Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/26

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aller Sünde. Welchen Namen aber soll man der Sünde geben, die es in der Lästerung so weit gebracht hat, daß sie nicht allein Christum kreuzigt, sondern auch schändlich, thatsächlich, öffentlich durch die beigegebene Gesellschaft erklärt, wiederholt erklärt, so müße man diesen JEsus behandeln, so ansehen, sterbend wie lebend sei Ihm keine andere Gesellschaft zuzugeben, als eine solche, wie sie sich da scheußlich und abscheulich zu Seiner Rechten und Linken an Kreuzen befindet? Ich habe keine Worte, um den Schmerzenston der Weißagung: Sie haben Ihn unter die Uebelthäter gerechnet, auszulegen und nachzuahmen. Aber je mehr ich das überlege: Er, und dieß sein Lohn! desto mehr fühle ich mich angeregt, mein Angesicht zu verhüllen, meine Brust und meine Lenden mit Fäusten zu schlagen und den Jammer zu beweinen, daß Menschen dem Menschensohne also begegnen, Ihn kreuzigen und unter die Uebelthäter rechnen konnten.


2.

 Haben wir uns nun auf diese Weise ein wenig näher gebracht und zurecht gelegt, was die Menschen dem Erlöser am Anfang der sechs ernsten Stunden gethan haben, so wird uns nunmehr das Wort JEsu, da Er spricht: „Sie wissen nicht, was sie thun,“ desto bedenklicher werden. Daß sie einen Unschuldigen kreuzigten, konnten sie doch wissen, und wußten sie doch auch. Ebenso mußten sie doch auch wißen, daß sie schändlichen Undank gegen Den ausübten, der für Sein ganzes Volk und für unzählige andere bereits damals der größte Wolthäter geworden war. Sie konnten noch mehr wißen; sie hätten keine