RE:Sesamon

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II A,2 (1923), Sp. 18491853
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Sesamon (Sesam), σήσαμον τό (arab. sāsim, simsim, hebr. semsem, aram. šūmšemā; vgl. Lewy Fremdw. 28f. Boisacq Dict. étym. 862), ist die Bezeichnung für den Samen der zur Familie der Pedaliaceen (vgl.Engler–Prantl Natürl. Pflanzenfamilien IV 3 b, 262) gehörenden S.-Pflanze, Sesamum indicum DC., die als wichtige Ölpflanze im Orient und in den Mittelmeerländern in verschiedenen Spielarten häufig kultiviert wurde. Sesamum orientale L. wird nicht mehr als eigene Art, sondern nur als Varietät von S. indicum betrachtet (vgl. Wiesner Rohstoffe des Pflanzenreiches I 511). Als Heimat gibt Plin. n. h. XVIII 96 (sesama ab Indis venit) Indien an, doch bleibt es zweifelhaft, ob die ursprüngliche Heimat des S. wirklich dort zu suchen ist. Die Pflanze selbst hieß σησάμη und (später) σησαμίς ἡ (vgl. Schol. Arist. Ach. 1092 σησάμη, ἢν ἡμεῖς φαμὲν σησαμίδα), doch kommt auch die Form des Neutrums als Bezeichnung für die Pflanze vor, seltener das Maskulinum (vgl. Geopon. IX 18, 2 ποιεῖ ἔλαιον καὶ σήσαμος. III 2, 4 σησάμη); über Synonyma aus späterer Zeit vgl. Langkavel Botanik der späteren Griechen 61. Lat. sesamum (sisamum), -i und sesama (sesima), -ae. Der Anbau der wegen ihrer stark (40—50%) ölhaltigen Samen geschätzten Kulturpflanze war weit verbreitet in Ägypten (Plin. n. h. XV 7. Prosper Alpinus plant. Aegypt. [erschienen 1735] gibt auf Taf. 34 eine gar nicht schlechte Abbildung von S. mit Früchten und handelt vom S. seu Sempsem. S. 47f.; vgl. Thaer Altägypt. Landwirtschaft. Unger Botan. Streifzüge auf dem Gebiet der Kulturgeschichte, S.-Ber. Akad. Wien XLV. Doch scheint der Anbau des S. in Ägypten, wie Woenig Die Pflanzen im alten Ägypten 178 bemerkt, nicht sehr alt zu sein und datiert vielleicht nicht sehr lange vor der Zeit des Theophrast, da die Denkmäler über die Pflanze schweigen und auch die hebräische Literatur bis zur Zeit des Talmud über S. nichts berichten), Indien (Plin. n. h. XV 28. XVIII 96), Babylonien, für welches Herod. I 193 (vgl. Strab. XVI 742) das außerordentlich üppige Wachstum des S. besonders betont (noch heute wird S. in Mesopotamien gebaut, vgl. Meyer [1850] Gesch. d. Botanik III 75), sowie im Gebiete der Chorasmier, östlich vom Kaspisee, Herod. III 117. Für Kilikien und Bithynien erwähnt den Anbau von S. Xen. an. I 2, 22 bezw. VI 4, 6 (Κάλπης λιμήν), für Italien Plin. n. h. XVIII 49, der die Saatzeit ausdrücklich für Italien aestate ante vergiliarum exortum angibt und S. unter den frumenta aufzählt, während die Pflanze bei Colum. II 7, der gleichfalls Anweisungen über die Saatzeit gibt und S. für Kilikien und Syrien erwähnt, unter den legumina erscheint. Für Griechenland, wo S., vulg. σησάμι, auch heute noch angebaut wird (vgl. Heldreich Nutzpfl. Griechenlands 80; Flora der Insel Thera [Santorin] 13. Fraas Synops. plant, flor. class. 187. Lenz Botanik d. Griech. u. Röm. 546, für Attika Wiskemann Die antike Landwirtsch. 8ff.), bezeugt, abgesehen von häufigen Erwähnungen bei Aristophanes, Solon frg. 39 Bergk, Athenaios u. a. die ausgedehnte Kultivierung des S. Theophrast, der die Pflanze als eine allgemein bekannte oft zum Vergleich heranzieht. Sie ist für ihn der Typus der einjährigen, schnell wachsenden Sommerpflanze (τὰ θερινά h. pl. VIII 1, 1. 3, 2; caus. pl. IV 15, 1), die vom Zeitpunkte des Verblühens bis zur völligen Samenreife nur 40 Tage braucht, h. pl. VIII 2, 6. Plin. n. h. XVIII 60. Mit der Bemerkung τὸ δὲ σήσαμον ...ἰδιώτερα παρὰ ταῦτα will Theophr. h. pl. VIII 3, 1 offenbar die stark verschiedene Gestalt der Blätter (die unteren Blätter sind handförmig geteilt, die obersten ungeteilt lanzettlich) andeuten. Plin. n. h. XVIII 58 nennt die Blätter sanguinea, was sich nur auf die Färbung der Blütenblätter, die weiß bis purpurrot sind, beziehen kann. Der Stengel ist nach Theophr. h. pl. VIII 3,2 ναρθηκώδης, d. h. schaftartig gerade aufsteigend wie bei den großen Umbelliferen (νάρθηξ = Ferula communis L., neugriech. ἡ Μαγκοῦτα, die oft bis 2 m hohe Blütenstengel treibt), die Pfahlwurzel (μονόρριζον) geht tief in die Erde hinab (βαθύρριζον) und nimmt den Boden stark in Anspruch, caus. pl. IV 15, 1; h. pl. VIII 9, 3. Als stark bodenzehrende Pflanze ist S. auch durch die Anweisung des Arabers Ibn Alawwâm, daß man S. nicht zweimal hintereinander auf das gleiche Feld säen soll, bezeichnet (vgl. Meyer Gesch. d. Botanik III 75). Die Blüte ist φυλλῶδες, d. h. sie besteht aus Blütenblättern (im Gegensatz z. B. zur Grasblüte), h. pl. VIII 3, 3. Die Frucht, eine längliche, zweiklappige, vierfächerige, stumpf vierkantige-Kapsel mit zahlreichen weißen bis braunschwarzen Samen, wird dadurch gut charakterisiert, daß Theophr. h. pl. III 18, 13 die Kapsel von εὐώνυμος (Evonymus latifolia Jacqu.) mit ihr vergleicht und sie als gefächerte Kapsel, deren Samen durch Scheidewände getrennt sind, beschreibt (h. pl. VIII 5, 2 τὰ ἔλλοβα ...διαπεφραγμένα καθάπερ ...ἰδίως τὸ σήσαμον; vgl. Plin. n. h. XIII 118). Der Same liegt in der Kapsel (ἀγγεῖον) eingeschlossen ähnlich wie beim Mohn, h. pl. I 11, 2. Plin. n. h. XVIII 53 includitur... vasculis ut sesame ac papaveris. Die Samenkörner sind sehr klein (caus. pl. II 12, 1) und fetthaltig (caus. pl. IV 2, 2. 15, 1. Plin. n. h. XVIII 304). Frischen S.-Samen fressen die Tiere nicht, wohl aber trockenen, weil aus diesem [1851] durch die Einwirkung der Sonne der Bitterstoff ausgeschieden ist, h. pl. VIII 7, 3; caus. pl. VI 12, 12. Plin. n. h. XVIII 96, vgl. Arist. Av. 159 νεμόμεθα δ’ ἐν κήποις τὰ λευκὰ σήσαμα. Der Fettgehalt ist nach Plin. n. h. VIII 304 die Ursache der langen Haltbarkeit des Samens, der nach Theophr. h. pl. VIII 6, 1 schwer ankeimt (δυσβλαστής). Aus dem Samen wurde das S.-Öl (σησάμινον) gewonnen, dessen Farbe Plin. n. h. XVIII 96 mit candidus annähernd richtig bezeichnet [es ist blaßgelblich bis gelblich]; der Geruch, sagt Theophr. de odor. 20 richtig, ist schwach [es ist fast geruchlos]. Ausführliche Anweisungen über das Mahlen der Samen gibt Mago bei Plin. n. h. XVIII 98; der Abfall beim Mahlen hieß adpluda. S.-Öl wurde, wie es noch heute der Fall ist, als Speiseöl zum Ersatz von Olivenöl verwendet, so in Indien (Plin. n. h. XVIII 96 sesama ab Indis venit. ex ea et oleum faciunt, vgl. XV 28), Ägypten (Plin. n. h. XV 7. Diosc. II 99), Babylonien (Herod. I 193. Strab. XVI 742 und 746), als Salböl (χρῖμα) verwendeten es die Griechen gegen die armenische Winterkälte (Xen. an. IV 4, 13; vgl. Suid. s. σησάμινον), in Griechenland diente es auch zum Verschneiden anderer Öle, besonders aber zu medizinischen Zwecken und als Zusatz zu Salben und Arzneien (Theophr. h. pl. IX 11, 9; de odor. 20. Plin. n. h. XIII 11 (sesaminon). 12. XXIII 95 (sesaminum). XXVI 67 und 110. XXVIII 168). Die lindernde Wirkung des S.-Öles bemerkt Cels. med. V 15, vgl. XVIII 27; nach Plin. n. h. XXIII 95, vgl. XXII 132, wurde es gegen Ohrenschmerzen und bösartige Geschwüre angewendet. Noch häufiger als die Verwendung des S.-Öles scheint die Anwendung der zerriebenen Körner als Pulver und Salbe gewesen zu sein. So stillt nach Plin. n. h. XXII 132 zerriebener S. in Wein getrunken das Erbrechen (vgl. Nic. Alex. 94) und wurde (wohl als Salbe) gegen Ohrenentzündungen und bei Brandwunden gebraucht, vgl. Diosc. II 99. Auf bloßem Aberglauben beruht das Plin. n. h. XXVIII 103 gegebene Rezept von Hyänenurin mit Öl, S. und Honig gegen Magenleiden. Auch die Pflanze selbst wurde in einer Abkochung in Wein als Arznei z. B. gegen Augenleiden benutzt, doch geht weder aus Dioskurides noch aus Plinius klar hervor, ob es sich im einzelnen Falle um Anwendung des S. als Öl oder als Pulver bezw. Salbe oder um eine Abkochung der Pflanze selbst handelt. Nach Diosc. II 99 war S. auch ein Mittel gegen Schlangenbiß (κεράστου δῆγμα θεραπεύει. Plin. n. h. XXII 132 irrtümlich stellionum morsibus). — Bei Hochzeiten in Athen fehlte der S.-Kuchen nicht, der aus zerstoßenen, gerösteten S.-Körnem mit Honig bereitet und den Hochzeitsgästen gereicht wurde (vgl. Phot. Lex. s. σήσαμον); er hieß σησαμῆ Arist. Pax 869 σησαμῆ συμπλάττεται und σησαμοῦς Arist. Ach. 1092; Thesm. 570. Schol. Arist. Equ. 277. Luc. conv. 27 und 38. Alciphr. III 12, 2. Schep. Pollux VI 77 und 108 (εἶδος πλακοῦντος). Hesych. σησαμοῦς • πέμμα ἐκ μέλιτος καὶ σησάμης, ferner Hesych. s. σησαμόεντ’ ἄρτον und σησαμόεσσα • ἐκ σησάμης κατεσκευασμένη μᾶζα. Suid. s. σησαμοῦς (Dimin. σησαμούντιον Suid. s. σήσαμος); zur Form σησαμόεις = σησαμοῦς vgl. Athen. IV 644 A. Auch σησάμη bedeutete S.-Kuchen. [1852] Hesych. s. σησάμη σησαμίς. καὶ πλακοῦς ἐκ σησάμης vgl. Hippocr. p. 555, 7, und σησαμίς Athen. IV 172 E. XIV 646 F; vgl. Etym. M. 697, 27. Hesych. s. πλεφίδερ • ἡ πεφρυγμένη σησαμίς. Nach Schol. Arist. Pax 869 wurde S. bei der Hochzeit διὰ τὸ πολύγονον gereicht, also mit Beziehung zur Ehe, weil S. eine sehr fruchtbare Pflanze ist, vgl. Athen. XIV 640 D. Schol. Arist. Ach. 1092. Damit hängt der bei Suid. s. σήσαμα erwähnte Hochzeitsbrauch zusammen, daß der Bräutigarn mit S.-Blättern geschmückt wurde. S.-Kuchen, der als leckeres Gericht (vgl. Straton Anth.Pal. XII 212, 6 μελιχρὰ σήσαμα) und beliebter Nachtisch galt und oft nach einer beim Wein durchschwärmten Nacht gegen Morgen genossen wurde (vgl. Hesych. s. σησαμόεντ’ ἄρτον • οὗτος ἔκειτο ἆθλον τοῖς διαγρυπνήσασι, πυραμοῦς καὶ τοιαῦτά τινα. Schol. Arist. Equ. 277), erwähnt auch Luc. pisc. 41 (σησαμαῖος πλακοῦς. Nach Colum. XII 15, 3 würzte man Feigen, die man einmachte, mit S., vgl. 59, 2 und XI 2, 50 und 56. Apic. VI 7 nennt S., ebenso Pallad. XI 1,3. Auch Brot wurde aus S. gebacken und mit S.-Körnern bestreut, Athen. III 114 A σησαμίτην (sc. ἄρτον; vgl. Poll. VI 72 (σησαμῖται). Hesych. s. σησαμίτης • ἄρτου εἶδος ähnlich unseren Mohnbroten. Woenig Die Pflan-zen im alten Ägypten 178 weist auf ein eine ägyptische Hofbäckerei darstellendes Gemälde aus dem Grabe Ramses III. zu Theben, auf dem auch ein Bäckerjunge zu sehen ist, der geformte Brote mit Gewürzen, vermutlich S.- Samen, bestreut. Daß auch Mohnsamen an Stelle von S. verwendet wurde, bemerkt Diosc. IV 64. Auf solches Backwerk (πέμματα) bezieht sich wohl auch Arist. Vesp. 676 (τυρόν, μέλι, σήσαμον, vgl. Philemon bei Athen. II 67 E und Philox. bei Athen. XIV 643 C σησαμόπαστος (bezw. hier in der dorischen Form σασαμόπαστα) und σασαμόφωκτος, wo auch Gebäck mit S.-Öl (σασαμοτυροπαγῆ) erwähnt ist. Auch sog. S.-Käse gab es (σασαμότυρον), Batrach. 36, wohl eine breiartige Speise, die, ähnlich wie Reis zubereitet, noch heute im Orient häufig gegessen wird. Es kann sich in allen Fällen nur um den gelegentlichen Genuß kleinerer Mengen handeln, denn S. ist dem Magen nicht zuträglich; Diosc. II 99 nennt ihn κακοστόμαχον und bemerkt, daß die beim Essen von S. zwischen den Zähnen zurückbleibenden Speisereste üblen Mundgeruch erzeugen; vgl. Plin. n. h. XXII 132 stomacho inutilis in cibis et animae gravitatem facit. Daß S. auch ein bedeutender Handelsartikel war, geht aus seiner Erwähnung im Ed. Diocl. hervor; nach Moeris p. 209, 23 Bekk. hieß σήσαμα auch der S.-Markt (ὁ τόπος οὗ ἐπωλεῖτο). Nach der Ähnlichkeit mit S.-Samen sind die S.-Beine (kleine Knöchelchen in den Hand- und Fußgelenken) σησαμοειδῆ ὀστᾶ benannt, Galen. de usu part. II 12 p. 137 und 17 p. 164. Das in älteren Wörterbüchern immer wider auftauchende ,S.-Holz` ist verschwunden, seitdem man mit Wellmann Diosc. I 98 richtig συκάμινα ξύλα statt {{Polytonisch|σισάμινα (σησάμινα) liest; vgl. Meyer Gesch. f. Botanik II 90 zu Arr. Peripl. mar. Erythr. 20.

Nichts mit dem S. zu tun hat die von Theophr. h. pl. IX 9, 2 lediglich wegen der ähnlichen Samen als σησαμώδη)(517 bezeichnete Pflanze ἐλλέβορος [1853] (Nieswurz, Helleborus niger und andere spec.); vgl. Plin. n. h. XXII 133 Anticyricon sesamoides (XXV 52). Strab. IX 418. Diosc. IV 149 σησαμοειδὲς τὸ μέγα, 163 σ. τὸ μικρόν. Diese vier Stellen dürfen meines Erachtens nicht voneinander getrennt werden und beziehen sich alle auf die Nieswurz, doch möchte Meyer Botan. Erläuterungen zu Strab. 28 wenigstens das σησαμοειδὲς μέγα des Dioskurides als eine Resedaart (Reseda undata) deuten. Über σήσαμον ἄγριον Theophr. h. pl. VIII 5, 1. Diosc. IV 161 (190). Plin. n. h. XV 25 (sesamon silvestre) s. den Art. Ricinus o. Bd. IA S. 801.