RE:Cornelius 341

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 14851487
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341) Cn. Cornelius Scipio Asina war als L. f. Cn. n. (Fasti Cap. Acta tr.) Sohn von Nr. 343 und Bruder von Nr. 323, hat aber nicht wie sie sein Grab in dem Erbbegräbnis der Familie erhalten. Seinen zweiten Beinamen erklärt Macrob. sat. I 6, 29 völlig unbefriedigend mit einer spät und schlecht erfundenen Anekdote: Asinae cognomentum Corneliis datum est, quoniam princeps gentis Corneliae empto fundo seu filia data marito, cum sponsores ab eo solemniter poscerentur, asinam cum pecuniae onere produxit in forum quasi pro sponsoribus praesens pignus. Das Consulat bekleidete Scipio zum erstenmale mit C. Duilius 494 = 260 (Fasti Cap. Chronogr. Idat. Chron. Pasch. Flor. I 18, 7. Eutrop. II 20, 1. Oros. IV 7, 7. Cassiod.). Man rüstete damals eine starke Flotte aus, um den Karthagern zur See gewachsen zu sein, und Scipio segelte mit den zuerst fertig gewordenen 17 Schiffen nach Messana. Unterwegs lockte ihn die Aussicht, Lipara zu nehmen, und er fuhr in den Hafen der Insel ein; aber da erschien bei Nacht, von Hannibal aus Panormos abgesandt, ein punisches Geschwader von 20 Schiffen und versperrte den Römern den Ausgang: ἡμέρας δ’ ἐπιγενομένης τὰ μὲν πληρώματα πρὸς φυγὴν ὥρμησεν εἰς τὴν γὴν, ὁ δὲ Γναῖος ἐκπλαγὴς γενόμενος καὶ ποιεῖν ἔχων οὐδὲν τέλος παρέδωκεν αὑτὸν τοῖς πολεμίοις. οἱ δὲ Καρχηδόνιοι τάς τε ναῦς καὶ τὸν στρατηγὸν τῶν ὑπεναντίων ὑποχείριον ἔχοντες παραχρῆμα πρὸς τὸν Ἀννίβαν ἀπῆραν. So berichtet Polyb. I 21, 4–9 und vergleicht damit die Lage, in die Hannibal selbst bald darauf geriet, indem er bei einer Recognoscierungsfahrt sich plötzlich der ganzen römischen Flotte gegenüber sah, die durch ein Vorgebirge verdeckt in Schlachtordnung aufgestellt war. Aber derselbe Polybios schliesst einen Excurs über Feldherren, die durch die Hinterlist ihrer Gegner überwunden wurden (Tib. Gracchus 542 = 212, Archidamos V. von Sparta, [1486] Pelopidas), mit den Worten VIII 1, 9: παραπλησία δὲ τούτοις καὶ Γναῖος ὁ Ῥωμαίων στρατηγὸς ἔπαθε κατὰ τὸν Σικελικὸν πόλεμον, ἀλόγως αὑτὸν ἐγχειρίσας τοῖς πολεμίοις. Dieser Nachtrag des Polybios stimmt mit der annalistischen Tradition überein, die bei Livius und seinen Nachfolgern vorliegt (Liv. ep. XVII. Val. Max. VI 6, 2, vgl. 9, 11. Flor. I 18, 11. Eutrop. II 20, 2. Oros. IV 7, 9. Ampel. 36, 1. Appian. Lib. 63 [fälschlich Μᾶρκος Κορνήλιος]. Polyaen. VI 16, 5. Zonar. VIII 10. 12). Der überall deutlich hervortretende Grundzug ist, dass der Consul zu einer Unterredung auf das feindliche Admiralschiff gelockt und hier festgenommen wurde; im einzelnen finden sich kleine Differenzen der Berichte (z. B. im Namen des punischen Führers: Boodes, wie bei Polyb., bei Zonar., Hannibal bei Oros., Hanno und Mago bei Ampel.; dessen angebliche Krankheit als Motivierung bei Appian und Polyaen). In dieser Form giebt die Erzählung die Folie für eine andere, wenige Jahre später spielende ab, worin das Verhalten der Römer in ähnlicher Lage der Treulosigkeit der Karthager gegenübergestellt wird (Val. Max. VI 6, 2. Zonar. VIII 12). In Wahrheit bietet aber, wie Ihne (R. G.² II 51, 3) richtig empfindet, das ganz ähnliche Verhalten des Römers C. Claudius beim Beginn des Krieges das passendste Gegenstück (vgl. oben Bd. III S. 2669 Nr. 18). Man wird demnach die Erzählung von der Überlistung Scipios für erfunden halten dürfen, weil sie erstens die Römer überhaupt und zweitens den Consul entlastet und dafür einen Schatten auf die Gegner wirft; allerdings erscheint dabei die Schiffsbemannung der Römer ebenso kopflos wie bei dem polybianischen Bericht ihr Führer. Niebuhr (R. G. III 677) und Ihne a. O. haben mit dessen Benehmen seinen Beinamen Asina erklären wollen; dass er mit diesem von vornherein in den Fasti Cap. erscheint, würde nichts dagegen beweisen, und die weibliche Form des Tiernamens ist nicht ohne Analogie (vgl. Cn. Tremellius Scrofa). Dagegen hat Wölfflin (Archiv f. lat. Lexikogr. VII 279f.) das Cognomen daraus abgeleitet, dass den Römern als die typische Eigenschaft der Eselin deren Wasserscheu erschien (vgl. Plin. n. h. VIII 169): Scipio und seine Mannschaften seien der Seefahrt wenig gewohnt gewesen, hätten deshalb, aus Wasserscheu, den Hafen von Lipara aufgesucht und sich hier so leicht fangen lassen; aus diesem Grunde sei ihm der Spitzname angehängt worden. Erinnert man sich, wie hoch sein glücklicherer Amtsgenosse Duilius gepriesen worden ist, weil er zuerst einen Sieg zur See errang, so erscheint jene Deutung in der That bestechend; sicher ist sie natürlich keineswegs. Jedenfalls haben die Zeitgenossen Scipios Schuld nicht allzu schwer gefunden, denn nachdem er zu unbekannter Zeit ausgelöst worden war, ist er im J. 500 = 254 zum zweitenmale mit A. Atilius Calatinus Consul gewesen (Fasti Cap. Chronogr. Idat. Chron. Pasch. Cassiod.), und es gelang ihm, durch glänzende Erfolge seine Schmach vergessen zu machen. Beide Consuln gingen mit einer neuen Flotte nach Messana, nahmen Kephaloidion und wandten sich nach einem misslungenen Angriff auf Drepana gegen Panormos; sie eroberten zuerst die Neustadt und zwangen dann die Altstadt [1487] durch längere Belagerung zur Übergabe, worauf auch andere Punkte der Nordküste Siciliens diesem Beispiel folgten (Polyb. I 38, 5–10. Diod. XXIII 18, 3–5. Zonar VIII 14, vgl. o. Bd. II S. 2081). Vielleicht hatte sogar Scipio grösseren Anteil an diesen Erfolgen als sein College, denn nur er hat nach den Acta triumphalia im folgenden Frühjahr triumphiert, und vielleicht ist auch Frontin. strat. IV 7, 9 (Cn. Scipio bello navali) auf seinen Feldzug zu beziehen.