Ragaz

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Textdaten
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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Ragaz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 616–618
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[616]

Ragaz.
Von Johannes Scherr.


Der Sommer von 1880 hat, wie jedermann merken mußte, neben den gewohnten ordentlichen Liebenswürdigkeiten unseres lieben „gemäßigten“ Klima's auch noch verschiedene außerordentliche entfaltet. Wir drei Freunde und Stammgäste von Ragaz, welche eine im Propheten Daniel bewanderte Kurgästin die drei Männer Sadrach, Mesach und Abednego – wenn nicht vom nebukadnezarischen Feuerofen, so doch vom kühlen „Quellenhof“ – wunderlich benamsete, wir drei Freunde also hatten im Juni sattsame Gelegenheit, im Thale zwischen dem Piz Alun und dem Falknis häufig binnen Tagesfrist zu erfahren, wie es der Epidermis eines civilisirten Menschen am Nordkap oder aber unter dem Aequator und umgekehrt zu Muthe sei. Am Johannistage, welcher doch von kalenderwegen hätte so anständig sein sollen, etzliche Hochsommerlichkeit zu entwickeln, waren die Berge bis tief herab verschneit und erfreute sich eine Dame beim Morgenspaziergang ihres vorsichtiger Weise mitgebrachten Pelzmantels. Wir durchmaßen mit langen Schritten die große Wandelhalle, eine der Zierden von Ragaz, und führten mehr oder minder anmuthige oder unmuthige Wettergespräche, als mir eine Karte gebracht wurde, welche besagte, daß der liebe alte H. aus Stralsund im „Hof Ragaz“ eingetroffen wäre. Bald kam er selbst, und wir tauschten die Erinnerungen an unser erstes Zusammentreffen am Ufer der reißenden und rauschenden Tamina. Lang, lang war's her, gerade 25 Jahre! Noch ein Jahr früher war ich zum erstenmal nach Ragaz gekommen und zwar in Gesellschaft meines Freundes und Verlegers Otto Wigand, der nun auch schon lange „ruht im Bann des ewigen Schweigens“.

Ach, eines alternden Menschen Fuß stößt überall an Gräber von Solchen, die Freud' und Leid mit uns getheilt hatten. Ja, ja, das Altwerden! Wohl dem, der auch diese schofle Einrichtung der „allgütigen Mutter“ Natur, wie noch verschiedene andere, mit Humor zu nehmen und zu tragen weiß! Es gibt auch in unserer nüchtern-realistischen Zeit glücklicherweise noch solche Humoristen. Im Wartsaal des züricher Bahnhofes war ich auf einen Herrn gestoßen, der mir bekannt vorkam. Ihm ging es mit mir gerade so. Nachdem wir eine Weile vigilirend um einander herumgegangen, trat die Idee in die Phase der Verwirklichung, d. h. wir erkannten uns. Hatten uns so etwa 26 Jährlein nicht mehr gesehen. „Nun, jünger sind Sie gerade nicht geworden, lieber Freund.“ – „Ja, lieber Freund, glauben Sie denn, ich hätte rückwärts wachsen sollen wie ein Kuhschwanz?“

Einen Genuß hat das Alter vor der Jugend voraus: den ruhigen Gedankenaustausch zwischen Freunden, welche über verschiedenes verschieden denken können, aber in den Stürmen des Lebens die Reife oder, mit dem alten Lucretius zu reden, die „Frömmigkeit“ gewonnen haben –

„Mit gleichmüthigem Sinn hinschauen zu können auf alles.“

Demzufolge vermochten alle die Nücken und Tücken unseres, wie bekannt, „gemäßigten“ Klima's unsere Laune nicht zu trüben. Peripatetiker vom frühen Morgen bis zum späten Abend, sprachen wir mitsammen de rebus omnibus et quibusdam aliis, obzwar unsere Gespräche nicht gerade immer ordonnanzmäßig „reichsfreundlich“ geklungen haben mögen. Weder konservative Hep-Hep-Rufer, noch nationalliberale Kompromißflickschuster würden daran Freude gehabt haben. Auch die Säulenheiligen vom Centrum nicht, obzwar wir am Morgen unseres Abreisetages noch der Einweihung einer zwischen dem „Hof Ragaz“ und dem „Quellenhof“ erbauten katholischen Kapelle durch Seine Gnaden den hochwürdigen Herrn Bischof von St. Gallen aus andächtiger Ferne zusahen.

Unseren Lungen und Beinen mutheten wir nicht mehr zu, als für Beine und Lungen von, wie die Schweizer sagen, „bestandenem“ Alter ziemlich. Wenn ich meine Blicke an den Felswänden des Falknis emporschweifen ließ, kam es mir schier verwunderlich vor, daß ich vor Zeiten einmal da droben gewesen, und wie einer halbverklungenen Sage horchte ich dem, was ein anmuthiges junges Mädchen aus Mainz, welches in den letzten Tagen die langwierige und beschwerliche Ersteigung des Bergriesen kühn unternommen und tapfer ausgeführt hatte, von dem herrlichen drobigen Ausblick rundum und weithin in die Alpenpracht zu erzählen wußte. Alles hat seine Zeit. Es gab eine, wo auch ich eine Art von „Bergfex“ gewesen, obzwar nicht von jener höchsten Potenz der jetzo modischen Bergfexerei, welche zum Frühstück dieses Horn oder jenen Piz „nimmt“ und zum Vesperbrot das so- und sovielte Gletscherjoch „macht“.

Wir fassten die Resolution, daß es für uns zeit-, lungen- und beinegemäß, den Bergmajestäten unsere Huldigungen für diesmal und fortan bescheidentlich von untenhinauf darzubringen. Wer aber Jugend und einige Uebung im Bergsteigen besitzt, sollte während eines Aufenthaltes in Ragaz nicht versäumen, einen oder etliche der umherragenden Gipfel zu erklimmen. Mit dem Guschakopf und dem Fläscherberg beginnend, mag er zum Piz Alun vorschreiten, um dann an den Vasön (fälschlich Fasanenkopf geheißen) sich zu wagen und schließlich gar den Monte Luna, den Falknis, den Kalanda oder den Piz Sol zu „nehmen“. Wer jedoch in Ragaz ernstlich die Kur machen will – ich meine nicht die Damen-, sondern die Wasserkur – der lasse die Bergsteigerei überhaupt bleiben und beschränke sich auf mäßige Bewegung! Niemand sollte jedoch versäumen, von Ragaz auszufliegen – man kann es auch zu Wagen thun – über den Luciensteig nach Vaduz, der Hauptstadt des forellenreichen Reiches Liechtenstein, nach Seewis im Prätigau mit dem Blick auf die Seesaplana, nach dem kaskadengeschmückten Weißtannenthal und endlich nach Vättis. Die Fahrt nach Vättis ist von den genannten die belohnendste. Wo auf der Höhe hinter dem Dorfe Pfäfers der Weg ins Taminathal sich hinabsenkt, erschaut man rechtshin die ganze zwischen den Vasön und den Monte Luna eingespannte Reihe der Grauen Hörner mit ihren phantastisch geformten Felszacken und ihren schimmernden Schneefeldern. Vättis selbst liegt hart am nördlichen Fuße der ungeheuren Felspyramide des Kalanda, von welchem das Dichterwort:

„Aus einem tiefen, tiefen Thal
Steigt auf der Berg als wie ein Stral“ –

buchstäblich gilt. Ueberschreitet man den Bergstrom und geht die kurze Strecke bis zur Basis der untersten Felsterrasse des Kalanda hinan, zu einer Stelle, wo ich in verschiedenen Jahren noch im Monat September die Schneetrümmer einer im Frühling herabgestürzten Lawine vorgefunden habe, so thut sich ein Einblick in das wildschöne Kalfeuserthal auf, aus dessen Hintergrund, falls nämlich unser „gemäßigtes“ Klima der Sonne zu scheinen gerade allergnädigst gestattet, der Sardonagletscher hervorblitzt, der Vater der Tamina.

Weitere Ausflüge der ragazer Kurgäste gehen über Chur, Reichenau und das mit Schlössern und Burgruinen reichgeschmückte Domleschg nach Thusis zur Via mala, welche aber, unmittelbar nach der Quellschlucht von Pfäfers gesehen, keine große Figur mehr macht. Eine solche macht aber die Straße über den Schyn, welche linkshin von Thusis bei der Einmündung der Albula in den Rhein anhebt. Wer einmal dort, sollte den kühn angelegten und wahrhaft prächtig ausgeführten Paßweg hinaufwandern bis zur schwindelnd hoch über die Albula gespannten Solisbrücke. Der Blick hinunter in die Stromschluchten, hinüber zum Piz Beverin, hinauf zu den dräuenden Gehängen des Piz d'Err ist groß. In entgegengesetzter Richtung ziehen die Ausflügler von Ragaz hinunter an den düsterschönen Walensee und dort von Murg oder Mühlehorn hinauf nach Obstalden und auf guter Straße über den Kerenzerberg hinüber nach Mollis im Glarnerland, um auf dem Rückwege in der über dem Bahnhof von Weesen hübsch gelegenen Herberge „Zum Speer“ angenehme Rast zu halten. Ist man aber im Glarnerland, so müßte man ein fühlloser Barbar sein, wollte man das zwischen den Glärnisch und den Wiggis hineingespaltene Klönthal nicht besuchen, mit seinem die Felswände des Glärnisch widerspiegelnden See unbedingt eins der eigenartigsten Hochthäler der Alpen, das einmal Einer – ich glaube, ich war es selbst – treffend mit der Poesie Lenau's verglichen hat. Und thun Sie mir, meine mehr oder minder werthen Damen und Herren, thun Sie mir oder vielmehr sich selber den Gefallen, von Glarus aus auf der jetzo das Linththal hinanrasselnden Eisenbahn bis zum schöngelegenen, heilkräftigen und nahrhaften Bade Stachelberg zu fahren, von da, an den Fätschbach- und Schreienbachfällen vorbei, bis zum Tödihaus im „Thierfehd“ zu wandern und von dort – 's ist ja nicht mehr weit – über die Pantenbrücke, unter welcher, tief im Abgrund, die junge Linth dahintobt, [617] hinauf zur Ueieli-Alp, allwo euch Se. Majestät der Bergkönig Tödi unwidersprechlich darthun wird, daß er ein Prachtkerl sans phrase. Welche olympische Ruhe dort oben! Welche Sicherheit vor alle dem politischen, geschäftlichen, literarischen und musikalischen Spektakel drunten! Welche Auflösung der tausend Dissonanzen des Menschendaseins in die balsamische Harmonie feierlichen Schweigens! Mit Wonne gedenk' ich noch jetzt eines milden, wolkenlosen Herbsttages, den ich, ziellos umherschweifend, vor Jahren einmal ohne jede Störniß auf der Ueieli-Alp verbrachte. Dort ist mir der Tiefsinn von Hölderlins Wort aufgegangen: „Nun versteh' ich den Menschen erst recht, da ich fern von ihm in der Einsamkeit weile.“ . . .

Wer aber im Lande,[1] d. h. in Ragaz bleibt, um redlich warmes Wasser zu trinken, zu baden, sich nebenbei vortrefflich – vielleicht etwas vortrefflicher als kurgemäß – zu nähren, in den schönen Gärten des Quellenhofes und des Hofes Ragaz umherzuschlendern, im Waldparke droben zu träumen oder in der großen Säulenhalle vor dem Kurhause den Weisen der vortrefflichen Kurkapelle zu lauschen, der mag Vormittags zur Ruine Freudenberg spazieren, um von dort nach den sieben oder mehr Kuhfirsten (d. h. Kuhrücken, nicht Kurfürsten) am Walensee, nach den beiden Gonzen und dem Alvier auszuschauen, und mag dann gegen Abend hin die sanft ansteigende Waldzickzacksstraße hinaufwandern bis zur Ruine Wartenstein, auf die von rechtsher der kolossale Felsblock, welcher burgartig den Piz Alun krönt, herabschaut, während links unten das Rheinthal bis Zizers sich aufthut und das Auge auf dem satten Grün der Bergwände des Prätigau's ruht, von woher die Landquart durch die Klus hervorbricht, um sich unsern der Tardisbrücke dem Rhein in die Arme zu werfen. Sind Luft und Licht dir gewogen, so siehst du jenseits des Stromes Maienfeld und Jenins aus dem grünen Kranz ihrer Weingärten weiß hervorschimmern und später, wann die Dämmerung schon ihren Duftschleier auf das Thal zu breiten sich anschickt, die riesigen Felszacken des Falknis im Abendstrale roth aufglühen. Wer im Besitz eines leidlich gut erhaltenen Piedestals, sollte auch den Besuch des Dorfes Pfäfers, des nahebei gelegenen Tabor, sowie des Bergdorfes Valens nicht versäumen.[2]

Der Gang von Ragaz die Tamina entlang zum Bade Pfäfers und zur hart dahinter sich öffnenden Quellschlucht, deren Großheit keine zweite Kluft oder Klamm im ganzen Umfange der Alpen erreicht, ist für jeden Kurgast und für jede Kurgästin selbstverständlich. Wer hier einmal gewandelt, unter sich die tosend in ihrem Felsrinnsal daherströmende Sardona-Tochter, über sich die gigantesten Wölbungen einer kyklopischen Naturarchitektur, der trägt einen Eindruck mit fort, welcher sich niemals verwischt.

In Dunkel und Schweigen liebt die Natur ihre heiligsten Mysterien zu bergen. Aber der Mensch, zugleich ihr Sklave und ihr Tyrann, dringt wißbegierig und nutzungssüchtig in ihre innersten Geheimnisse. So hat er auch hier, unter den Bergen einer an urzeitliche Erdumwälzungen gemahnenden Riesenhalle, einen Schacht in den Fels gebohrt, um die dampfende Najade bei ihrem Hervorsprudeln aus der Tiefe zu fassen und zu fangen, damit sie ihm dienstbar sei. Umwirbelt von Dampfwolken, welche die Leuchte des Führers nur schwach durchhellt, stehst du, nachdem du etwa fünfzig Schritte in einem engen Stollen gethan, in einer wie von Berggeisterhänden geweiteten Höhlung und blickst über ein hölzernes Geländer hinweg in einen tiefen Kessel hinab, von wo ein leises Gemurmel und Geplätscher heraufkommt, kaum vernehmbar in dem von draußen hereindringenden Rauschen der Tamina. Dort unten quillt die Heilquelle von Pfäfers-Ragaz, krystallhell, das klarste, reinste Urwasser von 30 Gr. R. Wärme, vergleichbar nur den schwesterlichen Wassern von Gastein und Wildbad. Alswie ein von den geheimnißvoll im Erdinnern waltenden Mächten an die Oberwelt geisterhaft heraufgesandter Gruß muthet das leise Murmeln und Plätschern dich an.

Bist du dann wieder hervorgetreten aus Dampf und Dunkel auf die schmale Plattform vor dem Quellschacht, von welchem aus die Röhrenleitung zum Bade Pfäfers und, bald über, bald unter der Erde, immer die Tamina entlang oder dieselbe überbrückend, die Wegstundenlänge bis hinab nach Ragaz geht – da mag dir wohl der Gedanke kommen, wie wildschauerlich es an dieser Stelle vor 800 und etlichen 40 Jahren ausgesehen haben müsse, dazumal nämlich, als – wie Urgroßmutter Sage zu plaudern weiß – so um das Jahr 1038 herum eines Tages ein kühner Jägersmann, der Karl vom hohen Balken aus Valens, in den Taminaschlund kecklich sich hineingewagt und den Heilquell gefunden hat. Die Sage will ihr Recht, und so soll ihr nicht verübelt werden, daß sie in ihrer naivpoetischen Weise diese Findung auszuschmücken liebte. Der Jäger hatte sein Leben gewagt, um eine von krächzenden Raben in den Abgrund hineingejagte Taube vor ihren Verfolgern zu schützen – wohl ein Anklang an die Klostersage von Pfäfers-Pirminsberg, derzufolge ja eine „schneeweiße“ Taube (die Tauben sind bei solchen Gelegenheiten bekanntlich immer weiß, schneeweiß) dem heiligen Pirmin und seinem Freunde Adalbert den Weg zu der Stelle auf der Bergterrasse rechts am Fuße des Piz Alun gewiesen hatte, allwo zwischen 721 und 730 das jetzt zum Staatsirrenhaus des Kantons St. Gallen umgewandelte Kloster gegründet und mit Benediktinermönchen aus der Reichenau bevölkert wurde. Längs des tobenden Gletscherwassers durch das Gestrüppe der bislang noch von keines Menschen Fuß betretenen Urwaldwildniß sich Bahn brechend, stand der Jäger plötzlich staunend, starrend still, als er aus einem Felsspalt weiße Dampfwolken hervorwirbeln sah, welche der heiße Quell aus der verborgenen Tiefe heraufathmete. Der Finder des „Wunders“ machte als der Gotteshausmann, der er war, seinem Herrn, dem Abte von Pfäfers, schleunige Meldung. Aber 200 Jahre lang ließ man den köstlichen Fund unbenutzt. Der Ort galt für unheimlich; denn möglicher, wahrscheinlicher Weise sogar waren ja die in grauenvoller Oede gespenstig aus der Tiefe dringenden Dampfwolken wohl nichts anderes als der Odem- oder Brodemaushauch Sr. höllischen Majestät des Satans.

Die Kunde von dem erste Quellfund war so völlig verschollen, daß, als um das Jahr 1212 zwei Jäger aus Vilters, Thuoli und Vils, im Taminaschlund zufällig den Quell wieder auffanden, ihre Entdeckung für etwas ganz Neues galt. Diese zweite Findung verscholl aber nicht wieder. Der Fürst-Abt von Pfäfers, Hugo der Zweite, machte um 1242 das heilsame Naß zuerst leidenden Menschen zugänglich. Aber dieser Zugang war geradezu mit Lebensgefahr verbunden, und zwar noch lange Zeit, auch dann noch, als in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts hart beim zuweggebrachten Ausfluß der Quelle und auf quer über das tosende Rinnsal der Tamina gelegten Balken ein hölzern „Badhus“ gebaut, sowie in die Felswand am linken Ufer des Bergstroms eine Kapelle gehöhlt worden war – Spuren dieser waldursprünglichen und troglodytischen Bauten sind noch jetzt bemerkbar – auch dann noch mußten die Badegäste an Stricken oder hängenden Leitern in die furchtbare Kluft hinabklettern und in derselben Halsbruch drohenden Weise wieder hinauf.

So ist auch der schwerkranke und todmüde Flüchtling Ulrich von Hutten, von Zwingli an den reformistisch gesinnten Abt Johann Jakob Ruffinger – sein Name bleibe in Ehren! – warm empfohlen, als Gast des Prälaten im Juni oder zu Anfang Juli's von 1523 in den Quellschlund hinunter und nach erfolgloser Kur wieder herauf gelangt. Der gute Abt erwies dem verketzerten und verfemten, namentlich von dem gelehrten Klügling Erasmus von Rotterdam bis in den Tod hinein giftig gehetzten Patrioten alle Freundlichkeit, wie solche heutzutage wahrlich kein katholischer Prälat und kein lutherischer Propst mehr einem Ketzer erwiese. Bald darauf – am letzten August oder am ersten September? – ist Hutten im Pfarrhaus auf der Insel Ufnau im Zürichsee gestorben. Der gebildetste, hochherzigste und tapferste der Reformatoren, Ulrich Zwingli, hatte bis zuletzt seine „milde und feste“ Hand schützend über dem unglücklichen Mitstreiter gehalten. Am 11. October 1523 schrieb er aus Zürich an Bonifaz Wolfhart: „Hutten hat nichts, gar nichts von irgendeinem Werthe hinterlassen: keine Bücher, keine Fahrhabe, nichts als seine Feder“ (nihil reliquit, quod ullius sit pretii: libros nullos habuit, supellectilem nullam praeter calamum). „Nichts als seine Feder!“ Natürlich. Er hatte ja sein Vaterland mehr geliebt als sich selbst. Wäre er ein Opportunitätsschwabbeler, Zweiächsler und Manteldreher gewesen wie sein Denunciant und Verfolger Erasmus und alle die zahlreiche Erasmi unserer eigenen Tage, so würde er reich in seinem eigenen Haus und Bette gestorben [618] sein und die Sippschaft Erasmorum hätte ihm nach seinem Tode auch noch ein Standbild aufgerichtet. „Nichts als seine Feder!“ Man meint das verachtungsvoll-mitleidige Lächeln zu sehen, welches dieser Nachruf unsern „liberalen“ Gründern und Gründergehilfen, welche die patriotische Phrase so hübsch mit der einträglichen Jobberei und Gimpeljagd zu verbinden verstanden, auf die Lippen lockt. Sie wußten und wissen besser für sich zu sorgen, diese Herren „Realpolitiker“ und Redenseilgaukler, welche es glücklich dahingebracht haben, daß völlige Grundsatzlosigkeit für das Hauptmerkmal eines normalmäßigen deutschen „Reichsfreundes“ gilt. . . .

Etliche Jahre später als Hutten besuchte sein berühmter Zeitgenoß Theophrastus Paracelsus den Heilquell im Taminaschlund und entwarf eine Beschreibung desselben. Diesen ersten Versuch einer sachkundigen Untersuchung und Würdigung der wohlthätigen Naturgabe ließ der Abt von Pfäfers drucken und veröffentlichen, wodurch der Ruf des Bades immer weiter in die Welt ausging. Die junge Anstalt hatte übrigens Schweres durchzumachen. Wiederholt, 1611 und 1629, brannte das Badhaus ab. Ein andermal war das nach der ersten Einäscherung wiederhergestellte durch den Herabsturz von Felsblöcken zertrümmert worden. Nach dem zweiten Brande verschritt man zu der dazumal sehr schwierigen Untersuchung der Taminaschlucht ihrer ganzen Länge nach, um einen passenderen Platz zur Anlage der Badgebäude ausfindig zu machen, und unter dem Regimente der beiden Aebte Jodocus und Johannes wurde der Bau des Bades Pfäfers da in Angriff genommen, wo das seitdem vielfach umgebaute und vergrößerte noch jetzt steht, und zugleich wurde mit unsäglicher Mühwaltung die erste Röhrenleitung von der Quelle bis zum Badhaus hergestellt. Am Pfingstfest von 1630 strömte das Quellwasser zum erstenmal durch diese an den Felswänden der Schlucht aufgehängte Röhrenleitung. Der Grundstock der jetzigen Badbaulichkeiten, deren klösterlicher Stil viele Besucher zu der ganz irrthümlichen Ansicht verleitet, das Haus wäre ursprünglich ein Kloster gewesen, rührt von dem Abte Bonifaz dem Ersten her (1704).

Alles hat seine Zeit, das Bergesteigen wie das Dasein von Klöstern. Das Kloster Pfäfers-Pirminsberg hatte im Jahre 1838 so abgewirthschaftet, daß die Säcularisation räthlich, ja nothwendig geworden war. Einer der „aufgehobenen“ Konventualen hat mir seiner Zeit auf dem Wege zwischen Mels und Flums erzählt, die Mehrzahl der letzten Mönche von Pfäfers wäre entschieden für die Aufhebung gewesen. Der Abt hätte die Rede, welche er im Kapitelsaale inbetreff der Frage: Sein oder Nichtsein? an den versammelten Konvent gerichtet, in die Schlußworte zusammengefasst: „Die Sachlage, meine Brüder, ist so, daß wir entweder zur strengen Regel unseres heiligen Stifters Benediktus zurückkehren oder aber die Regierung von St. Gallen um Aufhebung angehen müssen“ – und darauf wäre zur Antwort ein lautes: „Aufheben! Aufheben!“ erschollen. Man willfuhr dem Wunsche. Der Staat versorgte die Mönche – es waren ihrer, wenn mein Gedächtniß mir treu ist, noch 13 oder 15 – auskömmlich, richtete das Kloster zu einer Irrenanstalt her, erweiterte das Bad Pfäfers und machte dasselbe eigentlich erst recht zugänglich. Denn bislang hatte man von Ragaz her nur auf dem Umwege entweder über Valens oder über Dorf Pfäfers und nur mühsälig zu dem Bade gelangen können. Die St. Galler Regierung baute, in den Besitz der Klostergüter gelangt, die kühne und schöne Straße längs der Tamina von Ragaz aufwärts bis Pfäfers, von wo sie mittels einer Röhrenleitung einen Theil des Quellwassers zum „Hof Ragaz“ herabführte, welcher zeitweilig die Residenz der pfäferser Aebte gewesen war und jetzt ebenfalls zu einer Badanstalt eingerichtet, sowie in den nächsten Jahren mittels beträchtlicher Anbauten zu seiner jetzigen Gestalt gebracht wurde. Am 31. Mai von 1840 eröffnet, gedieh die Kuranstalt „Hof Ragaz“ bald außerordentlich, besonders vom Jahre 1844 an, wo die Gebrüder Hauser als Pächter der ganzen Staatsdomäne Ragaz die Bewirthschaftung übernahmen. Die beiden Eisenschienenwege, deren einer vom Bodensee, deren anderer vom Walensee heraufführt, haben selbstverständlich zum Aufschwunge des neuen Badorts viel beigetragen. Als ich die ersten Male nach Ragaz kam, existirte die Eisenbahn noch nicht, und dazumal durfte man, ohne beleidigend sein zu wollen, den Ort wohl ein Nest nennen. Heute ist Ragaz mit seinen Hôtels und Pensionen, mit seiner schönen „Dorfbadhalle“, mit seinen hübschen Privathäusern und Gärten ein stattlicher Flecken, den eine „Stadt“ zu nennen Fremde nicht anstehen.

Für diesen Aufschwung ist ohne Frage der Uebergang der Staatsdomäne Pfäfers-Ragaz in Privatbesitz geradezu epochemachend gewesen. Der Staat St. Gallen hatte die Verpachtung doch auch gar zu wenig einkömmlich, die Verzinsung dem Kapitalwerth der großen Domäne nicht entfernt einsprechend gefunden und finden müssen. Er suchte einen vertrauenswürdigen und tüchtigen Käufer und fand einen solchen in der Person des Architekten Bernhard Simon aus Niederurnen im Glacerland, eines self-made man im besten Sinne des Wortes, wie es nur jemals einen gegeben. Kaufweise erwarb dieser ein- und umsichtige Mann von wahrhaft nordamerikanischer Thatkraft und Arbeitsfähigkeit die ganze Domäne Ragaz erb- und eigenthümlich, dazu die pfäferser Heilquelle, die Quellschlucht, das Bad Pfäfers und die Straße von dort nach Ragaz auf 100 Jahre (vom 1. Januar 1868 bis zum 31. December 1967). Der neue Besitzer, früher Erbauer der berühmten Eisenbahn-Sitterbrücke bei Winkeln und des neuen Stadtquartiers in St. Gallen, griff das Werk der Um- und Neugestaltung energisch an und führte dasselbe in großem Stile durch. Der mächtige „Quellenhof“, der Kursaal mit seinem imposanten Säulenportikus, die schönen neuen Bäder mit der höchst wohlthätigen Wandelhalle wurden erbaut, Gärten- und Parkanlagen mit Springbrunnen und Teichen geschaffen, zu den Ruinen und Aussichtspunkten Wartenstein und Freudenberg, wie hinunter an den mittels kolossaler Steindämme gebändigten Rhein und hinauf in den Buchenwald bequeme Wege geführt. Eine große Wohlthat für die Insassen des Quellenhofes und des Hofes Ragaz ist es auch, daß der Besitzer – wir Stammgäste pflegen ihn scherzend den „Tyrannen“ (natürlich im altgriechischen Sinne des Wortes, nicht im modernen) zu nennen – eine hoch droben am Piz Alun gewaltig hervorsprudelnde Quelle herrlichen Trinkwassers erworben und sorgfältig in eisernen Röhren zu Thale geleitet hat. Die neueste Schöpfung des rastlosen Mannes ist die katholische Kapelle, welche er über der die beiden Höfe verbindenden Galerie erfindungsreich gewölbt hat, den Wünschen gutkatholischer Französinnen und Franzosen zu Gefallen, welche ihre tägliche Messe möglichst bequem hören wollen. Ein protestantischer Betsaal findet sich in Hof Ragaz. Das nächste Jahrhundert sieht vielleicht in Ragaz auch eine Synagoge, eine Moschee und eine Pagode erstehen, vorausgesetzt, daß bis dahin die europäische Menschheit auf ihrem dermaligen Krebsgange nach Kanossa und wahlverwandten Orten nicht in dem riesigen Schafestall angelangt sein werde, welcher die Aufschrift trägt: „Ein Hirt und eine Heerde.“

Ragaz ist nachgerade ein Weltbad geworden, aber – Dank den Göttern! – kein geräuschvolles Vergnügungsbad. Hierher kommt man nicht mehr oder minder läppischer Zeitvertrödelungen wegen, sondern um seiner Gesundheit willen. Für Kurgäste von jener Sorte, welche die Schweizer sehr treffend „Lustigmacher“ zu nennen pflegen, ist der Boden von Ragaz zu heiß oder vielmehr zu kühl. Von Lärm und Tumult keine Rede! Die Kurgesellschaft besteht aus ernsten und gesetzten Leuten, welche ihre Leiden lindern, ausruhen, sich auffrischen wollen in diesem wunderbar schönen Alpenthale. Am vollsten wird der Ort im Juli und August in Folge des Touristenzuges. Am angenehmsten ist der Aufenthalt und Kurgebrauch im Juni oder im September. In diesen beiden Monaten trifft man dort auch die meisten deutschen, deutschschweizerischen und deutschösterreichischen Familien, während im Hochsommer Engländer, Amerikaner, Russen und Franzosen vorherrschen, durchsprenkelt mit Italienern und Spaniern, Polen und Skandinaviern. Seit 1871-71 hat auch das jährliche Kontingent deutscher Offiziere sehr zugenommen, und es gereicht mir zur besonderen Freude, sagen zu können, daß ein wissender und merkender Mann im Umgange mit diesen Männern unschwer herausfühlen kann, warum und wieso Deutschland in seinem großen Jahre Frankreich besiegen konnte, mußte.

Wär' ich ein orthodoxer Heide oder ein orthodoxer Christ, so hätte ich, dankbaren Gemüthes, längst in der Quellschlucht eine Votivtafel aufhängen müssen. Da ich aber nur ein leidlich frommer Mensch im Sinne des Lucretius bin, so durfte ich mich begnügen, dir, o hilfreiche Najade von Pfäfers-Ragaz, dieses bescheidene Weihgeschenk in die „Gartenlaube“ zu stiften.



  1. Vorlage: "Laude"
  2. Allen Besuchern von Ragaz, namentlich meinen deutschen Landsleuten, empfehle ich angelegentlich das 1880 in zweiter, umgearbeiteter und vermehrter Auflage erschienene Buch „Ragaz-Pfäfers und ihr Excursionsgebiet“ von H. Kaiser, Reallehrer in Ragaz. Das ist ein kundiger Führer. Die balneologischen Abhandlungen über Pfäfers-Ragaz von Dr. Kaiser, Dr. Vogt, Dr. Planta u. a. sind bekannt.