Romanzen aus dem Altspanischen

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Titel: Romanzen aus dem Altspanischen
Untertitel:
aus: Wünschelruthe – Ein Zeitblatt. Nr. 6, 7, 16, und 17.
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer: Friedrich Wilhelm Carové
Originaltitel: Silva de romances viejos
Originalsubtitel:
Originalherkunft: Silva de romances viejos publicada por Jacobo Grimm. Wien 1815 ÖNB-ABO = Google
Quelle: Scans auf Commons
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[22]
Romanzen aus dem Altspanischen.

In strenger Uebersetzung, dem verehrten Herausgeber der Silva de romances viejos, meinem Freunde, Jakob Grimm, gewidmet.

Von F. W. Carove.




1.
Romanze von Frau Alda[1].

In Paris Frau Alda wohnet,
     Herren Rolands Ehgemahl,
Mit ihr sind dreihundert Frauen,
     Zu begleiten sie zumahl;

5
Alle nur ein Kleid sie kleidet,

     All’ nur schuht ein Schuh sie an,
All’ an einem Tisch sie essen,
     Eines Brodes aßen all’,
Nur allein nicht die Frau Alda,

10
     Welche die Gebietrin war;

Hundert jener Gold verspannen,
     Hundert weben ihr Zindaal,
Hundert rühren Saitenspiele,
     Daß sich Alda freu’ daran.

15
Bei dem Klang der Saitenspiele

     Sank Frau Alda in den Schlaf,
Einen Traum hat sie geträumet,
     Einen Traum der großen Qual;
Sehr erschrocken sie erwachte

20
     Und mit einer großen Angst,

Rief mit also lauter Stimme,
     Daß man’s hörte in der Stadt.

Darauf sprachen ihre Frauen,
     Was sie sagten, hört’s fürwahr:

25
Was ist Dieses, Herrin meine,

     Wer ist’s, der Euch Leides that? –
Einen Traum träumt’ ich, ihr Frauen,
     Der mir gab sehr große Qual,
Denn ich mich auf einem Berge,

30
     Einem öden Orte sah,

Nieder von den hohen Bergen
     Einen Habicht stiegen sah,
Hinter ihm ein Adler kommet,
     Der verfolget ihn sehr scharf.

35
Sehr geängstet sich der Habicht

     Unter meinem Mantel barg,
Sehr erzürnet zieht der Adler
     Dort hervor ihn mit Gewalt,
Mit den Klauen ihn entfiedert,

40
     Mit dem Schnabel ihn zernagt. –
[23]

Drauf die Kammerfrau ihr sagte,
     Wohl nun höret, was sie sprach:
Diesen Traum, Gebietrin meine,
     Wohl zu lösen ich vermag:

45
Jener Habicht ist Herr Roland,

     Kommt vom andern Meeresstrand,
Jener Adler seid ihr, Herrin,
     Die er nimmt sich zum Gemahl,
Und der Berg, das ist die Kirche,

50
     Wo man traut euch am Altar. –

Meine Kammerfrau, ist’s also,
     Soll dir werden reicher Dank. –

Morgens früh am andern Tage
     Brief von fern wird ihr gebracht,

55
Innen war er schwarz geschrieben,

     Aus der Decke blutig stand:
Daß ihr Roland war gestorben
     In der Schlacht von Roncesvall.


2.
Romanze von Rosenblüthe (p. 132).

In Castillien ist ein Schloß,
     Das genannt wird Felsenkühle,
Felsen heißen sie das Schloß,
     Und die Quelle heißt man Kühle;

5
Golden war des Schlosses Grund,

     Feines Silber seine Zinnen,
Zwischen Zinn’ und Zinne steht
     Aufgestellt ein Stein Saffire,
Leuchtet in der Nacht so hell,

10
     Als die Sonn’ in Tages Mitten.

Innen wohnt’ ein Jungfräulein,
     Das sie heißen Rosenblüthe,
Sieben Grafen stehn um sie,
     Und aus Lombardei drei Fürsten,

15
Diese Alle sie verschmäht,

     Also groß ist ihr Muthwille;
Sie dem Ruf nach, nicht dem Seh’n,
     Sich in Montesin verliebte.
Da geschieht’s in einer Nacht,

20
     Daß hell auf ruft Rosenblüthe,

Hörte sie ein Kämmerer,
     Der in seiner Kammer schliefe:
Was ist dieses, Herrin mein,
     Was ist dieses, Rosenblüthe,

25
Habt entweder Liebesqual,

     Oder ihr seid unvernünftig? –
Wohl ich habe Liebesqual,
     Bin mit nichten unvernünftig,
Aber bringt mir diesen Brief

30
     Hin nach Frankreich, dem geschmückten,

Gebt ihn ab an Montesin,
     Mir auf weiter Welt das Liebste,
Sagt ihm, daß er seh’n mich komm’,
     Wenn die Ostern steh’n in Blüthe; –

35
Hab’ zur Gab’ ihm diesen Leib,

     Allerlindsten in Castillien,
Wäre meine Schwester nicht,
     Die im Feuer möge glühen!
Und wenn mehr von mir er wollt’,

40
     Ich viel mehr ihm geben würde,

Gebe sieben Schlößer ihm –
     Aller beste in Castillien.


3.
Romanze von der Julianesa (p. 134).

Dannen Hunde, weg von dannen!
     Tödte euch das böse Leid,
Donnerstags das Schwein ihr tödtet,
     Freitags fresset ihr das Fleisch;

5
Nun, da heut’ es sieben Jahre,

     Daß durch dieses Thal ich schleich’,
Daß entschuht ich schlepp’ die Füße,
     Blut mir von den Nägeln fleußt,
Daß das rohe Fleisch ich esse,

10
     Trink das rothe Blut zugleich,

Traurig Julianesa suchend
     Meines Kaisers Töchterlein,
Weil die Mohren mir’s genommen
     Bei Sankt Johann’s Morgenschein,

15
Als sie in des Vaters Garten

     Rosen pflückt’ und Blümelein. –
Ihn gehört hat Julianesa,
     Die im Arm des Mohren weilt,
Ihrer Augen Thränen fallen

20
     Auf des Mohren Antlitz gleich.
[25]
4.
Romanze von dem weißen Kind (p. 242).

Weiße bist du, Herrin meine,
     Mehr noch als der Sonnenstrahl,
Mag ich schlafen ohne Waffen,
     Ohne Furcht in dieser Nacht;

5
Denn ich nun schon sieben Jahre

     Sieben unentwaffnet war,
Davon meine Haut nun schwärzer
     Als die Kohl’, die ausgebrannt. –

Schlaft die Nacht, o Herre! schlafet

10
     Ganz entwaffnet ohne Angst,

Denn der Graf ist ausgezogen
     Auf Leon’s Gebirg zur Jagd;
Tödte Wuth ihm seine Hunde,
     Tödten Adler seinen Falk,

15
Und vom Berge bis nach Hause

     Schleif’ sein Rappe ihn hinab! –

Während beid’ sich so befanden,
     Kehrte wieder ihr Gemahl:
Sag’, was machst du, Kind so weißes,

20
     Tochter Vaters voll Verrath? –

Herr, ich kämme meine Haare,
     Kämme sie in großer Qual,
Ließt mich doch mir ganz alleine,
     Auf die Berg’ für Euch ihr fahrt. –

25
Diese Rede, Kind so weiße,

     War nichts Anders als Verrath,
Wessen ist das Roß dort unten,
     Dessen Wiehern ich vernahm? –
Herr, es hörte meinem Vater,

30
     Ward für Euch hierher gebracht –

Wessen sind denn jene Waffen,
     Welche stehn in Hauses Gang? –

Herr sie hörten meinem Bruder,
     Schickt sie Euch am heut’gen Tag –

35
Aber wessen ist die Lanze,

     Welche ich von hier gewahr’? –
Nehmt sie, Graf, die Lanze nehmet,
     Ihr durch sie mich sterben laßt,
Denn ich diesen Tod verdiene

40
     Guter Graf, um Euch fürwahr!


5.
Romanze vom Grafen Arnaldos und dem Seemann (p. 244).

Wer erfuhr solch Abentheuer
     Auf des Meeres Wellenschlag,
Als erfuhr der Graf Arnaldos
     Morgens früh an Sankt Johann?

5
Auf der Hand wohl einen Falken

     Ging er jagen eine Jagd,
Sah ein Ruderschiff sich nahen,
     Das zu kommen sucht an’s Land,
Seegel führte es von Seiden,

10
     Und das Tauwerk Zindal war,

Seemann, der das Schiff beherrschet,
     Sagend kam er einen Sang,
Der das Meer zur Ruhe brachte,
     Der die Winde schweigen macht,

15
Der die Fische aus der Tiefe

     Steigen macht zur Höh’ hinan,
Der die Vögel aus der Höhe
     Bringt zur Ruhe auf den Mast:
Schifflein du, o Schifflein meines,

20
     Gott dich nur vor Unfall wahr’,

Wahr dich vor der Welt Gefahren
     Auf des Meeres Wellenschlag,
Vor der Enge von Gibraltar,
     Vor Almeriens flachem Sand,

[26]
25
Vor dem Golfe von Venedig,

     Und vor Flanderns böser Bank,
Und dem Golfe von Leone,
     Die da bringen oft Gefahr! –

Sprach hierauf der Graf Arnaldos,

30
     Hören sollt ihr, was er sprach:

Seemann, o bei Gott! ich bitte,
     Sage jezt mir jenen Sang –
Ihm der Seemann d’rauf erwiedert,
     Diese Antwort er ihm gab:

36
Jenen Sang nur dem ich sage,

     Der mit mir auch theilt die Fahrt.


6.
Romanze vom Jungfräulein (Infantina) (p. 259).

Auf die Jagd geht aus der Ritter,
     Auf die Jagd, wie er es pflag,
Seine Hunde sind ihm müde,
     Ihm verloren war der Falk;

5
Lehnte sich an eine Eiche,

     Wunderhoch die Eiche war,
Auf sehr hohem Aste sitzen
     Er ein Jungfräulein gewahrt’,
Haare ihres Hauptes deckten

10
     Jene Eiche ganz und gar. –


Nicht erschrecken sollst du, Ritter!
     Haben nicht so große Angst,
Tochter bin des guten Königs
     Und der Kön’gin von Castillia[2];

15
Es verwünschten sieben Feen

     Mich in einer Amme Arm
Daß ich sieben Jahre wandre
     Ganz allein auf diesem Wall.
Heut’ die sieben Jahre enden,

20
     Bald, noch an demselben Tag

Fleh’ ich dich bei Gott, o Ritter!
     Führe mich mit dir hindann,
Wenn du wolltest, als Gemahlin,
     Wenn nicht so, als Freundin dann. –

25
Wartet meiner, gnäd’ge Herrin,

     Bis auf Bald, noch heut am Tag,
Gehen will ich Rath zu hohlen
     Einer Mutter, die ich hab’ –
Antwort gab ihm das Jungfräulein,

30
     Diese Worte zu ihm sprach:

O dem Ritter geh es übel,
     Der das Jungfräulein verlaßt. –

Er geht hin sich Rath zu hohlen,
     Und sie bleibet auf dem Wall,

35
Ihm den Rath gab seine Mutter,

     Er nehm’ sie zur Freundin an.
Als zurück der Ritter kehrte,
     Nimmermehr den Wall er fand,
Sah sie, wie man fort sie führte,

40
     Mit sehr großer Reuterschaft.


Hier der Ritter, der sie schaute,
     Auf den Boden niedersank,
Als er wieder zu sich kommen,
     Diese Worte er da sprach:

45
Ritter, der verlieret Solches,

     Der verdient sehr große Straf’,
Seyn werd’ ich mir selbst der Richter,
     Selbst das Urtheil ich erlaß:
Händ und Füß’ man ab mir schneide,

50
     Und man schleif’ mich durch die Stadt.
[64]
7.

Romanze von der Jungfrau am Meeres Strand. (p. 261).

Ich erhob mich früh am Tage,
     Morgens früh an Sankt Johann,
Sah wohl eine Jungfrau stehen
     Ganz zunächst am Meeresstrand,

5
Wascht allein, drückt aus alleine,

     Aus allein auf Schilfrohr spannt,
Während sich die Tücher trocknen,
     Sagt die Jungfrau einen Sang:
„Wo mein Herzlieb, wo mein Herzlieb,

10
     Wo ich wohl es finden mag?“

Strand herauf und Strand hinunter
     Sagend ging sie einen Sang,
Goldnen Kamm in ihren Händen
     Durch zu kämmen sich das Haar:

15
Sage du mir doch, du, Schiffmann,

     Daß dich Gott vor Unglück wahr’,
Ob mein Herzlieb du erblicktest,
     Ob du’s dort vorbeigehn sah’st?

[67]
8.

Romanze vom Ritter Garzia (p. 278).

Dorthin Ritter Garzia gehet
     Auf der Mauer einen Gang,
Eine Hand hält goldne Pfeile,
     Bogen hält die andre Hand;

5
Fluchend geht er dem Geschicke,

     Führet eifrig mit ihm Zank:
Mich von kindauf zog der König,
     Mich zum Mann hat Gott gemacht,
Gab ein Streitroß mir und Waffen,

10
     Durch die mehr gilt jeder Mann;

Er auch gab mir Frau Marien
     Zur Genossin, zum Gemahl,
Gab mir hundert junge Frauen
     Zu begleiten sie zumahl,

15
Gab das Schloß mir von Urenja,

     Daß ich Haus mit ihr dort halt’,
Gab mir hundert starke Ritter
     Zu des Schlosses Schirm und Wacht;
Er versah mir es mit Weine,

20
     Er mit Brod es mir versah,

Er versah’s mit süssem Wasser,
     Dessen kein’s im Schloß es gab;
Mir umringten es die Mohren
     Früh am Tage Sankt Johann,

25
Sieben Jahre sind vergangen,

     Lassen nicht vom Lagern ab,
Sterben ich die Meinen sehe,
     Weil nichts mehr zu geben hab’,
Stell sie, wie sie sind, bewaffnet

30
     Auf die Zinnen hier und da,

Daß die Mohren glauben mögen,
     Fertig seyen sie zum Kampf;
In dem Schlosse von Urenja
     Ist Nichts als ein Brod noch da,

35
Und wenn ich’s den Kindern gebe,

     Meinem Weib, wie geht es dann?
Ess’ ich selbst es, ich Armsel’ger,
     Dann die Mein’gen führen Klag’. –
Aus dem Brod macht er vier Stücke,

40
     Nach dem Königszelt sie warf,

Zu des Königs Füßen fallet
     Eines jener Stück’ hinab;
Alla zürnt auf meine Mohren,
     Alla ihnen zürnen mag,

45
Mit den Brosamen des Schlosses

     Sie das Königszelt versah’n! –
Die Trompete heißt er stoßen,
     Gleich sein Lager schlagen ab.

[68]
9.

Romanze von der Turteltaube und von der Nachtigall (p. 310).

Frische Quelle, frische Quelle,
     Frische Quelle, liebevoll,
Wohin alle Vöglein gehen
     Sich daraus zu schöpfen Trost,
Nicht jedoch die Turteltaube,
     Wittwe nun und schmerzenvoll. -
Eben dort vorbei ein schelmisch
     Nachtigallen-Männchen flog,
Seine Worte, die es sagte,
     Die sind des Verrathes voll:
Wenn du wohl es möchtest, Herrin,
     Wär’ ich gleich dein Diener schon. -
Fort, entweiche, Feind! von hinnen,
     Böß und falsch und trugesvoll,
Denn auf Wieß’, wo Blumen stehen,
     Noch auf grünem Ast ich wohn’;
Denn wo Wasser hell ich finde,
     Trink ich nur getrübt es doch,
Denn nicht Gatten will ich haben,
     Daß ich Kindlein nicht bekomm’,
Will mich nicht mit ihnen freuen,
     Will noch minder ein’gen Trost,
Laß mich traurig, Feind so böser,
     Falsch und böß und trugesvoll,
Denn ich mag nicht seyn dein Liebchen,
     Deine Gattin wen’ger noch!


  1. pag.108 der Silva de romances viejos, publicada por Jocobo Grimm. Vienna, 1815.
  2. Ohne Sinnentstellung konnte hier die Assonaz nicht streng durchgeführt werden.