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Verschwommen, im Lichte sich lösend, wogten die Schatten fahl auf und nieder.

»Verweilt noch, verweilt!« flehte die trostlose Frau und streckte die Hände nach ihnen hinaus in die Leere.

Aber fern schon antworteten sie jammernd: »Ruhelos wurden wir arme Irrende! Müssen nun ewig weiterirren – ruhelos!«

Und aus noch weiterer Ferne wimmerten noch einmal die sich windenden Gebilde: »Ruhelos – – ruhelos – –«

Wie lang hinhallendes, hoffnungsbares Seufzen strich ein Windhauch über die Wipfel der Rhododendren – ein letztes Wehen blasser Nebelstreifen versank im Dunkel der Wälder. Die Erscheinung war entschwunden. Nur das Zirpen der zahllosen Zikaden zitterte eintönig in der heißen, flimmernden Luft.

Als ob sie aus einem Traume erwache, strich die einsame Frau mit der Hand über die Augen. In der Hitze plötzlich fröstelnd, wandte sie sich um, dem Ausgang der Veranda zu. Vor den Erinnerungen, die zu suchen sie gekommen, wollte sie jetzt fliehen, weit fort von diesem letzten Hause, das allzuviel unwiederbringlich Verlorenes barg. Und sie ging gebückt, als trage sie eine schwere Last, – denn die Sünde anderer wird oftmals zu unserer allerdrückendsten Schuld.

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Elisabeth von Heyking: Weberin Schuld. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1921, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Weberin_Schuld_Heyking_Elisabeth_von.djvu/026&oldid=- (Version vom 31.7.2018)