RE:Demetrios 78

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,2 (1901), Sp. 2807–2813
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78) Demetrios von Skepsis (Gaede Demetrii Scepsii quae supersunt, Diss. Greifswald 1880, vortreffliche Sammlung der Fragmente. Susemihl Gr. Litt.-Gesch. I 681–685), ist etwas vor 200 v. Chr. geboren; zur Zeit der Schlacht bei Magnesia (190) war er noch nicht erwachsen (Strab. XIII 594); wenn es richtig ist, dass er Metrodor von Skepsis protegierte (Diog. V 84), muss er bis 130 mindestens gelebt haben; Strabons Synchronismus mit Aristarch und Krates soll nur im allgemeinen [2808] orientieren (XIII 609). Er war von vornehmer Herkunft und reich (Diog. V 84); eine umfangreiche Bibliothek muss er sich verschafft haben, wenn er sein Werk in einem Nest wie Skepsis geschrieben hat, woran nicht wohl zu zweifeln ist. Zu seiner Lebensaufgabe wählte er sich eine historische Periegese seiner Heimat im weiteren Sinne; dass sich diese in einen Commentar zum troischen Schiffscatalog Il. II 816–877 (Strab. XIII 603 ἀνδρὶ ἐμπείρῳ καὶ ἐντοπίῳ φροντίσαντί τε τοσοῦτον περὶ τούτων, ὥστε τριάκοντα βίβλους συγγράψει στίχων ἐξήγησιν μικρῷ πλειόνων ἑξήκοντα τοῦ καταλόγου τῶν Τρώων. 609 ὁ τὸν Τρωικὸν διάκοσμον ἐξηγησάμενος; Athenaios citiert τοῦ Τρωικοῦ διακόσμου mit der Buchzahl, ebenso Steph. Byz. s. Σιλίνδιον; Schol. Pind. Ol. V 42 ist verdorben) umsetzte und erweiterte, ist zwar bei einem Nachbarn von Ilion und noch dazu in der classischen Periode der antiken Philologie nicht zu verwundern, bleibt aber doch ein εὕρημα des D.; kein Geringerer als Apollodor von Athen hat die Form sofort aufgegriffen und in die alexandrinische Wissenschaft eingeführt. Der in seinem heimatlichen Boden fest wurzelnde Gelehrte hat offenbar alles an diese eine Aufgabe gesetzt und in sein Buch alles hineingesteckt, was er der Nachwelt mitzuteilen für wert hielt, so dass es den monströsen Umfang von 30 Büchern erhielt (Strab. XIII 603, s. o.). Da es Apollodor fertig vorlag, andererseits gegen Krates polemisiert (Strab. IX 439), muss es um 140 abgeschlossen sein. Dass es vielfach benützt wurde, versteht sich von selbst; nächst dem Nachfolger Apollodor sind Alexander Polyhistor, die gelehrten Commentatoren der ersten Kaiserzeit, Apollonides von Nikaia, Nikandros von Thyateira (Gaede 18) zu nennen; dann verschwindet es. Es würde wenig davon wiederzugewinnen sein, auch die einzelne Curiositäten herausreissenden Excerpte des Athenaios nur ein ganz schiefes Bild geben, wenn nicht Strabon neben Apollodor es in ausgedehntem Masse, und zwar, wie Gaede bewiesen hat, direct, nicht durch jenes Vermittlung, ausgebeutet hätte. Im folgenden gebe ich ein Verzeichnis der bei ihm auf D. zurückzuführenden Stellen, im wesentlichen auf Gaede fussend; zu vergleichen ist das entsprechende Verzeichnis im Artikel Apollodoros Bd. I S. 2867ff. Die ursprüngliche Anordnung ist mit Sicherheit nicht wiederzugewinnen, da D. Excurs auf Excurs getürmt zu haben scheint und andererseits Strabon die einzelnen Stücke herausgebrochen und mit der Periegese, zum Teil so, dass sie sich nicht glatt herausschneiden lassen, contaminiert hat; im grossen und ganzen glaube ich eher zu viel als zu wenig auf D. zurückgeführt zu haben. XIII 1, 2 von ὁ μὲν ποιητὴς – 5 πόλις Αἰολική; zu p. 582 εἰς ὀκτὼ μερίδας ἢ καὶ ἐννέα vgl. p. 616. 584; p. 583 beweist der Ausdruck ἡ ἐσπρία θάλασσα, dass Steph. Byz. s. Ἀπία mit Δημήτριος der Skepsier gemeint ist und ihm auch Steph. s. Ἀντιγόνεια die in der Distanzangabe verdorbene Notiz gehört; 7. 8 – πρότερον καὶ Τεύθραντι, hierhin mag man XII 8, 4–7 stellen; bei Gelegenheit der verschiedenen Bedeutung des Troernamens (vgl. XII 574 Anf.) findet auch die von Strabon zerschlagene Auseinandersetzung über die These ποιητικῷ τινι σχήματι συγκαταλέγειν τὸ μέρος τῷ ὁλῷ τὸν Ὅμηρον am leichtesten [2809] ihren Platz: VIII 3, 8 τὸ δὲ Βουπράσιον – τοῦτο (emendiert von v. Wilamowitz bei (Gaede 49). {{Polytonisch|ἦν δ‘ ὡς ἕοικε – πάντα κλῆρον 6, 6 ἄλλοι δ‘ ἀντιτιθέασιν – Schl. IX 438f. das Citat aus D. (über den Zusammenhang vgl. (Gaede 9). Dann folge ich, so gut es geht, der Aufzählung der troischen Heerhaufen, die D. selbst p. 584f. giebt: XIII 1, 60–65 mit dem Citat aus Kallisthenes XIV 4, 1 Schl. 5, 21 und Schol. Eur. Andr. 1, hierhin sind zu stellen XIII 1, 48 – τὸ ἱερὸν Σμίνθιον vgl. 64 Anf. und 51 τὴν δὲ Ἄντανδρον – ἀφορίζοντες; XIII 1, 69. 70; 50 vgl. Schol. Il. VI 34, 51 – αὐτῆς τῆς Σκ’ψεως. 56. 58. 59. VII 7, 2. XIII 3, 1 vgl. Schol. Il. X 429. XIII 1, 25. 26 (ohne die Schlussbemerkung über die Römer). 27 – ἔσχε πολλήν. 32 von ὑποπέπτωκε δὲ τῷ Ἰλίῳ an, an den Schluss des Satzes schliesst 33 dem Sinne nach an, was dazwischen steht, ist zwar auch von D., aber von Strabon aus dem richtigen Zusammenhang gerissen, 34–43, vgl. Schol. Il. X 3. 53. XXII 147. Hesych. s. Θύμβρα; daran schloss sich nach Strabons ausdrücklichem Zeugnis der grosse Excurs I 3, 17 – ἡμῶν δ‘ ἐπιδημούντων. 18 (vgl. IX 413, wo Apollodor D. citiert in dem Satz οἳ δ‘ – τὴν Μίδειαν. XIII 587 über den See Aphnitis). 19–21, an Poseidonios, auf den Rusch De Posidonio Lucreti auctore 17 den Abschnitt ohne jeden zureichenden Grund zurückführen will, ist schon wegen des Demokritcitats nicht zu denken, dagegen sondern sich die strabonischen Zusätze καθάπερ τὴν Προχύτην – τοῦ Ὀλύμπου und οὓς ὁ Ἀράξης – τὰ Μοσχικά leicht ab. Ein Stück des Excurses ist von Strabon ausgelöst und mit den Excerpten aus Apollodors kephallenischem Katalog combiniert; es ist aus X 2, 8. 9. 10 – Σάμον ἐκάλεσεν. 13 – ἐφ‘ ἡμῶν δὲ. 14. 16 bis zum Citat Apollodors zu reconstruieren. XIII 1, 24. 44 (über die Il. XII 20 erwähnten Flüsse vgl. noch XIII 587. 595 und das, was (Gaede zu frg. 30. 31 beibringt). 45 (Strabons Kritik ist leicht zu entfernen) vgl. Steph. Πολίχνα. 52. 53 – μεθορμηθείς (die folgende Polemik Strabons kann zum Teil wenigstens mit dem von D. gelieferten Material geführt sein). Auf Grund von Steph. Byz. s. Σκῆψις, vgl. Strab. XIII 607, ordne ich hier den grossen Excurs über den Cult der Rhea und die Kureten und Korybanten ein, X 3, 19–22. VII 331 frg. 51. Schol. Il. XII 22 T. Steph. Byz. s. Καβειρία. Schol. Apoll. I 1126 Schl. 1129. Theon zu Pind. Ol. V 42. In diesen Excurs scheint er nach Strab. I 45 wiederum einen zweiten über die Argonautensage frg. 50–52 Gaede eingeschaltet zu haben; sehr fraglich ist dagegen, ob die Einlagen VIII 3, 12 Schl. = Athen. VIII 346 b und 15 Schl. hierher gehören; XIII 1, 9. XIII 1, 20. 21. 22 der Satz ᾤκουν δὲ τὴν Ἄβυδον – Μιλήσιοι, dazu gehört VIII 3, 5. VII 7, 10 Schl. und das Citat VIII 339 = VIII 3, 25 Schl., vgl. Schol. Il. XV 531. Steph. s. Ἀρίσβη (nicht alles). Περκώτη. Schol. Il. XI 229 T. Aristonikos zu Il. II 835; XIII 1, 10 von ἐπιμερίξει δέ an, 13 – καλεῖσθαι Ἀδράστειαν und ἐνταῦθα μέν – Schl., die von Harpocr. s. Ἀδράστειαν bezeugte Identification der Adrasteia mit Artemis hat Strabon unterdrückt, da er den Bericht über den Cult der Artemis der Periegese entnahm, 15 Πιτύα – ὄρος, 17. 19 – Γεργίθιον πρὸς Λαρίσῃ. Dies handelt alles von den Völkerschaften, die nach D. (XIII [2810] 584ff. XII 574) im weiteren Sinne bei Homer Troer heissen; es folgen die Bundesgenossen. XIII 3, 2–4, vgl. Schol. Il. XVII 301, dazu gehört der Excurs über die Pelasger, den Strabon an verschiedene Stellen verstreut hat V 2, 4. VII 7, 1 von Ἑκαταῖος – Κρίνακος. 7, 10 bis zu dem Apollodorcitat; was D. über die Kikonen und Paioner gesagt hat, ist ausser den Citaten VII 331 frg. 35. 37 in der Lücke des VII. Buches untergegangen; dagegen ist über die Il. II 851ff. genannten Bundesgenossen viel erhalten: XII 552 das Citat aus Maiandrios, XII 3, 5. VIII 345 der eingelegte Satz δοκοῦσι δ‘ ἐκ Παφλαγονίας – Παφλαγόνες εἰσί, vgl. Schol. Il. XX 329 T, wahrscheinlich auch das Pindarcitat und die Variante zu Il. II 855. XII 544. 545; XII 3, 20 vom Citat an – 23 (Strabons Kritik scheidet leicht aus), XIV 680 das Citat, zu XII 3, 21 stelle ich XIV 1, 4, Steph. s. Ἀλύβη) ist mit grosser Vorsicht zu benutzen; XII 4, 4–6 – καὶ ὁ Ὄλυμπος, 8 (der Schluss οὐδαμοῦ – μόνον ist strabonische Polemik gegen Apollodor, vgl. XIV 680f.); XII 8, 2. 3. 21; XIII 4, 5 die Notiz über den Hyllos (vgl. Schol. Il. XX 392) und von ἐν δὲ σταδίοις an, vgl. Schol. Il. XX 391; 6 – ἐν Ἀρίμοις ποτέ XII 8, 19 – κευθμῶνας τῆς γῆς, XIII 4, 8 – ἀμφὶ ῥέεθρα. Steph. s. Ἡσιονία, Schol. Apoll. II 777; XIV 2, 27. 28 bis zum Apollodorcitat, die Citate aus Ephoros und Anaximenes XIV 634. 635. XIV 1, 40 von καὶ τὸ παλαιὸν δέ; XIV 3, 10. vgl. XII 8, 5. Eine Reihe von Fragmenten bleiben übrig, besonders die durch Athenaios erhaltenen, die sich nicht einordnen lassen; wichtig ist die Umgestaltung der Sibyllensage geworden, die Alexander Polyhistor den Römern vermittelt hat, so dass sie auch in die römische Poesie eingedrungen ist, vgl. Maass De Sibyll. indic. 4ff.; Herm. XVIII 330.

Noch in diesen Resten, die zusammen höchstens den dreissigsten Teil des ursprünglichen Werkes ausmachen, breitet sich eine Gelehrsamkeit aus, die deutlich offenbart, dass D. sehr viel mehr als ein guter Localhistoriker war. Einem solchen wäre es im 3. und 2. Jhdt. schon zuzutrauen, dass er eine Reihe sonst gar nicht oder nur wenig bekannter Localchroniken und Localhistoriker ausgrub und benutzte wie Daes von Kolonai (XIII 612), Menekrates von Elaia (XII 550. 572. XIII 621), Demokles von Pygela (I 58. XII 551), den Lesbier Myrsilos (I 60. XIII 610); Charon von Lampsakos (XIII 583), Xanthos (XII 572. 579), Stesimbrotos von Thasos (X 472), Hekataios (VII 321. XII 550), Damastes (XIII 583), Andron (X 456), der Milesier Maiandrios (XII 552. XIII 626, vgl. Steph. s. Ὕδη. XIV 635, das Citat kehrt bei Apollodor Περὶ θεῶν wieder, Macrob. I 17, 21), Skylax von Karyanda (XII 566. XIII 583), Eudoxos (XIII 582, Polemik XII 550), Dionysios ὁ τὰς Κτίσεις (XII 566) beweisen immerhin schon umfangreiche Lectüre; Aristoteles Πολιτεῖαι fehlen nicht (VII 321. XIII 598). Nach der Art der wissenschaftlichen Philologie citiert D. die Atthis (V 221; XIII 604 liegt nach Dionys. ant. rom. I 61 Phanodemos vor, VII 328 wird Philochoros angeführt) und Κρητικοὶ λόγοι (X 472). Gegen Hellanikos polemisiert er durchweg (XIII 602. X 456. XII 550), Pherekydes (X 172. 456 Polemik) und Akusilaos (X 472) sind natürlich von [2811] ihm eingesehen. Von den Historikern grossen Stils scheint besonders Kallisthenes, wegen seiner antiquarischen Excurse, ihn angezogen zu haben (XII 542. XIII 588. 611. 627. XIV 667. 680), daneben erscheint Ephoros am häufigsten (V 221. VII 327. X 452. XIII 583 = 600. XIV 634. Polemik XII 550); Duris einmal (I 60). Die Polemik gegen Thukydides VIII 370 stammt aus D., wie die Parallelstelle XIV 661 beweist, citiert wird er ausserdem XIII 600, sowie Herodot X 473. XII 573. XIII 611: die wegwerfende Bemerkung XII 550 kann von Strabon selbst herrühren und auf Theopomp zurückgehen, vgl. XI 508. I 43. Auf die Romantiker Timaios (XIII 600) und Neanthes von Kyzikos (I 45) ist der Nachfahre, dem die wissenschaftliche Arbeit einiger Generationen zu statten kommt, schlecht zu sprechen; andererseits benutzt er den hellenistischen mythographischen Roman ohne Scrupel, so z. B. Antikleides (V 221), Herakleides Pontikos (XIII 604), den alexandrinischen Blaustrumpf Hestiaia (XIII 599) oder so bedenkliche Bücher wie die Τρωικά des sog. Palaiphatos (XII 550) und gar die des von Hegesianax erfundenen Gergithiers Kephalon (XIII 596, vgl. Parthen. 4; auch die Erwähnung XIII 589 ist auf D. zurückzuführen); hier mag die persönliche Bewunderung für Hegesianax (frg. 7, wo die Buchzahl nicht ιβ, sondern ιε lautet, frg. 9; die Stellen gehören zusammen), mitgespielt haben, wie er ja auch sein, von den Τρωικά jedenfalls zu scheidendes Geschichtswerk anführt (XIII 594). Von Historikern der jüngsten Zeit kommt sonst noch D. von Kallatis für Naturwissenschaftliches, vor (I 60). Den Philologen von technischer Schulung verrät die ausgedehnte Kenntnis der Poesie: Phoronis (X 472) und Alkmaionis (X 452) sind damals nur noch von sehr gelehrten Leuten gelesen, Hesiod wird selbstverständlich oft angeführt (I 59. V 221. VII 322. 327. X 471), die Lyriker aller Gattungen treten häufig auf, Kallinos (XIII 604. 627. XIV 633. 647), Archilochos (XIV 647), Mimnermos (Athen. IV 174 a. Strab I 46. XIV 634), Hipponax (VIII 340. XIV 633), Alkman (VIII 340. XII 580), Ibykos (I 59), Pindar (VII 328. XIII 626), Bakchylides (XIII 616), Alkaios (XIII 600. 606. XIV 661), Anakreon (XIV 661), alle drei Tragiker, stets für entlegene Dinge und mit der obligaten Polemik gegen Euripides (Aischylos V 221. VIII 340. XII 580. XIII 616. Schol. Eur. Andr. 1; Sophokles X 473; Euripides V 221. X 472. XIII 615. 616); ferner die Neueren und Neuesten, Antimachos (XIII 588), Alexander der Aitoler und Euphorion (XII 566). Die Gelehrsamkeit ist auch nicht blos der Quantität nach achtbar; nur ein wissenschaftlich geschulter Mensch setzt auch so falsche Hypothesen, wie die berühmte über die Lage von Altilion, mit solcher Klarheit und Gewissenhaftigkeit in der Anführung des Beweismaterials auseinander, dass die Nachprüfung selbst der verkürzten Argumentation noch ohne weiteres möglich ist. Ein ,Fälscher‘ auch in weiterem Sinne, wie später Alexander Polyhistor oder Kastor, ist D. niemals gewesen. Allerdings citiert er den Redner Lykurg (XIII 601) und den Komiker Menander (X 452) für Antiquitäten, was ein Alexandriner nicht gethan hätte; unleugbar steht seine Interpretation an Schärfe [2812] und Methodik hinter der alexandrinischen zurück; ihm fehlt ferner die für Apollodor z. B. charaktische, elegante Praecision des Beweises und die Ars nesciendi, die nur durch traditionelle Schulung auf den intensiven wissenschaftlichen Betrieb erzeugt werden; darüber soll aber nicht übersehen werden, dass er nicht im Bann des Schuldogmas steht. Auf Apollodor hat das wuchtige Werk so gewirkt, dass er es für notwendig hielt, es sofort durch ein anderes zu ersetzen, das handlicher war und das reiche Material des Vorgängers den wissenschaftlichen Principien der Alexandriner accommodierte, auch das ganze Problem von dem Bann des Localpatriotismus befreite (über sein Verhältnis zu D. vgl. Bd. I S. 2865). Durch ihn wird D. in Alexandrien bekannt geworden sein; dieser hat allerdings Eratosthenes wohl sicher gekannt, zu dessen Principien der Homerexegese er sich einmal bis zu einem gewissen Grade bekennt (Strab. I 45f.), wenn er ihn auch merkwürdigerweise in den vorhandenen Resten nie erwähnt, dagegen Aristophanes schwerlich und Aristarch gewisslich nicht. Wo aristarchische Bemerkungen im Gegensatz oder auch blos in Beziehung zu Theorien des D. stehen (vgl. Strab. XIII 590 mit Aristonikos zu Il. II 835. XIII 598 mit Aristonikos zu Il. VI 433. XIII 601 mit Aristonikos zu Il. VI 92. XIII 613 mit Apollon. lex. Hom. 143, 9. XIII 619 mit Aristonikos zu Il. XXI 86), setzt entweder Aristarch D. oder dieser Vorgänger Aristarchs voraus. Krates, der anders als Aristarch, seine Theorien in dicken Büchern vortrug, ist D. bekannt (IX 439); seine Anschauungen sind von denen des D. durch die denkbar grösste Kluft geschieden. Insofern ist D. echter hellenistischer Philologe, als sich auch nicht die mindeste Spur von stoischer Dogmatik bei ihm auffinden lässt. Wohl aber stellt er an die Spitze seiner Auseinandersetzung über Altilion, also in das Centrum des ganzen Werks, die culturgeschichtlichen Ideen Platons; man mag sich daran erinnern, dass Skepsis einst eine Hochburg der Akademie und des Peripatos gewesen war, auch hinzunehmen, dass Metrodor, der angebliche Protégé des D., von der akademischen Philosophie ausging (Cic. de or. III 75); der Perieget Menekrates von Elaia war ein Schüler des Xenokrates (Strab. XII 550 aus D.). Da D. kein Philosoph war und sein wollte, konnte er daneben die ἀθαμβίη Demokrits verwerten (Strab. I 61); sein Zeitgenosse und Landsmann Hegesianax behandelte die demokritischen Schriften philologisch (Steph. Byz. s. Τρῳάς).

In einem entlegenen Bergstädtchen, fern von den grossen Centren der organisierten wissenschaftlichen Arbeit ist es also in der ersten Hälfte des 2. Jhdts. einem Manne möglich gewesen, ein Thema, das im Grunde vom provinziellen Interesse eingegeben war, zu einem Werk auszugestalten, das darum nicht geringeren Anspruch darauf hat, ein bedeutendes Product philologischer Wissenschaft genannt zu werden, weil es dilettantische Mängel nicht verleugnen kann. Das ist für die universelle Kraft der hellenistischen Wissenschaft ein unverächtliches Zeugnis, freilich ein Zeugnis, das man gerne in bestimmtere Form bringen möchte. Über D.s Bildungsgang fehlt jede Nachricht; immer wieder aber drängt [2813] sich die Parallele des gelehrten Skepsiers mit seinem nur wenig älteren Zeitgenossen aus dem benachbarten Ilion, mit Polemon (Proxenos von Delphi 177/6, Dittenberger Syll.² 268, 221) auf. Die Forschung beider Männer ist nicht nur im allgemeinen verwandt. D. frg. 10 und Polemon frg. 40 stimmen wörtlich überein, ebenso D. bei Strab. XIII 604 und Polemon Clem. protr. 39. Beide interessieren sich für dialektische Glossen (D. frg. 70, Polemon frg. 21) oder für litterarische Specialitäten, wie Parodie und ἱλαρὰ ᾄσματα (D. frg. 6. 13, Polemon frg. 45); beiden ist die Polemik gegen Timaios und Neanthes gemeinsam. Bei der völligen Zertrümmerung der Schriftstellerei Polemons fallen auch diese nicht zahlreichen Übereinstimmungen schwer ins Gewicht. Freilich bilden beide Männer im Persönlichen einen scharfen Gegensatz. Der grand seigneur in Skepsis sah auf Neuilion, dessen historischen Ruhm er unbarmherzig zerzauste, wie auf einen bettelhaften Parvenü mit Verachtung hinunter, er sass sein Lebenlang fest in seiner Heimat und sammelte seine Kraft auf einen Punkt; der Ilier zog in der Welt umher und zerteilte sich in eine weit ausgedehnte Production. So mag man es nicht für Zufall halten, wenn sich in den Resten des D. kein Citat Polemons findet; doch geht dies nur das Persönliche an, die verwandte Richtung bleibt, und darauf kommt mehr an. Hegesianax aus dem troischen Alexandrien, und doch wohl auch Neoptolemos von Parion, der Interpret der aristotelischen Aesthetik und Dialektforscher, schliessen sich mit D. und Polemon zu einem Kreis zusammen, den pergamenisch zu nennen nicht weiter führt. Attalos I. war ein kluger Banquier (Polyb. XVIII 41), der sich zu der Kunst und der Wissenschaft gut stellte, die er vorfand, aber nicht schuf; wenn Polemon ihm eine Monographie dedicierte und D. (Strab. XIII 603) ihm noch nach seinem Tode das Compliment erwies, ein Büchlein von ihm zu citieren, so hat Hegesianax nicht am Attaliden-, sondern am Seleukidenhof seine Freistatt gefunden und der einzige Grammatiker jener Zeit, der wirklich zum pergamenischen Hof nahe Beziehungen hatte, Krates, einer ganz entgegengesetzten Richtung als D. und Polemon gehuldigt. Das geistige Leben der Aiolis ist nicht höfisch, sondern municipal; der Selbständigkeit der Städte, die Alexander aus ihrem Schlummer erweckt hatte, ist der ewige Streit der Könige zu gut gekommen. Akademische und demokriteische Überlieferungen haben hier wahrscheinlich im Stillen fortgewirkt, bis um die Wende des 3. und 2. Jhdts. die Ernte reif war; wie im einzelnen dieser Reifeprocess sich vollzogen hat, entgeht bis jetzt unserer Kenntnis.