Seite:Hermann von Bezzel - Erziehungsfragen.pdf/10

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und denken gar nichts Arges dabei, wenn die Augenblicke zu Viertelstunden sich längern. Ja es gibt wohl törichte Mütter und – Väter, welche ihre Kinder darüber loben, daß sie überhaupt das Befohlene tun, und ihnen nicht gram sind, wenn sie es ganz unterlassen. Die apostolische Mahnung, die Zeit auszukaufen, weil je älter der Mensch wird, sie auf dem Markte des Lebens desto rarer wird, muß und soll wohl beachtet sein. Es ist ein großer Sieg, wenn man das Liebste gibt, um das Beste zu erhalten und zu bewahren. Denn ein wenig zu spät ist viel zu spät, die törichten Jungfrauen haben es erfahren.

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 Und vollends die feile, faule Redensart gilt es als gefährlichen Feind zu erkennen und zu bekämpfen, da man mit der einen Hand opfert, mit der anderen zurückhält: Ja, ein wenig. Die Mutter will das Kind zur Mäßigkeit erziehen und verbietet ihm, von der Lieblingsspeise, dem Leibgericht, noch weiter zu nehmen. Aber das Kind verhandelt mit der Mutter und der heranwachsende Sohn paktiert mit dem Vater, daß ihm das noch vergönnt und jenes gewährt und bewilligt werden möge. Und „man will doch nicht hart sein, man kann sein Kind nicht weinen sehen, will keine traurigen Gesichter, keine trüben Mienen.“ So gibt man „nur ein wenig“ nach: es ist ja „nur ein wenig“. Aber, um mit Lichtenberg zu reden, dies: „ein wenig“ bringt von Haus und Hof. Wer nicht versagen kann, weiß nicht, welch eine Kraft in dem „ja, alsbald, ja ganz“ liegt in der entschlossenen und willigen Drangabe des Eigenen an bessere Einsicht und treuen Meinung. Das Joch in der Jugend ist aus einem Stabe angelegt: lerne gehorchen, ernstlich und ehrlich, willig und pünktlich, völlig und gänzlich und wisse, daß im Gehorsam die Kraft der Freiheit liegt, wie sie das „darum“ des Philipperbriefs aufzeigt: dem Gehorsamen die Erhöhung über Welt und Zeit! Wer gehorcht, der hat sich in der Gewalt

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Hermann von Bezzel: Erziehungsfragen. Müller & Fröhlich, München 1917, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Erziehungsfragen.pdf/10&oldid=- (Version vom 9.9.2016)