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Liste.png Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9)

Aus diesen Gründen ging der Ingenieur jetzt wartend auf dem Bahnsteig mit trüben Gedanken auf und ab.

Als der Zug endlich in den Bahnhof einfuhr, und Doktor Menk den Schwager mit einem kräftigen Händedruck und einigen beruhigenden Worten begrüßte, wurde es Hilgener freier ums Herz. Auf dem Wege nach seiner Wohnung klärte er dann den jungen Arzt über seine Absichten auf, da er diese Angelegenheit nicht in Gegenwart der Kranken erörtern wollte. „Ich möchte dich bitten, Hans, mit Elsa an einem der nächsten Tage zu Professor Valentini nach Danzig zu fahren. Wir müssen endlich einmal genau wissen, wie es um ihre Gesundheit steht. Dir als Kollegen gegenüber wird der Professor mit der Wahrheit nicht hinterm Berge halten. Zu dem Urteil der bisher konsultierten Ärzte habe ich kein rechtes Vertrauen, da jeder eine andere Diagnose gestellt hat und wir nun schon die dritte Behandlungsmethode durchprobieren.“

Hans Menk war bei den Worten des Schwagers, die eine bange Sorge um das Leben des geliebten Weibes durchzitterte, sehr ernst geworden. „Geht es denn Elsa wirklich so schlecht?“ fragte er bedrückt.

„Sie ist in den letzten Wochen förmlich dahingeschwunden,“ erwiderte Hilgener trostlos. „Du wirst sie kaum wiedererkennen.“

Schweigend legten sie den Rest des Weges zurück. Es war eine traurige Begrüßung, die die Geschwister feierten. Die Kranke lag auf der schattigen Veranda in einem Liegestuhl, und große Tropfen traten ihr in die Augen, als sie dem Bruder so deutlich die Erschütterung über ihr verändertes Aussehen anmerkte. Auch dem Manne, der sich durch eiserne Energie ein Glück geschaffen hatte, dessen Vergänglichkeit er

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9). Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1908, Seite 121. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Tagebuch_eines_Irren.pdf/22&oldid=- (Version vom 31.7.2018)