Seite:De Weberin Schuld Heyking Elisabeth von.djvu/022

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Lebens Fahrt antreten, bis endlich die Erkenntnis entsteht, daß in einer Welt der Unzulänglichkeiten das aus tiefstem Mitleid entspringende gegenseitige Vergeben der einzige Weg ist, der zum Frieden führt. – Sie hatte ja nichts dadurch gebessert, daß sie damals die Welt zum Zeugen gerufen und sich vor aller Augen öffentlich Recht verschafft. Unrecht, das barmherzig zu verdecken in ihrer Macht gestanden, hatte sie grausam enthüllt. Offenkundig geworden, mußte es verheerend weiterwirken. Unfaßlich schien es ihr heut in diesem Hause, daß sie hier einst, als drei Menschenlose in ihrer Hand lagen, einzig auf die Stimme eigenen Gekränktseins gelauscht hatte. Oh, daß sie noch einmal zurückgekonnt hätte zu jener Schicksalsstunde! Denn sie war in den Jahren eine andere geworden, der Jugend Unerbittlichkeit und Härte waren von ihr gewichen, und die Vereinsamung hatte sie gelehrt, daß selig ist, wer noch einen besitzt, dem er vergeben kann.

Sehnsüchtig breitete sie die Arme aus, als sei die Luft erfüllt von Unsichtbarem, das sie an sich ziehen wollte. So unendlich viel von ihnen beiden war ja hier in diesem letzten Hause haften geblieben, – ungreifbar und doch gegenwärtig fühlte sie es überall, – es blickte sie an, es flüsterte ihr zu, – ach, es mußte einen Weg geben, auf dem sich Vergangenes noch einmal zurückbringen

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Elisabeth von Heyking: Weberin Schuld. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1921, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Weberin_Schuld_Heyking_Elisabeth_von.djvu/022&oldid=- (Version vom 31.7.2018)