Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/111

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

haben. Die reine Seele und der vollkommen reine Leib Des, der am Kreuze hängt, muß alle Noth und allen Jammer eines heftigen tödtlichen Durstes empfinden, damit die Schuld derjenigen, die von einem unreinen Gelüsten nach dem andern ohne Ende hin und her getrieben werden, gebüßt und es möglich werde, Leiber und Seelen zu reinigen, welche auch ihr innerstes Mark und Leben dem unreinen Feuer ohne Ende überliefern. O, es liegt etwas an dieser Erkenntnis! Es können in der Zeit und in der Ewigkeit Zustände kommen, in denen man mit Grauen und Erstaunen bemerkt, wie weit man im armen Erdenleben sich von dem Ruhme einer reinen Seele und eines reinen Leibes entfernt hat. Für solche Fälle ist alsdann das Andenken an den Durst unsers HErrn selbst ein labendes Waßer des Lebens, und Sein Wort „mich dürstet“ stillt dann das Verlangen. Der Geist des HErrn erzieht in Seinen Heiligen eine solche Scham und ein solches Wehgefühl über die Verirrung unserer geistlichen und leiblichen Begier, daß man eines göttlichen Trostes bedarf, um Ruhe zu finden. Da wird alsdann das kleine Wort „mich dürstet“ groß, und nicht um alle Welt würde man in solcher Noth von den sieben Lampen, die uns in den letzten Worten JEsu leuchten, die fünfte auslöschen oder wegthun laßen, sintemal sie eine Gewähr der Vergebung und Versöhnung für alle diejenigen ist, denen der heilige Geist Herz und Auge zu reinigen beginnt und ihnen das Licht über die tiefe Schmach der Hingebung in Fleischeslüste aufsteckt.

.

 So helfe euch nun der HErr euer Gott, das Wort „mich dürstet“ faßen; faßet ihr es, so seid ihr gewappnet wider glühende Anfechtungen und der HErr wird euch durch Seine Kräfte den