RE:Diogenes 45

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 773776
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45) Diogenes aus Seleukeia am Tigris, gewöhnlich der Babylonier genannt, berühmter Stoiker, Sohn des Artemidoros, Schüler des Chrysippos. Ind. Stoic. Herc. col. 48: γνώριμοι δ’ αὐτοῦ (nämlich des Chrysippos) γεγόνασιν Διογένης Ἀρτεμιδώρου Σελευκεὺς ἀπὸ Τίγριος u. s. w. Diog. Laert. VI 81 (im Homonymenverzeichnis): γένος Σελευκεύς, καλούμενος δὲ Βαβυλώνιος διὰ τὴν γειτονίαν. Strab. XVI 743 extr.: τοὺς ἄνδρας τοὺς ἐκεῖθεν Βαβυλωνίους καλοῦμεν, οὐκ ἀπὸ τῆς πόλεως, ἀλλ’ ἀπὸ τῆς χώρας· ἀπὸ δὲ τῆς Σελευκείας ἧττον, κἂν ἐκεῖθεν ὦσι, καθάπερ Διογένη τὸν στωϊκὸν φιλόσοφον. Als Hörer des Chrysippos bezeichnen den D., ausser dem Ind. Herc. a. a. O. Cic. de divin. I 6. Ps.-Galen. hist. phil. 2 p. 600, 10 Diels. In der Stelle bei Plut. de Alex. fort. I 5 p. 328 D, wo einem Zenon das Verdienst zugeschrieben wird, den Babylonier für die Philosophie gewonnen zu haben, kann entweder Zenon von Tarsos, der Nachfolger Chrysipps, verstanden werden – dann ist aus der Thatsache, dass D. dem Zenon im Scholarchat folgte, fälschlich geschlossen, dass er von ihm für die Philosophie gewonnen wurde – oder Zenon von Kition – dann liegt ein grober Irrtum vor, wie die Chronologie beweist. Dass D. dem Tarsenser Zenon als Schulhaupt folgte, sagt ausdrücklich Ind. Stoic. col. 48, 7 ὁ [παραλαβὼν Ζή]νωνος τὴν [σχολήν. Die Ergänzung ist sicher. Dazu stimmt die Reihenfolge in der Epit. Diog. Herm. I. Als stoisches Schulhaupt nahm er an der Philosophengesandtschaft teil, die die Athener unter dem Consulat [774] des P. Scipio und M. Marcellus 156/5 v. Chr. nach Rom schickten, um Erlass der wegen der Plünderung von Oropos ihnen auferlegten Busse von 500 Talenten zu erwirken. Ausser ihm nahmen der Akademiker Karneades und der Peripatetiker Kritolaos an der Gesandtschaft teil. Die bei dieser Gelegenheit in Rom gehaltenen Vorträge der drei Philosophen gaben einen wichtigen Anstoss für die Entwicklung philosophischen Interesses und philosophischer Studien in der römischen Gesellschaft. D. stand damals schon in sehr hohem Alter. Denn obwohl er, nach Ps.-Lucian. macrob. 20, ein Alter von 88 Jahren erreichte, war er im J. 150 nicht mehr am Leben. Wenigstens wird er von Cicero im Cato maior 23 (dessen fictive Zeit in dieses Jahr fällt) als bereits verstorben vorausgesetzt. Er war also um 240 geboren. Wenn seine Vorträge von Rutilius und Polybios bei Gellius N. A. VI 14, 10 als modesta et sobria charakterisiert wurden, so liegt darin, dass er auf rhetorische Kunstmittel verzichtete und nur durch die Sache wirken wollte. Vermutlich wird der logische Formalismus stark hervor getreten sein. Die stoische Schule stand unter der Leitung des D. in grosser Blüte. Cicero de off. III 51 nennt ihn magnus et gravis Stoicus. Zahlreiche namhafte Vertreter des Stoicismus sind aus seiner Schule hervorgegangen: Antipatros von Tarsos, sein Nachfolger; Boethos von Sidon; Panaitios von Rhodos; Mnesarchos und Dardanos von Athen; Apollodoros aus Seleukeia am Tigris. Diese Männer (mit Ausnahme des Antipatros) werden Ind. Stoic. Herc. col. 51 ohne Zweifel als Schüler des D. aufgezählt. Denn Dardanos wird col. 53 nochmals als Schüler des Antipatros genannt. In Betreff der col. 52 genannten Männer, Apollonides von Smyrna, Chrysermos von Alexandreia, Dionysios von Kyrene, kann man zweifeln, ob sie auch zu den Schülern des D. gehören oder, wie mir wahrscheinlicher ist, zu denen des Antipatros. Apollodoros von Athen, der berühmte Grammatiker, war nach Ps.-Skymnos v. 20 ebenfalls Schüler des D. gewesen, desgleichen wahrscheinlich Krates von Mallos. Vgl. Zeller Ph. d. Gr. IV³ 47, 1. So erscheint D. als der Hauptträger der von der Stoa auf die Grammatik ausgeübten Einwirkung. Unter D. zehrte die stoische Schule gemächlich von der Überlegenheit, die ihr die systematische Ausbildung durch Chrysippos über die andern Schulen verliehen hatte. Im wesentlichen haben wir uns D. als treuen Chrysippeer vorzustellen. Doch finden sich bei ihm schon einzelne Abweichungen von der Orthodoxie, in denen sich der Eklekticismus seiner Nachfolger vorbereitet. D. ist ein Hauptvertreter der stoischen Sprachwissenschaft. In dem diokleischen Abriss der stoischen Logik bei Diog. Laert. VII wird der τόπος περὶ φωνῆς § 55ff. vorwiegend auf Grund seiner Schrift περὶ φωνῆς τέχνη dargestellt. Die hier aufgestellten Definitionen sind grösstenteils Gemeingut der Stoa geworden. Simpl. in Arist. phys. III 1 p. 426 Diels. In der formalen Logik tritt er in die Fussstapfen des Chrysippos. Er schrieb eine διαλεκτικὴ τέχνη. Diog. Laert. a. a. O. 71. Cic. de orat. II 157. Auch in der Physik und Theologie stimmt er mit Chrysippos überein, wenn er die Gottheit als Weltseele auffasst (Doxogr. 302 b 15. 549 b 19) [775] und auch wieder mit der Welt selbst gleichsetzt (ebd. 549 b 2), wenn er leugnet, dass es Götter in menschlicher Gestalt gebe, und die einzelnen Götter der Volksreligion mit Teilen der Welt, bezw. dem diese Teile durchwohnenden göttlichen Pneuma identificiert. So ist ihm Apollon die Sonne, Artemis der Mond; Poseidon, Demeter, Hera, Athena sind die einzelnen Teile der Gottheit, die die Teile der Welt, Meer, Erde, Luft, Äther durchwohnen, Philodem. Doxogr. 549 b. Die Fabel von der Geburt der Athena aus dem Haupte des Zeus, die er in einer besonderen Schrift περὶ τῆς Ἀθηνᾶς behandelte, deutete er im engsten Anschluss an Chrysippos, Philod. u. Cic. a. a. O. Minuc. Fel. 19. Wenn ihm bei Aëtius Doxogr. 364 b 7 eine Berechnung der Dauer des μέγας ἐνιαυτός zugeschrieben wird, so setzt dies voraus, dass er auch der Lehre von der ἐκπύρωσις und παλιγγενεσία zustimmte. Nach Ps.-Philo περὶ ἀφθαρσίας 15 hat er in seiner letzten Lebenszeit (ὀψὲ τῆς ἡλικίας) diese Lehre wenn nicht verworfen, so doch für zweifelhaft erklärt (λέγεται–ἐνδοιάσας ἐπισχεῖν), wahrscheinlich infolge der bei Ps.-Philo erhaltenen Polemik seines Zeitgenossen Kritolaos. Ist dies richtig, so bedeutet es eine starke Erschütterung seiner chrysippischen Orthodoxie. Bei Sext. Emp. IX 134 verteidigt D. einen zenonischen Beweis für die Existenz der Götter gegen akademische Polemik. Den Weissagungsglauben rechtfertigte D. in der einbändigen Schrift περὶ μαντικῆς, auch hierin ein Nachtreter des Chrysippos, Cic. de divin. I 6. Doch liess er die Astrologie nur in bedingter Weise gelten, a. a. O. II 90. Das ἡγεμονικὸν der Seele hat D., wie Zenon und Chrysippos, nicht in den Kopf, sondern in das Herz verlegt. In seiner Schrift περὶ τοῦ τῆς ψυχῆς ἡγεμονικοῦ referierte er gleich im Anfang den zenonischen Beweis dieser Lehre und suchte ihn durch umständlichere Formulierung zu verstärken. Die διάνοια muss sich da befinden, wo der λόγος, der aus ihr quillt, und die Stimme herkommt. Diese kommt aber nicht aus dem Kopfe, sondern ἐκ τῶν κατωτέρω τόπων. Galen. de Hippocr. et Plat. plac. II 5. In einem andern von Galen, a. a. O. II 8 mitgeteilten Beweise wird die Seele von D. als ἀνάθυμίασις des Blutes bezeichnet. Während die gewöhnliche stoische Lehre nur die Ernährung des Seelenpneuma durch die Ausdünstung des Blutes behauptet, scheint D. zu lehren: τὴν οὐσίαν εἶναι τῆς ψυχῆς ἀναθυμίασιν. Weiter entfernte sich D. von seinem Lehrer in der Ethik, wie seine bei Stob. Ecl. II 76, 9 W. mitgeteilte Definition des τέλος beweist: εὐλογιστεῖν ἐν τῇ τῶν κατὰ φύσιν ἐκλογῇ καὶ ἀπεκλογῇ. Dass nämlich das höchste Gut definiert wird als ‚die Fähigkeit richtiger Berechnung in der Auswahl der naturgemässen Dinge‘, ist eine Beschränkung des ursprünglichen stoischen Tugendbegriffs, die zu seiner Auflösung führen musste. Denn die Tugend, deren ganze Function in der Wertberechnung und entsprechenden Auswahl der Naturdinge besteht, sinkt hinab zu einem blossen Mittel für die Aneignung jener Werte. Es ist also eine unerträgliche Paradoxie, dass sie gleichwohl höchstes Gut und letzter Zweck sein soll. Über den Begriff der ἀξία haben wir bei Stob. Ecl. II 84 eine Auseinandersetzung des D., durch die, wie Wachsmuth [776] gesehen hat, der entsprechende Abschnitt bei Diog. Laert. VII 105 als ebenfalls dem Babylonier gehörig erwiesen wird. Aus der speciellen Güterlehre des D. hat Cic. de fin. III 57 uns den Satz erhalten, dass der Ruhm (εὐδοξία) nicht zu den δι’ αὑτὰ ἀξίαν ἔχοντα, sondern nur zu den ποιητικά gehöre, d. h. zu denjenigen Dingen, die um eines Nutzens willen, den sie hervorbringen, Wert haben. Dieselbe Ansicht vertrat auch Chrysippos. In dasselbe Capitel der Ethik gehört die Schrift des D. περὶ εὐγενείας, aus der Athen. IV 168 e ein längeres Bruchstück mitteilt. In der Pflichtenlehre kennen wir durch Cic. de off. III 51–57 eine Controverse zwischen D. und seinem Nachfolger Antipatros. Ist der Verkäufer einer fehlerhaften Ware verpflichtet, den Käufer auf die Felder hinzuweisen? Antipatros bejaht dies, D. verneint es. Eine analoge Meinungsverschiedenheit der beiden führt Cic. a. a. O. 91 an. Die tiefere Ursache der Abweichung liegt darin, dass D. dem individuellen Nutzen mehr Einfluss auf unsere Handlungsweise einräumt, Antipatros die Pflicht gegen den Nebenmenschen und die menschliche Gesellschaft stärker betont. Auch über politische Fragen hat D. geschrieben, Athen. XII 526 D citiert ‚das erste Buch der Gesetze‘. Es ist daher wohl bei Cic. de leg. III 13 Diogene statt Dione zu schreiben, zumal der Betreffende vor Panaitios gelebt haben soll. Ζeller Ph. d. Gr. IV³ 44. 141, 2. 146, 6. 197, 2. 206, 1. 274, 1. 214, 1. 216, 1. 261, 3. 263, 2. 293, 3. 323, 3. 337, 1. 341, 1. Hirzel Unters. zu Cic. philos. Schriften s. Namen und Sachregister S. 559. Stein Psychologie der Stoa I 78. 179. II 349. Thierry Dissertatio de Diogene Babylonio, Lovan 1830.