Juedischer Krieg/Buch II 17-22

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Juedischer Krieg
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Siebzehntes Capitel.
Vorübergehender Erfolg der Rede. Neue Missstimmung des Volkes. Ueberrumpelung von Masada. Eleazar, der Tempelhauptmann. Das Opfer für den Kaiser abgeschafft. Agrippa sendet der Friedenspartei Truppen. Die Rebellen dringen mit Hilfe der Sicarier in die Oberstadt. Eroberung der Antonia. Manaim verstärkt die Rebellen. Belagerung des Königshofes. Abzug der Königlichen. Tod des Ananias. Sturz des Manaim. Verrätherische Niedermetzlung der römischen Besatzung.

405 (1.) Durch diese Ansprache wieder umgestimmt, begab sich das Volk mit dem König und der Berenice zum Tempel hinauf und nahm den Aufbau der Säulenhallen in Angriff, während sich die jüdischen Behörden und die Mitglieder des hohen Rathes in die einzelnen Ortschaften vertheilten, um die Steuern zusammenzubringen. In einer Schnelligkeit waren die vierzig Talente, die noch ausständig waren, hereingebracht, 406 und damit hatte Agrippa, für den Augenblick wenigstens, den drohenden Ausbruch des Krieges verhütet. Als er aber dann auch den Versuch machte, die Menge zu bereden, dass sie sich den Befehlen des Florus solange noch fügen möge, bis der Kaiser ihn durch einen anderen abgelöst hatte, da nahm die Erbitterung wieder dermaßen zu, dass Schmähungen auf den König laut wurden, und man offen die Entfernung desselben aus der Stadt verlangte. Ja einige aus der Rebellenpartei waren so keck, dass sie Steine nach dem König warfen. 407 Da der König wohl einsah, dass nichts mehr die aufständische Bewegung aufzuhalten vermöge, und er sich selbst auch nicht mehr ruhig in den Koth treten lassen wollte, so schickte er noch die Behörden mit den jüdischen Größen zu Florus nach Cäsarea, damit er aus ihrer Mitte die Männer bestimmen möchte, die künftig die Steuern vom Lande einheben sollten, und zog sich auf sein Königreich zurück.

408 (2.) Unterdessen verbanden sich einige von denen, die da alle Hebel zur Herbeiführung des Krieges in Bewegung setzten, zu einer gemeinsamen Unternehmung gegen eine Veste, namens Masada. Durch einen Handstreich bemächtigten sie sich in der That der Festung, ließen die römische Besatzung über die Klinge springen und setzten an deren Stelle ihre eigenen Leute. 409 Gleichzeitig damit gelang es auch am Tempel dem Eleazar, dem Sohne des Hohenpriesters Ananias, einem höchst verwegenen jungen Menschen, der damals eben Tempel- [192] hauptmann war, die mit dem heiligen Dienst betrauten Personen zu bereden, dass sie von einem Nichtjuden keine Weihegabe und kein Opfer mehr annahmen. Damit war der Krieg gegen die Römer eröffnet, weil man durch diese Maßregel auch das Opfer für die Römer und den Kaiser verworfen hatte. 410 Die dringendsten Vorstellungen der Hohenpriester und Notablen, man möge doch nicht das althergebrachte Opfer für den jeweiligen Herrscher unterlassen, fanden nur taube Ohren, woran zum guten Theil das Vertrauen auf die eigene numerische Ueberlegenheit schuld war, da sich gerade der Kern der Unzufriedenen für diese Maßregel einsetzte, am allermeisten aber die Rücksicht auf den Tempelhauptmann Eleazar.

411 (3.) Angesichts dieser Ereignisse, welche die traurige Lage bereits als höchst kritisch erscheinen ließen, hielten die jüdischen Großen mit den Hohenpriestern und den bekanntesten Pharisäern eine Zusammenkunft, um über Sein und Nichtsein der Nation zu berathen. Man kam zu dem Entschlusse, es noch mit einem mündlichen Appell an die Kriegspartei zu versuchen, zu welchem Behufe man das Volk vor dem ehernen Thore, das da von der Morgenseite in den inneren Tempelhof führte, versammelte. 412 Zunächst überhäuften hier die Vorsteher die Versammlung mit Vorwürfen, wie man nur so verwegen sein könne, an einen Abfall zu denken und die Fackel eines so entsetzlichen Krieges über die Vaterstadt hinzuschleudern. Hierauf legten sie die Haltlosigkeit des vorgeschützten Scrupels dar, indem sie darauf hinwiesen, wie ihre Ahnen den Tempel zu allermeist gerade mit Weihegeschenken von Nichtjuden geziert und zu diesem Zwecke jederzeit die von auswärtigen Nationen gewidmeten Gaben bereitwillig angenommen hätten. 413 „Unsere Vorfahren,“ sagten die Redner, „haben, weit entfernt, Jemand an der Darbringung seiner Opfer hier zu hindern, was schon die ärgste Gottlosigkeit wäre, diese fremden Weihegaben, wie man sich hier mit eigenen Augen überzeugen kann, sogar ringsherum in den Räumen des Heiligthums angebracht, wo sie schon seit alter Zeit sich befinden. 414 Ihr aber wollt jetzt auf einmal, nur um das römische Schwert aus seiner Scheide zu locken und mit Rom Händel anzufangen, in der für Ausländer bisher geltenden Gottesdienstordnung etwas ganz neues einführen und damit nicht bloß die Stadt in eine große Gefahr stürzen, sondern ihr auch noch den Schimpf der Gottlosigkeit anhängen, wenn es heißen würde, dass einzig und allein bei den Juden kein Fremder mehr Opfer darbringen, noch Gott seine Verehrung bezeigen dürfe. 415 Wollte jemand auch nur gegen einen einzelnen Menschen und zwar aus bürgerlichem Stande ein derartiges Gesetz einführen, so würdet ihr gewiss über gesetzlich normierte Unmenschlichkeit schreien, [193] während ihr jetzt ruhig zusehet, wie die Römer und der Kaiser außer Treu und Recht gestellt werden! 416 Es ist aber leider nur allzusehr zu fürchten, dass man nach der Abschaffung der für die Römer bestimmten Opfer umgekehrt uns, Juden, selber für die eigene Nation nicht mehr opfern lassen wird, und dass auch unsere Hauptstadt vom römischen Reiche außer Gesetz und Recht gestellt werden wird, wenn ihr nicht schleunig Vernunft annehmet und die betreffenden Opfer wieder entrichtet, um so die schmähliche Beleidigung gut zu machen, ehe noch das Gerede darüber zu den Beleidigten selbst gedrungen ist."

417 (4.) Unter dieser Rede ließ man auch die in der alten Geschichte bewanderten Priester herbeiholen, die nun des weiteren ausführten, wie sämmtliche Vorfahren die von fremden Völkern gewidmeten Opfer angenommen hätten. Aber niemand aus der Kriegspartei nahm davon Notiz, ja es rührten sich nicht einmal die Diener des Heiligthums, die durch diese ihre Haltung den eigentlichen Grund zum Kriege legten. 418 Da sich nun die jüdischen Großen der Ueberzeugung nicht mehr verschließen konnten, dass die Empörung nur mehr sehr schwer zu ersticken sei, und dass andererseits der drohende Sturm von Seite Roms zu allernächst über ihre eigenen Köpfe hinbrausen würde, so waren sie darauf bedacht, sich von aller Mitschuld am Aufstande zu reinigen. Sie ordneten zu diesem Zwecke eine doppelte Gesandtschaft ab, die eine an Florus, an deren Spitze Simon, der Sohn des Ananias, stand, die zweite an Agrippa, an der sich auch mehrere Edle, wie Saulus, Antipas und Kostobar, Blutsverwandte des Königs, betheiligten. 419 Die Gesandten richteten sowohl an den Landpfleger, wie an Agrippa die Bitte, dass sie mit bewaffneter Macht sich in die Hauptstadt hinaufbegeben und den Aufstand, solange ihm noch beizukommen wäre, niederschlagen möchten. 420 Was Florus anlangt, so war diese traurige Nachricht für ihn eine Freudenbotschaft, und er entließ dementsprechend auch die Gesandten ohne irgend einen Bescheid, um nur den blutigen Brand zum vollen Ausbruche zu bringen. 421 Agrippa hingegen, dem in gleicher Weise das Wohl der Abtrünnigen, wie das der vom Aufstande betroffenen Römer am Herzen lag, und der den Römern die jüdische Nation, den Juden aber ihr Heiligthum und ihre Hauptstadt zu retten wünschte und überdies sich nicht verhehlen konnte, dass auch ihm persönlich die Umwälzung keinen Nutzen bringen würde, sandte wirklich 3000 Reiter aus dem Hauran, aus Batanäa und Trachonitis unter dem Reiterführer Darius und der obersten Leitung des Philippus, des Sohnes von Jakimus, der Bürgerpartei zu Hilfe.

422 (5.) Aus dieser Unterstützung schöpften die Vornehmen und Hohenpriester, wie auch alle friedliebenden Elemente im Volke selbst wieder [194] neuen Muth und versicherten sich wenigstens der Oberstadt, da die Aufständischen bereits Herren der Unterstadt und des Tempels waren. 423 Ohne Unterbrechung hatte man die Hand an Stein und Schleuder, und in einemfort flogen die Pfeile von beiden Seiten hin und her. Hie und da machten auch einzelne Trupps Ausfälle und kämpften Mann gegen Mann, wobei die Rebellen sich durch größere Verwegenheit, die Königlichen aber durch ihre militärische Erfahrung hervorthaten. 424 Während die Letzteren alles einsetzten, um sich namentlich des Heiligthums zu bemächtigen und die Tempelschänder daraus zu verjagen, waren die um Eleazar gescharten Aufrührer bemüht, zu den bisherigen Positionen auch noch die Oberstadt zu gewinnen. So zog sich dieser für beide Theile gleich mörderische Kampf schon sieben Tage lang hin, und noch immer wollte keiner der Gegner sich von der einmal ergriffenen Stellung verdrängen lassen.

425 (6.) Am folgenden Tage fiel das Fest des Holztragens ein, an welchem es der Brauch ist, dass jeder Holz für den Altar herbeiträgt, damit es dem Feuer, das ohne Unterbrechung fortbrennen muss, nie an Nahrung mangle. Natürlich ließen die Rebellen ihre Gegner bei dieser gottesdienstlichen Uebung nicht mitthun, wohl aber nahmen sie die Bundesgenossenschaft der vielen Sicarier an, die sich bei dieser Gelegenheit unter dem wehrlosen Volke in den Tempel eingeschlichen hatten, und die, wie ihr Name sagt, nach Banditenart Dolche in den Busenfalten versteckt hielten, und nun betrieb man mit noch größerer Verwegenheit den Angriff. 426 Da die Königlichen an Zahl, sowie an feuriger Entschlossenheit hinter den Feinden zurückstanden, so mussten sie endlich vor ihrem Ansturm auch aus der Oberstadt zurückweichen. Die eingedrungenen Rebellen legten sofort den Palast des Hohenpriesters Ananias, wie auch das Königsschloss des Agrippa und das der Berenice in Asche, 427 worauf sie zum Archivgebäude zogen, um auch hier Feuer anzulegen. Denn man wollte vor allem die Hypothekarbücher beseitigen und die Hereinbringung der Schuldsummen vereiteln, um auf diese Weise aus den Reihen der also beglückten Schuldner einen großen Zuwachs zu erhalten und den Aermeren jede Scheu vor dem Losschlagen gegen die Wohlhabenden, zu dem man sie reizen wollte, zu benehmen. Da die Archivbeamten die Flucht ergriffen hatten, so konnte man ohneweiters das Gebäude in Brand stecken. 428 Nachdem so gleichsam der Rückgrat des städtischen Körpers in den Flammen gebrochen war, wandte man sich wieder gegen den Feind. In diesem kritischen Augenblicke suchte sich ein Theil der Vornehmen und Hohenpriester ein Versteck in den unterirdischen Gängen, während die übrigen, darunter der Hohepriester Ananias und sein Bruder Ezechias, sowie [195] die Mitglieder der früher an Agrippa abgeordneten Gesandtschaft, mit den königlichen Truppen sich nach dem weiter oben liegenden Königshof flüchteten und rasch dessen Thore absperrten. 429 Für diesen Tag nun ließen es sich die Rebellen am erfochtenen Siege und dem Vernichtungswerk des Feuers genüge sein und rasteten vom Kampfe aus.

430 (7.) Am anderen Tage – es war das der fünfzehnte des Monates Lous – eilten die Aufrührer nach der Antonia, deren Besatzung sie nach zweitägiger Berennung überwältigten und niedermetzelten. Die Veste selbst gab man den Flammen preis. 431 Hierauf zogen sie wieder zum Königshof hinüber, in den sich die königlichen Truppen auf ihrer Flucht geworfen hatten, und machten sich, in vier Scharen vertheilt, an die Erstürmung der Mauern. Da die Belagerer zu zahlreich waren, wagte keiner von den Eingeschlossenen einen Ausfall, dafür aber beschossen sie von den verschiedenen Brustwehren und Thürmen herab die Stürmenden so wirksam, dass gar viele aus dem Raubgesindel am Fuße der Mauern niedergestreckt wurden. 432 Weder bei Nacht noch bei Tag setzte das blutige Ringen aus. Die Rebellen hofften, dass die Belagerten durch Mangel an Proviant, die Belagerten aber, dass die Stürmenden infolge der Anstrengung endlich mürbe gemacht würden.

433 (8.) Um diese Zeit war ein gewisser Manaim, ein Sohn des unter dem Namen „Judas der Galiläer“ bekannten und berüchtigten Sectenstifters, der einstmals unter Quirinius die Juden aufgehetzt und es als eine Schmach erklärt hatte, neben Gott noch die Römer als Herrn zu gedulden, mit seinen Bekannten nach Masada aufgebrochen, 434 hatte daselbst das Arsenal des Königs Herodes aufgesprengt und außer den Banden von Judäa noch anderes Raubgesindel mit den hier vorgefundenen Waffen ausgerüstet. So kam er nun, mit diesem Haufen wie von einer königlichen Leibgarde umgeben, nach Jerusalem zurück, übernahm die Führung des Aufstandes und leitete die Belagerung. 435 Da es an Belagerungsmaschinen mangelte, und die Belagerer unter dem Hagel der herabsausenden Geschosse unmöglich ohne Deckung die Mauer untergraben konnten, so trieb man, selbstverständlich aus ziemlicher Entfernung, unter einen der Thürme hin einen unterirdischen Gang und sicherte seine Decke durch Stützen vor dem Einsturz. Dann legte man Feuer an die Tragbalken und verließ den Gang. 436 Wie nun die Zimmerung unter dem Thurme verkohlt war, stürzte der Thurm auch sofort zusammen. Aber in diesem Augenblicke kam hinter seinen Trümmern und ihm gerade gegenüber eine zweite Mauer zum Vorschein. Die Vertheidiger hatten nämlich das schlaue Beginnen der Rebellen noch zur rechten Zeit gemerkt – vielleicht hatte auch der Thurm ein wenig gezittert, als man unter ihm grub – und sich darum eine [196] neue Schutzwehr angelegt. 437 Ueber deren unerwarteten Anblick waren die Aufrührer, die schon gewonnenes Spiel zu haben glaubten, ganz verdutzt. In diesem Momente kamen jedoch von Seite der Eingeschlossenen Parlamentäre zu Manaim und den übrigen Rädelsführern der Empörer und baten um freien Abzug. 438 Dieser ward ihnen auch gewährt, jedoch nur den Königlichen und Einheimischen, worauf dieselben die Veste verließen. In derselben blieben nur mehr die Römer zurück, jetzt schon eine Beute der größten Muthlosigkeit, da sie ganz außer Stande waren, eine so ungeheure Uebermacht zu durchbrechen, und es andererseits für entehrend hielten, um eine Capitulation auf Gnade zu betteln, abgesehen davon, dass sie sich auch im Falle, als sie wirklich zugestanden werden sollte, auf das Versprechen gar nicht verlassen konnten. 439 Sie räumten unter diesen Umständen zunächst die Kaserne im Königshofe, weil sie keinen ernsten Widerstand leisten konnte, und flohen auf die Königsthürme, den sogenannten Hippikus, Phasaël und Mariamnethurm. 440 Kaum hatten sich aber die Soldaten nach der anderen Seite geflüchtet, als schon die Banden des Manaim bei der einen hereindrangen und alle, die sich nicht schnell genug auf die Thürme hatten retten können und noch eingeholt wurden, niedermachten. Das Gepäck ward geplündert, und die Kaserne darauf angezündet. Diese Ereignisse spielten sich ab am sechsten des Monates Gorpiäus.

441 (9.) Im Verlaufe des nächsten Tages ward der Hohepriester Ananias, der sich im Wassercanal des Königshofes verkrochen hatte, entdeckt und von den Banditen sammt seinem Bruder Ezechias sofort niedergestochen. Die Thürme wurden einstweilen von den Aufständischen nur eng umschlossen und überwacht, damit kein einziger Soldat entschlüpfen könnte. 442 Dem Manaim hatte indessen der Fall der Burgen und der Tod des Hohenpriesters Ananias den Kopf bis zur Grausamkeit verrückt, und da er überdies gar keinen ebenbürtigen Rivalen um die Herrschaft mehr zu haben vermeinte, so wurde seine Tyrannei geradezu unerträglich. 443 Die Anhänger des Eleazar ließen sich sein Gebaren auch nicht ruhig gefallen und redeten einer den anderen gegen Manaim mit den Worten auf: „Man darf nicht auf der einen Seite aus Liebe zur Freiheit von den Römern abfallen wollen, um auf der anderen dieselbe einem jüdischen Henker vorzuwerfen und sich einen Alleinherrscher aufzuhalsen, der, wenn er sich auch keine Gewaltthat zu Schulden kommen ließe, doch auf jeden Fall tief unter uns steht. Denn wenn schon Jemand die Herrschaft über die Nation übernehmen müsste, so hätte auf dieselbe ein jeder andere mehr Anspruch, als dieser Mensch da!“ So kam es zur Verschwörung und bald auch zu einem thätlichen Angriff auf Manaim, der im Tempel und zwar [197] in dem Augenblick erfolgte, 444 als derselbe mit hocherhobenem Haupte, in ein königliches Prachtgewand gehüllt, hinter sich die bewaffneten Zeloten wie eine Schleppe herziehend zum Heiligthum hinaufstieg, um dort seine Andacht zu verrichten. 445 Sobald die Leute des Eleazar auf ihn eindrangen, unterstützte auch sofort das übrige Volk den Angriff durch einen Steinhagel, mit dem es den Verführer überschüttete, in der Hoffnung, durch seine Ermordung die Brände der ganzen Revolution zu zerstreuen. 446 Eine kleine Weile leisteten die Parteigänger des Manaim Widerstand. Als sie sich aber von der ganzen Volksmasse angegriffen sahen, suchte sich ein jeder, wo und wie er konnte, durch die Flucht zu retten. Wer eingeholt wurde, ward niedergestreckt, wer sich versteckte, aufgespürt. 447 Nur wenigen gelang es, sich aus der Stadt zu retten und auf Schleichwegen nach Masada zu entrinnen, darunter auch dem Eleazar, dem Sohne des Jairus, einem Blutsverwandten des Manaim, der später als Despot von Masada wieder auftauchte. 448 Was Manaim selbst betrifft, so hatte er sich mit anderen auf den sogenannten Ophel geflüchtet, wo er sich wie eine Memme versteckt hielt. Doch ward er hier entdeckt, aus seinem Schlupfwinkel herausgezogen und auf eine martervolle Weise zu Tode gebracht. Denselben Tod erlitten mit ihm seine Unteranführer, darunter namentlich Absalom, von den Schergen seiner Tyrannei wohl der allerberüchtigste.

449 (10.) Während sich nun das Volk, wie ich gesagt habe, bei der Unterstützung der Partei des Eleazar nur von der Hoffnung leiten ließ, damit wenigstens einen Anfang zur Erstickung der ganzen aufständischen Bewegung zu machen, hatte im Gegentheil diese Partei bei der Beseitigung des Manaim nicht etwa das Bestreben, dem Kriege ein Ende zu machen, sondern ihn nur umso zwangloser führen zu können. 450 So inständig auch das Volk sie bat, die Belagerung der Soldaten aufzuheben, so setzten sie ihnen doch nur umso ärger zu, bis endlich die Schar des Metilius – das war der Name des Commandierenden – zu den Leuten des Eleazar hinabschickte und sich nur die Zusicherung des nackten Lebens ausbat, mit dem Versprechen, alles andere, selbst die Waffen und sonstiges Eigenthum, abliefern zu wollen. 451 Die Belagerer ließen sich auch nicht zweimal bitten, sondern sandten zum Handschlag und zur Eidesleistung den Gorion, Sohn des Nikomedes, den Ananias, Sohn des Sadduki, und Judas, den Sohn des Jonathas, zu ihnen hinauf. Als alles vorüber war, führte Metilius seine Soldaten von den Thürmen herab. 452 Solange nun die Krieger noch ihre Waffen hatten, machte keiner der Rebellen einen Versuch, sie anzugreifen, noch verrieth eine Miene die lauernde Tücke. Sobald aber alle nach Uebereinkommen ihre großen [198] Schilde und die Schwerter abgelegt hatten 453 und, ohne noch den leisesten Verdacht geschöpft zu haben, sich eben entfernen wollten, fiel Eleazar und seine Schar über sie her, umzingelten sie und metzelten sie nieder. Keiner setzte sich zur Wehre, keiner bat um sein Leben, nur ein Ruf aller drang zum Himmel: „Vertrag und Eid!“ 454 So wurden sie alle grausam abgeschlachtet mit einziger Ausnahme des Metilius, der um Pardon gebeten und versprochen hatte, Proselyte zu werden, ja sogar sich beschneiden zu lassen, weshalb er allein mit dem Leben davonkam. Für die Römer war das Unglück leicht zu verschmerzen: im Vergleich zu ihrer unermesslichen Heeresmacht waren es ja doch nur etliche, die da hingeopfert worden waren, den Juden aber erschien es wie der erste Act zu ihrem letzten Trauerspiel. 455 Indem man die erste Entwicklung des Krieges nunmehr in ein unheilbares Stadium eingetreten und die Hauptstadt selbst von einem grausigen Blutbade entweiht sah, aus dem sich nothwendig ein Racheengel Gottes erheben musste, auch wenn man die Rache der Römer nicht zu fürchten gehabt hätte, ward die Trauer eine allgemeine und öffentliche, und die tiefste Niedergeschlagenheit herrschte in der ganzen Stadt. Alle Gutgesinnten waren bestürzt in der Erwartung, für die Rebellen zur Verantwortung gezogen zu werden: 456 war ja zudem das Gemetzel gerade an einem Sabbath geschehen, an welchem Tage sonst die Juden aus religiösen Gründen nicht einmal eine ganz unschuldige Arbeit anrühren dürfen.

Achtzehntes Capitel.
Allgemeine Bedrängnis und Niedermetzlung der Juden in Cäsarea, Syrien, Scythopolis, Askalon, Ptolemais, Tyrus, Hippus, Gadara, im Reiche des Agrippa II. und in Alexandrien. Rachezüge der Juden. Eroberung der Vesten Cyprus und Machärus. Des Cestius Aufbruch nach Judäa.

457 (1.) Genau am selben Tage und zur selben Stunde, als wäre es eine Fügung Gottes gewesen, vernichteten die Einwohner von Cäsarea die daselbst wohnende Judenschaft: unter einer einzigen Stunde wurden über 20.000 hingemordet, so dass Cäsarea mit einem Schlage seine ganze jüdische Bevölkerung verlor, da selbst jene, die dem Gemetzel entrannen, von Florus aufgegriffen und zu Zwangsarbeiten auf die Schiffswerften geschafft wurden. 458 Dieser Unglücksschlag von Cäsarea entflammte die ganze jüdische Nation zu wildestem Grimme. Man bildete mehrere Kriegshaufen und verwüstete die Dörfer der Syrer, wie auch die benachbarten Städte Philadelphia, Sebonitis, Gerasa, Pella und Scythopolis. 459 Darauf überfiel man Gadara, Hippus und die Landschaft Gaulanitis. Die Ortschaften wurden zum Theil geschleift, [199] zum Theil auch in Brand gesteckt. So rückte man weiter gegen das tyrische Kedesch, Ptolemais, Gaba und Cäsarea. 460 Nicht einmal Sebaste vermochte ihrem Ansturm zu widerstehen, sowenig wie Askalon. Von ihren rauchenden Trümmern weg zogen die Juden gegen Anthedon und Gaza, das sie beides der Erde gleich machten. Auch zahlreiche Dörfer im Umkreis dieser Städte fielen den Juden zur Beute, und geradezu unermesslich war die Zahl der Menschen, die in ihre Hände geriethen und einfach niedergestoßen wurden.

461 (2.) Man darf aber ja nicht glauben, als hätten die Syrer etwa weniger Leute von ihren Gegnern niedergemacht, als die Juden, da umgekehrt auch sie jene Juden, die sie in ihren Städten erwischen konnten, hinschlachteten, und zwar nicht mehr bloß aus Gehässigkeit, wie früher, sondern schon aus dem einen Grunde, um dem über ihrem eigenen Haupte schwebenden Verderben zuvorzukommen. 462 Ein wilder Aufruhr durchtobte ganz Syrien, und jede Stadt war in zwei feindliche Heerlager geschieden: den Gegner mit dem Vernichtungsschlage zu überholen, war das einzige Rettungsmittel! 463 Nachdem man den Tag über in Blut gewatet, brachte die Nacht mit ihrem unheimlichen Grauen noch größeres Bangen. Sobald man sich irgendwo die eigentlichen Juden vom Halse geschafft zu haben glaubte, musste man sich noch vor ihren Anhängern inacht nehmen, da es Niemand auf sich nehmen wollte, das in den einzelnen Städten vorhandene erwähnte Zwitterelement kurzer Hand zu vernichten, während man doch andererseits diese Leute als Mischlinge gerade so gut, wie die Vollblutjuden, zu fürchten hatte. 464 Dazu kam noch die Habgier, welche selbst Leute von einer wahren Lammesnatur, wie es früher schien, zum Morde ihrer Gegner verlockte: konnte man sich ja doch ganz ungescheut über die Habe der Erschlagenen hermachen und wie von einem Schlachtfeld weg die bei den Leichen gemachte Beute in die eigenen Häuser schleppen! Wer hier den größten Gewinn machte, war auch der größte Held, weil der größte Mörder! 465 Auf Schritt und Tritt konnte man in den Städten unbestattete Leichen, todte Greise, umgeben von kleinen Kindern und von Frauen, letztere sogar ohne die allernothwendigste Hülle, auf der Erde liegen sehen. Die ganze Provinz war voll unbeschreiblicher Jammerscenen, und die Spannung, welche durch die herumschwirrenden drohenden Gerüchte erzeugt wurde, war noch furchtbarer, als der Schrecken über die einzelnen in Wirklichkeit vorgefallenen Frevelthaten.

466 (3.) Hatten nun bisher die Juden immer nur mit Nichtjuden blutige Zusammenstöße gehabt, so mussten sie hingegen bei ihrem Sturm auf die Stadt Scythopolis die Feindschaft ihrer eigenen daselbst befindlichen Landsleute erfahren, die da in Reih’ und Glied mit den [200] übrigen Einwohnern von Scythopolis und mit Hintansetzung ihrer Stammesverwandtschaft, nur um ihre Haut zu sichern, gegen ihre Landsleute ausrückten. Aber selbst diese ihre ausnehmende Bereitwilligkeit blieb vom Argwohn nicht verschont. 467 Es besorgten nämlich die Scythopolitaner, dass sie sich während der Nacht über die Stadtbewohner hermachen und mit Strömen heidnischen Blutes sich von der Schuld ihres Abfalles vor den Stammgenossen reinwaschen könnten. Man befahl ihnen daher, sich mit ihren Familien in den städtischen Hain zu begeben, um, wie man ihnen sagte, auf diese Weise ihr volles Einverständnis mit den übrigen Bewohnern zu bekräftigen und ihre Treue gegen die heidnische Bevölkerung zu beweisen. 468 Die Juden kamen auch dem Auftrag ohne jede böse Ahnung nach, und die Scythopolitaner blieben, um diesen ihren guten Glauben noch sicherer zu täuschen, zwei Tage hindurch ganz ruhig. Wie sie nun auf ihrer Lauer in der dritten Nacht die Juden zum Theil ganz sorglos, zum Theil auch eingeschlafen sahen, hieben sie alle, über 13.000 Menschen, zusammen und rissen ihre ganze Habe an sich.

469 (4.) Es verdient hier auch das unglückliche Ende eines gewissen Simon angeführt zu werden, dessen Vater Saulus nicht gerade zu den unbekannten Persönlichkeiten zählte. Der Sohn selbst, ein Mann von außergewöhnlicher Körperkraft und Waghalsigkeit, hatte leider beide Vorzüge nur zum Unheil seiner eigenen Stammgenossen geltend gemacht. 470 Tag für Tag hatte er nämlich die Juden vor Scythopolis angegriffen und ihrer viele erschlagen, ja oftmals hatte er sie alle miteinander in die Flucht gejagt und durch seinen Arm allein das ganze Gefecht zur Entscheidung gebracht. 471 Endlich ereilte ihn die gerechte Rache für sein Wüthen am eigenen Fleische. Denn als die Scythopolitaner sie umzingelt hätten und nun in dem erwähnten Haine niederzuschießen begannen, da zog er sein Schwert, ohne sich jedoch auf einen der Feinde zu stürzen, die er in so erdrückender Uebermacht vor sich sah, und schrie ganz außer sich vor innerem Schmerze: 472 „Nur zu wohlverdient ist der Lohn, den ich für meine Unthaten von den Scythopolitanern jetzt erhalte, weil ich mit soviel Bruderblut meine Anhänglichkeit an sie besiegeln zu müssen glaubte. Als Fluchbeladene und als Leute, gegen die man den Treubruch von Seite eines Fremden nur begreiflich finden kann, weil sie an dem eigenen Volke aufs ärgste gefrevelt haben, wollen wir nun auch den Tod erleiden und zwar den Tod durch eigene Hand, da sich für solche Sühne ein Stoß von Feindes Hand wohl weniger ziemt. 473 Doch soll mir diese That nicht bloß eine volle Sühne für meine Schlechtigkeit sein, sondern auch den Ruhm meiner Tapferkeit verkünden, damit kein Gegner sich mit meiner Ermordung brüsten oder gar noch [201] meine Leiche mit seinen Prahlereien verhöhnen möge.“ 474 Nach diesen Worten überflog er mit einem Blicke, in dem sich Mitleid und Ingrimm spiegelten, seine ganze Familie, bestehend aus Frau und Kindern, nebst seinen greisen Eltern. 475 Dann riss er zuerst den Vater bei seinen grauen Haaren herbei und rannte ihm das Schwert durch und durch, hierauf der Mutter, die sich ebensowenig wehrte, darnach seinem Weibe und den Kindern, die sich alle fast selbst ins Schwert stürzten, um nur der Hand des Feindes zuvorzukommen. 476 Nachdem er so mit seiner ganzen Familie fertig war, holte er, vor aller Augen auf den Leichen stehend, mit seiner Rechten soweit aus, dass es Jederman deutlich sehen musste, und senkte die volle Klinge in sein eigenes Lebensblut – ein junges Blut, bedauernswürdig in Anbetracht seiner Leibesstärke und seines Heldensinnes, aber auch gebürend gezüchtigt für seine Treue gegen ein fremdes Volk!

477 (5.) Auf dieses Massacre der Juden in Scythopolis hin erhoben sich auch die Einwohner der übrigen Städte gegen ihre jüdischen Mitbürger. So metzelten die Askaloniter 2500, die Bewohner von Ptolemais an 2000 Juden nieder und warfen außerdem nicht wenige in den Kerker. 478 Auch die Tyrier brachten gar viele ums Leben, und noch größer war die Zahl derer, die sie in Haft hielten. Aehnlich thaten die Bewohner von Hippus und Gadara, die sich der verwegeneren Gesellen entledigten, die furchtsameren Elemente aber bloß einsperrten; ebenso die übrigen Städte Syriens, soweit sie sich theils von Judenhass, theils von Judenfurcht beeinflussen ließen. 479 Nur die Antiochener, Sidonier und Apameer schonten ihre Judencolonien und wollten weder einem Juden ans Leben gehen, noch ihm die Freiheit nehmen lassen, vielleicht darum, weil sie infolge ihres eigenen Uebergewichtes die Juden selbst im Falle einer aufständischen Bewegung nicht zu beachten brauchten, nach meiner Ansicht aber hauptsächlich aus Mitleid mit Menschen, an denen niemand auch nur die geringste Neuerungssucht bemerken konnte. 480 Auch die Gerasener krümmten den Juden, die bei ihnen bleiben wollten, kein Haar und gaben jenen, die aus der Stadt fortziehen wollten, sogar das Geleite bis an die Grenze ihres Gebietes.

481 (6.) Selbst im Königreich des Agrippa wurden den Juden Nachstellungen bereitet. Als nämlich der König einst zu Cestius Gallus nach Antiochien gereist war, führte die Regierungsgeschäfte einer seiner Freunde, namens Noarus, den er zu diesem Zwecke zurückgelassen hatte, ein Blutsverwandter des Königs Soämus. 482 Da kamen von Batanäa siebzig Männer, die nach Geburt und Geist zu den tüchtigsten Bürgern zählten, und baten um Militär, damit sie eine genügende Schutzmannschaft hätten, um ihre Widersacher niederzuhalten, wenn [202] auch bei ihnen eine Gährung entstehen sollte. 483 Diese Männer ließ nun Noarus alle miteinander durch einige nächtlicherweise ausgesandte Schwerbewaffnete aus der Zahl der königlichen Truppen zusammenhauen. Er hatte diese That ohne Wissen und Willen des Agrippa rein auf eigene Faust vollführt, und zwar war es maßlose Geldgier, die ihn bewogen, zum größten Schaden des Reiches sich zu solchen Ruchlosigkeiten an den eigenen Stammesbrüdern herzugeben. Er setzte auch längere Zeit seine frevelhafte Grausamkeit gegen die jüdische Nation fort, bis es endlich Agrippa zu Ohren kam. Aus Rücksicht auf Soämus wollte ihm doch der König nicht geradezu den Kopf vor die Füße legen lassen, aber er enthob ihn wenigstens sofort von der Statthalterschaft. 484 Um diese Zeit gelang es auch den jüdischen Rebellen, die oberhalb Jericho gelegene Veste Cyprus einzunehmen. Die Besatzung ließen sie über die Klinge springen und trugen dann die Bollwerke bis auf den Grund ab. 485 Gleichfalls in diesen Tagen war es, dass die jüdische Bevölkerung von Machärus an die dortige römische Garnison das Ansinnen stellte, die Burg zu räumen und den Juden zu überlassen. 486 Da die Römer die Folgen einer gewaltsamen Erstürmung nicht auf sich nehmen mochten, so verhandelte man mit den Juden wegen freien Abzuges und übergab dann auch nach erhaltener Bürgschaft die Festung, die nunmehr, durch eine jüdische Besatzung gesichert, in den Händen der Machäriten blieb.

487 (7.) Was Alexandrien betrifft, so wurde die jüdische Bevölkerung daselbst von den Eingebornen schon seit jeher angefeindet, d. h. seit jener Zeit, da Alexander den jüdischen Ansiedlern zum Lohn für die außerordentliche Bereitwilligkeit, mit der ihn die Juden im Kampfe gegen die Aegypter unterstützt hatten, gleiche bürgerliche Rechte mit den Griechen bewilligt hatte. 488 Diese Auszeichnung wurde ihnen auch von seinen Nachfolgern fort und fort bestätigt, die ihnen sogar einen gesonderten Stadtbezirk gaben, wo sie, vom Verkehre mit den Fremden weniger berührt, ihre gesetzliche Lebensweise reiner zum Ausdruck bringen könnten, und ihnen erlaubten, sich „Macedonier“ nennen zu dürfen. Als dann die Römer sich in den Besitz Aegyptens gesetzt hatten, duldete weder der erste Cäsar, noch einer seiner Nachfolger eine Beeinträchtigung der von Alexander herrührenden Rechte. 489 Doch hatten die Juden in einemfort Zusammenstöße mit den Griechen, und der Streit wurde, trotzdem die Präfecten Tag für Tag viele Schuldige aus beiden Parteien abstrafen ließen, nur desto erbitterter. 490 Endlich brachten die Wirren zu unserer Zeit, die auch anderwärts alles erschütterten, den Brand in Alexandrien zum vollen Ausbruche. Als nämlich einst die Alexandriner in Sachen der Gesandtschaft, die man [203] an Nero abordnen wollte, eine Volksversammlung veranstalteten, waren zugleich mit den Griechen zahlreiche Juden in das Amphitheater geströmt. 491 Kaum war aber die Gegenpartei ihrer ansichtig geworden, als sie auch sofort laut zu schreien begannen: „Feinde, Spione!“ und dann auf sie lossprangen, um Hand an sie zu legen. Während sich nun die meisten Juden durch schleunige Flucht, der eine dahin, der andere dorthin noch retten konnten, fielen immerhin drei Männer in die Gewalt des Pöbels und wurden auf der Stelle zum Scheiterhaufen geschleppt, um lebendig verbrannt zu werden. 492 Racheschnaubend erhob sich dagegen die ganze Judencolonie, um zunächst mit Steinwürfen den Griechen zuzusetzen. Dann aber griff man plötzlich nach Fackeln und stürmte nach dem Amphitheater mit der lauten Drohung, die Bürgerschaft darinnen bis auf den letzten Mann in den Flammen zu begraben. Nur allzuschnell hätten die Juden ihre Drohung zur Wahrheit gemacht, wenn nicht der in der Stadt residierende Präfect Tiberius Alexander ihr wüthendes Gebaren vereitelt hätte. 493 Tiberius wollte sie jedoch nicht gleich mit dem Schwerte zur Vernunft bringen, sondern ließ sie zuerst durch eine Abordnung vornehmer Bürger zur Einstellung der Feindseligkeiten auffordern, widrigenfalls sie das römische Militär zum Losschlagen reizen würden. Die Verwarnung beantworteten die Aufständischen mit Hohn und Spott und mit Lästerungen gegen den Präfecten.

494 (8.) Wie nun Tiberius sehen musste, dass die revolutionären Gelüste nur in einem großen Blutbade noch erstickt werden könnten, ließ er die zwei in der Stadt einquartierten römischen Legionen und außerdem noch 5000 andere Soldaten, die eben aus Libyen in Alexandrien eingetroffen waren und durch einen merkwürdigen Zufall gerade zur Niedermetzlung der Juden rechtkommen sollten, gegen die Meuterer ausrücken, mit der ausdrücklichen Erlaubnis, nicht bloß die Juden zusammenzuhauen, sondern auch ihren Besitz zu plündern und ihre Wohnstätten niederzubrennen. 495 Die Soldaten stürmten nun den sogenannten Deltabezirk, wo die Judencolonie sich angesiedelt hatte, und vollführten die gegebenen Befehle. Doch lief das nicht ohne blutigen Widerstand ab, da die Juden in dichten Rotten, die bestbewaffneten an der Spitze, durch sehr lange Zeit sich behaupteten. Als aber einmal ihre Reihen zu wanken begannen, gieng freilich der Kampf bald in ein wildes Morden über, und das Gemetzel ward allgemein: 496 die einen wurden auf ihrer Flucht über die freie Ebene vom Tode erreicht, die anderen fanden ihn dicht zusammengedrängt in den Häusern, welche ihnen von den Römern nach vorgängiger Plünderung der im Innern befindlichen Wertsachen unter den Füßen [204] angezündet wurden. Die Soldaten waren weder für das Mitleid mit den Kleinen noch für die Ehrfurcht vor dem grauen Haare zugänglich, 497 kein Alter entgieng ihrem blutigen Wüthen, so dass der ganze Stadttheil nur eine einzige Blutlache war, in der sich 50.000 Leichen häuften! Nicht einmal der Rest wäre verschont geblieben, wenn er nicht zu flehentlichen Bitten seine Zuflucht genommen hätte, worauf Alexander aus Mitleid mit ihnen die römischen Soldaten aus dem Judenquartiere zurückrief. 498 An strammen Gehorsam gewöhnt, ließen die Römer auf den ersten Wink von der blutigen Arbeit. Schwieriger aber gestaltete sich die Abberufung des alexandrinischen Pöbels zufolge seines riesigen Judenhasses, so dass man ihn selbst von den Leichen nur mit harter Mühe zurücktreiben konnte.

499 (9.) Solcherweise verlief das blutige Drama von Alexandrien. Da nun die Juden bereits an allen Orten als erklärte Feinde galten, glaubte auch Cestius nicht länger mehr den stillen Beobachter machen zu dürfen. 500 Er nahm von Antiochien die zwölfte Legion in ihrer vollen Stärke und je 2000 Mann Kerntruppen aus den übrigen Legionen, dann sechs Cohorten anderes Fußvolk und vier Reitergeschwader. Dazu kamen noch die von den Königen beigestellten Bundestruppen, und zwar von Antiochus 2000 Reiter mit 3000 Fußgängern, sämmtlich Bogenschützen, von Agrippa ebensoviele Fußtruppen, aber etwas weniger Reiterei, 501 von Soämus endlich, der ebenfalls Heeresfolge leistete, 4000 Mann, von denen die Reiterei nur den dritten Theil ausmachte, den größten Theil aber die Bogenschützen. Mit dieser Macht marschierte Cestius zuerst nach Ptolemais. 502 Sehr beträchtliche Hilfsvölker hatten sich auch aus den Städten um ihn geschart, die allerdings, was kriegerische Erfahrung angieng, den Berufssoldaten nicht gewachsen waren, aber durch ihr kriegerisches Feuer und ihren Hass gegen die Juden die Lücken ihrer militärischen Kenntnisse ersetzten. Agrippa hatte sich ebenfalls in Person bei Cestius eingefunden, um dem Heere die Wege zu weisen und sonstige gute Rathschläge zu ertheilen. 503 Seinen ersten Angriff richtete Cestius mit einem Theile seiner Streitmacht gegen eine feste Stadt Galiläas, namens Chabulon, die den Zunamen „die volkreiche“ hatte und an der Grenze des jüdischen Gebietes gegen Ptolemais hin gelegen war. 504 Er traf sie von Menschen ganz entblößt, da sich die Einwohner sämmtlich in die Berge geflüchtet hatten, wohl aber angefüllt mit jeder Art von Kostbarkeiten. Während er die letzteren den Kriegern zur Beute überließ, befahl er, die Stadt, obschon sie Paläste von einer ihm selbst imponierenden Schönheit und einer ähnlichen Bauart, wie die zu Tyrus, Sidon und Berytus hatte, in Asche zu legen. 505 Hierauf streifte er die Gegend ab, plünderte, was er [205] nur erreichen konnte, und brannte die Dörfer im Umkreise nieder, um sich dann wieder nach Ptolemais zurückzuziehen. 506 Während aber die Syrer und zwar größtentheils Leute von Berytus noch immer am Plündern waren, hatten sich die Juden, die den Cestius schon in weiter Ferne wussten, von ihrem Schrecken wieder erholt und stürzten sich nun ganz unvermuthet auf die Zurückgebliebenen, von denen bei 2000 unter ihren Händen fielen.

507 (10.) Cestius marschierte hierauf von Ptolemais wieder ab, um sein Hauptquartier in Cäsarea aufzuschlagen, einen Theil des Heeres aber sandte er nach Joppe mit der Weisung voraus, diese Stadt, wenn sie sich durch einen Handstreich nehmen ließe, zu besetzen, sonst aber, wenn man sich gegen ihren Anmarsch vorsehen würde, auf ihn und die Hauptarmee zu warten. 508 Eine Abtheilung suchte nun auf dem Seewege, eine zweite zu Lande in aller Eile Joppe zu erreichen, und es glückte ihnen wirklich, durch einen Doppelangriff von der See- und Landseite aus die Stadt mit leichter Mühe zu nehmen. Die Römer drangen so rasch ein, dass die Einwohner nicht einmal Zeit zur Flucht fanden, geschweige denn, dass sie sich hätten in Vertheidigungszustand setzen können, und so wurden sie allesammt mit Weib und Kind niedergestoßen, die Stadt selbst geplündert und angezündet. 509 Die Zahl der Getödteten belief sich auf 8400! In gleicher Absicht schickte der Statthalter auch in den an Cäsarea angrenzenden Bezirk von Narbata eine beträchtliche Reiterschar, die das Land verheerte, eine große Zahl seiner Bewohner hinmordete, deren Hab und Gut plünderte und schließlich ihre Dörfer niederbrannte.

510 (11.) Nach Galiläa entsendete Cestius den Commandanten der zwölften Legion, namens Cäsennius Gallus, und stellte ihm soviel Truppen zur Verfügung, als nach seiner Voraussetzung der Widerstand der dortigen Bevölkerung erheischte. 511 Gallus ward aber gerade von der stärksten Stadt Galiläas, von Sepphoris, mit freudigem Willkomm empfangen, und die Wirkung dieses wohlberathenen Schrittes war, dass auch die übrigen Städte sich ruhig verhielten, während alle Rebellen- und Räuberbanden sich auf das Gebirge flüchteten, das genau die Mitte Galiläas einnimmt und Sepphoris gegenüber liegt, genannt das Asamongebirge. Auf diese warf sich nun Gallus mit seinen Truppen. 512 Solange die Banden den Vortheil des höheren Terrains besaßen, konnten sie sonder Mühe die anrückenden Römer mit Erfolg beschießen und bei 200 aus ihnen niederstrecken; wie aber einmal die Soldaten den Berg umgangen hatten und auf den höher gelegenen Punkten erschienen, da erlagen sie beim Mangel jeder Deckung in kurzer Zeit und vermochten sich weder gegen die Schwerbewaffneten im [206] Nahkampf zu behaupten, noch auch, einmal geschlagen, den feindlichen Reitern zu entkommen. Nur wenige konnten infolge dessen vor den Verfolgern in schwer zugänglichen Orten ein Versteck erreichen, über 2000 blieben todt am Platze.


Neunzehntes Capitel.
Der unglückliche Zug des Cestius gegen Jerusalem.


513 (1.) Da Gallus jede aufrührerische Regung in Galiläa erstickt sah, kehrte er mit seiner Abtheilung nach Cäsarea zurück. Jetzt brach Cestius selbst mit seiner gesammten Heeresmacht auf und drang bis Antipatris vor. Hier hörte er von einem nicht unbedeutenden jüdischen Rebellenhaufen, der sich in einem festen Schloss, namens Aphek, zusammengefunden haben sollte, und wollte ihn durch ein eigens vorausgesandtes Detachement zum Treffen zwingen. 514 Doch hatte die Furcht, welche vor den Römern hergieng, die Juden schon früher auseinandergejagt, bevor es noch zum Handgemenge kam, so dass die Römer bei ihrer Ankunft nur das verlassene Lager und die Dörfer in der Runde in Asche legen konnten. 515 Von Antipatris rückte Cestius gegen die Stadt Lydda vor, die er ebenfalls ohne Einwohner antraf, da alles Volk wegen des Laubhüttenfestes nach Jerusalem hinaufgepilgert war. 516 Nur fünfzig waren zu Hause geblieben, die im Augenblick, wo sie sich blicken ließen, in Stücke gehauen wurden. Die Stadt ward eingeäschert. Im weiteren Vormarsche erklomm Cestius die Höhen von Bethhoron, um dann bei einer Ortschaft, namens Gabao, fünfzig Stadien von Jerusalem entfernt, ein festes Lager zu beziehen.

517 (2.) Als nun jetzt die Juden das Kriegsgewitter sich immer mehr der Hauptstadt nähern sahen, da ließen sie das Fest beiseite, eilten zu den Waffen und stürmten in kühnem Vertrauen auf ihre Massen ohne Ordnung und unter wildem Geschrei zum Kampfe hinaus, ohne auch nur auf die Arbeitsruhe des siebenten Tages, die gerade einfiel, und die bei den Juden sonst sehr strenge gehalten wird, im geringsten Bedacht zu nehmen. 518 Aber gerade dieser Ingrimm, der sie sogar aus dem gewohnten Geleise ihrer Frömmigkeit hinauswarf, gab ihnen auch im Kampfe das Uebergewicht, da sie mit einer solchen Wucht auf die Römer prallten, dass sie ihre Schlachtreihen durchbrachen und in ihrer Mitte Tod und Verderben verbreiteten. 519 Würde nicht in diesem Augenblick der erschütterten Heeressäule die Reiterei durch eine Umgehung des Feindes, wie auch der weniger bedrängte Theil des Fußvolkes zu Hilfe gekommen sein, so wäre Cestius mit seiner ganzen Armee in eine äußerst kritische Lage gerathen. Von den Römern fielen dabei [207] 515 Mann, darunter 400 vom Fußvolk und das übrige Reiter; die Juden verloren nur 22 Streiter. 520 Auf ihrer Seite glänzten durch ihre Tapferkeit die Verwandten des Monobazus, des Königs von Adiabene, nämlich Monobazus und Kenedäus, an die sich Niger von Peräa und der Babylonier Silas würdig anreihten. Letzterer war früher unter den Fahnen des Königs Agrippa gestanden, hatte sich aber dann auf die Seite der Juden geschlagen. 521 An der Front waren nun allerdings die Juden geworfen und zur Rückkehr nach der Hauptstadt gezwungen, aber im Rücken des Heeres stürzte sich dafür Simon, der Sohn des Gioras, plötzlich auf den römischen Nachtrab, wie er gerade die Höhe von Bethhoron hinaufmarschieren wollte, jagte ihn zum großen Theil auseinander und erbeutete eine große Zahl von Lastthieren, die er nach Jerusalem schaffte. 522 Da Cestius zudem noch drei Tage an Ort und Stelle verblieb, konnten die Juden auch noch die Höhen besetzen und sich der Engpässe versichern, so dass den Römern kein Zweifel mehr blieb, sie würden von ihnen beim ersten Schritt vorwärts neuerdings angefallen werden.

523 (3.) In diesem Augenblick entschloss sich Agrippa, der das Bedenkliche der Lage, und zwar diesmal auf Seite der Römer, gar wohl durchschaute, da alle Berge ringsum von zahllosen Feinden wimmelten, es mit den Juden auf gütlichem Wege zu versuchen, um sie entweder alle zur Niederlegung der Waffen zu bewegen oder der Rebellenpartei wenigstens jenen Theil des Volkes abspenstig zu machen, der mit ihr innerlich nicht übereinstimmte. 524 Er schickte demnach zwei Männer aus seiner Umgebung zu ihnen, die beim Volke noch im besten Andenken stehen mussten, Borkäus und Phöbus, und ließ den Juden im Namen des Cestius eine friedliche Vereinbarung und vollständigen Pardon für das Vergangene von Seite der Römer unter der Bedingung anbieten, dass sie die Waffen strecken und zu Agrippas Leuten übergehen wollten. 525 Wirklich bekamen die eigentlichen Rebellen Furcht, es könnte sich am Ende das ganze Volk in der Hoffnung auf Begnadigung auf die Seite des Agrippa schlagen, und stürzten sich darum auf seine Gesandten, um sie zu massacrieren. 526 Durchbohrt sank Phöbus nieder, ohne dass er auch nur den Mund hatte öffnen können, während Borkäus nur verwundet wurde und sich durch schnelle Flucht noch retten konnte. Als sich ein Theil der Bürgerschaft über dieses Benehmen empört zeigte, ward er von den Rebellen sammt und sonders mit Steinwürfen und Holzknüppeln zur Stadt hineingetrieben.

527 (4.) Sofort nahm Cestius in dem Tumulte, der unter den Juden selbst ausgebrochen, die günstige Gelegenheit zu einem Angriffe wahr und machte mit dem ganzen Heere einen Vorstoß, der mit der Zurück- [208] werfung der Juden und ihrer Verfolgung bis unter die Mauern Jerusalems endete. 528 Er schlug dann auf dem sogenannten Skopus in einer Entfernung von sieben Stadien gegenüber der Hauptstadt sein Lager auf und enthielt sich drei Tage lang jeder Feindseligkeit gegen Jerusalem, weil er vielleicht darauf rechnen mochte, dass ihm die Stadt ohnehin von den Juden drinnen in die Hände gespielt werden würde. Nur in die umliegenden Dörfer ließ er zur Plünderung von Getreide eine Menge Soldaten ausschwärmen. Am vierten Tage jedoch, welcher gerade der dreißigste des Monates Hyperberetäus war, führte er sein Heer in Schlachtbereitschaft gegen die Stadt heran. 529 Auch jetzt hielten die Rebellen das eigentliche Volk noch in Schach, aber die militärische Entfaltung des Römerheeres jagte ihnen einen solchen Schrecken ein, dass sie aus den äußeren Stadttheilen zurückwichen und sich auf die Vertheidigung der inneren Stadt und des Tempels beschränkten. 530 Cestius drang nach und setzte die sogenannte Bezethavorstadt, die Neustadt und auch den Balkenmarkt, wie er hieß, in Flammen. Vor der Oberstadt angekommen, ließ er gegenüber dem Königshof ein festes Lager schlagen. 531 Hätte er dafür zur selben Stunde noch stürmen lassen, um auch hinter diese Mauer zu kommen, so hätte er sich auf der Stelle der Stadt bemächtigen können, und der ganze Krieg wäre aus gewesen: aber so redeten ihn der Lagerpräfect Tyrannius Priscus und die meisten Reiterobristen, die von Florus erkauft waren, von einem sofortigen Sturme ab. 532 Das war der eigentliche Grund, dass sich der Krieg so furchtbar in die Länge zog, und die Juden noch ein Meer von Unheil und Unglücksschlägen auskosten mussten.

533 (5.) Unterdessen hatten sich viele angesehene Bürger von Ananus, dem Sohne des Jonathas, bewegen lassen, dem Cestius zu erklären, dass sie ihm die Thore öffnen wollten. 534 Dieser aber achtete infolge seiner Aufregung nicht sonderlich darauf und wollte schon darum, weil er ihnen nicht recht traute, lange nicht an die Sache heran, bis die Rebellen endlich den Verrath witterten und die Anhänger des Ananus von der Mauer herabstießen und mit Steinwürfen bis zu ihren Häusern verfolgten. Gleichzeitig besetzten sie mit ihren Leuten die Thürme und sandten von da ihre Geschosse auf die bereits an der Mauer arbeitenden Römer. 535 Obschon die letzteren auf allen Punkten ihre Angriffe versuchten, konnten sie sich doch durch fünf Tage an keiner einzigen Stelle ernstlich festsetzen. Erst am sechsten Tage, als Cestius mit zahlreichen Kerntruppen, unterstützt von den Bogenschützen, den Tempel von der Nordseite angriff, 536 mussten die Juden, die sich von der Säulenhalle herab vertheidigten, nach vielen abgeschlagenen Stürmen endlich doch, durch einen Hagel von Geschossen vertrieben, von der Mauer weichen. 537 Jetzt [209] stemmten die vordersten Römer ihre Schilde gegen die Mauer, ihre Hintermänner wieder neue Schilde unter die ihrer Vordermänner, ebenso auch die folgenden Soldaten und formierten damit das bei den Römern unter dem Namen Schildkröte bekannte Schutzdach. Alle Geschosse, die darauf geschleudert wurden, glitten spurlos darüber hin, so dass die Soldaten jetzt, ohne im geringsten verletzt zu werden, an der Untergrabung der Mauer arbeiten und daran denken konnten, an das Thor zum Heiligthum Feuer zu legen.

538 (6.) Ein panischer Schrecken bemächtigte sich nunmehr der Rebellen. Viele gaben bereits Fersengeld und verließen die Stadt, weil sie schon in den nächsten Augenblicken den Fall derselben erwarteten. Dagegen schöpfte das Volk aus demselben Anlasse wieder neuen Muth, und in dem Maße, als sich das Gesindel verzog, suchten die Bürger an die Mauer heranzukommen, um die Thore zu öffnen und Cestius als Befreier zu begrüßen. 539 Würde dieser nur eine kleine Weile noch die Belagerung betrieben haben, so hätte er alsbald die Stadt in seine Hand bekommen müssen! Aber nach meiner Ueberzeugung hat Gott selbst, der sich wegen der Ruchlosen auch von seinem eigenen Heiligthum bereits zurückgezogen hatte, es nicht zugelassen, dass der Krieg mit diesem Tage schon beendet würde.

540 (7.) Cestius rief nämlich ganz plötzlich, ohne von der Verzweiflung der Belagerten noch von der wachsenden Zuversicht des Volkes Notiz zu nehmen, seine Soldaten ab und brach, tiefentmuthigt, trotzdem seine Hoffnungspläne gar keinen äußeren Stoß erlitten hatten, ohne jeden vernünftigen Grund von Jerusalem auf. 541 Bei seinem ganz unerwarteten Abmarsch gewann das Raubgesindel seine alte Keckheit wieder, stürzte hinter den letzten Römern zur Stadt hinaus und hieb viele Reiter und Fußgänger nieder. 542 Die erste Nacht campierte Cestius in dem früheren Lager am Skopushügel, den er am folgenden Tage wieder verließ, um seinen Rückmarsch fortzusetzen, was die Feinde erst recht anlockte. Sie drängten theils von rückwärts nach und lichteten die letzten Reihen, sie stürmten aber auch zu beiden Seiten des Weges gegen die Römer heran und bestrichen mit ihren Wurfgeschossen deren Flanken. 543 Die Soldaten im Nachtrab wagten es gar nicht, gegen die Feinde, die ihnen im Rücken zusetzten, Front zu machen, weil sie sich von einer ungezählten Menge verfolgt glaubten, während die durch den Flankenangriff bedrohten Römer überhaupt nicht in der Lage waren, denselben zurückzuweisen, weil sie schwer bepackt waren und Reih’ und Glied zu stören fürchten mussten, wogegen die Juden ohne Gepäck und ganz ungehindert, wie die Bedrängten zu ihrem Leidwesen sahen, die Angriffsbewegungen ausführen konnten. So musste es kommen, dass [210] die Römer die empfindlichsten Verluste erlitten, ohne den Feinden auch zu nur den geringsten Schaden thun zu können. Auf dem ganzen Wege sank bald da, bald dort einer, getroffen und aus seiner Reihe gerissen, zu Boden, bis man endlich nach vielen Verlusten, worunter besonders Priscus, der Lagerpräfect der sechsten Legion, der Tribun Longinus und der Anführer eines Reitergeschwaders, Aemilius Jucundus, hervorzuheben wären, mit harter Mühe zum früheren Lager in Gabao gelangte, nachdem man auch noch den größten Theil der Bagage eingebüßt hatte. 545 Hier blieb Cestius zwei Tage, ohne zu wissen, was er beginnen sollte. Als er aber am dritten Tage noch weit mehr Feinde, ja, alles rund herum voll Juden sah, kam er zur Einsicht, dass er nur zu seinem eigenen Schaden gewartet habe, und falls er noch länger bliebe, nur desto mehr Feinde finden würde.

546 (8.) Um den Rückzug rascher zu bewerkstelligen, befahl Cestius, alles, was das Heer im Marsche behindern könnte, daran zu geben. Demzufolge schlug man alle Maulthiere, Esel und alle sonstigen Lastthiere mit Ausnahme jener ab, die die Geschosse und Kriegsmaschinen transportierten: auf letztere musste man schon wegen ihres Wertes im Felde und ganz besonders darum sorglich Bedacht nehmen, weil zu fürchten stand, dass sie, einmal von den Juden erbeutet, gegen die Römer gerichtet werden könnten. So brach nun Cestius mit dem Heere gegen Bethhoron auf. 547 So lang man sich auf mehr flachem Terrain bewegte, merkte man den nachsetzenden Feind nicht so stark, wie man aber beim Abstieg in die Engpässe sich zusammendrängen musste, da eilte ein Theil der Feinde voraus, um den Römern den Ausgang zu verlegen, während andere mit aller Gewalt noch die letzten im Zug in die Schlucht hinunterzudrängen suchten. Ihre Hauptmacht aber hatte sich zur Seite über der Steilwand des Weges postiert und bedeckte die römische Heeressäule mit einer Wolke von Geschossen. 548 War es da schon für die Fußsoldaten schwierig, sich zu helfen, so war die Gefahr für die Reiter eine noch ernstere, da sie weder die Marschordnung bergab unter dem Geschossregen einhalten, noch auch den jähen Abhang gegen die Feinde hinansprengen konnten. 549 Gegen die andere Seite zu waren lauter Abgründe und Schluchten, ein Fehltritt – und Mann und Ross lagen in der Tiefe! Ohne jeden Ausweg zur Flucht und ohne alle Aussicht auf Vertheidigung überließ man sich in dieser ohnmächtigen Lage lauten Weheklagen und dem ganzen Jammer der Verzweiflung. Als Echo antwortete ihnen nur das anfeuernde Commando, der Siegesjubel und das Wuthgeheul der Juden. 550 Auf ein Haar hätten die Juden die ganze Macht des Cestius aufgehoben, wenn nicht die Nacht dazwischen gekommen wäre, unter deren Schutze [211] sich die Römer nach Bethhoron flüchten konnten. Unterdessen besetzten die Juden die ganze Umgebung und passten mit der größten Aufmerksamkeit auf einen etwaigen Aufbruch der Römer.

551 (9.) Verzweifelnd gab nun Cestius den offenen Weitermarsch auf und dachte nur mehr an ein Mittel, um heimlich zu entrinnen. Zu diesem Zwecke wählte er sich bei 400 der muthigsten Krieger aus, mit denen er die Lagerwälle besetzte, und die den Auftrag erhielten, die Standarten der im Lager üblichen Wachposten dort oben aufzupflanzen, damit die Juden glauben sollten, dass seine ganze Heeresmacht noch immer an Ort und Stelle sei; er selbst brach mit den übrigen Truppen in aller Stille auf und kam in der Nacht noch dreißig Stadien weit. 552 Erst als es zu tagen begann, gewahrten die Juden, dass die Lagerstätte vom römischen Heere verlassen sei, und stürzten sich nun auf die 400 Soldaten, die sie so erfolgreich getäuscht hatten, schossen dieselben rasch über den Haufen und setzten dann wieder dem Cestius nach. 553 Dieser war aber schon während der Nacht den Juden ein nicht unbedeutendes Stück zuvorgekommen und marschierte jetzt bei Tage mit einer solchen Hast, dass die Soldaten in ihrer Verwirrung und Angst die Helepolen und Katapulten, wie auch die meisten anderen Belagerungsmaschinen liegen ließen, deren sich nunmehr die Juden bemächtigten, um sich ihrer später gegen eben jene zu bedienen, denen man sie abgejagt hatte. 554 Im Eifer der Verfolgung kamen die Juden bis Antipatris. Da sie aber die Römer nicht mehr erreichen konnten, kehrten sie wieder um und nahmen wenigstens die Maschinen in Beschlag, beraubten die Gefallenen, machten von dem, was die Römer zurückgelassen, reiche Beute und eilten dann unter Triumphgesängen in die Hauptstadt zurück. 555 Ihr Verlust war ein ganz unbedeutender gewesen, während sie den Römern und ihren Bundestruppen zusammen 5300 Mann Fußvolk und 380 Reiter niedergemacht hatten! Diese Niederlage der Römer war am achten des Monates Dius, im zwölften Jahre der Regierung des Kaisers Nero erfolgt.


Zwanzigstes Capitel.
Viele Vornehme flüchten aus Jerusalem. Cestius schickt eine Gesandtschaft an Nero. Die Juden von Damaskus. Die Rebellen stellen eine Anzahl Heerführer, darunter auch Josephus, den Geschichtschreiber dieses Krieges, auf. Thätigkeit des letzteren in Galiläa.

556 (1.) Nach diesem unglücklichen Zuge des Cestius verließen viele angesehene Juden die Stadt, wie die Ratten das sinkende Schiff. Auch die Brüder Kostobar und Saulus hatten sich mit Philippus, dem Sohne des Jakimus, dem Feldhauptmann des Königs Agrippa, aus [212] der Stadt davongemacht und zu Cestius begeben. 557 Dagegen hatte es Antipas, der auch mit den genannten Personen die Belagerung im Königshofe durchgemacht hatte, verabsäumt, zu fliehen, und wurde, wie wir später noch berichten werden, von den Rebellen ermordet. 558 Saulus und seine Freunde wurden nun von Cestius auf deren eigenes Verlangen zu Nero nach Achaja geschickt, um dem Kaiser ihre persönliche Nothlage zu klagen und alle Verantwortung für den Krieg auf Florus zu schieben. In dem Grade, als der Zorn des Kaisers auf Florus gelenkt wurde, hatte natürlich auch Cestius Aussicht, die über seinem eigenen Haupte schwebenden Gefahren wenigstens abzuschwächen.

559 (2.) Unterdessen hatte man auch zu Damaskus Kunde von der Niederlage der Römer erhalten, was zur Folge hatte, dass die Einwohner sich sofort entschlossen, alle bei ihnen lebenden Juden aus dem Wege zu räumen. 560 Man glaubte mit der Ausführung dieses Planes umso leichteres Spiel zu haben, weil man, von Misstrauen geleitet, die Juden schon früher im Gymnasium zwangsweise zusammengebracht hatte, wo sie jetzt noch waren. Was sie fürchteten, waren nur die eigenen Frauen, da mit wenigen Ausnahmen alle der jüdischen Religion ergeben waren. 561 Sie suchten deshalb das Geheimnis mit der peinlichsten Vorsicht vor denselben zu wahren, und so konnten sie sich über die 10.000 unbewaffneten, in einem engen Raum zusammengepferchten Juden plötzlich hermachen und sie alle binnen einer Stunde ohne jeden ernsten Widerstand hinmetzgern.

562 (3.) Von der Verfolgung des Cestius nach Jerusalem zurückgekehrt, suchten die Rebellen nunmehr die noch römisch gesinnten Juden zum Theil mit Gewalt, zum Theil mit guten Worten auf ihre Seite zu ziehen und schritten dann in einer öffentlichen Versammlung am Heiligthum zur Aufstellung einer noch größeren Anzahl von Heerführern für den kommenden Krieg. 563 Gewählt wurden Joseph, Sohn des Gorion, und der Hohepriester Ananus, welche die höchste Gewalt über die ganze Hauptstadt erhielten und ganz besonders dafür zu sorgen hatten, dass die Stadtmauern höher gebaut würden. 564 Der Grund, warum man nicht Eleazar, den Sohn des Simon, mit der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten betrauen wollte, obwohl derselbe bereits die römische Beute, wie auch die Casse des Cestius und außerdem einen großen Theil des Staatsschatzes unter seine Verwaltung zu bringen gewusst hatte, war der, dass man an ihm schon tyrannische Gelüste hervortreten und auch die ihm unterstehenden Zeloten fast wie königliche Leibgarden schalten und walten sah. 565 Indes bekam Eleazar, unterstützt von dem immer fühlbarer werdenden Geldmangel, [213] mit seinen Vorspiegelungen das Volk allmählich wieder so herum, dass es sich von ihm vollständig beherrschen ließ.

566 (4.) Noch andere wählte man zu Heerführern in Idumäa, nämlich Jesus, den Sohn des Sapphias, einen aus der Zahl der Hohenpriester, und Eleazar, den Sohn des Hohenpriesters Ananias. Dem bisherigen Commandanten von Idumäa, Niger mit Namen, der aus der Landschaft Peräa am Jordan her war und darum den Zunamen „der Peräer“ hatte, ließen sie den Befehl zugehen, sich den neuen Heerführern unterzuordnen. 567 Auch die übrigen Landestheile ließ man nicht aus dem Auge, sondern sandte u. a. nach Jericho den Joseph, Sohn des Simon, nach Peräa den Manasses, während im Kreise von Thamna der Essäer Johannes das Commmando übernehmen sollte, dem auch Lydda, Joppe und Emmaus zugetheilt wurden. 568 Zum Kriegsobersten im Kreise von Gophna und Akrabatene ward Johannes, der Sohn des Ananias, ernannt, in dem Gebiete der beiden Galiläa aber Josephus, Sohn des Matthias, dessen Commando auch Gamala, die stärkste Festung der dortigen Landschaft, zugewiesen wurde.

569 (5.) Jeder einzelne Commandant suchte nun je nach seinem Eifer oder Verständnis das ihm anvertraute Gebiet zu organisieren. Was Josephus anlangt, so war es seine erste Sorge, als er nach Galiläa kam, sich bei den Einheimischen beliebt zu machen, weil nach seiner Ueberzeugung damit schon das meiste für die Zukunft gewonnen war, sollte er auch bei seinen sonstigen Maßregeln ganz fehlgreifen. 570 Da er ferner wohl erkannte, wie sehr er die Mächtigen des Landes durch deren Heranziehung zu den Regierungsgeschäften, nicht minder aber auch das ganze Volk sich verbindlich machen würde, wenn er ihm für gewöhnlich nur durch landesgesessene und populäre Persönlichkeiten seine Befehle zukommen ließe, so wählte er aus der Mitte des Volkes siebzig der verständnisreichsten Aeltesten aus und bestellte sie zu Häuptern von ganz Galiläa. 571 Ueberdies setzte er in jeder Stadt sieben Richter, aber nur für Bagatellstreitigkeiten, ein, da Angelegenheiten von größerer Wichtigkeit und namentlich die peinlichen Processe an ihn selbst und den Rath der Siebzig geleitet werden sollten.

572 (6.) Nachdem er so nach innen die gesetzliche Ordnung im Schoße der einzelnen Städte festbegründet hatte, wandte er sein Augenmerk ihrer Sicherstellung nach außen zu. 573 In der richtigen Erkenntnis, dass der Angriff von Seite der Römer über Galiläa her erfolgen werde, setzte er die geeignetsten Plätze, wie Jotapata, Bersabe und Selamin, ferner auch Kapharekcho, Japha und Sigoph, den Berg, welcher den Namen Itabyrium führt, Tarichää und Tiberias in Vertheidigungsstand. Dazu schuf er noch die im sogenannten unteren Galiläa um [214] den See Gennesar gelegenen Höhlen in Bollwerke um, was er auch in Obergaliläa mit dem Felsennest, Achabaron zubenannt, mit Seph, Jamnith und Meroth that. 574 Im Gebiete von Gaulanitis verstärkte er Seleucia, Sogane und Gamala. Nur bei Sepphoris überließ er es den Einwohnern selbst, die Stadtmauern zu erneuern, weil er sah, dass sie sich mit den Geldmitteln leicht thaten, und es bei ihrer kriegerischen Begeisterung eines eigenen Befehles auch nicht bedurfte. 575 Aehnlich war es auch bei Gischala, das Johannes, der Sohn des Levi, auf eigene Rechnung, wenn auch nicht ohne vorgängigen Auftrag von Seite des Josephus, befestigte. Alle anderen Festungsbauten leitete der letztere persönlich, indem er selbst Hand anlegte und die nöthigen Weisungen ertheilte. 576 Dazu hob er auch aus Galiläa eine Macht von mehr als 100.000 Streitern, lauter junge Mannschaft, aus, die er vollständig mit alten, zusammengesuchten Waffen versah und so wehrhaft machte.

577 (7.) Da er ferner den Grund für die Unbesiegbarkeit der römischen Heeresmacht ganz besonders im pünktlichen militärischen Gehorsam und in ihrer reichen Erfahrung im Waffenhandwerk fand, seinerseits aber alle Hoffnung aufgeben musste, diese Erfahrung, die nur durch wirklichen Kampf zu gewinnen war, nachzuholen, so suchte er wenigstens seinem Heere eine dem römischen entsprechende Gliederung zu geben und stellte darum eine größere Zahl von Chargen an, indem er wohl einsah, wie die rasche Ausführung der Befehle nur durch eine größere Mannigfaltigkeit der Führerstellen erzielt werden könne. 578 Er formierte aus seinen Kriegern verschiedene Abtheilungen, von denen er die einen den Decurionen, beziehungsweise den Centurionen, in weiterer Folge hinauf den Obersten und außer diesen Chargen zuletzt noch den Generälen unterstellte, welche schon größere Heeresmassen zu befehligen hatten. 579 Weiter belehrte er sie über die Ausgabe der Parole, über Angriffs- und Rückzugssignale mittels Trompeten, über das Vorrücken und die Schwenkungen der Flügel, und wie man sich, falls man auf einem Flügel im Vortheile wäre, von da weg dem bedrohten zuwenden müsse, auf dem gefährdeten Punkte selbst aber unterdessen redlich zusammenhalten solle. 580 Stets zielten seine Unterweisungen darauf hin, auf alle mögliche Weise ihren Heldensinn und ihre Körperkraft zu stählen, am allerwirksamsten aber suchte er sie dadurch auf den Kampf vorzubereiten, dass er ihnen bis ins einzelnste die militärische Taktik bei den Römern zergliederte und sie daran erinnerte, wie sie es mit Männern werden aufnehmen müssen, welche ihrer eigenen Körperkraft und Entschlossenheit die Herrschaft über den gesammten Erdkreis fast zu verdanken hätten. 581 Dabei bemerkte er jedoch, sie müssten ihm von [215] ihrer Manneszucht im kommenden Kriege schon vor dem Zusammenstoß mit dem Feinde eine Probe ablegen und zwar damit, dass sie sich der gewohnten Ungerechtigkeiten, wie Diebstähle, Räubereien und Plünderungen enthalten und aufhören sollten, ihre eigenen Landsleute zu hintergehen und sich in der Schädigung der eigenen Blutsfreunde einen Erwerbszweig zu suchen. 582 „Der Krieg,“ pflegte Josephus zu sagen, „geht dann am besten vonstatten, wenn dabei die Streiter ein gutes Gewissen haben. Wer aber schon von vornherein mit Schurkereien belastet in den Kampf geht, der wird nicht bloß die heranziehenden Feinde, sondern auch Gott selber zum Gegner haben.“

583 (8.) Aehnliche begeisternde Worte richtete er bei jeder Gelegenheit an seine Krieger. Das Heer zählte, soweit es um ihn, zum Losschlagen bereit, versammelt war, an Fußgängern 60.000, an Reitern aber nur 250 Mann. Zu dieser Streitmacht, die seine Hauptstütze bildete, kamen noch bei 4500 Söldner und eine auserlesene Leibwache von 600 Mann, die er immer um sich hatte. 584 Die Verpflegung dieses Heeres mit Ausnahme der Söldner besorgten, und zwar ohne besondere Belastung, die einzelnen Städte, indem eine jede von den ausgemusterten Kriegern nur die Hälfte zum activen Felddienst ausrücken ließ, während sie die übrigen zur Erwerbung des nöthigsten Lebensunterhaltes für die Feldarmee zu Hause zurückbehielt. Auf diese Weise waren die einen dem Waffenhandwerk, die anderen aber der wirklichen Händearbeit zugetheilt, und während die einen die Lebensmittel ins Feld sandten, ward ihnen dafür von ihren Brüdern, die unter den Waffen standen, die Sicherheit des eigenen Lebens gewährleistet.


Einundzwanzigstes Capitel.
Johannes von Gischala.

585 (1.) Mitten in seiner organisatorischen Thätigkeit für Galiläa erwuchs aber dem Josephus ein hinterlistiger Gegner in der Person eines gewissen Johannes, Sohnes des Levi, von Gischala, eines Mannes, der an Gewandtheit und Schlauheit die berüchtigsten Schurken von damals übertraf. Anfangs arm, hatte ihn lange Zeit seine Dürftigkeit am Unheilstiften gehindert. 586 Um eine Lüge nie verlegen, besaß er geradezu eine Virtuosität darin, seinen Lügen den Anstrich der Wahrheit zu geben. Andere zu betrügen, galt ihm für eine Tugend, die er selbst gegen seine besten Freunde in Anwendung brachte. 587 Er konnte Menschenfreundlichkeit heucheln und dabei, wo er Gewinn hoffte, das blutgierigste Scheusal sein. Er hatte immer hochfliegende Pläne, nährte aber diese seine Hoffnungen nur mit den niedrigsten Bubenstreichen. Er war nämlich anfänglich nur ein einschichtiger Buschklepper gewesen, der aber dann, erst zwar nur wenige, [216] je mehr aber sein Geschäft blühte, immermehr Spießgesellen für seine verwegenen Streiche fand, 588 wobei er sorglich darauf sah, dass er ja keinen Schwächling in seinen Kreis bekam, sondern nur solche Leute sich aussuchte, die sich ebenso sehr durch ihre prächtige Körpergestalt wie Entschlossenheit und kriegerische Uebung hervorthaten. Auf solche Art brachte er eine Bande in der Stärke von 400 Mann zusammen, meist Flüchtlinge aus dem Gebiete von Tyrus und den dortigen Dörfern, 589 mit welchen er nun ganz Galiläa brandschatzte und die allgemeine Angst, in der die Einwohner schon wegen des bevorstehenden Krieges schwebten, benützte, um sie desto gründlicher zu rupfen.

590 (2.) Jetzt hätte er auch schon gerne Landescommandierender werden mögen und träumte von noch höheren Dingen – leider aber legte ihm der immer leere Beutel in dieser Beziehung eine Beschränkung auf. Kaum hatte er jedoch das große Interesse wahrgenommen, das Josephus an seiner Unternehmungslust fand, als er ihn auch schon zu bestimmen wusste, ihm zunächst die Wiederherstellung der Mauern seiner Vaterstadt anzuvertrauen, ein Geschäft, bei dem er sich auf Kosten der wohlhabenden Bürger einen erklecklichen Profit machte. 591 Hierauf führte er ein äußerst pfiffiges Stücklein aus. Er ließ nämlich die Meinung verbreiten, als ob alle in Syrien lebenden Juden Bedenken trügen, ein Oel zu benützen, das nicht durch die Hände der Stammesgenossen gegangen wäre, und erwirkte sich die Erlaubnis aus, ihnen das Oel an die Grenze liefern zu dürfen. 592 Er kaufte nun um tyrische Münzen, die einen Wert von vier attischen Drachmen haben, je vier Amphoren Oel zusammen und brachte seinerseits schon eine halbe Amphore um denselben Preis wieder an Mann. Da Galiläa sehr ergiebig an Oel ist und gerade zu dieser Zeit eine ausgezeichnete Oelernte gehabt, Johannes aber gerade in solche Gegenden, die daran Mangel hatten, große Quantitäten und noch dazu als einziger Lieferant schicken konnte, so brachte er natürlich einen ungeheuren Haufen Geld zusammen, das er sofort gegen jenen verwendete, der ihm doch die Gelegenheit zu diesem Gewinn verschafft hatte. 593 Er rechnete nämlich darauf, dass er im Falle, als er den Josephus zu beseitigen vermöchte, selbst an die Spitze Galiläas treten würde, und trug deshalb den unter ihm stehenden Banden auf, sich mit noch größerer Kraft aufs Plündern zu werfen, um so bei der wachsenden Beunruhigung des Landes entweder dem Commandanten bei irgend einer Gelegenheit, wo er zur Hilfe ausrücken müsste, einen Hinterhalt zu legen und ihn so abzuthun, oder, wenn er sich um die Räuber nicht kümmern sollte, ihn bei den Landesbewohnern in Misscredit zu bringen. 594 Hierauf ließ er von scheinbar ihm ganz fernestehenden Kreisen [217] aus das Gerücht aussprengen, als ob Joseph die jüdische Sache an die Römer verrathen wolle. Solche und ähnliche Ränke schmiedete er gar viele zum Untergange dieses Mannes.

595 (3.) Um eben diese Zeit geschah es, dass einige junge Leute aus dem Dorfe Dabaritta, die zu der auf der großen Ebene aufgestellten Vorpostenkette gehörten, dem Haushofmeister des Agrippa und der Berenice, namens Ptolemäus, auflauerten und ihm sein ganzes Gepäck, das er mit sich führte, darunter nicht wenige wertvolle Kleider und eine große Anzahl silberner Pokale nebst 600 Goldstücken, raubten. 596 Da sie jedoch heimlich über die Beute nicht verfügen konnten, brachten sie alles zu Josephus nach Tarichää. 597 Dieser aber tadelte sie wegen ihrer Gewaltthat an den Leuten des Königs und hinterlegte die überbrachten Gegenstände bei der ersten Persönlichkeit von Tarichää, einem gewissen Annäus, mit dem Vorsatze, sie bei Gelegenheit den rechtmäßigen Eigenthümern zurückzuschicken. Aber gerade diese Handlungsweise hätte ihm selbst bald den Hals gekostet. 598 Die Beutemacher, die schon darüber recht erbost waren, dass sie von den gebrachten Beutestücken gar nichts erhalten sollten, hatten überdies auch die Absicht des Josephus, ihren eigenen sauren Erwerb an die königlichen Geschwister zu verschenken, bereits gemerkt, und liefen darum noch während der Nacht in ihre Dörfer zurück, um dort den Josephus als Verräther an den Pranger zu stellen. Sie alarmierten auch die benachbarten Städte und brachten es dahin, dass beim Morgengrauen 100.000 Bewaffnete gegen Josephus in Tarichää zusammenströmten, 599 wo sich die Menge in der Rennbahn versammelte und ihrem Zorne zunächst in einer Flut von Verwünschungen Luft machte. Die einen schrieen: „Steiniget ihn!“ die anderen: „Ins Feuer mit dem Verräther!“ Die Erbitterung der Massen ward noch von Johannes und außerdem von einem gewissen Jesus, Sohn des Sapphias, dem damaligen Stadtoberhaupte von Tiberius, geschürt. 600 Was die Freunde und Leibwächter des Josephus betrifft, so hatten sich diese vor Entsetzen über den Massenansturm, mit Ausnahme von vieren, sämmtlich geflüchtet. Josephus, der noch im Schlafe lag, wurde eben geweckt, als man schon Feuer bei seinem Hause legen wollte, 601 und sprang trotz der dringenden Aufforderung der vier bei ihm gebliebenen Personen, sich zu flüchten, weder durch die um ihn herum gähnende Leere noch von der Menge der anstürmenden Gegner eingeschüchtert, mit zerrissenem Kleide, das Haupt dicht mit Asche bestreut, die Hände auf den Rücken gelegt und sein eigenes Schwert an den Nacken gebunden, unter sie hinaus. 602 Bei diesem Anblick wurden seine Bekannten und ganz besonders die Bewohner von Tarichää von Mitleid ergriffen, während die Leute [218] vom Lande und jene aus der Nähe, denen er ein Dorn im Auge war, ihn mit Lästerungen empfiengen und die unverzügliche Herausgabe des gemeinsamen Schatzes, wie auch das unumwundene Einbekenntnis der verrätherischen Abmachungen von ihm forderten. 603 Man hatte ja schon aus seiner ganzen Erscheinung abnehmen zu können geglaubt, er werde nichts von dem, was man bereits vermuthet hatte, ableugnen wollen, sondern habe die ganze Rührscene nur zu dem Zwecke veranstaltet, um wieder Verzeihung zu erlangen. 604 Josephus aber wollte mit diesem erniedrigenden Aufzug in Wirklichkeit nur Zeit für ein schlaues Manöver gewinnen. Er hatte es nämlich darauf angelegt, gerade das, was die Ursache des allgemeinen Zornes geworden, als Zankapfel unter die jetzt gegen ihn allein erbitterte Menge zu schleudern, und versprach zu diesem Ende, er wolle alles bekennen. 605 Nun ward ihm das Wort gelassen. „Diese Schätze“, hub er an, „habe ich weder dem Agrippa zurückschicken noch in meinen eigenen Sack stecken wollen! Oder habe ich denn wirklich einmal euren Feind mit meinem Freunde verwechselt, oder das, was dem Gemeinwesen abträglich ist, mit meinem eigenen Profit? 606 Wohl aber habe ich, ihr Männer von Tarichää, die Wahrnehmung gemacht, dass gerade eure Stadt am allerdringendsten eine Sicherung benöthigt, und zur Herstellung ihrer Mauer nothwendig auch Gelder braucht. Auf der anderen Seite habe ich mich indes der Besorgnis nicht entschlagen können, es könnte das Volk von Tiberius und die anderen Städte über die gemachte Beute herfallen, und so habe ich mir vorgenommen, lieber heimlich den Schatz zurückzubehalten, um euch damit eine Ringmauer zu bauen. 607 Ist euch das nicht recht, so lasse ich sofort die mir überbrachten Wertsachen herbringen, um sie der allgemeinen Plünderung zu überantworten. Habe ich aber das Rechte für euch getroffen, so schlaget jetzt meinetwegen auf euren Wohlthäter zu!“

608 (4.) Auf das hin begannen die Leute von Tarichää den Josephus auf einmal als ihren Mann zu feiern, während sich die von Tiberias mit den übrigen aufs neue in Beschimpfungen und Drohungen ergiengen. Bald war von Josephus keine Rede mehr, und beide Parteien geriethen sich dafür gegenseitig in die Haare. Jetzt wurde auch Josephus, da er die Bürger von Tarichää, die bei 40.000 ausmachten, hinter sich wusste, wieder kecker und sagte der ganzen Versammlung noch derbere Wahrheiten. 609 Nachdem er in längerer Ausführung ihre Vorschnelligkeit gegeißelt, schloss er mit der Erklärung: „Ich werde also mit dem jetzt verfügbaren Schatze zunächst Tarichää befestigen: doch werden auch alle anderen Städte mit ihrer Befestigung an die Reihe kommen. Denn niemals wird es an Geld mangeln, solange ihr nur fest [219] gegen jene zusammenhaltet, zu deren Abwehr es bestimmt ist, und solange ihr euch nicht gegen jenen aufhetzen lasset, der es euch beschaffen will.“

610 (5.) Jetzt endlich wich, wenn auch noch in großer Erregung, die Hauptmasse der überlisteten Gegner. Nur 2000 Bewaffnete machten Miene, sich auf Josephus zu stürzen. Doch gelang es ihm früher noch, sich in das Innere seines Hauses zu retten, vor welchem nun der Haufe eine sehr drohende Haltung annahm. Ihm gegenüber griff nun Josephus zu einer neuen List. 611 Er stieg nämlich auf das Dach und suchte durch Winken mit der Hand die lärmende Menge zur Ruhe zu mahnen. Er wisse ja gar nicht, sagte er, was sie denn eigentlich von ihm wollten, da er in dem wirren Geschrei gar nichts ausnehmen könne. Er sei indes bereit, in allem sich ihren Aufträgen zu fügen, wenn sie zu einer ruhigen Besprechung einige Unterhändler zu ihm ins Haus schicken wollten. 612 Auf diese Worte hin traten die Rädelsführer mit den betreffenden galiläischen Häuptern in das Haus. Sofort ließ sie Josephus tief ins Innere des Gebäudes zerren, die Hofthüre wieder absperren und sie dann solange geißeln, bis bei allen die Eingeweide bloß lagen. Währenddessen wartete der Haufe in der Umgebung des Hauses in der Meinung, dass die hineingegangenen Männer nur in der Hitze ihrer Auseinandersetzung die Zeit überschritten hätten, 613 als sich plötzlich auf den Befehl des Josephus das Thor wieder öffnete, und die Männer, blutüberströmt, herausgejagt wurden. Das rief unter der bisher so bedrohlichen Menge eine derartige Bestürzung hervor, dass alles die Waffen wegwarf und Reißaus nahm.

614 (6.) Dieser Vorfall diente aber nur dazu, die Eifersucht des Johannes noch höher zu spannen. Er legte jetzt dem Josephus eine andere Falle. Er stellte sich krank und bat den Josephus schriftlich um die Erlaubnis, zur Herstellung seiner Gesundheit die warmen Bäder von Tiberias gebrauchen zu dürfen. 615 Da Josephus damals den gefährlichen Menschen noch nicht durchschaut hatte, so schrieb er der dortigen Stadtobrigkeit und empfahl den Johannes ihrer Gastfreundschaft und sonstigen Obsorge. Erst zwei Tage hatte dieser davon Gebrauch gemacht, als er auch schon den eigentlichen Zweck seiner Anwesenheit zu verwirklichen suchte. Den einen suchte er durch seine Spiegelfechtereien, den anderen durch Bestechung den Kopf zu verrücken und sie zum Abfall von Josephus zu bereden. 616 Davon bekam indes Silas, den Josephus zur Beobachtung der Vorgänge in der Stadt aufgestellt hatte, Wind und benachrichtigte ihn unverweilt brieflich von der ganzen gegen ihn eingefädelten Verschwörung. Als Josephus den Brief erhalten, machte er sich auf und kam nach einem starken Nachtmarsch beim Morgengrauen vor Tiberias an. 617 Obwohl Johannes [220] bereits Verdacht geschöpft hatte, es könnte der Besuch des Josephus mit seiner Person zusammenhängen, schickte er ihm doch unter dem übrigen Volke, das zur Begrüßung des Josephus ausgezogen, auch seinerseits einen seiner Bekannten entgegen, um sich heuchlerisch auf sein fortdauerndes Unwohlsein zu berufen und sich zu entschuldigen, dass er, weil ans Bett gefesselt, ihm nicht persönlich seine Hochachtung bezeigen könne. 618 Als aber dann Josephus vor den Bürgern von Tiberias, die er in die Rennbahn hatte entbieten lassen, über die Mittheilungen des Silas eben Aufklärungen geben und sich geben lassen wollte, da schickte Johannes ganz unauffällig Bewaffnete zur Versammlung, die den Auftrag hatten, Josephus niederzuhauen. Doch sah das Volk noch zur rechten Zeit das Aufleuchten der gezogenen Schwerter und stieß ein lautes Geschrei aus. 619 Auf den Schrei wandte sich Josephus um und sah das schon zum Todesstoß erhobene Eisen. Mit einem Satz war er unten – er stand nämlich während seiner Rede an das Volk auf einem sechs Ellen hohen Vorsprung – und stürzte nach dem Seestrande, wo er in einen dort haltenden Nachen sprang und mit zwei seiner Leibwachen eiligst die Mitte des Sees zu gewinnen suchte.

620 (7.) Seine anderen Krieger hatten unterdessen schnell zu den Waffen gegriffen, um sich auf die Meuterer zu werfen. Da bekam aber Josephus Furcht, es möchte etwa ein Bürgerkampf daraus entstehen, der ihm um einiger Neider willen die Stadt ganz nutzlos ruinieren würde. Er schickte darum durch einen Boten an seine Leute die Weisung, sich bloß auf die Vertheidigung zu beschränken und weder einen der Schuldigen zu tödten, noch sie aufzuspüren. 621 Die Krieger gehorchten dem Befehle und verhielten sich ruhig. Anders die umwohnende Landbevölkerung, welche auf die Kunde von dem Anschläge und dessen eigentlichem Anstifter sich gegen Johannes zusammenrottete. Der aber hatte sich noch bei gutem Wind nach seiner Vaterstadt Gischala geflüchtet. 622 Jetzt sammelten sich die Galiläer aus allen Städten um Josephus und schwollen zu vielen tausend und tausend von Bewaffneten an, die da laut erklärten, dass sie sich gegen den Landesverräther zusammengefunden hätten und entschlossen seien, ihn sammt der Stadt, die ihn unter ihren Schutz genommen, zu verbrennen. 623 Obschon Josephus von diesem Beweise ihrer Anhänglichkeit, wie er der Menge selbst gestand, sehr befriedigt war, so suchte er doch ihren Zorneseifer zu zügeln, weil er von dem Grundsatz ausgieng, seine Feinde lieber durch ein kluges Benehmen unschädlich zu machen, als zu tödten. 624 Was er that, war, dass er die Namen der einzelnen Personen, die aus jeder Stadt zur Partei des Johannes abgefallen waren, herauszubekommen suchte, was ihm Dank der Bereitwilligkeit der Bürgerschaft, die ohneweiters die betreffenden Mitglieder [221] zur Anzeige brachte, auch gelang. Darauf ließ er diese Personen durch Herolde öffentlich verwarnen, dass er, falls sie nicht innerhalb fünf Tagen Johannes den Rücken kehren sollten, ihre Habe der Plünderung, ihre Häuser aber sammt ihren Familien den Flammen preisgeben werde. 625 Durch diese Maßregel entriss er dem Johannes mit einem Schlage 3000 Parteigänger, die sich bei ihm persönlich einfanden und ihre Waffen ihm zu Füßen legten. Mit dem Rest von beiläufig 2000 Mann, bestehend aus den syrischen Flüchtlingen, zog sich Johannes vom Schauplatz seiner öffentlichen Umtriebe wieder zurück, um dafür seine geheimen Machinationen aufzunehmen. 626 Er schickte nämlich Emissäre nach Jerusalem, um gegen die steigende Macht des Josephus Argwohn zu erregen, und ließ dort sagen, Josephus werde in nicht allzulanger Zeit als Herrscher in die Hauptstadt einziehen, wenn man ihn nicht früher dingfest mache. 627 Die eigentliche Bürgerschaft hatte solche Anklagen schon vorausgesehen und gab ihnen gar kein Gehör. Nicht so die Männer von Einfluss, darunter auch einige von der Regierung, welche aus Eifersucht an Johannes heimlich Gelder zur Anwerbung von Söldnern sandten, damit er es mit Josephus wieder aufnehmen könnte. Gleichzeitig ward in ihrem Kreise der Beschluss gefasst, Josephus auch vom Commando abzuberufen. 628 Da sie indes annehmen konnten, dass das bloße Decret schwerlich seinen vollen Zweck erreichen werde, so ließen sie vier der erlauchtesten Persönlichkeiten, Joaesdros, Sohn des Nomikus, Ananias Sadduki, Simon und Judas, die Söhne des Jonathas, lauter äußerst redegewandte Männer an der Spitze von 2500 Bewaffneten nach Galiläa abgehen, um die Anhänglichkeit des Volkes an Josephus zu erschüttern. Würde Josephus freiwillig vor ihnen erscheinen, so sollten sie seine Rechenschaft nur entgegennehmen, sollte er aber mit Gewalt sein Bleiben ertrotzen wollen, dürften sie ihn ohneweiteres als Feind behandeln. 629 Josephus war nun allerdings durch seine Freunde vom Herannahen eines Heeres schriftlich in Kenntnis gesetzt worden, hatte sich aber dennoch nicht vorgesehen, da ihm die Briefe wegen des tiefen Geheimnisses, mit dem die Gegner ihre Beschlüsse umgeben hatten, über den eigentlichen Grund der Expedition noch nichts hatten mittheilen können. So kam es, dass den Gegnern gleich bei ihrem ersten Erscheinen die vier Städte: Sepphoris, Gamala, Gischala und Tiberias zufielen. 630 Doch schnell gelang es ihm, nicht bloß diese Städte ohne Anwendung von Waffengewalt wieder für sich zu gewinnen, sondern sogar der vier Häupter, wie auch der hervorragendsten Personen im Heere mittels eines schlauen Handstreiches sich zu versichern, worauf er sie nach Jerusalem zurückbringen ließ. 631 Das Volk ward bei ihrem Anblick von einer so außerordentlichen [222] Erbitterung ergriffen, dass es im wilden Auflauf die Männer sammt der Geleitsmannschaft zerrissen haben würde, wenn sie sich nicht zur rechten Zeit seiner Wuth durch eilige Flucht entzogen hätten.

632 (8.) Von da an hielt die Furcht vor Josephus den Johannes hinter die Mauern von Gischala gebannt. Wenige Tage später fiel Tiberius aufs neue ab, indem die Einwohner den König Agrippa zur Hilfe herbeiriefen. 633 Dieser stellte sich zwar zur verabredeten Frist nicht ein, dafür erschienen aber einige wenige römische Reiter, was genügte, um dem Josephus sofort eine feierliche Absage zu geben. 634 Ihr Abfall wurde sogleich dem Josephus in Tarichää bekannt. Da er aber gerade alle seine Krieger zur Herbeischaffung von Proviant ausgesendet hatte, und er allein gegen die Abtrünnigen natürlich nicht ausziehen konnte, andererseits es jedoch auch nicht übers Herz brachte, ruhig an Ort und Stelle zu bleiben, aus Besorgnis, es könnten im Falle einer Zögerung die Königlichen doch noch früher in die Stadt einrücken, zumal er auch den folgenden Tag wegen des Sabbathsgebotes zu einer Unternehmung nicht frei hatte, 635 so verfiel er auf den Gedanken, die Abgefallenen mit List daranzubekommen. Er ließ zunächst die Thore von Tarichää absperren, damit Niemand vorher den Betroffenen etwas von dem Plane verrathen könnte. Dann zog er alle Boote auf dem See, deren sich 240 vorfanden, mit nicht mehr als vier Schiffern in jedem, zusammen und ruderte rasch gegen Tiberias. 636 Noch eben weit genug von der Stadt entfernt, dass man in diesem Abstand nicht leicht etwas von dem wirklichen Vorgange merken konnte, ließ er die unbewehrten Boote mitten im See vor Anker schaukeln, während er selbst mit nur sieben bewaffneten Leibwächtern näher in Sicht kam. 637 Eben hatten seine Feinde noch über ihn geschmäht, als sie ihn plötzlich in Person von der Stadtmauer herab gewahrten. In ihrer Bestürzung glaubten sie nichts anderes, als dass alle Boote mit Bewaffneten vollgepfropft seien, warfen die Waffen weg, winkten zum Zeichen der Ergebung mit Oelzweigen von der Mauer und baten um Schonung für die Stadt.

638 (9.) Josephus machte ihnen zunächst gewaltig bange und setzte sie tüchtig herunter, indem er sie fragte, wie sie denn fürs erste nach Aufnahme des Kampfes mit den Römern ihre Kräfte im vorhinein durch innere Fehden aufreiben und so gerade das thun könnten, was den Feinden am meisten erwünscht sein müsste; wie sie dann weiters selbst dem Hüter ihrer eigenen Sicherheit nach dem Leben trachten könnten, und sich nicht entblödeten, gerade dem die Stadt vor der Nase zuzusperren, dem sie doch ihre Mauer zu verdanken hätte. Darauf erklärte er aber, dass er ihre Vertheidiger anhören und Bürgen für [223] die zuverlässige Haltung der Stadt entgegennehmen wolle. 639 Alsbald kamen zehn der mächtigsten Persönlichkeiten herunter, die Josephus gleich in eines der Boote aufnehmen und dann sehr weit in den See hinausfahren ließ. Dann forderte er fünfzig andere aus dem Rathe, die zu den vornehmsten Vertretern desselben zählten, vor sich, unter dem Vorgehen, auch von diesen sich eine Bürgschaft geben zu lassen. 640 Unter stets neuen Vorwänden lockte er in weiterer Folge nacheinander immer neue Persönlichkeiten, angeblich zum Zwecke von Abmachungen, zu sich heraus. 641 War ein Boot voll, so befahl er dem betreffenden Steuermann schleunigst nach Tarichää zurückzufahren und die Männer in das öffentliche Gefängnis einsperren zu lassen, bis er so den ganzen Stadtrath in der Stärke von 600 Mitgliedern und gegen 2000 aus der Bürgerschaft abgefasst und auf den Booten nach Tarichää geschafft hatte.

642 (10.) Bei derselben Gelegenheit war aus der Mitte der übrigen Einwohnerschaft der laute Ruf erschollen, dass ein gewisser Klitus der eigentliche Rädelsführer des Abfalles sei, und man hatte Josephus aufgefordert, gerade diesem Menschen die Wucht seines Zornes recht fühlen zu lassen. Josephus, der Niemandem ans Leben wollte, gebot einem seiner Leibwächter, einem gewissen Levi, ans Ufer zu steigen und dem Klitus die zwei Hände abzuhauen. 643 Levi aber fürchtete sich, ganz allein vom Schiffe weg sich unter den Haufen der bisher feindlichen Städter zu begeben, und weigerte sich, zu gehen. Wie nun Klitus den Josephus im Boote infolge dessen heftig gesticulieren und sich anschicken sah, aus demselben herauszuspringen, um selbst Hand anzulegen, bat er flehentlich vom Gestade aus, ihm doch die andere Hand zu lassen. 644 Damit war Josephus unter der Bedingung einverstanden, dass Klitus sich selbst die eine Hand abhaue. Sofort zog Klitus sein Schwert und trennte sich mit einem Schlage die linke Hand ab. So gewaltig war der Schrecken, den ihm Josephus eingejagt hatte! 645 Also mit leeren Kähnen und sieben Leibwächtern hatte damals Josephus ein ganzes Volk gefangen genommen und Tiberias wieder gewonnen! Einige Tage später bekam er auch Gischala, das zugleich mit Sepphoris sich von ihm abgewendet hatte, in seine Gewalt und gab es der Plünderung seiner Krieger preis. 646 Doch ließ er dann wieder alles auf einen Haufen zusammenbringen und schenkte es den Bürgern. Ebenso machte er es bei Sepphoris und Tiberias, indem er auch diesen Leuten nach der Bewältigung durch die Plünderung eine Lection ertheilen, durch die Rückgabe des Vermögens aber dieselben neuerdings an sich fesseln wollte.


[224]
Zweiundzwanzigstes Capitel.
Die Juden rüsten zum Kriege. Raubzüge des Simon Gioras.

647 (1.) Damit hatte die innere Gährung in Galiläa ihr Ende erreicht. Man stellte nunmehr die Feindseligkeiten gegeneinander ein und wandte sich den Rüstungen gegen die Römer zu. 648 In Jerusalem waren der Hohepriester Ananus und die übrigen Großen alle, soweit sie nicht römerfreundlich waren, eifrig daran, die Stadtmauern, wie auch eine Menge von Kriegsmaschinen herzustellen. 649 In der ganzen Stadt wurden Geschosse und Waffenrüstungen geschmiedet. Die Schar der jungen Leute beschäftigte sich, freilich ohne zielbewusste Anleitung, mit kriegerischen Uebungen, und überall herrschte wirrer Lärm. Tiefste Niedergeschlagenheit hatte sich der ruhigen Bürger bemächtigt, und viele ergiengen sich in der Voraussicht des nahenden Unheiles in den bittersten Klagen. 650 Uebernatürliche Vorgänge von böser Vorbedeutung, wenigstens nach dem Urtheile der friedliebenden Bevölkerung, wurden von den Brandstiftern der Empörung im Handumdrehen nach der eigenen Leidenschaft zurecht gelegt, und das Angesicht der Stadt hatte schon, ehe ein Römer sich ihr genaht, die Züge einer Sterbenden. 651 Allerdings hatte Ananus die ernste Absicht, die Kriegsrüstungen allmählich einzustellen und der ganzen Bewegung unter den Aufständischen, insbesondere unter den tollen Zeloten, wie man sie hieß, eine solche Richtung zu geben, die im Interesse der Stadt gewesen wäre – aber er unterlag der Gewalt, und wir werden im Folgenden noch das entsetzliche Ende schildern müssen, das er genommen hat.

652 (2.) Im Kreise von Akrabatene zog unterdessen Simon, der Sohn des Gioras, eine große Menge Aufrührer an sich, um mit ihnen auf Raub auszugehen. Er begnügte sich aber nicht damit, den Wohlhabenden bloß ihre Häuser zu durchstöbern, sondern er vergriff sich auch an ihrer Person, so dass man schon von langer Hand klar erkennen konnte, dass er ganz das Zeug zu einem Tyrannen in sich habe. 653 Als endlich Ananus und die anderen Häupter in Jerusalem ein Heer gegen ihn entboten, nahm er mit seiner Bande zu dem Raubgesindel auf Masada seine Zuflucht und blieb dort bis zur Ermordung des Ananus und der übrigen Gegner, während welcher Zeit er seinen redlichen Theil zur Verheerung Idumäas beitrug. 654 Er trieb es so arg, dass die Häupter dieses Volkes wegen der zahlreichen Mordthaten und fortwährenden Beraubungen sogar ein eigenes Heer aufstellen mussten, um die Dorfschaften mit genügender Wachmannschaft zu versehen. So lagen damals die Dinge in Idumäa.


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Juedischer Krieg
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