RE:Dolon 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Sohn des Eumedes
Band V,1 (1903) Sp. 12871288
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Dolon (Δόλων, von δόλος, bedeutungsvoller Name, wie der seines Vaters Εὐμήδης, vgl. Eurip. Rhes. 158 m. Glosse ἐτυμολογεῖται τὸ ὄνομα und Etym. M. s. Δόλοψ).

1) Ein Troer, der Held der Δολώνεια oder νυκτεγερσία (Il. X). Er war neben fünf Schwestern der einzige Sohn des reichen Herolds Eumedes (314ff., vgl. Rhes. 159f.), schnellfüssig, aber unansehnlich von Gestalt (316. Schol. 315) und feige (374ff. 390. Schol. 375). Als Achaeer und Troer während der Nacht im Felde lagern, erbietet er sich, nachdem ihm Hektor Wagen und Rosse des Achilleus versprochen hat, das feindliche Lager auszukundschaften, und zieht aus, bewehrt mit Bogen, Wolfsfell und einer Kappe von Wieselfell (318ff.). Aber Diomedes und Odysseus, die in gleicher Absicht das griechische Lager verlassen haben, treffen mit ihm zusammen. Sie lassen ihn erst an sich vorüber und verfolgen und fangen ihn sodann. Durch seine bereitwillig gemachten Angaben über die Stellung der Troer und ihrer Bundesgenossen, die jenen die Bewachung des Lagers überlassen haben, ermöglicht er den beiden Helden den erfolgreichen Überfall des Rhesos und der Thraker. Trotzdem tötet ihn Diomedes (338—464, vgl. Hyg. fab. 113). Seine Waffen nehmen sie auf dem Rückwege mit (527), und Odysseus weiht sie später der Athene (460ff. 569f). Denselben Gegenstand behandelt Ps.-Euripides im Rhesos. Seine Fahrt wird hier als eine echte Diebsfahrt charakterisiert; in sein Wolfsfell gehüllt, will er an gefährlichen Stellen wie ein Wolf auf vier Füssen schleichen; auch seine prahlerische Selbstüberhebung ist gesteigert, denn er erbietet sich, das Haupt des Odysseus oder Diomedes mitzubringen (154—223. 524ff. 557ff.). Den Lagerplatz des Rhesos kann er den griechischen Helden nicht verraten, da dieser erst nach seinem Abgang ankommt; dafür giebt er ihnen das Zelt Hektors an und teilt ihnen das Feldgeschrei der Troer mit (572ff.). Da sein Zusammentreffen mit den Gegnern ohne Scenenwechsel auf der Bühne nicht dargestellt werden konnte, so wird auch sein Tod durch sie nur beiläufig erwähnt (591f. 863f). Enger scheint sich die Nyctegresia des Accius an den Gang der homerischen Handlung angeschlossen zu haben (Ribbeck Röm. Trag. 362ff. frg. 8). Nach Serv. Aen. XLI 347 (von Ribbeck auf Accius zurückgeführt) hatten Odysseus und Diomedes den D. durch Folterqualen gezwungen, ihnen die Pläne der Troer und die Ankunft des Rhesos zu verraten. Sie liessen ihn an einen Baum gebunden zurück und töteten ihn erst auf dem Rückweg. Den Titel D. führte auch eine Komoedie des Eubulos [1288] (Kock Com. Att. Frg. II 175). Weitere Zeugnisse: Aristot. pepl. 51. Apollod. epit. 4, 4. Tabula Iliaca bei Jahn-Michaelis Bilderchron. 64. Athen. XIII 563. Tzetz. Hom 190. Dict. II 37. Dar. 22. 39 (abweichend). Verg. Aen. XII 346ff. (wo ein Sohn des D., der nach seinem Vater Eumedes hiess, unter den Gefährten des Aineias genannt wird). Culex 328. Ovid. her. 1, 39; ars am. II 138; met. XIII 98. 244. Myth. Vat. I 203. Als Beispiel der Feigheit stellten ihn die Stoiker hin (Plut. profect. in virt. 2, vgl. Dio Chrys. LV p. 561). Die Dolonie nimmt in der Ilias eine besondere Stellung ein als das einzige in sich abgeschlossene Einzelgedicht. Dies bemerkten schon die Alten (ἐν αὐτῷ ἀρχὴν καὶ τέλος ἔχον, Bekker Anecd. 768, 3), welche seine Einfügung in die Ilias dem Peisistratos zuschrieben (Schol. Victor, und Eustath. Il. X 1). Niese macht dagegen mit Recht geltend, dass es, auf den Voraussetzungen der vorangehenden Handlung beruhend, niemals in einem andern Zusammenbange gedacht worden sei (Entwick. d. hom. Poes. 24f.). Aus den auffälligen Beziehungen zur Odyssee schloss Gemoll (Herm. XV 557ff.) auf Abhängigkeit von dieser, Christ auf Gleichzeitigkeit der Abfassung (vgl. die ausführliche Litteraturübersicht bei Ameis-Hentze Anhang zu Il. X). Robert (Studien zur Ilias 574, vgl. 501) betont, dass die Entstehung der Dolonie wegen der unten erwähnten altkorinthischen Vase nicht unter 600 herabgerückt werden darf.

Über die Kunstdarstellungen, welche verschiedene Abweichungen von Homer zeigen, handeln Overbeck Gal. her. Bildw. 412ff. und Schreiber Ann. d. Inst. 1875, 299ff. Neben einigen älteren Vasen kommen in Betracht eine Kylix des Euphronios in München (abgeb. Mon. d. Inst. X Taf. 10 A und Overbeck Taf. 17, 2, vgl. Robert Archaeol. Ztg. 1882, 47ff.), eine rf. Tasse in Petersburg (Ann. d. Inst. 1875 Taf. Q R) und ein apulischer Krater des Britischen Museums, der (wenn echt, Klein Euphronios 63), auf eine Komoedienscene zurückgeht (Overbeck Taf. 17, 4. Baumeister Denkm. d. class. Altert. 459). Dagegen erscheint auf einem altkorinthischen Vasenbild die kniende Gestalt eines D. als Nebenfigur bei dem Zweikampf des Aias und Aineias (CIG IV p. XVIII abgeb. Ann. d. Inst. 1862 Taf. B). Unter den Gemmen ragt die aus der Sammlung Blacas hervor (Overbeck Taf. 16, 19). Ferner sind zu erwähnen die Darstellung eines Silbergefässes in Paris (Overbeck Taf. 24, 4) und die Terracottenstatuetten an einem Thongefäss aus Canosa (Archaeol. Ztg. XXII 219*). Das Bild im Codex Ambrosianus der Ilias (Ann. d. Inst. 1875 Taf. Q. Baumeister 460) vergegenwärtigt in zwei Scenen die Gefangennahme und die kannibalische Verstümmelung des D. (s. o. zu Serv. Aen. XII 347). Aus diesem Bilde und der erwähnten Gemme ergiebt sich eine litterarisch nicht bezeugte Version, nach der D. nicht von Diomedes, sondern von Odysseus getötet wurde.