RE:Sigma

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II A,2 (1923), Sp. 2323–2324
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Sigma. Nach der späteren halbmondförmigen Form des Buchstabens wurde der Name übertragen auf

1. die halbkreisförmigen römischen Speiselager. Während beim griechischen Triklinion (s. d.) drei getrennte Klinen die Gäste aufnahmen, bildete das S. ein einheitliches Möbel. Es zeigt sich in der Schaffung desselben das gleiche Streben nach tektonischer Zusammenfassung, das die römische Weiterbildung der Kline gegenüber der griechischen auszeichnet (s. Kline).

Literatur. Die Schriftquellen sind gesammelt und interpretiert in den Lexika des Stephanus und Forcellini unter σίγμα bezw. sigma und στιβάδιον bezw. stibadium. Die bildlichen Darstellungen führen auf: Stephani Der ausruhende Herakles, S. 55f. und Jahn Die Wandgemälde des Columbariums der Villa Pamfili, Abh. Akad. Münch. 1858, 42. Grundlegende Behandlung bei Marquardt-Mau Das Privatleben der Römer 306ff. Vgl. ferner P. Girard bei Daremberg-Saglio s. lectus 1022 und Blümner Röm. Privataltert. (Iw. Müller Handb. d. kl. Altert. IV 2, II 119). Über die christlichen Darstellungen handelt auf Grund der älteren, daselbst angeführten Literatur L. v. Sybel Christl. Antike I 190ff. Das S. entstand, wie nach Forcellini Marquardt-Mau annehmen, im Zusammenhange mit dem Aufkommen der runden Tischplatten der mensae citreae am Ende der Republik. In diesem Falle handelte es sich um Lager der gleichen Höhe, wie sie die rechteckigen Speisebetten haben. Daneben findet sich die Sitte, das Mahl im Freien, auf dem Boden liegend, einzunehmen, wobei sich die Teilnehmer im Halbkreise lagerten und somit ebenfalls die Form eines S. bildeten. Hierzu bedurfte es nun der Unterlage von Decken oder eines halbrunden Polsters. Ein solches Mahl zeigt schon die wohl älteste Darstellung eines S. im Kolumbarium der Villa Pamfili (vgl. Jahn a. a. O.), die nach Huelsen (Röm. Mitt. 1892, 145ff.) in augusteische Zeit gehört. Vielleicht erklärt sich aus diesem Lagern im Freien die Entstehung der Bezeichnung στιβάδιον, stibadium = Lager von Gras oder Blättern, die wir von der zweiten Hälfte des 1. Jhdts. (Martial) an in synonymer Bedeutung von S. finden. Gegen v. Sybel, a. a. O. 189, 2, Annahme, daß stibadium gelegentlich auch ein rechteckiges Lager bezeichne, vgl. Blümner a. a. O. 119, 6. Daneben wird die Bezeichnung accubitum gebraucht. Von Elagabal berichtet Hist. aug. Elag. 25: ‚primus denique invenit sigma in terra sternere, non in lecticulis, ut a pedibus utres per pueros ad reflandum spiritum solverentur‘. Da. das S. auf der Erde im Freien von Anfang an üblich war, kann sich diese Nachricht nur darauf beziehen. daß Elagabal auch in seinem Palaste die Polster unmittelbar auf den Boden legen ließ. Während im 1. Jhdt., wie Beispiele aus Pompeii (Mau Pompeji 246ff.) zeigen, die griechische Form des Trikliniums sich noch neben dem S. hielt, scheint in den folgenden Jahrhunderten die halbrunde Form die übliche geworden zu sein und sich lange bis in christliche Zeit gehalten zu haben. Das lehren sowohl die Schriftquellen, wie die Darstellungen (vgl. Marquardt-Mau 308, 2). Von [2324] letzteren überwiegen die christlichen da die Mahldarstellungen in der Ikonographie der frühchristlichen Kunst eine besondere Rolle spielten; vgl. v. Sybel a. a. O. und von der dort genannten Literatur insbesondere Wilpert Pitture delle Catacombe.

Was das Material der S. anbelangt, so sprechen die bei Hist. aug. Elag. 25 erwähnten lecticulae für gezimmerte Möbel; an eingelegte Verzierungen von Schildkrot ist, wie Blümner a. a. O. 119, 5 richtig bemerkt, bei Martials (XIV 87): ‚accipe lunata scriptum testudine sigma‘ zu denken. Auf dem pompeianischen Bilde Helbig 1481 (Niccolini XV 3. Daremberg-Saglio a. a. O. Fig. 4378) scheint es sich um eine aus solidem Mauerwerk hergestellte Bank zu handeln, die mit herabhängenden Decken geschmückt ist. In gleicher Weise wurden ja auch Triklinien aus Mauerwerk hergestellt (Mau a. a. O. 247. 417 usw.). Ein derartiges gemauertes accubitum ist inschriftlich erwähnt CIL III 444l: porticum cum accubito vetustate conlapsum‘. Ein marmornes stibadium erwähnt Plinius ep.V 6a med. ‚s. candido marmore, vite protegitur: vitem quattuor columellae Carystiae subeunt: e stibadio aqua, velut expressa cubantium pondere. siphunculis effluit‘. Als Deckteppiche werden Hist. aug. Claud. 14, 10 accubitalium Cypriorum paria duo, im Ed. Diocl. l9, 23 ein τάπης ἀκκουβιτᾶρις μόνος σκεπάζων τὸν ἀκκούβιτον erwähnt (vgl. Morel bei Daremberg-Saglio I 21 und Blümner a. a. O. 119, 7). Den Speisenden diente als Armstütze sowohl bei dem erhöhten S., als auch, wenn das Mahl auf der Erde stattfand, ein halbkreisförmiger, um den vorderen Rand des Lagers laufender gepolsterter Wulst.

Während bei dem Triklinium die Zahl der Speisenden auf 3 bezw. 9 normiert war, war beim S. je nach der Größe die Zahl verschieden. Gewöhnlich waren es 5–8, doch kommen ausnahmsweise auch mehr vor (vgl. Marquardt-Mau 307). Über die Reihenfolge der Plätze orientieren uns literarische Erwähnungen, allerdings erst des 4. bis 6. nachchristl. Jhdts. (vgl. Forcellini Stibadium nr. 2. Marquardt-Mau a. a. O. 307ff.); doch wird hier eine feste Tradition aus älterer Zeit vorgelegen haben.

2. halbkreisförrnige Bauteile. S. hieß ein Porticus in Konstantinopel, den Cedrenus p. 475 beschreibt; ὑπέδειξεν αὐτῷ τὸν ἐν τῷ ἡμικυκλίῳ, ὃ νῦν λέγεται σίγμα, θησαυτὸν ἀνακτισθέντα δι ὀρθομαρμαρώσεως. Ein Νυμφαῖον σιγματοειδές erwähnt Joh. Malal. p. 302, 8.

3. Auf einigen, von Marquardt-Mau a. a. O. 309, 4 zitierten Darstellungen ist auch der Tisch in sichelförmiger Form gebildet. Auch diese Form hat sich bis tief ins Mittelalter gehalten: ‚mensam, quasi semicirculum factam, an der Kaiser Otto III. allein Platz nahm, erwähnt Ditmarus lib. 4 (vgl. Ducange s. Sigma).

4. Die von Forcellini aufgeführte Bezeichnung S. für ein halbkreisförmiges Badebecken bei Sidon. Ap. ep. II 2 ‚solii sigma‘ verdankt ihre Entstehung nur einer Konjektur Sirmonds; die Überlieferung ist ‚quot solet sigma personas‘.