Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/199

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gesunden Frische immer noch tausendmal charmanter als alle diese verblüffenden Pariserinnen, die ihn längst nicht mehr verblüffen, weil er sie täglich sieht. Als Attaché der deutschen Legation in Paris hat er jahraus, jahrein sehr viel Zeit und Muße, die Schönheitskniffe, die Trucs der Anmuth ganz genau kennen zu lernen. Die Abenteuer sind, Gott sei’s geklagt, immer die gleichen, immer! Eines ist wie das andere. Und den Süßigkeiten entwächst allmählich der Ueberdruß, der Ekel. So hat Fritz denn auch die elegante und lustige Bande von Pariser Freundchen und Freundinnen, mit denen er in Nizza beisammen war, eiligst verlassen, als er hörte, daß sich die Mergenthiens hier in diesem allerliebsten schmutzigen Nest an der Riviera aufhielten.

„Eine dringende Abberufung!“ hatte er in Nizza mit wichtiger gesandtschaftlicher Miene vorgeschützt und war heimlich hieher geeilt. Wie hätten die Damen ihre graziösen, gepuderten Näschen gerümpft, wenn sie dieser „dringenden Abberufung“ auf die Spur gekommen wären! Herr Fritz verbrachte hier seine Tage damit, den lieben Buben seiner Cousine in die drallen Waden zu kneifen oder gedankenlos zuzuschauen, wenn Kurt mit den Bettelkindern um die Wette am Ufer hinjagte, wie eben jetzt …

„Wer von euch will den Wagen für heute Nachmittag besorgen?“ sagt Frau Clara.

„Thu’ mir den einzigen Gefallen, Clara, und lass’ mich jetzt ruhig sitzen!“ meint Vetter Fritz.

Mergenthien sieht vom Buch auf: „Ja, vom Nichtsthun wird man faul.“

„Was hast denn Du heute schon geleistet, mein Dicker?“ lacht Fritz. „Du liest da irgend einen französischen Roman – et voilà tout, um mich gebildet auszudrücken.“

Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 194. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/199&oldid=3329614 (Version vom 1.8.2018)