Juden einzuwirken, indem er ein furchtbares Bild von der Kriegsmacht der Römer und der Wuth des Kaisers vor ihren Augen entrollte und auch auf seine eigene Zwangslage, in die er durch die Juden gerathe, hinwies. 200 Als aber jeder Versuch an der Unbeugsamkeit der Juden scheiterte, und der Statthalter fürchten musste, dass auch das Land unbestellt bleiben würde, da es eben Zeit zur Einsaat war, und die Volksmenge bei ihm schon fünfzig Tage hatte unthätig verstreichen lassen, so versammelte er die Juden ein letztesmal und er- [161] klärte vor ihnen: 201 „So muss ich denn schon meinen eigenen Kopf für euch aufs Spiel setzen. Entweder gelingt es mir, mit Gottes Hilfe den Kaiser zu überreden, dann soll es mich freuen, dass meine Rettung auch die eurige ist, oder ich fordere erst recht seinen Zorn heraus, dann werde ich eben für soviele Menschen bereitwillig mein eigenes Leben hingeben.“ Mit diesen Worten entließ er die Menge in ihre Heimat, überhäuft von ihren Segenswünschen, und kehrte mit dem Heere von Ptolemais nach Antiochia zurück. 202 Hier schrieb er sofort an den Kaiser einen Brief, in welchem er ihm von seinem Anmarsch gegen Judäa und von den stürmischen Bitten der ganzen Nation Meldung erstattete und insbesondere hervorhob, dass, wenn der Kaiser außer den Einwohnern nicht auch noch das Erträgnis des Landes riskieren wolle, derselbe jedenfalls das jüdische Gesetz respectieren und von dem erflossenen Befehle Umgang nehmen müsse. 203 Auf dieses Schreiben antwortete Cajus ziemlich leidenschaftlich und drohte sogar dem Petronius mit dem Tode, weil er gegenüber seinen Befehlen einen so säumigen Diener gespielt habe. Doch wollte es der Zufall, dass die Boten mit diesem Schreiben drei Monate lang am Meere infolge von Winterstürmen zurückgehalten wurden, während andere Boten, die den inzwischen eingetretenen Tod des Cajus melden sollten, eine ausgezeichnete Seefahrt hatten. So bekam denn Petronius den Brief, welcher den Tod des Kaisers berichtete, 27 Tage früher, als jenen, worin ihm der Kaiser noch den Tod angedroht hatte.


Eilftes Capitel.
Thronbesteigung des Kaisers Claudius. Beförderung des Agrippa zum König von Judäa. Nach seinem Tode wird Judäa wieder römische Provinz. Seine Nachkommenschaft. Herodes von Chalcis.

204 (1.) Als Cajus nach einer Regierung von drei Jahren und acht Monaten unter den Schwertern der Verschwornen gefallen war, wurde von der in Rom stehenden Heeresmacht Claudius wider seinen Willen auf den Thron erhoben. 205 Der Senat dagegen, mit den Consuln Sentius Saturninus und Pomponius Secundus an der Spitze, betraute zunächst die ihm noch treugebliebenen drei Cohorten mit der Bewachung der Stadt und hielt dann eine Sitzung auf dem Capitol, in welcher der Beschluss gefasst wurde, in Anbetracht der grausamen Regierung des Cajus auch der Erhebung des Claudius bewaffneten Widerstand zu leisten. Denn man wolle, erklärte der Senat, entweder der Herrschaft die aristokratische Form geben, wie sie schon von altersher eingerichtet [162] war, oder aber durch förmlichen Senatsbeschluss jene Persönlichkeit zum Kaiser wählen, welche der Krone am würdigsten wäre.

206 (2.) Es traf sich nun, dass Agrippa, der eben zur Zeit dieser Ereignisse in Rom weilte, sowohl vom Senate eine Einladung zur Berathung, wie auch einen Ruf ins Lager von Claudius erhielt, da sich die eine und die andere Partei seiner Person zu ihren Zwecken bedienen wollte. Da Agrippa schon merkte, dass Claudius bereits die Macht des Kaisers in den Händen hatte, so trat er auf seine Seite 207 und wurde von ihm wieder als Gesandter an den Senat verwendet, um demselben die Entschlüsse des neuen Kaisers zu eröffnen. Er sei zwar, erklärte Claudius, gegen seinen Willen von den Soldaten erhoben worden, doch halte er es ebensowenig für gerecht, die Begeisterung der Soldaten kühl zurückzuweisen, als für seine Sicherheit rathsam, die angebotene Krone auszuschlagen, da bei einer solchen Herrschaft bekanntlich sogar schon das Angebot dazu den betreffenden in eine gefährliche Lage versetze. 208 Uebrigens, ließ er versichern, werde er die Regierung nur wie ein pflichtbewusstes Staatsoberhaupt und nicht wie ein Despot führen, da er sich’s an dem ehrenvollen Titel genüge sein lassen, das Berathungsrecht aber in allen Staatsangelegenheiten dem Volke zurückgeben wolle. Wäre er auch nicht schon von Haus aus ein billig denkender Mann, so hätte ihm ja Cajus in seinem Blute eine genugsam ernste und klare Lection zur Mäßigung hinterlassen.

209 (3.) Das war die Botschaft, die Agrippa dem Senate überbrachte. Der letztere ließ darauf antworten, dass er, gestützt auf das Heer und den Rechtssinn der Bevölkerung, das Joch einer selbstgewählten Knechtschaft sich nicht mehr auferlegen wolle. Als Claudius diesen Bescheid des Senates vernommen, schickte er Agrippa aufs neue an die Senatoren und ließ ihnen sagen, dass auch er seinerseits jene, die ihm einmal zugeschworen hätten, unmöglich verrathen könne: aber nur mit Bedauern ziehe er das Schwert gegen Männer, denen er am allerwenigsten feind sein könnte. 210 Für den Entscheidungskampf solle man indes vorher einen Platz außerhalb der Stadt anweisen, da es ein Frevel wäre, wegen ihres übelberathenen Entschlusses die Tempelbezirke ihrer Vaterstadt mit dem Blute der eigenen Bürger besudeln zu lassen. Sofort nach Entgegennahme dieser Antwort übermittelte sie Agrippa wieder den Senatoren.

211 (4.) Da ereignete sich ein Zwischenfall. Einer von den Soldaten, die bisher zum Senate gehalten hatten, zog sein Schwert und schrie: „Wackere Kameraden, sind wir denn von Sinnen, dass wir uns mit Bruderblut beflecken und gegen unsere eigenen Verwandten im Lager des Claudius losschlagen wollen? Haben wir denn nicht an Claudius [163] einen Monarchen, der in keiner Beziehung einen Tadel zu scheuen hat, und knüpfen uns nicht andererseits soviele zarte Bande an jene, auf die wir uns soeben mit den Waffen in der Hand stürzen wollen?“ 212 Mit diesen Worten stürmte er mitten durch die Senatsversammlung und riss alle Soldaten mit sich fort. Die Patrizier waren für den ersten Augenblick bei dieser Meuterei wie niedergeschmettert; dann aber, als sich gar kein Ausweg zur Rettung zeigen wollte, schlugen sie denselben Weg ein, wie die Soldaten: sie eilten zu Claudius. 213 Vor der Stadtmauer stießen sie jedoch auf eine Abtheilung von Soldaten mit blanken Schwertern, die in ihrem Ungestüm nicht länger zögern wollten, das Glück an ihre Fahne zu fesseln. Infolge dessen wären die ersten Reihen der Senatoren bald in die größte Lebensgefahr gerathen, noch ehe Claudius von dem Zusammenstoß mit den Soldaten etwas erfahren konnte, wenn nicht Agrippa sich zu Claudius begeben und ihn auf das Gefahrvolle der Situation aufmerksam gemacht hätte: würde der Kaiser, bemerkte Agrippa, dem Ungestüm der gegen die Patrizier wuthschäumenden Soldaten keinen Zügel anlegen, so werde er gerade jene Personen verlieren, deren Kranz den Kaiserthron so bewunderungswürdig erscheinen lasse, um auf solche Art dann Kaiser einer Wüste zu werden.

214 (5.) Auf diese Mahnung hin ließ Claudius der erhitzten Soldateska Einhalt gebieten und nahm die Senatoren ins Lager auf, wo er sie freundlich bewillkommnete. Gleich darauf verließ er in ihrer Begleitung wieder die Kaserne, um Gott die beim Antritt der Regierung üblichen Dankopfer darzubringen. 215 Eine seiner ersten Regierungshandlungen war dann, dass er Agrippa mit dem gesammten Königreiche, das sein Großvater einst besessen hatte, bedachte, mit Einschluss des Gebietes von Trachonitis und Auranitis, das Augustus dem Herodes noch eigens verliehen hatte, außerdem aber gab er ihm noch ein anderes, das sogenannte Königreich des Lysanias. 216 Diese Verleihung machte Claudius dem Volke in einem kaiserlichen Edicte kund, das er durch die betreffenden Staatsbehörden in eherne Tafeln eingraben und auf dem Capitol hinterlegen ließ. 217 Auch Herodes, den Bruder des Agrippa und als Gemahl seiner Tochter Berenice zugleich Schwiegersohn, beschenkte er mit dem Königreiche Chalcis.

218 (6.) In Kürze flossen nun dem Agrippa aus seinen Ländern, wie es ja bei deren Umfange nur allzu begreiflich war, reiche Einnahmen zu. Weit entfernt aber, diese großen Summen zu verzetteln, begann er damit den Bau einer so riesigen Festungsmauer um Jerusalem, dass durch dieselbe, wenn sie vollständig ausgeführt worden wäre, die spätere Belagerung von Seite der Römer ganz wirkungslos gemacht [164] worden wäre. 219 Bevor jedoch Agrippa den Bau zu seiner vollen Höhe bringen konnte, ward er in Cäsarea vom Tode überrascht, nachdem er drei Jahre König von Judäa gewesen war und noch früher ebenfalls drei Jahre die genannten Vierfürstenthümer regiert hatte. 220 Er hinterließ drei Töchter von der Cyprus, nämlich Berenice, Mariamne und Drusilla, wie auch einen Sohn von derselben Frau, namens Agrippa. Da der letztere noch gar zu jung war, so machte Claudius aus den Staaten des Königs wieder eine Provinz und sandte zuerst Cuspius Fadus und dann Tiberius Alexander als Landpfleger dahin ab, die, weil sie sich keine Eingriffe in die altherkömmlichen jüdischen Lebensgewohnheiten erlaubten, das Volk in Ruhe und Frieden erhielten. 221 Nach diesen Ereignissen starb auch Herodes, der König von Chalcis, mit Hinterlassung der zwei Söhne Berenicianus und Hyrkanus, die ihm die Bruderstochter geschenkt hatte, sowie noch eines dritten Sohnes Aristobulus, den er aus der früheren Ehe mit Mariamne hatte. Außer dem König Agrippa war übrigens dem Herodes noch ein anderer Bruder im Tode vorausgegangen, nämlich der im Privatstande lebende Aristobulus, der eine Tochter, namens Jotape, hinterließ. 222 Das waren also, wie ich früher schon gesagt habe, die drei Söhne des Aristobulus, des Sohnes vom Herodes, da Herodes von der Mariamne bekanntlich die zwei Söhne, den Aristobulus und Alexander, erhalten hatte, die dann der saubere Vater hinrichten ließ. Was die Nachkommenschaft des Alexander anlangt, so kam dieselbe auf den Königsthron von Großarmenien.


Zwölftes Capitel.
Die vielen Wirren unter Cumanus, der zuletzt verbannt wird. Felix wird Landpfleger. Tod des Kaisers Claudius.

223 (1.) Nachdem Herodes, der Fürst von Chalcis, mit Tod abgegangen war, erhob Claudius den Agrippa, den Sohn des verstorbenen Königs Agrippa, auf den Königsthron seines Oheims. In den übrigen Landestheilen, die jetzt eine römische Provinz bildeten, folgte auf Alexander in der Landpflegerschaft Cumanus, unter welchem die Unruhen und mit ihnen die Metzeleien in den Reihen der Juden aufs neue begannen. 224 Als nämlich das Volk zum Feste der ungesäuerten Brote in Jerusalem versammelt war, stand auch die römische Cohorte auf der Säulenhalle des Tempels, um, wie sonst immer, in voller Waffenbereitschaft die Festfeier zu überwachen und das geringste aufrührerische Gelüste in der angesammelten Menschenmenge zu unterdrücken. Da hob einer von den Soldaten sein Kleid in die Höhe, bückte sich, wie auf einem [165] Abtritt, und wendete den Juden unten sein Gesäß zu, indem er zu gleicher Zeit ein Geprassel hören ließ, das nur zu sehr zu seiner Haltung passte. 225 Darüber gerieth die ganze Menge in hellen Zorn und forderte unter Schreien und Schimpfen von Cumanus die Züchtigung des Soldaten. Mehrere junge Leute aber, die ihre Aufwallung noch weniger beherrschen konnten, wie auch die schon von Haus aus zum Aufruhr geneigten Elemente im Volke giengen gleich zum offenen Kampfe über, indem sie wüthend nach den Steinen griffen und auf die Soldaten warfen. 226 Da ließ Cumanus aus Besorgnis, es möchte das ganze Volk einen Sturm gegen ihn unternehmen, eine noch größere bewaffnete Macht an Ort und Stelle aufmarschieren. Sobald sich nun dieselbe in die Säulenhallen ergoss, stürmten die Juden, von unwiderstehlichem Entsetzen gepackt, aus dem Tempel und flohen in die Stadt hinab, 227 wobei an den Ausgängen ein so gewaltiges Gedränge entstand, dass über 10.000 Juden, von den eigenen Leuten zertreten oder zerquetscht, ihren Tod fanden, und sich so das Fest für die ganze Nation in Trauer verwandelte, zur Leichenklage für jedes Haus.

228 (2.) Kaum war dieses Unglück vorüber, so entstand schon wieder ein Auflauf und zwar hervorgerufen durch einen räuberischen Ueberfall. In der Nähe von Bethhoron wurde nämlich auf der dortigen Heeresstraße der Tross eines kaiserlichen Dieners, namens Stephanus, von Räubern überfallen und ausgeplündert. 229 Daraufhin schickte Cumanus das Militär in die nächsten Dörfer ringsum und ließ ihre Bewohner gefangen vor seinen Richterstuhl bringen unter der Anklage, die Räuber absichtlich nicht verfolgt und ihnen so zur Rettung verholfen zu haben. Bei diesem Anlass geschah es nun, dass ein Soldat in einem Dorfe das heilige Gesetzbuch fand, es zerriss und ins Feuer schleuderte. 230 Wäre den Juden damit ihr ganzes Land in Flammen aufgegangen, so hätte das Entsetzen bei ihnen nicht größer sein können, und wie aus einer Maschine geschnellt, flogen sie unter dem Druck ihrer religiösen Entrüstung auf die erste Kunde alle insgesammt nach Cäsarea zu Cumanus, um ihn zu bestürmen, dass er einen solchen Frevler gegen Gott und sein Gesetz ja nicht ohne Strafe ausgehen lasse. 231 Da Cumanus recht wohl einsah, dass die Menge nicht eher ruhen werde, als bis sie ein Pflästerchen für diese Beleidigung erhalten hätte, so ließ er den betreffenden Soldaten herbeibringen und mitten durch die Scharen der Unzufriedenen auf die Richtstätte hinausführen. Erst jetzt zogen sich die Juden wieder zurück.

232 (3.) Einige Zeit darauf kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Galiläern und Samaritern. Bei dem Dorfe Gema, das in der großen Ebene liegt, aber noch zu Samaria gehört, wurde ein Galiläer aus [166] der Zahl der vielen jüdischen Festpilger, die nach Jerusalem hinaufzogen, ermordet. 233 Auf die Kunde hievon rotteten sich alsbald viele Leute aus Galiläa zusammen, um den Samaritern eine förmliche Schlacht zu liefern. Da wandten sich die Häupter der letzteren an Cumanus und baten ihn fast auf den Knieen, persönlich nach Galiläa herüberzukommen und die des Mordes schuldigen Verbrecher zu bestrafen, bevor es zum Aeußersten käme, da nur durch dieses Mittel allein noch die Menge zum Auseinandergehen bewogen werden, und ein blutiger Kampf verhütet werden könnte. Das einzige, was sie nun erreichten, war, dass sie Cumanus mit ihren Bitten wegen augenblicklicher Geschäfte auf später verwies und sie für jetzt unverrichteter Dinge entließ.

234 (4.) Inzwischen war aber die Unglücksbotschaft von diesem Morde auch nach Jerusalem gedrungen, wo sie bei den Volksmassen eine allgemeine Bewegung verursachte. Man ließ das Fest Fest sein und eilte zum Kampfe an die Grenze von Samaria, ohne auch nur einen ordentlichen Führer zu haben. Vergebens waren alle Warnungen von Seite der Häupter. 235 Unter diese Volksscharen mischte sich übrigens auch das Raubgesindel und der eigentliche Rebellenhaufe, geführt von einem gewissen Eleazar, dem Sohne des Dinäus, und von Alexander. Diese Banden fielen nun über die an den Bezirk von Akrabatene angrenzenden Samariter her, hieben ohne Unterschied des Alters schonungslos alles nieder und zündeten die Dörfer an.

236 (5.) Jetzt endlich stellte sich Cumanus an die Spitze eines Reitergeschwaders, der sogenannten Sebastener, die in Cäsarea standen, und eilte den mit Vernichtung Bedrohten zu Hilfe. Er machte unter den Leuten des Eleazar zahlreiche Gefangene und brachte ihnen noch größere Verluste an Todten bei. 237 Mittlerweile hatten sich aber die Häupter aus Jerusalem, mit Trauersäcken angethan und den Scheitel mit Asche bestäubt, in aller Eile unter das übrige Volk begeben, das da ausgezogen war, um gegen die Samariter loszuschlagen, und hatten es dringend gebeten, einzuhalten und nicht durch die Befriedigung der Rachegelüste an den Samaritern den Grimm der Römer über Jerusalem heraufzubeschwören. „Habet doch Mitleid,“ sagte man ihnen, „mit eurer Vaterstadt und dem Tempel, wie auch mit euren eigenen Kindern und Frauen; denn ihr setzet euch der Gefahr aus, über der Rache für einen einzigen Galiläer dies alles zu verlieren!“ 238 Das machte Eindruck, und die Juden zerstreuten sich, aber viele von ihnen warfen sich jetzt auf den Straßenraub, der ziemlich ungescheut getrieben werden konnte, und bald hörte man im ganzen Lande von nichts als von Raubthaten, und wo es kühner hergieng, sogar von Handstreichen [167] durch Rebellen. 239 Jetzt erschienen die Großen Samariens vor dem Statthalter von Syrien Ummidius Quadratus, der sich gerade in Tyrus aufhielt, mit der Forderung, ihnen doch einige Genugthuung von Seite der Juden für die Mordbrennereien in ihrem Lande zu verschaffen. 240 Es hatten sich aber auch die angesehensten Juden mit dem Hohenpriester Jonathas, dem Sohne des Ananus, hier eingefunden, welche die Samariter wegen des von ihnen verübten Mordes als die ersten Anstifter der Unruhen bezeichneten, für die weitere Verwicklung aber den Cumanus verantwortlich machten, weil er die Mörder des Unglücklichen nicht habe züchtigen wollen.

241 (6.) Vorderhand beschied Quadratus beide Parteien auf eine spätere Zeit, indem er ihnen die Versicherung gab, persönlich an Ort und Stelle alle einzelnen Vorgänge genau prüfen zu wollen. Als er dann später wirklich nach Cäsarea kam, befahl er zunächst, alle von Cumanus gemachten Gefangenen ans Kreuz zu schlagen, 242 und begab sich von da nach Lydda. Hier nahm er neuerlich ein gründliches Verhör mit den Samaritern vor und ließ achtzehn Juden, von denen er gehört hatte, dass sie am Kampfe betheiligt gewesen, herbeiführen und mit dem Beile vom Leben zum Tode bringen. 243 Er sandte ferner zwei andere Juden, die zu den einflussreichsten zählten, sowie die Hohenpriester Jonathas und Ananias und den Sohn des letzteren, Ananus, mit noch einigen anderen angesehenen Juden zum Kaiser, wohin auch die bekanntesten Häupter der Samariter auf sein Geheiß abgehen mussten. 244 Selbst Cumanus und der Tribun Celer erhielten von ihm die gemessene Weisung, nach Rom zu segeln, um von den jüngsten Vorgängen dem Kaiser Claudius Rechenschaft abzulegen. Nach diesen Maßregeln reiste er von Lydda nach Jerusalem hinauf, wo er das Volk gerade bei der Feier der ungesäuerten Brote und in musterhafter Ruhe antraf. Er kehrte darum alsbald wieder nach Antiochien zurück.

245 (7.) In Rom nahm unterdessen der Kaiser den Cumanus und die Samariter ins Verhör, bei dem auch Agrippa sich eingefunden hatte, um mit großem Eifer für die Juden eine Lanze zu brechen, zumal sich auch für Cumanus viele römische Größen eingesetzt hatten. Die Sache endete mit der Verurtheilung der Samariter, von denen Claudius drei der einflussreichsten hinrichten ließ, während er den Cumanus in die Verbannung schickte. 246 Der Tribun Celer musste sogar auf kaiserlichen Befehl gefesselt nach Jerusalem geschafft werden, damit die Juden zuerst an ihm ihr Müthchen kühlen könnten: dann sollte er noch in der ganzen Stadt herumgeschleppt und schließlich enthauptet werden.

247 (8.) Nach diesen Ereignissen schickte Claudius den Bruder des Pallas, namens Felix, als Landpfleger von Judäa, Galiläa, Samaria [168] und Peräa in den Orient. Er erhob auch um diese Zeit den Agrippa vom Königreiche Chalcis auf einen größeren Thron, indem er ihm die Tetrarchie gab, die einst Philippus gehört hatte, bestehend aus den Landschaften Batanäa, Trachonitis und Gaulanitis, vermehrt um das Reich des Lysanias und das frühere Herrschaftsgebiet des Varus. 248 Darauf starb der Kaiser nach einer Regierung von 13 Jahren, 8 Monaten und 20 Tagen und hinterließ als Nachfolger in der Herrschaft den Nero, 249 welchen er, von den Intriguen seiner Gemahlin Agrippina umgarnt, adoptiert und zum Erben der Krone gemacht hatte, obschon er von seiner früheren Gattin Messalina ohnehin einen männlichen Leibessprossen in Brittanicus erhalten hatte, wie auch eine Tochter, namens Octavia, die er selbst noch mit Nero verbunden hatte. Auch von der Petina hatte er noch eine Tochter, die Antonia.


Dreizehntes Capitel.
Besitzveränderungen unter Nero. Das Räuberunwesen unter Felix. Die Sicarier. Betrüger in der Wüste. Der Prophet aus Aegypten. Freiheitsschwärmer. Streit zwischen den Juden und Griechen in Cäserea.

250 (1.) Mit welchen tollen Streichen nun der Kaiser Nero, dem sein übergroßes Glück und sein Reichthum den Kopf verdreht hatte, die ihm zugefallene Würde geschändet, in welcher Weise er Bruder und Frau und selbst die eigene Mutter nacheinander hingeschlachtet und nach ihnen dann seine grausame Gier im Blute der edelsten Männer gestillt hat, 251 wie er endlich von seinem Wahnwitz soweit getrieben ward, dass er sogar auf der Bühne und im Theater auftrat, das alles will ich jetzt, da es noch in aller Mund ist, beiseite lassen, um gleich zu jenen Ereignissen zu kommen, die unter seiner Herrschaft sich im Judenlande abgespielt haben.

252 (2.) Aristobulus, der Sohn des Herodes, wurde von Nero mit dem Königreich Kleinarmenien bedacht, das Reich des Agrippa aber von ihm um vier Städte mit ihrem Umkreise, nämlich um Abila und das ostjordanische Julias, Tarichää und Tiberias in Galiläa vergrößert. Für das übrige Gebiet, die Provinz Judäa, bestätigte er Felix in seiner Eigenschaft als Landpfleger. 253 Letzterem gelang es, den Räuberhauptmann Eleazar, der schon zwanzig Jahre hindurch das Land ausgeplündert hatte, nebst vielen aus seiner Bande dingfest zu machen und nach Rom einzuliefern. Auch die Zahl der sonstigen Räuber, die er ans Kreuz schlagen ließ, und die Menge der Helfershelfer, die er selbst unter den Bürgern ertappte und abstrafte, stieg ins Ungeheure.

[169] 254 (3.) Kaum war das Land von diesen Horden reingefegt, als auch schon eine andere Gattung von Räubern, die sogenannten Sicarier, in Jerusalem auftauchte, die am hellen Tage und mitten in der Stadt die Leute erdolchten. 255 Sie pflegten sich besonders gern bei Gelegenheit einer Festfeier unter das Volk zu mischen, um dann mit kleinen Stileten, die sie unter den Kleidern verborgen trugen, ihre Gegner zu durchbohren. Waren diese gefallen, so geberdeten sich die Mörder, wie andere Zuschauer, ganz entrüstet über die That und konnten eben darum wegen Mangel jeglichen Verdachtes auf keine Weise herausgefunden werden. 256 Der erste, den ihr Mordstahl traf, war der Hohepriester Jonathas, dem dann Tag für Tag noch viele Schlachtopfer folgen sollten, und was das peinlichste daran war, das war nicht so sehr der Todesstoß selbst, als vielmehr die Angst vor ihm, da ein jeder, wie mitten im Kriege, stündlich des Todes gewärtig sein musste. 257 Man nahm sich daher vor den Tücken des Feindes schon von weitem inacht und traute selbst nicht einmal mehr seinen eigenen Freunden in der Nähe! Dessenungeachtet wurden die betreffenden Personen auch bei der ängstlichsten Vorsicht und mitten in ihren Sicherheitsvorkehrungen niedergestoßen: so groß war die Schnelligkeit der Meuchler und die Gewandtheit, mit der sie sich zu verstecken wussten!

258 (4.) Außer diesen bildete sich noch eine andere Bande von nichtswürdigen Menschen, welche zwar ihre Hände nicht in so gräßlicher Weise befleckten, wie diese, aber im Innern noch verruchter waren, Leute, die das Glück der Hauptstadt nicht weniger untergruben, als die Mörderbande. 259 Es waren dies Irrgeister und Verführer, welche unter der Maske prophetischer Begnadigung es nur auf Neuerungen und Umwälzungen anlegten und durch ihre Reden dass Volk in eine rasende Begeisterung hineinhetzten. Sie führten es in die Wüste hinaus mit dem Versprechen, dass Gott ihnen daselbst verschiedene Wunderzeichen zum Unterpfand ihrer Befreiung kundthun werde. 260 Da diese Bewegung dem Felix als eine Vorbereitung auf den vollständigen Abfall erschien, so ließ er gegen sie eine Abtheilung Reiterei und schwerbewaffnetes Fußvolk ausrücken und eine große Masse aus ihnen zusammenhauen.

261 (5.) Ein noch empfindlicherer Unglücksschlag traf die Juden mit dem Auftreten des falschen Propheten aus Aegypten. Es kam nämlich ein Zauberer in das Land, der sich das Ansehen eines Propheten gab und bei 30.000 bethörter Anhänger um sich scharte. 262 Diese führte er nun aus der Wüste auf den sogenannten Oelberg, willens, von da sich den Eingang in die Hauptstadt mit Gewalt zu erzwingen, nach Ueberwältigung der römischen Besatzung seine Herrschaft dem Volke [170] darin aufzunöthigen und mit Hilfe seiner bewaffneten Begleitung, die ihn hineingebracht, auch zu behaupten. 263 Felix wartete aber seinen Angriff nicht erst ab, sondern warf sich ihm mit seinen römischen Schwerbewaffneten entgegen und ward auch bei dieser Abwehr von dem ganzen Volke so wirkungsvoll unterstützt, dass aus dem sich nunmehr entspinnenden Treffen der Aegyptier sich nur mit wenigen Anhängern retten konnte, während die meisten davon in Stücke gehauen oder gefangen genommen wurden. Die übrigen Scharen flohen auseinander, und jeder suchte sein schützendes Heim zu gewinnen.

264 (6.) Kaum war die Ruhe von dieser Seite hergestellt, als auch schon wieder ein anderer Theil, wie es eben bei einem kranken Körper schon geht, von der Entzündung ergriffen wurde. Es rotteten sich nämlich die Zauberer und das Raubgesindel aufs neue zusammen, stachelten viele Einwohner zur Empörung an und forderten sie in feurigen Reden zur Gewinnung der Freiheit auf, indem sie zugleich diejenigen, welche sich der römischen Herrschaft gefügig zeigten, mit dem Tode bedrohten, und frech erklärten, dass man jene, die nun einmal die liebgewordene Knechtschaft der Freiheit vorzögen, eben nur mit Gewaltmitteln aus derselben herausreißen könne. 265 Sie vertheilten sich in der That auch bandenweise auf das Land, raubten die Häuser der Großen aus, erschlugen ihre Eigenthümer und steckten die Dörfer in Brand, so dass ganz Judäa von den Greueln ihrer Raserei erfüllt ward, und die so entfachte Kriegesfackel mit jedem Tage stärker aufloderte.

266 (7.) Wieder andere Wirrnisse brachen in Cäsarea aus, wo sich die Juden mit den daselbst ansässigen Syrern, unter denen sie zerstreut wohnten, überwarfen. Sie stellten sich nämlich auf den Standpunkt, dass die Stadt eigentlich eine jüdische wäre, weil ja ein Jude, der König Herodes, ihr Gründer gewesen sei. Die Gegenpartei gab die Besiedlung durch einen Juden ohneweiters zu, nahm aber trotzdem die Stadt für die Griechen in Anspruch, da Herodes gewiss keine Bildsäulen und Göttertempel in dieser Stadt hätte aufrichten lassen, wenn er sie hätte den Juden widmen wollen. 267 Darüber nun stritt man sich zuerst auf beiden Seiten eine Weile hin und her, bis der Wortstreit in einen thätlichen Kampf ausartete, und es Tag für Tag zwischen den Heißspornen beider Parteien zu blutigen Zusammenstößen kam, da es weder den Aeltesten der Juden gelang, die Kampfhähne auf ihrer Seite in Schranken zu halten, noch auch die Griechen, schon der Schande halber nicht, vor den Juden zurückweichen wollten. 268 Geldmacht und Leibesstärke gaben zwar den Juden einen gewissen Vortheil, aber das griechische Element hatte dafür in dem Rückhalt, [171] den es an dem Militär fand, ein Gegengewicht, da der größte Theil der in Cäsarea stationierten römischen Streitmacht aus Syrien sich recrutierte, und die Soldaten daher schon als Landsleute den syrischen Einwohnern der Stadt beizuspringen geneigt waren. 269 Uebrigens waren die Behörden angelegentlich bemüht, die Gährung zu unterdrücken, indem sie die hitzigsten Kämpfer von beiden Seiten regelmäßig herausgreifen und mit Geißlung und Kerkerhaft abstrafen ließen. Aber sowenig vermochte die Züchtigung der also Betroffenen die Streitlust der anderen zu dämpfen oder sie auch nur in etwa einzuschüchtern, dass im Gegentheil durch die gesteigerte Erbitterung noch Oel ins Feuer gegossen wurde. 270 Als nun eines Tages die Juden im Kampfe das Feld behauptet hatten, begab sich Felix persönlich auf das Forum und befahl den Juden im drohenden Tone, den Platz zu räumen. Da sich die Juden dazu nicht verstehen wollten, so ließ er das Militär gegen sie vorgehen und eine beträchtliche Menge aus ihnen niederstrecken, über deren Eigenthum man auch sofort herfiel. Weil aber trotz dieses Zwischenfalles der blutige Zwist noch fortbestand, so entschloss sich endlich Felix, eine Auswahl der angesehensten Personen von beiden Parteien zu treffen und sie als Gesandte an Nero abzuordnen, damit sie vor ihm ihre gegenseitigen Forderungen geltend machen könnten.

Vierzehntes Capitel.
Abgang des Felix. Festus wird Landpfleger. Auf ihn folgt Albinus. Schlechte Verwaltung desselben. Der letzte Landpfleger Gessius Florus. Klage der Juden vor Cestius. Neue Bedrückungen in Cäsarea. Das Blutbad in Jerusalem.

271 (1.) Von Felix gieng die Landpflegerschaft auf Festus über, welcher dem Hauptübel des Landes, dem Räuberunwesen, energisch zu Leibe gieng, den größten Theil der Banditen lebendig in seine Gewalt bekam und auch eine erkleckliche Anzahl derselben im Kampfe tödtete. 272 Leider waltete sein Nachfolger Albinus nicht in derselben Weise seines hohen Amtes, da er im Gegentheil keine wie immer geartete Schlechtigkeit auszuüben vergaß. 273 Denn nicht bloß machte er sich in seiner öffentlichen Verwaltung Unterschleife schuldig und raubte selbst gewaltthätig Hab und Gut der einzelnen Unterthanen, während er das ganze Volk mit Abgaben fast erdrückte, sondern er ließ sogar die von verschiedenen Ortsbehörden oder von den früheren Landpflegern wegen Raub verhafteten Verbrecher ihren Verwandten gegen Erlag eines Lösegeldes ausliefern, und nur der, welcher nichts zahlte, war ein Schurke und musste im Kerker zurückbleiben. 274 Es war derselbe Albinus, unter dessen Regierung auch die Umsturzmänner in Jerusalem mit ihren verwegenen [172] Plänen wieder kühner hervorzutreten wagten, indem die einflussreichsten unter ihnen sich um Geld sogar die Nachsicht des Landpflegers für ihr hochverrätherisches Treiben zu erkaufen wussten, während zu gleicher Zeit jener Theil des Volkes, der an der Ruhe keine Freude hatte, ganz natürlich durch seine Parteinahme jene Leute unterstützte, mit denen Albinus selbst unter einer Decke spielte. 275 So kam es, dass jeder Taugenichts einen Haufen Gleichgesinnter an sich zog, aus dem er selbst, wie ein Banditenführer oder kleiner Gewalthaber, hervorragte, um durch diese seine Trabanten alle ehrlichen Bürger auszuplündern. 276 Ueberdies mussten die so ausgezogenen auch noch fein stille sein bei solchen Dingen, die ihnen sonst die Zornesglut in das Gesicht gejagt hätten, und jene, die ungeschoren blieben, mussten schon aus Furcht, dasselbe Schicksal zu erleiden, selbst vor Leuten kriechen, die dem Henker gehört hätten. Mit einem Worte: das freie Wort war bei allen geknebelt, die persönliche Freiheit aber bei den meisten durch die Tyrannen bedroht. Auf diese Weise ward schon von da an der Keim für das nahende Verderben der Hauptstadt in den Boden gesenkt.

277 (2.) So groß nun auch der Schurke in Albinus war, so musste man ihn doch im Zusammenhalt mit seinem Nachfolger Gessius Florus noch als Tugendhelden betrachten. Albinus führte meist seine Spitzbübereien mit einer gewissen Verstohlenheit und Aengstlichkeit aus, aber Gessius brüstete sich noch mit seinen Frevelthaten gegen die jüdische Nation und ließ, geradeso als wäre er in der Eigenschaft eines Scharfrichters zum Abschlachten von Verurtheilten ins Land geschickt worden, keine Art von Raub und Gewaltthat unversucht. 278 Bei Scenen, die zum Mitleid herausforderten, zeigte er sich von ausgesuchter Grausamkeit, in Dingen, die jeden mit Scham erfüllen, von beispielloser Frechheit. Niemand hat je der Wahrheit durch seine Treulosigkeit ärgere Faustschläge versetzt, niemand bei seinen schlauen Streichen krummere Wege ausgeheckt! Sich erst bei Einzelnen seinen ungerechten Gewinn herauszupressen, war ihm zu minder, er musste gleich ganze Städte ausziehen und volkreiche Gemeinden ruinieren, und es gieng nur noch ab, dass er auch öffentlich im Lande durch einen Herold verkünden ließ, es dürfe jetzt ein jeder ungescheut stehlen und rauben, wenn nur der Landpfleger einen Theil des Geraubten bekäme. 279 Kam es ja doch soweit, dass infolge seiner Habgier ganze Bezirke verödeten, und viele aus ihrem angestammten Lande auswandern mussten, um in heidnischen Provinzen eine Zufluchtstätte zu finden.

280 (3.) Es nahm sich auch, solange Cestius Gallus am Sitze seiner syrischen Provinz blieb, Niemand den Muth eine Gesandtschaft an ihn [173] zu übernehmen und gegen Florus aufzutreten. Als aber Cestius einst kurz vor dem Feste der ungesäuerten Brote nach Jerusalem kam, sammelte sich das Volk in einer Anzahl von nicht weniger als drei Millionen um sein Tribunal und bat ihn flehentlich, sich doch über die Leiden der Nation zu erbarmen und sie gegen den Blutsauger des Landes, wie man Florus unter lautem Geschrei nannte, zu beschützen. 281 Florus, der zugegen war und an der Seite des Cestius stand, hatte für diese lauten Anklagen nur ein höhnisches Grinsen; Cestius aber suchte das stürmisch erregte Volk zu beruhigen und gab die Versicherung ab, er werde dafür sorgen, dass die Juden in Zukunft an Florus einen gnädigeren Landpfleger hätten. Darauf kehrte er wieder nach Antiochien zurück, 282 wobei ihm Florus bis Cäsarea das Geleite gab und ihm die Ohren gegen die Juden vollredete. Letzterer dachte von jetzt an ernstlich auf Mittel und Wege, um das Volk in einen Krieg zu stürzen, weil er dadurch allein noch seine Uebelthaten völlig verdecken zu können glaubte. 283 Denn dass er beim Fortbestande des Friedens die Juden einmal als Kläger an den Stufen des Kaiserthrones treffen würde, dessen war er sicher, während er im anderen Falle, wenn es ihm nämlich gelänge, die Juden zum Abfall zu treiben, hoffen konnte, durch die größere Uebelthat den Arm der Gerechtigkeit auch von der Bloßlegung der kleineren abzulenken. Um nun die Nation mit aller Gewalt zur Losreißung von Rom zu nöthigen, zog er von Tag zu Tag die Folterschrauben seiner Tyrannei immer fester an.

284 (4.) Unterdessen hatten auch noch die griechischen Bewohner von Cäsarea den Process wegen der Herrschaft über die Stadt bei Nero gewonnen und konnten nun das kaiserliche Urtheil schwarz auf weiß nach der Rückkehr ihrer Gesandten den Juden vorweisen. Das war der erste Funke, aus dem der Krieg im zwölften Jahre der Regierung des Nero, im siebzehnten Jahres der Königsherrschaft des Agrippa, im Monate Artemisius aufloderte, 285 obschon die nächste Reibung dazu in gar keinem Vergleiche zu der Größe des Jammers stand, der aus diesem Kriege entspringen sollte. Die Juden hatten nämlich in Cäsarea eine Synagoge, deren nächste Umgebung einem griechischen Einwohner dieser Stadt gehörte. Schon oft hatten sie Schritte gethan, um den Platz anzukaufen, und dafür einen Preis geboten, der eine vielfache Ueberzahlung des Grundes bedeutete. 286 Aber wie um den Juden zu zeigen, dass er auf ihre Bitten gar nichts gebe, verbaute der Eigenthümer auch noch zum Hohne den letzten freien Platz mit Werkstätten und ließ den Juden nur einen engen und ganz beschränkten Zugang übrig. Zunächst liefen nun einige heißblütigere junge Leute auf den [174] Platz und wollten die Bauten mit Gewalt verhindern. 287 Als ihnen aber Florus die gewaltsame Störung verwehrte, wandten sich die wohlhabendsten Juden, darunter der Zöllner Johannes, in ihrer großen Verlegenheit an Florus und suchten ihn durch die Zusage von acht Silbertalenten zu bestimmen, dass er den Bau einstellen lasse. 288 Florus versprach in der That jegliche Hilfe, aber nur um die Summe zu bekommen: denn kaum hatte er sie eingesackt, als er sofort Cäsarea verließ und sich nach Sebaste begab, um so den Streitenden das Feld zu überlassen, wie wenn er den Juden bloß die Freiheit verkauft hätte, sich ungestört mit den Griechen herumschlagen zu dürfen!

289 (5.) Als sich nun am folgenden Tage, der ein Sabbath war, die Juden in der Synagoge versammelt hatten, stellte unterdessen einer von den griechischen Schreiern in Cäsarea ein bauchiges Gefäß mit der Oeffnung nach unten neben den Eingang in die Synagoge und schlachtete darauf einige Vögel. Das erfüllte die Juden mit einer tödtlichen Erbitterung, weil man ihnen dadurch zu gleicher Zeit ihre Gesetze verhöhnt und die Stätte selbst verunreinigt hatte. 290 Freilich hielt es der kaltblütigere und nachgiebigere Theil der Gemeinde auch jetzt noch für das beste, die Zuflucht zu den Behörden zu nehmen, aber die ohnehin zum Aufruhr geneigten und in jugendlichem Ungestüm aufbrausenden Köpfe waren gleich Feuer und Flamme für den Kampf. Auch die griechische Gegenpartei in Cäsarea stand schon schlagfertig da, da der Mann mit dem Opfer eigentlich von ihr vorausgeschickt worden war und nur nach Verabredung mit ihr gehandelt hatte. 291 Sofort gieng der Kampf los. In diesem Augenblicke eilte jedoch Jucundus, der Anführer der Reiterei, welcher den Befehl hatte, einzuschreiten, herbei, entfernte das Gefäss und suchte die Kämpfer zu beruhigen. Da indes seine Bemühungen an der feindseligen Haltung der Cäsareenser scheiterten, so packten die Juden ihre Gesetzesrollen zusammen und zogen sich aus der Stadt nach Narbata zurück, Name eines jüdischen Ortes, der sechzig Stadien von Cäsarea entfernt liegt. 292 Die zwölf vornehmsten Männer aber reisten mit Johannes an der Spitze nach Sebaste zu Florus, baten unter bitteren Klagen über das Geschehene dringend um seinen Beistand und ließen dabei nur eine ganz schüchterne Anspielung an die acht Talente fallen. Das war für Florus genug, um die Männer verhaften zu lassen und in Bande zu legen, unter der seltsamen Anschuldigung, dass sie die Gesetzesrollen aus Cäsarea fortgeschafft hätten.

293 (6.) Ueber diese Vorfälle war man in Jerusalem sehr erbittert. Trotzdem hielt man auch jetzt noch die Aufwallung nieder. Florus blies aber, als wäre er dafür bezahlt gewesen, in einem fort in den [175] glimmenden Aufruhr. So schickte er zum Schatz des Heiligthums hinauf und entnahm ihm siebzehn Talente mit der Ausrede, dass der Kaiser sie brauche. 294 Darob natürlich gleich große Bestürzung im Volke! Von allen Seiten eilte man in den Tempel hinauf, rief mit durchdringendem Geschrei den Kaiser beim Namen und flehte zu ihm, sie doch von der Tyrannei des Florus befreien zu wollen. 295 Einige von der Umsturzpartei aber ergiengen sich sogar in den gröbsten Beschimpfungen gegen Florus und sammelten öffentlich in einem Korbe für ihn ab mit den Worten: „Um eine kleine Unterstützung für den armen und elenden Florus!“ Weit entfernt, dass sich Florus infolge dessen seiner Habgier geschämt hätte, bot ihm jetzt die Rache ein neues Mittel, Gelder zusammen zu scharren. 296 Denn statt nach Cäsarea zu gehen, um die hier schon aufsteigende Flamme des Krieges zu dämpfen und die Ursachen der Bewegung zu beseitigen, wofür er ja eigens Geld erhalten hatte, rückte er an der Spitze eines Heeres mit Reiterei und Fußvolk gegen Jerusalem heran, um, gestützt auf die römischen Waffen, seinen habsüchtigen Zweck zu erreichen und die eingeschüchterte, vor seinen Drohungen zitternde Stadt gründlich auszuziehen.

297 (7.) Um noch rechtzeitig seinen Grimm durch ein freundliches Benehmen zu entwaffnen, kam das Volk den Soldaten mit Segenswünschen entgegen und schickte sich an, dem Florus einen schmeichelhaften Empfang zu bereiten. 298 Dieser aber ließ ihnen durch den Hauptmann Capito, den er mit fünfzig Reitern vorausgeschickt hatte, den Befehl zustellen, sich zurückzuziehen und ihn jetzt mit ihren heuchlerischen Artigkeiten zu verschonen, nachdem sie früher so lästerlich auf ihn geschimpft hätten: 299 wenn sie schon so kernige und schneidige Leute wären, so sollten sie ihm auch ihre Spöttereien ins Gesicht sagen und ihre Freiheitsliebe nicht bloß auf der Spitze ihrer Zungen, sondern auch auf der Spitze ihrer Schwerter zeigen. 300 War die Menge schon durch diese Worte wie niedergeschmettert, so floh sie jetzt nach allen Seiten auseinander, als die Reiter des Capito auch noch mitten unter sie hineinsprengten und es so verhinderten, dass das Volk den Florus bewillkommnete oder den Soldaten Beweise seiner Willfährigkeit gäbe. Die Juden zogen sich in ihre Häuser zurück und verbrachten in äußerst gedrückter Stimmung eine angstvolle Nacht.

301 (8.) Florus quartierte sich für diese Nacht im königlichen Palaste ein. Am folgenden Tage ließ er vor dem Palaste seinen Richterstuhl aufschlagen und setzte sich zur Verhandlung nieder. Es hatten sich vor ihm die Hohenpriester und jüdischen Großen, die ganze Elite der Hauptstadt eingefunden und umgaben nun sein Tribunal. 302 Der erste Befehl des Florus gieng auf die Auslieferung der Lästerer, und er [176] begleitete diese Forderung mit der Drohung, dass sie selbst seine Rache zu kosten bekämen, wenn sie ihm die Uebelthäter nicht zur Stelle schaffen würden. Die Angeredeten gaben dem gegenüber die Erklärung ab, dass das Volk ganz friedliche Absichten hege, und baten für jene, die sich unpassender Aeußerungen schuldig gemacht hätten, um Pardon. 303 Es sei doch gar kein Wunder, bemerkte man ihm, dass es unter einer so riesigen Volksmenge immer einige verwegenere Leute und jugendliche Tollköpfe gebe, und es sei auch andererseits ganz unmöglich, die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden, weil ja die Sache einem jeden jetzt leid thäte, und die betreffenden schon aus Furcht vor der Strafe ganz gewiss alles ableugnen würden. 304 Uebrigens sei es die Pflicht des Landpflegers, für die Aufrechthaltung des Friedens im Volke zu sorgen und alle Maßnahmen zu treffen, um die Stadt den Römern zu erhalten. Florus möge also lieber aus Rücksicht auf soviele ganz unschuldige Menschen auch den wenigen, die sich vergangen hätten, Gnade angedeihen lassen, als wegen etlicher Taugenichtse soviel braves Volk in die größte Aufregung versetzen.

305 (9.) Auf diese Antwort hin brauste Florus noch mehr auf und schrie jetzt seinen Soldaten zu, dass sie den sogenannten oberen Markt ausplündern und niedermetzeln sollten, wen immer sie träfen. Als die ohnehin schon nach Beute lüsternen Soldaten auch noch durch ihren eigenen Führer dazu aufgefordert wurden, begannen sie nicht bloß den ihnen überlassenen Stadttheil zu plündern, sondern stürmten die Häuser ohne Unterschied und machten ihre Bewohner nieder. 306 Gassen auf, Gassen ab wogte eine wilde Flucht, und wer eingeholt wurde, ward niedergestochen; man raubte, wo und wie man konnte. Selbst viele gutgesinnte Bürger wurden verhaftet und zu Florus geschleppt, der sie nach vorgängiger grausamer Geißlung ans Kreuz schlagen ließ. 307 Die Gesammtzahl der Opfer, die an jenem einzigen Tage gefallen, die Frauen und Kinder eingerechnet – denn nicht einmal die kleinen Kinder schonte man – stieg auf 3600! 308 Was aber dem Unglück eine besondere Schwere verlieh, das war eine bis jetzt an den Römern noch nie gesehene Grausamkeit. Denn was kein früherer Landpfleger sich zu thun getraut, das that der freche Florus: er ließ Männer aus dem Ritterstande vor seinem Richterstuhle geißeln und dann ans Kreuz nageln, Männer, sage ich, die, wenn auch Juden von Geburt, so doch wenigstens dem Range nach, den sie bekleideten, Römer waren!

[177]
Fünfzehntes Capitel.
Fruchtlose Vermittlung der Berenice. Neuerliche Misshandlung des Volkes durch die Soldaten. Florus sucht in den Tempel zu dringen, wird aber vom Volke zurückgeschlagen. Die Juden brechen die Hallen an der Antonia ab. Florus kehrt nach Cäsarea zurück.

309 (1.) Leider weilte gerade um diese Zeit der König Agrippa in Alexandrien, wohin er zu dem Zwecke gereist war, um dem von Nero mit der Verwaltung Aegyptens betrauten und dorthin bereits abgesandten Alexander seine Glückwünsche darzubringen. 310 Wohl aber befand sich eben seine Schwester Berenice in Jerusalem, die nun, von ungeheurem Schmerz zerrissen, Zeuge der Greuelthaten der Soldaten sein musste. Wiederholt hatte sie schon die Officiere ihrer berittenen Garde und ihre sonstigen Leibwachen zu Florus geschickt mit der Bitte, doch einmal dem Gemetzel Einhalt zu gebieten. 311 Aber der hatte kein Auge weder für die große Zahl der bereits hingeschlachteten Menschen, noch für den Adel der hohen Bittstellerin, sondern einzig und allein für den aus den Plünderungen zu erhoffenden Gewinn und blieb taub gegen alle Bitten. 312 Ja, die entfesselte Soldateska ließ ihre Wuth sogar an der Königin aus, indem sie nicht allein gerade vor ihren Augen die eingefangenen Opfer misshandelte und niederstieß, sondern bald auch sie selber getödtet haben würde, wenn sie sich nicht noch bei Zeiten in den Königshof geflüchtet hätte. Hier blieb sie die ganze Nacht unter dem Schutze einer Wache, weil sie immer einen Angriff der Soldaten befürchten musste. 313 Ihr damaliger Aufenthalt in Jerusalem hieng mit einem Gelübde zusammen, das sie Gott dem Herrn lösen wollte. Es besteht nämlich bei uns die Sitte, dass jene, die von einer schweren Krankheit oder einem anderen Unglück niedergebeugt sind, das feierliche Versprechen ablegen, die dreißig Tage hindurch, welche der Entrichtung der eigentlichen Gelübdeopfer vorausgehen, sich des Weines zu enthalten und sich dann das Haupthaar scheren zu lassen. 314 Bei dieser Gelegenheit also, wo Berenice ihr Gelübde einzulösen im Begriffe stand, war es, dass sie persönlich und zwar bloßfüßig den Florus vor seinem Richterstuhle für die Juden anflehte und, statt eine zarte Rücksicht zu finden, sogar für ihr Leben Gefahr lief.

315 (2.) Diese Vorgänge hatten sich am sechzehnten des Monates Artemisius abgespielt. Am folgenden Tage strömte die Volksmenge, von übergroßem Schmerz erfüllt, nach dem oberen Markt, um in einem erschütternden Klagegeschrei ihrem Jammer um die Hingemordeten Luft zu machen: es überwogen aber bald die Stimmen, die um Rache gegen Florus schrien. 316 Bei dieser Wahrnehmung zerrissen [178] die jüdischen Häupter und die Hohenpriester, von neuer Angst ergriffen, ihre Kleider und baten fußfällig alle und jeden insbesondere, sich doch jetzt ruhig zu verhalten und nach einem solchen Blutbad den Florus nicht zu einem zweiten Schritt von unberechenbaren Folgen zu reizen. 317 Bald hatte sich das Volk gefügt, theils aus ehrerbietiger Scheu vor der Persönlichkeit der Bittenden, theils auch, weil es hoffte, dass sich Florus in Zukunft keine solchen Zügellosigkeiten mehr gegen die Juden erlauben werde.

318 (3.) Wem es aber leid that, dass die Glut der Erregung wieder gestillt wurde, das war Florus, der nun, um sie neuerdings zum Auflodern zu bringen, die Hohenpriester und Angesehensten holen ließ und ihnen erklärte, sie könnten ihm den Beweis dafür, dass das Volk keinen weiteren Versuch zum Aufstande mehr machen werde, nur dann liefern, wenn die Juden den von Cäsarea heraufmarschierenden Soldaten zur Stadt hinaus entgegenziehen würden. Es kamen nämlich noch zwei Cohorten nach. 319 Während aber die Häupter noch daran waren, die Volksversammlung einzuberufen, sandte Florus an die Hauptleute der Cohorten eine Botschaft voraus mit dem Bedeuten, den unterstehenden Mannschaften den strengen Auftrag zu geben, dass sie die Begrüßung der Juden nicht erwidern und, wenn diese dann sich gegen den Landpfleger irgendwie verlauten ließen, gleich zu den Waffen greifen sollten. 320 Mittlerweile hatten die Hohenpriester die Volksmenge im Tempel versammelt, und redeten nun auf sie ein, dass sie den Römern entgegengehen und lieber noch die Cohorten bewillkommnen, als ein ganz heilloses Unglück herbeiführen möchte. Diesen Vorstellungen widersetzte sich jedoch das aufrührerische Element, und selbst das eigentliche Volk neigte unter dem Eindruck des Blutbades bereits zur Partei der Verwegeneren hin.

321 (4.) In diesem Augenblicke geschah es nun, dass alle Priester und alle Diener Gottes insgesammt in feierlicher Procession die heiligen Gefäße hervorholten und in ihrem vollen Ornat, in welchem sie den Gottesdienst zu feiern pflegten, die Harfenspieler aber und Hymnensänger mit ihren Musikinstrumenten vor dem Volke niederfielen und es auf den Knien beschworen, ihnen doch den heiligen Schmuck zu retten und die Römer nicht auch noch zum Raube des göttlichen Zierrates herauszufordern. 322 Selbst das Haupt der Hohenpriester sah man mit Asche bedeckt, und durch die im Schmerz zerrissenen Gewande blickten die nackten Brüste. Man flehte die Vornehmen einzeln, Name für Name, die große Menge aber insgesammt an, sie möchten doch nicht durch Außerachtlassung einer so kleinen Aufmerksamkeit die Vaterstadt jenen in den Rachen werfen, die sie ohnehin gern von [179] Grund aus zerstört sähen. 323 Die Begrüßung von Seite der Juden räume ja doch dem römischen Militär keinen Vortheil ein, noch könne man dadurch, dass man ihnen nicht entgegengehe, das einmal geschehene Unglück wieder wettmachen. 324 Gäben sie aber jetzt den Nahenden, wie üblich, einen guten Willkomm, so würde damit dem Florus jeder Vorwand zum Kampfe abgeschnitten, und ihr Gewinn wäre sowohl die augenblickliche Rettung der Vaterstadt, wie auch das Bewusstsein, nichts weiter mehr fürchten zu müssen. Im Uebrigen wäre es ein Zeichen arger Schwäche, wollte sich ein so großes Volk von ein paar Stänkerern am Gängelbande führen lassen, statt umgekehrt diese Leute zum Anschluss an die eigene besonnene Haltung zu zwingen.

325 (5.) Während sie durch diese Worte das Volk begütigten, hielten sie zu gleicher Zeit die eigentlichen Aufrührer zum Theil durch Drohungen, zum Theil durch ihre priesterliche Autorität nieder. Hierauf zogen sie an der Spitze des Volkes in aller Ruhe und Ordnung den Soldaten entgegen und bewillkommneten sie, wie sie nahe genug waren. Da aber von Seite der Soldaten keinerlei Antwort erfolgte, so fiengen die Unzufriedenen aus dem Volke über Florus zu schreien an. 326 Gerade dies war aber das von Florus gegen die Juden vereinbarte Signal. Denn auf der Stelle umringten die Soldaten die Juden und ließen ihre Knüttel auf sie niedersausen, während die Reiter hinter den Fliehenden her waren und sie einfach zusammenritten. So viele aber auch unter den Streichen der Römer niedersanken, so wurden doch noch mehr von den eigenen Leuten im Gedränge getödtet. 327 Geradezu entsetzlich war das Ringen an den Thoren, wo ein jeder zuerst hineinzukommen suchte: dadurch staute sich aber die ganze Masse der Fliehenden, und wer da zu Boden fiel, der endete grässlich! Denn erdrückt und zerstampft von der darüber hinwegstürmenden Menge, wurden diese Unglücklichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und nicht einmal eine derartige Leiche übrig gelassen, die von der eigenen Familie behufs des Begräbnisses hätte agnosciert werden können. 328 Zugleich mit dem Volke drangen aber auch die Soldaten in die Stadt, ganz unbändig auf alles losschlagend, was in ihren Bereich kam: sie wollten die Menge durch die sogenannte Bezethavorstadt immer weiter hinauftreiben, um sich bis zum Tempel freie Bahn zu machen und sich dann des letzteren, wie auch der Antonia zu bemächtigen. Auch Florus hatte es auf diese zwei Punkte abgesehen und ließ gleichzeitig die bei ihm befindlichen Truppen aus dem Königshofe ausrücken, um sich den Zugang zur Burg zu erzwingen. 329 Indes missglückte sein Plan vollständig. Denn das Volk kehrte sich jetzt um, machte gegen seine Verfolger Front und schlug ihren Ansturm zurück, während andere [180] sich auf die Dächer vertheilten und von da aus die Römer beschossen. Auf solche Weise hart mitgenommen durch die Geschosse von oben und zu schwach, um sich durch die Menge, welche die Gassen vollgepfropft hatte, einen Weg zu bahnen, mussten sich die Römer in das beim Königspalast gelegene Lager zurückziehen.

330 (6.) Da die Aufrührer fürchteten, es könnte Florus den Sturm wiederholen lassen und sich doch endlich des Heiligthums auf dem Wege über die Antonia bemächtigen, so stiegen sie alsbald auf die mit der Antonia in Verbindung stehenden Tempelhallen und brachen sie ab. 331 Das dämpfte die Habgier des Florus, der es gerade auf den Gottesschatz abgesehen hatte und aus diesem Grunde gar so gern in die Burg Antonia gelangt wäre. Mit dem Abbruch der Hallen musste er seinen Herzenswunsch fahren lassen. Er ließ nun die Hohenpriester und den Rath vor sich kommen und erklärte ihnen, dass er jetzt die Stadt verlasse und nur eine nach ihrem Dafürhalten ausreichende Besatzung ihnen zurücklassen wolle. 332 Die Rathsherren glaubten sich vollständig für die Sicherheit und die Nimmerwiederkehr der aufständischen Bewegung verbürgen zu können, wenn er ihnen eine einzige Cohorte zurücklassen wollte, aber nur nicht jene, welche früher gegen das Volk das Schwert gezogen, da das Volk gegen diese Cohorte wegen der erlittenen Gewaltthätigkeiten höchst erbost sei. Florus wechselte die Cohorte, wie sie es wünschten, und kehrte mit der übrigen Macht wieder nach Cäsarea zurück.


Sechzehntes Capitel.
Cestius schickt den Tribun Neapolitanus zur Untersuchung nach Judäa. Ansprache des Agrippa an das jüdische Volk.

333 (1.) Um der kriegerischen Bewegung einen neuen Stoß zu geben, richtete nun Florus an Cestius ein Schreiben, in welchem er die Juden als Rebellen verleumdete und ihnen sowohl die Eröffnung der Feindseligkeiten zuschob, als auch die von den Römern gegen die Juden verübten Greuelthaten ins gerade Gegentheil verkehrte. Aber auch die Häupter in Jerusalem blieben nicht stumm und schickten ebenfalls einen schriftlichen Bericht an Cestius, der sich über die von Florus an der Hauptstadt begangenen Unthaten verbreitete, und den auch Berenice durch ein Schreiben unterstützte. 334 Nach Durchlesung der von beiden Seiten eingelaufenen Berichte hielt Cestius mit seinen Generälen eine Berathung, in deren Verlaufe sich eine Anzahl derselben dahin aussprach, dass Cestius mit einer Armee nach Jerusalem hinaufziehen solle, um, wenn es wirklich einen Aufruhr gegeben hätte, die [181] Juden dafür zur Verantwortung zu ziehen, oder, wenn sie ohnehin in der alten Treue verharrten, sie wenigstens darin noch, zu bestärken. Was Cestius angieng, so schien es ihm gerathen, zunächst einen seiner Freunde nach Judäa zu schicken, der ihn nach einem genauen Einblick in die Verhältnisse über die Gesinnung der Juden in zuverlässiger Weise unterrichten könnte. 335 So schickte er denn einen seiner Obersten, namens Neapolitanus, dahin ab. In der Nähe von Jamnia traf dieser mit dem von Alexandrien zurückkehrenden König Agrippa zusammen und theilte ihm Ausgangsort und Veranlassung seiner Sendung mit.

336 (2.) Hier stellten sich auch die jüdischen Hohenpriester und Vornehmen mit dem ganzen hohen Rathe ein, um den König zu bewillkommnen. Nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen begannen sie aber bitter über ihre Leiden zu klagen und verbreiteten sich ausführlich über die Grausamkeit des Florus. 337 Obschon Agrippa selbst darüber innerlich empört war, so spielte er doch seinen Zorn aus kluger Berechnung auf jene hinüber, die er im Grunde bemitleidete, nämlich auf die Juden, weil es ihm darum zu thun war, ihre nationale Eingenommenheit herabzustimmen, und sie dadurch, dass er ihnen den Ruhm der verfolgten Unschuld nahm, von Rachegelüsten zurückzuhalten. 338 Da die Versammlung eine sehr gewählte war, und ihre Theilnehmer schon im Interesse ihres Besitzes den Frieden sehnlichst wünschen mussten, so würdigten sie verständnisinnig die wohlmeinenden Hiebe des Königs. Was das Volk anlangte, so zog es auf eine Entfernung von sechzig Stadien vor Jerusalem hinaus, dem Agrippa und Neapolitanus zur Begrüßung entgegen. 339 Vor dem Volke liefen die Frauen der Hingeschlachteten unter lautem Schluchzen einher, und auch das Volk selbst begann, gerührt von ihrem Jammer, sich in Klagen zu ergießen und Agrippa um seine Unterstützung anzuflehen; dem Neapolitanus aber schrie man vor, was man alles von Florus habe erdulden müssen, und wies ihn und Agrippa beim Betreten der Stadt mit Fingern auf den verwüsteten Markt und die in Schutt gesunkenen Häuser. 340 Hierauf drangen die Juden durch Vermittlung des Agrippa in den römischen Tribun, dass er, nur von einem einzigen Diener begleitet, die ganze Stadt bis zur Siloamschlucht abgehen möchte, damit er selbst sehen könne, wie folgsam die Juden gegen alle anderen Römer, und wie sie nur auf Florus wegen seiner maßlosen Grausamkeit gegen sie erbittert wären. Als sich nun Neapolitanus bei seinem Gange durch die Stadt aus eigener Erfahrung von der Gutmüthigkeit ihrer Bewohner hinlänglich überzeugt hatte, stieg er zum Tempel hinauf und rief dort das Volk zusammen. 341 In seiner Ansprache spendete er den Juden wegen ihrer Treue gegen die Römer hohes Lob und eiferte [182] sie nachdrücklichst dazu an, dass sie auch in Zukunft den Frieden bewahren möchten. Er verrichtete dann in Gottes Heiligthum, soweit er es als Heide betreten durfte, seine Andacht und kehrte wieder zu Cestius zurück.

342 (3.) Jetzt wandte sich neuerdings das ganze Volk an den König und die Hohenpriester und forderte von ihnen, dass sie gegen Florus mit einer Gesandtschaft an Nero auftreten sollten, um ja nicht den Verdacht einer Rebellion auf der Nation sitzen zu lassen, was geschehen würde, wenn man über ein so grässliches Gemetzel einfach mit Stillschweigen hinweggehen wollte. Denn ganz gewiss werde es in diesem Falle heißen, dass die Juden den Kampf begonnen haben, wenn sie nicht schnell genug den eigentlichen Störefried dem Kaiser anzeigen würden. 343 Es musste jedem klar sein, dass die Juden, im Falle man die Gesandtschaft rundweg abschlug, die Sache erst recht nicht ruhen lassen würden. Da nun Agrippa auf der einen Seite keine bestimmten Ankläger gegen Florus namhaft machen wollte, weil ihm dieser Vorgang allzu gehässig erschien, auf der anderen Seite aber sehen musste, wie es unmöglich in seinem Interesse liegen könne, der unter den Juden immer mächtiger auflodern den Flamme des Aufruhres ruhig zuzusehen, 344 so berief er das Volk zu einer Versammlung auf den Xystus und hielt dort beim Hasmonäerpalast, wo er sich mit seiner Schwester Berenice an einem weithin sichtbaren Punkt postiert hatte, da dieser Palast gerade oberhalb des durch eine Brücke mit dem Tempel verbundenen Xystus lag, an der Stelle, wo sich die Oberstadt mit seinem Gegenüber berührte, folgende Ansprache:

345 (4.) „Wenn ich die Wahrnehmung machen müsste, dass ihr alle miteinander zum Kriege mit den Römern fest entschlossen wäret, und nicht vielmehr gerade der unbescholtenste und solideste Theil des Volkes Frieden halten möchte, so wäre ich weder zu euch hergekommen, noch hätte ich es gewagt, euch einen guten Rath zu ertheilen, da jedes Wort der Aneiferung zur Erfüllung des Pflichtgemäßen dort verschwendet ist, wo alle Zuhörer zum Schlechten zusammenhalten. 346 Nachdem aber einige nur von ihrem jugendlichen Ungestüm, der von den Leiden eines Krieges noch nie etwas erfahren hat, andere von einer ganz aussichtslosen Hoffnung auf politische Freiheit, etliche selbst auch von einer schmutzigen Leidenschaft und durch die von der unterliegenden Partei, wenn einmal alles durcheinandergeht, zu erhoffende Beute zum Kriege aufgestachelt werden, so habe ich es für meine Pflicht gehalten, euch insgesammt zu dieser Versammlung einzuberufen und euch meine Meinung darüber zu sagen, was euch vortheilhaft sein könnte, damit einestheils die genannten Elemente unter euch durch meine Belehrung [183] zur besseren Einsicht zurückgebracht werden könnten, anderentheils aber auch die guten Bürger nicht die Früchte der Thorheit einiger weniger mit ihnen zu kosten bekämen. 347 Mache mir aber Niemand einen Lärm, wenn es ihm etwa nicht gerade angenehm in den Ohren klingen sollte! Denn diejenigen, welche schon ganz heillos dem Revolutionsfieber verfallen sind, haben auch nach meinen guten Rathschlägen noch die Freiheit, auf ihrer Meinung zu beharren: bei mir hingegen wäre in dem Falle, dass ihr nicht alle insgesammt Ruhe beobachtet, das Wort auch für jene in den Wind gesprochen, die es doch gerne hören möchten.

348 Ich weiß nun zunächst, dass gar viele die von den Landvögten erfahrene übermüthige Behandlung, wie auch das Lob der Freiheit mit schauspielerischem Pathos übertreiben. Dem gegenüber will ich nun, bevor ich noch des Näheren untersuche, mit welchen Kräften und gegen was für eine Macht ihr den Krieg unternehmet, vor allem das Gespinst der dafür angegebenen Vorwände zu zerzausen versuchen. 349 Wenn ihr euch wirklich bloß gegen die Ungerechtigkeiten einzelner Persönlichkeiten vertheidigen wollt, was stellt ihr dann immer die Freiheit selbst als ein so heiliges Gut hin? Haltet ihr aber umgekehrt die politische Knechtschaft an sich schon für etwas unerträgliches, so ist ja der gegen die Statthalter erhobene Tadel eine Spiegelfechterei, da die Knechtschaft gleich schändlich bleibt, mögen jene auch noch so gerecht und billig verfahren!

350 Beachtet aber auch im Einzelnen, auf wie schwachen Füßen eure Berechtigung zum Kriege beruht, und zwar in erster Linie eure Beschwerden gegen die Landpfleger! Es ist doch Grundsatz, dass man die Obrigkeiten ehre, nicht aber sie reize: 351 wenn ihr aber über so kleine Missgriffe von ihrer Seite schon ein so großes Gezeter macht, so rückt ihr nur zu eurem eigenen Schaden die also Geschmähten ans Licht und erreichet nur das eine, dass die Betreffenden, die euch bisher nur in versteckter Weise und mit einer gewissen Zurückhaltung zu schaden gesucht haben, dafür euch nunmehr mit offener Gewalt zerfleischen. Nichts lähmt den Arm des Peinigers so wirksam, als das Dulden, und das Stillschweigen von Seite derer, die Unrecht leiden, ist das beste Mittel, den Uebelthäter zu erschüttern. 352 Aber nehmen wir einmal an, dass die Organe der Römer wirklich so heillose Bedrücker wären, so ist ja damit noch nicht gesagt, dass darum schon alle Römer miteinander und auch der Kaiser euch Unrecht thun: und doch gilt der von euch gewollte Krieg auch diesen Personen! Nein, ein Schurke wird mit ihrem Wissen und Willen nicht ins Land geschickt, und sicher reichen auch die Blicke der Abendländer nicht zu uns ins Morgenland [184] herüber, von wo selbst mündliche Gerüchte in der Regel nur langsam ihren Weg nach Rom finden. 353 Es wäre nun aber gewiss übel angebracht, wegen eines Einzigen mit Vielen und aus so nichtigen Ursachen mit so gewaltigen Gegnern anzubinden, die zudem nicht einmal um unsere Beschwerden wissen! 354 Dazu kommt, dass eben diesen Klagen von unserer Seite wohl baldigst abgeholfen werden dürfte, weil ja ein und derselbe Landpfleger doch nicht immer dableibt, und seine künftigen Nachfolger, wie billig zu erwarten steht, auch wieder gemäßigter auftreten werden. Ist aber einmal der Stein im Rollen, so ist es ebenso schwer, den begonnenen Kampf ohne harte Opfer einzustellen, als ihn weiterzuführen. 355 Ja, ich sage noch mehr: für das Streben nach Freiheit ist jetzt die Zeit schon abgelaufen, während es früher allerdings ganz in der Ordnung war, alle Kräfte einzusetzen, um ihren Verlust zu verhüten. Denn mit der Knechtschaft erst Bekanntschaft machen zu müssen, ist etwas sehr bitteres, und ist deshalb der Kampf gegen ihre erste Einführung sicher ein berechtigter. 356 Wer aber später erst, nachdem er schon einmal gebändigt worden ist, sich gegen das Joch auflehnt, der ist und bleibt doch nur ein protziger Sclave und wird damit noch keineswegs ein freiheitsliebender Charakter! So hätte man also auch gleich anfangs, zu jener Zeit, da Pompejus seinen Fuß ins Land setzte, alles aufbieten sollen, um den Römern den Weg zu versperren. 357 Aber leider waren unsere Väter und deren Könige, obschon in Bezug auf Geldmittel, Körperkraft und Entschlossenheit in einer weit günstigeren Verfassung, als ihr, nicht imstande, auch nur einem geringen Theil der römischen Heeresmacht Halt zu gebieten. Und ihr, die ihr das Joch schon von euren Ahnen geerbt habt und an Hilfsquellen so tief unter den ersten Unterjochten stehet, ihr wollt dem gesammten römischen Reiche die Spitze bieten? 358 Selbst die Athener, welche einst für die Freiheit von Hellas sogar ihre eigene Hauptstadt den Flammen preisgegeben und den stolzen Xerxes, der das Land nur auf Segelschiffen, das Meer aber auf gebahnten Straßen befahren wollte, dem die Meere zu eng wurden, und der eine Heeresmacht zu Lande befehligte, breiter als ganz Europa, zuletzt als Flüchtling auf seinem letzten Schiffe vor sich hergejagt haben, nachdem sie Asiens Riesenmacht beim kleinen Salamis zertrümmert, selbst diese Athener, sage ich, dienen jetzt den Römern, und die Stadt, die einst die Hegemonie von Hellas besaß, empfängt nun für ihre eigene Verwaltung die Befehle aus Italien! 359 Auch die Lacedämonier haben nach Heldenthaten, wie bei den Thermopylen und bei Platää, und nach einem Führer, wie Agesilaus, der ins Herz Asiens eingedrungen, gleichfalls die Römer als Gebieter jetzt liebgewonnen. 360 Ebenso haben sich die Macedonier, die jetzt noch von [185] ihrem Philippus schwärmen und ihn nebst Alexander noch immer vor sich zu sehen glauben, wie er über Macedonien hinaus sein Weltreich pflanzt, mit dem ungeheuren Umschwung versöhnt und beugen sich in Ehrfurcht vor jenen, auf die ihr eigenes Glück hinübergerollt ist. 361 Noch tausend andere Völker, deren Brust von einem stärkeren Freiheitsmuth geschwellt ist, haben sich gefügt: nur ihr allein haltet es unter eurer Würde, jenen zu dienen, denen alles unterthan ist!

Auf welches Heer, auf was für Waffen baut ihr denn eigentlich? Wo ist denn eure Armada, welche die römischen Meere beherrschen soll? Wo denn euer Kriegsschatz, der für die Kosten eurer Unternehmungen aufkommen könnte? 362 Glaubt ihr etwa, es handle sich bei dieser Bewegung um einen Strauß, wie mit den Aegyptern und Arabern? Könnt ihr euch denn gar kein Bild von dem Umfange der römischen Herrschaft machen, um an diesem Maßstab eure eigene Schwäche abzunehmen? Sind denn nicht eure Kräfte gar oft schon selbst den Nachbarvölkern erlegen, während die Macht Roms auf dem ganzen bekannten Erdenrunde unerschütterlich dasteht? 363 Nicht bloß das, sondern ihr Streben geht sogar noch darüber hinaus! Denn weder die Euphratgrenze im Osten noch der Ister im Norden noch Libyen im Süden, das sie schon bis zu den unwirtlichsten Gegenden durchstöbert haben, noch Gadira im Westen hat ihren Eroberungsdrang befriedigt, sondern sie haben sich jenseits des Oceans noch eine neue Welt gesucht und ihre Waffen zu den früher ganz unbekannten Britannen hinübergetragen. 364 Wie also? Seid ihr wohlhabender als die Gallier, kräftiger als die Germanen, findiger als die Hellenen, volkreicher als alle Nationen der Erde zusammengenommen? Was ermuthigt euch denn in aller Welt zur Erhebung gegen die Römer? 365 »Ja, das Sclavenjoch ist so schwer,« wird mir jemand sagen. Um wie viel schwerer noch, antworte ich, für die Hellenen, welche den Ruf genießen, das hochgesinnteste von allen Völkern unter der Sonne zu sein, und die zudem ein so ausgedehntes Land bewohnen! Trotzdem müssen sie sich vor sechs römischen Ruthenbündeln ducken! Genau so die Macedonier, welche noch triftigere Gründe hätten, als ihr, die Selbständigkeit anzustreben. 366 Und was ist es mit den 500 Städten von Asia? Beugen sie sich nicht alle ehrfurchtsvoll vor einem einzigen Herrscher und vor den Ruthenbündeln des Proconsuls, auch ohne die Anwesenheit einer Besatzung? Was soll ich noch erwähnen die Heniochen und Kolcher und den Stamm der Taurier, die Bosporaner und die um den Pontus und die mäotische See herum wohnenden Völkerschaften, 367 die früher nicht einmal einen einheimischen Herrscher kannten, jetzt aber einer Garnison von bloß 3000 Schwerbewaffneten sich fügen, indes vierzig Kriegsschiffe die Sicherheit auf dem zuvor [186] ganz unfahrbaren und stürmischen Meere aufrecht halten? 368 Wie viele Ansprüche auf ihre Unabhängigkeit hätten Bithynien, Kappadocien und das Volk der Pamphylier, die Lycier und Cilicier zu erheben, die sich aber dennoch alle ohne Militärgewalt von den Römern besteuern lassen! Und was machen die Thracier, die ein Land von fünf Tagmärschen Breite und sieben in der Länge mit ihren Stämmen bedecken, ein Land, sage ich, das rauher und viel schwerer zugänglich ist, als das eure, und das schon durch seine tiefen Fröste vor einer feindlichen Invasion abschrecken muss? Werden sie nicht durch eine Besatzung von nur 2000 Römern im Gehorsam erhalten? 369 Die Illyrier dann, welche das Land zwischen Thracien und Dalmatien, beziehungsweise bis zur Istergrenze, bewohnen, lassen sie sich nicht durch ganze zwei Legionen beherrschen, denen sie überdies noch bei der Abwehr der dacischen Streifzüge ihre Unterstützung leihen? 370 Wie oft hat doch der dalmatinische Löwe seine Mähne zum Freiheitskampf gesträubt und ward er nicht stets nur dazu niedergeworfen, um sich frische Kräfte zu sammeln und dann aufs neue sich zu erheben? Und jetzt? Jetzt hält er sich ganz ruhig, obschon nur eine einzige römische Legion das Land bewacht! 371 Ja, wenn überhaupt Jemand mächtige Beweggründe hätte, die ihn mit aller Gewalt zum Abfall treiben müssten, so trifft das am meisten bei den Galliern zu, die von der Natur selbst wie mit einem gewaltigen Mauergürtel umgeben sind: im Osten von den Alpen, im Norden vom Rheinstrom, im Süden von der Gebirgskette der Pyrenäen und im Westen vom Ocean. 372 Aber trotz dieser mächtigen Schutzwehren, die ihnen vorgelagert sind, trotz ihres Volkreichthums, der 305 Stämme umfasst, und trotzdem dass sie, um mich so auszudrücken, die Quellen ihres Wohlstandes im eigenen Lande haben, ja, mit ihren herrlichen Producten fast den gesammten Erdkreis überschwemmen, sind sie doch die geduldige Melkkuh Roms und lassen über den eigenen Nationalreichthum die Römer wirtschaften. 373 Das lassen sie sich aber nicht etwa aus Liebe zur Bequemlichkeit oder aus feiger Gesinnung gefallen – haben sie ja doch die Last des Freiheitskampfes achtzig Jahre hindurch getragen! – sondern aus dem Grunde, weil sie nicht bloß vor den Waffen, sondern auch vor dem Glücke Roms einen heillosen Respect bekommen haben, ein Glück, sage ich, das den Römern noch mehr Schlachten gewinnt, als selbst ihr Schwert! So dienen sie also den Römern unter der Aufsicht von nur 1200 Soldaten, denen fast eine größere Zahl von Städten gegenübersteht! 374 Auch den Iberern haben weder die natürlichen Goldkammern ihrer Erde noch die riesigen Entfernungen von Rom sowohl auf dem Landweg, wie auf dem Seeweg, noch die äußerst kriegslustigen Stämme der Lusitanier und Cantabrer, ja nicht einmal der [187] Ocean, der das Land bespült und dabei durch seine Flut und Rückflut selbst den Einheimischen immer unheimlich bleibt, im Freiheitskrieg einen dauernden Erfolg gesichert. 375 Im Gegentheil, der Römer hat selbst über die Säulen des Hercules hinüber sein Schwert ausgestreckt und hat sogar den Weg über die wolkenbehangenen Scheitel der Pyrenäen gefunden, um sich auch diese Völker noch zu unterwerfen, und bald war für die schier unbezwinglichen und so weitab wohnenden Iberer nur eine Besatzung in der Stärke einer einzigen Legion mehr nothwendig. 376 Wer von euch wüsste dann nicht etwas, wenigstens vom Hörensagen, über die Völkermassen der Germanen? nicht zu reden von ihrer Körperkraft und Leibesgröße, von der ihr euch ja wohl schon oftmals durch Augenschein habt überzeugen können, da die Römer überall kriegsgefangene Sclaven von dieser Nationalität besitzen. 377 Aber obschon diese Völkerstämme ein unermessliches Gebiet bewohnen und in einem gewaltigen Körper einen noch gewaltigeren Freiheitssinn und eine Seele voll Todesverachtung besitzen, obschon sie in ihrem Grimme noch fürchterlicher sind, als die wildesten Thiere, hat sich dennoch ihr Ansturm am Rheine gebrochen, und wird das Volk von acht Legionen in der Weise niedergehalten, dass ein Theil desselben, jener nämlich, der in die Hände des Siegers gerathen ist, Sclavendienste leisten, die Hauptmasse der Nation aber durch die Flucht ins Innere sich vor den Römern schützen muss. 378 Sehet euch aber auch die Mauer der Britannen etwas näher an, ihr, die ihr so sehr auf die Mauern Jerusalems pochet! Sind ja doch selbst diese meerumschlungenen Völker, deren Inselreich hinter unserem bewohnten Festland an Ausdehnung nicht zurücksteht, von den Römern nach Uebersetzung des Oceans geknechtet worden, und nur vier Legionen hüten jetzt diese ungeheure Insel! 379 Wozu aber noch viele Worte machen, wenn selbst die Parther, die kriegerischeste Nation, die über soviele Völker ihr Scepter schwingt und an der Spitze einer so gewaltigen Wehrkraft steht, den Römern Geiseln stellen müssen, und man in Italien sehen kann, wie die Blüte des Morgenlandes unter der verschämten Phrase von „Sicherung des Friedens“ im Grunde genommen Sclaven abgeben muss. 380 Und während so fast Alles unter der Sonne der eisernen Gewalt der Römer huldigt, wollet ihr ganz allein es mit ihnen aufnehmen, statt euch wenigstens durch das Ende der Karthager witzigen zu lassen, die trotz ihres großen Hannibal und trotz ihres edlen phönicischen Geblütes, auf das sie so stolz waren, dem Arme des Scipio erlagen! 381 Ja, weder die Cyrenäer, obschon ein Zweig vom lakonischen Stamme, noch das Volk der Marmariden, das sich bis zur heißen Wüste ausdehnt, noch die schon durch ihre bloße Erwähnung Grauen erweckenden Syrten, noch [188] die Rasamonen und Mauren und das unermessliche Gewimmel der Nomadenstämme konnten die römische Tapferkeit aufhalten. 382 Vielmehr haben die Römer jenen ganzen Strich, der ein volles Drittel des bewohnten Erdkreises ausmacht, dessen Völkerstämme auch nur aufzuzählen keine leichte Aufgabe wäre, der erst am atlantischen Ocean und bei den Säulen des Hercules sein Ende findet und andererseits bis zum rothen Meer hin die zahllosen Horden der Aethiopier nährt, unter ihre Botmäßigkeit gebracht. 383 Abgesehen von den jährlichen Erträgnissen des Bodens, welche durch acht Monate die Einwohner der römischen Hauptstadt versorgen müssen, werden diese Völker überdies noch in jeder Weise besteuert und sie leisten auch gerne ihren Beitrag für die Bedürfnisse des Reiches, ohne, wie ihr, in solchen Aufträgen gleich eine unwürdige Behandlung zu erblicken, obgleich nur eine einzige Legion unter ihnen steht. 384 Indes, wozu soll ich euch durch weithergenommene Beispiele die Macht der Römer beleuchten, da ich es doch gleich am benachbarten Aegypten thun kann, 385 welches trotz seiner Ausdehnung bis zu den Aethiopiern und zum glücklichen Arabien, ja bis in die Nähe von Indien hin, trotz seiner Bevölkerung von 7,500.000 Menschen, die man aus dem Betrage der Kopfsteuer nachweisen kann, und worin die Bewohner von Alexandrien noch nicht eingeschlossen sind, trotz all’dem, sage ich, die römische Herrschaft für nicht entwürdigend hält. Welch’ einen gewaltigen Herd des Aufstandes hätte es doch in der Stadt Alexandrien sowohl wegen der Zahl wie des Wohlstandes ihrer Einwohner und wegen ihrer Ausdehnung, 386 deren Länge bekanntlich dreißig, deren Breite nicht weniger als zehn Stadien beträgt! An Steuern zahlt das Land den Römern in einem einzigen Monat mehr, als eure Steuerleistung im ganzen Jahre ausmacht, und liefert außer dem Gelde auch noch das für vier Monate nothwendige Getreidequantum nach Rom. Dabei ist das Land von allen Seiten entweder von fast undurchquerbaren Wüsteneien oder Meeren ohne Ankerplätze oder auch von Flüssen und Sümpfen, wie mit ebensovielen natürlichen Befestigungen umgeben. 387 Aber nichts von all’dem hat die Probe gegenüber dem Glücke Roms bestanden, da im Gegentheil jetzt nur zwei in der Hauptstadt liegende Legionen sowohl das Innere Aegyptens als auch das edle macedonische Blut der Alexandriner im Zaume halten.

388 Woher werdet ihr nun in den unbewohnten Gegenden der Erde Bundesgenossen für diesen Krieg herbekommen? Denn was die bewohnten betrifft, so steht dort alles unter Rom, es müsste denn Jemand seine Luftschlösser gar jenseits des Euphrat bauen und sich einbilden, dass die Landsleute von Adiabene uns zu Hilfe kommen [189] werden. 389 Aber gewiss werden sich diese Juden nicht um solcher Lappalien willen in einen so verhängnisvollen Kampf hineinziehen lassen, noch würde es ihnen, wenn sie schon so übel berathen wären, der Parther erlauben, der da ängstlich darauf bedacht ist, mit den Römern Waffenruhe zu halten, und der einen Bruch der Verträge schon in dem Falle fürchten müsste, wenn er auch nur ein anderes, aber ihm unterstehendes, Volk gegen die Römer ziehen ließe. 390 Die letzte Zuflucht wäre demnach nur die Bundesgenossenschaft von Seite der Gottheit! Aber auch diese steht sicher auf Seite der Römer, da sich ganz unmöglich ein so ungeheures Reich ohne Gottes Fügung hätte bilden können! 391 Ihr müsst außerdem in Erwägung ziehen, wie schwer euch die Einhaltung eurer ungewöhnlich reichen Religionsvorschriften selbst in dem Falle ankommen würde, als ihr keine ernsteren Gegner vor euch hättet. So wäret ihr also gezwungen, gerade dasjenige, was euch am meisten Hoffnung auf die Mithilfe Gottes macht, zu übertreten und auf solche Art auch Gott selbst zurückzustoßen. 392 Wenn ihr, um nur dies hervorzuheben, die herkömmliche Sabbathsfeier beobachtet und euch zu keiner Arbeit rührt, so werdet ihr eine leichte Beute eurer Feinde werden, wie es euren Ahnen unter Pompejus ergangen ist, welcher gerade jene Tage zu allermeist für die Belagerung ausgenützt hat, an denen die Belagerten mit der Arbeit aussetzten. 393 Setzt ihr euch aber umgekehrt im Kriege über das väterliche Gesetz einfach hinweg, so wüsste ich wahrlich nicht mehr, wofür ihr dann überhaupt noch auf den Kampfplatz treten sollet, da euer Streben doch einzig und allein nur darauf gerichtet ist, von euren väterlichen Gesetzen ja kein einziges zu opfern! 394 Wie wollt ihr denn die Gottheit um Hilfe anrufen, wenn ihr aus freien Stücken die ihr schuldige Ehrfurcht verletzet? Man hebt doch in der Regel nur dann einen Krieg an, wenn man sich entweder auf göttliche oder auf menschliche Unterstützung verlassen kann: wo aber die Natur der Umstände die Hilfe von diesen beiden Seiten geradezu ausschließt, dort laufen die Kämpfer ihren Feinden offen in die Hände. 395 Was hindert euch denn, jetzt gleich mit eigener Hand eure Kinder und Frauen zu erwürgen und diese eure prachtvolle Vaterstadt in Asche zu legen? Ihr würdet für euch durch eine solche Raserei wenigstens das eine gewinnen, dass ihr der Schande einer Niederlage entgienget. 396 Keine Schande ist es aber, meine Freunde, sondern nur lobenswert, solange noch das Schiff im sicheren Port liegt, sich wegen des kommenden Sturmes vorzusehen, um nicht vom ruhigen Hafen mitten in den Orkan hinauszusteuern. Denn wer unversehens ins Unglück stürzt, mit dem hat man doch wenigstens noch Mitleid; wer aber mit offenen Augen ins Verderben rennt, der hat zum Schaden auch noch den Spott. [190] 397 Es wird doch schließlich Niemand im Ernste glauben, mit seinem Feinde nach bestimmten Abmachungen kämpfen zu können, und dass die Römer nach ihrem Siege mit euch gnädig umgehen und nicht vielmehr zum abschreckenden Exempel für die anderen Völker die heilige Stadt niederbrennen und eure Nation mit Stumpf und Stiel ausrotten werden! Ich sage: mit Stumpf und Stiel, da nicht einmal die letzten Volksreste einen Zufluchtsort werden auffinden können, indem alles die Römer entweder schon zu Herren hat oder wenigstens zu bekommen fürchten muss. 398 Uebrigens werden durch den Krieg nicht bloß die Juden hier im Stammlande, sondern auch jene gefährdet, die in fremden Städten sich niedergelassen haben. Gibt es ja doch auf der ganzen bewohnten Erde kein Volk, das nicht Glieder eurer Nation bei sich hätte. 399 Greift ihr nun zu den Waffen, so werden alle diese eure Landsleute von ihren Widersachern niedergemetzelt werden, und wegen ein paar Uebelberathener werden alle Städte mit den Leichen gemordeter Juden angefüllt. Man könnte es den Heiden schließlich auch nicht so verargen, wenn sie sich dazu hinreißen ließen. Ist aber von ihrer Seite vorauszusetzen, dass solches nicht geschieht, so müsstet ihr erst recht bedenken, wie frevelhaft es wäre, gegen so humane Leute die Waffen zu erheben. 400 Lasset euch doch zum Mitleid, wenn schon nicht mit euren Kindern und Frauen, so doch mit dieser eurer Hauptstadt und ihren heiligen Mauern bewegen! Schonet doch eures Heiligthums und erhaltet euch das Tempelhaus mit seinen gottgeweihten Gefäßen. Die siegreichen Römer werden auch vor diesen umsoweniger mehr Halt machen, als gerade ihre frühere Schonung für den Tempel einen so schlechten Dank geerntet hat.

401 Ich rufe nun für meine Person alle diese eure Heiligthümer, ich rufe die heiligen Engel Gottes, ich rufe die gemeinsame Vaterstadt zu Zeugen an, dass ich keine Mahnung unversucht gelassen habe, um euch vom Verderben zu retten. Euch aber steht es frei, entweder rechten Rathes zu pflegen und so mit mir das Glück des Friedens zu theilen, oder aber von eurer Leidenschaft euch hinreißen zu lassen und ohne mich den Sprung ins dunkle zu wagen!“

402 (5.) Am Ende seiner langen Rede traten dem König wie seiner Schwester die Thränen in die Augen, und ihr Weinen brach die Kraft des revolutionären Sturmes. Man schrie nur zu ihnen hinauf: „Wir wollen ja nicht mit den Römern, sondern bloß mit Florus wegen der erlittenen Unbilden Abrechnung halten!“ 403 worauf der König entgegnete: „Aber das, was ihr treibt, ist ja doch schon die reinste Rebellion gegen Rom! Denn ihr habt dem Kaiser die Steuer nicht gezahlt und die Hallen an der Antonia abgerissen! 404 Ihr könnt die [191] Anklage auf Empörung nur damit zurückweisen, dass ihr die Hallen wieder an die Burg anbauet und die Abgaben entrichtet. Gehört ja doch die Antonia bis zur Stunde noch nicht dem Florus, noch ist es Florus, dem eure Steuergelder zufließen.“


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