RE:Konon 9

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XI,2 (1922), Sp. 1335–1338
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9) Mythograph. Von ihm besaß das Altertum eine Schrift, die ΔΙΗΓΗΣΕΙΣ betitelt war und 50 Erzählungen, deren Stoff stark vorwiegend der griechischen Götter- und Heroensage entnommen war, in bunter Folge ohne festes Anordnungsprinzip enthielt. Wir kennen diese Schrift nur durch den Auszug des Patriarchen Photios, der sie mit Apollodors Bibliothek in einem Band vereinigt fand (Bibl. cod. 186). Nach Photios (S. 130 b, 26 Bkk.) war das ‚Werkchen‘ (πονημάτιον) dem König Archelaos Philopator zugeeignet. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß, wie zuerst Vossius De hist. graec. 206 West. vermutete, damit der König Archelaos Philopatris von Kappadokien gemeint sei, der von 36 v. Chr. – 17 n. Chr. regierte, und der auf den Münzen die offiziellen Beinamen Φιλόπατρις und Κτίστης führt (vgl. Wroth Cat. of the greek coins of Gal., Capp. and Syria, London 1899, 44f.). Der König wird die literarische Gabe gewiß gewürdigt haben, da er ein gelehrter Mann war und selbst schriftstellerte (vgl. den Art. Archelaos Nr. 15). Zugleich mit der Person des Adressaten der Διηγήσεις ist die Zeit ihres Verfassers fixiert: K. war zwischen 36 v. Chr. und 17 n. Chr. schriftstellerisch tätig. Seine geistige Sphäre läßt sich noch hinreichend feststellen. Photios, der als sachkundiger Stilkritiker gelten darf, schließt den Auszug aus den Διηγήσεις mit folgender Bemerkung (S. 142a 33): ἀττικὸς δὲ τὴν φράσιν ἐστί, ταῖς δὲ συνθήκαις καὶ ταῖς λέξεσι χαρίεις τε καὶ ἐπαφρόδιτος, ἔχων τι καὶ τοῦ συνεστραμμένου καὶ ἀνακεχωρηκότος τοῖς πολλοῖς. Dies Urteil wird vollauf bestätigt durch den vorliegenden Auszug, der namentlich da, wo er ausführlicher ist [1336] und sich enger an den Wortlaut des Originals anschließt, deutlich die von Photios angegebenen Stileigentümlichkeiten durchschimmern läßt. Scharf und klar tritt besonders das Streben des Autors nach attischer Ausdrucksweise hervor. Sein Wort- und Phrasenschatz zeigt, wenn auch nicht pedantische so doch ganz entschiedene Anlehnung an die attische Kunstprosa, und sehr bezeichnend für die stilistische Richtung des Mannes ist neben anderem die mehrfache Verwendung des Dualis (S. 134 a 19; 135 b 19; 141 b 12), dessen Wiederbelebung bekanntlich einen wichtigen Punkt im sprachlichen Programm der Attikisten bildete (vgl. Schmid Atticismus I 87f.). Das alles stellt unseren Schriftsteller in die Reihen der Attikisten und rückt ihn in die Nähe seiner beiden großen Zeitgenossen Kaikilios und Dionysios von Halikarnassos. Neben dem ἀττικίζειν rühmt Photios am Stil des K. die gefällige Fügung der Wörter und die Knappheit und das Aparte des Ausdrucks. Auch diese Eigenschaften treten im Auszug noch sichtbarlich hervor. Gerade der Satzbau aber, von dem die breiter wiedergebenen Stücke (wie 23. 34. 35. 45. 48) eine recht klare Anschauung geben, zeigt, daß die Darstellung des Originals durchweg rhetorisch gehalten war. Besonders springt die Vorliebe des Autors für antithetische Gliederung der Rede in die Augen (vgl. z. B. S. 134a 18: Ὀδυσσεὺς … σπᾶται τὸ ξίφος ἐκεῖνον μὲν ἀνελεῖν βουληθείς, αὐτὸς δ’ Ἀχαιοῖς τὸ Παλλάδιον κομίζειν· καὶ αὐτοῦ μέλλοντος πληγὴν ἐμβαλεῖν (ἦν γὰρ σελήνη) ὁρᾷ Διομήδης τῆν αὐγὴν τοῦ ξίφους· Ὀδυσσεὺς δ’ ἀναιρεῖν μὲν ἀπέσχετο ἀντισπασαμένου κἀκείνου ξίφος, δειλίαν δ’ ὀνειδίσας … ἤλαυνεν; 138 a 19: εἶτα δεδούλωτο μὲν Μίλητος Κύρῳ, δεινὸν δ’ οὐδὲν ἄλλο ὧν ὑφεωρᾶτο ἐπεπόνθει· καὶ ὁ Μιλήσιος ἧκεν εἰς Ταυρομένιον ἀνακομισόμενος τῆν παρακαταθήκην· ὁ δὲ λαβὼν ὡμολόγει μὲν λαβεῖν, διετείνετο δὲ ἀποδεδωκέναι … καὶ ὁ μὲν Μιλήσιος τὸ ἴδιον εἶχεν, ὁ δὲ τραπεζίτης usw.; 139 a 36: καὶ ἡ μὲν Ἀργὼ ἔπλει ἐπὶ Κόλχους: οἱ δὲ τότε μὲν ὑπερηχθέσθησαν ἐπὶ τῇ τοῦ βασιλέως τελευτῇ, ὕστερον δὲ ὑπὸ Τυρρηνῶν Κυζίκου μετανέστησαν; 141 b 35: ἀλλὰ τεκοῦσαν αὐτὴν μὲν Ἀμόλιος εἰς δεσμωτήριον ἔτρυχε βαλών· τινὶ δὲ ποιμένι τῶν αὐτῷ πιστῶν τὰ τεχθέντα διαφθεῖραι δίδωσιν· ὁ δὲ λαβὼν τὸ μὲν μίασμα χερσὶν ἰδίαις πρᾶξαι οὐ προσίετο, εἰς σκαφὴν δὲ μεθῆκε κατὰ τοῦ Θύβρεως φέρεσθαι; 142 a 15: καὶ νήφων μὲν ἔκρυβε τὸ βούλευμα, μεθύων δέ … ἀπεκάλυπτε· Θήβη δὲ τὸ βούλευμα μεθοῦσα τοῖς μὲν ἀδελφοῖς … παρασκευάζεσθαι πρὸς τὴν σφαγὴν παρεκάλει, οἴνῳ δὲ πολλῷ Ἀλέξανδρον βαπτίσασα … ἐκπέμπει τοὺς τοῦ θαλάμου φύλακας). Rhetorische Absichten verrät auch die oft gezierte Wortstellung (vgl. z. B. S. 132 a 4: ἐν ᾧ Μόψος ἔχων ἔχρα τὸ μαντεῖον; 141 a 35: τεκοῦσαν αὐτὴν μὲν Ἀμόλιος εἰς δεσμωτήριον ἔτρυχε βαλών und viele andere Stellen). Unter diesen Umständen ist es schwer begreiflich, daß der rhetorische Charakter des Schriftchens von neueren Gelehrten so gründlich verkannt werden konnte (richtig betont wurde derselbe abgesehen von Flach [s. u.] besonders von Brinkmann Rhein. Mus. 1909, 479). Die Διηγήσεις sind also ein rhetorisches Elaborat, und die Aufgabe, die sich ihr [1337] Urheber gestellt hatte, war die, eine Anzahl von Sagen und Geschichten im Sinne der attikistischen Rhetorik zu bearbeiten. Das Werkchen wollte nicht wissenschaftlichen Zwecken dienen, sondern lediglich der Unterhaltung der Leser. Diese Feststellungen sind für die Quellenforschung von Belang. Denn waren es einzig rhetorische Interessen, die unseren Autor beherrschten, so wird er schwerlich, wie Photios S. 130 b 27 annimmt, mühsame Quellenstudien getrieben, sondern vielmehr seinen Stoff irgendwelchen bequemen Handbüchern, wie sie die hellenistische Zeit massenweis hervorgebracht hatte, entlehnt haben. Dieser Gesichtspunkt ist von Höfer, der in seiner Schrift Konon, Text u. Quellenuntersuchung, Greifswald 1890, in gründlicher Weise die Quellen der Διηγήσεις untersucht hat, nicht genügend beachtet worden. Zwar nimmt auch er mit Recht an, daß K. einige Handbücher in Kontribution gesetzt hat, daneben aber läßt er ihn Ephoros und Hegesippos von Mekyberna, den ziemlich obskuren Verfasser einer Lokalgeschichte von Pallene (wohl aus dem Anfang der hellenistischen Epoche), direkt benutzen. Was den letzteren anbetrifft, so ist nicht einmal die indirekte Zurückführung von acht Geschichten, die Höfer auf sein Konto setzt, ohne Bedenken (vgl. Oder Wochenschr. f. kl. Philol. 1891, 512f. und Jacoby Art. Hegesippos Nr. 4). Immerhin hat sich Höfer um die Explorierung der Urquellen, die den kononischen Erzählungen letztlich zugrunde liegen, nicht geringe Verdienste erworben und vieles einwandfrei festgestellt. Zu den Urquellen gehören vor allem Ephoros, Hellanikos, Andron, Timaios, Poseidonios und einige hellenistische Dichter, wie Kallimachos und sein Widerpart Apollonios von Rhodos. Nach Photios S. 145 b 39 hat Nikolaos von Damaskos καὶ περὶ ὧν δὲ Κόνων συνέταξεν, οὐκ ὀλίγα προσέγραψεν in seiner Συναγωγὴ παραδόξων ἐθῶν (vgl. dazu Höfer 3 u. 68f.); derselbe Gewährsmann stellt S. 146 a 22 auch sachliche Übereinstimmungen zwischen Akestorides, dem Verfasser einer Schrift Τὰ κατὰ πόλιν μυθικά (s. Schwartz Art. Akestorides Nr. 5), und unserem Autor fest. Gedruckt erschienen die Διηγήσεις zuerst in der Editio princeps der photianischen Bibliothek von Hoeschel, Augsburg 1601 (über dessen hss. Hilfsmittel vgl. Martini Textgesch. der Bibl. des Patr. Photios v. Kpel, I [= Abh. der Sächs. Ges. d. Wiss., Phil. hist. Kl. XXVIII, VI 1911], 113f.). Außerhalb der Bibliothek wurden sie zum erstenmal herausgegeben von Gale Hist. poet. script. aut., Paris 1675, 241f. (Text nach Hoeschel, lat. Übers. nach Schott, dazu die Anmerkungen beider). Die erste beachtliche Einzelausgabe lieferte Kanne Cononis Narr. L, edidit et adnot. illustravit, adj. est Chr. G. Heynii Spicilegium observ. in Con., Göttingen 1798 (mit nützl. Kommentar). Der Text der Διηγήσεις wurde (durch Heranziehung des Cod. Marc. 450 [A]) auf eine solidere Basis gestellt durch Bekker in dessen Ausgabe der phot. Bibl., Berlin 1824 (vgl. über dieselbe Martini 129f.). Auf Bekker beruht der Abdruck bei Westermann Μυθογράφοι, Braunschweig 1843, 124f. Zuletzt wurde der Text bearbeitet von Höfer [1338] 5f. (auf Grund einer Neuvergleichung von A). Eine neue kritische Ausgabe wird vom Verfasser des Artikels seit längerer Zeit für die Teubnersche Mythographensammlung vorbereitet; in derselben soll die zweite Haupths. der Bibl. (Cod. Marc. 451 [M]: s. Martini 50f.), die bisher unbenutzt geblieben ist, die gebührende Berücksichtigung finden; die Praefatio wird eine genaue Stilanalyse der Διηγήσεις enthalten und einige Probleme der Quellenforschung besprechen. Im allgemeinen vgl. über K.: Flach u. d. W. ,Konon‘ in Ersch’ und Grubers Allgemeine Encycl., II. Sect. XXXVIII. Bd. (1885), S. 281 a; Höfer 1f.; Susemihl Gesch. der gr. Lit. in der alex. Zeit II (Leipzig 1892), 59f. u. 686 (das. Einzelliteratur).